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	<title>Die Geschichte der Bremer Eiswette</title>
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	<description>Ein Buch von Arndt Frommann</description>
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	<title>Die Geschichte der Bremer Eiswette</title>
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		<title>Kapitel 12 &#8211; &#8222;Das Beste im Norden sind unsere Eiswetten&#8220;</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-12-das-beste-im-norden-sind-die-eiswetten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Apr 2020 12:34:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 12]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
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					<description><![CDATA[„Das Beste im Norden sind unsere Eiswetten“ Vielfalt ist Trumpf Wie ein Netz haben sich zahllose Eiswetten über die norddeutsche Provinz gelegt: Von Ostfriesland bis ins Wendland, vom Elbe-Weser-Dreieck bis ...]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h1 class="wp-block-heading" id="das-beste-im-norden-sind-unsere-eiswetten">„Das Beste im Norden sind unsere Eiswetten“ </h1>



<h1 class="wp-block-heading" id="vielfalt-ist-trumpf">Vielfalt ist Trumpf</h1>



<p>Wie ein Netz haben sich zahllose Eiswetten über die norddeutsche Provinz gelegt: Von Ostfriesland bis ins Wendland, vom Elbe-Weser-Dreieck bis in den Teutoburger Wald.<em>[1]</em> Sie finden alle irgendwann im Januar statt, so wie es der lokale Terminkalender ergibt. Die älteste ist 50, die jüngste acht Jahre alt. Sie haben verschiedene Väter, aber alle die gleiche Mutter: die Eiswette von 1829 in Bremen. Eine Idee hat gezündet und die Herzen gestandener Frauen und Männer im kalten Norden der Republik erwärmt. „Das Beste im Norden sind unsere Eiswetten“ ist die Überzeugung von Thomas Lohmann, dem „Wettpaten“ der Hohnstorfer Eiswette. Mitglieder von Gemeindevorständen, Vorsitzende von Schützenvereinen und Kanuverbänden, Geschäftsführer von Tourismus-Zentralen, SPD-Ortsvorsitzende, Caféhaus-Betreiber oder einzelne Organisationsgenies stellen Eiswetten in jeder Form auf die Beine – mit großem Spaß, wie die Gesichter auf den zahlreichen Selbstdarstellungen beweisen. Das Internet macht es möglich, dass die ganze Welt davon Kenntnis nimmt. Es ist erstaunlich, was alles zufrieren kann: Flüsse, Kanäle und Bäche, Stadt- und Burggräben, Seen, Enten- und Feuerteiche, ja sogar ein Freibad. Das Risiko der Eisbegehung ruft Rettungskräfte auf den Plan, deren Zweck es ist, Menschen aus fließenden Gewässern vor dem Ertrinken zu retten. Die DLRG gestaltet daher manche Eiswette aktiv mit und wirbt bei dieser Gelegenheit um ehrenamtliche Mitarbeiter.<br><br>Dreiundzwanzig Eiswetten haben wir auf den Internetseiten gezählt, die sich entweder selbst darstellen oder Gegenstand von Presseberichten sind, und es bestehen begründete Zweifel, dass die Zahl vollständig ist. Dabei sind die „unechten“ nicht mitgezählt, also solche, die den Namen zu gewerblichen Zwecken nutzen<em>[2] </em>und jene, die nur eine Spendenbereitschaft für zeitlich begrenzte Projekte schaffen wollen.<em>[3]</em> Das sind ohne Frage Wetten, die den Rahmen verlassen, den die Bremer Eiswette hat, aber auch sie legen Zeugnis davon ab, wie populär die Idee ist und wie sie die Phantasie beflügelt. Deshalb sei noch eine „randständige“ Veranstaltung genannt, die in ihrer radikalen Modernität die Zeitreise verdeutlicht, die jene Bremer Eiswette von 1829 gemacht hat. In einem „Mittelalter-Portal“ mit dem Namen „Domus Draconis“ (Haus des Drachens) verabredet man sich per Internet, um in mittelalterlichen Kostümen ein Fest zu veranstalten, das sich Eiswette nennt. Die zunächst virtuelle Verabredung führte die Teilnehmer im Januar 2015 leibhaftig in Hagen im Bremischen zusammen (nicht zu verwechseln mit der originalen Eiswette von Hagen), wo sie auf einem Gang zur Burg Hagen prüften, „ob die Aue geiht oder steiht“.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </p>



<p><em>[1]</em> Eine Eiswette hat sich sogar nach Österreich verirrt, an den Turracher See, im Grenzgebiet zwischen Kärnten und der Steiermark.<br><em>[2]</em> Ein Baumarkt in Bielefeld, zum Beispiel, forderte öffentlich zu einer „Eiswette“ auf, die darin bestand einzuschätzen, wann der riesige Eisklotz in einem von Baustoffen ummantelten Holzhäuschen schmilzt. Sogar der Privatfernsehsender RTL ritt auf der Eiswett-Welle, als er sich in das Altstadtfest von Gifhorn mit einer „Eiswette“ einschaltete, wo es <br>ebenfalls um das Abschmelzen eines Eisblocks ging.<br><em>[3]</em> Eine solche „ad hoc-Wette“ ist zum Beispiel die eines Fördervereins zum Erhalt eines Freibads, bei der es zu einem Gaudi-Wettkampf zwischen dem Bürgermeister und einem anderen Ortsprominenten kommt, die das eisfreie Schwimmerbecken mittels zweier selbstgebauter Flöße zu überqueren versuchen. („Obernkirchener Eiswette“). Wenn der „Förderverein des Altstadtbades Krähenteich“ in Lübeck bei der 3. Eiswettprobe 2015 die angeseilte „Eiskönigin“ 50 Meter über den Teich gehen lässt, ist ihm darum zu tun, mit den fünf Euro Startgeld einen finanziellen Beitrag zum Erhalt des historischen Bades zu leisten.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 1</p>



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<p>In der Regel sind die provinziellen Eiswetten in der Spur ihres Bremer Vorbildes. Ihr widmen sich Kleinstädte, Gemeinden und Flecken. Von vielen hat man noch nie etwas gehört. Sie tragen Namen wie Bodenburg, Brome, Clüversborstel, Damme, Daverden, Ebstorf, Elm, Hage, Hagen im Bremischen, Hohnstorf, Jöllenbeck, Marmstorf<em>[1],</em> Obenstrohe, Ovelgönne, Schildesche oder Tweelbäke, sind überschaubar in der Ausdehnung ihres Raumes und in der Zahl ihrer Bewohner, mit Vereinen, liebgewonnenen Riten und Selbsthilfewerken. Mit einem Wort „tiefste“ Provinz im positiven Sinn des Wortes.&nbsp; Der Teilnehmerkreis kann überschaubar sein; es gibt aber auch Eiswetten mit Hunderten von Zuschauern. Die Vorsitzende des SPD- Orstvereins von List-Nord, der „Die Eiswette am Kanal“ mit organisiert, stellt ihren hannoverischen Stadtteil im Internet so vor: Er lebt „von der Vielfalt der Menschen und Strukturen&#8230; mit vielen Sportvereinen und Kleingärten, Grünflächen am Mittellandkanal und nahe an der Eilenriede gelegen. Alte Wohnviertel … haben ihren besonderen Charme. … Junge Familien mit kleinen Kindern beleben den Stadtteil.“<em>[2]</em>&nbsp; Das sind die Gegenden, in denen die Eiswette-Idee auf fruchtbaren Boden fällt. In der Regel sind es Benefizveranstaltungen wie „Die Eiswette am (Mittelland-)Kanal“, die um Wetteinsätze wirbt für „besonders förderungswürdige Projekte der Kinder- und Jugendarbeit in Nordosten Hannovers“. Die Wette gilt einer tragfähigen Eisschicht im Uferbereich. Die Initiativen können sich bei der Eiswette selbst darum bewerben, am Erlös teilzuhaben. Die Verteilung der Gelder erfolgt durch eine Jury. 2015 zum Beispiel erbrachte die Eiswette 2.120 Euro. Davon gingen 1000 Euro an eine „Willkommensinitiative des Flüchtlingswohnheims im Oststadtkrankenhaus für die Arbeit mit Jugendlichen“, 720 Euro an das „Na-Du-Kinderhaus“ für gute Arbeit „mit Kindern unterschiedlicher Nationalität“ und 400 Euro an die Jugendabteilung der Kanu-Gemeinschaft. Es werden Preise gespendet für die Wetter, die 5 Euro einsetzen. Bei einem Fest mit Livemusik auf dem Gelände des Kanuvereins werden die Preisträger ausgelost und von der Bezirksbürgermeisterin verkündet. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.&nbsp;&nbsp; </p>



<p><em>Das Datum der ersten Eiswette ist jeweils in Klammern hinter ihren Namen gesetzt. </em></p>



<p><em>[1]&nbsp;</em>Die Marmstorfer nennen ihre Eiswette „Teichwette“. Sie berufen sich ausdrücklich auf ihr Bremer Vorbild. Sie ist inzwischen in ihrem 18. Jahr.<br><em>[2] </em>Internet-Seite des SPD-Ortsverein List-Nord. Text von Peggy Keller. 28.5.2015.</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-alteste-hagen-im-bremischen-1972">Die Älteste: Hagen im Bremischen (1972)&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/DLRG_Eiswette_2020-1024x768.png" alt="" class="wp-image-2161" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/DLRG_Eiswette_2020-1024x768.png 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/DLRG_Eiswette_2020-300x225.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/DLRG_Eiswette_2020-768x576.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/DLRG_Eiswette_2020.png 1055w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">An der Aue. Die Eiswette 2020 in Hagen im Bremischen. Im Rettungsboot der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) von links: die „Frauenbeauftragte“, der Schneider mit dem heißen Bügeleisen und der Notarius Publicus. Foto: Ursula Heß </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="966" height="642" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/start_sektempfang.png" alt="" class="wp-image-2162" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/start_sektempfang.png 966w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/start_sektempfang-300x199.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/start_sektempfang-768x510.png 768w" sizes="(max-width: 966px) 100vw, 966px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Start nach dem Sektempfang im Rathaus. Foto: Ursula Heß </figcaption></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 3</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="965" height="639" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/drehorgelmusik.png" alt="" class="wp-image-2163" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/drehorgelmusik.png 965w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/drehorgelmusik-300x199.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/drehorgelmusik-768x509.png 768w" sizes="(max-width: 965px) 100vw, 965px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Bei Drehorgelmusik unterwegs zum „Eiswettplatz“. Foto: Ursula Heß </figcaption></figure>



<p>Am 6. Januar 1975 erhielt die Bremer Eiswette am Punkendeich Besuch: „Drei Herren und zwei Damen aus Hagen im Bremischen / Landkreis Cuxhaven suchten noch weitere Anregungen für ihre eigene, nun schon dritte Eiswette, bei der es darum geht, ob das Flüsschen Aue am dritten Sonntag im Januar zugefroren ist. Jedes Mal war ein Schneider dabei, wenn auch noch mit neun Pfund Übergewicht. „Aber die krieg‘ ich noch runter“, versprach er. „Unser Bügeleisen ist besonders schick“, hieß es. <em>[1] </em>Kein Wunder, haben die Großeltern des derzeitigen Eiswettschneiders Christian Schwertfeger es doch einst bei einem Spaziergang zufällig in der Aue entdeckt. Der Großmutter, einer gebürtigen Bremerin, kam die Idee, ob nicht hier nicht schon einmal eine Eiswette ausgetragen worden sein könnte. Das war die Geburtsstunde der ersten Eiswette außerhalb Bremens.<em>[2] </em>Den Namen verdankt der Ort übrigens seiner jahrhundertelangen Zugehörigkeit zum Bistum Bremen.  <br><br>Die Eiswette in Hagen im Bremischen beginnt traditionell mit einem Sekt-Empfang im Rathaus. <em>[3]</em> Am 19. Januar 2020 empfing Bürgermeister Andreas Wittenberg Ratsmitglieder, Vereinsvertreter, die Abordnung der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) Hagen und der Unternehmergemeinschaft (UHiB) sowie den Landtagsabgeordneten Oliver Lottke (SPD). Die Eiswett-Präsidentin Giesela Schwertfeger dankte allen freiwilligen Helfern. Bei sonnigem Wetter und angenehmen acht Grad, musikalisch begleitet von den Klängen einer Drehorgel, begab sich danach die Eiswett-Gesellschaft zum Festplatz an der Kreissporthalle, dem „Eiswett-Platz“, wo die „Eisprüfung“ an der Hagener Aue vor 250 Schaulustigen nach strengen Regeln durchgeführt wird. Zuerst muss der Schneider seine 99 Pfund auf einer Sackwaage nachweisen, dann macht die Ortsgruppe der DLRG ihr Boot klar, um den Schneider mit Bügeleisen, den Notarius Publicus mit weißer Allongeperücke und die „Damenreferentin“ aufzunehmen.  </p>



<p><em>[1] </em>Reportage im <em>Weser-Kurier</em> vom 7.01.1975.<br><em>[2]</em> Im Gespräch des Fernsehmagazins <em>buten und binnen</em> vom 19.01.2020 auf Radio Bremen.<br><em>[3]</em> Der folgende Bericht stützt sich auf Reportagen von Urslula Heß in: <em>Nordsee-Zeitung </em>vom 20.01.2020, von Andreas Palme in: <em>Osterholzer Kreisblatt </em>online-Ausgabe vom 20.01 2020, von <em>buten und binnen </em>vom 19.01.2020 und aus der <em>Weser-Kurier</em> online-Ausgabe vom 16.01.2012.</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/buegeleisen.png" alt="" class="wp-image-2165" width="578" height="382" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/buegeleisen.png 967w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/buegeleisen-300x198.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/buegeleisen-768x507.png 768w" sizes="(max-width: 578px) 100vw, 578px" /><figcaption class="wp-element-caption">Der Schneider wird gewogen. Links die &#8222;Frauenbeauftragte&#8220;; rechts der Notarius Publicus. Foto: Ursula Heß</figcaption></figure>



<p>Nachdem der Schneider das zischende Bügeleisen mehrere Male durch die Aue gezogen hat, stellt er fest: „De Aue geiht“ oder „De Aue steiht“, was in den 48 Jahren immerhin schon zehn Mal vorgekommen ist; das letzte Mal 2019. Traditionell wetten die Männer gegen die Frauen. Diesmal hatten die Männer gewonnen. Für 2020 hatten sich 78 Eiswettfans in die Listen eingetragen, von denen 45 richtig lagen. Damit konnten sie bei der Verlosung einen von 300 Preisen gewinnen. Nach der Verkündung des Wettergebnisses durch den „Notarius publicus“ beginnt das Programm auf dem Festplatz, wo die DLRG die Besucher mit Glühwein, Bratwurst und Waffeln versorgt und wo aus den Wettlisten die Gewinner gezogen werden. Für die musikalische Begleitung sorgte diesmal DJ Sven. Damen waren vom ersten Tag bei der Hagener Eiswette dabei, ebenso Kinder. Es ist sozusagen eine Familieneiswette. Nach dem Verkauf der Tombola-Lose geben die Teilnehmer gleich wieder ihre Wette für das nächste Jahr ab. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 4</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="968" height="643" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/tombola.png" alt="" class="wp-image-2166" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/tombola.png 968w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/tombola-300x199.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/tombola-768x510.png 768w" sizes="(max-width: 968px) 100vw, 968px" /><figcaption class="wp-element-caption">Empfang im Rathaus: Eiswettschneider Christian Schwertfeger, Eiswett-Präsidentin Giesela Schwertfeger, Bürgermeister Andreas Wittenberg und  Notarius Publicus Achim Thaler heißen die Gäste im Rathaussaal herzlich willkommen.  Foto: Ursula Heß</figcaption></figure>



<p>Den Abschluss bildet ein Grünkohlessen in der Bauernschänke Bramstedt, zu dem wegen der regen Nachfrage rechtzeitige telefonische Anmeldung erforderlich ist. Außer dem Bürgermeister spricht dort auch mal die Frauenreferentin und der Präsident oder die Präsidentin „danken mit warmen Worten den Hagener Unternehmern für die Unterstützung der Veranstaltung.&#8220; </p>



<p><strong>Exkurs: </strong>Die Jubiläumsfeier zum 40. Jahrestag im Januar 2011 war eine besondere. Es kam nicht nur ganz hoher Besuch in der Person von Ministerpräsident David McAllister, sondern auch ein sehr prominenter Gast aus Bremen:  Eiswettschneider Burckhard Göbel; in &#8222;Dienstkleidung&#8220;. So wie er musste auch der Hagener Schneider 99 Pfund auf die Waage bringen, was &#8211; wie in Bremen &#8211; nicht ohne Einhilfe möglich war. Das jährliche Eiswett-Spektakel hatte sich längst zum Volksfest entwickelt. Mehrere Hundert Schaulustige verfolgten das traditionelle Prozedere der Eisprüfung vom Ufer aus. Das Boot der DLRG schwankte bedenklich, aber&nbsp; Eiswettschneider Hartmut Pape bewahrte die Ruhe. Mit Notarius Publicus Gerd Schwertfeger und dem Bremer Eiswettschneider Burkhard Göbel hielt er die Balance. Das mit glühenden Kohlen gefüllte Uralt-Bügeleisen zischte und dampfte in den grauen Fluten der Aue. „Keine Eisscholle ist weit und breit zu sehen. „De Aue geiht“, rief er den zahlreichen Schaulustigen am Ufer zu.&nbsp;Beim Empfang in der Burg gab Bürgermeisterin Giesela Schwertfeger einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Eiswette. (&#8230;) David Mc Allister hielt eine mit politischem Wortwitz gewürzte Laudatio.( &#8230;) Zur Eiswette sehe er gewisse Parallelen, denn auch auf der politischen Bühne müsse man von Zeit zu Zeit mit Glatteis rechnen.&nbsp;Der Bremer Eiswettschneider Burckhard Göbel wies auf die besondere Verbundenheit mit Hagen hin. „Die Burg war in vorigen Jahrhunderten bekanntlich Sitz der Bremer Erzbischöfe. Über dem Eingang prangt heute noch der Bremer Schlüssel.“ Bevor sich Komitee und Ehrengäste auf den Weg zum Festplatz begaben, teilte Präsident Mülder mit, dass in den Jahren seit Gründung der Eiswette mehr als 10 000 Euro für gemeinnützige Zwecke gespendet wurden.&#8220; (Auszüge der Reportage von Ursula Heß in der Nordsee-Zeitung vom 17. Januar 2011).</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="605" height="402" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/07/image-1.png" alt="" class="wp-image-2482" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/07/image-1.png 605w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/07/image-1-300x199.png 300w" sizes="(max-width: 605px) 100vw, 605px" /><figcaption class="wp-element-caption">Gut gelaunt geht es von der Hagener Burg zur Aue: Angeführt wurde das Komitee von Ministerpräsident David McAllister (schiebt die Orgel) und Bürgermeisterin Giesela Schwertfeger. Fein herausgeputzt hatte sich der Bremer Eiswettschneider Burkhard Göbel (ganz rechts). Die Schaulustigen waren begeistert. Foto: Urslula Heß</figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="605" height="402" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/07/image.png" alt="" class="wp-image-2476" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/07/image.png 605w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/07/image-300x199.png 300w" sizes="(max-width: 605px) 100vw, 605px" /><figcaption class="wp-element-caption">In bester Feierlaune beim 40-jährigen Eiswett-Jubiläum (von links): Eiswettschneider Hartmut Pape, Bürgermeisterin Giesela Schwertfeger, Bremer Eiswettschneider Burkhard Göbel und Ministerpräsident David McAllister. Foto: Ursula Heß</figcaption></figure>



<p></p>



<p>2020 berichtete <em>buten und binnen</em> über die Hagener Eiswette. Es war die erste Reportage von Radio Bremen über eine außerbremische Eiswette überhaupt. „Da das Fernsehen nicht zur Bremer Eiswette eingeladen worden war, entschied sich die Redaktion zum Bericht über die Veranstaltung in der „Nachbarschaft“, „bei der schon immer Frauen und Männer gleichberechtigt mitwirken,“ schrieb Andreas Palme in seiner Reportage.<em>[1]</em> Eiswett-Präsidentin Gisela Schwertfeger freut sich heute schon auf das 50jährige Jubiläum im Jahr 2021: „Das wollen wir richtig feiern.“ Leider kam die Corona-Pandemie dazwischen.</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="buten-und-binnen-reportage-uber-die-eiswette-in-hagen-im-bremischen-am-19-1-2020"><em>buten und binnen</em>-Reportage über die Eiswette in Hagen im Bremischen am 19.1.2020</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><a href="https://www.butenunbinnen.de/videos/eiswette-hagen-aue-100.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/Frauen_von_Anfang_Eiswette_Standbild.jpg" alt="" class="wp-image-2316" width="684" height="335" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/Frauen_von_Anfang_Eiswette_Standbild.jpg 684w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/Frauen_von_Anfang_Eiswette_Standbild-300x147.jpg 300w" sizes="(max-width: 684px) 100vw, 684px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Reportage auf <em>buten und binnen</em> von Johanne Bischoff , in der Eiswett-Präsidentin Giesela Schwertfeger und Schneider Christian Schwertfeger zu Wort kommen. buten un binnen hält seine Beiträge leider nur ein Jahr vor. Dann werden sie gelöscht. </figcaption></figure>



<p><em>[1]  <em>Osterholzer Kreisblatt</em> 20.01.2020.     </em></p>



<p class="has-text-align-right">Seite 5</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="wiedervereinigung-an-der-elbe-neu-darchau-darchau-1996">Wiedervereinigung an der Elbe: Neu Darchau &#8211; Darchau (1996)</h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="682" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/der_Eisrat-1024x682.png" alt="" class="wp-image-2168" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/der_Eisrat-1024x682.png 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/der_Eisrat-300x200.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/der_Eisrat-768x512.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/der_Eisrat-750x500.png 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/der_Eisrat.png 1046w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswette Neu Darchau &#8211; Darchau 2019: Der „Eisrat“. Foto: Tilo Röpcke </figcaption></figure>



<p>Sie nennt sich selbst die zweitgrößte Eiswette Norddeutschlands. Acht feierlich in schwarze Mäntel gehüllte „Eisräte“ stehen mit ihren Zylindern, langen weißen Schals und weißen Handschuhen am Südufer der Elbe bei Neu Darchau, als um elf Uhr der riesige Wecker in der Hand von „Eisrat“ Henning Bodendieck. klingelt. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="680" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Wecker_klingelt-1024x680.png" alt="" class="wp-image-2170" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Wecker_klingelt-1024x680.png 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Wecker_klingelt-300x199.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Wecker_klingelt-768x510.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Wecker_klingelt.png 1052w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Der Wecker klingelt. Es kann losgehen. Foto: Tilo Röpcke </figcaption></figure>



<p>In diesem Augenblick setzt sich die Fähre auf der nördlichen Seite des Flusses in Bewegung. An Bord ein „Gutachter“. Als sich das Schiff dem Fähranleger nähert, ruft es aus der Mitte der versammelten Eisräte: „Was mookt de Elv?“ </p>



<p></p>



<p class="has-text-align-right">Seite 6</p>



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<p>Der Gutachter steckt das Kontrollinstrument, einen Stockschirm, in den Fluß und ruft zurück: „Leve Lüü, wie kommt von drüben un dat mit Schipp un nich to Foot. Darum is klor un een jeder weit, de Elv de geiht“.  </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="944" height="630" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/die_Eisprobe.png" alt="" class="wp-image-2172" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/die_Eisprobe.png 944w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/die_Eisprobe-300x200.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/die_Eisprobe-768x513.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/die_Eisprobe-750x500.png 750w" sizes="(max-width: 944px) 100vw, 944px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Eisprobe. Foto: Tilo Röpcke </figcaption></figure>



<p>Nach einem kurzen Halt gehen die Eisräte mit an Bord und mit ihnen etwa 100 Wettgenossen. So geht es wieder hinüber auf die Nordseite, zum alten Dorf Darchau. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 7</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="942" height="629" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/andere_Seite_der_Elbe.png" alt="" class="wp-image-2173" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/andere_Seite_der_Elbe.png 942w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/andere_Seite_der_Elbe-300x200.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/andere_Seite_der_Elbe-768x513.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/andere_Seite_der_Elbe-750x500.png 750w" sizes="(max-width: 942px) 100vw, 942px" /><figcaption class="wp-element-caption">Auf geht’s zum &#8222;alten&#8220; Darchau auf der anderen Seite der Elbe. <br>Foto: Tilo Röpcke </figcaption></figure>



<p>Dort findet um Punkt 12 Uhr das Eiswettessen mit warmem Kartoffelsalat statt.  </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="946" height="628" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Das_Eiswettessen.png" alt="" class="wp-image-2174" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Das_Eiswettessen.png 946w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Das_Eiswettessen-300x199.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Das_Eiswettessen-768x510.png 768w" sizes="(max-width: 946px) 100vw, 946px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Der Festschmaus. Foto: Tilo Röpcke </figcaption></figure>



<p>Das kleine Spektakel ist ein symbolischer Akt für die Verbindung der beiden ehemals durch die innerdeutsche Grenze getrennten Ortsteile: <br>„Vor 23 Jahren haben wir zu Zeiten des politischen Tauwetters in Europa und in der ganzen Welt mit dieser Eiswette angefangen, damit wir uns links und rechts der Elbe besser kennenlernen und zusammenwachsen können“, erzählt Jörg Neben, einer der ganz Aktiven aus dem „Eisrat“. Am 25. Januar 2020 wird ein Novize“ als neues Mitglied des dann neunköpfigen Eisrats vorgestellt werden, dessen Name für Kontinuität steht: Es ist Peer Habenicht, der Sohn von Gerd Habenicht, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Neu Darchau. Gerd Habenicht hat sich bei der Grenzöffnung besondere Verdienste erworben, als es um die Einrichtung der ersten Fähre ging, sowie um das Zusammenwachsen der ehemals getrennten Elbregion. &nbsp;“Schon allein die Tatsache, dass wir in diesem Jahr erneut einen Teilnehmerrekord vermelden können, ist ein deutliches Indiz für den Erfolg unserer Mission“, zeigt sich Jörg Neben zufrieden über die hervorragende Resonanz zur 23. Eiswette 2019.“<em>[1] </em>Jedes Jahr fallen Überschüsse aus den Wetteinsätzen à 10.- Euro an, die zur Förderung von Jugendgruppen an beiden Elbufern verwandt werden „Der Überschuss aus der 22. Eiswette 2018 in Höhe von 1100 Euro wurde erst jüngst ausgeschüttet. Zu den Begünstigten gehörten unter anderem die Kinderchöre in Stapel und Neuhaus und der Kindergarten in Neu Darchau, aber auch die Freiwilligen Feuerwehren in Haar und Schutschur.“<em>[2]</em> Dieses Jahr nahmen 382 Darchauer an der Wette teil. „Unsere Eiswette ist schon von jeher eine Benefizveranstaltung. Deshalb ist es umso schöner, dass so viele daran teilnehmen wollen und es von Jahr zu Jahr mehr werden. Mittlerweile kommen unsere Anhänger nicht nur aus Darchau und Neu Darchau, sondern auch aus Neuhaus, Stapel, Dahlenburg, Walmsburg, Pommoissel oder Hitzacker“, freut sich Jörg Neben.“<em>[3]</em> Die Veranstalter, zu denen sich ein Bürgermeister mit Amtskette und in Amtskleidern gesellt, haben an alles gedacht: Im jährlichen Wechsel findet die Feier am Nordufer im „Café zur Elbe“ und am Südüfer im „Göpelhaus“ statt. Der Trinkspruch ist „De Elv geiht“. Dass er im Laufe des Tages sehr oft zu hören ist, „dazu tragen auch die rockigen Klänge der Band „Just for Fun“ sowie die mitreißenden Tanzdarbietungen des Karnevalvereins Neuhaus bei.“ <br>Kein Wunder, dass die „Eiswette in Neu Darchau und Darchau“ angesichts ihrer „unbeschreiblichen Erfolgsgeschichte“ mittlerweile „Kultstatus“ genießt.<em>[4] </em></p>



<p><em>[1]</em> Zitiert aus einem Artikel von Tilo Röpcke in der <em>Schweriner Volkszeitung</em> svz vom 28.01.2019 mit dem Titel „Eisrat stellt fest: „De Elv geiht“ Quelle: www.svz.de/22412787.<br><em>[2]</em> A.a.O.<br><em>[3] </em>A.a.O.<br><em>[4] </em>Internet Stichwort Neu Darchau: Eiswette. 14.04.2015. Jörg Neben erzählt die Geschichte, wie ein Eishockey-Spiel der Dorfbewohner den Anstoß zur Eiswette gegeben hat: „Am 28. Dezember 1995 fand auf einer Elbkuhle ein Eishockeyspiel mit vielen Teilnehmern aus dem Dorf statt. Gegen Abend fror die Elbe zu, was beim späteren Einkehren in die Dorfgaststätte der Eishockeyteilnehmer dazu führte, dass letztlich die Eiswette in ihrer jetzigen Form gegründet wurde.“ E-Mail an den Verfasser vom 9. Dezember 2019.</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="trennendes-uberwinden-schildesche-jollenbeck-1998">Trennendes überwinden: Schildesche/Jöllenbeck (1998) </h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="657" height="464" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/trennendes_ueberwinden.png" alt="" class="wp-image-2176" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/trennendes_ueberwinden.png 657w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/trennendes_ueberwinden-300x212.png 300w" sizes="(max-width: 657px) 100vw, 657px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswette Schildesche / Jöllenbeck 2015. Eigentlich ein Jalousiengurt. Am Sonnabend, dem 31. Januar. wird er zum Band über den Obersee. Astrid Brausch, Heinz Flottmann, Mike Bartels und Detlef Knabe (von links) vor der Seekulisse. Foto: Sarah Jonek.  </figcaption></figure>



<p>Auch diese Eiswette hat das Ziel, Trennendes zu überwinden. Die beiden Stadtbezirke von Bielefeld, an den gegenüberliegenden Ufern des Obersees gelegen, verbinden sich seit 1998 einmal im Jahr mit einem 120 Meter langen Schmuckband, das über den See gespannt wird. Jede Seite bereitet ein 60 Meter langes Stück vor. Am Tag der Eiswette treffen sich die beiden Bürgermeister in der Mitte des Sees, um sie zusammenzuknüpfen, bei Eis zu Fuß, sonst mit dem Boot. Es ist ein symbolischer Akt, der das Ziel hat, die praktische Zusammenarbeit der beiden Bezirke zu vertiefen. Nach der Eisprobe beginnt die eigentliche Veranstaltung mit Tanz und „mit Livemusik von der Band „The Fulltones“, mit Leuchtbechern und Flammlachsen.“<em>[1]</em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-typische-osnabrucker-eiswette-am-rubbenruchsee-2013">Die Typische: Osnabrücker Eiswette am Rubbenruchsee (2013)&nbsp;</h2>



<p>Die Wette: Der See hält, wenn die leichteste Frau des Hauses am Rubbenbruchsee vom Eis getragen wird. Jede und jeder kann teilnehmen. Der Wett-/Spendeneinsatz beträgt 10.- Euro. Er muss bis zum 1.02.2020 im Café-Restaurant am Rubbenbruchsee abgegeben werden. Stichtag ist der 9. Februar 2020. Wettüberprüfung: 15 Uhr. Der gesamte Wetteinsatz wird an die AWO Kita-Halen und an die Grundschule Wersen verteilt. Das Café spendet für jede gewonnene Wette einen Liter Glühwein. „Nach der Eisprobe wird dann im Winterambiente bei Livemusik von Chris Reihers der Glüchwein ausgeschenkt, und es kann über den Wettausgang diskutiert oder eine Strategie zum Gewinn der nächsten Eiswette erarbeitet werden.“<em>[2]</em></p>



<p><em>[1]&nbsp;Neue Westfälisch</em>e online vom 8.1.2015<br><em>[2] </em>Aus: www.osnabruecker-eiswette.de am 8.12.2019.</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-jungste-bad-essen-2015">Die Jüngste: Bad Essen (2015) </h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="420" height="639" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bad_essen.jpg" alt="" class="wp-image-2177" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bad_essen.jpg 420w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bad_essen-197x300.jpg 197w" sizes="(max-width: 420px) 100vw, 420px" /></figure>



<p>2019 fand die fünfte Bad Essener Eiswette statt. Bei Glühwein, Bratwurst und ein bisschen Musik starten 200-300 Bad Essener an einem Sonntagmittag ins neue Jahr Es wird darum gewettet, ob das Marina-Becken zugefroren ist oder nicht. Der Losverkauf beginnt traditionell am ersten Adventswochenende auf dem Bad Essener Weihnachtsmarkt. Organisiert wird die Eiswette vom Stammtisch des Wirtschafts-Beirats. Lose werden auf den lokalen Weihnachtsmärkten und in der Tourist-Info für 5€ das Stück verkauft. Je nach Meinung erhält man ein blaues Los (zugefroren) oder ein grünes Los (nicht zugefroren). 2019 trafen sich die Teilnehmer am 13. Januar am Marina-Becken am Mittellandkanal. Die gekauften Los-Abschnitte müssen um 12.00 Uhr zur eigentlichen Auflösung der Wette mitgebracht werden. Hafenmeisterin Ute Höfelmeyer geht dann unter den wachsamen Augen des Notarius publicus über das (zugefrorene) Wasser von einer Seite des Beckens zur anderen. Oder eben nicht. Der Notarius publicus stellt fest, ob das Wasser steiht oder geiht. Wenn es zugefroren ist, werden die Gewinner aus dem Topf mit den blauen Losabschnitten gezogen – ansonsten aus dem grünen. Als Gewinne sind dabei Bad Essen-Gutscheine des Gewerbevereins ausgelobt: Der Hauptpreis besteht aus 12 Gutscheinen à 12 €. Als zweiter Preis sind 6 Gutscheine à 12 € zu gewinnen und der Drittplatzierte erhält 3 Gutscheine à 12 €. Für die Plätze 4 bis 10 ist ebenfalls noch ein Gutschein im Einkaufswert von 12 € im Topf. „Es sollen natürlich mehr als 10 Wetten abgeschlossen werden.“, so Jens Strebe, „Denn schließlich gehen die Mehreinnahmen ungekürzt an die Bürgerstiftung Bad Essen!“. So tut also jeder mit seinem Wetteinsatz ein gutes Werk für die Gemeinde Bad Essen. Damit der Spaß nicht zu kurz kommt, hatte der Wirtschafts-Beirat am 13.01.2019 ab 12.00 Uhr für ein kleines Rahmenprogramm gesorgt: Es gab „Winter-Essen“, „Winter-Getränke“ und auch die passende Musik zur Eiswette. <em>[1]</em></p>



<p><em>[1] </em>Aus organisatorischen Gründen fiel die Eiswette 2020 aus; beabsichtigt war, sie 2021, wie gewohnt, stattfinden zu lassen. Aber die Corona-Pandemie machte ihr einen Strich durch die Rechnung.  </p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="436" height="339" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bad_essen-1.jpg" alt="" class="wp-image-2178" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bad_essen-1.jpg 436w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bad_essen-1-300x233.jpg 300w" sizes="(max-width: 436px) 100vw, 436px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Die Eiswetter von Bad Essen 2019. Foto: Eiswette Bad Essen </figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-lustigste-daverden-2004">Die Lustigste: Daverden (2004)</h2>



<p>Am lustigsten dürfte die Eiswette im Flecken Daverden sein, die vom „1. Daverdener-Eiswett-Verein von 2004 n. e. V.“, also einem scherzhaft „nicht eingetragenen Verein“ veranstaltet wird. Dahinter verbergen sich die Mitglieder des Daverdener Schützenvereins von 1880. In ihrem Logo finden wir nicht nur die gekreuzten niederdeutschen Pferdeköpfe, sondern auch die Abbildung des Schneiders, den der Bildhauer Bernd Allenstein 1999 im Auftrag der Novizen angefertigt hatte. Geprüft wird öffentlich, ob der Hohbach oder die Alte Aller geiht oder steiht. Vor zahlreichen Zuschauern findet sich eine illustre Gesellschaft an der Weißen Brücke ein: die männlichen Mitglieder sind erkennbar an ihren langen weißen Schals, am Button und am Zylinder, die Damen an ihren winzigen Hütchen. Wenn sich der „Ordinarius“ und die „Schneidersche“ mit einem warmen Bügeleisen zu ihnen gesellen, empfängt man sie mit dem „Eiswettlied“ a capella, da die Instrumente der Daverdener Blaskapelle eingefroren sind und ihre Mitglieder die Aufgabe als „Eiswettsymphoniker“ leider nicht erfüllen können: „Wir steh&#8217;n an der Alten Aller, und wir fragen dich ganz schlicht: Meinst Du, dass der Fluss ganz dicht ist? Wir Eiswetter sind es nicht. Hollahi, hollahooo.“ Darauf werden zwei „Eiswett-Praktikanten“ in einer Zeremonie als „Eiswetter“ aufgenommen. „Ihr habt ein Jahr lang Bräuche, Gepflogenheiten, Sitten und Unsitten des Vereins kennen gelernt. Seid ihr für den neuen Lebensabschnitt bereit?“ fragt sie der „Plünnenwart“. Die beiden Praktikanten legen die Hand auf das Bügeleisen und sprechen den Eid nach: „Up&#8217;t Plättiesen legg ik miene Hand, un bün ik ooch nich bi Verstand, dücht mi, de Praktikanten-Tied is nu vörbi, nu is&#8217;t sowiet! Vun nu af, so swöör ik op denn Plätter, bün ik een Döber-Profi-Wetter. Mook jedeen Schiet mit usen Vereen, und wenn mol nich, schall&#8217;t ook so ween.“ Die beiden erhalten nun die Insignien ihres neuen Standes: Zylinder, Schal und Button. Mit einem Handschlag des Plünnenwarts sind sie endgültig „Wetter“ geworden. Die Schneidersche prüft mit einem Schneeball, ob die Alte Aller zugefroren ist und stellt fest: „Dicht is se nich, das sieht man doch.“ Nach gemeinsamem Absingen des Niedersachsenlieds geht es zum Vereinsheim, wo Knipp und das Einlösen der Wettschuld auf die Teilnehmer warten. Erst dort wird geklärt, wer das Ganze zu bezahlen hat, da die Lose erst hier verteilt und geöffnet werden.<em>[1] </em></p>



<p><em>[1]&nbsp;</em>Vgl. <em>Kreiszeitun</em>g, online-Ausgaben vom 1.02.2011 und vom 4.02.2014. Vgl. auch die Webseite des Schützenvereins Daverden von 1880. </p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-originellste-hohnstorf-an-der-elbe-1993">Die Originellste: Hohnstorf an der Elbe (1993)</h2>



<p>Gegenüber von Lauenburg liegt Hohnstorf an der Elbe. Hier findet seit 22 Jahren die vielleicht originellste Eiswette in der Provinz statt. Sie wird mit ziemlichem Aufwand betrieben, obwohl die Gemeinde nur 2398 Einwohner hat und von einem Bürgermeister ehrenamtlich geleitet wird.  Was den Bremer Eiswettgenossen der Schneider, ist den Hohnstorfern der „Eisgucker“. Er ist einer von zwei Eiswettpaten, deren Aufgabe es ist, im Januar jedes Jahres festzustellen, „ob de Elv steiht oder geiht“.  </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="490" height="564" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Eisgucker.png" alt="" class="wp-image-2179" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Eisgucker.png 490w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Eisgucker-261x300.png 261w" sizes="(max-width: 490px) 100vw, 490px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswette Hohnstorf 2012 Der „Éisgucker“. Holzskulptur von Piter Wichers; für die Eiswette mit der Kettensäge „geschnitzt“. Hinter dem Fernglas Wettpate Eckart Panz. <br>Foto (Ausschnitt): Ortwin Kork  </figcaption></figure>



<p>Die Wettpaten stehen in familiärer Tradition: Den Elbschiffer Rolf Lohmann löste sein Sohn Thomas ab und auf den Fischermeister Erich Panz folgte dessen Sohn Eckart. Am Ufer stehen dann etwa zweihundert Zuschauer und ein Dutzend Eiswettgenossen in festlicher Kleidung und mit Zylinder. Natürlich sind auch Frauen dabei. Höhepunkt der Veranstaltung ist ein Dialog zwischen dem Bürgermeister und einem Überraschungsgast, bei dem es um einen  </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 12</p>



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<p>humoristischen und ernsthaften Jahresrückblick geht. In der Regel ist das ein (Lokal-) Prominenter, der „durch den Kakao gezogen wird und dann die Möglichkeit hat, in seiner Rede zu kontern.“<em>[1]</em> Die Veranstaltung hat in den letzten Jahren eine ziemliche Popularität erreicht. Neben Landtagsabgeordneten, Bürgermeistern und Journalisten gab es „hohe“ Gäste wie die Ministerpräsidenten Wulff und McAllister und Minister der niedersächsischen Landesregierung, die sich beim anschließenden Matjesessen wortreich zur Wehr setzen mussten. Das Ganze findet bei „Musik, viel Spaß und guter Laune“ statt. Es ist, wie Bürgermeister Feit sagt, „eine etwas andere Art des Neujahrsempfangs“<em>[2] </em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/christian_wulff-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2181" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/christian_wulff-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/christian_wulff-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/christian_wulff-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/christian_wulff-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/christian_wulff.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswette am 6. Januar 2008 Bürgermeister Jens Kaidas (links) und Ministerpräsident Christian Wulff mit Fernrohr als „Eisgucker“. Zwischen beiden Wettpate Erich Panz. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Foto: Ortwin Kork  </figcaption></figure>



<p><em>[1]</em>&nbsp;So Bürgermeister André Feit in einer e-mail an den Verfasser vom 17.4.2015.<br><em>[2]</em>&nbsp;A.a.O.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="682" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ministerpraesident_mcallister-1024x682.jpg" alt="" class="wp-image-2182" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ministerpraesident_mcallister-1024x682.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ministerpraesident_mcallister-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ministerpraesident_mcallister-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ministerpraesident_mcallister-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ministerpraesident_mcallister.jpg 1355w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Eiswette am 9.Januar 2011 mit Ministerpräsident David McAllister. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Foto: Ortwin Kork </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wettpate-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2183" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wettpate-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wettpate-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wettpate-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wettpate-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wettpate.jpg 1385w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswette am 6. Januar 2013.  Wettpate und Elbschiffer Rolf Lohmann antwortet dem Bürgermeister Jens Kaidas auf die entscheidende Frage: „Geiht de Elv oder steiht de Elv?“ <br>„De Elv geiht.“ Zuschauer in der Mitte ist der <br>niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann <br>Foto: Ortwin Kork </figcaption></figure>



<p>Da die Elbe immer offen ist, kommen die beiden Wettpaten mit einem Boot zum Fähranleger, wo das Publikum schon auf ihr Urteil wartet. War es früher meist ein Ruderboot oder bei Eisgang auch ein Eisbrecher vom Lauenburger Wasser- und Schifffahrtsamt, lassen sich die „jungen“ Wettpaten jedes Jahr ein anderes Gefährt einfallen. Sie gelangen auch schon mal über Land zum Fähranleger; 2016 zum Beispiel mit dem <em>Raumschiff Enterprise</em>, oder sie verkleiden ihr Fahrzeug abenteuerlich. 2017 legte die „Bunte Kuh“, am Ufer an, die um 1400 auf Piratenjagd in der Nordsee gewesen sein soll. <br></p>



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<p class="has-text-align-right">Seite 14</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="907" height="605" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bunte_kuh.jpg" alt="" class="wp-image-2184" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bunte_kuh.jpg 907w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bunte_kuh-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bunte_kuh-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bunte_kuh-750x500.jpg 750w" sizes="(max-width: 907px) 100vw, 907px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswette 2017 Die &#8222;Bunte Kuh&#8220; aus dem Jahr 1400 auf „Piratenjagd“ in der Nordsee. Foto: Piter Wichers </figcaption></figure>



<p>Aber neben diesem Jux lässt das Hohnstorfer Wettpaten-Duo auch die Probleme des Umweltschutzes nicht außen vor. 2014 kam ihr Boot in Gestalt eines Castor-Behälters für hochradioaktive Abfälle. Es war ein Zeichen gegen das 75 Kilometer stromaufwärts liegende Zwischenlager in Gorleben, das sich 300 m oberhalb der Elbe befindet. 2015 war „die Verbuschung“ des Flusses bei Hochwasser Thema ihres Gefährts, das in Form eines Floßes den Querschnitt der Elbe zeigte: Deiche, Flussbett, Büsche, Sand und vieles mehr „was da nicht hingehört“. 2018 kamen sie mit dem selbstgebauten Elbe-Kreuzfahrtschiff „Aida“, auf dessen rauchendem Schornstein „Braunkohle“ stand. Wettpate Thomas Lohmann begründete die Wahl: „Diesel müssen raus aus den Innenstädten, aber Kreuzfahrer werden mit Handschlag begrüßt.“ „Vielleicht gibt es ja bald Kreuzfahrten zwischen Lauenburg und Geesthacht mit Tagesausflügen ins Akw“, scherzte Panz. (Zitiert aus einem Bericht der <em>Lübecker Nachrichten</em> – Lauenburg vom 8.1.2018.)</p>



<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eisgucker_2014-1024x683.jpg" alt="Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist eisgucker_2014-1024x683.jpg"/><figcaption class="wp-element-caption">Hohnstorfer Eiswette 2014; das Boot der Wettpaten als Castor-Atommüll-Behälter ; &#8222;Eisgucker&#8220; Thomas Lohmann mit Fernrohr. Foto: Ortwin Kork</figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wettpaten.jpg" alt="Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist wettpaten.jpg" width="580" height="290"/><figcaption class="wp-element-caption">Hohnstorfer Eiswette am 4 Januar 2015. „Eisgucker“Thomas Lohmann und Eckart Panz, die Wettpaten, &nbsp;paddeln über die Elbe zum Fähranleger.“<br>Foto: Ortwin Kork</figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/aida_hohnstorfer.jpg" alt="Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist aida_hohnstorfer.jpg" width="585" height="293"/><figcaption class="wp-element-caption">Hohnstorfer Eiswette 2018. „Elbe Cruises“ mit der „Aida“. Die Wettpaten Thomas Lohmann &nbsp;und Eckart Panz (im Bademantel) auf Elbe-Kreuzfahrt mit Wellnessbad und rauchendem Braunkohle-Schornstein. Foto: Ortwin Kork</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-kleinste-cluversborstel-an-der-wieste-1976">Die Kleinste: Clüversborstel an der Wieste (1976) </h2>



<p> Die kleinste aller norddeutschen Eiswetten – und die zweitälteste &#8211;&nbsp; findet jährlich am 27. Dezember um 19 Uhr an der Wiestebrücke in&nbsp; Clüverborstel (Landkreis Rotenburg/Wümme) statt.<em>[1] </em>Sie besteht praktisch nur aus einem Mann. Seit 1976 macht sich Cord Schlobohm jedes Jahr mit einem Wanderstock in der Hand auf den Weg zum Flüsschen Wieste, die er entweder über- oder durchschreitet, je nachdem, ob sie geiht oder steiht. Das ist für Schlobohm in seiner zivilen Kleidung eine echte Herausforderung, für die Schaulustigen aber ein Spektakel, weil die Wieste fast immer geiht. Abends sitzt man dann gemütlich beisammen und feiert ein bisschen, denn der Wetteinsatz von 2,50 Euro pro Person kommt dem Dorf zugute. 2015 machte Cord Schlobohm mit 60 Jahren Schluss.<em>[2] </em>Der Kulturverein fand aber einen Nachfolger, der die entscheidende Voraussetzung für dieses Amt mitbrachte: eine gewisse Unempfindlichkeit gegen Kälte. Er heißt Merten Schlobohm, ist aber mit seinem Vorgänger gleichen Namens weder verwandt noch verschwägert. Wie kommt ein 19Jähriger dazu, so eine ungemütliche Aufgabe zu übernehmen? „Man hat mich gefragt, und weil ich diese Tradition richtig gut finde, möchte ich meinen Teil dazu beitragen,  </p>



<p><em>[1] </em>Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die Berichterstattung in der <em>MK</em> <em>Kreiszeitung </em>online vom 30. 12.2014.<br><em>[2]</em> „Ein neuer Schlobohm für die Eiswette. Bericht in der <em>MK Kreiszeitung.de</em> vom 23.12.2016: &nbsp;&nbsp;&nbsp; </p>



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<p> dass sie erhalten bleibt.“ Die Familie und Freunde unterstützten ihn, trotzdem wolle er bei seiner Premiere zusammen mit seinem Vorgänger über, beziehungsweise durch die Wieste schreiten. „Für Manfred Nieder vom Kulturverein ist diese Staffelübergabe auch eine Chance, die Jugend im Allgemeinen für die Eiswette zu interessieren. „Ich könnte mir vorstellen, dass die Jugendlichen es sich gerne ansehen, wenn einer von ihnen bis zum Nabel im kalten Wasser steht“, sagt er und weist ausdrücklich darauf hin, dass auch Zuschauer aus anderen Dörfern und Gemeinden willkommen sind.“<em>[1]</em><br></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-besondere-das-isen-im-spatmittelalterlichen-bodenburg-1992">Die Besondere: Das „Isen“ im spätmittelalterlichen Bodenburg (1992)</h2>



<p>Bodenburg ist ein spätmittelalterlicher Burgflecken im Hildesheimer Wald. Ihre Eiswette ist etwas ganz Besonderes, soll sie doch ausdrücklich an das “Eisen“ („Isen“) erinnern, also an die Verpflichtung der Bodenburger im Mittelalter, die Festungsgräben der Burg im Winter eisfrei zu halten. Dies war eine der Bedingungen der Burgherren für die Selbstverwaltung der Ansiedlung. </p>



<p><strong>2021 und 2022 sind alle Eiswetten, einschließlich der Bremer Eiswettprobe am Punkendeich, wegen der Corona-Epidemie ausgefallen.</strong></p>



<h1 class="wp-block-heading" id="die-bremer-eiswette-auf-dem-holzweg-vergabe-von-eiswette-lizenzen">Die Bremer Eiswette auf dem Holzweg: Vergabe von Eiswette®-Lizenzen </h1>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-bremer-eiswette-als-warenmarke">Die Bremer Eiswette® als Warenmarke</h2>



<p>Die Eiswette war schon einmal eine „Marke“. Der neue Präsident Karl Löbe hatte auf der Feier von 1968, zu Alt-Präsident Borttscheller gewandt, gesagt: „Sie haben der Eiswette ihren Stempel aufgedrückt, so dass sie zu einem Markenzeichen geworden ist.“<em>[1]</em> Es war in der Zeit, als es noch „Markenartikel“ in der Bundesrepublik gab, Waren, die sich wegen ihrer angeblich gleichbleibenden Qualität einer gesetzlich geschützten Preisgarantie erfreuen konnten.<em>[2]</em> Was Löbe gesagt hatte, war eine Metapher. Inzwischen ist die Eiswette den Weg zum realen patentamtlichen Schutz gegangen. Seit 2007 ist der Name „Eiswette“ patentamtlich als „Wortmarke“ geschützt.<em>[3] </em>Aber es galt, hohe Hürden zu überwinden. Der erste Versuch unter Präsident Peter Braun (2004 bis 2012) scheiterte. Das Patentamt lehnte  </p>



<p><em>[1] </em>Weser-Kurier vom 22.1.1968 <br><em>[2]  </em>Das „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“ („Kartellgesetz“) von 1957 legte die „Preisbindung der zweiten Hand“ fest. Es verpflichtete den Handel gegenüber dem Hersteller von „Markenartikeln“ beim Wiederverkauf festgesetzte Preise einzuhalten. Die Preisbindung wurde am 1. Januar 1974 abgeschafft. Vgl. Gunhild Freese „Die ausgebliebene Wende“ in: ZEIT online vom 8. Februar 1974. <br><em>[3]</em> Informationen des Deutschen Patent- und Markenamtes unter den Nummern 30674300 und 30674301. Der Schutz galt bis zum 31.12.2016 und konnte dann gegen eine Gebühr von 100 Euro pro Klasse für zehn Jahre verlängert werden, was mit Sicherheit geschehen ist.<br></p>



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<p>den Eintrag ins Register ab, weil die Eiswette kein eingetragener Verein sei, also nicht rechtsfähig. Sie erfülle nicht die dafür erforderlichen Kriterien, zu denen eine Satzung, eine Mitgliederversammlung, ein gewählten Vorstand und Kassenführung gehören. Mit einem Wort: Sie sei nicht „markenfähig“. Nicht strittig sei ihre Gemeinnützigkeit, weil ihr „vereinsrechtlicher“ Zweck im Erbringen von Spenden besteht. In einem Widerspruchsverfahren, das von einem Schreiben an das Justizministerium wirksam unterstützt wurde, gelang es dem Präsidium unter Federführung des Patentanwalts und Alt-Eiswett-Präsidenten Günther Eisenführ (1993 -1996), dieses Hindernis zu überwinden. (1) Dabei spielte die „Besitzstandswahrung“ eine Rolle. Die Eiswette gehört zu den sogenannten vorkonstitutionellen Vereinen, die als „Altverein“ schon vor Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs am 1. Januar 1900 bestanden. Sie erhielt vom Gericht einen Sonderstatus als „nicht ins Vereinsregister eingetragener Verein“, für den nur ein Vorstand erforderlich ist, aber keine Satzung und keine Buchhaltung. Dem Eintrag ins Register des Patentamtes stand damit nichts mehr im Wege. Am 4. 12. 2006 meldeten die Präsidiumsmitglieder Peter Braun und Georg Abegg das Wort &#8222;Eiswette&#8220;  als „Wortmarke“ und das Kohl- und Pinkel-„Wappen“ als „Bildmarke“ beim Deutschen Patent- und Markenamt an.<em>[2]</em></p>



<p><em>[1]</em> Information aus einem Gespräch des Verfassers mit Günther Eisenführ am 31.12. 2012. Günther Eisenführ ist am 3.Oktober 2019 86jährig verstorben.<br><em>[2] </em>Nach neuester Rechtsprechung ist die Eiswette &#8211; obwohl keine juristische Person &#8211; wie ein eingetragener Verein rechts- und parteifähig. </p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="730" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/informationen-1.png" alt="" class="wp-image-2188" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/informationen-1.png 512w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/informationen-1-210x300.png 210w" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="291" height="216" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/info_logo.png" alt="" class="wp-image-2189"/></figure>



<p>Bei diesem Verfahren wählen die Inhaber aus dem Waren- und Dienstleistungsverzeichnis die „Klassen“ aus, für die ein zehnjähriger Schutz gilt. Jede „Klasse“ kostet 100.- Euro.<em>[1] </em>Das Präsidium wählte folgende aus: elektronische Aufzeichnungsträger, Druckerzeugnisse, Fotografien, Textilwaren, Bekleidungsstücke, Schuhwaren, Kopfbedeckungen,  </p>



<p><em>[1]&nbsp;</em>Möglicherweise ist die Eiswette wegen ihrer Gemeinnützigkeit von diesen Kosten befreit.</p>



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<p>Mineralwässer/Biere und die Nr. 41: „Unterhaltung; kulturelle Aktivitäten, insbesondere Veranstaltungen von Mitgliedertreffen, Stiftungsfesten und Volksfesten“. Auf dieses „Schutzgebiet“ wird sich im Jahr 2014 ihr Lizenz-Begehren stützen. <br><br>Nun hatte man zwar mit der Klasse 33 des Waren- und Dienstleistungsverzeichnisses die Wortmarke &#8222;Eiswette&#8220; auch im Bereich „Alkoholische Getränke“ geschützt, besaß aber nicht die Patentrechte über die „Wort-Bildmarke“ der alten Bremer Kornbrennerei Güldenhaus, die deren „Eiswette“-Korn seit 1959&nbsp; zierte. Sie zeigte ein hübsch ausgedachtes und gut gestaltetes Motiv der Eiswettprobe an der Weser mit Schneider und Bügeleisen. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="293" height="287" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiskalt_logo.png" alt="" class="wp-image-2190" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiskalt_logo.png 293w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiskalt_logo-70x70.png 70w" sizes="(max-width: 293px) 100vw, 293px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die „Wort- Bildmarke“ der alten Bremer Kornbrennerei Güldenhaus von 1959 </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="568" height="191" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/logo_2.png" alt="" class="wp-image-2191" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/logo_2.png 568w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/logo_2-300x101.png 300w" sizes="(max-width: 568px) 100vw, 568px" /></figure>



<p>Es war schwierig, gerade diese Verbindung unter Kontrolle zu bekommen, hatte die Firma doch 1999 ihr Produktion eingestellt<em>[1]</em> und die Rechte an der Wort-Bildmarke am 11.04.2000 an einen Berliner Getränkevertrieb<em>[2]</em> verkauft. Der bot die „Die Bremer Kornspezialität mit Tradition“ auf einem graphisch erheblich verbesserten Etikett an. Man erkennt in aller Deutlichkeit, wie der Schneider im Biedermeierkostüm und mit Bügeleisen in der Hand  </p>



<p><em>[1]</em> Sie war 1818 gegründet und über acht Generationen geführt worden. 2004 wurde das 10.000qm große Areal in der Neustadt im Bereich Neustadtswall/ Große Sortillienstraße zwangsversteigert. Käufer war das Bremer Immobilien-Unternehmen Müller &amp; Bremermann GmbH &amp; Co (dem auch das Grundstück mit dem abgebrannten Textilhaus „Harms am Wall“ gehört). Die Firma ließ das Areal brach liegen. Es verrottete total, bis sich 2014 der SPD-Ortsverein Neustadt wegen einer Nutzung des Geländes an den Senat wandte. Informationen aus: Detlev Schell, „Güldenhaus-Areal im Visier.“ Artikel im <em>Weser-Kurier</em> vom 13.07.2014. <br><em>[2]&nbsp;</em>Deutsches Patent- und Markenamt. Informationen zur Marke 722628. Der Käufer war die drinks &amp; foodsVertriebs GmbH in Berlin, die eine Dependance in Bremen hatte. Sie scheint nicht mehr zu existieren. Im Internet findet sich eine „Euro Drinks&amp;Food GmbH in Mainz, wahrscheinlich die Nachfolge-Firma. (Stand Nov.2019).</p>



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<p>vorsichtig das Eis der Weser betritt. Mehrere feierlich gekleidete Herren mit Zylinder beobachten ihn vor der Kulisse eines Halbmondes über den Domtürmen.<em>[1]</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="275" height="402" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/milder_weizenkorn.png" alt="" class="wp-image-2193" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/milder_weizenkorn.png 275w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/milder_weizenkorn-205x300.png 205w" sizes="(max-width: 275px) 100vw, 275px" /><figcaption class="wp-element-caption">Das graphisch verbesserte Güldenhaus-Motiv eines Berliner Getränkevertriebs. </figcaption></figure>



<p>Nun hatte aber der Berliner Spirituosenhändler das Patent inzwischen um weitere zehn Jahre bis 2010 verlängert, so dass den Eiswettgenossen nichts anderes übrig blieb, als auch dieses zu kaufen. Am 10.06.2010 wurde die Eiswette auch Inhaberin dieser „Wort-Bildmarke“.<em>[2]</em> </p>



<p><em>[1]</em> Es entzieht sich unserer Kenntnis, ob er je in die Produktion gegangen ist.&nbsp; <br><em>[2] </em>Informationen des Deutschen Patent- und Markenamtes zur Marke 2008959 und 772628 mit Datum vom 19.1.2012. Da die Eiswette seit 2009 auch die „RauPiPau“ alias „Rauch- und Pinkelpause“ angemeldet hat, ist sie im Besitz von vier Patenten. </p>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="inspektionsbesuche-des-eiswette-prasidenten">Inspektionsbesuche des Eiswett®-Präsidenten</h2>



<p>Pünktlich Mitte Mai, nachdem die Hohnstorfer ihre 14. Eiswette gefeiert hatten, suchten die gestrengen „Eisheiligen“ die Gemeinde heim und sorgten für eine längere Frostperiode im Frühjahr 2014, von der man heute noch spricht. Es begann mit einem überraschenden Einschreiben, das Bürgermeister André Feit den Tag verdarb. Der Brief an die Verantwortlichen der Hohnstorfer Eiswette stammte aus der Feder des Patentanwalts Günther Eisenführ, Mitglied des Präsidiums der Eiswette von Bremen. Er informierte die Hohnstorfer, dass die Eiswette in Bremen sich das Wort „Eiswette“ als Wortmarke habe schützen lassen und forderte von den Veranstaltern, im Ton freundlich, in der Sache hart, den Abschluss eines Markenlizenzvertrags. „Wir wollen und müssen unsere Marke schützen“, stand da, deshalb müssen sich die Hohnstorfer dazu verpflichten, ihre Eiswette in „Zuschnitt und Durchführung so zu gestalten, dass den anständigen Gepflogenheiten Genüge getan wird und das Ansehen der Lizenzgeberin … nicht beschädigt werden kann.“ Im Gespräch mit der BILD-Zeitung wurde Eisenführ konkreter: „Bestimmte Charaktereigenschaften, wie die Tradition und die Bodenständigkeit, müssen bei  </p>



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<p>Veranstaltungen unter dem Namen gewährleistet sein. Es darf kein Remmidemmi und Schindluder betrieben werden.“ „Der Begriff Eiswette dürfte zukünftig nur noch mit dem Zusatz ® &#8211; für Registered Trade Mark – verwendet werden. Außerdem wären die Hohnstorfer verpflichtet, immer, wenn sie ihre Eiswette „bewerben“ wollten, einen Lizenzvermerk anzubringen<em>[1]</em> , z.B.: Die „Eiswette ist eine eingetragene Wortmarke der „Eiswette von 1829“. Jedes Schreiben, jede andere Form der Verlautbarung aus der Gemeinde, die für die Teilnahme an der Hohnstorfer Eiswette ® werbe, hätte ihn „an geeigneter Stelle“ zu tragen. <br><br>Vor allem diese zweite Forderung brachte Bürgermeister Feit in Harnisch: „Das geht gar nicht.“<em>[2] </em>Eher könnte er sich vorstellen, eine Umbenennung vorzunehmen als „vor den Bremer Herren zu Kreuze zu kriechen.“<em>[3]</em> Alt-Bürgermeister Jens Kaidas, Erfinder der Hohnstorfer Eiswette, nannte das Verhalten der Bremer einfach „eine Frechheit“<em>[4]</em> und der Bürgermeister von Neu Darchau, Veranstalter der Eiswette flussaufwärts, reagierte ebenfalls verständnislos, als er von der Sache erfuhr: „Haben die in Bremen nichts Besseres zu tun?“<em>[5]</em> <br><br>Die Hohnstorfer schlugen sich wacker. Den geforderten Lizenzvertrag haben sie nicht unterschrieben. Die lokale Presse stellte die Machtverhältnisse klar: „Auf der einen Seite der Bremer Verein „Eiswette von 1829“, eine honorige „Eiswettgesellschaft“ mit noch honorigeren Persönlichkeiten … auf der anderen Seite: das kleine Hohnstorf an der Elbe … das gerne auch als gallisches Dorf tituliert wird.“<em>[6] </em>Auch SAT 1 und NDR Hörfunk berichteten. Die BILD-Zeitung ließ sich die „irre“ Geschichte nicht entgehen. Unter dem Titel&nbsp; LIZENVERTRÄGE UND STRENGE AUFLAGEN FÜR NACHMACHER-STÄDTE erfuhren die Leser vom „bizarren Sommerstreit“, den das „ehrwürdige Präsidium“ der Bremer „Eiswette“ entfacht hätte.<em>[7] </em>Der Zeitung lag Eisenführs Brief vor, in dem er den Hohnstorfern Schadenersatz androhte und ihnen eine Frist zur Unterzeichnung des (kostenlosen) Lizenzvertrags bis zum 4. Juni des Jahres gab.  Bis es zu einer Einigung „mit der großen Schwester“ kam, die „eine friedliche Koexistenz“ ermöglichte, gab es „mehrere Treffen, Telefonate und Schriftverkehr mit dem Eiswette-Präsidium in Bremen“<em>[8]</em>, berichtete Bürgermeister Feit. Für die Hohnstorfer würde sich an ihrer Eiswette nichts ändern. Sie schlossen mit der Bremer Eiswette statt des Lizenzvertrags einen Kooperationsvertrag, von dem keine Signalwirkung im Sinne der Bremer ausgehen würde. Der Bürgermeister betonte, im Gegenteil, dass er „grundsätzlich kein Interesse daran habe, anderen Eiswette-Enthusiasten Restriktionen aufzuerlegen“, da „wir das Engagement aller anderen ehrenamtlich tätigen Mitbürger nicht sabotieren wollen.“ Er brachte das leidige Thema auf den Punkt: „Mir ist nicht bekannt, dass die Münchner den Begriff „Oktoberfest“ haben schützen lassen, … genauso wenig wie das Wort „Volksfest“<em>[9]</em> Die Bremer Eiswettgenossen fanden in Hohnstorf keinen Verbündeten für ihre neue Linie. Das wäre bei ihrem Auftreten auch zu viel verlangt gewesen. Am 4.01.2015 war Patrick Wendisch<em>[10]</em> als Präsident der Bremer Eiswette Gast und Inspektor zugleich bei den  <br></p>



<p><em>[1]</em>&nbsp;Die Auszüge des Briefes sind abgedruckt in <em>Landeszeitung für die Lüneburger Heide</em> vom 21. Mai 2014 (im Folgenden „<em>Landeszeitung</em>“).<br><em>[2]</em>&nbsp;<em>Landeszeitung</em>, a.a.O. <br><em>[3]&nbsp;</em>A.a.O. <br><em>[4]</em>&nbsp;<em>Landeszeitung</em> online vom 30.5.2014.<br><em>[5]</em>&nbsp;<em>Landeszeitung </em>online vom 21.5.2014<br><em>[6]</em> A.a.O.<br><em>[7] </em>Artikel von Sebastian Rösner am 28.05.2014. <br><em>[8]</em>&nbsp;E-mail vom 17.4.2015 an den Verfasser.<br><em>[9]&nbsp;Landeszeitung </em>online vom 30.5.2014.<br><em>[10]</em> Dr. Patrick Wendisch, seit 2013 Präsident der Eiswette, geboren am 3. 10.1957 in Bremen, ist Versicherungsunternehmer und ehemaliger Politiker. Er war von 1995 bis 1999 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft für die Wählergemeinschaft <em>Arbeit für Bremen und Bremerhaven</em> und von 2004 bis 2007 Präses der Handelskammer Bremen. Aus wikipedia am 5.11.2019. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 21</p>



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<p>Hohnstorfern, wo er im vollen Eiswette-Ornat mit Zylinder antrat. Allerdings traute Bürgermeister Veit dem Frieden nicht so ganz. Er lud sicherheitshalber einen weiteren Ehrengast ein, den Notar und Patentanwalt Dr. Norbert L. aus Lüneburg.<em>[1]</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/hohnhorster_eiswette-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2197" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/hohnhorster_eiswette-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/hohnhorster_eiswette-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/hohnhorster_eiswette-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/hohnhorster_eiswette-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/hohnhorster_eiswette.jpg 1299w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Hohnstorfer Eiswette am 5.Januar 2015: Patrick Wendisch, Präsident der Eiswette von 1829 in Bremen als Gast und Beobachter neben Bürgermeister André Feit (links) und Manfred Nahrstedt, Landrat des Landkreises Lüneburg (rechts), dem Überraschungsgast.&nbsp;<br>Foto: Ortwin Kork  </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="656" height="399" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/thomas_lohmann_eckart.png" alt="" class="wp-image-2198" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/thomas_lohmann_eckart.png 656w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/thomas_lohmann_eckart-300x182.png 300w" sizes="(max-width: 656px) 100vw, 656px" /><figcaption class="wp-element-caption">Hohnstorfer Eiswette 2015. Im Vordergrund: Die Wettpaten Thomas Lohmann <br>(am Mikrophon) und Eckart Panz, daneben Bürgermeister André Feit (mit Amtskette). Zwischen den beiden Wettpaten: Patrick Wendisch. Am anderen Elbufer die Unterstadt von Lauenburg. Foto: Ortwin Kork&nbsp; </figcaption></figure>



<p> </p>



<p><em>[1]</em> <em>Landeszeitung</em> online vom 5.1.2015.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 22</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1000" height="667" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/dr_patrick_wendisch.jpg" alt="" class="wp-image-2199" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/dr_patrick_wendisch.jpg 1000w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/dr_patrick_wendisch-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/dr_patrick_wendisch-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/dr_patrick_wendisch-750x500.jpg 750w" sizes="(max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /><figcaption class="wp-element-caption">Hohnstorfer Eiswette 2015. Der Bremer Eiswett-Präsident Dr. Patrick Wendisch hat das Wort. Foto: Ortwin Kork </figcaption></figure>



<p>„Voll erwischt“ hatte es die kleinste aller Eiswetten, die Clüversborsteler Ein-Mann-Veranstaltung. Seit Dezember 2014 war dort alles anders &#8211; bzw. auch nicht: „Als Eiswette dürfen wir unser Event nur noch mit Einschränkungen bezeichnen,“ berichtete Herbert Cordes, Vorsitzender des „Vereins zur Förderung des Niedersächsischen Kulturgutes“, der Veranstalter. Im Sommer hatte er den gleichen Brief aus Bremen erhalten wie die Hohnstorfer und den Vertrag unterschrieben &#8211; „aus Angst vor einem Rechtsstreit.“ Die Rollen wären zu ungleich verteilt gewesen.<em>[1] </em></p>



<p><em>[1] </em>Zitate und Bericht aus <em>Kreiszeitung</em> vom 30.12.2014.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 23</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="440" height="403" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/cord_schlobohm.png" alt="" class="wp-image-2201" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/cord_schlobohm.png 440w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/cord_schlobohm-300x275.png 300w" sizes="(max-width: 440px) 100vw, 440px" /><figcaption class="wp-element-caption">Man beachte den Copyright-Hinweis ® über der Zeichnung: „eingetragene Marke der EISWETTE von 1829“. Quelle: Internet. </figcaption></figure>



<p>Und eine zweite Eiswette unterzeichnete den Vertrag: die Eiswetter von Neu Darchau- Darchau. Auch hier trat Präsident Wendisch zunächst als Inspektor auf. <br>Nach dem fulminanten Start mit dem lauten Echo in der Presse hätte man erwarten können, dass es heute in den Internetdarstellungen der norddeutschen Eiswetten von Lizenznehmern der Bremer Eiswette nur so wimmelt und dass die Wortmarke Eiswette® ebenso weit verbreitet ist, wie die norddeutschen Eiswetten reichen. Die aktuelle Internet-Bilanz bei 20 Eiswetten im Dezember 2019 gibt aber ein anderes Bild. Den einzigen Hinweis auf ein Copyright fanden wir auf der Eiswette von 2019 in Neu Darchau- Darchau.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="365" height="160" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neu_darchau.png" alt="" class="wp-image-2203" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neu_darchau.png 365w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neu_darchau-300x132.png 300w" sizes="(max-width: 365px) 100vw, 365px" /><figcaption class="wp-element-caption">2019. Das Logo der Eiswette von Neu Darchau – Darchau. </figcaption></figure>



<p></p>



<p>Man könnte die Aufschrift auch so verstehen, dass die Eiswette von Neu Darchau-Darchau seit 1996 eine eingetragene Marke ist. Einen  Hinweis auf die „Eiswette von 1829“, gar von Bremen, finden wir auch hier nicht. Allerdings bedeutet das Fehlen von copyright®- Hinweisen nicht, dass die Eiswette nicht weitere „Kooperationsverträge“ geschlossen hätte. Wie viele Eiswetten – außer den Hohnstorfern, den Neu-Darchauer Darchauern und den Clüversbortelern – Lizenzverträge, bzw. „Kooperationsverträge“ abgeschlossen haben, ließ sich nicht feststellen; eine schriftliche Anfrage beim Präsidium in dieser Sache blieb unbeantwortet. <em>[1]</em> Auch über den Inhalt der Vereinbarungen bewahren die Beteiligten Stillschweigen, warum auch immer. Soweit bekannt, sollen die Lizenznehmer zwei Bedingungen erfüllen:  </p>



<p><em>[1] </em>Brief des Verfassers an das damalige Präsidiumsmitglied Günther Eisenführ vom 7.2.2016. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 24</p>



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<p>Es sollen Benefizveranstaltungen sein und sie sollen in einem würdigen Rahmen stattfinden. 2014 hatte das Eiswett-Präsidium mit seiner Schadenersatz-Drohung hier und da Schrecken verbreitet und Teilerfolge erzielt. Möglicherweise hätte es alle norddeutschen Eiswetten zu Hinweisen auf das Copyright der Wortmarke Eiswette® zwingen können. Sie hat offensichtlich davon Abstand genommen, und das aus guten Gründen. Es war den Eiswettgenossen ja nicht um einen formalen Anspruch gegangen, sondern um die Gestaltung der Eiswetten nach ihrem Maß. Da dürften sie Überraschungen erlebt haben mit der Originalität, der Bodenständigkeit und dem sozialen Charakter der Konkurrenz. So lässt sich möglicherweise das schnelle Umschlagen der Inspektions-Besuche bei den Hohnstorfern und den Neu Darchauern-Darchauern in freundschaftliche Verbindungen erklären. Bürgermeister Feit war schon im nächsten Jahr Gast auf der Eiswette in Bremen und Jörg Neben war inzwischen schon zweimal dort. Jedes Jahr laden die Neu-Darchauer/Darchauer Patrick Wendisch zu ihrer Eiswette ein. Dazu hätte es allerdings keiner Forderungen und Drohungen bedurft. Den Eiswettgenossen dürfte auch klar geworden sein, wie schwierig es gewesen wäre, den vielfältigen Eiswetten ein Maß aufzuzwingen, das sie selbst gar nicht genau definieren können, haben ihre Veranstaltungen im Laufe ihrer Geschichte doch mehrere Metamorphosen durchlaufen. Und schließlich wird der Sturm der öffentlichen Entrüstung ein Übriges dazu getan haben, dass sie von ihrem Vorhaben Abstand nahmen, sollte sich ihr Ziel, „Beschädigungen des Ansehens der Lizenzgeberin abzuwenden“ nicht in ihr Gegenteil verkehren. Auch wenn die auswärtigen Eiswettproben manches Element der Bremer übernommen haben, sind ihre Profile doch ganz unterschiedlich. Die eine oder andere ist im Laufe der Jahre an ihrem Ort zur „Kultveranstaltung“ geworden. Die Dinge scheinen auf dem Kopf zu stehen, wenn der ehrenamtliche Bürgermeister einer Dreitausend-Seelen-Gemeinde sich veranlasst sieht, „die Bremer“ „zu mehr Gelassenheit (zu) ermuntern.“<em>[1]</em><br><br>Mit der Eiswettfeier der 800 Herren im Congress Centrum haben die norddeutschen Eiswetten im Grunde auch nichts zu tun. Vermutlich kennen viele Teilnehmer sie gar nicht. Umgekehrt denken wohl auch die meisten Bremer an die Eiswettprobe mit dem Schneider, wenn von der Eiswette die Rede ist. Präsident Wendisch erhielt sogar einmal die Absage von einem &#8222;hochgestellten&#8220; auswärtigen Gast, weil der  keine Lust hatte, „acht Stunden am Weserdeich zu stehen und ein Glas Glühwein abzukriegen.“<em>[2] </em></p>



<p><em>[1]&nbsp;</em>Hohnstorf-Bürgermeister André Feist in der <em>Landeszeitung</em> online vom 30.5.2014.<br><em>[2]</em> Im Interview mit Lisa-Maria Röhling im <em>Weser-Kurier</em> vom 21.1.2017.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 25</p>



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<h1 class="wp-block-heading" id="die-bremer-eiswettprobe-am-punkendeich">Die Bremer Eiswettprobe am Punkendeich</h1>



<h4 class="wp-block-heading" id="hundert-jahre-ohne">Hundert Jahre ohne&nbsp;</h4>



<p>Die Wette der 18 Bremer Kegelbrüder im Schürmann‘schen&nbsp; Wirtshaus zu Horn am 6. November 1828 lautete:<em>„Die Weser oberhalb der grossen Brücke bis hinauf zum Punkendeich, oder wenigstens der grösste Teil des Flussgebietes soll im Laufe des nächsten Winters bis spätestens zum 4. Januar, morgens vor Sonnenaufgang, zugefroren oder zum Stehen gekommen sein, Betrag: Ein Taler!“[1]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </em></p>



<p><em>[1]</em> Aus der Festschrift „Zur Feier des 75jährigen Jubiläums der im Jahre 1829 gegründeten Eiswette nach den geführten Protokollen aufgestellt. Bremen, am 25 Januar 1904“, 18 Seiten, S. 3/4. Ein Exemplar befindet sich im Staatsarchiv unter der Signatur.Ak-9994-22. Vietsch war von 1899 bis 1913 Präsident der Eiswette.Vgl. zur Gründung der Eiswette Kapitel 1 dieser Website, besonders die ersten drei Unterkapitel.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 26</p>



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<p>In der Wette stand nichts von einer Eisprobe vor Ort, schon gar nichts davon, dass ein Schneider mit Bügeleisen diese Probe vornehmen sollte. Beides hat die Weser am Punkendeich vor 1929 auch nicht gesehen. <br><br>Die Protokolle der Eiswetten von ihren Anfängen bis heute, halb im Scherz (mal gereimt, mal plattdeutsch), halb aus deutscher Vereinsmeierei heraus – eine typische Mischung der originären Veranstaltung – liegen in ihrem Archiv auf dem Bremer Teerhof, gehütet von Georg Abegg aus der traditionellen Kaufmannsfamilie Wuppesahl, Eiswettgenosse in der vierten Generation, Schriftführer in der dritten.<em>[1]</em> Sie haben die Kriegszerstörungen des Börsenhofs B am 20. Dezember 1943, in dem sich die Räume der Firma C. Wuppesahl befanden, in einem Panzerschrank unbeschadet überstanden.<em>[2]</em> Zwei Eiswettpräsidenten haben sich die Mühe gemacht, sie zu studieren. Der eine ist der Kaufmann Hermann Vietsch, der als Präsident 1904 eine Festschrift zu ihrem 75jährigen Jubiläum verfasste<em>[3]</em>; der andere ist der Kaufmann, Politiker und Jurist Dr. jur. Karl Löbe (Präsident von 1968 bis 1970), der sich selbst zu Recht einen Chronisten der Eiswette nennt. Er erzählt die Geschichte der Eiswette weiter bis 1979, dem Jahr ihres 150. Jubiläums. Beide Autoren sind sich einig, „dass förmliche Eisproben wie heute früher nicht veranstaltet wurden.“<em> [4]</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="420" height="480" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/karl_loebe.jpg" alt="" class="wp-image-2313" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/karl_loebe.jpg 420w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/karl_loebe-263x300.jpg 263w" sizes="(max-width: 420px) 100vw, 420px" /><figcaption class="wp-element-caption">Schutzumschlag der Ausgabe von 1979.</figcaption></figure>



<p><em>[1]</em> Georg Abegg, (geboren am 3.6.1934 in Bremen) von 1994 bis 2004 Vorsitzer des Kunstvereins Bremen, war von 1975 bis 2012 Schriftführer der Eiswette, ein „Amt“ das er von seinem Onkel Henrich, bzw. von seinem Großvater Carl August übernommen hatte. Sein Ur-ur-Großvater Carl Johann (1815 bis 1901) gilt als Nestor der Eiswette vor dem 1. Weltkrieg. Sein Urgroßvater Henrich August Wuppesahl (1846 bis 1918) war nicht Mitglied der Eiswettgenossenschaft. In der Firma C. Wuppesahl Kommanditgesellschaft war Georg Abegg – als Sohn einer Tochter von C.A. Wuppesahl, verheiratete Abegg &#8211; in der fünften Generation als einer von drei persönlich haftenden Gesellschaftern tätig, bis die Firma überging in C. Wuppesahl Anlagen GmbH &amp; Co.KG. Vgl. Kapitel 1 “Geschlossene Gesellschaft“, Anmerkungen 167 und 181. <br><em>[2]</em> Vgl. Georg Borttscheller, Bremen, mein Kompaß, „Schön war’s“, Bremen 1973, S.168. <br><em>[3]</em> „Zur Feier des 75jährigen Jubiläums …“ a.a.O.<br><em>[4] </em>Karl Löbe, 150 Jahre Eiswette von 1829 in Bremen, Bremen 1979. 181 Seiten, S.47. Vgl. die zweite, vom Präsidium (postum) überarbeitete Ausgabe von 1998. Vgl. Kapitel 2 dieser Website, Unterkapitel „Legende 2: Eiswettproben</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 27</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="864" height="1007" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/festschrift.jpg" alt="" class="wp-image-2204" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/festschrift.jpg 864w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/festschrift-257x300.jpg 257w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/festschrift-768x895.jpg 768w" sizes="(max-width: 864px) 100vw, 864px" /><figcaption class="wp-element-caption">Festschrift von Präsident Hermann Vietsch 1904. Staatsarchiv Bremen<br> &nbsp; </figcaption></figure>



<p>Als der Schneider 1863 zum ersten Mal in einem Protokoll erwähnt wurde, hatte er es wahrscheinlich als „bremischer Schnack“ schon zu einer gewissen Berühmtheit in der Stadt gebracht. Auf der Eiswette trat er in den ersten hundert Jahren nur einmal auf, aber nicht im Rahmen seines „Amtes“, sondern in den Räumen des vornehmen Clubhauses der „Union“am Wall, wo er 1869 zur Belustigung der 58 Eiswettgenossen „in vollem Ornat, mit Maß, Schere und Bügeleisen“ erschien. <em>[1]</em> Die Verkündung des Wettausgangs war bis 1913 allein Sache des Präsidenten. Hermann Vietsch, der letzte in der Reihe vor dem Ersten Weltkrieg, hatte noch 1908 einen Vorschlag abgelehnt, dem „geplagten Präsidenten“ eine Kommission mit einem 99 Pfund schweren Schneider mit Elle und Bügeleisen zur Unterstützung zur Seite zu stellen.<em>[2]</em> Als dieser schließlich 1956 doch noch regelmäßig zur Überprüfung des Eisgangs eingesetzt wurde, war es zu spät. Er hat die Weser nie trockenen Fußes überqueren können.<em>[3]</em></p>



<p><em>[1]</em> Wir folgen hier der Darstellung von Löbe. 1868 wird er noch einmal im Protokoll erwähnt. Löbe, a.a.O., S.64.<br><em>[2]</em> Löbe, a.a.O., S. 48.<br><em>[3]</em> Sein Bad in der Weser am 6. Januar 1934 nahm er in der Wagenbrett’schen Badeanstalt neben dem Stadionbad. Vgl. unten: „Der erste Auftritt des Schneiders an de Weser 1934.&#8220;&nbsp; </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 28</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="787" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/union-1024x787.jpg" alt="" class="wp-image-2205" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/union-1024x787.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/union-300x231.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/union-768x590.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/union.jpg 1387w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Haus der „Union“ am Wall 205. Hier trat der Schneider 1869 einmalig im „vollen Ornat“ auf. Lithografie, um 1845. <br>Focke-Museum, Bremer Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte </figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-anfange-1929-bis-1939">Die Anfänge <br>1929 bis 1939</h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="407" height="53" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/100_jahre_eiswette.png" alt="" class="wp-image-2206" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/100_jahre_eiswette.png 407w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/100_jahre_eiswette-300x39.png 300w" sizes="(max-width: 407px) 100vw, 407px" /></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 29</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="526" height="391" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/erste_eisprobe.png" alt="" class="wp-image-2207" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/erste_eisprobe.png 526w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/erste_eisprobe-300x223.png 300w" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die erste Eisprobe in der Geschichte der Eiswette. Untertitel: „Feststellung der Eisverhältnisse der Weser am Sonntag (Heilige Dreikönige) am Punkendeich (Sielwall) für das 100jährige Stiftungsfest der „Eiswette von 1829“. Foto: <em>Bremer Nachrichten</em> 8.1.1929 </figcaption></figure>



<p>Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt 1929 lieferte die Eiswette gleich die Legende mit, dass die Eisprobe seit 1829 jedes Jahr am Punkendeich stattgefunden hätten. Obwohl die Eiswettgenossen selbst inzwischen ihren Beginn auf das Jahr 1929 datieren &#8211; sozusagen offiziell auf ihrer Website &#8211; ist die Legende  Teil des Bremer Kulturguts geworden, wie schon ein kurzer Blick in aktuelle Zeitungsreportagen zeigt: „Seit mehr als anderthalb Jahrhunderten wird dieses Bremer Kaufmannsritual gepflegt: Bei der Eiswette am Osterdeich überquert ein Schneider die Weser, um zu prüfen …“ (Weser-Kurier 2016). „Ein wesentlicher Bestandteil der Eiswette, die nunmehr seit 190 Jahren am Weserufer ausgetragen wird.“ (Weser-Kurier 2019).<em> </em>Auf dem Foto der <em>Bremer</em> N<em>achrichten</em> vom 8.1.1929 sieht man fünf Herren mit Hut am Weserdeich, feierlich in schwarze Mäntel gehüllt. In der Mitte, als einziger mit Zylinder, der Initiator, Präsident Wagenführ. Er schaut in die Kamera und bedeutet mit seiner ausgestreckten Hand dem geneigten Betrachter, seine Aufmerksamkeit auf die beiden Herren neben ihm zu lenken; auf den einen, der einen Messstab hält und auf den anderen, der einen Plan in Händen hat. Sie prüfen am 6. Januar, ob sie an der richtigen Stelle stehen und scheinen feststellen zu wollen, welche Stärke das Eis auf der Weser hat.<em>[1] </em> &nbsp;  <br>Von 1929 bis 1939 und von 1949 bis 1955 pilgerte jedes Jahr eine Prüfungskommission an den Punkendeich, um den Zustand der Weser zu überprüfen. (1954 war der Schneider schon einmal dabei.)  Wie lange die Herren in den dreißiger Jahren mit dem Messstab hantierten, ist nicht überliefert. Spätestens 1936 war man zu Steinwürfen übergegangen, wie aus dem Untertitel eines Fotos der Eisprobe in der nationalsozialistischen <em>Bremer Zeitung</em> hervorgeht. Auf dem Foto ist die anschließende „Beurkundung“ des Vorgangs im Büro des finnischen </p>



<p><em>[1] </em>Chronist Karl Löbe irrte doppelt, als er &#8222;die heute übliche Eisprobe mit einem Schneider&#8220; auf den 6. Januar 1928 datierte (S.48) und die einmalige Eisprobe mit Dromedar und den &#8222;Heiligen drei Königen&#8220; vom 6. Januar 1934 auf die Hundertjahrfeier 1929 verlegte. (S.64) Eiswettgenosse Klaus Berthold übernahm in seiner ansonsten sorgfältigen Darstellung der Eisprobe diese Fassung. Vgl. Klaus Berthold, Bremer Kaufmannsfeste. Rituale, Gebräuche und Tischsitten der bremischen Kaufmannschaft, Bremen 2008, hrsg. von der Handelskammer Bremen, S.108/109.      </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 30</p>



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<p>Generalkonsuls und Schriftführers der Eiswette, Wilhelm Holsing, im Schnoor zu erkennen. Diese Zeremonie gehörte nun zu jeder Eiswettprobe. <em>[1]</em> 1939 erschien in den <em>Bremer Nachrichten </em>eine erste längere Reportage zur Eisprobe: „Kernfrage der Eiswette“: Zum 110. Mal wird wie „jedes Jahr an diesem Tage am Punkendeich (…) der Tatbestand vom Präsidium der Eiswette sachlich und zweifelsfrei festgestellt.“ <em>[2] </em>Auf dem Foto sieht man die Herren der Kommission schwungvoll ausholen, um dieses Mal Schneebälle in die offene Weser zu werfen. Die Zeitung druckte sogar den Text des Protokolls ab, das – offensichtlich vom „Notarius publicus“ Hans Degener-Grischow noch an Ort und Stelle verfasst &#8211; wieder am gleichen Ort wie 1936 unterzeichnet worden war.  </p>



<p>Am 6. Jänner ist geschehen<br>Und von mir mit eigenen Augen gesehen,<br>Dass der Punkendeich zwar weiß<br>Und ziemlich steif von Schnee und Eis:<br>Dass ich aber trotzdem gar nichts fand,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br>Was drauf schließen ließ, dass die Weser stand.<br><br>Es trieben zwar ein paar klägliche Schollen,&nbsp;<br>Die sich nicht zu einer Decke fügen wollen.<br>Ich sah auch wuchtig geschleuderte Ballen<br>Weißen Schnees in die Weser fallen.<br>So ist enttäuscht wieder manches Hoffen, <br>Es ist festgestellt: Die Weser war offen.<br><br>Der Eiswettschneider war nicht zur Stelle.<br>Die Gewerbepolizei hatte auf alle Fälle<br>Seine Teinahme untesagt und verboten<br>Wegen des Risikos und der hohen Versicherungsquoten</p>



<p><em>[1]</em> (Nationalsozialistische) <em>Bremer Zeitung </em>vom 7.1.1936.<br><em>[2]</em> „Die Weser war offen am Dreikönigstag“. Reportage <em>Bremer Nachrichten</em> vom 7.1.1939.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 31</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="548" height="344" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Schnellballschlacht.png" alt="" class="wp-image-2208" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Schnellballschlacht.png 548w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/Schnellballschlacht-300x188.png 300w" sizes="(max-width: 548px) 100vw, 548px" /><figcaption class="wp-element-caption">Das Schneeball werfende Präsidium am 6.1.1939. Foto <em>Bremer Nachrichten</em> vom 7.1.1939 </figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="1949-bis-1955">1949 bis 1955</h2>



<p>Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Zeremonie mit der Kommission wieder aufgenommen. Am 6. Januar 1948 traf sich der harte Kern von etwa 20 Eiswettgenossen aus den zwanziger und  </p>



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<p>dreißiger Jahren zum ersten Mal am Punkendeich, aber es war noch keine „offizielle“ Eisprobe.<em>[1] </em>Die fand erst 1949 unter dem Nachkriegs-Präsidenten Richard Ahlers statt &#8211; wie in den zwanziger und dreißiger Jahren noch ohne Publikum, aber in Anwesenheit der Presse. Der <em>Weser-Kurier</em> berichtete am 8. Januar: „Feierlich und gemessenen Schrittes ging am 6. Januar, Punkt 12 Uhr, eine Delegation von acht alten ehrwürdigen Bremern den sogenannten Punkendeich an der Ecke Sielwall-Osterdeich hinunter, um nachzusehen, ob die Weser „zu“ oder „offen“ war. Sie gehörten zur Kommission der bremischen Gesellschaft „Eiswette“, die damit nach zehnjähriger Unterbrechung zum ersten Mal wieder an die Öffentlichkeit trat. Nachdem die acht am steinigen Ufer des Flusses humorvoll konstatiert hatten, dass das Weserwasser in diesem Jahre sogar noch einige Grad Wärme aufweise und noch gar nicht daran denke, sich mit einer Eisdecke zu überziehen, strebte man ebenso feierlich, wie man gekommen war, wieder zu den parkenden Wagen hinauf. Im Bacchuskeller unter dem Rathaus wurde darauf bei funkelndem Wein beschlossen, das Resultat der Untersuchung allen Mitgliedern der Gesellschaft am 19. März mitzuteilen und dann auch die Eiswette für das nächste Jahr abzuschließen.“<em>[2]</em> So verlief die Zeremonie auch 1950 und 1951, nur dass man die Zylinder zu Hause ließ. Es gab immer noch keine Fotos in den Lokalzeitungen. Die Bremer erfuhren davon nur in den Reportagen über das anschließende Eiswettfest.<em>[3]</em> Erst seit 1952 erschienen Foto-Reportagen in beiden Bremer Lokalzeitungen.<em>[4]</em> </p>



<p><em>[1] </em>Vgl. Löbe, a.a.O., S.126. <br><em>[2]</em> „Eiswette“ – Fortsetzung eines alten Brauches“. Reportage im <em>Weser-Kurier</em> vom 8.1.1949. <br><em>[3] Weser-Kurier</em> vom 30. Januar 1950 und vom 5. Februar 1951.<br><em>[4]</em> <em>Bremer Nachrichten</em> vom 7.1.1952: „&#8230; der Notarius Publicus überzeugte sich davon, dass auch nicht das winzigste Schneiderlein imstande gewesen wäre, den Fluss zu überschreiten.“</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="628" height="600" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bortscheller.jpg" alt="" class="wp-image-2209" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bortscheller.jpg 628w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/bortscheller-300x287.jpg 300w" sizes="(max-width: 628px) 100vw, 628px" /><figcaption class="wp-element-caption">Präsident Borttscheller  zeigt den &#8222;Eisschollengruß&#8220;. <em>Weser-Kurier</em> 7. Januar 1952<br>Foto: Rosemarie Rospek. </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="623" height="380" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe.png" alt="" class="wp-image-2210" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe.png 623w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe-300x183.png 300w" sizes="(max-width: 623px) 100vw, 623px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswettprobe am 6.1.1952. Links „Notarius publicus“ Degener-Grischow, ganz rechts Präsident Borttscheller. Die Zahl der Kommissionsmitglieder betrug zehn. <br>Foto <em>Weser-Kurier</em> vom 7.1952 </figcaption></figure>



<p>Nun sah man die ersten Neugierigen herumstehen. Ihre Zahl war überschaubar. 1955 mögen es zweihundert gewesen sein, die sich um die fünf Steine werfenden Kommissionsmitglieder &#8211; nun wieder mit Zylinder &#8211; scharten.<em>[1]</em> Der Gang zum Punkendeich lohnte sich für Zuschauer eigentlich nicht, denn der Spuk war immer schon nach drei Minuten vorbei.<em>[2]&nbsp;&nbsp;</em>&nbsp; <br><br>Zur 125-Jahr-Feier, die er mit großem Aufwand und einer illustren Schar geladener Gäste vorbereitet hatte, ließ sich Präsident Borttscheller auch für die Eisprobe etwas Besonderes einfallen. 1934 war er als Gast der Eiswette Zeuge einer Filmvorführung gewesen, auf der die einmalige Eiswettprobe mit Schneider, Kamel und drei “Heiligen Königen” zu sehen war.<em>[3]</em> Das wollte er wiederholen. Am 23. November 1953 kündigte er öffentlich an, dass er “im Januar eine alte Tradition wieder aufleben lassen wollte: Ein ausgewachsenes Kamel sollte mit dem Komitee der Eiswette ans Weserufer treten.” Das Spektakel war ihm so viel wert, dass er das Tier sogar aus dem Hannover’schen Zoo entleihen wollte, weil es in Bremen noch keins gab.<em>[4]</em> Aber als es soweit war, hatten die Hannoveraner ihr “Wüstentaxi” verkauft, Hamburg wollte kein Kamel bereitstellen, und das nächste in Köln war doch zu weit weg. So erfuhr das Bremer Publikum einen Tag vor der Eisprobe aus der Presse, dass doch kein Kamel mit von der Partie sein würde.<em>[5]</em> 1954 erschien zum ersten Mal in der Geschichte der Eiswette der Schneider am Punkendeich, also an jenem Ort, den die Wette von 1828 es ausgeguckt hatte.  (1934 war er ja noch in der Wagenbrett’schen Badeanstalt neben dem Weserstadion in die Weser gegangen). Mit ihm traten drei “Heilige Könige” auf, die nun immer dabei sein werden. Sie stiegen eine Steintreppe zum Weser-Ufer hinab; hinter ihnen die Prüfungskommission. Darüber gab es nichts Aufregendes zu berichten: “Bibbernd vor Kälte stand gestern (…) ein spitzbärtiger Schneider im Biedermeierkostüm am vereisten Ufer der Weser am Punkendeich vor dem versammelten Präsidium der Eiswette von 1829”. 14 Steine, von jedem Teilnehmer geworfen, plumpsten in die Weser, deren Fließen der “Notarius publicus” verkündete “ Das war’s. <br>1955 kehrte man zunächst wieder zur alten Zeremonie zurück.</p>



<p><em>[1]</em> Vgl. <em>Bremer Nachrichten</em> vom 7.1.1955.<br><em>[2]</em> Vgl. Bericht im <em>Weser-Kurier</em> vom 7.1.1955.<br><em>[3] </em>Vgl. die Darstellung im folgenden Abschnitt: „Exkurs …“<br><em>[4]</em> <em>Bremer Nachrichten</em> vom 23. November 1953.<br><em>[5] Bremer Nachrichten</em> vom 5. Januar 1954.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="481" height="600" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/punkendeich.jpg" alt="" class="wp-image-2212" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/punkendeich.jpg 481w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/punkendeich-241x300.jpg 241w" sizes="(max-width: 481px) 100vw, 481px" /><figcaption class="wp-element-caption">1954: Das erste Mal am Punkendeich: der Schneider mit den drei Königen. Dahinter mit Zylinder Georg Borttscheller und die Kommission des Prasidiums. Weser-Kurier 7. Januar 1954. Foto: Rosemarie Rospek </figcaption></figure>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="649" height="339" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/drei_min_zeremonie.png" alt="" class="wp-image-2213" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/drei_min_zeremonie.png 649w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/drei_min_zeremonie-300x157.png 300w" sizes="(max-width: 649px) 100vw, 649px" /><figcaption class="wp-element-caption">6. Januar 1955: Die Drei Minuten -Zeremonie. <br>Foto: Bremer Nachrichten 7.1.1955 </figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="exkurs-der-erste-auftritt-des-schneiders-an-der-weser-1934">Exkurs <br>Der erste Auftritt des Schneiders an der Weser 1934&nbsp;</h2>



<p>Seinen ersten Auftritt an der Weser, wenn auch noch nicht am Punkendeich, hatte der Schneider bei der Eiswettprobe am 6. Januar 1934. Präsident Hugo Gebert hatte eine Art Prozession auf die Beine gestellt, die den Schneider vom Bürgerpark bis zur Weser begleitete. Sie bestand aus drei phantasievoll „morgenländisch“ gewandeten „Heiligen Königen“ – unter ihnen ein als Mohr angemalter &#8211; in Begleitung eines Kamels mit einem arabisch gekleidetem Kamelführer und drei uniformierten Herren &#8211; allem Anschein nach Busschaffner– die feierlich einen Holzkasten mit der Aufschrift „Eiswette von 1829“ wie eine Monstranz trugen, aus der dann das Bügeleisen herausgeholt wurde. Hinter diesen marschierte die sechsköpfige Eiswette-Kommission der zylindertragenden Präsidiumsmitglieder. Mit im Gefolge war noch ein „Notar“ in Talar und mit Barett. In der Wagenbrett‘schen Badeanstalt (neben dem Stadionbad) angekommen, nahmen die „Könige“ Platz<em>[1]</em> Sie gestikulierten und diskutierten anscheinend darüber, was auf einem Zwischentitel stand: „Nee det is wirklich allerhand, wegen so’n Schiet holt se us ut’n Morgenland“ und schauten zu, wie der Schneider, der in Begleitung eines umherspringenden Hundes gekommen war, sich seines Biederkostüms bis auf eine klassische Dreiecks-Badehose entledigte. Einige Eisschollen am Weserufer ließen keinen Zweifel daran, dass der Schneider vor einer großen Herausforderung stehen würde. Am Strand hatte ein Arbeiter (an seiner Kleidung erkennbar) in einem Holzofen mit Hilfe eines Schwungrads Feuer mit großer Rauchentwicklung entfacht. In dessen Hitze hielt Präsident Gebert das an einer langen Stange befestige Bügeleisent. Er reichte es dem Schneider, der es mit dem nötigen Respekt ergriff und damit ohne zu Zögern in die eiskalte Weser stieg, bis er, das heiße Bügeleisen vorsichtig über seinem Kopf schwenkend, darin umherschwamm. Der Hund tat ihm gleich (wenn auch ohne Bügeleisen). Am Strand wurde der kälteresistene Schneider ausgiebig mit Händeschütteln begrüßt, bevor ihm jemand einen Bademantel um die Schultern legte. Noch am Strand und im Stehen bestätigten die Herren unter Aufsicht des „Notars“ mit ihren Unterschriften den Vorgang, bevor Präsident Gebert mit großen Gesten die Beteiligten mit Münzen entlohnte: zuerst den Arbeiter, den man im Film allerdings nur von hinten sieht, dann die drei „Könige“ und den Kamelführer, der noch einen „Nachschlag“ forderte und erhielt.  </p>



<p><em>[1] </em>Die „Könige“ setzten sich auf eine einfache Bank. Im Hintergrund sind die Umkleidekabinen der Wagenbrett’schen Badeanstalt zu sehen.</p>



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<p>Vom Schneider war jetzt nichts mehr zu sehen, auch nicht von den drei Holzkistenträgern, als sich die übrigen Herren nach der siebenminütigen Zeremonie, wie im Zwischentitel angekündigt, zunächst in einem Autobus der B.B.G. (Bremer Bus Gesellschaft ?), dann zu Fuß zur finnischen Botschaft begaben, wo sie in einem umständlichen Zeremoniell einer nach dem anderen das Protokoll der Eisprobe unterzeichneten, die Könige, offenbar des Schreibens nicht mächtig, mit einem Kreuz zeichnend.  Die spektakuläre Aktion ist in einem neunmitnütigen (Stumm)Film mit dem Titel: „Austragung der 105. Eiswette in Gegenwart der heiligen drei Könige am 6. Januar 1934 am Punkendiek“<em>[1]</em> mit mehreren Zwischentexten festgehalten. Gedreht hat ihn Fritz Fröllje, einer der ersten Filmamateure in Bremen. Drehbuch, Schnitt, optische Qualität, perfekt gestaltete Zwischentexte und vor allem die schnelle Fertigstellung lassen darauf schließen, dass hier eine Auftragsarbeit vorlag.<em>[2]</em> Er wurde im Rahmen der nächsten Eiswette den Teilnehmern vorgeführt.&nbsp; Unter ihnen war eine neue Kategorie von Gästen, denen Präsident Gebert die Einladungen persönlich im Rathaus überbracht hatte: acht Mitglieder des nationalsozialistischen Senats, einschließlich Bürgermeister Heider<em>[3]</em>, und zehn weitere Teilnehmer im Belieben der NSDAP,<em>[4]</em> die es sich nicht nehmen ließen, in SS- und SA-Uniformen zu erscheinen.<em>[5]</em></p>



<p><em>[1]</em> Tatsächlich fand sie in der <em>Wagenbrett’schen Badeansta</em>lt neben dem Stadionbad statt, wie die Kulissen beweisen. <br><em>[2] </em>Fritz Fröllje war ein leidenschaftlicher Amateurfilmer. Er war Mitbegründner der Bremer Filmamateure und Mitglied im jungen „Bund der deutschen Filmamateure“ (B.d.F.A.), den es heute noch als Bundesverband Deutscher Film-Autoren e.V. (BDFA) gibt. Es ist der Dachverband der nicht-kommerziellen Filmer in Deutschland mit etwa 3400 Mitgliedern. 1936 hatte er schon etwa 1000 Mitglieder. Vgl. wikipedia, Stichwort „Bundesverband Deutscher Filmautoren“. Vgl. die Website des Vereins www.bdfa.de . Beide Stand 31.12.2019.<br><em>[3]</em> Es war das erste Mal, dass ein Bremer Bürgermeister die Einladung zur Eiswette annahm.&nbsp;Bürgermeister Martin Donandt hatte noch 1930 eine Einladung kategorisch abgelehnt. Vgl. Anm. 295 in Kapitel 2 der Website. Heider sagte kurzfristig ab<br><em>[4] </em>Vgl. Kapitel 3 „Mit den Wölfen geheult“.<br><em>[5]</em> „Man sah also im Saal einige SS- und SA-Uniformen“. Löbe, a.a.O., S.93. „Die unter den Gästen befindlichen uniformierten Parteisoldaten“ Hermann Gutmann, Jochen Mönch, Die Eiswette von 1829. Ein Bremer Fest – Geschichte und Geschichten. Bremen 2010, S.101. Vgl. Kapitel 3 „Mit den Wölfen geheult“, Unterkapitel „Übergabeverhandlungen“.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 37</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="570" height="459" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/fritz_froellje.png" alt="" class="wp-image-2214" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/fritz_froellje.png 570w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/fritz_froellje-300x242.png 300w" sizes="(max-width: 570px) 100vw, 570px" /><figcaption class="wp-element-caption">Fritz Fröllje in seinem Studio in den dreißiger Jahren. Foto: Landesfilmarchiv Bremen (Zentrum für Medien, LIS) </figcaption></figure>



<p>Möglicherweise wollte Präsident Gebert den neuen Gästen mit seinem Spektakel an der Weser imponieren. Vielleicht war es aber auch nur einer jener “Husarenritte”, für die Gebert schon zu Zeiten der Bremer Räterepublik und bei der vorzeitigen Enthüllung des Kolonialdenkmals bekannt war.<em>[1]</em> Ob man sich an höchster Stelle an dem öffentlichen Schauspiel gestört hatte, weil das nun einmal in die Kernkompetenz der NSDAP fiel, für die sie ein totales Monopol beanspruchte, sei dahingestellt. <em>[2] </em>Es fand jedenfalls keine Fortsetzung.</p>



<p><em>[1] </em>Die sozialdemokratische <em>Bremer Volkszeitun</em>g hatte ihm 1932 anlässlich der vorzeitigen Enthüllung des Kolonial-Elefanten bescheinigt, dass er „von jeher zu Husarenritten Neigung und Talent hatte.“ Vgl. Kapitel 2 Unterkapitel „Trauma Räterepublik“, Stichwort Hugo Gebert und Unterkapitel „Eiswettgenossen enthüllen vorzeitig das Kolonialdenkmal“.<br><em>[2]</em> Der Film befindet sich im Besitz des <em>Bremer Medienarchivs LIS (Landesinstitug für Schule) Zentrum für Medien</em>, Große Weidestraße 4-16.  Vgl. auch <em>Weser-Kurier</em> vom 22. Januar 1934.</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="film-uber-die-erste-bremer-eiswettprobe-mit-schneider-am-6-1-1934"><strong>Film über die erste Bremer Eiswettprobe mit Schneider am 6.1.1934</strong></h2>



<figure class="wp-block-video"><video controls poster="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/eiswette_schneider_standbild.jpg" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/Film_Eiswette_YTSD.mp4"></video><figcaption class="wp-element-caption">Der Schneider in Badehose übernimmt von Eiswett-Präsident Hugo Gebert das heiße Bügeleisen. (Zum Anschauen auf den Pfeil in der Bildmitte klicken.)</figcaption></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 38</p>



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<p>Das winterliche Bad des Schneiders in der Weser hatte einiges Aufsehen in der Stadt erregt. Das geht aus der folgenden Anekdote hervor, die Paula Bücking<em>[1]</em>, Tochter des damals von den Nazis entlassenen Senators Theodor Spitta, dem Verfasser am 4.6.2013 erzählte: <br><br><em>Am Tag nach dem Spektakel, am 7. Januar, war die Großfamilie Spitta, wie jeden Sonntag, um die Familientafel versammelt. Die neun Kinder saßen am „Untertisch“ und langweilten sich, denn gesprochen wurde nur am „Obertisch“ der Erwachsenen. Da erzählte Vater Spitta, dass ein Schneider versucht hätte, die Weser zu Fuß zu überqueren, um festzustellen, ob sie offen oder zugefroren wäre. Die Kinder lauschten und staunten. Was machten die Erwachsenen da? Die Großen spielten mit der Gefahr und amüsierten sich auch noch dabei? Es baute sich eine Stille auf, bis die Kleinste plötzlich zu piepsen anfing und sich die die aufgestaute Spannung in einem schallenden Gelächter der anderen Kinder Bahn brach. Nun erzählte der Vater von einem alten Bremer Brauch, dem „Isen“. </em><br><br><em>Er mag es mit den Worten getan haben, die er später aus seiner Erinnerung an das aufschrieb, was ihm sein Großvater Arnold Duckwitz, einst Bürgermeister der Stadt, erzählt hatte: „In den Jahrhunderten, in denen Bremen Festung war – also vom Mittelalter bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts – musste im Winter dafür gesorgt werden, dass der Bremer Stadtgraben immer offen war (&#8230;) damit kein Feind den Stadtgraben überschreiten konnte.“ Das Zerschlagen des Eises – das „Isen“ &#8211; war eine wichtige Aufgabe, für die ein Ratsherr zu sorgen hatte, der für die Festungswerke der Stadt verantwortlich war. Er zog für diese Arbeit Bürger aus armen Schichten heran, die zwar nicht dafür bezahlt wurden, weil es eine Bürgerpflicht war, die er aber nach getaner Arbeit traditionell bei sich bewirtete. [2] </em></p>



<p><em>[1]</em> Paula Bücking: geboren 1921 in Bremen, inzwischen verstorben. 1957 bis 1985 Tätigkeit am wissenschaftlichen Institut für Schulpraxis; Mitbegründerin von Prinz Höfte, Zentrum für ökologische Fragen und ganzheitliches Lernen, Mitarbeit in der &#8222;Blauen Karawane e.V.<br><em>[2]</em> Theodor Spitta, Aus meinem Leben. Bürger und Bürgermeister in Bremen. München 1969, S.243/244.</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="der-schneider-das-boot-und-drei-heilige-konige-1956-bis-1970"> Der Schneider, das Boot und drei „Heilige Könige“ (1956 bis 1970)</h2>



<p>Borttscheller ließ nicht locker. Für die Eisprobe 1956 hatte er wieder ein Kamel als Begleitung der drei Könige geplant. Es wohnte, wie sein Vorgänger aus den dreißiger Jahren, im Wildgehege des Bürgerparks. Aber auch dieses Mal scheiterte sein Auftritt; diesmal an einer Erkältung des Kamels.<em>[1]</em> Borttscheller verzichtete dann auf weitere Versuche, und so blieb die Prozession von 1934 die einzige ihrer Art. Der Punkendeich im kalten Norden war für das morgenländische Spektakel offensichtlich nicht geeignet. Warum die “Heiligen Drei Könige”, die ohne Kamel nun zu Fuß aus dem Morgenland anreisen mussten, weiterhin Teil der Bremer Zeremonie blieben, erschließt sich dem Zuschauer bis heute nicht recht, zumal sie jahrzehntelang nur stumm dabeistanden.<em>[2] </em>In der Reportage von damals hieß es lapidar: „weil der 6. Januar doch ihr Tag ist.“<em>[3] </em>Es war halt ein Stück Spektakel, wie es Gebert und Borttscheller liebten.  Was den Schneider anging, der seine 1956 beginnende Karriere bis heute fortgesetzt hat, war das Herumstehen keine Option. Das hätte nicht zur Figur des pfiffigen Schneiderleins gepasst. </p>



<p><em>[1] Weser-Kurier</em> vom 7.1.1956.<br><em>[2]</em> Das hat sich erst in jüngster Zeit unter Präsident Wendisch geändert. Vgl. das entsprechende Kapitel auf dieser Website.<br><em>[3]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 7.1.1956.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 39</p>



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<p>Borttscheller dachte sich zur Erweiterung des Zeremoniells deshalb die kleine Geschichte aus, dass es der Schneider durch eine List schafft, auch bei offener Weser trockenen Fußes über die Weser zu gelangen, um nicht die riesige Schnapsbuddel, die er als Lohn erhalten hatte, wieder hergeben zu müssen. Er verabredete sich heimlich mit einem Seemann am Punkendeich, der nach Erledigung der Zeremonie auf seinen Ruf “Eeen Boot, een Boot”! in einem Ruderboot heranfuhr und ihn am Fähranleger des Neustadtufers an Land setzte. Dabei kam es zu Streitgesprächen zwischen ihm und dem Präsidenten. Die Dialoge wurden von Amateur-Schneidern auf Platt geführt, manchmal auch in Verse gegossen. </p>



<p>1958 trug der Schneider folgende Verse vor:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br>„Dat Se mine Sniedekurage kennt,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Det weet ick woll, Herr Präsident.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br>Siet hunnertnägentwintig Jahr&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Lop ick alljährlich de Gefohr.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br>Ji wöt bi dat Wetten blot wat gewinnen,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br>Und ick mutt mi mit dat Wagen affinnen.<br>Ober wer in de natte Werser pedd&#8217;t,&nbsp;<br>De markt, dat dat Water keene Balken hett.&nbsp;<br>Man will ja eene Sielwallbrücke bo&#8217;n.<br>Un wenn de fertig is, dann will ick et do&#8217;n.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br>Dat ick hüt guntsiet dröge land&#8216;,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br>Dorto find&#8217;t sick all de hülprike Hand!“<em>[1]</em></p>



<p><em>[1]</em> <em>Bremer Nachrichten</em> vom 7.1.1958</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 40</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="795" height="600" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/schneider_und_das_boot.jpg" alt="" class="wp-image-2216" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/schneider_und_das_boot.jpg 795w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/schneider_und_das_boot-300x226.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/schneider_und_das_boot-768x580.jpg 768w" sizes="(max-width: 795px) 100vw, 795px" /><figcaption class="wp-element-caption">Seit 1956 immer dabei: der Schneider und das Boot. Am Ufer Präsident Georg Borttscheller. <br><em>Weser-Kurier</em> vom 7.1.1956. Foto: <em>Weser-Kurier</em> </figcaption></figure>



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<p>Tatsächlich war das rettende Ruderboot von Anfang an Beiboot eines Seenotrettungskreuzers der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Als die Seenotrettungskreuzer einige Jahre später direkt am Punkendeich anlegten, verblasste die Geschichte von der Flucht. Bald kletterte der Schneider über eine steile Leiter direkt in die großen Boote hinein. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="592" height="419" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/langeoog.png" alt="" class="wp-image-2217" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/langeoog.png 592w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/langeoog-300x212.png 300w" sizes="(max-width: 592px) 100vw, 592px" /><figcaption class="wp-element-caption"> „Hol över!&#8220;, ruft der Schneider. Dann holt ihn der <br> Seenotrettungskreuzer <em>Langeoog</em> von der gleichnamigen Insel an Bord. <br>Foto: <em>Bremer Nachrichten </em>vom 7.1.1963.</figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="611" height="444" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/osterdeichwiese.png" alt="" class="wp-image-2218" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/osterdeichwiese.png 611w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/osterdeichwiese-300x218.png 300w" sizes="(max-width: 611px) 100vw, 611px" /><figcaption class="wp-element-caption">6.1.1969. Noch auf der Osterdeichwiese am Fuß der Treppe Oberweserstraße vor 300 Zuschauern. Links Präsident Karl Löbe, rechts der Schneider. Die Zeremonie dauerte schon eine halbe Stunde. Foto: <em>Weser-Kurier</em>  vom 7.1.1969. </figcaption></figure>



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<h2 class="wp-block-heading" id="mehr-spektakel-mit-prasident-gatjen-ab-1971">Mehr Spektakel mit Präsident Gätjen (ab 1971)</h2>



<p>Die erste Eiswettprobe unter dem neuen Präsidenten Klaus Gätjen<em>[1]</em> im Jahr 1971 war, laut <em>Weser-Kurier</em>, „eine kleine Staatsaktion mit Polizeiaufgebot (…) und einer Reihe schwerer Limousinen.“<em>[2] </em>Bis dahin hatte sie auf der Osterdeichwiese stattgefunden; am Fuße der Treppe, die auf Höhe Oberweserstraße vom Osterdeich hinunterführt, bis sie im Flachen endet. Da sie recht schmal und steil ist, kam das Hinuntergehen nicht sehr würdevoll daher. Die Zeremonie spielte sich im flachen Stück der Osterdeichwiese zwischen dem gepflasterten Uferwanderweg und dem Treppenaufgang ab. Da waren nasse Füße nicht immer zu vermeiden. Präsident Gätjen verlegte den Ort des Geschehens zweihundert Meter weiter östlich auf die mit Steinplatten belegte Aussichtsplattform an der Sielwallfähre. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neue_buehne-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2219" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neue_buehne-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neue_buehne-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neue_buehne-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neue_buehne-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/neue_buehne.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Die neue „Bühne“ seit 1971. Hier die Eiswettprobe am 6.1.2020. Foto: Micha Leykum </figcaption></figure>



<p>Die sorgt bis heute nicht nur für trockene Füße, sondern erlaubt es auch den in feierliches Schwarz gekleideten Männern sich in lockerer Formation über einen langsam abfallenden, asphaltierten Weg würdevoll zum Deich hinunter zu bewegen, <em>[3] </em>wobei sie  </p>



<p><em>[1] </em>Dr. jur. Klaus Gätjen, geboren am 1. April 1926, Rechtsanwalt, war von 1971 bis 1975 und von 1979 bis 1983 Eiswettpräsident. Er war Diakon und Bauherr der St. Remberti-Gemeinde, Aufsichtsratsvorsitzender der Schnoor GmbH. „Ihm verdankt die Eiswette eine deutliche Modernisierung der Dramaturgie der Eiswettfeier.“ In: Rüdiger Hoffmann, 175 Jahre Eiswette von 1829 in Bremen. Hrsg. von der Bremer Landesbank Kreditanstalt Oldenburg – Girozentrael. Bremen 2004. S.105.; Autoren: Günther Eisenführ und Heinz Holtgrefe. Fotos: Frank Pusch.<br><em>[2] Weser-Kurier</em> vom 7.1.1971.<br><em>[3] </em>Er zweigt vom Fußgängerweg auf dem Osterdeich in Höhe des Hauses Osterdeich 29 ab und ist 80 Schritte lang.</p>



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<p>es nicht versäumen, dem Publikum leutselig mit ihren Zylindern zuzuwinken. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wendisch_osterdeich-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2221" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wendisch_osterdeich-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wendisch_osterdeich-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wendisch_osterdeich-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wendisch_osterdeich-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/wendisch_osterdeich.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">6.1.2019 – „O alte Burschenherrlichkeit“ &#8211; Präsident Wendisch mit der Schneider-Elle schreitet inmitten der Eiswettgenossen den Osterdeich hinunter. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<p>Den Einmarsch der Protagonisten ließ Gätjen 1971 zum ersten Mal mit der Musik einer echten Kapelle begleiten. Das verlieh dem Ganzen eine bis dahin nicht gekannte spektakukläre Note. Die Plattform war auch der ideale Ort, um ein Utensiel standsicher aufzustellen, dass sich Gätjen ausgedacht hatte: die Sackwaage. Sie bot Gelegenheit zu einem Klamauk, der bis heute ein zentraler Teil der Zeremonie ist. Für die Überprüfung des Schneider’schen Gewichts hatten zwei weitere Neuheiten Sorge zu tragen: die Figuren des „Notarius publicus“ und des „Medicus“, gespielt von begeisterten Amateurdarstellern aus der Reihe der Eiswettgenossen. Sie erschienen in schwarzen Talaren mit altertümlichen Langperücken im Stil englischer Gerichte und verwickelten den Schneider in zum Teil absurde Gespräche. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br><br>Für 1971 ist folgender Dialog überliefert<br>Notarius: Der Schneider fehlt!“ (Der Schneider erscheint).<br>Präsident: Sieh an, Meister Zwirn, die Letzten sollen die Ersten sein.<br>Schneider: Wi meent Se dat? Goon Dag ok.<br>Präsident: Ich wollte fragen, ob Sie es heute wagen &#8211; heute zu tragen – das Bügeleisen zum anderene Ufer hin.<br>Schneider: Klor, mokt wi, is’ lütttchen Spoß.<br>Präsident: Na, meint Ihr, die Weser trägt Euch?<br>Schneider: Gor keen Problem, loop ick rober!<br>Aber erst will ick mol min Buddel hebben.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Präsident: Erst das Wiegen!<br>Medicus: Der Schneider wiegt 100 und ein viertel Pfund.&nbsp;<br>Präsident: Donnerslag, Snieder, wat kommt Se innen Sinn? Und nu?<br>Vize-Präsident: Der Schneider wurde mit Bügeleisen gewogen und die Kleidung wiegt auch was. Am besten, wir ziehen ihn aus.<br>Schneider: Hu gottuguttugut, uttrecken, hier vor all die Domens, nee, dat is mi to schenierlich.</p>



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<p>Präsident: Gut, lieber Schneider. Herr Medicus, wiegen sie Meister Zwirn noch einmal ohne Bügeleisen.<br>Medicus: Jetzt sind’s 99 Pfund!<br>Präsident: Alles in Ordnung. Ist das Bügeleisen auch heiß?<br>Schneider: Jo, klor, feste!<br>Präsident: Herr Notarius, bitte prüfen Sie!<br>Notarius: Au, au, hab‘ ich mich verbrannt!<br>Präsident (zum Schneider): Und was sagt Eure Frau dazu? Die hattet Ihr doch im vergangenen Jahr mitgebracht.<br><br>Schneider: Jo,jo, eenmol und nich wedder. Min Olsch hett her nix to seuken. Pussiert hett se letzt Johr mit den Alt-Präsidenten Löbe! Deubel noch mol – de kunn dat.&nbsp;<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br>(Der Schneider klettert an Bord des Schiffes.)<br>Präsident: Der Schneider hat uns reingelegt!<br>(Schlusswort nach dem Steinewerfen) Präsident: De Werser geiht!<em>[1]</em></p>



<p>Schon ein Jahr nach diesem Spektakel hatte der Bremer Schneider seinen ersten Auftritt im Bremer Umland. In Hagen im Bremischen prüft er seit 1972 auf einem Boot der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), ob die Aue „geiht oder steiht“. <br><br>Die erste Kapelle 1971 war das Musikkorps der Schutzpolizei, um deren Teilnahme Präsident Gätjen den Bremer Bürgermeister Hans Koschnick persönlich gebeten hatte. Die Temperaturen waren allerdings mit 12 Grad minus so niedrig, dass die Musiker immer wieder im geheizten Mannschaftswagen Zuflucht nehmen mussten, um ihre Instrumente vor dem Einfrieren zu bewahren. Kappellen begleiteten die Zeremonie 26 Jahre lang. Sie spielten&nbsp; Marschmusik (1972) oder „fröhliche Weisen (1974), ab 1975 dann „O alte Burschenherrlichkeit“, das alte Burschenschaftslied, das bis vor einigen Jahren auf jeder Eiswettprobe erklang, mal beim Einmarsch der Novizen, mal bei ihrem Abgang.<em>[2]</em> 1980 hatte der Dirigent des Polizei-Musikkorps, Max Milde, eine „Eiswettfanfare“ komponiert, die einige Male erklang. 1983 übernahm das Heeresmusikkorps 11 aus Grohn das musikalische Kommando mit Marschklängen. 1991 kam das Marinemusikkorps Nordsee aus Wilhelmhaven mit Korvettenkapitän Michael. „Die Musiker blieben mit ihren Instrumenten im Bus, um die kostbaren Teile vor dem Regen zu schützen.“<em>[3]</em> 1995 spielte das Bundesbahn-Orchester. Als 1996 ein Orchester der Bundeswehr seine Instrumente wegen der großen Kälte gar nicht erst auspackte und die Klänge des Marsches „Fredericus Rex“ und von „Tannhäuser“ vom Band erklangen, hatte man im Präsidium ein Einsehen. 1997 verschwand die Kapelle. Seitdem erklingt Musik, den Unbillen des Bremer Wetters geschuldet, vom Band.&nbsp;&nbsp;&nbsp;  <br><br>Immer wieder wurde die Eisprobe „aufgepeppt“. 1970 hatte das „arme Schneiderweib“ einen Auftritt, als ihr „wildes Schluchzen“ und das ihrer „drei armen, unmündigen Kinder“ die Ansprache des Präsidenten unterbrach. „Sie stand trauervoll … vor dem grausamen Herrn Eiswettpräsidenten, der da so einfach verlangte, Meister Zwirn solle sich stracks auf die Weser begeben.“ Es blieb bei diesem Auftritt. 1972 erchien ein Mann im „Herold“-Kostüm, was immer das heißen mochte. Ihm hatte man die ehrenvolle Aufgabe übertragen, einen Rupfensack mit den für die Eisprobe nötigen Steinen mit sich zu führen. Nach einigen Jahren verschwand er wieder. Seine Aufgabe übernahmen ab 1975 zwei als „Pagen“ verkleidete Kinder. 1980 erschien zum ersten Mal ein „Zeremonienmeister“, der seitdem, in Begleitung der beiden „Pagen“, als erster den Punkendeich hinabschreitet und eine kurze Einführungs-Ansprache auf Platt hält. Er war ebenso der Phantasie Gätjen entsprungen, wie auch die „Frau Weser“, eine Dame „im wallenden weißen Mantel und mit blitzendem Diadem im  </p>



<p><em>[1]</em> <em>Bremer Nachrichten</em> vom 7.1.1971. Reportage von E. Grunwald.<br><em>[2]</em> Es ist &#8222;fester Bestandteil des von Studentenverbindungen gesungenen Repertoires von Studentenliedern und im Allgemeinen Deutschen Kommersbuch abgedruckt.“ Wikipedia Stichwort o alte Burschenherrlichkeit am 4.1.1917.<br><em>[3]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 7.1.1991.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="586" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ingrid_anders.jpg" alt="" class="wp-image-2222" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ingrid_anders.jpg 800w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ingrid_anders-300x220.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ingrid_anders-768x563.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ingrid Anders vom <em>Niederdeutschen Theater</em>, die Ehefrau des Schneiders Manfred Ebel, als <em>Frau Weser</em>. <em>Weser-Kurier</em> 7. Januar 1982. Foto: Staatsarchiv Bremen / Jochen Stoss </figcaption></figure>



<p> „Blondhaar“. Sie war 1982 und 1983 dabei. Nachdem sie bei ihrem dritten Auftritt 1984 den Schneider „verführt“ und ihn auf das Seenotrettungsboot „Tünnis“ entführt hatte, ward sie nicht mehr gesehen.<em>[1]</em></p>



<p>Seit 1958 durften die „Novizen“ &#8211; damals „Junioren“ genannt &#8211; mit aufmarschieren, aus Respekt vor den Zylinder tragenden Altgenossen nur Melonen tragend. Sie stehen seit vielen Jahren schweigend herum, durchliefen aber eine lange Klamauk-Phase. 1980 brachten sie zum ersten Mal das dreifache „Hepp, hepp, hurra!“ zu Gehör, ein Ruf, der auf dem Schaffermahl üblich ist. Er gehörte bald zum festen Ritual, wobei das erste „Hepp“ langgezogen wird. 1992 kamen sechs von ihnen „nur so zum Spaß“ mit einem alten Feuerwehrwagen und rannten, mit Feuerwehrhelmen den Deich hinunter.<em>[2]</em> 2000 kamen sie in einer „Grünen Minna“ der Polizei. 2003 paddelten sie vom Martinianleger bis zum Punkendeich in einem Boot-Gebilde, das sie Eisscholle nannten. Lehrlinge der Werft des Eiswettgenossen Lürssen hatten es gebaut. Es war mit einem (unechten) Eisbären und einigen (ebenso unechten) Pinguinen bestückt. </p>



<p><em>[1]</em>&nbsp;<em>Weser-Kurier</em> vom 7.1. 1982, 1983 und 1984.  <br><em>[2]</em>&nbsp;<em>Weser-Kurier</em> vom 7.1.1992.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="535" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen.jpg" alt="" class="wp-image-2223" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen.jpg 800w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen-300x201.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen-768x514.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Novizen kommen auf der „Eisscholle“ über die Weser, ein Eigenbau der Reederei Lürssen: &nbsp;<em>Weser-Kurier </em>7.Januar 2003. Foto: Staatsarchiv Bremen / Jochen Stoss </figcaption></figure>



<p>2004 kamen sie in vier „Rikschas“ zum Osterdeich gerollt. Die letzte Eselei wurde von 2006 berichtet, als sie tatsächlich auf richtigen Eseln angeritten kamen. Gätjen hatte 1975 auch den Laufschritt der Novizen den Punkendeich hinunter eingeführt. Seit 2009 hat man in Anbetracht des nicht mehr ganz jugendlichen Alters der Neuen davon Abstand genommen.Der größte Klamauk des Schneiders – auch der von Gätjen 1980 eingeführt – war sein Zuspätkommen, das er bis zum heutigen Tag als „running gag“ beibehalten hat. Auch der Schneider bemühte sich um mehr Klamauk: 1995 kam er in einer riesigen Mülltonne den Deich hinuntergerollt, 1996 auf einem Skateboard, 1998 mit einem Helm der „Vulkan“-Werft auf dem Kopf, 2008 mit einem Rennrad und 2014 mit einer Friedhofs-Urne.&nbsp;</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="724" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/191206_Grafik-1024x724.jpg" alt="" class="wp-image-2251" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/191206_Grafik-1024x724.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/191206_Grafik-300x212.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/191206_Grafik-768x543.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/191206_Grafik.jpg 1169w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">© Grafik-Designagentur Hespen 26127 Oldenburg </figcaption></figure>



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<h1 class="wp-block-heading" id="schnappschusse-aus-jungster-zeit">Schnappschüsse aus jüngster Zeit</h1>



<h2 class="wp-block-heading" id="januar-2013">Januar 2013</h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2225" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Ein einsamer Zeremonienmeister spricht die ersten Worte. Foto: Verfasser&nbsp;  </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/binnenwasserkulisse-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2226" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/binnenwasserkulisse-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/binnenwasserkulisse-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/binnenwasserkulisse-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/binnenwasserkulisse-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/binnenwasserkulisse.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eine alleinstehende Sackwaage vor klassischer Binnenwasserkulisse im Regen. <br>Foto: Verfasser  </figcaption></figure>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/regenschirme-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2227" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/regenschirme-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/regenschirme-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/regenschirme-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/regenschirme-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/regenschirme.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Regenschirme unerwünscht – sonst sieht man ja nix. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="januar-2014">Januar 2014</h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kaltes_bier-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2228" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kaltes_bier-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kaltes_bier-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kaltes_bier-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kaltes_bier-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kaltes_bier.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Für’n Bier zu kalt. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 50</p>



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<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/warmer_Kaffee-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2229" width="580" height="386" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/warmer_Kaffee-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/warmer_Kaffee-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/warmer_Kaffee-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/warmer_Kaffee-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/warmer_Kaffee.jpg 1386w" sizes="(max-width: 580px) 100vw, 580px" /><figcaption class="wp-element-caption">Lieber n’Kaffee zum Aufwärmen. Immerhin kein Regen : Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="januar-2017">Januar 2017  </h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl_kostprobe-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2230" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl_kostprobe-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl_kostprobe-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl_kostprobe-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl_kostprobe-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl_kostprobe.jpg 1390w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Schlange ist lang. Hier gibt’s was umsonst. Foto: Verfasser  </figcaption></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 51</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="682" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl-1024x682.jpg" alt="" class="wp-image-2231" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl-1024x682.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/kohl.jpg 1223w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Portion ist übersichtlich. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/pagen-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2232" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/pagen-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/pagen-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/pagen-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/pagen-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/pagen.jpg 1473w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Diesmal sind die Pagen nicht geflohen. Auch am gegenüberliegenden Ufer stehen Schaulustige. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 52</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="682" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ohne_koenig-1024x682.jpg" alt="" class="wp-image-2245" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ohne_koenig-1024x682.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ohne_koenig-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ohne_koenig-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ohne_koenig-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/ohne_koenig.jpg 1385w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Politisch korrekt, historisch fragwürdig: Zum ersten Mal ohne schwarz geschminkten König. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="januar-2019">Januar 2019 </h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister_und_pagen-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2246" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister_und_pagen-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister_und_pagen-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister_und_pagen-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister_und_pagen-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/zeremonienmeister_und_pagen.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Zeremonienmeister und Pagen bilden die Spitze. Im Hintergrund die Allonge-Perrücken von „Medicus“ und „Notarius Publicus“. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/letzten_herren-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2248" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/letzten_herren-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/letzten_herren-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/letzten_herren-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/letzten_herren-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/letzten_herren.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Herren lassen sich Zeit. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen_mit_melonen-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2247" width="580" height="386" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen_mit_melonen-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen_mit_melonen-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen_mit_melonen-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen_mit_melonen-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/novizen_mit_melonen.jpg 1386w" sizes="(max-width: 580px) 100vw, 580px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Novizen mit ihren Melonen kommen als Letzte auf die Bühne. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



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<h1 class="wp-block-heading" id="vom-jungstheater">Vom „Jungstheater“ …</h1>



<p>Mit dem ständigen Auftritt des Schneiders im Jahr 1956 war Leben in die dröge Steinwurf-Zeremonie gekommen, zumal seine Amateur-Darsteller, das Plattdeutsche pflegend, kräftig ins Horn des Alltäglichen stießen und im Gespräch mit dem Präsidenten eine gewisse Frechheit an den Tag legten. Mit dem Medicus und dem Notarius publicus als Partner hatte es der Schneider nun mit drei Dialogpartnern zu tun. Das wirkte sich auf die Lebendigkeit des Ganzen vorteilhaft aus. Während der Präsident eher den seriösen Part spielte, verwickelte der Schneider die beiden anderen „Offiziellen“ gern in absurde Dialoge. Der Schneider wurde die zentrale Figur der Zeremonie. Die Zahl der Zuschauer stieg &#8211; wenn auch wetterabhängig. Bald waren es mehrere hundert. 1971: 300; 1980: 1000: 1981: 2000: (1983: 300; 2018: 400; 2020: 1000) so dass man dazu überging, einen Lautsprecher einzusetzten. Bei „Sauwetter“- wie 1991 &#8211; kamen auch mal nur 100. Medicus und Notarius publicus schrieben ihre Texte selbst und lasen sie abwechselnd im Wechsel vor. Das ging nicht immer gut. In den Zeitungsreportagen war von so manchem „Hänger“ die Rede: „Und dann plötzlich war es still. Text vergessen. Auch ein paar Versprecher. Kommt vor. Nur, wie weitermachen? Guck mal auf Seite 14, sagt der Schneider. Ich habe nur ungerade Seiten, ist die Antwort.“ Manche Textstellen lagen auch daneben. Schneider: „Das geht in die Annalen der Eiswette ein:“ Medicus: „Bitte keine proktologischen Anspielungen!“ Es ging, ohne erkennbaren inhaltlichen Zusammenhang, von „Migration“ über „Vibration“ zu „Vibrator“ bis hin zur verbalen Entgleisung, wie 2013, als der Schneider irgendwie auf brennbare Kleider zu sprechen kam, um dann zu sagen. „Da kann einem ja Angst und Bangldesh werden!“&nbsp; Das war eine geschmacklose Anspielung auf den Brand in der Tazreen-Kleiderfabrik, der sich sechs Wochen vorher mit 117 Toten in Bangldesh ereignet hatte.<em>[1] </em><br>Es war immer laut und nicht unbedingt für zarte Gemüter geeignet. Der Schneider hatte einen Text auswendig gelernt, der von einem Theater-Dramturgen aus Hamburg verfasst war. Dabei kam fast jedes Mal die Verkehrspolitik des Senats zur Sprache. Sie wurde mehrfach „in Grund und Boden verdammt,“ wie es in einer Reportage hieß. Die angebliche Autofeindlichkeit des Senats wurde in allen Fällen durchdekliniert. Mal ging es um Tempolimit und Ampeln, die den Verkehr behinderten, mal um „Krampfradler &#8211; alles „Lohse-Apostel“ (so hieß der grüne Verkehrssenator – d. Verf.). Das Thema war unerschöpflich: von der Umgestaltung einer Kreuzung (der„Stern“- zu teuer und wirkungslos) bis zu Baustellen, die den Verkehr behinderten, von einer vorübergehenden Einbahnstraßenregelung Am Wall bis zu einem viel  </p>



<p><em>[1]</em> Der Brand geschah am 24. November 2012. Es war der bis dahin schwerste in einer Textilfabrik in Bangladesh. Die Kleiderfabrik produzierte unter anderem auch für C&amp;A, Walmart und Li &amp; Fung. Der Ministerpräsident rief einen Tag nationaler Trauer aus. Vgl. Wikipedia, Stichwort „Brand in der Tazreen-Kleiderfabrik“ vom 28.12.2019.</p>



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<p>zu teuren &nbsp;Verkehrsgutachten für den Concordia-Tunnel; zusammengefasst in der Schreckens-Vision, dass man „schon gar nicht mehr mit dem Auto in die Stadt fahren kann.“ Die drei Könige demonstrierten das, als sie auf Fahrrädern den Punkendeich hinunter ankamen. Beliebte Themen waren auch Bildungsdefizite Bremer Schüler und die Pro-Kopf-Verschuldung des Landes. Die klare politische Ausrichtung der Texte war das eine, ihr Niveau das andere. Ein Reporter schrieb: „Ein Stakkato an Stichworten und selten mal eine Pointe.“ Ein anderer fasste sein Lob in einem vieldeutigen Satz zusammen: „Das Schauspiel am Deich ist ein Gaudi, wenn es gelingt.“ Die Ansprüche an das kulturelle Niveau waren bescheiden. Der bis 2012 amtierende Präsident Peter Braun war’s zufrieden: „Das ist Jungstheater“. <em>[1]„</em>Die Eiswettprobe ist so ein bisschen wie „Dinner for one“ an Silvester.Man weiß genau, was passiert und trotzdem ist es immer wieder toll.“. </p>



<h1 class="wp-block-heading" id="zur-professionellen-schauspieltruppe">… zur professionellen Schauspieltruppe</h1>



<p> Mit dem Amtsantritt von Präsident Patrick Wendisch 2013 trat die Eisprobe in eine neue Phase. Sie ist heute „in fester Hand der Bremer Shakespeare-Company.“<em>[2]</em> Es begann 2014 mit der „Flurbereinigung“, als die Bremer mit Lizenzverträgen versuchten, die Eiswetten im norddeutschen Raum nach ihrem Maß zu gestalten. In das gleiche Jahr fiel das Engagement des Schweizer Schauspielers Peter Lüchinger von der Shakespeare-Company als Schneider. Mit ihm hörte auch „Medicus“ Uwe Lühring auf, der, wie „Alt-Schneider“ Goebel, seit 1989 dabei war. Ihn ersetzte Christian Bergmann, ebenfalls von der Shakespeare-Company. Es folgte die Bestellung von Jürgen Kropp, Autor und Dramaturg aus Blickstedt bei Kiel, als Texter. <em>[3]</em> Seit 2016 spricht der Schneider seine Texte<em>[4]</em>. Im nächsten Akt wurden die drei Könige als musikalischer Part in die Zeremonie eingebaut. Dafür wurden Tobias Dürr, Markus Seuß und Michael Meyer von der Shakespeare Company engagiert.</p>



<p><em>[1] </em>„Am Deich, das ist Jungstheater, und 2500 Menschen schauen zu. Es ist ein Stück Kult und ein Stück Kultur.“ Gespräch mit Jürgen Hinrichs. Weser-Kurier am 18. Januar 2013. Peter Braun, Eiswette-Präsident von 2004 – 2012. 1995 bis 1999 Landesvorsitzender der FDP; Geschäftsführer der Peter Braun GmbH Personalberatung.<br><em>[2] </em>Sigrid Schuer im <em>Weser-Kurier</em> vom 5. Januar 2019 in ihrer Reportage „Wie eine Narrenfigur von Shakespeare.“<br><em>[3] </em>Er schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke auf Hoch- und Plattdeutsch. Vgl. Wikipedia, Stichwort „Jürgen Kropp“ am 16. Oktober 2019. <br><em>[4] </em>„Für mich geht es vor allem darum, den Text auswendig zu lernen. Das ist immer sehr stressig, weil ich den Text ja nur ein einziges Mal brauche.“  Auf die Frage , ob er „eigenes mit einbringen“ könne, antwortete Lüchinger: „Etwas schon. Wir geben (…) einige Themen vor, die wir uns vorstellen können. Der macht daraus dann eine Geschichte.“ Aus: Interview mit Peter Lüchinger im <em>Stadtmagazin Bremen</em>. Januar 2017, S. 8. </p>



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<p>2018 erhielt die Zeremonie ein Vorprogramm mit dem Alleinunterhalter und Shanty-Sänger Jonny Glut, alias Herbert Jebens, und der Akkordeonistin Gila Fischer erweitert.<em>[1]</em> Die Eiswettgenossen lassen sich ihr Privattheater einiges kosten. Auch der organisatorische Aufwand ist erheblich. 2018 waren&nbsp; außer der Polizei acht Mitglieder des Technischen Hilfswerks (THW) und über zwanzig Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft zur Schiffbrüchige (DGzRS) im Einsatz, um einen gesicherten Ablauf zu garantieren und für Absperrungen der „Bühne“ zu sorgen, damit der Schneider sich großräumig vor den 400 Zuschauern entfalten konnte.<em>[2]</em>  </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="684" height="623" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/shanty_saenger.png" alt="" class="wp-image-2249" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/shanty_saenger.png 684w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/shanty_saenger-300x273.png 300w" sizes="(max-width: 684px) 100vw, 684px" /><figcaption class="wp-element-caption">Seit 2017 im Vorprogramm: Hubert Jebens alias Jonny Glut, Shanty-Sänger (und mehr); in Begleitung von Gila Fischer am Akkordeon. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<p><em>[1]</em> Er war 2020 wegen eines anderen Engagements ausnahmsweise nicht dabei.<br><em>[2] </em>Bericht im <em>Weser-Kurier</em> vom 7. Januar 2018 von Antje Stürmann, S.11</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="718" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/stadtmusikanten-718x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2250" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/stadtmusikanten-718x1024.jpg 718w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/stadtmusikanten-210x300.jpg 210w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/stadtmusikanten-768x1096.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/stadtmusikanten-1077x1536.jpg 1077w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/stadtmusikanten.jpg 1109w" sizes="(max-width: 718px) 100vw, 718px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Stadtmusikanten-Pyramide der Shakespeare-Company 2019. Von unten nach oben: Peter Lüchinger, Markus Seuß, Michael Meyer und Tobias Dürr.Im Hintergrund links mit Schneider-Elle und Manuskript Präsident Patrick Wendisch.&nbsp;Foto: Frank Thomas Koch</figcaption></figure>



<h1 class="wp-block-heading" id="die-metamorphosen-der-eiswettprobe">Die Metamorphosen der Eiswettprobe</h1>



<p>Das Spektrum der 91 Eisproben seit 1929 ist breit. Schon ihre Dauer variiert gewaltig zwischen 3 Minuten und einer Stunde. Der Initiator Hans Wagenführ hatte sich noch den Spaß gemacht, die Eisdicke und den Ort der Begehung mit Messgerät und Lageplan zu prüfen, bevor sein Nachfolger Hugo Gebert zu schlichten Steinwürfen oder Schneebällen überging. Die Eiswettprobe mit dem Kamel von 1934 war das Vorbild für Präsident Borttscheller, der sich zweimal vergeblich um eine Neuauflage des Spektakels bemühte. Ab 1956 war dann der Schneider mit seinem „Fluchtboot“ immer dabei, begleitet  </p>



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<p>von drei stummen „Königen“. In den nächsten Jahrzehnten folgte nur noch eine Reihe von Garnierungen, von denen sich lediglich die Figuren des „Notarius publicus“ und des „Medicus“, sowie die Sackwaage gehalten haben. Das Ganze war eher Schaubild als Schauspiel, weil die weitaus größte Zahl der Protagonisten – das Dutzend Präsidiumsmitglieder, die fünf bis acht Novizen und die drei „Könige“ – stumm und bewegungslos der Zeremonie beiwohnte. Am meisten Spaß hatten wohl immer die drei aktiven Eiswettgenossen in ihren Dialogen mit dem Schneider. Es war das von Präsident Braun 2013 so trefflich charakterisierte Jungstheater: Heute wird das Eiswette-Spektakel von einer Profitruppe dargestellt. Neben sieben Berufsschauspielern (das Vorpiel eingerechnet), befindet sich nur noch einen Amateur in ihren Reihen, der „Notarius publicus“ Thomas Röwekampf, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes<em>.</em> Den Status des laienhaften „Jungstheaters“ hat sie längst verlassen.<em>[1] </em><br><br>Der Bremer Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann hat die Eiswettprobe einmal als „Ersatzkarneval“ bezeichnet. <em>[2] </em>Aber das Bild stimmt nicht, denn die Wirkung der Eisprobe endet unmittelbar nach Abmarsch der Darsteller. Das Publikum löst sich sofort auf; ein jeder geht seinen privaten oder geschäftlichen Tätigkeiten nach. Nur die Präsidiumsmitglieder finden sich anschließend noch in geselliger Runde bei einem guten Tropfen oder auch mal zu einem guten Essen zur Protokollunterzeichnung zusammen. <em>[3]</em> Der eigentliche Festakt findet erst am dritten Sonnabend im Januar im größten Festsaal Bremens statt, wenn die 234 Eiswettgenossen mit ihren 536 handverlesenen Gästen (Zahlen vom 18. Januar 2020) &#8211; seit 2020 fernab der Öffentlichkeit &#8211; ihr exklusives Fest feiern. Eher findet man in den außerbremischen Eiswetten Elemente von Karneval, wenn sie ihren Ehrengästen auch mal auf den Zahn fühlen. Bei ihnen liegen Planung, Durchführung und vor allem das anschließende Feiern in den Händen von allen Bürgern, die daran teilhaben wollen. Es ist kein Wunder, dass die norddeutschen Eiswetten den Bremern die kalte Schulter zeigten, als sie Lizenzverträge nach dem Maß der Bremer abschließen sollten. Die Anwesenheit bei der Bremer Eisprobe erfordert vom Zuschauer unter Umständen sogar eine gewisse Leidensfähigkeit, wenn er bei „Schietwetter“ über eine Stunde Halt auf dem glitschigen Deich suchen muss. Niemand wird ernsthaft erwarten, dass der Klecks Kohl und Pinkel für lau eine karnevalsähnliche Stimmung aufkommen lässt.  <br><br>Entscheidend dafür ist noch etwas anderes: Es fehlt das, was den Karneval erst ausmacht: der deftige Spott auf die Mächtigen. </p>



<p><em>[1] </em>Außer Peter Lüchinger, der mit seinem Bügeleisen eine feste Größe bei der Novizen-Inauguration ist, war auch Christian Bergmann, Eiswette-Darsteller und Regisseur der shakespeare company, Gast auf der Eiswette am 18. Januar 2020.&nbsp; <br><em>[2]</em> In einem Gespräch mit dem Journalisten Jörn Hüttmann im <em>Weser-Kurier</em> vom 22.1.2012.<br><em>[3]</em> „Das Präsidium (…) wanderte wieder den Osterdeich hinauf, um bei Wein und gutem Essen das Protokoll zu unterschreiben”. W<em>eser-Kurier</em> vom 7.01.1954.</p>



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<p>Das konnte sich sogar einmal umkehren wie 2011, im Jahr des schwäbischen Volkszorns gegen den neuen Stuttgarter Bahnhof, als sich der Schneider nicht über die Politiker, sondern über die empörten Bürger lustig machte. Er marschierte – einen Demonstranten imitierend &#8211; mit einem Pappplakat, auf das er die alberne Parole gemalt hatte „Wir sind dagegen“, auf das Publikum zu und forderte es – mit mäßigem Erfolg – auf, diesen Spruch zu skandieren. Der Wind am Deich weht eher von rechts. Das gilt auch für einen Aspekt, der die Eiswette von der Shakespeare Company unterscheidet. Mit ihrem Theaterformat „Von den Akten auf die Bühne“ widmet sie sich der Darstellung politisch frag- und denkwürdiger Vorgänge in der jüngsten Bremer Geschichte.<em>[1]</em> Die gestandenen Herren der Eiswettgenossenschaft hingegen sind seit &nbsp;75 Jahren nicht Manns genug, sich ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit zu stellen.<em>[2] </em> <br><br>Der Schneider hätte noch am ehesten das Zeug dazu, den Eisproben einen Anflug von Volksfest zu geben. Er genießt auch über Bremen hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad und Popularität, wie die Nachahmer-Eiswetten zeigen. Das erfährt Peter Lüchinger manchmal am eigenen Leib, wenn er in der Stadt wohlwollend auf seine Rolle als Schneider angesprochen wird. Lüchinger hat das ehrgeizige Ziel, ihn als „volksnahe Shakespeare’sche Narrenfigur“ anzulegen<em>[3]</em>: „Einmal im Jahr darf er sagen, was er denkt – was vorgeht in der Stadt und im Leben.“<em>[4] </em>Da hätte sich im Jahr 2020 das Thema Frauen auf der Eiswette angeboten. Der Reporter von <em>buten und binnen,&nbsp;</em>der diese Überlegung anstellte<em>[5]</em>, wurde enttäuscht: „Kein schneiderischer Spott. Gar kein Seitenhieb zum Frauenthema. Ob da nicht die einflussreichen Herren wohl Einfluss genommen haben?“ Das ist nicht von der Hand zu weisen, ist der Schneider doch selbst Teil des Novizen-Rituals.<em>[6]</em> Der Reporter hakte nach und befragte den Vorgänger Burckhard Goebel, der 25Jahre lang der Schneider war, ob </p>



<p><em>[1]</em> Allein im Januar und Februar 2020 plante sie im Rahmen der Bremer “Tage des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ die Teilnahme an vier Aufführungen, bzw. deren eigene Gestaltung.<br><em>[2]</em> Alle Hinweise zu diesem Thema in ihren Veröffentlichungen sind geschönt. Jüngstes Beispiel ist die Website. Dort wird das Kapitel in einem kryptischen Halbsatz zusammengefasst als die „zunächst ungewisse Zukunft der Eiswette nach dem Zweiten Weltkrieg“. Stand 25.12.2019. Vgl. Kapitel 3 dieser Website „Mit den Wölfen geheult.“und Kapitel 5 „Die Entnazifizierung der Eiswettgenossen“. <br><em>[3] </em>„Wie eine Narrenfigur von Shakespeare“. Artikel von Sigrid Schuer im <em>Weser-Kurier</em> vom 5. Januar 2019, S.13. Im Gespräch sagte Lüchinger über den Schneider: „Er hat schon etwas von einer volksnahen Sphespeare‘schen Narrenfigur, die ihren Mitmenschen den Spiegel vorhält.“ <br><em>[4] </em>Lüchinger im Gespräch mit <em>buten und binnen</em> von <em>Radio Bremen</em> am gleichen Tag. Alle Zitate in diesem Absatz sind dieser Reportage entnommen, zum Teil aus einem kurzen Interview mit Burckhard Göbel, dem Vorgänger von Lüchinger. <br><em>[5]</em> Der Reporter stellte sich die Schneider-Figur so vor: „Spöttisch, tollkühn. Er soll alles durch den Kakao ziehen, allen voran natürlich die Mächtigen, die Einflussreichen in Bremen.“ Vgl. die Originalaufnahme der Reportage unten.<br><em>[6] </em>Sie schwören auf dem Eiswettfest den Eiswette-Eid auf sein Bügeleisen. </p>



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<p>er sich die Pointe mit den Frauen hätte entgehen lassen. Dessen Antwort überrascht nicht: Er hätte nie etwas Wichtiges selbst in den Text eingebracht<em>.</em></p>



<h1 class="wp-block-heading" id="buten-un-binnen-reportage-uber-die-bremer-eiswettprobe-am-6-1-2020"><em>buten un binnen</em>-Reportage <strong>über die Bremer Eiswettprobe am 6.1.2020</strong></h1>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="http://www.butenunbinnen.de/nachrichten/politik/eiswette-schneider-tradition-bremen-100.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img loading="lazy" decoding="async" width="682" height="334" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/Klimawandel_Eiswette_Standbild.jpg" alt="" class="wp-image-2319" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/Klimawandel_Eiswette_Standbild.jpg 682w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/Klimawandel_Eiswette_Standbild-300x147.jpg 300w" sizes="(max-width: 682px) 100vw, 682px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Die Reportage von <em>buten un binnen</em> dauerte 2:51 Minuten. buten un binnen hält seine Sendungen nur für ein Jahr vor. Dann werden sie gelöscht. Auf www.youtube.com/watch ist das Spektakel unter &#8222;Die Eiswette von 2020 am Osterdeich&#8220; in einer Eiswett-eigenen Produktion in voller Länge über 55:44 Minuten zu sehen. </figcaption></figure>



<p>&nbsp;„Der Eiswettpräsident bleibt verschont“, stand im Text der Reportage, „zum Glück. Wer lacht schon gerne über sich selbst?“ Unter diesen Voraussetzungen wird es der Eiswette-Schneider schwer haben, eine „Shakespeare’sche Narrenfigur“ zu werden. Im Grund ist er eher eine traurige Figur, hat er die Aufgabe, für die er einst erschaffen wurde, doch nie erfüllen können. Und das wird sich &#8211; aller Voraussicht nach &#8211; auch nicht ändern. </p>



<h1 class="wp-block-heading" id="die-eiswettprobe-ist-teil-der-novizen-inauguration">Die Eiswettprobe ist Teil der Novizen-Inauguration</h1>



<p>Die Eiswettprobe ist zwar kein „190 Jahre altes kaufmännisches Ritual“, wie es unbeirrt in den Reportagen zu lesen ist, aber sie hat seit Jahrzehnten eine wichtige Aufgabe bei der Novizen-Inauguration. 1958 war deren Anwesenheit auf der Eiswettprobe noch eine besondere Ehre für sie. Heute ist es ihre Pflicht. Am Anfang des Aufnahme-Rituals steht die Entscheidung des Präsidiums über die Zahl der Novizen. Sie hängt davon ab, ob man die Gesamtzahl der Eiswettgenossen von 275 nicht wesentlich überschreitet. Seit 1970 hält man sich in etwa an diese Grenze.<em>[1]</em> Als Nächstes wählt das Präsidium die Novizen aus. „Wie man Eiswett-Genosse wird und welche Kriterien das hochweise Präsidium bei der Auswahl der Novizen anlegt, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse in Bremen. Nur so viel ist durchgedrungen: Wer sich selbst bewirbt, kann in der Gewissheit leben, nie Eiswettgenosse zu werden.“ Das Zitat ist von Alt-Präsident Günther Eisenführ &#8211; damals Mitglied des Präsidiums – aus seinem Aufsatz zur 150-Jahr-Feier.<em>[2] </em>Nach der Ernennung zum Novizen dauert es noch ein Jahr, bevor die Aufnahme als Eiswettgenosse erfolgt. „Armut (…) Demut gegenüber dem hochmögenden Präsidium und Keuscheit, (…) das sind die Forderungen, denen sich Eiswett-Novizen nach der Ernennung durch das Präsidium in ihrer einjährigen Vorbereitung auf die Aufnahme in die Eiswett-Genossenschaft gegenübersehen. Vom Bestehen dieser Prüfung hängt es ab, ob sie aufgenommen werden oder nicht.“  </p>



<p><em>[1]</em> Es gab einen formellen Beschluss auf der Grundlage eines Antrags von Präsident Löbe. Vgl. Löbe, a.a.O., S. 131/132.&nbsp; <br><em>[2]</em> In: Rüdiger Hoffmann, 175 Jahre Eiswette von 1829 in Bremen, hrsg. von der Bremer Landesbank Kreditanstalt Oldenburg. Bremen 2004, S. 5 -10, hier S.10.</p>



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<p>Das ist kein Zitat aus dem Programm der Bubenreuther Burschenschaft von 1856,<em>[1] </em>sondern der gleichen Festschrift entnommen.<em>[2] </em>Zur Überraschung des Publikums legten die Novizen auf der Eiswette von 1984 tatsächlich ein öffentliches Gelöbnis in diesem Sinne ab, ernteten aber Gelächter, weil man ihnen „das Gelöbnis der Armut nicht ganz abnehmen wollte“.<em>[3]</em> Derartiges findet heute nicht mehr statt. So ernst werden die Ansprüche ja nicht genommen. Allerdings leisten die Novizen am Tag ihrer Aufnahme, die auf der Eiswette nach der Eisprobe erfolgt, einen Schwur auf das Bügeleisen, in dem sich Spaß und Ernst mischen und in dem sie u.a. geloben, „in Liebe und Treue zu unserem Vaterland und zu unseren Heimatstädten Bremen und Bremerhaven zu halten …“<em>[4]</em> Seit etwa zwanzig Jahren ist für die Novizen eine weitere Pflicht mit der Eisprobe verbunden: Sie müssen am Vorabend des Tages, an dem sie sich pflichtgemäß mit ihren Melonen der Öffentlichkeit vorstellen, eine besondere Veranstaltung durchführen, „um sich dem hochweisen Präsidium (…) vorzustellen und dasselbe gnädig zu stimmen für den Akt der Aufnahme.“ Eine derartige Veranstaltung ist im Jubiläumsband zur 175-Jahr-Feier beschrieben: „In sieben Inszenierungen an wechselnden Schauplätzen in der nächtlichen Bremer Innenstadt stellte sich jeder der zukünftigen Eiswegttgenossen vor, nachdem sich alle sieben zuvor, einer alten Bremer Geschichte folgend, schläfrig und unmotiviert als „Die sieben Faulen“ in der Böttchergasse präsentiert hatten. Nach einer Irrfahrt in einem britischen Doppedeckerbus, zu dem das Präsidium wie selbstverständlich genötigt wurde, landete die Truppe, Präsidium im Oberdeck, Novizen in der unteren Busetage, in einem Bremer Landhaus, wo die durch solche Zumutungen ausgelöste schlecht Laune das Präsidium durch den 93er Château Angelus St. Emilion Grand Cru Classé und einem alles in allem bescheidenen Nachtmahl in sieben Gängen eine gewisse Milderung erfuhr.“<em>[5]</em> So wie die Eiswettprobe am Punkendeich integraler Bestandteil der großen Eiswette-Runde der 770 (am 18. Januar 2020) ist, so ist es auch der Schneider in persona. </p>



<p><em>[1] </em>Martin Donandt (1852 bis 1937), Bremer Bürgermeister von 1920 bis 1933, war Mitglied&nbsp; dieser Burschenschaft. Vgl. Theodor Spitta, Dr. Martin Donandt, Bürgermeister von Bremen. Ein bremisches Lebens- und Zeitbild. Für die Familie Donandt aufgezeichnet. Als Handschrift gedruckt 1938., S.30/31. Zweite, überarbeitete Auflage Bremen 1948.<br><em>[2]</em> A.a.O., S.85.<br><em>[3]</em> Reportage im <em>Weser-Kurier</em> vom 7. 1.1984. Wie oft und wann der Schwur öffentlich auf den Eiswettproben geleistet wurde, ergibt sich aus den Zeitungsberichten nicht. Damals waren es offensichtlich Novizen, die ihr „Bewährungsjahr“ noch vor sich hatten. <br><em>[4]</em> Hermann Gutmann, a.a.O., S.128.<br><em>[5]</em> Rüdiger Hoffmann, a.a.O., S.20. Beschreibungen von Vorabend-Feiern aus neuester Zeit finden sich im Bericht von Sigrid Schuer über die Eiswette 2019 im <em>Weser-Kurier</em> vom 8. Januar 2019. </p>



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<h1 class="wp-block-heading" id="ein-bisschen-protest-und-mehr">Ein bisschen Protest und mehr&nbsp;</h1>



<p>Normalerweise bietet eine harmlose Veranstaltung wie die Eisprobe am Punkendeich keine Veranlassung für Bürger-Proteste, wohl aber kann sie ein Medium dafür sein. Das geschah mindestens fünf Mal in ihrer Geschichte. 1988 kam es zu einer Aktion, über die der <em>Weser-Kurier</em> wohlwollend berichtete: „Mitten in dieser Honoratiorengruppe war plötzlich ein, sagen wir: „Paxicus pfifficus“ zu sehen, der Franz-Josef Strauß verblüffend ähnlichsah, aber nur, weil er eine entsprechende Maske über den Kopf gestülpt hatte. Wer war’s? Na klar, Dr. Ernst Busche von der Deutschen Friedensunion (DFU), der dagegen protestierten wollte, dass das bayrische Original zum Eiswett-Essen am 18. Janur in die „Glocke“ eingeladen worden ist.“ <em>[1]</em> Wie auf dem Foto ersichtlich, ließ man ihn gewähren.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="678" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1988-1024x678.jpg" alt="" class="wp-image-2254" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1988-1024x678.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1988-300x199.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1988-768x508.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1988.jpg 1370w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswettprobe am 6.1.1988. Ernst Busche von der Deutschen Friedensunion protestiert gegen die Einladung von Franz-Josef Strauß auf die Eiswettfeier.&nbsp;<br>Foto: Staatsarchiv Bremen / Jochen Stoss</figcaption></figure>



<p>Im nächsten Jahr war der Protest weitaus gewichtiger und spektakulärer. Bremer Nautikstudenten und Seeleute protestierten gegen Zweitregister und Billigflaggen. Ihr Zorn richtete sich gegen den Bremer FDP-Landesvorsitzenden Manfred Richter, der als Bundestagsabgeordneter für das entsprechende Gesetz eingetreten war und als Gast auf der Eiswettfeier erwartet wurde. Auf einem Flugblatt warf man ihm vor, dass er sich „zum Totengräber der Seeschifffahrt unter zivilisierten Sozial- und Sicherheitsbedingungen“ mache.<em>[2] </em>Am Ende der Eiswettprobe blockierten Demonstranten mit einem langen  </p>



<p><em>[1]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 7.1.1988.<br><em>[2] </em>Das Zweitregistergesetz erlaubte es deutschen Reedern, deutsche Besatzungen durch billigere Ausländer zu ersetzen, die nicht unter dem Schutz des deutschen Tarifrechts standen. Unter anderem klagten die Gewerkschaften ÖTV und DAG gegen das Gesetz von 1989 beim Bundesverfassungsgericht, das nach jahrelangen Verhandlungen 1995 zu dem Ergebnis kam, dass es verfassungskonform sei, weil es den Erhalt der deutschen Handelsflotte sichern sollte, einem wichtigen Gemeinschaftsgut. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 63</p>



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<p>Ruderboot namens „Banana“ und einigen Seeleuten, die in Überlebensanzügen im Wasser herumspaddelten, das Ablegen des DGzRS-Bootes „Biene“, das den Schneider &#8211; den zum ersten Mal Burckhard Göbel spielte &#8211; wie üblich an das gegenüberliegende Weserufer bringen sollte. Stattdessen boten sie an, ihn auf der „Banana“ mit hinüber zu nehmen, damit er auch mal „für’n Appel und ’n Ei“ auf einem Boot unter Billigflagge fahre. Der Schneider nahm das Angebot nicht an, obwohl auch von Land gerufen wurde: “Schneider sei kein Frosch! Lass dich rüberpullen!“ „Das wäre eine politische Demonstration gewesen – im Namen des Eiswettvereins“, schrieb der Reporter. Und so warteten die Protestierenden vergeblich auf den Schneider. Nach einer halben Stunde gaben sie ihre Blockade auf und der Schneider konnte, wie gewohnt, mit einem Boot der DGzRS trockenen Fußes über die Weser schippern. Präsidium und Novizen hatten inzwischen längst den Ort des Geschehens „sang- und klanglos verlassen.“<em>[1] </em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="677" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1989-1024x677.jpg" alt="" class="wp-image-2255" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1989-1024x677.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1989-300x198.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1989-768x508.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/eiswettprobe_1989.jpg 1374w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Eiswettprobe am 6.1.1989. Nautik-Studenten und Seeleute protestieren gegen Zweitregister und Billigflaggen. Im Hintergrund die „Banana“. Foto: Staatsarchiv Bremen / Jochen Stoss </figcaption></figure>



<p><em>[1] </em>Alle Zitate aus der Reportage des <em>Weser-Kurier</em> vom 7.1.1989.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 64</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="677" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protest_billigflaggen-1024x677.jpg" alt="" class="wp-image-2256" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protest_billigflaggen-1024x677.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protest_billigflaggen-300x198.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protest_billigflaggen-768x508.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protest_billigflaggen.jpg 1373w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswettprobe am 6.1.1989. Protest gegen Billigflaggen. <br>Foto: Staatsarchiv Bremen / Jochen Stoss </figcaption></figure>



<p>Am 6. Januar 1998 stand Notarius publicus Ralf Borttscheller “im Visier einiger Friedens- und Asylantenfreunde, die auf einem Transparent anklagten: „Hier spielt er den Lieben, will sonst Menschen in den Tod abschieben.“<em>[1]</em> Borttscheller hatte sich als Innenenator den Ruf eines Hardliners in der Asylpolitik erworben. Unter fünfzehn Asylsuchenden aus Togo, für die er eine Ausweisungsverfügung bei der Ausländerbehörde bewirkt hatte, obwohl das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) dringend vor Abschiebungen nach Togo abgeraten hatte, waren auch zwei Heranwachsende, die an Bremer Schulen unterrichtet wurden. Das hatte zu heftigen Protesten in der Stadt geführt.<em>[2]</em> Am 6. Januar 2015 hatten sich Mitarbeiter von Beck’s eine Protestaktion gegen die geplante Entlassung von 151 gewerblichen Mitarbeitern ausgedacht. In Nachahmung der ukrainischen „globalen Frauenbewegung Femen“, deren Markenzeichen Oben-ohne-Aktionen waren, bei denen sie Blumenkränze im Haar trugen, stellten sich einige männliche Beck&#8217;s-Betriebsangehörige während der Eiswettprobe auf den Osterdeich, um ein Stück Bremer Öffentlichkeit für ihre Belange herzustellen.  </p>



<p><em>[1] Weser-Kurier</em> 7.1.1998.<br><em>[2]</em> Etwa 80 Oppositionelle gegen die togoische Diktatur hielten sich damals in Bremen auf, darunter zwei Brüder von 16 und 18 Jahren, Halbwaisen, deren Vater in Togo nach seiner Verhaftung spurlos verschwunden war. Es kam zu Solidaritätsaktionen an Schulen, durch Menschenrechtsorganisationen, sowie durch kirchliche Organisationen, die Mahnwachen und Unterschriftenaktionen vor dem Rathaus, der Bürgerschaft und vor dem Amtssitz des Innensenators veranstalteten. Mit Erklärungen hatten sich auch Bündnis 90/Grüne und die PDS gegen das Vorgehen von Borttscheller gewandt. Vgl. Magazin „Friedensforum“ des „Netzwerks Friedenskooperative“, Newsletter 1998 und „Bremer Togo-Politik rechts der CSU“. Artikel von Jens Tittmann in: <em>taz-Bremen </em>vom 17.1.1998.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 65</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="942" height="628" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protestaktion_eiswette.jpg" alt="" class="wp-image-2257" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protestaktion_eiswette.jpg 942w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protestaktion_eiswette-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protestaktion_eiswette-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protestaktion_eiswette-750x500.jpg 750w" sizes="(max-width: 942px) 100vw, 942px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswettprobe am 6. Januar 2014 – Protestaktion auf dem Osterdeich während der Eiswettprobe.&nbsp;Foto: Verfasser</figcaption></figure>



<h1 class="wp-block-heading" id="der-schneider-und-das-klima">Der Schneider und das Klima </h1>



<p>„Der Schneider und das Klima“ &#8211; „Die 191. Eiswette hat im Zeichen der Klima-Diskussion gestanden“ &#8211; „Klimawandel prägt Eiswette. Bei Bremer Tradition dreht sich in diesem Jahr alles um CO².“ – das waren die Schlagzeilen von <em>Weser-Kurier</em> und <em>Nordwestzeitung</em> am 7. Januar.<em>[1] </em>Die Reportage in der Nordwestzeitung beginnt so: „Nein, Greta Thunbert war nicht dabei. Dennoch ist der Klimawandel am Dreikönigstag so etwas wie das beherrschende Thema der 191. Eiswettprobe am Punkendeich gewesen. Das lag nicht zuletzt auch am Eiswettschneider selbst…“. Tatsächlich war der Schneider am 6. Januar in Sachen Umwelt unterwegs. Sein Bügeleisen, verkündete er, würde er aus Rücksicht auf den Klimawandel nicht mehr mit Kohle erhitzen. Und er hatte auch einen großen Auftritt zum Thema. Mit einem „CO²“- Sauger sammelte er die ausgeatmete Luft der Zuschauer in riesigen Plastik-Beuteln auf seinem Rücken, weil wir ja mehr CO² bräuchten angesichts der Tatsache, dass es während der Eiszeit vor 500 Millionen Jahren mehr CO² in der Atmosphäre gegeben hätte als heute.</p>



<p><em>[1] </em>Reportage im <em>Weser-Kurier</em> von Timo Thalmann; Bericht in der <em>Nordwestzeitung</em> von Thomas Kuzaj.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 66</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/co2-sauger-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2258" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/co2-sauger-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/co2-sauger-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/co2-sauger-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/co2-sauger-1536x1024.jpg 1536w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/co2-sauger-2048x1366.jpg 2048w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/co2-sauger-750x500.jpg 750w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswettprobe am 6.1.2020. Der Schneider sammelt mit einem „CO²-Sauger“ die ausgeatmete Luft der Zuschauer in Plastik-Beuteln. Foto: Micha Leykum</figcaption></figure>



<p>Seine scherzhaft gemeinte Nummer und sein forsches Auftreten standen in krassem Kontrast zur parallelen Veranstaltung von Darstellern der „Extincition Rebellion“, einer jungen Umweltschutz-Organisation, die mit Aktionen des zivilen Ungehorsams auf ihre Ziele aufmerksam macht. Ihre feuerroten Kostüme sollen, so schildern sie es selbst auf ihrer Website „für das Blut der unzähligen Arten (stehen), die derzeit durch unser Handeln in einem rasenden Tempo aussterben. (…) Wir zerstreuen, verzaubern und inspirieren die Menschen, die uns betrachten. (…) die pantomimischen langsamen Bewegungen laden zum Innehalten und Besinnen ein.“<em>[1] </em><br>Außer dem eindrucksvollen Auftreten der „Roten Rebellen“ von „Extinction Rebellion“ kam es offensichtlich auch zu privat vorbereiteten Aktionen einzelner Zuschauer.  </p>



<p><em>[1] </em>Informationen der Bremer Website www.extincitionrebellion.de vom 16.01.2020.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/nordsee_protest-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2260" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/nordsee_protest-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/nordsee_protest-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/nordsee_protest-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/nordsee_protest-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/nordsee_protest.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Protest auf der Eiswettprobe am 6. 1.2020. Foto: Micha Leykum </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="638" height="398" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protest_eiswette_schmelze.png" alt="" class="wp-image-2261" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protest_eiswette_schmelze.png 638w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/protest_eiswette_schmelze-300x187.png 300w" sizes="(max-width: 638px) 100vw, 638px" /><figcaption class="wp-element-caption">Protest auf der Eiswettprobe am 6.1.2020. Foto: Micha Leykum </figcaption></figure>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote-rebellen-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2262" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote-rebellen-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote-rebellen-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote-rebellen-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote-rebellen-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote-rebellen.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Eiswettprobe am 6.1.2020. Die „Roten Rebellen“ von „Extincition Rebellion“. <br>Foto: Micha Leykum </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="547" height="537" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote_rebellen_2.png" alt="" class="wp-image-2263" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote_rebellen_2.png 547w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote_rebellen_2-300x295.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/rote_rebellen_2-70x70.png 70w" sizes="(max-width: 547px) 100vw, 547px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Die „Roten Rebellen“ von „Extinction Rebellion“ auf der Eiswettprobe am 6.1.2020. <br>Foto: Micha Leykum </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/klimawandel_protest-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-2265" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/klimawandel_protest-1024x683.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/klimawandel_protest-300x200.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/klimawandel_protest-768x512.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/klimawandel_protest-750x500.jpg 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/03/klimawandel_protest.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Thema Klimawandel auf den Zuschauer-Rängen. Eiswettprobe am 6.1.2020. Blick auf den Osterdeich. Rechts im Bild, den Zylinder schwenkend, Präsident Patrick Wendisch. <br>Foto: Micha Leykum </figcaption></figure>



<p>Das Auftreten des Schneiders in Sachen Klimaschutz hat noch einen Aspekt, der in seiner Geschichte mit dem Boot steckt, auf dem er mit der ergaunerten riesigen Schnapsbuddel die Weser überqert. Von Beginn an kamen Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) zum Punkendeich </p>



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<p>heraufgeschippert, um ihm zur Flucht zu verhelfen. Der erste kam aus Fedderwarden, nördlich von Wilhemshaven. 1963 und 1971 kam sogar die <em>Langeoog </em>von der gleichnamigen Insel. Die <em>Wilhelmine Wiese</em> von 1956 hatte noch ein Ruderboot an Bord, in dem ein Seebär mit Pfeife und Prinz-Heinrich-Mütze ihn zum anderen Ufer pullte. Sie war neun Meter lang und hatte 53 PS. Allein das Tocherboot der <em>Hermann Rudolf Meyer</em>, das den Schneider 2019 (und 2003) über die Weser transportierte, hat fünfmal so viel PS und ist sieben Meter lang. Das Mutterboot hat eine Länge von 23 Metern und zwei Dieselmotoren von je 1350 PS. Es dürfte auf dem 65 Kilometer langen Wasserweg von Bremerhaven bis zum Punkendeich und zurück sechs Stunden unterwegs gewesen sein, wenn es mit Höchstgeschwindigkeit (23 km/h) fuhr. Aber auch an der Weser gab es noch keinen Stillstand: „Schon vor Beginn der eigentlichen Eiswette fuhr der Seenotrettungskreuzer Hermann Rudolf Meyer ungeduldig und unablässig die Weser hoch und runter.“<em>[1]</em> In Zeiten, wo Umweltschutz auf der Tagesordnung steht, ist die lange Fahrt eines Seenotrettungskreuzers von der Nordsee nach Bremen, nur um einen 99 Pfund leichten Schneider von einem Weserufer zum anderen zu transportieren, nicht mehr zeitgemäß.  Ein Boot vom gegenüberliegenden Ruderverein täte es auch. </p>



<p><em>[1] </em>Sigrid Schuer, Wunder an der Weser, <em>Weser-Kurie</em>r vom 7. Januar 2019</p>



<h1 class="wp-block-heading" id="dank">Dank</h1>



<p>Die vorstehenden Ausführungen wären nicht annähernd so lebendig geworden ohne die zahlreichen Fotos, die mir Fotografinnen und Fotografen, bzw. Archive zur Verfügung gestellt haben. Mein Dank gilt den Damen und Herren Ursula Heß (Eiswette Hagen im Bremischen), Ortwin Kork und Piter Wichers (Eiswette Hohnstorf), Tilo Röpcke (Eiswette Neu Darchau / Darchau), Sarah Jonek (Eiswette Schildesche/ Jöllenbeck), Rosemarie Rospek (Eiswetten von 1829 in Bremen 1952 und 1954), Micha Leykum (Eiswette von 1829 in Bremen 2020 mit den Aktionen von „Extinction Rebellion“), Jochen Stoss (Eiswetten von 1829 in Bremen 1982, 1984, 1989, 2003), Frank Thomas Koch (Eiswette von 1829 in Bremen 2019), dem <em>Club zu Bremen</em> (Foto von Richard Ahlers), Boris Löffler-Holte vom Fotoarchiv des Staatsarchivs Bremen und Michael Schnelle vom LIS/Zentrum für Medien in Bremen (mehrere Fotos). Mein besonderer Dank gilt Dr. Daniel Tilgner vom LIS/Zentrum für Medien in Bremen, der mir den Film über die Eiswettprobe aus dem Jahr 1934 zur Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt hat.</p>



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<p class="has-text-align-right">Seite 70</p>



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<h2 class="wp-block-heading"></h2>
]]></content:encoded>
					
		
		<enclosure url="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2020/04/Film_Eiswette_YTSD.mp4" length="52883610" type="video/mp4" />

			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 11 &#8211; Schulterschluss mit den Eiswettgenossen / Die Ära Scherf (1995 -2005)</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-11-schulterschluss-mit-den-eiswettgenossen-in-der-regierung-die-aera-scherf-1995-2005/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Nov 2019 09:24:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 11]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/?p=1242</guid>

					<description><![CDATA[Erste Einladung 1996

Scherf hatte als designierter Bürgermeister „unentwegt für dieses Modell getrommelt“[1] Er schaffte, was keinem Bürgermeister vor ihm gelungen war: in seiner Regierungszeit auf jeder Eiswette anwesend zu sein.[2] Das war nicht vorauszusehen, denn noch als Senator, berichtet sein Biograf, hatte er sich damit „gebrüstet“, niemals Gast der „Eiswette“ gewesen zu sein“.[3] Als Bürgermeister der Großen Koalition nahm er die erste Einladung für den 15. Januar 1996 an. Die Veranstaltung fand in einem   ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading" id="erste-einladung-1996">Erste Einladung 1996 </h2>



<p>Scherf hatte als designierter Bürgermeister „unentwegt für dieses Modell (Die Große Koalition &#8211; d. Verf.) getrommelt“<em>[1]</em> Er schaffte, was keinem Bürgermeister vor ihm gelungen war: in seiner Regierungszeit auf (fast) jeder Eiswette anwesend zu sein (neun von zehn). Das war nicht vorauszusehen, denn noch als Senator, berichtet sein Biograf, hatte er sich damit „gebrüstet“, niemals Gast der „Eiswette“ gewesen zu sein“.<em><em>[2]</em> </em>Als Bürgermeister der Großen Koalition nahm er die erste Einladung für den 15. Januar 1996 an. Die Veranstaltung fand in einem neuen Rahmen statt. Die <em>Glocke</em> wurde renoviert und man zog – für immer – in den <em>Hanse-Saal</em> des <em>Congress Centrums</em> auf der Bürgerweide, den größten Festsaal der Stadt. Die Zeit der „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ in der <em>Glocke</em>, als ein Teil der Gäste an kleinen, eckigen Tischen auf dem Rang sitzen musste, war vorbei. Nun wurden alle 705 Teilnehmer an 47 runden Tischen, den „Eisschollen“, in einem Rund platziert, was dem Ganzen eine noch größere Festlichkeit verlieh.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Norbert Holst, „Kommentar über eine Große Koalition in Bremen. <em>Weser-Kurier</em> 26. 03.2019<br><em>[2]</em> Volker Mauersberger, Henning Scherf, Zwischen Macht und Moral &#8211; eine politische Biographie, Bremen 2007, S.190.<br>&nbsp;</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="608" height="714" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/sitzanordnung.png" alt="" class="wp-image-1245" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/sitzanordnung.png 608w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/sitzanordnung-255x300.png 255w" sizes="(max-width: 608px) 100vw, 608px" /><figcaption>Anordnung von 47 nummerierten „Eisschollen“-Tischen im <em>Hanse-Saal.</em> <br>Die Zusammenstellung der Gäste an den einzelnen Tischen obliegt dem Präsidium. </figcaption></figure>



<p>Auch „medientechnisch – „geradezu High Tech“ wurde den Teilnehmern etwas geboten. Während auf der Bühne der <em>Glocke</em> jahrelang nur das Modell eines &#8222;Seenotkreuzers“ gestanden hatte, „wirkte der auf Großbildleinwand gezeigte Film über die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wie eine multimediale Revolution.“<em>[1]</em> Natürlich wurde wieder ein neuer Spendenrekord erzielt: 214.000 DM statt der 211000 DM im Vorjahr. Zur Feier der ersten Eiswette im Rahmen der Koalition mit der CDU waren sämtliche männliche Mitglieder der Landesregierung anwesend; vier von der CDU: Ralf Borttscheller, Sohn des legendären Präsidenten, seit 1984 Eiswettgenosse, Ulrich Nölle, Bernt Schulte, Harmut Perschau und Uwe Beckmeyer von der SPD. Eine besondere Würdigung der neuen Landesregierung fand auf der Feier, den Zeitungsberichten zufolge, nicht statt.   </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Kurier am Sonntag</em> 21.01.1996.</p>



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<p>In seiner Gästerede ging Kurt Biedenkopf, Ministerpräsident von Sachsen,  launig auf die Unterschiede zwischen Bremen und Sachsen ein: „Die Sachsen haben sich dazu entschieden, entweder richtig rot oder richtig schwarz zu sein.“<em>[1]</em>&nbsp;Die Feier verlief ohne besondere Vorkommnisse. Allerdings gab es „am Rande des Eiswettessens“ eine bemerkenswerte Erklärung von Bürgermeister Scherf zur Bremer Vulkanwerft, über die der &#8222;Kurier am Sonntag&#8220; im Zusammenhang mit der Eiswette berichtete. Der Wirtschaftsdienst <em>Platow-Brief </em>hatte über einen unmittelbar bevorstehenden Konkurs der <em>Bremer Vulkan Verbund AG</em> berichtet. Eine finanzielle Bestandsaufnahme habe ein so schlechtes Ergebnis gebracht, „dass eine Rettung des Unternehmens kaum mehr möglich“ erscheine. Darauf angesprochen, sagte Scherf der Deutschen Presseagentur (dpa): „Alles Quatsch, da will nur jemand Bremen schaden! (&#8230;)  „Die kurzfristigen Liquiditätsprobleme“ seien „gelöst.“ „Die bisher von der <em>Verbund AG</em> allein aufzubringende dreistellige Millionensumme für die Ost-Werften „werde auf andere Weise organisiert als bisher.“ &#8222;Erläuterungen dazu gab er nicht.“ <em>[2]</em>&nbsp; </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="503" height="550" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vulkan-geruechte.png" alt="" class="wp-image-1248" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vulkan-geruechte.png 503w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vulkan-geruechte-274x300.png 274w" sizes="(max-width: 503px) 100vw, 503px" /><figcaption><em>Kurier am Sonntag</em> 21.1.1996</figcaption></figure>



<p>Bekanntlich stellte die Konzernleitung am 21. Februar einen Vergleichsantrag beim Amtsgericht, um einer Konkursverschleppung zu begegnen. Am 1. Mai erfolgte der Anschlusskonkurs für die Konzernzentrale in Bremen und drei Tochtergesellschaften. Im August 1997 wurde die Werft stillgelegt. <em>[3] </em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> <em>Weser-Kurier</em> 22.01.1996. <br><em>[2]</em> <em>Kurier am Sonntag</em> 21.01.1996. <br><em>[3]</em> Vgl. Stichwort <em>Bremer Vulkan</em>. In. Wikipedia 26.9.2019.</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-eiswette-1999-us-botschafter-als-ehrengast-sissi-perlinger-ausgebuht">Die Eiswette 1999 / US-Botschafter als Ehrengast / Sissi Perlinger ausgebuht</h2>



<p>Die Eiswettgenossen hatten noch ein Versäumnis gutzumachen, nachdem sie 1991 den eingeladenen Botschafter der USA nicht auf ihrer Feier empfangen konnten. Präsident Kloess hatte die Feier abgesagt, aus Sorge, die Sicherheit der Gäste nicht gewährleisten zu können.<em>[1]</em> Botschafter war damals Vernon Walters (1989 bis 1991) gewesen, Befürworter aller US-Militärinterventionen, der den Vietnam-Krieg „einen der nobelsten und selbstlosesten Kriege“ genannt hatte.<em>[2]</em>Unmittelbar nach Kriegsbeginn am 17. Januar hatte es zahlreiche „Friedensaktionen“ auf den Straßen der Stadt gegeben, die sich vornehmlich an die Adresse der Vereinigten Staaten richteten. Unter den Demonstranten waren auch „ganze Abteilungen senatorischer Behörden mit ihrenRessortchefs Henning Scherf und Sabine Uhl an der Spitze“, die den Bahnhofsbereich lahmlegten.<em>[3]</em> Nun war US-Botschafter John C. Kornblum Hauptredner auf der Eiswette. Nur kurz schnitt er Probleme an, die „an der Schwelle zum dritten Jahrtausend“ zu lösen wären, zum Beispiel: „Wie gehen wir mit Konflikten innerhalb eines Landes (Bosnien, Kosovo, Ruanda) um?“ Die Zeiten hatten sich geändert. Der Golfkrieg war vorbei, aber seine Folgen noch lange nicht, wie der Botschafter selbst bemerkte: „Der Irak widersetzt sich weiterhin den USA.“ <em>[4]</em> Kornblums Aufenthalt in Bremen ging ohne jede Störung vonstatten, und sein Auftritt im <em>Congress Centrum</em> verlief in großer Harmonie. <br><br>Aber der Bürgermeister wurde doch noch Zeuge einer unliebsamen Begebenheit, die wohl niemand mehr zehn Jahre nach dem Scheibner-Skandal erwartet hätte: Ein Sturm der Entrüstung war über die Kabarettistin und Performance-Künstlerin Sissi Perlinger hereingebrochen. Sie hatte auf ihrer mehrjährigen Deutschland-Tournee schon zweimal in Bremen gastiert, bevor sie vom Präsidium für den kulturellen Teil der Veranstaltung eingeladen worden war. Die Eiswettgenossen waren von ihrer „Ein-Frau-Show“ völlig überfordert. Sie setzten der Künstlerin mit wütenden „Buhs!“ und „Aufhören!“- Rufen so zu, dass sie die Vorstellung unterbrechen musste. Tapfer erklärte sie den aufgebrachten Herren in Frack und Smoking von der Bühne, dass man sie für ihre Schau engagiert und bezahlt hätte und dass sie ihr Programm, ungeachtet der Missfallenskundgebungen, auf jeden Fall in der vorgesehenen Form und Länge fortsetzen würde.<em>[5]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Vgl. Kapitel „1991 – Die Golfkrieg-Eiswette“<br><em>[2] Spiegel-online</em> 24.04.1989.<br><em>[3]</em> <em>Weser-Kurier</em> 19.1.1991. Scherf war Senator für Bildung und Wissenschaft, Sabine Uhl Senatorin für Jugend und Soziales.<br><em>[4]</em><strong> </strong>Zitate aus: <em>Weser-Kurier</em> 17.1.1999.<br><em>[5]</em> Vgl. Bericht im <em>Weser-Kurier</em> 18.1.1999.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 4</p>



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<p>So geschah es. Mut und Charme der Künstlerin konnten die Herren nicht erweichen – im Gegenteil: ihre weiteren Darbietungen quittierten sie mit eisigem Schweigen und &#8211; man mag es kaum glauben &#8211; etliche kehrten ihr nun ostentativ den Rücken zu. Welche Ungeheuerlichkeiten hatten den geballten Zorn der Eiswettgenossen hervorgerufen? Heinz Holtgrefe gab den Lesern des <em>Weser-Kurier</em> eine nicht sehr überzeugende Erklärung: „Die umgangssprachliche Benennung von Geschlechtsteilen, und was man mit ihnen anfangen kann, ging selbst Gästen zu weit, die sonst herzhaft über derbe Scherze lachten.“<em>[1]</em><strong> </strong>Diese „derben Scherze“ waren oft Zoten, wie in den Berichten von Holtgrefe zu erfahren war. Das war also allgemein bekannt. Es ging dabei vor allem darum, die Eiswettgenossen in Spendierlaune zu versetzten.<em>[2]</em> Was Perlinger gemacht hatte, war nichts anderes, als die in ihrer Machart bekannten anzüglichen Witze „mal andersherum“ zu erzählen und den Männern damit „den Spiegel vorzuhalten“.<em>[3]</em> Genau das hatte Senatorin Anja Stahmann im Sinn, als sie während der ersten von zwei Bürgerschaftsdebatten über Frauen auf Schaffermahl und Eiswette gesagt hatte: „Bei der Eiswette gibt es auch Männer, die sich rühmen, besonders frauenfeindliche Witze zu äußern und dafür Beifall oder Gelächter kassieren. Auch das überstehen wir im Jahr 2013. Wir können auch Gegenwitze erzählen. Auch das wäre kein Hinderungsgrund dafür, dass man Frauen einladen sollte.“<em>[4] </em>Perlingers Programm hätte eines selbstironischen gestandenen Männerpublikums bedurft, und genau das hatte sie nicht vorgefunden. Ihr Auftritt wurde am gleichen Abend vor den Eiswette-Damen im Parkhotel bejubelt.<em>[5]</em> Die Erfahrung mit den Eiswettgenossen hat Perlinger inzwischen aus ihrem Gedächtnis gestrichen. <br><br>Der Eklat von 2019, als die Eiswettgenossen der Bürgermeisterin Karoline Linnert den Zugang für den verhinderten Präsidenten des Senats, Carsten Sieling, verwehrten, hat inzwischen zur Aufhebung des Frauentabus geführt. Die „Fallhöhe“ dieses Entschlusses wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, welcher Art frauendiskriminierender „Witze“ auf der Eiswette möglich waren.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Weser-Kurier</em> vom 18.1.1999. Das Programm der Künstlerin war leider nicht aufzufinden. Ihre erfolgreichen Auftritte als Performance-Künstlerin hat sie bis heute – auch in Bremen – fortgesetzt. <br><em>[2]</em><strong> </strong>Zum Beispiel im <em>Weser-Kurier</em> vom 22.01.2001: „Schatzmeister Ulrich Demeler griff bei seinem Plädoyer für möglichst großzügige Spenden ganz tief (! – d. Verf.) in die Zotenkiste.“ <br><em>[3]</em> So der Redakteur Karl-Henry Lahmann in einem Kommentar von <em>buten und binnen</em> zu dem Vorfall von 1999 am 18. Januar 2019 (anlässlich der Ausladung von Karoline Linnert).<br><em>[4]</em> Bremische Bürgerschaft Landtag 18. Wahlperiode Drucksache 18/753 vom 4.02.1913, S.2617. Stahmann war Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport. Die zweite Debatte fand am 28. März 2019 statt. Vgl. Bremische Bürgerschaft Landtag 19. Wahlperiode Plenarprotokoll. <br><em>[5] </em>Vgl. Karl-Henry Lahmann, a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 5</p>



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<p>Im Redemanuskript eines Präsidiumsmitglieds für die Eiswette 2011finden sich drei davon. Hier einer als Beispiel: „Herr Bürgermeister (Böhrnsen), kommen wir noch mal zu Ihnen zurück. Der Ton zwischen Ihnen und Karoline Linnert wird ja nun im Wahlkampf auch rauer werde. „Du, Jens, am 22. Mai, da ist doch Bürgerschaftswahl. Und es kommt doch heute bei den Wahlen immer mehr auf die Optik an. Ja, und deswegen. Ich hab’s jetzt mal ausprobiert. Ich war auf einer Schönheitsfarm!“ „Und … warum bist du nicht rangekommen?“<em>[1] &nbsp;</em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="vom-saulus-zum-paulus-scherfs-rede-auf-der-eiswette-2000">Vom Saulus zum Paulus / Scherfs Rede auf der Eiswette 2000 </h2>



<p>Lange Jahre war Scherf der ärgste politische Gegner der Kaufleute und ihr liebstes Spottobjekt gewesen. Im Januar 1979, als er gerade drei Monate im Amt des Finanzsenators war, erntete das Eiswettspiel den „unbestritten meisten Beifall“ mit einem „deftigen“ satirischen Beitrag über ihn, der „so recht nach dem Geschmack der meisten im Saal (war)“.<em>[2]</em> Die Feindseligkeiten waren von beiden Seiten über viele Jahre gepflegt worden. Anlässe bot der Senator genügend. Berühmt wurde seine Aussage vom Juli 1979 als er von einem politischen „Albtraum“ sprach, von einer „Gang“ an der Staatsspitze aus dem Dreigestirn Carstens (Bundespräsident), Stücklen (Bundestagspräsident) und Strauß als Kanzler<em>[3]</em>. Man nahm ihm in den konservativen Eiswett-Kreisen naturgemäß noch mehr als in seiner eigenen Partei übel, dass er 1980 als Jugendsenator während der Demonstration gegen das feierliche Rekrutengelöbnis im Weserstadion, das er in dieser Form ablehnte, erschienen war, angeblich um zwischen den Demonstranten und der Polizei zu vermitteln. 1981 hatte er sich gegen die „Nachrüstung“ der Bundeswehr mit Pershing 2 Raketen ausgesprochen.<em>[4]</em> Ende 1983 &nbsp;war er zwei Wochen in Nicaragua, wo er – zur Unterstützung der sandinistischen Befreiungsbewegung &#8211; symbolisch und praktisch an der Kaffeeernte teilnahm.<em>[5]</em> Bei seiner Rückkehr warf ihm der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Peter Kudella vor, mit seinem Engagement für das links-revolutionäre Nicaragua Unternehmen von Investitionen in Bremen abzuhalten.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Aus dem Redemanuskript des „Notarius Publicus“ und Schriftführers Jan-Martin Zimmermann, das er dem <em>Weser-Kurier</em> einen Tag vor der Eiswette am 15.1.2011 zusandte. <br><em>[2]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 22.1.1979.<br><em>[3]</em><strong>&nbsp;</strong>„&#8230;als ob der Staat dann an eine Gang abgetreten ist.“ Interview in den <em>Bremer Nachrichten </em>am 24. Juli 1979, zitiert bei Volker Mauersberger, a.a.O., S.171.<br><em>[4]</em> A.a.O., S.164.<br><em>[5] </em>A.a.O., S.178/179.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 6</p>



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<p> „Falls dieser Senator (für Soziales, Jugend und Sport – d. Verf.) seinen Schreibtisch räumen würde, wäre das so viel wert wie eine Senkung der Gewerbesteuer um 200 Punkte (200 Millionen DM)“.<em>[1]</em> Scherf stand in dem Ruf „nicht nur ein überzeugter Linker, sondern ein Mann der flotten Sprüche und unbeherrschten Zitate, spontan und unkontrollierbar zu sein.“<em>[2] </em>Für die CDU in Bremen wurde er der „gefährlichste Linksaußen der Stadt“, ein&nbsp; „Bürgerschreck“<em>[3]</em>, das „rote Tuch.“<em>[4]</em> Als Koschnick 1981 durch den Kakao gezogen wurde, „traf das weniger den Geschmack der Zuhörer“, wie die Lokalpresse berichtete, während die Versammlung&nbsp; im nächsten Augenblick sehr wohl bereit war, mit Beifall nicht zurückzuhalten, wenn es „um den in ihren&nbsp; Kreisen offensichtlich weniger beliebten Sozialsenator Henning Scherf ging.“<em>[5]</em> Im Januar 1995 nannte ihn Ralf Borttscheller, Mitglied des Eiswette-Präsidiums und CDU-Bürgerschaftsabgeordneter, auf der Feier „Bremens Naturkatastrophe“, weil er „Schäden in Millionenhöhe angerichtet (hätte).“<em>[6]</em> Die Zitate erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, geben aber einen Eindruck davon, wie die Eiswette zum Politiker Scherf noch ein halbes Jahr vor der Großen Koalition stand (in der Ralf Borttscheller dann Innensenator wurde). Mit dem Eintritt der CDU in die Landesregierung und Scherfs regelmäßigen Teilnahmen an den Eiswetten, begann etwas, für das Bernd Neumann, seit 1979 Bremer CDU-Landesvorsitzender und einer der&nbsp; schärfsten politischen Gegner Scherfs<em>[7]</em>, ein geeigneter Zeuge gewesen sein dürfte. Neumann hatte Scherf zu Beginn der Großen Koalition „zunächst für eine Hypothek“ gehalten. Aber er revidierte sehr bald sein Urteil, weil er meinte, bei Scherf eine „Wandlung“ ausgemacht zu haben. Er nannte es im Rückblick „Scherfs zweite Biografie.“<em>[8]</em> Hartmut Perschau, damals CDU-Bürgermeister, mit dem Scherf nach eigener Aussage „die Große Koalition gestaltet“ hatte,<em>[9]</em> sprach in seiner Festrede zu Scherfs 60. Geburtstag 1998 – wohl auch in Anspielung auf Scherfs Amt als Kirchensenator &#8211; von dessen „Wandlung vom Saulus zum Paulus“.<em>[10]</em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> A.a.O., S.180.<br><em>[2] </em>A.a.O., S. 190<br><em>[3]</em>&nbsp;A.a.O., S.175.<br><em>[4]</em><strong>&nbsp;</strong>A.a.O., S.173<br><em>[5]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 19.1.1981. <br><em>[6]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 23.1.1995.<br><em>[7]</em>&nbsp;Vgl. Mauersberger, a.a.O., S.173 und passim.<br><em>[8]</em><strong>&nbsp;</strong>Alle Zitate a.a.O., S.260.<br><em>[9]</em>&nbsp;Scherf in der Gästerede am 15.1.2000. Dem Verfasser liegt das wörtliche Transkript der Rede im Original vor. <br><em>[10]</em>&nbsp;Mauersberger, a.a.O., S.267.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 7</p>



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<p>Die erste Periode der Großen Koalition war zur großen Zufriedenheit aller beteiligten Politiker verlaufen. Scherfs Popularitätswerte lagen vor den Wahlen vom 6. Juni 1999 deutlich über denen der Schröder-Regierung. Das Wahlergebnis der SPD lag mit 42,6 Prozent weit über dem Bundestrend der Partei und zehn Prozent über dem der letzten Bürgerschaftswahl. Obwohl eine Koalition mit den Grünen möglich gewesen wäre (57 Abgeordnete von 100), war es für Scherf keine Frage, die Koalition mit der CDU fortzusetzen. Am 7. Juli kam es zur Neuauflage der Großen Koalition. Die Eiswettgenossen Ralf Borttscheller (Inneres) und Josef Hattig (Wirtschaft) saßen schon seit 1995, bzw. seit 1997 für die CDU auf der Regierungsbank. Auch Hartmut Perschau, Scherfs Vertrauter in der CDU, war in jenen Jahren regelmäßiger Gast auf der Eiswette. Einem Auftritt des Bürgermeisters auf der nächsten Eiswette, am 15. Januar 2000, stand von Seiten der Eiswettgenossen nichts mehr im Wege. Immerhin würde es die erste Rede eines Bremer Bürgermeisters seit fast zwanzig Jahren sein, als Koschnick zur Entspannungspolitik der sozialliberalen Regierung gesprochen hatte.<em>[1]</em>  Zum 15. Januar 2000 hielt Henning Scherf die Gästerede auf der Eiswette. Vorweggenommen sei, dass es ihm gelang, die Herzen der Versammlungsteilnehmer im Sturm zu erobern, als er seine vorbehaltlose Begeisterung für die Eiswette und ihre Genossen im Allgemeinen und für die Teilnahme der Kaufleute an seiner Regierung im Besonderen zum Ausdruck brachte. Als „Deutschland-Redner“ war ihm Arnulf Baring zur Seite gestellt, einer der konservativsten Publizisten und Historiker des Landes<em>[2]</em>. Diese Kombination wird nicht ohne Hintersinn gewesen sein, aber die Feier nahm einen Verlauf, der die Erwartungen der meisten Festteilnehmer „mit Sicherheit“ übertroffen haben dürfte, wie Eiswett-Reporter Holtgrefe im Weser-Kurier schrieb.<em>[3]</em> Das galt nicht für Baring, der die Veranstaltung auf den gewohnt nationalen Kurs brachte, als er den wenig ausgeprägten Nationalstolz der Deutschen  beklagte und dafür begeisterten Applaus erhielt.<em>[4]</em> Das galt noch mehr für Scherfs Rede,   in dessen Mittelpunkt alles stand, was den bremischen Unternehmern lieb und teuer war: die Bremer Lagerhaus Gesellschaft, die „Hütte“, die „Daimler-Leute“, Airbus, der Flughafen und der Container-Terminal in Bremerhaven. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Bei seiner zweien Gästerede 1990 war er schon fünf Jahre nicht mehr im Amt. Er war damals lediglich für den kurzfristig absagenden Bundessozialminister Norbert Blüm eingesprungen. Vgl. <em>Weser-Kurier</em> vom 22.1.1990. <br><em>[2]</em>&nbsp;Vgl. seinen Artikel in der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em> vom 19.1.2002 „Bürger auf die Barrikaden! Deutschland auf dem Weg zu einer westlichen DDR.“<br><em>[3]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 17.1.2000. <br><em>[4]</em>&nbsp;A.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 8</p>



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<p>Der Bürgermeister zog ein vorläufiges Fazit seiner Regierungsarbeit: „Es gibt seit diesen viereinhalb Jahren eine wirklich nicht abreißende Kette von konstruktiven Entscheidungen, an denen ich, aber auch die ganz große Mehrheit hier im Lande sich orientiert und sagt: Das ist es!“<em>[1]</em> . Bei der BLG, so der Redner, lag die Erfolgsbasis bei der Privatisierung und bei dem, was die Unternehmer daraus gemacht haben. („Wir geben das Risiko des Marktes voll in die Hände der Unternehmer. Wir halten uns als Stadt da heraus, wollen da keine VEB von machen.“); bei der „Hütte“ waren es beide Seiten („Wir haben den richtigen Verbündeten gefunden mit ARBED.“); bei Daimler „die tollen Daimler-Leute“ mit ihrer 3 Milliarden-Investition. („Da kommt keiner gegen an, und das ist toll so, und ich danke Ihnen allen hierfür, dass Sie so toll und so gut für das Land zusammengearbeitet haben.“); bei Airbus war es die europäische Fusion mit den Franzosen und Engländern; beim Flughafen „richtig gute Architektur“ eines Bremer Architekten. Welchen Anteil der Bürgermeister selbst am Erfolg der von ihm aufgezählten Unternehmen und Wirtschaftsprojekte hatte, schien ihm an diesem Abend letztlich unwichtig. Entscheidend war, dass er einen Wandel&nbsp; in der Politik der Stadt angestrebt und seiner Überzeugung nach auch erreicht hatte: „Dieses Land, diese Freie Hansestadt brauchte das, sie brauchte dieses entschlossene Zusammengehen, dieses Beenden von Schuldzuweisungen, ohne etwas zu bewegen, dieses immer wieder neue Gräben ausheben, immer neue Diffamierungen ausdenken.“ Die zukünftige Aufgabe der Landesregierung beschrieb er so: „Wir wollen gerade nach diesen ersten guten vier Jahren weitere gute vier Jahre hinlegen.“ Für eine Bilanz schien es zwar noch zu früh, aber so viel konnte Scherf schon sagen: „Ich habe den Eindruck, wir sind seit ungefähr viereinhalb Jahren in einem neuen Abschnitt dieser 1200jährigen Geschichte dieser Freien Hansestadt.“  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Dieses Zitat und alle folgenden sind Scherfs Rede auf der Eiswette am 15.1.2000 entnommen. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 9</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="422" height="813" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/menuekarte.png" alt="" class="wp-image-1253" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/menuekarte.png 422w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/menuekarte-156x300.png 156w" sizes="(max-width: 422px) 100vw, 422px" /><figcaption>Eiswette-Menü 2000</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="das-hollerland">Das „Hollerland“ </h2>



<p>Zwei Themen aus der Rede verursachten große politische Aufregung. Die beiden Projekte, um die es dabei ging, sind in zwischen zu einem Ende gekommen, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise. Das erste war die seinerzeit in Bremen umstrittene Frage, ob das „Hollerland“ als ökologisch wertvolles „FFH“-Gebiet&nbsp; (Fauna-Flora-Habitat) bei der Europäischen Union zum Schutz angemeldet werden sollte, wofür die Mehrheit der SPD-Mitglieder und die Grünen waren, oder ob es der Nutzung eines zukünftigen „Technologie-Parks“ zugeführt werden sollte, wofür die CDU in der Koalitionsregierung plädierte. Scherf unterstützte die zweite Lösung mit folgenden Worten: „&#8230; hier gehen Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum v o r (Sperrung im Text &#8211; d. Verf.) Froschkultur. Ja, wie heißen sie, Schlammpeitzger, das ist die neueste Erfindung unserer Öko-Leute. Die erfinden ständig neue schützenswerte Tiere. – Nein, nein!“<em>[1]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em>Hollerland-Aktivist Gerold Janssen von den Grünen zitierte Scherf mit den Worten: „Sobald einer käme, um im Hollerland eine Milliarde zu investieren, wäre seine Entscheidung gefallen.“ Gerold Janssen, „Hier weiht de Wind“ – „Hände weg vom Hollerland!“ Erinnerungen eines Rebellen (1923-2006), Bremen, 2007, S.70.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 10</p>



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<p>Es ging tatsächlich um einen Fisch mit diesem lustigen Namen, aber natürlich auch um zahlreiche weitere Tiere und Pflanzen.<em>[1]</em> Die erfolgreiche Geschichte der Abwehr dieser Bebauung ist ausführlich erzählt worden.<em>[2]</em> Am 6. Februar, also drei Wochen später, erschien im CDU-nahen <em>Weser-Report </em>eine „Dokumentation“, in der wörtliche Teile der Scherf-Rede auf der Eiswette in Auszügen abgedruckt waren.<em>[3]</em> Der Titel des Artikels lautete: „Schlammpeitzger auffressen“. Wie erhofft, befeuerte dieser Artikel die Debatte in Bremen. Die Sache eilte sehr, denn die Europäische Kommission hatte&nbsp; die Anmeldung des Gebietes als FFH-Habitat bis Ende Dezember 1999 gefordert und Scherf hatte den gesetzten Termin verstreichen lassen, weil er entschlossen war, die Anmeldung nicht vorzunehmen.<em>[4] </em>Inzwischen hatte aber der SPD-Landesvorstand, im Gegensatz zur Großen Koalition, für die Anmeldung plädiert. Der <em>Weser-Report</em> hatte daraufhin Wirtschaftsstaatsrat Frank Haller, einen Befürworter des Technologie-Parks in der Zeitung zu Worte kommen lassen. Nun erhoffte man sich von Scherfs Beitrag eine entscheidende Unterstützung des Plans.<em>[5]</em> Der Bürgermeister konnte sich aus dieser Zwickmühle nicht befreien. Seine Partei, in dieser Sache angeführt von Christian Weber, der bis Juli 1999 Fraktionsvorsitzender der SPD und von da ab Präsident der Bremischen Bürgerschaft war, versagte ihm in dieser Angelegenheit die Gefolgschaft<em>[6]</em><strong> </strong>so dass der Senat der Großen Koalition schließlich gezwungen war, das „Hollerland“ doch nach Brüssel zu melden.<em>[7]</em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Vgl. Gerold Janssen, a.a.O., S.356.<br><em>[2]</em><strong>&nbsp;</strong>A.a.O.<br><em>[3]</em> <em>Weser-Report</em> vom 6.2.2000. <br><em>[4]</em>&nbsp;Am 28. März 2000 hatte die Landesregierung formell entschieden, das Hollerland nicht anzumelden. Vgl. Janssen, a.a.O., S.355.<br><em>[5]&nbsp;</em>Dass die Veröffentlichung im <em>Weser-Report</em> in diese Richtung zielte, geht aus dem Vorspann des Textes hervor, in dem der einige Tage vorher erfolgte Beschluss des SPD-Landesvorstandes genannt wird, der sich für die Anmeldung des Hollerlandes als FFH-Gebiet ausgesprochen hatte und die widersprechende öffentliche Stellungnahme des Ex-Wirtschaftsstaatsrats in eben dieser Zeitung. A.a.O.&nbsp; <br><em>[6]</em>&nbsp;Vgl. die Berichterstattung im <em>Weser-Kurier</em> vom 11.6. und vom 18.6.1999. <br><em>[7]&nbsp;</em>„Im Dezember 2004 ging schließlich nichts mehr bzw. war es soweit: Der Senat meldete das Hollerland und weitere Gebiete entsprechend der Fauna-Flora-Habitat-Listen nach Brüssel.“ Gerold Janssen, a.a.O., S.357.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 11</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="948" height="569" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-report-feb-2000.png" alt="" class="wp-image-1256" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-report-feb-2000.png 948w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-report-feb-2000-300x180.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-report-feb-2000-768x461.png 768w" sizes="(max-width: 948px) 100vw, 948px" /><figcaption>Weser-Report 6. Februar 2000</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="der-container-terminal-iv-in-weddewarden">Der Container-Terminal IV in Weddewarden&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;  </h2>



<p>Das zweite Projekt war der Ausbau des Container-Terminals Bremerhaven, der seit 1968 in drei Ausbaustufen entstanden war und für den die Landesregierung nun eine vierte plante. Problematisch war, dass die Kaje dem zu Bremerhaven gehörenden 671-Seelen-Dorf Weddewarden immer bedrohlicher näher rückte. Scherf sagte auf der Eiswette: „Wir wollen auch in Weddewarden Klartext sprechen, wir wollen in Weddewarden den Container-Terminal IV realisieren, weil davon die Freie Hansestadt lebt! Wir können doch nicht „Navigare necesse est“ singen, und anschießend kneifen wir, weil ein paar Leute mit ihrer Bauernwirtschaft – die machen ja gar keine Bauernwirtschaft mehr – mit ihren Ferienhäusern Seeblick fordern, gegen Wirtschaftswachstum. Kommt nicht infrage!“<em>[1]</em>&nbsp;Die Weddewardener hatten von den sie betreffenden Teilen der Rede durch die Veröffentlichung im <em>Weser Report</em> erfahren und Scherf am 7. April in einem Offenen Brief geschrieben, „dass sie es für skandalös empfinden“ wie der Bürgermeister „mit den Existenzängsten der Bewohner eines Stadtteils“ umgeht. Sie forderten ihn auf, ihnen „ehrlich und ohne Umschweife zu erklären, wann Sie beabsichtigen unser Dorf platt zu machen und zu welchem Zeitpunkt Sie glauben, uns aus unseren Häusern vertreiben zu müssen.“  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em><strong> </strong>Scherf-Rede am 15.1.2000, a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 12</p>



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<p> Sie hätten als Betroffene „zuletzt von Veränderungen erfahren, die sie angehen.“<em>[1]</em> Fünf Tage später luden Sie Scherf ein, „an Ort und Stelle entweder Ihre (Vor-) Urteile über Weddewarden zu erklären oder anhand örtlicher Anschauung und durch die Bürgergemeinschaft Weddewarden die wahren Gegebenheiten im Norden Bremerhavens zur Kenntnis zu nehmen.“<em>[2]</em> Besonders erbittert hatte sie Scherfs Aussage, dass „ein paar Leute (&#8230;) mit ihren Ferienhäusern Seeblick fordern“, denn in Weddewarden sind alle Häuser von Ortsansässigen bewohnt und das zum Teil schon seit Generationen. Erst 1991 hatte Weddewarden sein 900jährige Bestehen gefeiert.<em>[3]</em>Auch mit seiner Behauptung, dass es keine Bauernwirtschaft mehr am Ort gäbe, lag der Bürgermeister falsch. Zwei landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe bestanden (und bestehen noch heute). Es dauerte noch fast fünf Monate, bis Scherf am 28. August auf der Einwohnerversammlung von Weddewarden erschien. Es wurde ein sehr ungemütlicher Abend für ihn. Die ca. 300 Teilnehmerbereiteten ihrem Bürgermeister „einen eiskalten Empfang“, wie die Nordsee-Zeitung berichtete.<em>[4]</em> Dort hieß es weiter, dass sich in ihren Gesichtern „vielfach Wut und Trauer“ spiegelte, während Scherf „den Abend über mit versteinerter Miene“ dasaß. <em>[5]</em> „Unter erbittertem Gelächter“, berichtete das Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung, erläuterte Scherf, „er habe bei der Eiswette in freier Rede die 900 Gäste (sic!) bei Laune halten wollen.“ Dabei sei er allerdings, so wörtlich, „weit über das Ziel hinausgeschossen.“<em>[6]</em><strong>&nbsp;</strong> Letztlich führe kein Weg am Ausbau des Containerterminals vorbei, denn die Große Koalition habe eine „ganz klare alternativlose Vorgehensweise beschlossen.“<em>[7]</em> Scherf sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, den Hafenausbau „ohne Rücksicht auf die Zukunft des Dorfes“ zu betreiben und seiner politischen Verpflichtung nicht nachzukommen<strong>, </strong>„einen Ausgleich im Konflikt zwischen Hafen, Menschen und Natur zustande zu bringen.“<em>[8]</em> Der vierte Terminal wurde bekanntlich gebaut und ist seit 2008 voll in Betrieb. Die Bewohner von Weddewarden erreichten von politischer Seite durch ihre Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit wenigstens eine „Bestandsgarantie“ des Ortes. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Offener Brief der Bürgergemeinschaft Weddewarden BGW an den Präsidenten des Senats der Freien Hansestadt Bremen Henning Scherf vom 7. April 2000. <br><em>[2]</em>&nbsp;Fax der Bürgergemeinschaft Weddewarden (BGW) vom 12. April 2000 an den Präsidenten des Senats der&nbsp;&nbsp; Freien Hansestadt Bremen Henning Scherf.<br><em>[3]&nbsp;</em>Aus diesem Anlass war eine Festschrift herausgegeben worden mit dem Titel „Wat sy gedan, 900 Jahre Weddewarden/Imsum“. <br><em>[4]</em>&nbsp;<em>Nordsee-Zeitung</em> vom 29.8.2000.<br><em>[5]&nbsp;</em>A.a.O.<br><em>[6]</em>&nbsp;Sonntagsjournal der <em>Nordsee-Zeitung</em> vom 3. September 2000.<br><em>[7]</em><strong>&nbsp;</strong>A.a.O.<br><em>[8]</em>&nbsp;A.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 13</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="945" height="675" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/sonntagsjournal_bericht.png" alt="" class="wp-image-1259" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/sonntagsjournal_bericht.png 945w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/sonntagsjournal_bericht-300x214.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/sonntagsjournal_bericht-768x549.png 768w" sizes="(max-width: 945px) 100vw, 945px" /><figcaption>Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung vom 16. April 2000 </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="631" height="177" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/oberbuergermeister_entschuldigung.png" alt="" class="wp-image-1260" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/oberbuergermeister_entschuldigung.png 631w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/oberbuergermeister_entschuldigung-300x84.png 300w" sizes="(max-width: 631px) 100vw, 631px" /><figcaption><em>Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung</em> vom 3.September 2000 &#8211; <br>Jörg Schulz: Oberbürgermeister von Bremerhaven. </figcaption></figure>



<p>Am Abend der Eiswette waren Scherfs forsche Äußerungen im doppelten Sinn ein Schuss ins Schwarze. Und als er, der bekennende Anti-Alkoholiker, die Versammlung am Schluss seiner Rede mit den folgenden Sätzen ansprach: „Ich trinke ja keinen Alkohol, und ich habe bis jetzt auch noch keinen getrunken. Aber ich denke, am Schluss darf ich mit Ihnen mit Rotwein anstoßen auf die Selbstständigkeit der Freien Hansestadt, auf die freien Leute, die freien Menschen, die freien Unternehmer und natürlich auf die Eiswettgenossen!“ brach ein Jubel los, der in stehende Ovationen für den Redner überging. Holtgrefe resümierte: „Nur selten &#8230; sind sowohl Deutschland- und Bremen-Rede als auch der Gästeredner dermaßen gefeiert worden.“<em>[1]</em><strong> </strong><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Weser-Kurier</em> 17.1.2000.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 14</p>



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<p>Verkehrte Welt: Als Koschnick 1985 vor der Wahl gestanden hatte, Wedemeier oder Scherf als seinen Nachfolger vorzuschlagen, hatte er sich gegen Scherf entschieden, denn diesen hatte er „kennengelernt als fachlich kompetent, allerdings auch als cholerisch, und es war nicht immer klar, wohin der Weg ging. (…) Ich wollte einfach jemanden vorschlagen, der auch mit ruhiger fachlicher Kompetenz mit der Wirtschaft zusammenarbeiten kann. Und das war Klaus Wedemeier.“<em>[1]</em> Nun war es der besonnene Wedemeier gewesen, der den Eiswettgenossen die Stirn geboten hatte, als sie 1987 unter dem Motto „Bremen kaputt“ den vielen auswärtigen Gästen aus der Privatwirtschaft einen Senat „vorgeführt“ hatten, der angeblich alles tat, um auswärtigen Unternehmen das Investieren in die Bremer Wirtschaft schwer zu machen, während ihr jahrelanger „Intimfeind“ Scherf, kaum war er Präsident des Senats, mit fliegenden Fahnen zu ihnen übergelaufen war.  Schon einmal hatte ein Bürgermeister die festliche Versammlung zu Ovationen hingerissen, als der sich, offensichtlich von der besonderen Atmosphäre der Veranstaltung animiert, von seinem harmlosen Manuskript gelöst und in freier Rede die Eiswettgenossen in direkter Ansprache begeistert hatte. Es war Hans Koschnick, der die Eiswettgenossen 1973 aufgefordert hatte, sich doch bitte frei zu ihrem Unternehmertum zu bekennen, denn wenn sie angegriffen würden, dann nur, weil sie zu feige wären, zu ihrem politischen Tun zu stehen. Das Extempore hatte ihm 1974 den vorläufigen Status des Eiswett-Novizen eingebracht.<em>[2]</em> Koschnicks Ausführungen waren, im Vergleich zu Scherfs vorbehaltloser Begeisterung, noch recht zurückhaltend gewesen, was seine Beziehung zu den Eiswettgenossen betraf. Insofern hätte es nahe gelegen, wenn im Jahr 2001 ein zweiter Bremer Bürgermeister auf der Novizen-Liste Platz gefunden hätte. Aber die langen Jahre der politischen Gegnerschaft hatten möglicherweise zu tiefe Spuren hinterlassen, wie Arnulf Baring in seiner <em>Deutschland-Rede</em> andeutete, als er Scherf direkt ansprach: „Es gab Zeiten, da hätte ich nie gedacht, dass Sie den Staatsmann in sich entwickeln würden.“<em>[3]</em><strong> </strong>Offenbar wähnte sich der Redner im Rahmen der Eiswette auf exterritorialem Gebiet, dass er sich die Unhöflichkeit erlaubte, die Regierungsfähigkeit des anwesenden Bremer Bürgermeister in Zweifel zu ziehen. Seine kecke Aussage offenbart aber, dass Scherfs politische Wandlung in den politisch konservativen Kreisen des Landes nach vier Jahren Großer Koalition in Bremen angekommen war. Scherf nahm Baring das nicht übel.   </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Zitiert bei Müller-Tupath, a.a.O., S.148/149.<br><em>[2]</em> Vgl. <em>Bremer Nachrichten</em> 22.1.1973.Vgl. Kapitel 9 „Die Ära Koschnick – Gätjen.<br><em>[3]</em> <em>Weser-Kurier</em> 17.1.2000.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 15</p>



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<p>Er wandte sich seinerseits direkt an ihn:  „… dass wir beide bei der gleichen Gelegenheit auftreten, das hätten wir uns vor Jahren auch nicht träumen lassen, aber ich finde es schön, dass wir auf diese Weise durch die lieben Bremer Eiswettgenossen zusammengeführt werden.“<em>[1] </em>Scherf wurde nicht auf die Novizenliste gesetzt.<em>[2]</em> Aber Eiswett-Reporter Holtgrefe<em>[3] </em>hatte  noch eine besondere, wenn auch informelle, Ehre für Scherf parat: </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="542" height="200" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-kurier-ritterschlag.png" alt="" class="wp-image-1263" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-kurier-ritterschlag.png 542w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-kurier-ritterschlag-300x111.png 300w" sizes="(max-width: 542px) 100vw, 542px" /><figcaption><em>Weser-Kurier</em> 17.1.2001</figcaption></figure>



<p>Ein gewagtes Bild, das die realen Machtverhältnisse auf den Kopf stellte. </p>



<p>Scherf hatte in seiner Rede launig daran erinnert, dass er sich vor Jahren mit einem Schild &#8222;Elitäres Schau(fr)essen&#8220; &#8222;vor den aufmarschierenden Eiswettgenossen aufgebaut&#8220; und sie zum Punkendeich hinunter &#8222;begleitet&#8220; hätte. Damals, sagte er, hätte er sich für seine heutige Rede auf der Eiswette &#8222;die Rote Karte verpasst.&#8220; Was immer das heißen mochte, es war schon sehr lange her.  </p>



<p>In den ersten zehn Jahren, als die Eiswette noch ganz auf Bremen ausgerichtet war, hatten – abgesehen von Kaisen – immerhin noch vier Bremer Senatoren Reden gehalten: Apelt (1949 und 1951), Nolting-Hauff (1956), Noltenius (1957) und Helmcken (1959). (Keiner von ihnen war übrigens Sozialdemokrat.) Als Präsident Borttscheller die Eiswette zu einer nationalen Veranstaltung gemacht hatte, wurde nur noch einmal ein Bremer Senator als Redner eingeladen.<em>[4]</em> So bleibt Scherf das einzige Senatsmitglied, das nach Koschnick 1981 eine Rede auf der Eiswette gehalten hat. Das hat sich bis 2020 nicht geändert.  <br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Scherf-Rede am 15.1.2000, a.a.O.<br><em>[2]</em> Nach seiner Regierungszeit blieb er ihr – mit Ausnahme von 2006 – fern. Vgl. die Teilnehmerlisten.<br><em>[3]</em> Das Wort von Heinz Holtgrefe hatte Gewicht, denn er war 26 Jahre lang (von 1985 bis 2010) journalistischer Dauergast auf den Eiswetten war und berichtete exklusiv für den <em>Weser-Kurier</em>. <br><em>[4]</em> Karl Willms (SPD) 1960. Er war von 1979 bis 1983 Senator für Wirtschaft, Arbeit und Außenhandel.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 16</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="aber-jetzt-meine-damen-und-herren-zum-thema-der-denkwurdige-besuch-von-bundeskanzler-schroder-auf-der-eiswette-2001">„Aber jetzt, meine Damen und Herren, zum Thema!“ Der denkwürdige Besuch von Bundeskanzler Schröder auf der Eiswette 2001</h2>



<p>Die Große Koalition hatte den Boden bereitet, die fulminante Lobrede&nbsp; Scherfs vom Vorjahr vermutlich den entscheidenden Anstoß dafür gegeben, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Eiswette ein SPD-Bundeskanzler eingeladen wurde.<em>[1]</em> Gerhard Schröder oblag es, vor 705 mittelständischen Kaufleuten und Freiberuflern die <em>Deutschland-Rede</em> zu halten. Auch sonst war es ein besonderes Jahr für die Eiswettgenossen. <em>Die Welt</em> adelte sie deutschlandweit, als sie ihren Lesern nicht nur die Namen der am 20. Januar anwesenden 228 Eiswettgenossen (mit einem Stern vor dem Namen)<em>, </em>sondern auch die ihrer 477 Gäste in alphabetischer Reihenfolge über vier Seiten präsentierte, die Namen der achtzehn Präsidiumsmitglieder, des Sekretarius, der Jubilare, der Novizen, ja sogar der Verstorbenen. Radio Bremen hatte sich angesichts des hohen Gastes um eine Rundfunkübertragung bemüht, die zum ersten Mal nach der Ära von Eiswettpräsident Borttscheller gewährt wurde. Die Kanzler-Rede wurde direkt und in voller Länge auf Radio Bremen 2 übertragen.<em>[2]</em> Ausnahmsweise wurden auch zwei Rundfunk-Reporter im Festsaal zugelassen.<em>[3]</em> „Auch das Volk durfte zuhören“, bemerkte der ständige Berichterstatter des <em>Weser-Kurier</em>, Heinz Holtgrefe, mit feiner Ironie.<em>[4]</em> <br><br>Im dritten Jahr seiner Kanzlerschaft und als Bundesvorsitzender der SPD war Gerhard Schröder ohne Wahlkampfstress zur Eiswette gekommen, deren Einladung er, wie er später in seiner Rede versicherte, gerne gefolgt war, würde ihn die Mischung aus Selbstbewusstsein und Weltoffenheit in der Stadt doch angenehm berühren. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> 1990 war Bundeskanzler Kohl Gastredner. Willy Brandt war bei seiner Gästerede 1960 Bürgermeister der „Frontstadt“ Westberlin. <br><em>[2]</em>&nbsp;Feature von <em>Radio Bremen</em> Zwei. Sondersendung „Eiswette live“ „Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder SPD auf dem 172. Eiswettfest in Bremen am 20.01.2001“. 47’39 Minuten. Die Paraphrasierungen und wörtlichen Zitate in diesem Kapitel sind alle diesem Feature entnommen, soweit sie nicht anders gekennzeichnet sind. <br><em>[3]</em>&nbsp;Die Informationen zur Rundfunkübertragung hat der Verfasser einem E-Mail von Kai Schlüter an den Verfasser vom 29.10.2013 entnommen. Seit 1967 hatte das Präsidium Rundfunk-Live-Übertragungen und Mitschnitte im Allgemeinen abgelehnt. Ausnahmen gab es nur zu besonderen Anlässen, wie dem Scheibner-Auftritt 1989, dem Besuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1994, der 175-Jahr-Feier 2004 und dem Besuch von Bundesverteidigungsminister von Guttenberg 2010. Die Beiträge sind zwischen einer Minute und drei Minuten lang. Fernsehübertragungen oder -Mitschnitte waren nicht zugelassen.<br><em>[4]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 21.1.2001. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 17</p>



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<p>Aber sein Besuch sollte nicht nur der Entspannung dienen. Der Redner hatte Teile eines wirtschaftspolitischen Regierungsprogramms im Gepäck, von dem er wohl zu Recht annehmen durfte, dass es die ungeteilte Zustimmung seines Publikums finden würde. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="945" height="687" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/die-welt-bericht_1.png" alt="" class="wp-image-1267" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/die-welt-bericht_1.png 945w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/die-welt-bericht_1-300x218.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/die-welt-bericht_1-768x558.png 768w" sizes="(max-width: 945px) 100vw, 945px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="945" height="687" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/die-welt-bericht_2.png" alt="" class="wp-image-1268" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/die-welt-bericht_2.png 945w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/die-welt-bericht_2-300x218.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/die-welt-bericht_2-768x558.png 768w" sizes="(max-width: 945px) 100vw, 945px" /><figcaption><em>Die Welt </em>vom 22. Januar 2011;  <br> Faksimile etwa ein Drittel der Originalgröße. </figcaption></figure>



<p>Alles deutete auf großes Einvernehmen mit den Eiswettgenossen hin, hätte da nicht eine Ankündigung des Kanzlers in letzter Minute für „große Aufregung“ gesorgt. Am Tag vor der Veranstaltung teilte sein Büro dem Präsidium mit, dass er „in Begleitung erscheinen werde und die Eiswette außerdem frühzeitig verlassen müsse, um bei den Damen im Park Hotel vorbeizugucken. (…) Um den Programmablauf nicht zu stören, galt es (…) einen geeigneten Zeitpunkt zu finden, an dem er die Gesellschaft verlassen konnte.&#8220; <em>[1]</em> Seine Ehefrau Doris Schröder-Köpf sollte ihn nach Bremen begleiten. Am gleichen Vormittag war im <em>Weser-Kurier</em> ein Interview mit Eiswettpräsident Uwe Hollweg erschienen, in dem dieser auf die Frage, ob die Eiswette eines Tages auch Frauen als Genossinnen akzeptieren würde, geantwortet hatte: „Dafür sehe ich keine Chance. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> So berichtete es Alt-Prasident Hollweg zehn Jahre später in einem Gespräch mit Ilka Langkowski.in: <em>Kreiszeitung/Syke</em> vom 28.01.2011. In der Serie „Auf einen Espresso“ stellte die Zeitung<em> &#8211;</em> eine der fünf großen Tageszeitungen Niedersachsens &#8211; Bremer Prominente vor. Für die Interviews sollten die Gesprächspartner einen Gegenstand mitbringen, der für sie von besonderer Bedeutung wäre. Hollweg brachte die bronzene Skulptur des Eiswette-Schneiders mit, die der Bremer Bildhauer Bernd Allenstein 1999 im Auftrag – sprich auf Kosten – eines Novizenjahrgangs hergestellt hatte. Vgl. Klaus Berthold, Bremer Kaufmannsfeste. Rituale, Gebräuche und Tischsitten der bremischen Kaufmannschaft, hrsg. Von der Handelskammer Bremen. Bremen, 2007, S.109.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 18</p>



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<p>Wir werden auf Dauer ein Freundeskreis von Männern bleiben.“<em>[1]&nbsp;</em> Hollweg konnte Schröder davon abbringen, mit Gattin anzureisen. „Einen Tag vorher kann man so etwas nicht machen.“<em>[2]</em> Auf der Eiswette am nächsten Tag teilte er in seinen einführenden Worten der Festversammlung mit, dass der Kanzler das Fest früher verlassen müsste, verriet aber nichts über dessen Gründe. </p>



<p>Schröder gelang es schnell,
sein Publikum mit Komplimenten für die Bremer und ihren spezifischen Humor für
sich einzunehmen. Er ging auf die stolze Bemerkung Hollwegs in dessen
einführender Rede ein, dass sich mancher Bremer Kaufmann in Rio besser
auskennte als in Syke. Er habe sich, sagte er, als ehemaliger niedersächsischer
Ministerpräsident Gedanken gemacht, woran das wohl liegen mag und wäre zu der
Erkenntnis gekommen, dass der in Rio vielleicht das gesucht hätte, was er in
Syke nicht hat finden können. Der Witz und andere launige Bemerkungen kamen
beim Publikum sehr gut an und die gute Stimmung erreichte früh einen Höhepunkt,
als der Kanzler über die Eiswette sagte: „Es könnte sogar sein, dass (&#8230;)
gerade solche Traditionen(&#8230;) für die Menschen immer wichtiger statt weniger
wichtig werden. Bräuche wie diese (schaffen) auch ein Stück Zusammenhalt (&#8230;),
Integration (&#8230;) in einer Stadt, in einem Land wie Bremen. (&#8230;) Diesen Aspekt
(&#8230;) – der kulturellen Bindekraft wegen – (&#8230;) kann man gar nicht hoch genug
einschätzen (&#8230;) Ich glaube (&#8230;) dass es Sinn macht, eine solche Tradition zu
pflegen.“ 

In den folgenden Sätzen ging der Redner zu einer
anderen Tonart über. Während sein Redefluss bis dahin – und auch in den
späteren Teilen des Vortrags – zügig und kraftvoll daherkam, waren seine Worte
jetzt zögerlich und leise, von „Ähs“ und „Hms“ unterbrochen: „Ich habe mir
vorgenommen, im Anschluss daran,&#8230; bevor ich dann Bremen wieder verlassen
muss, noch die Damen kurz zu besuchen (&#8230;) Ich will gerne hören, was die von
dieser Tradition halten, wie sie hier gepflegt wird. Das gehört ja dann
durchaus zusammen.“ Dann wandte er sich wieder in alter Lautstärke an die
Zuhörenden mit den Worten: 

<br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Interview mit Heinz Holtgrefe. <em>Weser-Kurier</em> vom 19.1.2001.<br><em>[2]</em> <em>Kreiszeitung/Syke</em> 28.01.2011, a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 19</p>



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<p>„Aber jetzt, meine Damen (!) und Herren, zum Thema!“ Die Eiswettgenossen – vielleicht mit Ausnahme der vorgewarnten Präsidiumsmitglieder &#8211; hatten gar keine Zeit, über den verräterischen Versprecher zu erschrecken oder gar nachzudenken, weil der Gast seine Rede sofort und mit großem Elan fortsetzte.  <br><br>Er hatte sie ganz auf eine mittelständische Kaufmannschaft zugeschnitten und rechnete mit einem kühl in Zahlen denkenden Publikum, das seinen genauen Angaben mit Wohlwollen begegnen würde. Er sprach über das am 1. Januar in Kraft getretene Steuersenkungsgesetz, das den Unternehmen spürbare Entlastung bringen würde mit der Begrenzung der Körperschaftssteuer auf 25% und mit der Anrechenbarkeit der Gewerbesteuer auf die Einkommensteuer. Er rechnete das bis in Prozentränge vor und kündigte schließlich die geplante Senkung des Einkommens-Spitzensteuersatzes für 2005 von 53% auf 42% an.<em>[1] </em>Es ginge ihm aber nicht nur um die steuerliche Entlastung der Unternehmer, sondern vor allem um die Senkung der Lohnnebenkosten, also der Arbeitgeber-Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung. Der Knüller der Rede war die Ankündigung der sogenannten Riester-Rente.<em>[2]</em> Er nannte es eine Reform der sozialen Sicherungssysteme von der reinen „Umlagefinanzierung“ zu einer „teilweise individuell kapitalgedeckten Altersvorsorge“: Im Blick auf sein Publikum fügte er hinzu: „Banken und Versicherungen sind schon ganz heiß drauf.“ Als er den Versammelten auch noch erklärte, dass er die Etikettierung als „Genosse der Bosse“ nicht als schimpflich empfände, scholl ihm langanhaltender Beifall entgegen. Schröder sprach schließlich auch noch Eiswett-Präsident Hollweg persönlich an als einen der „großen Mittelständler“, für die seine Regierung eine zusätzliche steuerlich vorteilhafte Regelung vorgesehen hatte, die der Bundesrat ihm aber „leider nicht hätte durchgehen lassen.“ </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Am 1. Januar 2005 trat die letzte Stufe der Steuerreform mit diesem Wert tatsächlich in Kraft.<br><em>[2]&nbsp;</em>Am 11. Mai 2001 beschloss der Bundestag die Rentenreform, die eine Absenkung der Renten von 70% auf 67% bei 45jähriger Einzahlung ebenso vorsah, wie die kapitalgedeckte Altersvorsorge“, sprich die <em>Riester-Rente.</em> Am 22.02.2002 nahm die <em>Hartz-Kommission</em> ihre Arbeit auf.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 20</p>



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<p>Die über vierzig Minuten frei vorgetragene Rede wurde über das Ende hinaus sehr freundlich aufgenommen. Nach dem traditionellen Absingen der Nationalhymne verließ Schröder ohne viel Aufhebens den Saal.<em>[1]</em><strong>&nbsp;</strong><br><br>Was er auf der Eiswette vorgestellt hatte, war nichts anderes als die erste Stufe seines Programms zur Ankurbelung der Wirtschaft. Bekanntlich schlugen sich diese rein fiskalischen Maßnahmen noch nicht in dem erhofften Wirtschaftswachstum nieder. Aber der Kanzler ging den Weg konsequent weiter. Heute ist er eine Ikone der mittelständischen Wirtschaft, wenn man Hannes Hesse folgt, der als Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA 2015 sagte<em>[2]</em>, dass 2003 allen in der Branche bei der Vorstellung der Agenda klar gewesen wäre: „Das war eine Bombe, die Schröder da gezündet hat.“ „Schröder ist ohne Frage der Vater des Aufschwungs, den wir jetzt haben.“ Hartz-Programme, Erleichterungen der Zeitarbeit und der Minijobs „sind entscheidende Faktoren gewesen. … Ein sozialdemokratischer Bundeskanzler war bereit, sich nach vorne zu bewegen – das war klasse für die Firmen.“<em>[3]</em><strong> </strong></p>



<p>Der Kanzler verließ die Veranstaltung nach zweieinhalb Stunden und begab sich anschließend ins Park-Hotel, wo ihn eine unangenehme Überraschung erwartete. Alt-Präsident Hollweg erzählte zehn Jahre später, wie es weitergegangen war: „Das Pech für Schröder war, dass (…) der Beginn der Veranstaltung im Park Hotel erst deutlich später begann.“ So hat er „erstmal mehr oder minder allein im Foyer gesessen.“<em>[4]</em> Man hätte dem Bundeskanzler diese Unannehmlichkeit durch einen entsprechenden  Hinweis ersparen können, aber man unterließ es offenbar, um ein Zeichen zu setzten gegen das Aufbrechen des Frauen-Tabus.&nbsp;  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Der <em>Weser-Kurier</em> titelte am 21.1.: „Kanzler lobte Bremen und warb für rot-grüne Reformen. Beifall für seine Deutschland- und Bremen-Rede. Tadel für seinen frühen Abschied.“ Ralf Borttscheller, Sohn des langjährigen Eiswett-Präsidenten, Bremer Innensenator a.D., „bemerkte spitz, zwei Stunden und 32 Minuten waren bislang Rekord im frühen Fortgehen.“ Am nächsten Tag titelte die Zeitung: „Schröders Abgang kam bei den Genossen nicht gut an.<br><em>[2] </em>Der Maschinenbau ist mit einer Million Beschäftigten in 6000 Betrieben der größte Industriezweig Deutschlands. Hesse übte diese Funktion bis zum 2. Februar 2015 aus.<br><em>[3] </em>Unter dem Titel „Industrie ist Schröder noch heute dankbar“ fasste der <em>Weser-Kurier</em> am&nbsp;&nbsp;&nbsp; 5.Januar 2015 ein Interview zusammen, das der Berliner <em>Tagesspiegel</em> mit Hesse geführt hatte. <br><em>[4]</em>&nbsp;Hollweg in <em>Kreiszeitung/Syke am 28.01.2011,</em> a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 21</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="454" height="256" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schneider.jpg" alt="" class="wp-image-1343" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schneider.jpg 454w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schneider-300x169.jpg 300w" sizes="(max-width: 454px) 100vw, 454px" /><figcaption>Schneider und Alt-Präsident Uwe Hollweg teilen sich ein Büro. © Foto: Ilka Langkowski </figcaption></figure>



<p>Was Schröder dann an der Bar des Hotels hörte, wo er später doch noch mit einigen Eiswette-Damen ins Gespräch kam, dürfte seine Enttäuschung an diesem Abend vollendet haben, denn die fanden &#8211; glaubwürdigen Berichten zufolge – ihre Abwesenheit von der Herrenrunde völlig in Ordnung. Der Kanzler ließ es dabei bewenden. <br><br>„Angeblich“, hatte Holtgrefe im <em>Weser-Kurier </em>geschrieben, sei der Abstecher zu den Eiswette-Damen „ein Seitenhieb gegen die reine Männergesellschaft im CCB (Congress Centrum Bremen)“ gewesen.<em>[1]</em> Die Einschränkung in dieser Aussage hat insofern eine gewisse Berechtigung, als der Kanzler das nicht ausdrücklich so etikettiert hatte. Aber er bleibt der einzige Redner in der Geschichte der Eiswette, der es gewagt hat, das Frauen-Thema anzusprechen. Die Eiswettgenossen kreideten ihm die Verletzung einer weiteren ehernen „Eiswette-Sitte“ an: „Er rauchte&nbsp; v o r (Sperrung vom Verf.) dem Hauptgang, und zwar die kubanische Cohiba-Zigarre, die Eiswett-Präsident Uwe Hollweg eigens für seinen hohen Gast eingesteckt hatte.“<em>[2]</em>  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> <em>Weser-Kurier</em> 21.01.2001.<br><em>[2]</em> Heinz Holtgrefe, a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 22</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>In der Eiswette-Chronik von Karl Löbe erfahren wir, warum ihm die Eiswettgenossen das nicht verzeihen konnten: „Es erfüllt die sensible Präsidentenbrust mit kaltem Entsetzen, wenn vor der Rauch- und Pinkelpause irgendwo an einem Tisch feiner blauer Rauch emporsteigt. Das ist ein schwerer Fauxpas gegen die Disziplin. Da der betreffende Sünder von fernher schwer ermittelt werden kann, das Rufen seines Namens auch gegen den angeborenen Takt der Eiswette verstoßen würde, … belegt der Präsident zweckmäßigerweise … den ganzen Tisch mit einer Geldstrafe. Der Tischälteste steht kurz vor der Entmündigung.“ <em>[1] </em>Dieses Problem hätte Schröder auf den inzwischen rauchfreien Eiswetten nicht mehr. <br><br>Der Inhalt seiner Rede ist – soweit es in schriftlich Niedergelegtem erkennbar ist – dem kollektiven Gedächtnis der Eiswettgenossen abhandengekommen. Im „offiziellen“ Eiswettbuch beschränkt sich die Würdigung seines Besuchs auf diese Sätze: „In Hollwegs Amtszeit kam es zu dem denk- und merkwürdigen Auftritt von Bundeskanzler Gerhard Schröder, der als Deutschland- und Bremen-Redner gewonnen worden war und das Eiswett-Fest gegen jede Regel vorzeitig verließ, nicht etwa aus dienstlichen Gründen, was man hätte verstehen können, sondern um sich zu den Eiswett-Damen ins Park-Hotel kutschieren zu lassen. Die Eiswett-Genossen schütteln noch heute die Köpfe.“ <em>[2]</em> Schröder hat „sich stets den Abstand zum Establishment bewahrt, zu den Anstandsregeln der herrschenden Klasse“, heißt es in einem SPIEGEL-Artikel über ihn.<em>[3]</em> Wenn das stimmt, ist er diesem Prinzip auch auf der Eiswette treu geblieben. Ob das negative Urteil der Eiswettgenossen Bestand haben wird, da die Eiswettgenossen inzwischen ja Frauen auf ihre Feiern einladen, bleibt abzuwarten. Es nimmt aber nicht wunder, dass der Alt-Kanzler sein Gastspiel auf der Eiswette aus dem Gedächtnis gestrichen hat. <em>[4]</em>&nbsp; </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Löbe, a.a.O., S.99. Die ca. fünfzig Tischältesten sind für die Einhaltung der Tischordnung und für die Respektierung der Rituale an ihrem Tisch zuständig. Viele Jahre hörten sie sich die Reden stehend an, um an ihrem Tisch für Aufmerksamkeit zu sorgen. In Anbetracht ihres zunehmenden Alters hat man davon inzwischen Abstand genommen. <br><em>[2]</em>&nbsp;Hermann Gutmann, Jochen Mönch. Die Eiswette von 1829. Ein Bremer Fest – Geschichte und Geschichten. Es ist vom Präsidium der Eiswette herausgegeben. Bremen 2010, S. 58. <br><em>[3]</em> So die SPIEGEL-Journalisten Marc Hujer und Horand Knaup in ihrem Artikel „Der gute Populist“ in SPIEGEL 1/2017, S.48 bis 50. <br><em>[4]</em> „Herr Schröder bittet um Verständnis, dass seine Erinnerungen an den Besuch bei der Eiswette-Veranstaltung vor 12 Jahren zwischenzeitlich verblasst sind.“ Antwortbrief aus seinem Büro auf eine Anfrage des Verfassers am 21.8.2013. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 23</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="scherf-ladt-putin-zweimal-zur-eiswette-ein-1">Scherf lädt Putin zweimal zur Eiswette ein<strong><em>[1]</em></strong></h2>



<p>Seit die Reden auf der Eiswette vorher vergeben werden, also seit 1924, ist es eine der vornehmsten Aufgaben des Präsidiums, die Redner auszuwählen und einzuladen. Mit Scherf war alles anders. Er war es, der im Sommer 2001 und im Frühjahr 2005 als Bürgermeister die Initiative für einen Staatsbesuch auf der Eiswette ergriff. Es ging um den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin. Der politischen Vita Scherfs entsprechend, hätte man die Einladung des ehemaligen russischen Präsidenten Michael Gorbatschow erwarten können, der entscheidend zum Ende des Kalten Krieges und zur atomaren Abrüstung beigetragen hatte und der auch nach seiner Amtszeit vielfältig in diesem Sinne tätig geblieben war.Nichts verdeutlicht mehr den Paradigmenwechsel, den Scherf in seiner politischen Karriere vorgenommen hatte. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Die folgenden Ausführungen stützen sich im Wesentlichen auf die in der Senatsregistratur in zwei Ordnern „Eiswette“ gesammelten Dokumente unter den Registratur-Nummern &nbsp;56, 107, I und II. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 24</p>



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<p><strong>2001</strong> </p>



<p>Die persönliche Einladung des russischen Präsidenten auf die Eiswette von Bremen durch den Präsidenten des Senats der Freien Hansestadt war nach traditionellen diplomatischen Gepflogenheiten schwer vorstellbar. Es galt, einen Vermittler zu finden. Scherf fand ihn im wissenschaftlichen Leiter der „Forschungsstelle Osteuropa“ an der Universität Bremen, dem Historiker Wolfgang Eichwede, einem Spezialisten der deutsch-russischen Beziehungen. Er hatte in den neunziger Jahren an den „Beutekunstgesprächen“ in gemischten Regierungskommissionen teilgenommen und kannte, auch durch häufige Aufenthalte, zahlreiche russische Kulturwissenschaftler und Kulturpolitiker persönlich. Zu Scherf hatte er eine freundschaftliche Beziehung. An ihn wandte sich der Bürgermeister im Sommer 2001 mit der Bitte um Vermittlung. Das geht aus einem Brief hervor, den Eichwede am 22. August 2001an Scherf geschrieben hatte. <em>[1]</em> Darin berichtete er, dass er sogleich mündlichen Kontakt zum russischen Kulturministerium und zur Leitung der Nachrichtenagentur ITARTASS aufgenommen und außerdem &#8211; „da beide gute Drähte in die Präsidialkanzlei besitzen“ &#8211; noch einen Brief an den russischen Kulturminister geschrieben habe<em>,</em> „in dem ich unser Anliegen noch einmal ausführlich erläuterte.“ Die Antwort ergab, dass die Annahme der Einladung „unter den gegebenen Bedingungen sehr unwahrscheinlich“ sei. Scherf solle, so die russische Seite, „vielleicht mit einer Rückendeckung durch den Kanzler“ versuchen, Putin „direkt und außerhalb der protokollarischen Wege“ einzuladen. Eichwedes Fazit war, dass eine Einladung zur Eiswette am 19. Januar 2002 „nur geringe Erfolgsaussichten“ habe. Es blieb zunächst bei diesem Versuch.<br>Diese Einladung hatte insofern noch eine besondere politische Pointe,  als Scherf am 25. November 2000, also gut ein halbes Jahr vorher, im  Bremer Rathaus der russischen Menschenrechtlerin Jelena Bonner,  77jährige Witwe des Bürgerrechtlers Andrej Sacharow, den <em>Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken</em> überreicht hatte, weil sie „zu den prominentesten Verteidigern der Menschenrechte in der Sowjetunion gehörte.“<em>[2] </em> Die Jury hob in ihrer Begründung hervor, dass Bonner zu den wenigen  russischen Stimmen zählte, die auch die aktuelle Politik ihres Landes  kritisieren: „Die Preisträgerin stehe stellvertretend für die kritische  Minderheit in Russland, die sich der erzwungenen oder freiwilligen  Gleichschaltung der öffentlichen Meinung unterwirft.“<em>[3]</em>  Sie hatte in einer Rede in Bremen gesagt: „Die größte Lüge ist, dass  Russland ein demokratischer Staat ist. Wir leben noch heute in einem  Staat der totalen Lüge.“<em>[4]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em><strong> </strong>Senatsregistratur a.a.O.<br><em>[2]</em> Pressemitteilung der Bremer Senatskanzlei vom 15.11.2000. <br><em>[3] </em>DIE WELT vom 23.11.2000.<br><em>[4] </em>Zitiert bei Henning Bleyl, „Freundschaft mit Putin“. Artikel in TAZ/Nord vom 9.03.2014.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 25</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p> <strong>2005</strong> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p> Als Scherf im Frühjahr 2005 einen neuen Anlauf unternahm, hatte er sich schon „seit Jahren vergebens bemüht“, Putin „beim <em>Haus Seefahrt</em> und verschiedenen Schaffern“ einzuladen.<em>[1]</em>. Was ihn dazu ermutigt hatte, es noch einmal zu versuchen, erschließt sich aus den Akten nicht. Möglicherweise war es die <em>Gemeinsame Erklärung über die strategische Partnerschaft auf dem Gebiet der Bildung, Forschung und Innovation</em> zwischen beiden Ländern vom 11. April 2005; vielleicht waren es die deutsch-russischen Konsultationen im Dezember 2004, als Putin in Hamburg war und den Bundeskanzler traf. Am wahrscheinlichsten ist, dass er sich persönliche Unterstützung durch den Bundeskanzler versprach, der mit Putin in einer Männerfreundschaft verbunden war, die sich seit Jahren vor der Weltöffentlichkeit entwickelt hatte. Auf jeden Fall wollte Scherf, wenn er ein „positives Signal“ aus Russland bekäme, die Einladung „über Kanzler Schröder auf den Weg bringen.“ Das Präsidium der Eiswette hatte für die russische Seite einige Informationen über die Feier zusammengestellt, die dem Generalkonsulat zugestellt werden sollten, u.a.: Auszüge aus der Jubiläumsschrift <em>175 Jahre Eiswette</em>, eine Übersicht der Gästeredner seit 1967, die Festfolge der letztjährigen Eiswette und die Bremen- und Deutschlandrede von Bundespräsident Herzog auf der Eiswette von 1998. Die Übersendung dieser Rede lehnte die Senatskanzlei mit der Begründung ab, sie sei „evtl. kontraproduktiv“.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>„Betr: Einladung an den Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin als Gästeredner für die Eiswette-Feier am 21.01.2006“ Schreiben der Senatskanzlei vom 23.05.2005. Senatsregistratur a.a.O. Die folgenden Ausführungen stützen sich auf diese Quelle, bzw. zitieren sie, soweit nichts anderes angegeben ist. </p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="exkurs-rede-von-bundesprasident-roman-herzog-auf-der-eiswette-1998-1-zusammenfassung"> Exkurs: Rede von Bundespräsident Roman Herzog auf der Eiswette 1998“<em>[1]</em> (Zusammenfassung)&nbsp; </h2>



<p> So wie sich die Wirtschaftsstruktur Deutschlands differenziert und flexibilisiert, gibt es auch in der Gesellschaft eine Entwicklung zur Differenzierung und Individualisierung. Einheitlichkeit wird immer mehr durch Vielfalt abgelöst. Alte traditionelle Gemeinschaften lösen sich auf. Selbst die Begriffe Staat und Nation verändern im Zeitalter der Globalisierung ihre Bedeutungen. Die traditionellen Gemeinschaftsformen treten in einen Wettbewerb mit neu entstehenden, der sie zwingt, sich mit Reformen und neuen Angeboten wieder attraktiver zu machen. Überall in unserem Land wirken kleinräumige Netzwerke: u.a. Selbstverwaltungs- oder Jugendgruppen, lokale Umweltbewegungen. Ohne dass es dafür gesetzlicher Regelungen bedürfen, funktionieren solidarisches Miteinander, gesellschaftliches Engagement ebenso wie soziale Kontrollmechanismen. Hier werden die Bedürfnisse des Menschen nach Lebenssinn und Lebenserfüllung, nach selbstbestimmtem Handeln und nach Anerkennung durch andere gleichermaßen befriedigt. Die Leute wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, in welche Gemeinschaften man sich zu integrieren hat. Die politischen und demokratischen Instanzen sind heute mehr denn je gefordert, die Akzeptanz, das Vertrauen und die Mitwirkungsbereitschaft der Bürger immer wieder aufs neue zu gewinnen. Es gibt viele demokratische Spielfelder, die um Mitspieler und Loyalitäten werben. Die Menschen wollen schon gar nicht bevormundet werden. Deshalb hat der Staat die Aufgabe, Strukturen entstehen zu lassen, die den einzelnen zur Eigenverantwortung befähigen und ihn dazu auch anreizen. Mit der Stärkung der individuellen Verantwortung ist der Rückzug des Staates aus vielen bisher zentral und bürokratisch geregelten Bereiche verbunden. Der Wandel, den uns ein durch Globalisierung bestimmtes Zeitalter beschert, verlangt viele Neuanfänge. Bewegungslosigkeit hat keine Chance. Ein starres Festhalten an Überkommenem richtet letztlich mehr Schaden an als es abwendet. Stellen wir uns also dem Wandel ohne Verzagtheit. Nicht Mauertaktik führt zum Sieg, sondern nur ein Prinzip, das den Bremer Fußball einst unschlagbar machte: die „kontrollierte Offensive.“&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> „Tradition und Wandel – neue Formen der Zivilgesellschaft“. Rede auf der Eiswette in Bremen am 17. Januar 1998. Bulletin der Bundesregierung 07-98 vom 27. Januar 1998. www.bundesregierung.de </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 27</p>



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<p>Es ist fraglich, ob Schröder ein wirklich überzeugender Vermittler für den Besuch auf der Eiswette sein konnte, hatte er doch wegen seines unkonventionellen Auftretens seinerzeit schlechte Noten bei den Eiswettgenossen erhalten. Aber jetzt ging es nicht um verletzte Etikette oder Eitelkeiten, sondern um handfeste wirtschaftliche Interessen, und da lagen Schröder und Scherf, zumindest was die Beziehungen zu Russland anging, auf einer Linie. Die Eiswette, hieß es im Schreiben der Kanzlei, hätte sich neben der Schaffermahlzeit „besonders in Wirtschaftskreisen überregional zunehmend behauptet.“ Mit Blick auf die „Bremer Russlandinteressen“ sei eine Einladung eine „hochkarätige Gelegenheit“. Ausdrücklich wurden EUROGATE<em>[1] </em>und die Baldinsammlung<em>[2]</em> erwähnt. Scherf konnte mit der Unterstützung Schröders rechnen, zumal ihr Verhältnis von gegenseitigem Respekt getragen war.<em>[3]</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="815" height="815" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf.png" alt="" class="wp-image-1277" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf.png 815w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf-300x300.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf-150x150.png 150w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf-768x768.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf-70x70.png 70w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf-127x127.png 127w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf-476x476.png 476w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/schroeder_und_scherf-125x125.png 125w" sizes="(max-width: 815px) 100vw, 815px" /><figcaption>7. Mai 7.2003 – knapp drei Wochen vor den Wahlen in Bremen &#8211; Bundeskanzler Schröder und Bürgermeister Scherf bei Airbus-Bremen / Foto: Michael Schnelle, LIS Bremen </figcaption></figure>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Die Eurogate GmbH &amp; Co. KGaA, KG ist Europas größte reederei-unabhängige Container-Terminal- und Logistik-Gruppe mit Sitz in Bremen. Eurogate betreibt Terminals in Deutschland (Bremerhaven, Hamburg undWilhelmshaven), Italien (La Spezia, Ravenna, Salerno, Gioia Tauro und Cagliari), Russland (Ust-Luga), Portugal (Lissabon) und Marokko (Tanger). An den Terminals in Russland, Portugal und Marokko ist Eurogate nur Minderheitseigner.<br><em>[2]</em> „Der sowjetische Offizier Viktor Baldin entdeckte 1945 im Keller des brandenburgischen<strong> </strong>Schlosses Karnzow die ausgelagerten Kunstwerke aus Bremen. Um sie vor der Zerstörung zu schützen, packte er die Zeichnungen von Rembrandt, Tizian, Rubens, Goya, Vincent van Gogh und Édouard Manet in einen Koffer (…) 1995 wurde die mittlerweile nach ihm benannte Sammlung in der Eremitage in St. Petersburg gezeigt. Im Februar 2003 hat der damalige russische Kulturminister, nach einem förmlichen Antrag des Kunstvereins im Jahre 2000, eine schriftliche Rückgabe-Zusage gegeben. Die Duma hat aber bisher (…) eine Rückgabe verweigert. Aus: Wikipedia Stichwort „Kunsthalle Bremen“ vom 26.10.2019.<br><em>[3]</em> Das zeigte sich nach dem überragenden Wahlsieg Scherfs bei den Landtagswahlen 2003, als Schröder ihm freie Hand bei der Auswahl seines Koalitionspartners gelassen hatte, obwohl seine Regierung damit auf die mögliche Mehrheit im Bundesrat verzichtete.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 28</p>



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<p>Scherf wurde in seinem Einladungsschreiben vom 23. Mai 2005,<em>[1]</em><strong> </strong>das an den russischen Botschafter in Berlin ging, sehr deutlich, was die gemeinsamen Wirtschaftsinteressen anging. Im Mittelpunkt der Eiswette stünde die Teilnahme von nationalen und internationalen Vertretern aus der Wirtschaft. „Die Exklusivität dieses Herrenmahls ist vielfach Ausgangspunkt für internationale Geschäftsbeziehungen gewesen“, schrieb er. Eine Teilnahme Putins „an der Eiswette und damit als Redner auf Deutschland und die Freie Hansestadt Bremen“ wäre eine wunderbare Botschaft für den Export- und Logistikstandort Deutschland.“ Er lobte das besondere Flair der Veranstaltung, den Mix aus „etlichen unterhaltsamen und launigen Veranstaltungen“ im Rahmen einer traditionellen, exklusiven Herrenrunde und Wirtschaftsinteressen. </p>



<p>Auch dieses Mal war Eichwede in den Prozess der Einladung involviert. „Er möchte von einer Einladung an Putin eigentlich eher abraten“, wurde er &#8211; ohne Begründung &#8211; im Schreiben der Senatskanzlei zitiert. Drei Tage später, am 26. Mai, war daneben am Rand handschriftlich nachgetragen: „Nach Telefonat mit E sollte der (recht harm- und wohl auch wirkungslose) Brief jetzt rausgehen“<em>[2]</em>. Warum es letztlich nicht zu dem Besuch kam, lässt sich nur vermuten. Eine naheliegende Erklärung wäre, dass Putin die Preisverleihung an die russische Bürgerrechtlerin Jelena Bonner im Bremer Rathaus nicht vergessen hatte. </p>



<h2 class="wp-block-heading" id="epilog">Epilog &nbsp;</h2>



<p>Just an dem Tag, als Scherf seine Einladung auf den Weg brachte, erschien in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> die Rezension des Buches der russisch-amerikanischen Reporterin und Aktivistin für Menschenrechte Anna Politkovskaja „In Putins Russland“ <em>[3]</em><strong>,</strong> in der sie unter anderem „die Verfilzung von organisiertem Verbrechen, Polizei und Justiz“ beklagte und „die Schaffung einer Atmosphäre der Angst, in der kritischer Journalismus verkümmert.“ In ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe kritisierte sie die deutsche Wirtschaft, die den russischen Präsidenten vor allem deswegen „nach Kräften hofiert“, damit „Erdöl und Erdgas weiter flössen.“<em>[4] </em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Schreiben an S.E. Botschafter Vladimir V. Kotenev vom 23. Mai 2005. Einladung zur Eiswette vom 21. Januar 2006.Senatsregistratur a.a.O.<br><em>[2]</em><strong> </strong>Der Journalist Henning Bleyl berichtet in der Taz/Nord vom 9.03.2014, dass die mögliche Anwesenheit Putins auf der Schaffermahlzeit 2003 Eichwede zu einer Erklärung an die Veranstalter bewogen hätte, dass er für den Tag von Putins Anwesenheit einen internationalen Kongress russischer Menschenrechtler in Bremen organisieren würde. „Diese Drohung hatte Substanz: Kaum irgendwo sonst gibt es derart gute Kontakte zu den Vertretern der russischen Zivilgesellschaft wie in Bremen.“ Eichwede, schreibt er, hat „Bremen in jahrzehntelanger Arbeit zum Zentrum der Smisdat-Forschung gemacht, der Beschäftigung mit den illegalen Publikationen der oppositionellen Intellektueellen“ in Russland.“ Die OSZE hatte die Wahlen in Russland im Jahr 2003 als Farce bezeichnet, weil Putin „alle Konkurrenten seines Favoriten Kadyrow zum Verzicht auf eine Kandidatur gezwungen (hatte).“ <br><em>[3]</em> Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006, dem Geburtstag Putins, im Fahrstuhl ihres Wohnhauses in Moskau mit mehreren Pistolenschüssen ermordet. Die Tat erregte weltweit Aufsehen und führte zu heftigen Anklagen gegen das Regime Putins.&nbsp; <br><em>[4]</em> Anna Politkovskaja, In Putins Russland. Köln 2005. Zitate aus der Rezension von Hannes Adomeit, <em>Süddeutsche Zeitung</em> vom 23.5.2005. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 29</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 10 &#8211; Turbulenzen und Skandale &#8211; Die Ära Wedemeier (1985 -1995)</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-10-turbulenzen-und-skandale-die-aera-wedemeier-1985-1995/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Nov 2019 08:53:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 10]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
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					<description><![CDATA[1988 Der Senat boykottiert die Eiswette

Der Boykott hatte eine Vorgeschichte. Am Ende seiner Rede zur Entspannungspolitik im Jahr 1981 hatte sich Koschnick einem Thema gewidmet, das ihn „schmerzlich berührte“. Zunächst sprach er von den finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, unter denen Bremen und andere Bundesländer zu leiden hätten, eine Situation, die man „besser, wenn auch nicht ohne spürbare Belastungen durchstehen werde“ als die ]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading" id="1988-der-senat-boykottiert-die-eiswette">1988 Der Senat boykottiert die Eiswette &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</h2>



<p>Der Boykott hatte eine  Vorgeschichte: Am Ende seiner Rede zur Entspannungspolitik im Jahr 1981 hatte sich Koschnick einem Thema gewidmet, das ihn „schmerzlich berührte“. Zunächst sprach er von den finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, unter denen Bremen und andere Bundesländer zu leiden hätten, eine Situation, die man „besser, wenn auch nicht ohne spürbare Belastungen durchstehen werde“ als die „bitteren Jahre nach 1930, nach der Pleite der Nordwolle“. „Besorgter“ als das, sagte er, „stimmen mich die Störungen in unseren inneren Beziehungen.“ Es wäre „stets eine bremische Tugend gewesen, (…) über die lebenswichtigen Belange dieser Stadt und dieses Landes immer und überall offen miteinander sprechen“ zu können. Dies gelte heute leider „nur noch mit Einschränkungen.“ Bremen sei „nicht in einer hoffnungslosen Lage“, aber notwendig sei „die Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln.“ Koschnick sprach die Versammelten direkt an auf „Ihre Vorgänger als Eiswett-Genossen (die) ihre Pflicht taten.“  Er fragte: „Wem soll es nützen, wenn Bremer auswärts über Bremer herfallen?“ Er appellierte an die Eiswettgenossen, sich „selbstkritisch“ zu „prüfen, ob die heutigen Formen des Umgangs miteinander, etwa über die Medien, nicht vor allem Bremen schaden.“<em>[1] </em> Es verwundert nicht, dass sich die Zustimmung der Eiswettgenossen über die Rede insgesamt sehr in Grenzen hielt.<em>[2]</em> Das „Bündnis von Kaufmannschaft und Arbeiterschaft“, jahrelang auf der Eiswette von Koschnick und Gätjen in Personalunion repräsentiert, zeigte am Ende der Amtszeiten von Bürgermeister und Eiswettpräsident deutliche Erosionserscheinungen. Die Folgen waren einige Jahre später zu beobachten.<em>[3] </em> Eines der inoffiziellen Eiswett-Prinzipien ist eigentlich, „Parteipolitik“ auszuklammern.<em>[3]</em> Genau das war der strittige Punkt in der Auseinandersetzung Wedemeiers mit der Eiswette in den Jahren 1987/88. Wie Koschnick sah er „den Sinn der Eiswette (darin), „Bremen überregional positiv zu „vermarkten“. Er warf den Eiswettgenossen vor, auf dem Fest von 1987 „unter dem Motto „Bremen kaputt“ den vielen auswärtigen Gästen eine verlogene Anti-Bremen-Schau“ präsentiert zu haben. Es ging um die Darbietungen des traditionellen Eiswett-Kabaretts, dass nach Wedemeiers Überzeugung schon vor 1987 dem Sinn der Eiswette „mit aller Kraft entgegengewirkt“ hatte. <em>[4]</em> 1988 veröffentlichte der Weser-Kurier nur kurze Auszüge aus dem Manuskript des Eiswett-Kabaretts vom Vorjahr: „Da tönte es von der Bühne unter anderem: „In Bremen ist auch hoch die Steuer, und wer im Kopf hat auch Verstand, verlässt zwecks Existenz das Land.“   </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em>Alle Zitate aus dem Redemanuskript vom 17.1.1981. Senatsarchiv, a.a.O. <br><em>[2]</em>&nbsp;Vgl. Die Berichte in den <em>Bremer Nachrichten</em> und im <em>Weser-Kurier</em> vom 19.01.1981.<br><em>[3]&nbsp;</em>Vgl. Löbe, 1. Auflage, a.a.O., S.134. <br><em>[4]</em>&nbsp;Zitate aus einer e-mail von Klaus Wedemeier an den Verfasser vom 8.07.2011.<br><em>&nbsp;</em></p>



<p class="has-text-align-right">Seite 1</p>



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<p>Und im Refrain: „Macht man Wirtschaft auch kaputt – wie heißt es noch? Wat mutt, dat mutt.“<em>[1]</em> Die Reden auf den Eiswetten seit 1949 lassen sich zwar im Allgemeinen dem konservativen Denkkreis der Eiswettgenossen zuordnen, aber eine direkte Konfrontation mit der senatorischen Politik wie 1987 werden wir in ihnen nicht finden. Das Ventil für Unmut war seit jeher das Eiswettspiel gewesen, das nach dem Tod des „Hofpoeten“ Otto Heins im Jahr 1959 von verschiedenen Autoren verfasst wurde. Dort war auch die lokale Politik Gegenstand des Spotts. Koschnick hatte sich gerne selbst auf die Schippe genommen.<em>[2]</em><strong> </strong>Traditionell arbeitete sich die Kritik eher an harmlosen Eigenheiten der politisch verantwortlichen Personen ab.<em>[3]</em> Der oben zitierte Text gehörte nicht in diese Kategorie. Im Gegenteil konterkarierte er eines der Hauptanliegen der Senate Koschnick und Wedemeier, die Wirtschafts- und Werftenkrise durch Ansiedlung neuer Unternehmen in der Stadt abzumildern, wie das schon 1979 mit großen finanziellen und strukturellen Vorleistungen für Daimler-Benz geschehen war. Wie zur Bestätigung der Befürchtungen von Wedemeier, stellte ausgerechnet Ministerpräsident Franz Josef Strauß, Hauptredner der Eiswette am 16. Januar1988 auf der Landespressekonferenz des gleichen Tages die Behauptung auf, dass „Mercedes seine Investitionen in der Hansestadt längst bereut hat.“<em>[4]</em><strong> </strong>Auf Nachfragen der überraschten Journalisten „wollte er allerdings nicht preisgeben, auf welche Informationen er sich dabei stützt.“<em>[5]</em> Am 8. Januar 1988 hatte der Bürgermeister auf einer Pressekonferenz die Teilnahme der Landesregierung an der Eiswette abgesagt.<em>[6]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Weser-Kurier</em> vom 9.1.1988. <br><em>[2]</em> “Er weidete sich regelrecht in Selbstironie“ hieß es in einem Zeitungsbericht über die Koschnick-Rede. <em>Weser-Kurier</em> vom 19.1.1981. <br><em>[3] </em>Koschnick schrieb in einem Brief an den Präsidenten der Eiswette Helmut Schläfereit am 22.12.1978: „Ich habe mich in der geselligen Runde der Eiswette stets wohl gefühlt und mich gerade über Anspielungen über meine Person und meine Arbeit amüsiert. Solange Sie mich für würdig befinden, mir kräftige Seitenhiebe zu verpassen, solange weiß ich, dass ich eigentlich wohl nichts Gravierendes falsch mache.“  Senatsregistratur, a.a.O., 1. Ordner. <br><em>[4] Achimer Kreisblatt. Kreiszeitung für die Landkreise Diepholz und Verden</em> vom 18.1.1988. Bemerkenswert ist, dass der <em>Weser-Kurier</em> in seinem ausführlichen Bericht über die Pressekonferenz am 17.1. diese Äußerung von Strauß verschwieg. Vgl. <em>Weser-Kurier</em> vom 17.1.1988. Erst nach der Veröffentlichung im <em>Achimer Kreisblatt</em>, das über Strauß’ Behauptung in großer Aufmachung berichtet hatte, wurde sie auch den Lesern des <em>Weser-Kurier</em> zur Kenntnis gebracht, wenn auch nur in einer ironischen Glosse mit dem Titel „Franz Josef und die Reue.“ <em>Weser-Kurier</em> vom 19.1.1988. <br><em>[5]</em> <em>Achimer Kreisblatt</em>, a.a.O. Möglicherweise wollte er seine Gastgeber nicht desavouieren. Wedemeier sah sich durch die Behauptung von Strauß veranlasst, den Vorstand der Daimler-Benz AG um eine Stellungnahme zu bitten, die er noch im Laufe des Januar erhielt. Darin hieß es, dass sich Daimlers Engagement in Bremen „jederzeit bewährt“ hätte. Vgl. Karl Marten Barfuß, Hartmut Müller und Daniel Tilgner (Hg), Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von 1945 bis 2005. Band 2: 19ö70 -1989, Kapitel „Politik/Justiz 1945-1951/55 von Karl-Ludwig Sommer und Hans Wrobel, S. S.90.<br><em>[6]</em> In der Darstellung von Barfuß und anderen wird sogar behauptet, dass Wedemeier eine Regierungserklärung zu diesem Thema vor der Bürgerschaft abgegeben habe: „Bürgermeister Wedemeier sah sich genötigt, die Entscheidung in einer vor der Bürgerschaft abgegebenen Regierungserklärung (!) zu rechtfertigen&#8230;“ (Das Ausrufungszeichen steht bei Sommer/Wrobel – der Verf.). Aus den Protokollen der Bürgerschaftssitzungen ergibt sich, dass es diese nicht gegeben hat. Hier irren Sommer/Wrobel. Vgl. Barfuß u.a., a.a.O. (Vgl. Anmerkung 60), S.89.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 2</p>



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<p>Er begründete dies damit, dass im letzten Jahr das Eiswette-Kabarett Bremen „in den Dreck gezogen“ hätte. Es wäre in Ordnung, „wenn einzelne Senatoren aufs Korn genommen würden.“ Aber eine „pauschale Verunglimpfung Bremens“, wie sie hier erfolgt wäre, könnte er nicht akzeptieren. Wedemeier, schrieb der <em>Weser-Kurier</em>, wolle dem Präsidium der Eiswette „zeigen, was ‚ne Harke ist“<em>[1]</em><strong> </strong>und lag damit wohl richtig.  Es war das erste – und ist bis heute das einzige &#8211; Mal, dass ein Bremer Senat die Veranstaltung boykottiert.Die lokalpolitischen Turbulenzen waren gewaltig und schafften sogar den Eintrag in die Geschichtsbücher der Stadt.<em>[2] </em>Es war die große Stunde der Opposition. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Klaus Jäger beklagte „die politische Instinktlosigkeit“ der SPD. Der CDU-Vorsitzende Bernd Neumann hatte, so der Weser-Kurier, „gleich einen bunten Strauß von „Nettigkeiten“ über Wedemeier parat: „Tollpatschig, einfältig, kleinkariert, provinziell, vordergründig eitel.“ Neumanns Fazit: „Die Absage ist ein Affront gegen die versammelte Wirtschaft und ihre Gäste.“ Im Kommentar des Weser-Kurier schrieb Heinz Holtgrefe, Redakteur und Gast der Eiswette: „Dem Regierungschef wird das Lachen über die vermeintlich so kernige Haltung allerdings noch vergehen.“ Sein Verzicht auf die Teilnahme an der „für das Bremen-Image unglaublich wichtigen Eiswette (&#8230;) fügt (&#8230;) der Stadt einen unermesslichen Schaden zu&#8230;“<em>[3]</em> Einen nachvollziehbaren Grund für Wedemeiers Absage konnte er nicht ausmachen. Wedemeier hätte „offensichtlich aus dem Bauch heraus und nicht mit dem Verstand“ gehandelt. Dagegen sprach nicht nur, dass der Senat ein Jahr Zeit gehabt hatte, um sich die Sache zu überlegen, sondern auch, dass nicht Wedemeier, sondern Parlamentspräsident Dieter Klink die Initiative für den Boykott ergriffen hatte.<em>[4]</em>. Wedemeier hatte an der Eiswette 1987 gar nicht teilgenommen. Es waren Klink und Finanzsenator Grobecker gewesen, die sich seinerzeit als Teilnehmer über das Kabarett empört hatten.<em>[5]</em> Die Absage Wedemeiers fand Eingang in die überregionale Presse. Selbst BILD und taz berichteten. In der überregionalen bürgerlichen Presse kam Wedemeier schlecht weg.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;<em>Weser-Kurier</em> vom 9.1.1988.<br><em>[2]</em>&nbsp;Barfuß, a.a.O. S.89/90.<br><em>[3]&nbsp;</em>Alle Zitate aus <em>Weser-Kurier</em> vom 9.1.1988.<br><em>[4]</em>&nbsp;Wedemeier an den Verfasser, a.a.O.<br><em>[5]</em>&nbsp;Beide hatten sich im Anschluss an die Feier bei Eiswette-Präsident Kloess beschwert. Der berichtete dem Reporter des <em>Weser-Kurier</em>, dass er Wedemeier schriftlich ein Gesprächsangebot geschickt hätte, das unbeantwortet geblieben wäre. Der Entschluss zur Absage war also schon relativ früh gefasst worden.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 3</p>



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<p>Ein Reporter der <em>Stuttgarter Zeitung</em> kritisierte den Boykott deswegen, weil das „hervorragende, hochrangige Eiswett-Fest (&#8230;) einflussreiche Wirtschaftsbosse aus der halben Welt in Bremen versammelt.“ Der Artikel legte noch eine andere Spur in dieser Affäre. Darin hieß es: In Bremen gibt es Leute, die „schwören, die Absage des hanseatischen Senats habe – Dementis hin, Dementis her – doch etwas mit dem bayrischen Ministerpräsidenten zu tun.“ <em>[1]</em><strong> </strong>Die Einladung von Strauß zur Eiswette hatte in der Tat heftige Reaktionen in der Bremer Öffentlichkeit ausgelöst. Ein Aktionsausschuss „Wir begrüßen Strauß“, dem u.a. die Grünen und Vertreter verschiedener SPD-Gliederungen angehörten<em>[2]</em>, bereitete eine Demonstration vor, der Mummenschanz genannt wurde – in Anspielung auf den von Strauß angestrebten neuen Straftatbestand von „Vermummungen“ auf Demonstrationen. Der SPD-Landesvorsitzende Herbert Brückner nannte weitere Gründe, warum er die Demonstration gegen Strauß „für richtig und nötig“ hielt: „seine guten Kontakte zum chilenischen Diktator Pinochet und zum Apartheid-Regime in Südafrika“ und die Politik einer Aushöhlung des Asylrechts.<em>[3]</em> Im Bericht über die Demonstration der 3000 Bremer hieß es in der lokalen Zeitung, dass sie im Zeichen des Hanauer Atommüllskandals gestanden hätte. Strauß stünde, sagte ein Redner auf der Veranstaltung, „seit 40 Jahren für den Staat, der jetzt zum Atomstaat geworden sei.“<em>[4] </em>Auf der Demonstration, die mit einer Satire auf Strauß endete, wurde auch die Eiswette nicht geschont: „Fressen und Saufen und des Volkes Fell verkaufen“ stand auf einem der Schilder.<em>[5]</em> Die Vermutung, Wedemeier hätte der Eiswette wegen der Anwesenheit von Strauß eine Absage erteilt, war schon deswegen falsch, weil die Entscheidung zum Boykott innerhalb des Senats bereits gefallen war, bevor Strauß als Redner vorgestellt wurde. Außerdem hatte der Senat am Tag der Eiswette ein Mittagessen zu Ehren von Strauß im Kaminsaal des Rathauses gegeben.<em>[6]</em> Der politische Wirbel, den der Strauß-Besuch verursachte, drängte die eigentliche Ursache des Konflikts in den Hintergrund. So konnte Präsident Kloess auf der Eiswette die „Höchststrafe“ über Wedemeier verhängen<em>[7]</em>: Er erwähnte den abwesenden Bürgermeister mit keinem Wort<em>[8] </em>und ging in seinen Redebeiträgen über den Konflikt mit dem Bremer Senat hinweg.   </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;Stuttgarter Zeitung</em> 15.1.1988.<br><em>[2]&nbsp;</em>Vgl. <em>Weser-Kurier</em> vom 17.1.1988. Vgl. Barfuß u..a., a.a.O., S. 89.<br><em>[3]&nbsp;</em>Zitiert im <em>Weser-Kurier</em> vom 16.1.1988.<br><em>[4]</em>&nbsp;Weser-Kurier vom 17.1.1988.<br><em>[5]</em>&nbsp;A.a.O.<br><em>[6]&nbsp;</em>Wedemeier an den Verfasser, a.a.O.&nbsp;&nbsp; <br><em>[7]&nbsp;</em>Vgl. dazu Koschnick in einem Brief an Eiswette-Präsident Schläfereit vom 22.12.1978: „Viel schlimmer wäre es, wenn man mich schweigend übergehen würde. Also hacken Sie auch im Jahre 1979 kräftig auf mich ein.“ Senatsregistratur a.a.O., 1. Ordner<br><em>[8]&nbsp;</em>Vgl. den Bericht im <em>Weser-Kurier</em> vom 18.1.1988. Koschnick war der Einladung gefolgt. „Viele Gäste amüsierten sich köstlich darüber“, dass er zur Rechten von Strauß platziert wurde und zusammen mit Eiswette-Präsident Kloess den Ministerpräsidenten einrahmte.&nbsp; <em>Weser-Kurier</em> vom 18.1.1988. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 4</p>



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<p>Bernd Neumanns Aussage „Seine Majestät Durchlaucht Klaus von Wedemeier fühlen sich beleidigt“<em>[1]</em> hatte die Dinge auf den Kopf gestellt. Es war eher Seine Majestät der Bremer Kaufmann, der beleidigt war. </p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1989-die-eiswettgenossen-ausser-rand-und-band-der-skandal-um-den-scheibner-auftritt-und-mehr">1989 Die Eiswettgenossen außer
Rand und Band: Der Skandal um den Scheibner-Auftritt und mehr &nbsp;</h2>



<p>Ein Jahr später engagierte das Präsidium zum ersten Mal ein „semi-professionelles“ Kabarett, wie es Präsident Kloess nannte, um den Ärger des letzten Jahres zu vermeiden. Es waren „Die Müllfischer“ aus Bremerhaven, ein Amateur-Kabarett, das seit 1981 öffentlich auftrat. Mitglied des Ensembles war der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Landesverbandes der FDP, Manfred Richter, den Kloess namentlich hervorhob, als er einen Monat vor der Eiswette auf einer eigens dafür einberaumten Pressekonferenz das neue Kabarett vorstellte. <em>[2]</em> Richter sagte allerdings seine Teilnahme wegen Terminschwierigkeiten ab. Vielleicht ahnte er schon, was auf sein Ensemble zukommen würde.&nbsp; Inzwischen hatte Kloess das Ende der Eiszeit zwischen Eiswette und Landesregierung verkündet: „Die Atmosphäre ist bereinigt.“<em>[3]</em> So wurden die Mitglieder des Bremer Senats mit Wedemeier an der Spitze Zeugen einer denkwürdigen Veranstaltung. Kloess war die Sache mit dem Humor konsequent angegangen und hatte außerdem noch Hans Scheibner, einen echten Kabarett-Profi („Das macht doch nichts, das merkt doch keiner.“) engagiert, der seit den siebziger Jahren durch seine Fernsehauftritte einem großen Publikum bekannt war. Kloess ahnte nicht, dass er damit seine Genossen völlig überfordern würde.  Scheibner erntete schon nach zwanzig Sekunden (!) seines ersten Sketchs wütende Buhs, „Abtreten!“- und „Aufhören!“-Rufe, <em>[4] </em>als er Klaus Töpfer als „Lügen-Klaus“ aufs Korn nahm, der als frischgebackener CDU-Umweltminister in einer spektakulären Aktion den Rhein durchschwommen hatte, wofür das Badeverbot eigens für zwei Stunden aufgehoben werden musste. <br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 9.1.1988.<br><em>[2]</em>&nbsp;Mehr Glück hatte man in späteren Jahren mit dem „fraktionsübergreifenden“ Bonner Abgeordneten-Kabarett „Die Wasserwerker“ und mit dem Bremer Juristen-Kabarett „Libretto“. 1998 hatten die „Müllfischer“ noch einmal einen Auftritt auf der Eiswette, der ungestört verlief. Diesmal nahm Richter, inzwischen Oberbürgermeister von Bremerhaven, an der Veranstaltung teil. Vgl. Weser-Kurier 19.1.1998.<br><em>[3]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 22.12.1988.<br><em>[4]</em>&nbsp;<em>Nordsee-Zeitung</em> vom &nbsp;23.1.1989, vgl.&nbsp; Sendung von <em>Radio Bremen</em> am 23.1.1989: „Hans Scheibner verursacht Protest auf dem Stiftungsfest der Eiswette.“ </p>



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<p>Es war ein PR-Gag, der auf die angeblich gute Qualität des Rheinwassers hinweisen sollte. Weder in der Presse, noch bei seiner eigenen Partei kam er damit gut an („Taten statt baden“).<em>[1]</em> Ein weiterer Beitrag war die kabarettistische Version des Prologs im „Faust“, in dem Gott dem Teufel erklärte, wie stolz er auf seine Christen wäre, dass sie die Atomwaffen abrüsten wollten. Leider, sagte der Kabarettist, irrte sich der Herr hier teilweise, weil ausgerechnet christliche Politiker sich gegen den Abzug atomarer Waffen aus der Bundesrepublik sträubten. Es ging dabei um die Frage, ob die mit atomaren Sprengköpfen ausgerüsteten Pershing 1 A-Raketen der Bundeswehr in den INF-Abrüstungsvertrag<em>[2]</em> aufgenommen werden sollten. Bundesverteidigungsminister Wörner hatte sich dagegen ausgesprochen. Die Folge war, dass der Saal tobte. „Der Rest von Scheibners Auftritt ging im Tumult unter.“ <em>[3] </em>Geballter Zorn machte sich in minutenlangen Pfiffen Luft und zwang den Künstler zum Abgang von der Bühne. In der Geschichte des Festes hatte es so etwas, auch nicht ansatzweise, gegeben, und auch für den Kabarettisten war das Neuland. Heinz Holtgrefe berichtete im Weser-Kurier: „Etliche der so förmlich gekleideten Herren vergaßen ihre gute Kinderstube: Sie buhten und pfiffen den Kabarettisten Hans Scheibner gnadenlos aus. „Aufhören, aufhören“, schallte es durch den Saal und manche der Beschimpfungen hätte man eher im Weserstadion als bei einer solch piekfeinen Veranstaltung erwartet. Was war passiert? Scheibner ist seit Jahren im Geschäft und für seine spitze Zunge landauf, landab bekannt. Dass er Ansichten vertritt, die links von der CDU angesiedelt sind, dürfte auch dem Eiswett-Präsidium nicht entgangen sein. Doch als Scheibner sich „erdreistete“, Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) als „Lügen-Klaus“ zu titulieren, da sahen die ersten Eiswett-Genossen und ihre Gäste rot. Und als der Kabarettist behauptete, Kommunisten seien für atomare Abrüstung, während christliche Demokraten dies verhindern wollten, tobte der Saal. Der Rest von Scheibners Auftritt ging im Tumult unter.“ <em>[4]  <br></em><br>Vorsichtshalber hatte das Präsidium die von den „Müllfischern“ anschließend auf die Bühne gebrachten Sketche im Vorfeld selbst ausgewählt. Aber auch das half nichts. Die Versammlung nahm zwar noch die ersten beiden Szenen, bei denen es um das Personenkarussell bei der SPD im Lande Bremen und um eine „Abgeordnetenauktion“ ging, „noch fast schweigend hin.“ &nbsp;Aber dann mussten auch die „Müllfischer“ „wütende Buhrufe“ hinnehmen.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Vgl. DER SPIEGEL 38/1988 vom 19.9.1988.<br><em>[2]</em>&nbsp;Sie wurden tatsächlich in den späteren INF-Abrüstungs-Vertrag vom Juni 1988 aufgenommen. Vgl. Wikipedia Stichwort INF-Vertrag. <br><em>[3]</em>&nbsp;<em>Weser-Kurier</em> vom 23.1.1989. <br><em>[4]&nbsp;Weser-Kurier</em> a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 6</p>



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<p>„Die Freizeit-Kleinkünstler aus Bremerhaven brachten viele Zuhörer mit einem Sketch über die militärische „Feindbildverlustneurose“ gegen sich auf, die durch Gorbatschows Abrüstungsvorschläge ausgelöst werde. Bei den Reizworten „Industriekapital“ und „Jäger 90“ steigerten sich die Proteste zu erregten Diskussionen.“<em>[1]</em><strong> </strong>Was dann kam, war so unglaublich und dem Ruf der Eiswette abträglich, dass nur die BILD-Zeitung es wagte, darüber zu berichten: Die Eiswettgenossen bewarfen die Künstler mit Klopapierrollen. Das war der BILD sogar ein Titelzeile wert.<em>[2]</em> Die Texterin der „Müllfischer“ Helene Daiminger amüsierte sich nach der Veranstaltung in einem Gespräch mit der Nordsee-Zeitung: „Man stelle sich nur mal vor, wenn der FDP-Landesvorsitzende von den nichts ahnenden Anhängern seiner eigenen Partei ausgepfiffen worden wäre.“ Die Nordsee-Zeitung fasste ihren Eindruck  zutreffend zusammen: „Dem größten Teil des Publikums war nicht unbedingt nach linksliberalen Pointen zumute, sondern nach den aus den Vorjahren gewohnten satirischen Schüssen  gegen den Senat, die Landes-SPD und die Finanzmisere im Zweistädtestaat.“ <em>[3]</em> Hilde Adolf, die spätere SPD-„Frauen-Senatorin“ und heimliche Favoritin für das Amt der Bürgermeisterin, jahrelanges Mitglied des Kabaretts,  nannte die Eiswette damals schlicht eine „intolerante Herrengesellschaft“.<em>[4]</em> Heinz Holtgrefe, der Eiswette-Intimus, warf den Herren in einem Kommentar jene Dünnhäutigkeit vor, die sie Wedemeier angekreidet hatten, als sie ihn „mit rechten Sprüchen“ ärgerten. „Ein, zwei spitz formulierte Pointen und schon flippen einige Herren der feinsten Bremer Gesellschaft regelrecht aus“, schrieb er. „Mit ein bisschen kritischem Kabarett sind hanseatische, weltoffene Kaufleute also schon aus der Fassung zu bringen.“ Was auf der Eiswette geschah, wäre „der Beweis für Provinzialität.“<em>[5]</em> Die meinte man ja eigentlich schon in den fünfziger und sechziger Jahren überwunden zu haben. Aber der Eifer und Aufwand, mit dem einige Herren die eindrucksvolle „Munition“ zur Beendigung des „Müllfischer“-Auftritts außerhalb des Saales organisiert hatten, spricht für eine gewisse lokale Kampfbereitschaft zur Abwehr schädlicher politischer Einflüsse.   </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Alle Zitate aus der <em>Nordsee-Zeitung</em> vom 23.1.1989.<br><em>[2]</em>&nbsp;&#8222;Bremer Eiswette mit Buhrufen und Klopapier auf der Bühne.“ BILD- Zeitung vom 23.1.1989.<br><em>[3]</em>&nbsp;Bericht und alle Zitate aus der <em>Nordsee-Zeitung</em> a.a.O.<br><em>[4]&nbsp;Nordsee-Zeitung</em> vom 23.1.1989. Hilde Adolf gehörte den „Müllfischern“ 17 Jahre lang an (von 1981 bis 1998). Sie war stellvertretende Bremer Landesfrauenbeauftragte und von 1988 bis 1995 Leiterin der Außenstelle Bremerhaven für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau. 1999 wurde sie Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales. Am 20.1.2002 berichtete der <em>Weser-Kurier</em>, dass Präsident Uwe Hollweg der einige Tage vorher bei einem Verkehrsunfall tödlich Verunglückten auf der Eiswette „die Ehre erwies, ihrer mit warmherzigen Worten zu gedenken.“ <br><em>[5]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 23.1.1989.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 7</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="ich-vertrete-das-haus-brinkmann-die-eiswettgenossen-werden-zur-kabarettnummer">„Ich vertrete das Haus Brinkmann!“Die Eiswettgenossen werden zur Kabarettnummer&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </h2>



<p>Worüber die Zeitungen im gedämpften Tonfall berichteten, erlebte der Künstler auf der Bühne in voller Lautstärke. Scheibner schildert es ohne Sordino in seinen Lebensgeschichten, die er 2016 veröffentlichte.<em>[1]</em><strong> </strong> <br>„Das Publikum „reagierte sofort wie elektrisiert, als ich die harmlosen kleinen Zeilen sprach: „Graf Lambsdorff kommt wieder ganz groß raus: Steuerhinterziehung zahlt sich aus“! Es wurde unruhig im Saal. Einer rief: „He, was soll das?“ Es begann ein Grummeln.“ Nun „kam eine ungeheure Majestätsbeleidigung“ (Das Finanzamt München hatte dem Sohn Max, der in finanziellen Schwierigkeiten war, mit der Pfändung der Familiengrabstätte gedroht, auf der Strauß lag. &#8211; d. Verf.): „Strauß wird verlegt – nach München rauf. Hoffentlich wacht er nicht wieder auf.“&nbsp; „Oha! Da legten sie sich aber ins Zeug. Schrille Pfiffe, immer wieder auf den Fingern zu pfeifen, das beherrschten einige der feinen Herren ausgezeichnet (…) Es erhob sich ein Geschrei mit üblen Beschimpfungen: „Aufhören, du linke Sau!“ „Werft ihn raus!“ „Mikro aus!“ (…) Es war ein Schmerzensaufschrei. Und nicht nur ein Aufschrei, es flogen jetzt auch Gegenstände. Von oben sah ich, wie vornehm gekleidete Herren nach den Aschenbechern griffen und damit nach mir warfen. Allerdings: Nur einer erreichte die Bühne. Es war einfach ein Chaos, ein Tumult, ein Brüllen und Pfeifen, übelste Schimpfworte flogen mir mitsamt Biergläsern um den Kopf, Ich hatte die Meute gereizt, jetzt ging sie auf mich los. Als mildernder Umstand muss ihr aber angerechnet werden: Sie waren ja fast alle besoffen oder ziemlich stark angetrunken. Was aber alle nicht wussten, mein tobendes Publikum ebenso wenig wie ich selbst: Radio Bremen hat alles mitgeschnitten.“ (…) Aber ich hatte jetzt Gefallen an dem Theater gefunden. Ich stand auf der Bühne und sah mir den brüllenden Mob aus lauter Smokingträgern mitleidig an. Als der Lärm etwas nachließ, griff ich wieder zum Mikrofon. (…) „endlich habe ich einmal die Leute vor mir, die ich wirklich meine!“ Und wieder ein Aufschrei. „Halt die Schnauze! Endlich abtreten!“ (Scheibner trug dann die Geschichte vom „Lügen-Klaus“ Töpfer vor). „Und wieder wurde der Protest zum Tumult. “Zumutung! Fresse halten! Runter von der Bühne!“ (Als er die Verse weiter vortrug, konnte ihn niemand mehr im Saal verstehen. d. Verf.) „Inzwischen waren die Smoking-Hooligans und ich dazu übergegangen, uns gegenseitig anzuschreien.</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Hans Scheibner, In den Himmel will ich nicht! Mein Leben in Geschichten. Berlin 2016.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 8</p>



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<p>Ich hörte kaum noch auf ihre Pfiffe und Beschimpfungen. (…) Ich schrie ihnen mikrophonverstärkt in die Ohren: „Hören Sie Johann Wolfgang von Goethe. Aus dem <em>Faust. </em>Von unten: „Nein! Abtreten! Hör endlich auf! Hau ab! Mach, dass du wegkommst!“ Von unten immer weiter Rufe. „Aufhören!“ Große Unruhe. Ich verspreche Ihnen, dass ich danach abtrete. Von unten wieder höhnischer Beifall. „Bravo! Bravo! Abtreten! Noch ein Gegenstand fliegt auf die Bühne. Ich – immer wieder von Pfiffen unterbrochen &#8211; spreche meinen „Prolog im Himmel“. (Die Nummer endete mit den folgenden vier Zeilen – d.Verf.):<br>„Die Christen sträuben sich, die Schreckenswaffen für einen langen Frieden abzuschaffen. Millionen Menschen kann mit ihnen man vernichten. kein guter Christ will darauf gern verzichten.“ „Es brach ein solcher Tumult aus, einige der wütenden Herren drängten nach vorn zur Bühne, dass mir wirklich nichts anderes übrig blieb, als sie so schnell wie möglich zu verlassen. (…) Ich holte meine Tasche und meinen Mantel aus der Künstlergarderobe und wollte über das Foyer zum Ausgang gelangen. Da standen sie aber schon, meine Smoking-Freunde. Ich vermied es, Blickkontakt mit einem aufzunehmen und wollte mich wortlos hinausbegeben. Drei von den schwarz gekleideten Herren versperrten mir aber den Weg. Ich dachte schon: Jetzt gehen sie auf mich los, jetzt verhauen sie mich. Aber als bedeutende Bosse wussten sie etwas Besseres. Einer von ihnen, ein großer Blonder, trat mit dem Sektglas in der Hand auf mich zu und sagte: „Ich vertrete das Haus ‚Brinkmann.“ Er muss davon überzeugt gewesen sein, dass mich das ungeheuer beeindrucken würde. Ich sah ihn freundlich an: „Ja, und?“ Da trat er bedrohlich nahe an mich heran, und da er zwei Köpfe größer war als ich, sagte er von oben herab: „Das wird Ihnen noch einmal leidtun!“ <em>[1]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em>Alle Zitate aus Scheibner, a.a.O., S. 296 306.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 9</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zigarettenfabrik-1024x683.png" alt="" class="wp-image-1231" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zigarettenfabrik-1024x683.png 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zigarettenfabrik-300x200.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zigarettenfabrik-768x512.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zigarettenfabrik-750x500.png 750w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zigarettenfabrik.png 1039w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Wandmosaik der Zigarettenfabrik Brinkmann AG von 1957. Mittelteil des Triptychons in der Halle des Bremer Hauptbahnhofs. Foto: Verfasser </figcaption></figure>



<p>Hans Scheibner hat dieses in jahrzehntelanger Bühnenpraxis einmalige Erlebnis inzwischen zu einer Nummer in seinem Kabarettprogramm gemacht. Auf der Eiswette von 1990 &#8211; „im Jahr I nach der Pleite“ (Holtgrefe) &#8211; schlug das Pendel zur anderen Seite aus. Koschnick, der kurzfristig als Gastredner eingesprungen war, konnte sich die folgende Feststellung nicht verkneifen: „Vom übervorsichtigen Eiswettpräsidium (seien) offensichtlich auch die kleinsten Spitzen weggestrichen worden. Die Brüder und Schwestern in der DDR kämpfen gegen Zensur, da gibt es auch bei der Eiswette noch was zu tun.“<em>[1] </em>Man hatte sich auf dieser Veranstaltung – gewissermaßen von der anderen Seite her – genauso weit von Weltläufigkeit, Gelassenheit und Selbstironie entfernt wie im Jahr zuvor.</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 22.1.1990.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 10</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="1991-die-golfkrieg-eiswette">1991 Die Golfkrieg-Eiswette&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </h2>



<p>Am Morgen des 17. Januar 1991, einige Stunden nach dem Beginn des nächtlichen Luftangriffs der Nato auf den Irak, sagte Bürgermeister Wedemeier „angesichts des Krieges am Persischen Golf“ seine Teilnahme an der Eiswette zum zweiten Mal in seiner Amtszeit ab. Er übermittelte dem Präsidium darüber hinaus „seinen dringenden Rat“, das ganze Fest abzusagen.<em>[1] </em>Das war zwei Tage vor der geplanten Veranstaltung. Auf europäischer Ebene war die Absage des Wiener Opernballs am schnellsten erfolgt. Die langjährige Organisatorin Lotte Tobisch hatte schon in der Woche zuvor in einer öffentlichen Erklärung die Absage ins Auge gefasst mit der Begründung, dass es „moralisch nicht zu vertreten (wäre), in Wien zu tanzen und zu feiern, wenn die halbe Welt in Flammen steht.“<em>[2]</em> Die Eiswettprobe an der Weser war am 7. Januar wie immer fröhlich verlaufen und endete mit der Erwartung, am 19. Januar in der Glocke zu feiern und „zumindest von außen“ trocken zu bleiben.<em>[3]</em> Was sprach dagegen, die Eiswette unter den gegebenen Umständen stattfinden zu lassen? Am 17. Januar gab Eiswette-Präsident Peter Kloess<em>[4]</em> nach der Stellungnahme Wedemeiers eine Presseerklärung heraus, deren erster Teil folgenden Wortlaut hatte: „Für die Eiswette ist die Durchsetzung der einhellig gefassten Resolution der Völkergemeinschaft gegen den Irak, der den Krieg durch den Überfall auf ein Nachbarland am 2. August begonnen hat, kein Grund, ihr Stiftungsfest abzusagen.“<em>[5]</em> Das war starker Tobak, entbehrte aber nicht einer gewissen Logik. Die politisch Verantwortlichen hatten in den drei Jahren des Korea-Krieges auch keine Einwände gegen die Eiswettfeier erhoben. Auch jener Krieg wurde ja unter der Flagge der UN und auf der Basis von Resolutionen der Vereinten Nationen geführt. Auch in den acht Jahren des Vietnam-Kriegs fanden alle Eiswetten ungestört statt. So mochte Präsident Kloes die Einmischung der Politik in die Angelegenheiten der Eiswette als Zumutung verstanden haben. Aber die politische Weltlage hatte sich geändert und mit ihr die in der Stadt vertretene Politik. Darüber hinaus ging die politische Einstellung der Eiswette zum Golfkrieg völlig an der Stimmung in der Bremer Bevölkerung vorbei. Unmittelbar nach Kriegsbeginn hatte es zahlreiche „Friedensaktionen“ auf den Straßen und in den Betrieben gegeben. In einer „Denkpause“ standen eine viertel Stunde lang die öffentlichen Nahverkehrsmittel still. Das Ensemble des Schauspielhauses bat das Premieren-Publikum um eine Zeit des Schweigens statt des Schluss-Applauses. An vielen Schulen fiel der Unterricht aus. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em><strong>&nbsp;</strong><em>Weser-Kurier</em> vom 18.1.1991.<br><em>[2]&nbsp;Weser-Kurier</em>, a.a.O.<br><em>[3]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 7.1.1991.<br><em>[4]</em><strong>&nbsp;</strong>Kloess war Präsident der Unternehmerverbände im Lande Bremen und zeitweilig Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes der Metallindustrie im Unterwesergebiet.<br><em>[5]</em><strong>&nbsp;</strong><em>Weser-Kurier</em> vom 18.1.1991.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 11</p>



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<p>Bei Klöckner standen die Walzstraßen 15 Minuten still, und bei Krupp-Atlas Elektronik, „auf dem Kriegsschauplatz gut vertreten“, wie der Weser-Kurier schrieb, „verließen etwa 250 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz, um vor dem Tor laut über den Sinn ihrer Tätigkeit nachzudenken.“<em>[1]</em> Am 19. Januar, dem Tag, an dem die Eiswette stattgefunden hätte, demonstrierten 7000 Bremer auf dem Marktplatz gegen den Krieg.<em>[2] </em>Es war – nach dem Strauß-Besuch – das zweite Mal in der Geschichte der Eiswette, dass sie öffentlichen Protest erfuhr, diesmal sogar bis in Leserbriefe hinein.<em>[3]</em> Das Präsidium ließ sich auch davon nicht beeindrucken. In der Erklärung vom 17. Januar hieß es: „Auch nicht die Ankündigung massiver Demonstrationen und Aktionen zur Blockade der Eiswette kann daran etwas ändern.“ Dass man sich letztlich doch zur Absage durchrang, begründete Kloess so: „Lediglich aus Sorge, dass die Sicherheit der Gäste offenbar nicht gewährleistet werden kann, hat sich das Präsidium mit großem Bedauern entschlossen, die Feier abzusagen.“<em>[4]</em> Damit war US-Botschafter Vernon Walters gemeint, der als Hauptredner eingeladen war. Nun schaltete sich noch einmal die Landesregierung ein. In einer Presseerklärung von Innensenator Peter Sakuth hieß es: „Während überall im Lande Feierlichkeiten abgesagt werden (&#8230;) weil die Menschen die Tragik begreifen, die sich mit Kriegsausbruch verbindet, hält der Eiswettverein eisern an seinem Recht fest, unbeeindruckt Feste zu feiern. Statt mit „großem Bedauern“ in allerletzter Minute das Fest mit der unzutreffenden Begründung, die Sicherheit der Gäste sei nicht gewährleistet, abzusagen, hätte es auch dem Eiswettverein gut angestanden, großes Bedauern über das schmerzliche Scheitern der Politik im Nahen Osten zu äußern. Wenn Menschen im Krieg sterben, der uns alle betrifft, so ist dies sicherlich ein verständlicher Grund, auch ein traditionelles Festessen abzusagen. Dafür hätte es nicht des Vorschiebens anderer Gründe bedurft. Bürgermeister und eingeladene Senatoren haben eben aus diesen Gründen ihre Teilnahme an dem Fest abgesagt.“<em>[5]</em> Auf den Punkt brachte das einige Tage später der ehemalige SPD-Senator Günther Czichon in einem Brief an Präsident Kloess: „Haben Sie sich wirklich vorstellen können, dass unsere auswärtigen Gäste für die schlichten Späße des Eiswettspieles und für das alkoholisierte „hepp, hepp, hurra“ zu fortgeschrittener Stunde in der jetzigen weltpolitischen Situation Verständnis gehabt hätten?“<em>[6]</em><strong> </strong>Damit war eine wunde Stelle der Eiswette berührt. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Zitate und Darstellung folgen dem Bericht im <em>Weser-Kurier</em> vom 19.1.1991.<br><em>[2]</em>&nbsp;Vgl. <em>Weser-Kurier</em> vom 20.1.1991. Zahlreiche Karnevalssitzungen waren umgehend abgesagt worden. In den nächsten Tagen folgten die Absagen der Rosenmontagszüge von Köln, Mainz, Düsseldorf und Bonn. Auch die <em>Weißwette </em>fand nicht statt.<br><em>[3]</em>&nbsp;Vgl. <em>Weser-Kurier</em> vom 24.1.1991.<br><em>[4]</em>&nbsp;Der Besuch eines amerikanischen Botschafters wurde 1999 nachgeholt, als John C. Kornblum die Deutschland-Rede hielt. <br><em>[5]&nbsp;</em>Informationen. Freie Hansestadt Bremen. Der Senat. 7. Ausgabe, 18. Januar 1991. In: Senats-Registratur, „Eiswette“. Nr.56, 107, I. Vgl. auch den Teilabdruck im <em>Weser-Kurier</em> vom 19.1.1991.<br><em>[6]</em>&nbsp;Brief vom 22.1.1991. Senatsregistratur, Ordner „Eiswette“ Nr.56, 107, I. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 12</p>



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<p>Denn das Schaffermahl fand statt. Die Eiswette, die sich mit ihr in der ersten Reihe der Bremer Traditionsveranstaltungen sah, musste sozusagen in die zweite Reihe zurücktreten. Die Veranstalter des Schaffermahls beschlossen, die Feier in einem schlichteren Rahmen als sonst zu veranstalten und verzichteten auf die übliche Musikbegleitung und den sonst anschließenden Tanz für die Jugend. Auch der Frackzwang wurde aufgehoben.<em>[1] </em>Damit wollte man der “rein sozialen Aufgabe der 1545 gegründeten Stiftung (&#8230;) gerade in der heutigen Zeit( &#8230;) Rechnung tragen.“<em>[2] </em>Präsident Kloes hatte bei seiner ursprünglichen Entscheidung nicht genügend berücksichtigt, dass die Eiswette seit eh und je eine Veranstaltung des Frohsinns war. Es gibt für sie keinen Grund, in Sachen Seriosität mit dem Schaffermahl Schritt halten zu wollen. Im Gegenteil: das Unbeschwerte ist im Grunde ihr Markenzeichen.<em>[3] </em>So hinterließ die unwillige Absage bei allen Beteiligten einen bitteren Nachgeschmack. <br><br>Wedemeier bekam von den Eiswettgenossen bei seiner letzten Teilnahme 1995 noch einmal „ordentlich eingeschenkt“, wie der <em>Weser-Kurier</em> seinen Bericht über das Fest betitelte: „Ob Müll, Verkehrspolitik, Schulden oder öffentlicher Dienst – immer feste druff. Doch der arg Gescholtene bewies Humor und lachte manchmal herzhaft mit.“<em>[4]</em><strong> </strong></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Vgl. <em>Weser-Kurier</em> vom 30.1.1991, 2.2.1991 und 9.2.1991.<br><em>[2] Weser-Kurier</em> vom 30.1.1991.<br><em>[3]</em><strong>&nbsp;</strong>„Viele Bremer halten die Eiswette für eine sehr ernste Veranstaltung. Das ist sie nicht,“ heißt es lapidar in einem Bericht des Weser-Kurier über die Rede von Präsident Peter Braun auf der Eiswette von 2010. <br><em>[4]</em> „Wedemeier bekam ordentlich eingeschenkt.“ Bericht von Heinz Holtgrefe im <em>Weser-Kurier</em> vom 23.1.1995.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 13</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 9 &#8211; „Die Eiswette gehört Bremen“ &#8211; Die Ära Koschnick &#8211; Gätjen (1971 &#8211; 1983)</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-9-die-eiswette-gehoert-bremen-die-aera-koschnick-gaetjen-1971-1983/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Nov 2019 08:29:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 09]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/?p=1192</guid>

					<description><![CDATA[Auf der Novizen-Liste 

Koschnicks erster Besuch auf der Eiswette 1968 war einen klassischer Fehlstart, denn er hatte bei Beginn der sogenannten Straßenbahn-Unruhen am 15. Januar die Stadt verlassen und „den Laden“ der Jugendsenatorin Mevissen überlassen, wie diese sich später salopp ausdrückte.[1] Der Spott auf den Jung-Bürgermeister blieb nicht aus.[2] Man hielt ihm vor, dass eine Frau ihm gezeigt hätte, was zu tun gewesen wäre.[3] Seit dieser Feier, der]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading" id="auf-der-novizen-liste">Auf der Novizen-Liste </h2>



<p>Koschnicks erster Besuch auf der Eiswette 1968 war einen klassischer Fehlstart, denn er hatte bei Beginn der sogenannten Straßenbahn-Unruhen am 15. Januar die Stadt verlassen und „den Laden“ der Jugendsenatorin Mevissen überlassen, wie diese sich später salopp ausdrückte.<em>[1] </em>Der Spott auf den Jung-Bürgermeister blieb nicht aus.<em>[2]</em> Man hielt ihm vor, dass eine Frau ihm gezeigt hätte, was zu tun gewesen wäre.<em>[3]</em> Seit dieser Feier, der ersten nach seiner Amtsübernahme als Senatspräsident und Bürgermeister, war Koschnick regelmäßig ihr Gast.<em>[4]</em> Zweimal durfte er die <em>Gästerede</em> halten (1973 und 1990), einmal sogar die <em>Deutschland-Rede</em> (1981). 1969 wurde er Zeuge der <em>Deutschland-Rede</em> von Nikolas Benckiser, dem Herausgeber der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em>, der mit seiner grundsätzlichen Kritik an der 68er Studentenbewegung nicht hinter dem Berge hielt: Der „bedauerte (…) dass an Stelle einer eingehenden Analyse der Tatsachen und einer darauf aufbauenden Kritik oft eine globale Kritik trete, die ohne weiteres das ganze System verwerfe, das den Hintergrund für die Tatsachen bilde.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Zitiert bei Karla Müller-Tupath, Hans Koschnick. Trennendes überwinden. Biografie. Berlin 2009, S. 69. <br><em>[2]&nbsp;</em>Die Geschichte ist oft erzählt worden, nicht zuletzt von Koschnick selbst. Vgl. a.a.O., S.67-72.<br><em>[3]&nbsp;</em>Vgl. <em>Bremer Nachrichten</em> vom 22.1.1968.<br><em>[4] </em>Er war Gast 1968, 1969, 1970, (1972 eventuell), 1973, 1974, 1976, 1979, 1981, 1982, 1983 und 1985.&nbsp; </p>



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<p>Die Kritik richte sich dann kurzerhand gegen „die Gesellschaft“ in der Bundesrepublik, wobei vergessen werde, dass fruchtbare Kritik sich nur innerhalb der Gesellschaft ausüben lasse. Kritik sei aber etwas anderes als eine „anarchistische Angelegenheit“, bei der „gleich Fensterscheiben klirren müssen.“ <em>[1] </em>In das gleiche Horn stieß 1971 Karl-Günther von Hase, Botschafter der Bundesrepublik in London: „Es gibt eine kleine Minderheit in unserem Lande, die den Umsturz des Bestehenden nur um des Umsturzes willen betreibt. Der Erfolg revolutionärer oder anarchistischer Bestrebungen beruhe oft nicht auf der geistigen Kraft der Umstürzler, sondern hänge von der Schwäche und Unsicherheit der Angegriffenen ab. Nicht nur die politischen Führer, sondern alle Bürger seien daher zur Verteidigung unserer Werteordnung herausgefordert.“<em>[2]</em></p>



<p>Ganz im Sinne der Eiswettgenossen folgte Koschnick der politischen Linie Kaisens, was die Einbindung der FDP in die Regierungsverantwortung betraf. Obwohl die drei FDP-Senatoren in seiner Regierung im Streit um die Universität zurückgetreten waren, bot er ihnen noch vor den Bürgerschaftswahlen im Oktober 1971 eine Fortsetzung der Koalition an. Es war nur eine Frage der Zeit, wann ihn das Präsidium der Eiswette auch als Redner einladen würde. 1973 war es soweit. Er hatte den Auftrag, die <em>Gäste-Rede</em> zu halten. Die <em>Deutschland-Rede</em> hielt Hermann Josef Abs, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank von 1938 bis 1945, Vorstandssprecher von 1957 bis 1967, der Hitlers Angriff auf die Sowjetunion begeistert begrüßt hatte und der durch alle geschichtlichen Wechselfälle hindurch auf der Karriereleiter immer auf der obersten Sprosse gestanden hatte, zuletzt als Finanzberater von Bundeskanzler Adenauer. Die Spannung vor seiner Rede erklärte sich daraus, dass Bundeskanzler Brandt zwei Tage vor der Veranstaltung seine Regierungserklärung für die sozial-liberale Koalition abgegeben hatte, gut zwei Monate nach dem größten Wahlsieg der SPD in der deutschen Geschichte, als sie bei  91 % (sic!) Wahlbeteiligung zum ersten Mal stärkste Fraktion in einem deutschen Parlament geworden war. Außerdem war einen Monat vorher der Grundlagenvertrag mit der DDR abgeschlossen worden, vorläufiger Höhepunkt der neuen Ostpolitik dieser Bundesregierung. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Weser-Kurier</em> vom 20.1.1969.<br><em>[2] Weser-Kurier</em> vom 18.1.1971.</p>



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<p>Ob die politische Entwicklung dem alten Herren die Sprache verschlagen, oder ob er einfach nur keine Lust zum Politisieren hatte, jedenfalls enttäuschte er, wenn man der Berichterstattung folgt, die Versammlung, mehr noch: er langweilte sie mit seinem „Rückblick auf sein verdienstvolles Wirken für die Bundesrepublik in den fünfziger und sechziger Jahren.“<em>[1] </em>Koschnick wusste wohl, dass er mit seiner Gästerede am Ende der Veranstaltung traditionell auf eine nach Schlemmereien und reichlichem Weingenuss &nbsp;zwar aufgekratzte, aber auch schon ziemlich müde Zuhörerschaft treffen würde. Sein Manuskript ist durchgehend von harmlosem Scherzen und Ironie getragen.<em>[2] </em>Da geht es zum Beispiel um die „schädliche“ Verfüllung der Weser durch die 400 Steine, die Eiswettgenossen seit Gründung ihrer Gesellschaft in die Weser geworfen und mit der sie die Gangbarkeit des Flusses schwer gefährdet und die Kanäle verstopft hätten. Kurz ging er auf die Auseinandersetzungen um die Bremer Reformuniversität ein: Das neue deutsche Volksmärchen „Von einem der auszog, um in Bremen zu studieren“ stamme bei genauer Lektüre aus süddeutschen Redaktionsstuben. Ironisch fügte er hinzu, dass er zu seinem großen Entsetzen schon wieder „bei einem Thema gelandet“ wäre, „das Bremer wie Umlanddeutsche gleichermaßen in Angst und Schrecken versetzt: die Bremer Universität“ &nbsp;Er schloss zu diesem Thema: „Alle diese Angriffe auf unser Bundesland Bremen nehmen wir hin.“ Der Reporter der sozialdemokratischen (sic!) „Bremer Bürger Zeitung“ hatte nicht genau hingehört. Er gab in seinem Bericht Koschnicks Ausführungen so wieder, dass er die Universität „ein schreckliches Trauma“ genannt hätte.<em>[3]</em><strong> </strong>Von Anfang an war die Reformuniversität schweren politischen Angriffen von konservativer Seite ausgesetzt. <em>[4]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> <em>Weser-Kurier </em>vom 22.1.1973. In der <em>Bremer Bürger Zeitung</em> vom 26.1.1973 hieß es: „Abs schwelgte in Reminiszenzen. (&#8230;) Zum Loben hatte er keinen Grund, zur Kritik augenscheinlich auch nicht.“<br><em>[2]</em> „Gästerede des Präsidenten des Senats aus Anlass der 144. Eiswette am 20.Januar 1973“,&nbsp;Manuskript in der Senatsregistratur a.a.O.,<br><em>[3]</em>&nbsp;<em>Bremer Bürger Zeitung</em> <em>vom</em> 26. 1.1973. Die BBZ war Nachfolgerin der <em>Bremer Volkszeitung</em>. Da die falsch wiedergegebene Fassung der Koschnick-Rede vom Präsidialamt im Rathaus nicht korrigiert wurde, war sie für die Bremer Sektion des erzkonservativen „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ eine Steilvorlage, um gegen die neue Universität zu Felde zu ziehen. Auf der Senatssitzung vom 6.2.1973 schlug Justizsenator Wolfgang Kahrs vor, diese Kritik nicht hinzunehmen, sondern darauf mit einem Bericht des Bildungssenators über die Lage an der Universität zu antworten. Koschnick lehnte das ab. Vgl.&nbsp; Auszug aus dem Senatsprotokoll, S.159. In: Senatsregistratur „Eiswette“, a.a.O., 1. Ordner. Als sich die Universitäts-Verwaltung einige Tage später schriftlich bei Koschnick über den Inhalt des FAZ-Artikels beschwerte, steuerte die Senatskanzlei in einem nicht-öffentlichen Antwortbrief vom 14.2.1973 dagegen, in dem aus dem schriftlichen Redemanuskript zitiert wird. Der Bund Freiheit der Wissenschaft, so hieß es in dem Brief habe „sich offenbar die Freiheit des ungenauen Zitats genommen.“ Damit war der Vorfall für Koschnick erledigt. Vgl. den Briefwechsel in: Senatsregistratur Nr. 56, 107, I „Eiswette“, Senatskanzlei, Eiswette“ 1. Ordner.<br><em>[4]</em>&nbsp;Eiswett-Präsident Gätjen hielt beispielsweise am 12. 7.1973 vor dem CDU-Ortsverband Mitte einen Vortrag, in dem er sagte: „Die sogenannte Universität Bremen ist gar keine Universität.“ Die Studenten bekämen „viel rotgefärbten Kuchen, aber kein solides Brot.“ <em>Bremer Nachrichten</em> vom 14.7.1973. Die Universität war lange ein Reizthema auf der Eiswette. Noch 1990, als sie schon in die Deutsche Forschungsgemeinschaft aufgenommen war, meinte Präsident Kloess auf der Eiswette feststellen zu müssen: „Dort gibt es immer noch linke Vögel, denen selbst rechtsdrehende Milchsäuren suspekt sind.“ <em>Weser-Kurier &nbsp;</em>vom 22.1.1990.</p>



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<p>Die <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung</em> griff die vermeintliche Steilvorlage von Koschnick auf und schrieb am 6.2.1973 unter dem Titel „Scheitern der Reformuniversität“: „Es ehrt Bürgermeister Koschnick, dass er die Bremer Universität öffentlich ein „schreckliches Trauma“ genannt hat. Koschnick hatte sich in der gleichen Rede, den Text seines Manuskripts verlassend, noch direkt an die Eiswettgenossen gewandt. Er forderte sie auf, „sich frei zu ihrem Unternehmertum zu bekennen.“<em>[1]</em> Die deutschen Unternehmer stünden „nicht in ausreichendem Maße zu ihrem unternehmerischen Tun.“ Sie sollte nicht nur den Politikern die Entscheidungen überlassen: „Wenn die Unternehmer angegriffen werden, dann nur weil sie zu feige sind, zu ihrem politischen Tun zu stehen.“ <em>[2]</em> Koschnick hatte, so hieß es in der lokalen Berichterstattung, klärende Worte zum Verhältnis von jugendlichen Revoluzzern und nüchternen Unternehmern gefunden. Bundeskanzler Brandts Regierungserklärung enthalte „ein deutliches Bekenntnis (…) notwendige Veränderungen in der Gesellschaft durch Leistungen zu bewirken. Dies sei eine Kampfansage an diejenigen, die glaubten, eine glückliche Gesellschaft nur durch theoretische Ansprüche erreichen zu können.“<em>[3]</em> Die Jugend, so hätte der Bürgermeister ausgeführt, wolle begreifen, „wo wir stehen. (Sie) will auch einmal unser Nein.“<em>[4]</em> &nbsp;„Nicht von ungefähr“ schlug dem Redner „aus dem großen Glockensaal mehr Beifall entgegen als seinem Vorredner.“<em>[5]</em> Gätjen bestätigte Koschnick in einem Dankschreiben, dass es diesem „grandios gelungen (sei), den gesamten Saal zu erreichen.<em>[6]</em> Die Bremer erfuhren in den nächsten Tagen aus den Zeitungen, dass Koschnick noch am gleichen Abend auf die Novizenliste der Eiswette gesetzt worden war. Die Eiswettgenossen werden Koschnick so wahrgenommen haben, wie ihn seine Biographin Müller-Tupath in den ersten Amtsjahren beschreibt: „jung, frech, durchsetzungsfähig.“<em>[7]</em> Koschnick, mit rhetorischen Witz gesegnet, praktizierender &#8211; und vor allem hervorragender -Skatspieler von legendärer Trinkfestigkeit<em>[8], </em>hatte offensichtlich in den Augen von Gätjen genau die  richtige Statur für einen zünftigen Eiswettgenossen. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em><strong>&nbsp;</strong><em>Bremer Bürgerzeitung,</em> a.a.O.<br><em>[2]</em>&nbsp;<em>Bremer Nachrichten</em> 22.1.1973.<br><em>[3]</em> Weser-Kurier 22.19.1973.<br><em>[4]</em><strong>&nbsp;</strong>Bremer Nachrichten 22.1.1973.<br><em>[5]&nbsp;Weser-Kurier</em> 22.1.1973.<br><em>[6]</em>&nbsp;Brief an Koschnick vom 22.1.1973.Senatsregistratur, a.a.O., 1. Ordner.<br><em>[7]</em>&nbsp;Karla Müller-Tupath, a.a.O., S.179.<br><em>[8]</em>&nbsp;Das hat ihm mindestens in einem Fall den Respekt seiner politischen Gesprächspartner im Ausland eingebracht. Vgl. Karla Müller-Tupath, a.a.O., S.165.</p>



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<p>Auch die konservativen Elemente seiner Politik konnten sich sehen lassen: Er hatte den legendären Gewerkschafter „König“ Richard Boljahn in die Schranken gewiesen, war seit dem 27. Mai 1971 allgemein respektierter Präsident des Deutschen Städtetages und hatte als Bundesratspräsident und zweiter Mann im Staat eine sehr gute Figur bei zahlreichen Staatsbesuchen gemacht. Schließlich hatte er dafür gesorgt, dass Bremen am 1. Februar 1972 auch dem sogenannten Radikalenerlass beitrat &#8211; wenn auch in abgemilderter Form. Koschnick schien dem Eiswett-Präsidium dafür geeignet, Genosse zu werden. Andererseits hatte er sich immer als ein Mann der Gewerkschaften verstanden.<em>[1]</em> Wie sollte das vereinbar sein mit der Mitgliedschaft in einem der exklusivsten und reichsten Clubs Bremens? Eine Anekdote mag veranschaulichen, in welchem Dilemma sich der Bürgermeister befand. Als der CDU-Fraktionsvorsitzende Karl Krammig, der nicht mit Koschnicks persönlicher Geschichte vertraut war, diesen während einer Bürgerschaftsdebatte Anfang der sechziger Jahre flapsig gefragt hatte, ob er eigentlich Bremer sei, hatte Koschnick geantwortet: „Nein! Ich bin Gröpelinger.“ Das war zwar oberflächlich ein harmloses „Anpflaumen“, wie Koschnick selbst sagte<em>[2]</em>, aber sein „Nein“ hatte einen harten Kern. Ein Rest vom Klassenbewusstsein seiner Eltern schwang in dieser Antwort mit, der Stolz auf die Lebensleistung der Eltern, die als Gröpelinger damals Teil einer proletarischen Kultur waren, unbeugsame Gegner der Nazis und härtesten Verfolgungen in einer Zeit ausgesetzt, als die Eiswettgenossen das Horst-Wessel-Lied sangen.<em>[3] </em>Ein gebürtiger und bekennender Gröpelinger als Eiswettgenosse? Vierzehn Tage vor der nächsten Eiswette erhielt Koschnick den erwarteten Brief von Klaus Gätjen, in dem dieser ihm mitteilte, dass das Präsidium über das Eiswettnoviziat 1974/75 beraten und ihn wegen seiner „vorzüglichen Gästerede“ im letzten Jahr in die Liste der “Eiswettnovizen“ aufgenommen hätte,<em>[4]</em> eine Ehre die keinem Bürgermeister vor oder nach ihm widerfuhr.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em>Müller-Tupath zitiert ihn: „Ich konnte und wollte nie leugnen, dass ich ein Mann der Gewerkschaften war“, a.a.O., S. 86. Ähnlich auf Seite 146. <br><em>[2]&nbsp;</em>In einem Brief an den Verfasser vom 4. Mai 2011. Die Anekdote hatte Koschnick in groben Zügen am 6. April 2011 als Teilnehmer der Buchvorstellung von Luise Nordhold im Brodelpott/Walle dem Publikum erzählt. (Tim Jesgarzewski, Für Freundschaft, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Luise Nordhold – Biografie einer Sozialdemokratin 1917-2011.Bremen 2011).&nbsp; <br><em>[3]</em>&nbsp;Zu den beiden Kulturen des Bürgertums und der Arbeiterklasse in Bremen vergleiche den Film von Diethelm Knauf, Bremen 1871 bis 1945. Eine Filmchronik. Bremen 1988. Knauf stellt darin die Lebensgeschichte der Familie Koschnick der von Heinz Bömers gegenüber aus einer der ältesten Weinhändler- und Eiswette-Familien Bremens, der behaglich eine Kindheit im Überfluss schildert und&nbsp;unbefangen die Teilnahme seines Vaters im Freikorps Caspari bei der Niederschlagung der Bremer Räterepublik im Februar 1919. Koschnick hielt hingegen am 1.Februar 2009 die Festrede auf der Gedenkfeier zum 90. Jahrestag der Bremer Räterepublik am Denkmal für die Gefallenen der Bremer Räterepublik auf dem Waller Friedhof.<br><em>[4]&nbsp;</em>Brief vom 6.1.1974.Senatsregistratur a.a.O.</p>



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<p>Auf dem Fest vom 19. Januar 1974 zog Gätjen alle Register, um den Bürgermeister zur Eiswettgenossenschaft zu bewegen. „Die verkrampfte Polarisation im politischen Bereich darf nicht in die Eiswette eindringen.“ Zu Koschnick gewandt, sagte er: Die Eiswette kann keine Institution der SPD sein, selbst in Bremen nicht.“ Dann wanderte sein Blick zum CDU-Landesvorsitzenden Dr. Ernst Müller -Hermann: „Auch nicht der CDU, Herr Müller-Hermann.“ Der FDP-Landesvorsitzende Dr. Urlich Graf wusste schon Bescheid, als Dr. Gätjen beschied: „Nicht einmal der FDP, Herr Senator Graf – trotz gewisser Erbanlagen.“ Und schließlich räumte  Gätjen letzte Zweifel aus: „Und auch nicht der Handelskammer.“ Sein Schlusssatz: „Die Eiswette gehört Bremen“, ging dann fast im Beifall unter.“<em>[1]</em> Nie war ein Bürgermeister der Stadt näher an der Eiswette als Koschnick in diesem Moment. Er musste sich entscheiden, ob er bereit war, sich ein Jahr im „Noviziat“ der Eiswette zu bewähren. „Armut (&#8230;) Demut gegenüber dem hochmögenden Präsidium und Keuschheit&#8230; das sind die Forderungen, denen sich Eiswett-Novizen in ihrer einjährigen Vorbereitung (&#8230;) gegenübersehen. Vom Bestehen dieser Prüfung hängt es ab, ob sie aufgenommen werden oder nicht.“<em>[2]</em> Diese Prüfung wird, wie wir uns denken können, nicht ernstlich vorgenommen. Wie lustig sie auch gemeint sein mag, so konkret und praktisch sind ihre Folgen, denn der „Novize“ erwirbt wie der „Fuchs“ in einer Burschenschaft durch sie die lebenslange Mitgliedschaft in einem exklusiven, weitverzweigten und einflussreichen Netzwerk von Männern gleichen Standes. Auch das rituelle Trinken der Eiswette hat Anklänge an burschenschaftliche Bräuche. Zum gemeinsamen Trinken erheben sich die Herren im Laufe des Abends immer wieder tischweise&nbsp; und „schmettern“ den traditionellen Trinkspruch „Hepp-hepp-hepp-Hurra“ „mit solcher Inbrunst“, dass schon mal „das Congress-Centrum an der Bürgerweide erbebt.“<em>[3]</em> “Gründe gibt&nbsp; es immer genug.“<em>[4]</em> In der Regel wird damit geehrt, wer Geburtstag hat, Vater oder Großvater geworden ist oder wegen einer „noch höheren Leistung (auf die er ) stolz sein kann.   </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 21.1.1974.<br><em>[2]</em>&nbsp;Rüdiger Hoffmann, 175 Jahre Eiswette von 1829 in Bremen, hrsg. Von der Bremer Landesbank. Bremen 2004, S.85. <br><em>[3]</em>&nbsp;<em>Weser-Kurier</em> vom 19.1.1997; vgl. <em>Weser-Kurier</em> vom 20.1.1969 und 23.1.1984.<br><em>[4]</em>&nbsp;Hermann Gutmann, a.a.O., S.118. Das Trinken ist streng reguliert. Erst nach der einstündigen Pause ist das tischweise Aufstehen und Trinken erlaubt. Ein Verstoß gegen diese Regel wird vom Präsidenten mit Strafgeld für den entsprechenden Tisch belegt. Vgl. Löbe, 1.Auflage 1979, a.a.O., S.23.</p>



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<p>Dann stehen alle am Tisch auf, den Eiskorn in der Hand, und ihr frisches, schneidiges „Hepp – hepp – hepp- hurra!“ ist (…) die höchste Auszeichnung, die einem angetan werden kann.“ <em>[1]</em> Bei der Eiswette geht es auch darum,, „möglichst viel Eiskorn, das Pflicht- und Verführungsgetränk des Abends, zu „vernichten.“<em>[2]</em> Auch die Reden werden mit diesem Ruf „schneidig“ quittiert.<em>[3]</em> Es wäre „geradezu tollkühn“ von den Veranstaltern gewesen, schrieb ein&nbsp; Journalist in den Bremer Nachrichten über die Feier von 1981, den Eiswettgenossen am Schluss der Veranstaltung „buchstäblich eine Predigt mit richtigem Amen dahinter!“ zu kredenzen, „statt der Kalauer, mit denen in zurückliegenden Jahren mancher Gästeredner die Versammlung nach rund tausend Flaschen Wein und nebst ungezählter „Körner“ noch mühsam zum Lauschen bewegte.“<em>[4]</em> Drei Wochen nach der Eiswette sagte Koschnick in einem Schreiben an Präsident Gätjen ab. Seine Begründung war lapidar: Er könne als Bürgermeister die „üblichen Novizenpflichten (&#8230;) nicht in der gebührenden Form übernehmen&#8230;“<em>[5]</em> Am guten Verhältnis der beiden Präsidenten änderte das nichts. Als Koschnick im Herbst des gleichen Jahres Gätjen bat, „die Eiswette in die Image-Werbung Bremens mit einzubinden,“ versicherte dieser, dass er sich „redliche Mühe“ gebe, „diesem Wunsch zu entsprechen.“<em>[6]</em> Der Umgang der beiden Männer blieb freundschaftlich und locker. Davon zeugt ein Schreiben Gätjens vom Dezember des gleichen Jahres, in dem er&nbsp; „den allerhöchsten Kriegsherren“ darum bat, das Polizei-Musikkorps „in seinen schmucken Polizeiuniformen“ auf den Eiswettfeiern&nbsp; spielen zu&nbsp; lassen, ein Wunsch, der ihm prompt erfüllt wurde.<em>[7]</em> Er hatte im gleichen Brief einen  Vorschlag gemacht, der das ausgezeichnete Verhältnis des Bremer Senats zur Eiswette  in jener Zeit zum Ausdruck brachte. Die Anwesenheit von Senatsmitgliedern auf der Eiswette sollte institutionalisiert werden: Bürgermeister und drei Senatoren, unter ihnen der Hafensenator, sollten auf jeder Eiswette anwesend sein. Zu dieser Vereinbarung ist es nicht gekommen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Mitglieder des Bremer Senats und vor allem ihr Präsident, der Bürgermeister der Stadt, auf alle weiteren  Eiswetten eingeladen wurden. ( Von 1949 an: Kaisen war auf 10 von 14 Eiswetten anwesend; Dehnkamp auf  2 von 3; Koschnick auf 11 von 17; Wedemeier auf 7 von 9; Scherf auf 9 von 10; Böhrnsen auf 8 von 10 und Sieling auf 3 von 4.) Im Jahr 2020 brach die Eiswette mit dieser Tradition. Nachdem das Präsidium 2019 die  Anwesenheit der &#8222;Zweiten&#8220; Bürgermeisterin Karoline Linnert als Vertretung des verhinderten Senatspräsidenten Carsten Sieling abgelehnt hatte, beschloss der Senat, keine Einladungen mehr anzunehmen, solange auf den Eiswettfeiern keine Frauen zugelassen wären. Im nächsten Jahr gab die Eiswette zwar ihren Status als Männergesellschaft auf und empfing 26 Frauen aus Wirtschaft (16), Kultur und Wissenschaften (5), Justiz (4) und Politik (1), lud aber weder Bürgermeister Bovenschulte, noch andere Senatsmitglieder ein &#8211; zum ersten Mal in ihrer Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.<em>[8] </em>Da auch kein Journalist zugelassen war, kehrte die Eiswette im Jahr 2020 gewissermaßen zu ihrem ursprünglichen Privatissimum aus der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg zurück. Als ob die Zeit für die Eiswettgenossen einen Moment stehen geblieben wäre. Für die nächste &#8211; nach der 2021 wegen des Corona-Virus ausgefallenen -Eiswette wird man wohl eine Revision dieser Entscheidung erwarten können. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Löbe, a.a.O., S.23.<br><em>[2]</em> Löbe, a.a.O., Gutmann, a.a.O., S. 118. <br><em>[3]</em> Hans Berthold, a.a.O.,S.117.<br><em>[4]</em> Es war die Rede von Domprediger Rüdiger Abramzik am 17. 1.1981. <em>Bremer Nachrichten</em> vom 19.1.1981. Die lokalen Zeitungsberichte der letzten Jahre lassen vermuten, dass es heutzutage „gesitteter“ auf den Feiern zugeht. <br><em>[5]</em> Schreiben Koschnicks an den Präsidenten der Eiswette Klaus Gätjen vom 12.2.1974. Senatsregistratur a.a.O.<br><em>[6] </em>Zitate aus einem Brief Gätjens an Koschnick vom 22.10.1974,.Senatsregistratur a.a.O.<br><em>[7]</em> Brief Gätjens vom 9.12.1974 und Einverständnis Koschnicks. Senatsregistratur, a.a.O. Das Polizei-Musikkorps spielte bis zu seiner Auflösung jedes Jahr auf<em> der Eiswette. 1985 übernahm das Heeresmusikkorps II in Grohn die musikalische Untermalung der Veranstaltung. Vgl. </em>Bremer Nachrichten vom 21.1.1985.<br><em>[8] </em>Vgl. &#8222;Eiswette ohne Bremer Senat&#8220;. Untertitel: &#8222;Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) und seine Kollegen haben keine Einladung bekommen.&#8220; Artikel im <em>Weser-Kurier</em> vom 4.01.2020 von Nina Willborn und Silke Hellwig, der Chefredakteurin. Diese schrieb darüber hinaus einen Kommentar, in dem sie die Nicht-Einladung so interpretierte, dass die Eiswettgenossen dem Senat damit &#8222;eine lange Nase&#8220; gezeigt hätten. (S.2). </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 7</p>



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<p>Schon vor seinem „Amtsantritt“ hatte Gätjen 1970 in einer Presse-Erklärung seine Absicht bekundet, die Eiswette allmählich so zu verändern, „dass sie nicht nur eine Veranstaltung der Hafeninstanzen und hafengebundenen Wirtschaft&nbsp; bleibt, sondern nach und nach auch die Künste und die Wissenschaften herangezogen werden, mehr noch: dass sie eine Angelegenheit von ganz Bremen wird.“ <em>[1]</em> Das „Gätjen-Projekt“ scheiterte.<em>[2]</em> Als Koschnick sieben Jahre später als erster und letzter Bürgermeister nach Kaisen die Deutschland-Rede hielt<em>[3]</em>, hatte sich das politische Verhältnis des Bürgermeisters zu den Eiswettgenossen abgekühlt. Das hatte mit der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Bundesregierungen zu tun, die in der unverändert national-konservativ eingestellten Eiswette auf keine Gegenliebe stieß, die aber in Koschnick einen ihrer entschiedensten Vertreter hatte.<em>[4]&nbsp;</em>&nbsp;&nbsp; </p>



<h2 class="wp-block-heading" id="geduld-tragt-rosen-koschnicks-rede-zur-entspannungspolitik-1981">„Geduld
trägt Rosen“: Koschnicks Rede zur Entspannungspolitik 1981 </h2>



<p>Koschnicks Rede<em>[5] </em>ist nicht zu trennen von der Deutschland-Rede, die ein General a.D. ein Jahr vorher gehalten hatte. Harald Wust, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr,<em>[6]</em> wurde den Bremer Zeitungslesern vorgestellt als „der erste Soldat in der ganzen Geschichte der Eiswette, dem diese Ehre zuteilwurde.“<em>[7]</em><strong> </strong>Da war er wieder, der Mythos Eiswette mit einer ihrer Legenden. In den dreißiger Jahren waren auf allen Eiswetten ranghohe Generale mit Redebeiträgen aufgetreten. Die Feiern waren militärisch eingerahmt. Schon mit Hans Wagenführs Präsidentschaft waren Militärs aus den Feiern nicht wegzudenken, was vor allem für die Bremer Generale Caspari und Lettow-Vorbeck galt, der dann 1935 eine Deutschland-Rede hielt, 1937 eine Bremen-Rede und der für 1938 die Deutschland-Rede aus gesundheitlichen Gründen absagen musste.<em>[8] </em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 29.12.1970.<br><em>[2]&nbsp;</em>Es kam lediglich 1971 zu einer Einladung an den Leiter der Bremer Kunsthalle Günter Busch. Die anderen Redner aus Gätjens zehnjährigen Amtszeit kamen, wie üblich, fast alle aus Politik und Wirtschaft.<br><em>[3]</em>&nbsp;Seit 1960 und – mit Ausnahme von Koschnicks Deutschland-Rede 1981 -bis heute werden nur noch Auswärtige zur Deutschland-Rede eingeladen. Kaisen (1960), Koschnick (1973 und 1990 – als er kurzfristig für den verhinderten Arbeitsminister Norbert Blüm einsprang) und Scherf (2000) wurden jeweils nur zur „Gästerede“ am Schluss der Veranstaltung eingeladen. <br><em>[4]</em>&nbsp;Koschnick blieb trotzdem den Eiswettgenossen &#8222;treu&#8220;.1988 nahm er als normaler Gast an der Eiswette teil, obwohl der Senat des Landes die Veranstaltung aus politischen Gründen boykottierte. (Vgl. das nächste Kapitel) 1990 half er den Genossen sogar aus einer Verlegenheit, als er für den kurzfristig absagenden Norbert Blüm die Gäste-Rede hielt. <br><em>[5]</em>&nbsp;Manuskript vom 17.1.1981. Senatsregistratur, a.a.O. <br><em>[6]&nbsp;</em>Eingeladen war ursprünglich Nato-Generalsekretär Josef Luns, der aber kurzfristig absagte. Vgl. BN 21.1.1980.<br><em>[7] </em>BN 21.1.1980.&nbsp; Die folgenden Zitate und Ausführungen sind den Berichten in den <em>Bremer Nachrichten</em> und im <em>Weser- Kurier</em> vom 21.1.1980 entnommen. <br><em>[8]</em><strong> </strong>Vgl. die Kapitel 2 und 3.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 8</p>



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<p>Zwei Ereignisse bestimmten die Weltpolitik Ende der 70er Jahre: der „Nato-Doppelbeschluss“ vom 12. Dezember 1979 und die Intervention der Sowjetunion im afghanischen Bürgerkrieg am 25. des gleichen Monats. Langfristig bildete die neue Ostpolitik der sozial/liberalen Regierungen Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher den Hintergrund einer 1969 begonnenen Entspannung mit der Sowjetunion und den Mächten des Warschauer Paktes. Wust machte mit dieser Politik nicht viel Federlesens. Es seien in der Vergangenheit „einseitige Vorleistungen (&#8230;) für eine missverstandene Entspannung gebracht worden. Seit Jahren sei die Freiheit des Westens durch die „Machtansprüche“ der „Sowjets“, bzw. des „Sowjetblocks“ bedroht. Er verglich die Truppen der Sowjetunion mit Hitlers Kolonnen in der Tschechoslowakei 1938. „Genauso, wie es einmal tödlich gewesen sei, die erkennbaren Machtansprüche der Nationalsozialisten zu leugnen, könne es jetzt tödlich sein, die Machtansprüche der Sowjets zu ignorieren.“&nbsp; Angesichts der breiten Protestbewegung in den Stationierungsländern gegen die neuen Raketen beklagte Wust das „schwindende Sicherheitsbewusstsein“ und die „mangelnde Wehrbereitschaft in der westlichen Welt“, „um den Bedrohungen durch den Osten begegnen zu können.“ Die Wahl des Redners, schrieb der Weser-Kurier, hätte sich als Glücksgriff erwiesen, obwohl er eigentlich nicht in die selbstgewählte Beschränkung der Eiswette passte, die sie sich nach ihren Erfahrungen in den zwanziger und dreißiger Jahren auferlegt hatte und die&nbsp; „Wehrfragen, Weltanschauung und Parteipolitik“ ausschließt.<em>[1]</em> Die „Philippika“ genannte Rede&nbsp; wurde mit großem Beifall aufgenommen.<em>[2]</em> Das politische Terrain zum Thema Entspannung schien damit auf der Eiswette abgesteckt.<br><br>Koschnick war zwar nicht Gast auf der Eiswette von 1980, aber die Berichte in den beiden lokalen Tageszeitungen waren so eindeutig und in der Sache übereinstimmend, dass ihr Inhalt dem überzeugten Entspannungspolitiker schwer im Magen gelegen haben dürfte. Der Bericht des in dieser Frage eng mit ihm verbundenen Bürgerschaftspräsidenten Klink dürfte ein Übriges dazu beigetragen haben. So lässt sich die Deutschland-Rede Koschnicks 1981 als eine zeitlich versetze Replik auf die Vorjahresrede verstehen. Zu jener Zeit stand Koschnick unangefochten an der Spitze des Bremer Senats. Die SPD hatte unter seiner Führung seit 1973 drei große Wahlsiege errungen. 1975 und 1979 erreichte die SPD jeweils die absolute Mehrheit der Bürgerschaftsmandate, und im Oktober 1980 hatte seine Partei bei der Bundestagswahl 53,4 % der Stimmen erzielt. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Vgl. Löbe, a.a.O. S. 134. Er gibt nicht an, seit wann es diese Regelung gibt. <br><em>[2]&nbsp;</em>„Die Philippika des Generals blieb auf dem Eiswett-Fest nicht ohne einen eindringlichen Nachhall.“ <em>Weser-Kurier</em> vom 21.1.1980. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 9</p>



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<p>Wir können davon ausgehen, dass er auch aus anderen, den Eiswettgenossen sehr viel näher liegenden Gründen dort hohes Ansehen genoss, denn in den zurückliegenden Jahren hatte sich der Bürgermeister als „hervorragender Promoter“<em>[1] mit „akquisitorischen Leistungen im Interesse der bremischen Wirtschaft“[2]</em><strong> </strong>hervorgetan. Der Niedergang des für Bremen so wichtigen Großschiffbaus zeichnete sich in jenen Jahren zwar schon ab – bei der Fusion des Norddeutschen Lloyd mit der Hamburger HAPAG, mit den roten Zahlen der AG Weser seit 1977 und mit dem Konkurs der Reederei DDG „Hansa“ 1980 – aber die Bremer Regierung hatte versucht,&nbsp; mit dem Ausbau der Containeranlagen in Bremerhaven und vor allem mit der Ansiedlung von Daimler-Benz, an der Koschnick großen persönlichen Anteil hatte, dagegen zu halten. So trat Koschnick auf der Eiswette durchaus mit einem gewissen Optimismus an, was die wirtschaftliche Entwicklung Bremens betraf. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand aber etwas, das ihm offensichtlich noch mehr am Herzen lag: die Überwindung dessen, was er „die Schwarz-Weiß-Malerei“ in der Politik nannte. Überwunden seien Rollback- und Hallstein-Doktrin, sagte er; überwunden sei auch die schematische Einteilung in Ost und West. Die größte Sprengkraft habe langfristig „der Nord-Süd-Konflikt, bei dem es um Befriedigung elementarer Bedürfnisse geht“. Ohne die neue Ostpolitik von Bundeskanzler Brandt, mit dem Koschnick politisch und persönlich eng verbunden war, ausdrücklich zu erwähnen, stellte er der Versammlung die rhetorische Frage, wer die millionenfachen menschlichen Begegnungen im geteilten Deutschland zehn Jahre nach dem Bau der Mauer in Berlin und die deutsch-polnische Versöhnung &#8211; zu der er selbst entscheidend beigetragen hatte &#8211; für möglich gehalten hätte. Es gelte, die Bedingungen für das Zusammenleben der Völker und Staaten zu verbessern.&nbsp; Die Zeit der Macht- und Härtedemonstrationen, der Kanonenbootpolitik sei vorbei. Es würden von den Supermächten immer noch Fehler gemacht, so von der Sowjetunion mit ihrer Intervention in Afghanistan, so von den USA mit ihrer „Ordnungspolitik“ in ihrem vermeintlichen „Vorhof“ Mittelamerika – gemeint war offensichtlich Nicaragua. Aber diese Fehler seien heute „der Verurteilung durch die Staatengemeinschaft der Welt sicher.<em>“</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;So Sepp Hort, Stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung von MBB in: Helgard Köhne, Hans Koschnick, Der Bürgermeister. Bremen 1985, S.134/135.<br><em>[2]</em>&nbsp;Horst Willner, damals Präses der Handelskammer Bremen. In: Helgard Köhne a.a.O., S.155. In dieser Veröffentlichung finden sich weitere Zeugnisse für die ausgiebige Reisetätigkeit Koschnicks, auch und besonders im Interesse der Raumfahrt. Vgl. Die Ausführungen von Hans E.W. Hoffmann von MBB-ERNO ebd., S.133/134. Vgl. auch den Artikel von Wolfgang Schumacher, Leiter des ZDF-Landesstudios Bremen, a.a.O.,S.147-149. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 10</p>



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<p>Seit Helsinki 1975<em>[1] </em>gebe es trotz aller Rückschläge einen kontinuierlichen Dialog der Supermächte. Koschnick warnte davor, in der Politik mit der Faust auf den Tisch schlagen zu wollen. Die Prophezeiungen von Journalisten, eine Rückkehr des Kalten Kriegs sei zu erwarten, nannte er tollkühn. Was die „nationale Identität“ der Deutschen anginge, so käme es „nicht so sehr auf Deklamationen an, sondern darauf welche praktischen Schritte möglich sind und unternommen werden, um unser gemeinsames Erbe, unser kulturelles, geistiges Erbe zu wahren.“ Koschnick zitierte das Wort „Geduld trägt Rosen“, das er als Aufforderung zu einem Handeln interpretierte, wie ein Gärtner, der in mühseliger Arbeit seine Rosen züchtet. Es war die Stunde des leidenschaftlichen „Brückenbauers“. Und es schien so, als hätte Koschnick das Ende des Kalten Krieges auch den Eiswettgenossen vermitteln wollen. Kein Redner vor ihm hatte die politische Grundstimmung auf der Eiswette so gegen den Strich gebürstet. Dazu gehörte Mut, und dazu bedurfte es auch der großen Anerkennung, die Koschnick genoss, nicht zuletzt bei Präsident Gätjen. Man respektierte seinen Standpunkt. Und es schien an diesem Abend so etwas wie ein leichter Wind der Veränderung durch den großen Glockensaal zu wehen. Seine Wirkung war allerdings nicht nachhaltig, denn als der Chefredakteur der ZEIT, Theo Sommer, in seiner Deutschland-Rede vom Januar 1989 ähnlich wie Koschnick argumentierte, dass die Möglichkeit aller Deutschen zusammenzukommen „eine weitaus größere Bedeutung“ hätte als die Wiedervereinigung und schließlich die Meinung vertrat, dass „die deutsche Frage geschlossen werden (könnte), wenn das Brandenburger Tor geöffnet wird“, löste er im Saal ein „nicht zu überhörendes&nbsp; Murren“ aus.<em>[2] </em>Im „Eiswettbuch“ von 2010 wird dieser Standpunkt ausdrücklich als historische Kuriosität vermerkt. Der brandenburgische Ministerpräsidenten Stolpe, der 1992 die Deutschland-Rede hielt, wird darin spöttisch zu jemandem gemacht, den es nach Sommer „so eigentlich gar nicht geben sollte.“<em>[3]</em><strong> </strong>Die Eiswette „stets das Ohr am Puls der Zeit“?<em>[4]</em> Der These wird noch nachzugehen sein. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em>Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) unter Beteiligung der Nato- und der Ostblockstaaten. Schlussakte vom 1. August 1975 in Helsinki, in der 35 Nationen Europas die Anerkennung der Menschenrechte, die Unverletzlichkeit der Grenzen, die Nichteinmischung und die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa vereinbarten.&nbsp; <br><em>[2]</em><strong>&nbsp;</strong><em>Nordsee-Zeitung</em> vom 23.1.1989. <br><em>[3]&nbsp;</em>Gutmann, a.a.O., S.56. <br>[<em>4]&nbsp;</em>Gutmann, a.a.O., S.107</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 11</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 8 &#8211; Kalter Krieg und Wirtschaftswunder &#8211; Die Ära Borttscheller (1951 – 1967)</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-8-kalter-krieg-und-wirtschaftswunder-die-aera-borttscheller-1951-1967/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Nov 2019 11:28:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 08]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/?p=1100</guid>

					<description><![CDATA[Der Albtraum des 11. November 1918

Das Ende des Kaiserreichs hatte Borttscheller als politische Katastrophe empfunden. In seinen Erinnerungen beschreibt er, wie er den 11. November 1918 erlebte. Er war als Nachrichtenoffizier im dienstlichen Auftrag mit dem Automobil vom Oberkommando der 6. Armee in Tournai/Belgien nach Brüssel gefahren, wo sich das Oberkommando des Deutschen Heeres befand. „Bei der Einfahrt in die belgische Hauptstadt fiel ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading"> </h2>



<h2 class="wp-block-heading" id="der-neue-prasident-1">Der neue Präsident <em>[1]</em></h2>



<h2 class="wp-block-heading" id="der-albtraum-des-11-november-1918">Der Albtraum des 11. November 1918&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</h2>



<p>Das Ende des Kaiserreichs hatte Borttscheller als politische Katastrophe empfunden. In seinen Erinnerungen beschreibt er, wie er den 11. November 1918 erlebte. Er war als Nachrichtenoffizier im dienstlichen Auftrag mit dem Automobil vom Oberkommando der 6. Armee in Tournai/Belgien nach Brüssel gefahren, wo sich das Oberkommando des Deutschen Heeres befand. „Bei der Einfahrt in die belgische Hauptstadt fiel uns die Unruhe auf und die Masse der Feldgrauen auf den Straßen. Kurz vor dem Palast-Hotel, wo das Oberkommando Quartier genommen hatte, wurden wir angehalten. (…)  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Dr.jur. Georg Borttscheller (5. 6.1896 bis 27. 8.1973) kam 1927 aus Hamburg nach Bremen, wo er zunächst Handelsredakteur und ab 1929 Chefredakteur der„<em>Weser-Zeitung</em> war, bis sie am 30. September 1935 ihr Erscheinen einstellte. Von 1935 bis 1939 war er in der Geschäftsführung des Bremer Verkehrsvereins, dann Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung. Ab 1934 SA-Reserve; 1937 SA-Rottenführer; 1937 Mitglied der NSDAP; Mitglied im Stahlhelm und im Reichskriegerbund; ab 1951 Mitglied der Bremer Bürgerschaft, 1952 bis 1968 Landesvorsitzender der FDP, 1954 bis 1959 Vorsitzender der FDP-Bürgerschaftsfraktion. 1959 bis 1971 Senator für Häfen. Seinen Spitznamen „Container-Schorse“ erhielt er wegen seines erheblichen Anteils am Ausbau des Container-Terminals im Neustädter Hafen. Vgl. Hafensenator <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Borttscheller%20am%2017.04.2019">https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Borttscheller am 17.04.2019</a></p>



<p class="has-text-align-right">Seite 1</p>



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<p>Die Reifen des Autos brauchten nicht erst zerschnitten zu werden, denn es war schon stahlgerädert und gefedert. Aber die Achselstücke verloren wir im Nu. Ich suchte, dem roten Mob gegenüber mich verständlich zu machen (…) Seelisch fertig, äußerlich gefasst, bar unserer Rangabzeichen, meldeten wir uns im Hotel.“ In der Nacht musste Borttscheller den folgenden Befehl des großen Hauptquartiers an die Divisionen im Fernsprecher weitergeben: &#8222;Ab sofort sind bis hinunter zu den Kompanien Soldatenräte zu bilden.&nbsp; (…) Trauriger Tiefpunkt bis dato in meiner militärischen Laufbahn. Die Niederlage war da, der Zusammenbruch vollkommen. (…) Aus. Des Reiches kaiserliche Herrlichkeit, gegliedert in bundesfürstliche Länder, war in der Heimat ohne Zuckungen fast vom Tisch gewischt. Ich hätte mehr Widerstandskraft erwartet. Eben deshalb stellte ich mich noch lange nicht auf den Boden der Tatsache und wurde Republikaner, aber ich war erschüttert (…).&#8220;<em>[1]</em> Es nimmt nicht wunder, dass sich Borttscheller in einer Reihe mit seinen Vorgängern Hans Wagenführ und Hugo Gebert sah,<em>[2]</em> die ihm nicht nur Vorbild für seine spektakulären Eiswettfeiern waren, sondern &#8211; wie er &#8211; den Untergang des Kaiserreichs, die Novemberrevolution und den Versailler Vertrag als politische Katastrophen erlebt hatten.<em>[3]</em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="chefredakteur-der-weser-zeitung-1929-bis-1934">Chefredakteur der <em>Weser-Zeitung</em> (1929 bis 1934) </h2>



<p>Seit 1927 war Borttscheller Handelsredakteur und ab 1929 Chefredakteur der <em>Weser-Zeitung</em>.geworden. In seinem Entnazifizierungsverfahren machte er 1946 folgende Aussage zu ihrer politischen Ausrichtung:&nbsp; „Die <em>Weser-Zeitung</em> trat in ihrer ganzen Haltung als liberales Organ aktiv gegen die Nationalsozialisten auf und wurde deshalb nach dem 30. Januar 1933 derart unter politischen und geschäftlichen Druck gesetzt, dass sie am 30.9.1934 ihr Erscheinen einstellen musste.&#8220;<em>[4] </em>Diese Aussage soll an drei politischen Ereignissen überprüft werden. &nbsp;<br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Georg Borttscheller, Bremen, mein Kompass. Schön war’s. Bremen (1973), S. 36 – 38.<br><em>[2]</em><strong> </strong>Viele Jahre gehörte es zum zeremoniellen Beginn der Eiswetten, dass sich die Teilnehmer zu Ehren von Wagenführ und Gebert erhoben. Vgl. die Berichte im <em>Weser-Kurier</em> vom 21.1.1952, 18.1.1954 und 14.1.1956, wo Gebert &nbsp;noch „als guter Griff“ vorgestellt wurde. Noch am 6. März 1959 gab der <em>Weser-Kurier</em>“ in einem Artikel zum 80. Geburtstag von Präsidiums-Mitglied Degener-Grischow die Meinung der Eiswette wieder, dass der Jubilar die Veranstaltung „mit Hans Wagenführ, Hugo Gebert und Heinrich Tietjen gemeinsam zu neuer Blüte gebracht“ hätte.<br><em>[3]</em> Vgl. Kapitel 2 „Kriegsschock und Revolutionstrauma. Die Jahre 1919 bis 1933“ und Exkurs: „Die Gästebücher des Hans Wagenführ“. Erster Band (Das Jahr 1918). <br><em>[4]</em> Landesarchiv Nordrhein-Westfalen (Duisburg), Akte Georg Borttscheller NW 1058-541, Entnazifizierungs-Hauptausschuss, Landkreis Bielefeld.  In seinen Erinnerungen heißt es dazu ähnlich: „Zwischen Redaktion und Partei war an ein Auskommen nicht zu denken.“ Borttscheller, a.a.O., S.88/89.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 2</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-reichstagswahlen-am-5-marz-1933">Die Reichstagswahlen am <br>5. März 1933</h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/11-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="754" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/11-754x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2861" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/11-754x1024.jpg 754w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/11-221x300.jpg 221w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/11-768x1044.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/11-1130x1536.jpg 1130w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/11-1507x2048.jpg 1507w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/11-scaled.jpg 1884w" sizes="(max-width: 754px) 100vw, 754px" /></a></figure>



<p></p>



<p class="has-text-align-left">Aus dem Leitartikel Borttschellers in der <em>Weser-Zeitung</em> vom 6. März:  „Die Beteiligung an der Regierung, an der politischen Macht und Verantwortung unter der Kanzlerschaft Adolf Hitlers hat die Massen der NSDAP mit einem Feuer beseelt, das schlechthin beispiellos ist. (…) Das Kabinett wird den Reichstag versammeln, die notwendigen Formalien erledigen und sich das Ermächtigungsgesetz zur Durchführung der politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen im Rahmen des von Adolf Hitler angekündigten 4-Jahresplanes geben lassen.“ <br>Im Bremen-Teil der Zeitung wird der Landesregierung ihre Existenzberechtigung bestritten: „Wir haben deshalb schon am Sonnabend und auch schon vorher auf die zwingende Notwendigkeit hingewiesen, nunmehr schnellstens zu einer Umbildung des Senats zu kommen, die nach dem Ausfall der gestrigen Wahlen – auch dem Wahlausfall in Bremen- nicht einen Tag länger mehr verzögert werden darf. (…) Sie hat also vom politisch-praktischen wie vom arithmetischen Standpunkt aus ihre Daseinsberechtigung völlig verloren.“ </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 3</p>



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<h2 class="wp-block-heading has-text-align-left" id="die-bucherverbrennung-in-bremen-am-10-mai-1933">Die Bücherverbrennung in Bremen am 10. Mai
1933</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><a href="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/3-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/3-754x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2865" width="844" height="1146" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/3-754x1024.jpg 754w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/3-221x300.jpg 221w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/3-768x1044.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/3-1130x1536.jpg 1130w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/3-1507x2048.jpg 1507w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/3-scaled.jpg 1884w" sizes="(max-width: 844px) 100vw, 844px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Weser-Zeitung vom 11. Mai 1933 </figcaption></figure>



<p>Auszüge: „In ganz Deutschland, in Stadt und Land, loderten am gestrigen Abend Scheiterhaufen auf. Undeutsche Bücher und Schriften, die von unsittlichem, marxistischem und pazifistischem Geist durchsetzt sind, wurden den Flammen übergeben. Die in Asche zerfallenden Produkte einer jämmerlichen Kulturepoche symbolisierten den Anbruch einer neuen deutschen Geistesrichtung.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 4</p>



<p>Dem sittlichen Verfall des deutschen Volkes, der in den 14 Jahren marxistischer Herrschaft immer stärker voranschreiten konnte, ist durch die starke Hand des neuen Deutschland jäh Einhalt geboten worden. (…) Der auf dem Spielplatz an der Nordstraße errichtete Scheiterhaufen zeigte, dass auch Bremen kräftig mitarbeitet an der Wiedergeburt deutschen Geistes. Auch einige Wahltransparente der SPD waren noch zum Vorschein gekommen und „zierten“ den Haufen. (…) Zwei große Lautsprecher wurden aufgebaut, um die Reden allen zugänglich zu machen. In der Mitte des Platzes war der große Scheiterhaufen errichtet worden. Tausende von Menschen umsäumten am Abend das von der SA freigehaltene Rund. Unter klingendem Spiel marschierte die Gefolgschaft Erhardt auf und nahm auf dem Platz Aufstellung, der schon manche andere Kundgebung, auf denen Hass und Gift verspritzt wurde, gesehen hat und jetzt wieder deutsche Menschen vereint. Dann erschien eine Abordnung des Nationalsozialistischen Deutschen Studenten-Bundes von vollem Wichs mit ihren Fahnen. In großer Stärke nahm die Hitler-Jugend an dieser Kundgebung teil. (…) Jungvolkführer Garduhn führte u.a. aus: „Die vergangene Zeit war keine Zeit der Kultur, sondern eine Zeit der Unkultur. Wir wollen das Blatt dieser Zeitepoche aus dem Buch der 1000jährigen Geschichte Deutschlands herausreißen. Übrigbleiben soll der Kampfruf: Wider den undeutschen Geist.“ (…) Dann züngelten die Flammen aus dem Scheiterhaufen hervor und loderten immer höher und höher und vernichteten jahrelangen Schmutz und Hass. (…) Das Horst-Wessel-Lied brauste dann über den Platz, und ein dreifaches mächtiges Sieg Heil auf den Volkskanzler und Führer beendete diese Kundgebung.“ </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 5</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="der-rohm-putsch-am-30-juni-1934">Der
„Röhm-Putsch“ am 30.Juni 1934</h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/411-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="754" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/411-754x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2867" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/411-754x1024.jpg 754w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/411-221x300.jpg 221w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/411-768x1044.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/411-1130x1536.jpg 1130w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/411-1507x2048.jpg 1507w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/411-scaled.jpg 1884w" sizes="(max-width: 754px) 100vw, 754px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Artikel von Borttscheller am 3. Juli 1934: „Das Volk atmet auf“ </figcaption></figure>



<p>Borttscheller zitiert in seinem Artikel zunächst aus einer Rede „des Stellvertreters des Führers Heß“, in der „mit Händen zu greifen“ gewesen wäre, „dass sie vor allem an jene Gruppe gerichtet war, die Adolf Hitler am 30. Juni als Volksverderber entlarvt und vernichtet hat.“ Er fährt fort: „In einer Verblendung ohnegleichen, die größenwahnsinnig und krankhaft war, haben die Verräter alle Warnungen in den Wind geschlagen. (…) In einem Nachbarstaat (Frankreich – d. Verf.) wurde mit größter Hartnäckigkeit immer wieder das Gerücht verbreitet, die Regierung Hitler halte sich nicht mehr lange. (…) Wir im Reich konnten über dieses Gefasel nur den Kopf schütteln, wussten wir doch, dass die Nation geschlossen hinter dem Führer steht und zu keinem Augenblick in dieser Haltung schwankte. (…) Bezeichnend ist auch, dass man Röhm hat erschießen müssen (sic!), weil er offensichtlich nicht den Mut besessen hat, selber die Waffe gegen sich zu richten. (…) Ein Mensch, der Vertrauen mit Rebellion belohnt, muss ausgelöscht werden, mit ihm alles, was sich ihm verschworen hatte (sic!). (…) Die zwölf Punkte der Proklamation des Führers an den neuen Chef des Stabes der SA, Lutze, decken in der Tat den Krankheitsherd rücksichtlos auf und sind zugleich Programm, wie der Führer künftig seine SA erzogen und geführt wissen will. Die Nation atmet auf (…) Nun hat der Führer gehandelt, und die Nation jubelt ihm zu. (…) Die Nation war mit jedem Nerv beim Führer (…) Der Schlag gegen die Saboteure war eine  W o h l t a t   f ü r s   V o l k. Adolf Hitler hat als Führer des deutschen Volkes gehandelt. E s   l e b e   d e r   F ü h r e r! (Sperrungen im Original)&#8220;</p>



<p>Für Bremen zeichnet die <em>Weser-Zeitung</em> am gleichen Tag unter dem Titel „Der Sieg der Staatsautorität. Verhaftungen in Bremen“ folgendes Bild (Auszug): „Als am Sonnabendnachmittag in Bremen das unerhört schneidige und scharfe Vorgehen des Führers gegen eine verräterische Gruppe bekannt wurde, erregten die ersten Meldungen hierüber überall stärkstes Interesse. (…) Die Weser-Zeitung brachte nacheinander vier verschiedene Ausgaben heraus, die rasend schnell verkauft wurden: Überall, wo man hinkam und hinhörte, nur das eine Gesprächsthema: Hitlers Tat! Überall aber auch nur begeisterte Zustimmung, dass der Führer mit ebenso raschem wie kühnem Entschluss diese Eiterbeule ausgestochen und diese große, außerordentlich harte, aber notwendige Säuberungsaktion zur Durchführung gebracht hat, die sich natürlich nicht auf München und Berlin beschränkte, sondern über das ganze Reich (sic!) ging. In Bremen wurde (…) am Sonnabend der Gruppenführer Ernst verhaftet und im Flugzeug nach Berlin gebracht, wo ihn die verdiente Strafe ereilte (sic!)<em>[1]</em>. Sonst blieb in Bremen alles ruhig; Bremen steht treu hinter dem Führer.“<br><br>Am 4. Juli verfasste Borttscheller den Leitartikel zum „Röhm-Putsch“ unter dem Titel „Führertum“. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> SA-Gruppenführer Karl Ernst wurde in Berlin sofort erschossen. Da er sich für das Opfer eines unglücklichen Irrtums hielt, starb er mit dem Hitlergruß auf den Lippen. Vgl. Ernst, Karl (Politiker) wikipedia vom 14.08.2019. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 6</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/61-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="754" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/61-754x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2871" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/61-754x1024.jpg 754w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/61-221x300.jpg 221w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/61-768x1044.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/61-1130x1536.jpg 1130w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/61-1507x2048.jpg 1507w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/61-scaled.jpg 1884w" sizes="(max-width: 754px) 100vw, 754px" /></a></figure>



<p>Auszug:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>„Mit blitzartiger Geschwindigkeit wurde vom Führer das in München während der Nachtstunden zum Sonnabend aufgeflackert Feuer der Revolte ausgetreten, so nachhaltig und unerbittlich, dass die Ereignisse fast wie ein schwerer Traum anmuten könnten, wären sie nicht durch die Härte der Tatsache belegt. (…) Der Führer hat einen unendlichen Langmut bewiesen, hat den Verschwörern viel Zeit gelassen, Einkehr zu halten und sich eines Besseren zu besinnen. Sie wollten sich nicht beugen und haben schließlich den Grundgedanken des nationalsozialistischen Prinzips vom Befehlen und Gehorchen, von absoluter Disziplin, den Grundsatz der Führung und Gefolgschaft mit Füßen getreten. Deshalb musste sie auch die volle Wucht des Gesetzes, der Bewegung, wie des Staates treffen.“  In den folgenden Passagen zitiert er aus der „Nationalsozialistischen Parteikorrespondenz“: „Die NSDAP hat die absolute Autorität des Führertums in die Tat umgesetzt und Wirklichkeit werden lassen. Der Führer hat in diesen Tagen erneut vor aller Welt gezeigt, dass diese  </p>



<p>Autorität des Führertums allein begründet ist in den Pflichten, die die Führer gegenüber Bewegung und Volk erfüllen. Wer von diesem Weg abgeht, verfällt ohne Ansehen der Person der schärfsten Strafe. Die Erschießungen, die im Verlauf der 24 Stunden (sic!) … stattfanden, haben der harten Auffassung, die die nationalsozialistische Bewegung vom wahren Führertum hat, entsprochen. (&#8230;) Die Begeisterung, mit der das deutsche Volk die unerbittliche Tatkraft des Führers in diesen Tagen begrüßt hat, hat gezeigt, dass die deutschen Menschen den tiefen Sinn des nationalsozialistischen Staatsgedankens verstanden und ihn zu ihrem Denken gemacht haben. (…) Die Männer, die hier mit diesem Wohl und dem Schicksal der Nation zu spielen versuchten, sind mit harter Hand ausgemerzt worden. Männer sind vergänglich, das Volk ist ewig. Dieses ewige deutsche Volk marschiert unter dem Banner des Hakenkreuzes den Weg in eine friedliche und glückliche Zukunft.“ &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 7</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="das-ende-der-weser-zeitung">Das Ende der <strong>Weser-Zeitung</strong>&nbsp;&nbsp;&nbsp; </h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/71-1.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="752" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/71-1-752x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2877" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/71-1-752x1024.jpg 752w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/71-1-220x300.jpg 220w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/71-1-768x1045.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/71-1.jpg 828w" sizes="(max-width: 752px) 100vw, 752px" /></a></figure>



<p>Georg Borttscheller,<em> „</em>Die <em>Weser-Zeitung</em> war Bremen<em>“, </em>30. September 1934</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/8-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="754" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/8-754x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2876" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/8-754x1024.jpg 754w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/8-221x300.jpg 221w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/8-768x1044.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/8-1130x1536.jpg 1130w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/8-1507x2048.jpg 1507w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2023/04/8-scaled.jpg 1884w" sizes="(max-width: 754px) 100vw, 754px" /></a></figure>



<p>Georg Borttscheller,<em> „</em>Die <em>Weser-Zeitung</em> war Bremen<em>“, </em>30. September 1934</p>



<p></p>



<p>Am 30. September 1934 erschien die letzte Ausgabe der <em>Weser-Zeitung</em>. Auf der Titelseite stand u.a. ein Artikel von Chefredakteur Borttscheller:<br><br>Auszug:<br>„Niemand bedauert mehr als der Redaktionsstab, dass ihm der Enderfolg, d.h. die Erhaltung des Organs als freie und unabhängige, nur dem neuen Staat Adolf Hitlers verpflichtete Zeitung versagt geblieben ist. (…) Der Name der „Weser-Zeitung“ soll weiterleben, in kleinerem Rahmen freilich, aber ein Verlöschen wäre ein noch größeres Unglück, denn so schrieben wir am 1. Oktober 1933: „Die <em>Weser-Zeitung</em> ist ein Stück bremischer Geschichte und wahrlich nicht das schlechteste. Selten ist der Geist einer Zeitung den natürlichen Anlagen der Landschaft und des Standort, für die sie im engeren Bezirk, im Reich und im Ausland eintritt, so tief verpflichtet wie hier. Selten mündet Tradition so unmittelbar in eine lebendige, zeitnahe Wirklichkeit. Die „Weser-Zeitung wahrt im Sinne Adolf Hitlers Tradition und schafft täglich neue.“ (…) So stolz und weitgespannt betrachteten wir die Aufgaben der <em>Weser-Zeitun</em>g“ noch vor einem Jahre. Es war uns nicht vergönnt, sie fortzuführen. Die Zeiten sind hart und unerbittlich, sie fordern Opfer. Die Pflicht aber, die nationalpolitischen, volkswirtschaftlichen und kulturellen Güter Deutschlands zu pflegen, bleibt.“ </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 8</p>



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<p>Die Fortführung der <em>Weser-Zeitung</em> im kleineren Rahmen blieb ein Traum. 37 Jahre später erinnerte sich Borttscheller: „Der Schlag war für uns alle überaus hart. Er blieb nicht viel hinter der Bedrückung zurück, die mich heimsuchte, als ich das 100 000-Mann-Heer hatte verlassen müssen, zumal ich beide Beruf als Berufung aufgefasst und wahrgenommen hatte.“<em>[1]</em> In seinem Entnazifizierungsverfahren von 1946 hatte das noch ganz anders geklungen: „Es war wie eine Erlösung, dass uns die Feder, die stumpf zu werden drohte, ja schon stumpf geworden war, von den Nazis aus der Hand geschlagen wurde.“<em>[2]</em> „Der Verlust meiner Stellung war „ein materielles Opfer, das ich den Nazis bringen musste.“<em>[3]</em> Es war die Zeit der politischen Amnesie.  Das Ende der <em>Weser-Zeitung</em> ist seit der Untersuchung von Hartwig Gebhardt über „Zeitungen und Journalismus in Bremen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ wissenschaftlich dokumentiert. <em>[4]</em> Wir zitieren den Abschnitt, der sich auf die <em>Weser-Zeitung</em> bezieht:<em>[5]</em> „In einer Darstellung des Schünemann-Verlags aus dem Jahre 1960 wird der Eindruck erweckt, die Zeitung sei aus politischen Gründen eingestellt worden. (…) Die historischen Dokumente bestätigen diese Darstellung nicht. Die Einstellung der <em>Weser-Zeitung</em> hatte ausschließlich wirtschaftliche Gründe. Das Blatt, ohnehin immer defizitär gewesen, geriet während der Wirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre in eine zunehmend prekäre finanzielle Lage. Die Auflage, die bei der Rückkehr der Zeitung in den Schünemann-Verlag 1929 noch 15 000 Exemplare betragen hatte, verringerte sich fortwährend und betrug 1933/34 nur noch 5000 Exemplare täglich. Zu jener Zeit belief sich der dem Verlag durch die <em>Weser-Zeitung</em> verursachte Verlust auf 25 000 bis 30 000 Mark monatlich. In dieser Situation fasst der Verlag den Entschluss, die Zeitung einzustellen, „zumal er sich bewusst ist, dass selbst bei allem guten Willen des Senats (sic!) und anderer Stellen es nicht möglich sein wird, die notwendigen Mittel aufzubringen, die für eine Fortführung der <em>Weser-Zeitung</em> erforderlich wären.“<em>[6]</em> Dass die <em>Weser-Zeitung</em> sogar „direkte Subventionen des nationalsozialistischen Bremer Senats“<em>[7]</em> erhalten hatte, verwundert nicht angesichts des Kults, den Borttscheller mit Hitler getrieben hatte.&nbsp; </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Borttscheller, a.a.O., S.91.<br><em>[2]</em><strong> </strong>Aus dem Begleitschreiben zum Fragebogen.<br><em>[3]</em> Im Begleitschreiben zum Entnazifizierungs-Fragebogen vom 10.12.1946. NW 1058-541.<br><em>[4]</em> Hartwig Gebhard, Zeitung und Journalismus in Bremen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: Bremisches Jahrbuch, hrsg. vom Staatsarchiv Bremen, Bd. 57, 1979, S. 183 – 246. <br><em>[5]</em><strong> </strong>A.a.O. Anmerkung 80, S.215/216<br><em>[6]</em> Das Zitat entnimmt Gebhardt der Staatsarchiv-Akte: &#8222;Carl-Schünemann-Verlag an den Senat Bremen&#8220;, 14.7.1934, StAB 3 – P. 5. No.&nbsp; 242<br><em>[7]</em> Hartwig Gebhardt, a.a.O., S. 215.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 9</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="entnazifizierung">Entnazifizierung  </h2>



<p>Borttscheller, Mitglied im Stahlhelm und im Reichskriegerbund, seit 1937 Mitglied der NSDAP, Rottenführer der SA-Reserve, , hatte sich einem Entnazifizierungsverfahren zu unterziehen. Unter normalen Umständen hätte das in Bremen stattfinden müssen, wo er seit 1927 wohnte und arbeitete, erst als Chefredakteur der <em>Weser-Zeitung</em>, dann in der Geschäftsführung des Bremer Verkehrsvereins und der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung. Da er aber Brackwede bei Bielefeld als Wohnsitz angab, wurde er in der englischen Zone entnazifiziert. Das hatte zwei große Vorteile: erstens kannte man dort seine berufliche Tätigkeit im nationalsozialistischen Bremen nicht und zweitens wurden die Verfahren in der britischen Zone laxer gehandhabt, was sich bei den Betroffenen herumgesprochen hatte. Wenn Borttscheller darauf spekuliert hatte, erfüllten sich seine Erwartungen. Auf dem Fragebogen, den er am 10.12.1946 im Bielefelder Verfahren ausfüllen musste, erklärte er, dass er als (Chef)Redakteur der <em>Weser-Zeitung</em>&nbsp; „Verfasser zahlreicher Artikel wirtschaftlicher und politischer Art (war), deren Titel und Daten der Fülle wegen (sic!) nicht mehr angegeben werden können.“ <em>[1]</em><strong> </strong>Der Entnazifizierungs-Hauptausschusses in Bielefeld begnügte sich mit dieser Angabe, stellte auch keine eigenen Nachforschungen an und „reihte“ ihn ohne weiteres als nur „nominelles“ Parteimitglied „ohne Beschäftigungsbeschränkung“ ein. Als er am 8. Juli 1947 in Bremen, wo er seit März wieder offiziell seinen Wohnsitz hatte, seinen Meldebogen ausfüllen musste, verwies er auf diesen Spruch. Dem öffentlichen Kläger Schmidt legte er dann später den „Einreihungsbescheid der Militärregierung Deutschlands britisches Kontrollgebiet“ vom 2. März 1948 vor, der lediglich folgende&nbsp; Mitteilung enthielt: „Die Entscheidung beruht auf folgenden Gründen: „NSDAP 1937-1945 – SA 1934 – 1945 Rottenführer; NSKB 1936-1945“. Ohne die Akte aus Bielefeld zur Überprüfung anzufordern, entschied der öffentlich Kläger am 28. April 1948, dass der Spruch „für die Enklave Bremen als rechtsverbindlich und endgültig anerkannt“ wird.<em>[2]</em> Die Entnazifizierungskommission in Bremen folgte diesem Urteil.<em>[3] </em>Einer Ernennung Borttschellers zum Präsidenten der Eiswette stand also politisch nichts im Wege.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Am 10.12.1946 überreicht er mit einem zweieinhalbseitigen Schreiben dem „Prüfungsausschuss für Entnazifizierung, Brackwede“ den zwölfseitigen Fragebogen mit 5 Anlagen und 8 eidesstattlichen Erklärungen. Entnazifizierungsakte im Landesarchiv N-W, a.a.O. <br><em>[2] </em>Bremer Entnazifizierungsakte Borttscheller StAB 4,66-I-1214.<br><em>[3]</em> Auch andere Bremer ließen sich in der britischen Zone entnazifizieren, aber durchaus nicht immer mit Erfolg, wie im Fall von Emil Fritz, dem Direktor des Bremer Variété-Theaters <em>Astoria</em>, dessen Entnazifizierung im Kreis Rotenburg an der Wümme, also in der britischen Zone, von der amerikanischen Militärregierung in Bremen nicht akzeptiert wurde. Vgl. die Website des Verfassers www.die-geschichte-des-astoria-bremen.de und die Entnazifizierungsakte Emil Fritz StAB 4,66-I.-3189. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 10</p>



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<p>Skrupel wegen seiner eigenen politischen Vergangenheit oder der seiner   Eiswettgenossen sind in Borttschellers Amtsführung als Präsident nicht   festzustellen. Im Gegenteil könnte man sagen. Viele Jahre gedachte er  zu  Beginn jeder Eiswette mit großem Pathos seiner Vorgänger Wagenführ  und  Gebert, wobei sich die Versammlung von ihren Plätzen erhob. Nun  mochte  die Ehrung für Wagenführ hingehen als dem Schöpfer der modernen   Eiswette, auch wenn er die Eiswette auf die deutschnationale Spur   gesetzt hatte, aber für Gebert, der sie den nationalsozialistischen   Machthabern sozusagen auf dem Silbertablett serviert hatte und dafür   verantwortlich war, dass sie nationalsozialistisch durchwirkt wurde<em>[1]</em>,  zeugte das von politischer Dickfelligkeit. 1953 sprach Borttscheller   sogar von Geberts „Vermächtnisschrein“, den die Eiswettgenossen bewahren   würden.<em>[2]</em> Die Lokalzeitungen nahmen diese  Sprachregelung ohne Abstriche auf:  Gebert sei „ein guter Griff“ gewesen  (BN 14.1.1956). Noch 1959 schrieb der <em>Weser-Kurier</em>, dass Gebert die Eiswette zusammen mit Wagenführ „zu neuer Blüte gebracht“ hätte. (6.3. 1959).&nbsp; </p>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-eiswette-liebe-auf-den-ersten-blick">Die Eiswette: -Liebe auf den ersten Blick &nbsp;</h2>



<p>Noch 45 Jahre später erinnerte sich Borttscheller genau an die erste Begegnung mit den Eiswettgenossen: „Im Januar 1928 tanzte ich auf dem Presseball in der Jacobi-Halle.<em>[3]</em> Das Fest war im vollen Zuge, da trat eine Schar von Herren auf, mittleren und älteren Kalibers, geführt von Christian Specht, einem Schiffsmakler, recht beschwingt. Sie brachten noch mehr Rotation in den Betrieb. Auf die Frage, woher die Kavaliere kämen, wo sie ihre Stimmung so aufgeladen hätten? Wer von der „Eiswette“ käme, hätte immer aufgetankt. Eiswette? Nie gehört! Wieso auch? Ich war erst ein dreiviertel Jahr in Bremen. (…) Auf der Jahrhundertfeier des Freundeskreises im Januar 1929 war ich dann selber Gast …“<em>[4]</em> Für Borttscheller war es Liebe auf den ersten Blick.</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Vgl. das Kapitel 3 Mit den Wölfen geheult.“ <br><em>[2]</em> <em>Bremer Nachrichten</em> vom 19.1.1953.<br><em>[3]</em> Die „Jacobi-Halle“ in den Resten einer Klosterkirche von 1190 befand sich an der Ecke Pieper- / (alte) Langenstraße. Sie nannte sich „historisches Wein- und Bierrestaurant“. Es verfügte über „vornehme“ Räume für Hochzeiten und Festlichkeiten. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, mussten seine Reste 1960 dem Durchbruch für die Martinistraße weichen.<br><em>[4]</em> Georg Borttscheller, a.a.O., S. 166. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 11</p>



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<p>Mit seiner Ernennung zum Präsidenten schloss sich ein Lebenskreis. Sie erfolgte auf eiswetttypische Art: „Im Herbst 1950 ein Anruf; im Befehlston teilt mir Carl Wuppesahl mit, ich müsste Präsident der Eiswette werden. (…) Ich war total überrascht, stotterte, ich sei doch kein Bremer, viel zu jung, das ginge doch einfach nicht. „Nichts da“, dröhnte Degener-Grischow dazwischen, „Sie haben eine Röhre und sind seit 1929 dabei.“ Drücken dürfe ich mich nicht. Es gäbe schließlich noch andere, sperrte ich mich. Dann Wuppesahl: „Wollen Sie oder wollen Sie nicht!“ Eine entwaffnend demokratische Art, zum Präsidenten ernannt zu werden, eine ehrenvolle Vergewaltigung von sage und schreibe zwei Mitgliedern des Vorstandes, ohne die anderen, geschweige denn die Eiswettgenossen auch nur zu fragen – eine gesunde Demokratur – wenn es gut geht.“<em>[1]</em><strong>&nbsp;</strong> <br><br>Borttscheller, 1896 in Frankenthal/Pfalz geboren, war nach Wagenführ der zweite butenbremer Präsident.<em>[2] </em>Seine siebzehnjährige Amtszeit von 1951 bis 1967 wurde die längste in der Geschichte der modernen Eiswette. </p>



<h3 class="wp-block-heading" id="der-mann-an-der-kesselpauke">Der Mann an der Kesselpauke </h3>



<p>Borttscheller hatte wie sein Vater die militärische Laufbahn eingeschlagen. Mit dreizehn Jahren kam er auf die Kadettenschule in München, wo er 1914 das Notabitur machte, bevor er eingezogen wurde. In seinen Erinnerungen beschreibt er die fünf Jahre als eine „im Ganzen glänzende Erziehung (…) Das Internat, das Kadettenkorps als System (…) bekam mir vortrefflich“.<em>[3]</em><strong> </strong>Den Krieg machte er, unterbrochen von einer schweren Verwundung, in seiner ganzen Länge mit und erhielt mehrere Kriegsauszeichnungen, darunter 1915 das EK II und 1917 das EK I.<em>[4]</em> 1921 stand er als Leutnant „an der Spitze des Jahrgangs der Qualifikation nach“ und hatte deshalb keinen Zweifel daran, dass er in das nach Versailles auf 100 000-Mann reduzierte Heer übernommen würde. Er hätte es sich nie träumen lassen, „auch nicht in Albträumen“, dass er aus dem Heer würde ausscheiden müssen, was aber 1921 geschah, da er nicht verheiratet war. „Meine Stimmung war so, dass ich am liebsten alles hätte in die Luft sprengen wollen. (…) Ich war so tief verletzt, dass ich mein ganzes Selbstgefühl zusammennehmen musste, um aufrecht zu bleiben.“<em>[5] </em>Nach dem Ende der „Weser-Zeitung“ im September 1934 bot sich ihm mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935 die Möglichkeit, seine Karriere als Berufsoffizier fortzusetzen<em>[6]</em>. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>A.a.O., S.169/170.<br><em>[2]</em> Im Wikipedia-Artikel zu Georg Borttscheller hält sich unverdrossen die Legende, dass er der erste butenbremer Eiswett-Präsident gewesen wäre. Stand vom 12. August 2019.<br><em>[3]</em> Georg Borttscheller, a.a.O., S.14 und S.16.<br><em>[4]</em> Aus seiner Entnazifizierungsakte im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Duisburg. NW 1058-541.<br><em>[5]</em> A.a.O., S.39 und S.40.<br><em>[6]</em> An anderer Stelle spricht er davon, dass „die Versuchung oft groß war, dass die soldatische Passion mit mir durchging.“ Borttscheller, a.a.O., S. 106.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 12</p>



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<p>In seinen Erinnerungen schreibt er: „Für die Reaktivierung hatte ich 1935 wohl Meinung, weil ich der braunen Masse hätte entgehen können, aber im letzten Augenblick passte ich doch.“<em>[1]</em> Aber das Militär ließ ihn trotzdem nicht los. Von August 1935 bis Januar 1939 nahm er jährlich als Reserveoffizier und Batterieführer an mehrwöchigen Übungen teil. 1936 wurde er nach einer sechswöchigen Übung Hauptmann der Reserve.<em>[2]</em> Am 26. August 1939 erhielt er den Mobilmachungsbefehl für das neu aufgestellte schwere Artillerie-Regiment 158 in Verden, wo er, zum Major befördert, Abteilungskommandeur wurde. Die meisten Militär-Übungen hatten wohl in Verden stattgefunden. „Höhepunkt meiner Verdener Zeit“, schreibt er in seinen Erinnerungen, „waren die Herbstjagden vom September bis zum Hubertustag im November. Zweimal in der Woche stand ich vom Schreibtisch auf, stieg in den Wagen und fuhr nach Verden.“ Auch im Krieg fand er Gelegenheiten zu Reitjagden: „Zwischen den Gefechten und Feldzügen gab es immer einmal Zeit und Muße, Herbst- und Winterjagden zu reiten.“<em>[3]</em> Es waren militärische Tugenden, die seiner Meinung nach „beim Anreiten auf ein Hindernis“ gefordert waren: „Schneid ist alles und Mumm erst recht.“<em>[4] </em>Auf diesen Jagden gaben sich vor allem hohe Offiziere ein Stelldichein.<em>[5]</em> Besonders angetan hatte es ihm „der Kesselpauker auf dem Paukenpferd ohne Zügel, nur mit Kreuz und Schenkeln geritten, dröhnend und schmetternd durch ganz Verden; bog als erster auf den Kasernenhof ein hin zum Kasino. Schön! Schön!“<em>[6]</em> Diese Beschreibung &#8211; ihres equestrischen Gehalts entkleidet – passt in das Bild, das er selbst 17 Jahre lang als Präsident mit seiner „Röhre“ (Degener-Grischow) auf den Eiswetten bot. <br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> A.a.O., S. 40.<br><em>[2]</em> Im August/September 1935 machte er eine dreiwöchige Übung als Batterieoffizier; im August 1936 sechs Wochen als Hauptmann der Reserve; im März/April 1937 vier Wochen an der Artillerie-Schießschule in Jüterbog; im Januar 1939 eine zweiwöchige Übung (ohne nähere Angaben). Am 20. April 1945 geriet er im Harz in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er am 17. September entlassen wurde.&nbsp; Vgl. Fragebogen in der Entnazifizierungsakte im Landesarchiv NW a.a.O.<br><em>[3] </em>Borttscheller, a.a.O., S.102/103<br><em>[4] </em>A.a.O., S.102<br><em>[5]</em><strong> </strong>A.a.O., S. 100 – 103.<br><em>[6]</em> A.a.O., S. 103.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 13</p>



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<h3 class="wp-block-heading" id="1951-wiederbewaffnung-die-rede-von-hermann-apelt-deutschlandlied">1951 Wiederbewaffnung / Rede von Hermann Apelt / Deutschlandlied </h3>



<p>Die Atmosphäre auf dieser Feier war eine ganz besondere, schreibt  Chronist Karl Löbe: „Die Stimmung, die von diesem einzigartigen Raum ausgeht, ließ das Fest schnell Höhen erreichen.“<em>[1]</em> Borttscheller präsidierte zum ersten Mal &#8211; nach dem Interregnum von George A. Fürst im Jahr 1950, der für den erkrankten Ahlers eingesprungen war (Ahlers starb am 24.12.1950).<em>[2]</em> Es war die Zeit des Korea-Krieges, der im Juni 1950 begonnen hatte. Jeden Tag waren Meldungen über den Stand der militärischen Auseinandersetzung in den Zeitungen zu lesen. Im Herbst hatten die US-Truppen nach Überschreitung des 38. Breitengrades eine große Niederlage gegen die chinesische Volksbefreiungsarmee erlitten und US-Präsident Truman hatte am 16. Dezember 1950 den nationalen Notstand ausgerufen. Am 8. Januar 1951 gab er eine Erklärung ab, die von der Presse beurteilt wurde als „die schärfste Stellungnahme gegen „sowjetische Weltbeherrschungspläne“, die jemals von einem verantwortlichen Staatsmann der Vereinigten Staaten der Öffentlichkeit zugeleitet worden ist.“ Darin hieß es unter anderem: „Eine Weltherrschaftsdrohung der Sowjetunion gefährdet unsere Freiheit und bringt das Bestehen einer freien Welt in Gefahr.“<em>[3]</em> Die Außen- und Verteidigungsminister des Nordatlantik-Paktes hatten am 19. Dezember 1950 die Schaffung einer europäischen Armee unter Einschluss deutscher Kontingente beschlossen, wobei offen blieb, ob mit eigenem oder unter europäischem Kommando. Genau diese Frage stellte Senator Hermann Apelt<em>[4]</em>, in den Mittelpunkt seiner „Deutschland-Rede“.<em>[5]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Löbe, a.a.O., S.128.<br><em>[2]</em> Wenn man den Zeitungsberichten folgt, war Kaisen nicht anwesend.<br><em>[3]</em>&nbsp;<em>Weser-Kurier</em> 9.1. 1951.<br><em>[4]</em> Hermann Apelt, seit 1945 Hafensenator, ein Amt, das er auch von 1917 bis 1933 innegehabt hatte, war in der Weimarer Republik am rechten Rand der <em>Deutschen Volkspartei</em> angesiedelt. Er hatte in den Bremer Verfassungs-Debatten kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg noch für die Einschränkung des allgemeinen Wahlrechts in Bremen plädiert, weil es „zu zahlenmäßig schematisch ist.“ Die Bürgerschaft sollte weitgehend nach Berufsständen gegliedert bleiben. Das korporative Element in seinen politischen Vorstellungen mag den Nationalsozialisten, die mit ihrer Politik der Volksgemeinschaft die Klassen gewissermaßen auf dem Stand von 1933 „einzufrieren“ versuchten, nicht ganz fremd gewesen sein. Das gilt auch für Apelts Definition des „Staatskörpers“ als eines „Leibes mit Organen und Gliedern“, der „in der bloßen Zahl der zugehörigen Individuen keinen entsprechenden Ausdruck findet. Vgl. Verhandlungen der Bürgerschaft vom Jahre 1914. Stenographisch aufgezeichnet. Bremen 1914. &nbsp;Sitzung vom 20. Mai 1914, S. 469. Der nationalsozialistische Senat hatte ihm im März 1933 sein Verbleiben im Amt angeboten, nicht zuletzt deswegen, weil Apelt ein ausgewiesener Hafen- und Wirtschaftsfachmann war, derer die neue Regierung mangels geeigneter eigener Leute dringend bedurfte. Voraussetzung dafür wäre allerdings gewesen, dass er in die NSDAP eingetreten wäre, was Apelt ablehnte. Vgl. Herbert Schwarzwälder, Berühmte Bremer. München 1972. S.322. Ein Beispiel für die politische Ambivalenz und den besonderen Stil von Apelt finden wir in seiner Ansprache beim 200jährigen Bestehen der Stiftung für das Post-Studium in Bremen am 19. Juni 1942. In 146 Versen unternahm er einen Gang durch die deutsche Geschichte bis in die Zeit der Weimarer Republik: „Im Innern regte sich die alte Kraft, die, aller Not zum Trotz, das Gute schafft, jedoch das Volk bleibt uneins und zerspalten, die Feinde konnten&#8217;s leicht zum Besten halten. Die Augen schauen sehnsuchtsvoll nach Rettung aus innerer und äußerer Verkettung. Indes von äußeren und inn’ren Wirren die Stiftung lässt sich nicht beirren. Der Acker war zu neuer Saat bereit. Und sieh: Es drehte sich das Rad der Zeit. Das Alte stürzt, ein Neues tritt hervor, es steigt zu neuer Macht das Reich empor. Doch neue Macht, sie wecket alten Neid. Die Gegner ringsum lauern sprungbereit. Der Funke zündet, springt von Land zu Land. Und wieder steht die ganze Welt in Brand.“ Zitiert aus Hermann Apelt, a.a.O., S.24.&nbsp; <br><em>[5]</em> Die Auszüge sind entnommen aus: Hermann Apelt, Reden und Schriften, hrsg. Von Theodor Spitta. Bremen 1962, S.58 -60. Die Rede findet sich überraschend – als einzige von ca. 60 Deutschland-Reden zwischen 1951 und 2010 &#8211; in voller Länge auch im offiziellen Eiswett-Buch von Hermann Gutmann. Vgl. Hermann Gutmann, Jochen Mönch, Die Eiswette von 1829. Ein Bremer Fest – Geschichte und Geschichten. Bremen, 2010, S. 107-111.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 14</p>



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<p>Er begann mit den Sätzen: „Es geziemt sich  nun des Vaterlandes zu gedenken. (…) Die Geschichte unseres Volkes ist vom Anfang her von Tragik umwittert, wie die keines der anderen Völker Europas. Das Schicksal hat uns zur Heimat die Mitte Europas gegeben … ohne natürliche Grenzen, &#8211; mit allen Gefahren einer solchen Lage. Diese Lage war es, durch die unser Volk sich wieder und wieder vor europäische Aufgaben gestellt sah, wie sie in dieser Art den anderen Völkern erspart blieben. … Als erste Aufgabe fiel den deutschen Stämmen zu, die Grundlagen des christlichen Abendlandes, d.h. Europa zu schaffen. (…) Eine dritte europäische Aufgabe Deutschlands und der Deutschen war die Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen die wieder und wieder anrollenden feindlichen Wellen aus dem Osten (…) stets waren&nbsp; die Deutschen der Deich gegen die östliche Flut, der Wall gegen die östliche Gefahr. Die Entwicklung hat dahin geführt, dass zuletzt Russland zum Träger der östlich-asiatischen Gefahr wurde. Der Machthaber des Dritten Reiches hat dies erkannt, klarer erkannt als die anderen Mächte, &#8211; und indem er es unternahm, der Gefahr zu begegnen, konnte er meinen, im Sinne der uns Deutschen angestammten europäischen Aufgabe zu handeln.&nbsp; Aber&nbsp; w i e &nbsp;(Sperrung im Original; der Verf.) er es unternahm, &#8211; in blinder Überheblichkeit und Maßlosigkeit, in Missachtung der Lehren der Geschichte, wie der Gebote des Rechts und der Menschlichkeit, &#8211; musste sein Unterfangen mit Notwendigkeit zum Verderben führen. (…) Das, was wir trotz allem in 6 Jahren aus den Trümmern wieder aufgebaut haben, ist wohl Anerkennung wert. Aber noch liegen unerhörte Aufgaben vor uns und wir stehen, „umrungen von Gefahr“ (die Anführungszeichen im Original, d. Verf.), in dauernder Bedrohung. Denn mit unserer Niederlage ist auch der schützende Damm Europas gegen den Osten zerbrochen und die anderen Mächte haben ihn, in bedauerlicher Verkennung, noch bis zum Grunde abgetragen, so dass wir zur Zeit ganz auf den Schutz der anderen angewiesen sind. Nun stellen sie an uns die Forderung, dass wir – eben unfreiwillig entwaffnet – uns freiwillig wiederbewaffnen sollen. (…) Will man unsere Jugend für den Gedanken der Bewaffnung gewinnen, so müssen ganz andere psychologische Voraussetzungen geschaffen werden, wobei es selbstverständlich ist, dass nur bei voller Gleichberechtigung an eine Beteiligung Deutschlands zu denken wäre. (…)</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 15</p>



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<p>Die entscheidende Frage für die anderen wie für uns sollte sein: Würde Deutschlands Bewaffnung der Erhaltung des Friedens förderlich sein oder abträglich? (…) Ob, wenn wir uns mit gleichen Rechten einreihen wollen in die Gemeinschaft der westlichen Völker &#8211; ob wir uns dann den gleichen Pflichten werden versagen können? Und so auch, ob wirklich unsere Wehrlosigkeit unser bester Schutz sein könne? Hier liegt die schwere und verantwortungsvollste Entscheidung, die uns auferlegt worden ist. Ich habe das Vertrauen, dass Deutschland nicht versagen wird und dass, wenn die Lage es von uns fordert, auch heute das Wort gelten wird, das Tacitus von den Chauken, die hier an der Unterweser saßen,<em>[1] </em>gesagt hat: „Si res poscat, exercitus.“ („Sie halten ihre Waffen bereit und wenn es die Lage erfordert, ein Heer“). Der Redner verzichtete auf eine Übersetzung, obwohl seine Zuhörer in ihrer überwiegenden Mehrheit des Lateinischen nicht mächtig gewesen sein dürften. Er wusste, dass sie ihn auch so verstanden hatten. Unmittelbar nach der Rede erhoben sich die Eiswettgenossen spontan und sangen die dritte Strophe des Deutschlandlieds.<em>[2]</em> Der Reporter des Weser-Kurier kommentierte: „Die von jugendlichem Feuer und einem unzerstörbarem Glauben an Deutschlands Zukunft getragene Rede des Senators Apelt war der Glanzpunkt des offiziellen Teils.“<em>[3]<br></em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Die Chauken, bei Tacitus als das vornehmste Volk unter den Germanen beschrieben, ohne Habgier, ohne Herrschsucht, ruhig und abgeschieden lebend, hatten es Präsident Borttscheller offensichtlich angetan. Auf der Eiswette von 1965 kam er noch einmal auf sie zurück, ohne dass ein Bezug zur Feier erkennbar war: „Auf der hohen Düne, wo heute Dom und Glocke stehen, versammelten sich möglicherweise unsere Vorfahren zum Thing, Chauken, hochgewachsene Kerle in zottigen Bärenfellen, mit Stierhörnern an den Helmen zur Abschreckung, als Kopfschmuck und um Met daraus zu trinken. Er belegte, dass diese Chauken schon eng mit der Schifffahrt verbunden waren, da sie Drusus‘ Flotte wieder flottmachten, nachdem sie in der Wesermündung bei Ebbe trockengefallen war.“ Bericht über die Eiswette im <em>Weser-Kurier</em> 18.01.1965<br><em>[2]</em>&nbsp;Vgl. Karl Löbe, a.a.O., S.128. <br><em>[3]</em> Weser-Kurier, 5. Februar 1951.<br></p>



<p class="has-text-align-right">Seite 16</p>



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<p>Nun hatte der Deutsche Bundestag in seiner ersten außenpolitischen Debatte am 24. und 25. November 1949 eine nationale Wiederbewaffnung abgelehnt. Die Eiswette war also in „nationaler“ Hinsicht ihrer Zeit gewissermaßen voraus. Der Kalte Krieg hatte hier schon Einzug gehalten. Mit dem Absingen der dritten Strophe des Deutschlandlieds waren die Eiswettgenossen voll im nationalen Trend, wie eine hübsche Anekdote aus der Kiste mit Adenauers listigen politischen Winkelzügen veranschaulichen mag. </p>



<h2 class="wp-block-heading" id="exkurs-adenauer-im-berliner-titaniapalast-im-april-1950">Exkurs: Adenauer im Berliner Titaniapalast im April 1950</h2>



<p>Bei seinem Besuch in Westberlin hielt Adenauer im April 1950 eine Rede im Berliner „Titania-Palast“, für die er einen politischen „Knaller“ vorbereitet hatte: Er forderte nach seiner Rede das Publikum auf, die dritte Strophe des Deutschlandlieds zu singen. Den Text hatte er vorsorglich auf die Sitze legen lassen, denn er ging aus gutem Grund davon, dass vielen Deutschen nur die erste Strophe geläufig war.<em>[1]</em> Die alliierten Stadtkommandanten blieben ostentativ sitzen, als sich das Auditorium zum Gesang von den Sitzen erhob, die anwesenden Vertreter des Regierenden Senats von Berlin verurteilten den „Handstreich“<em>[2]</em>, die britische und die französische Regierung verurteilten Adenauers Vorgehen als Takt- und Geschmacklosigkeit, und der französische Regierungssender beklagte das Fortbestehen nationalistischer Gesinnung in Deutschland.<em>[3]</em> Der Skandal war beabsichtigt.<em>[4]</em> Das Deutschland-Lied war in der amerikanischen Zone ja zeitweilig sogar verboten, weil es zusammen mit dem Horst-Wessel-Lied die Nationalhymne des nationalsozialistischen Deutschlands gebildet hatte. Adenauers Coup war ein politisches Signal an die Alliierten in Richtung auf die volle staatliche Souveränität für die Bundesrepublik. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em>Bei der Siegerehrung nach der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern sang das zahlreich vertretene deutsche Publikum vernehmlich die erste Strophe. <br><em>[2]&nbsp;</em>West-Berlin hatte seit Dezember 1948 eine Allparteienregierung aus SPD, CDU und LDP, in der die SPD mit 76 von 119 Mandaten die absolute Mehrheit hatte. <br><em>[3]</em>&nbsp;Vgl. Henning Köhler, Adenauer. Eine politische Biographie. Berlin 1994, S. 581/582.<br><em>[4]</em>&nbsp;Vgl. Henning Köhler, a.a.O., S. 612 ff. Adenauer wurde einmal bei einem offiziellen Besuch in Chicago mit dem Lied “Heidewitzka, Herr Kapitän” empfangen. Vgl. <em>Frankfurter Rundschau</em> 15.5.2009. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 17</p>



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<p>Auf der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestages hatten die Abgeordneten am 7. September 1949 das Lied gesungen: „Ich hab’ mich ergeben mit Herz und mit Hand, dir Land voll Lieb’ und Leben, mein deutsches Vaterland.“ <em>[1]</em> <br><br>Das Absingen der Nationalhymne nach der „Deutschland-Rede“ gehört seit 1951 zum festen Bestandteil jeder Eiswette. Wenn damals der Zeitungsreporter berichtete, dass diese Eiswette 1951 ein „Erlebnis der Harmonie der Gleichgesinnten“ gewesen wäre, vermeint man das Echo des gemeinsamen Gesangs aus 330 Männerkehlen zu hören.<em>[2]</em> Die Genossen dankten es Hermann Apelt. Auf der nächsten Eiswette wurde er als erstes und bis heute einziges „Ehrenmitglied“ in die Eiswettgenossenschaft aufgenommen<em>[3]</em>, eine Ehre, die man Bürgermeister Koschnick später nicht erweisen würde, als er selbst diese Idee ins Spiel brachte, nachdem er die ihm angebotenen Mitgliedschaft in der Eiswette ausgeschlagen hatte.<em>[4] </em>&nbsp;<br><br>Im folgenden Jahr war es Bürgermeister Kaisen, der das Signal zum Absingen des Deutschlandlieds gab, als er seine Rede mit den Worten „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ ausklingen ließ, obwohl es (noch) nicht Nationalhymne war.<em>[5]&nbsp; </em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1952-wieder-in-der-glocke-freigabe-des-deutschen-schiffbaus-das-ewige-deutschland">1952 Wieder in der <em>Glocke </em>/ Freigabe
des deutschen Schiffbaus / Das „ewige Deutschland“ </h2>



<p>Nach Einschätzung des lokalen Berichterstatters war die Eiswette von1952 „ein Markstein in ihrer ehrwürdigen Geschichte.“<em>[6]</em><strong> </strong>Sie fand zum ersten Mal wieder in der <em>Glocke</em> statt. Die Senatskanzlei hatte dem Präsidium mitgeteilt, dass die Nutzung des Rathauses zukünftig kostenpflichtig sein würde und dass man das Senatsgestühl nicht mehr zur Verfügung stellen würde, auch nicht in Verbindung mit der Benutzung von Tischen. Vielleicht hat das den Auszug beschleunigt. Entscheidend dürfte aber gewesen sein, dass man sich nach dem hervorragenden Start zutraute, wieder eine große Gästeschar einzuladen, wie es nur in der <em>Glocke</em> möglich war. Zu den 249 Eiswettgenossen (darunter 25 neue), lud man 221 Gäste. <em>[7]</em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;A.a.O.&nbsp; <br><em>[2]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 5. Februar 1951. <br><em>[3]&nbsp;</em>Festschrift zum 125. Stiftungsfest der Eiswette, a.a.O., S.13.<br><em>[4]</em> Vgl. Kapitel 9 „Die Ära Koschnick- Gätjen“.<br><em>[5]</em>&nbsp;Erst am 6. Mai 1952 wurde &#8211; nach einem Briefwechsel zwischen Bundeskanzler Adenauer und Bundespräsident Heuß am 29.4. und am 2.5. &#8211; die dritte Strophe des Deutschland-Lieds durch Veröffentlichung im Bulletin der Bundesregierung offiziell Nationalhymne. Vgl. Wikipedia Nationalhymne a.a.O.<br><em>[6]</em>&nbsp;<em>Weser-Kurier</em>, 21.1.1952.<br><em>[7]</em> 1951 waren keine neuen Mitglieder aufgenommen worden. Vgl. „Eiswette von 1829. Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest am 16. Januar 1954.“ StAB 16 N.10.006. Festschrift zum 125. Jubiläum, a.a.O.</p>



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<p>Neu war die Tischanordnung.<em>[1]</em> Während es früher in der <em>Glocke</em> nur einen großen Rundtisch gleich links am Eingang des großen Festsaales gegeben hatte, an dem Präsidiumsmitglied und Eiswette-Urgestein Degener-Grischow „regierte“<em>[2]</em>, saßen nun die meisten Teilnehmer an runden Tischen, den „Eisschollen“,<em>[3]</em> die bis heute das äußere Bild der Feiern bestimmen.  </p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="425" height="251" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/tischordnung.jpg" alt="" class="wp-image-1128" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/tischordnung.jpg 425w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/tischordnung-300x177.jpg 300w" sizes="(max-width: 425px) 100vw, 425px" /><figcaption class="wp-element-caption"> 1952 zum ersten Mal Rundtische, „Eisschollen“ genannt, im großen Festsaal der <em>Glocke</em>. Aufnahme aus dem Jahr 1955. <em>Bremer Nachrichten</em> vom 17.1.1955. </figcaption></figure>



<p>Das militärische Eingangsritual aus den zwanziger und dreißiger Jahren mit dem Gedenken an die Kriegsgefallenen hatte man, aus gegebenem Anlass, nicht wieder aufgegriffen. „Helden des Abends“ waren „die vier Männer, denen die deutsche und bremische Schifffahrt die Wiedereröffnung unserer Seewege vor allem zu danken hat: Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, Bürgermeister Kaisen, der amerikanische Admiral Charles R. Jeffs<em>[4]</em> und Hafensenator Hermann Apelt.“<em>[5]</em> Hans-Christoph Seebohm „sicherte den Hansestädten, die für den Bund eine ganz besondere Bedeutung haben, die Förderung des Bundesverkehrsministeriums für die Zukunft zu.<br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Vgl. Löbe, a.a.O., S.128.<br><em>[2] </em>Borttscheller a.a.O., S.166.<br><em>[3]</em> Vgl. Löbe, a.a.O., S. 128.<br><em>[4] </em>Charles R. Jeffs hatte sich als Kommandant der amerikanischen Flottenbasis in Bremen für die Wiederherstellung der bremischen Häfen als amerikanischer „Port of Embarkation“ eingesetzt. Er war bis 1949 Mitglied der US-Militärregierung in Bremen und von 1949 bis 1952 Landeskommissar. Er heiratete 1953 eine Bremerin und lebte bis zu seinem Tod 1959 in Bremen.<br><em>[5] Weser-Kurier</em> am 21.1.1952. Am 3. April 1951 war die Schiffbaubeschränkung der westlichen Alliierten für die Bundesrepublik in ganzer Breite aufgehoben worden. Am 4. April 1951 war in Bremen aus Anlass der Freigabe des Schiffbaues durch die alliierten Behörden geflaggt worden. Am gleichen Tag statteten Direktor Franz Stickan als Vertreter der Reedereien und Direktor Robert Kabelac als Vertreter der Werften Bürgermeister Kaisen einen Besuch ab, um ihm dem Dank für seine Bemühungen um die Freigabe der Schifffahrt und des Schiffsbaus auszusprechen. Fritz Peters, Zwölf Jahre Bremen 1945 – 1956, Bremen 1976, S.223. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 19</p>



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<p>Die deutschen Nordseehäfen müssten wir halten, da sie nicht nur für Deutschland der Schlüssel zur Welt, sondern auch für die Länder hinter dem Eisernen Vorhang von Bedeutung seien.“ Seebohm stand als politischer „Rechtsaußen“ der Adenauer-Regierung an der Schnittstelle von Wirtschafts-Aufschwungs-Euphorie und Revanche- Politik, was die an Polen abgetretenen Ostgebiete betraf. Nationales Pathos hielt nun wieder Einzug in die Eiswettfeiern. Der Bürgermeister selbst ließ es daran in seiner „Deutschland-Rede“ nicht fehlen: „Die gefallenen Soldaten des Krieges seien reinen Herzens und ohne Schuld für Deutschland als Opfer maßloser Machthaber in den Tod gegangen.“<em>[1] </em>„Nur wer erfüllt ist von dem Glauben an das ewige Deutschland, das unter wechselnden Formen seiner staatlichen Gestalt ein und dasselbe bleibt, nur der kann die Kraft finden und unverzagt am Wiederaufbau Deutschlands mitwirken.“<em>[2] </em>1953 appellierte der Bundesminister für Angelegenheiten des Marshallplanes und Vizekanzler Franz Blücher (FDP) in seiner Bremen-Rede „an die Jugend, an Staat und Leben zu glauben. Das ewige Klagen sei die größte Seuche, unter der das deutsche Volk und seine Jugend leiden. Heute lohne es sich wieder, für Heimat und Volk zu arbeiten, die Freude und Liebe zur gewachsenen Entwicklung der eigenen Heimat zu pflegen.“<em>[3]</em> Der Tabakkaufmann Gerhard Freysoldt gedachte auf der gleichen Feier in seiner „Rede auf das&nbsp; g a n z e&nbsp; Vaterland“ der Brüder im Osten, der Opfer des Krieges und der Nachkriegszeit (sic!) und der noch nicht zurückgekehrten Kriegsgefangenen. Recht haben und Recht bekommen ist noch immer zweierlei.“  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Beide Zitate aus den <em>Bremer Nachrichten</em> vom 21. Januar 1952.<br><em>[2]</em>&nbsp;Aus den handschriftlichen Notizen Kaisens zu dieser Rede, die Alfred Faust entworfen hatte. Das Manuskript trägt den Titel „Eiswette“. Es befindet sich in der Senatsregistratur unter dem Titel „Eiswette von 1829“. StAB V.2.Nr.2225.4. Der <em>Weser-Kurier</em> vom 21.1.1952 fasste die Rede so zusammen: „Er sprach über jenes Deutschland, das unvergänglich und ewig ist: das Deutschland jenseits aller patriotischen Schlagworte, das uns im Herzen lebt und uns befähigt, uns aus den dunkelsten Stunden unserer Geschichte wieder aufzuraffen zu neuem Aufbau.“ Ähnlich äußerte sich Kaisen in Gesprächen mit Theodor Spitta: Wenn auch alles verloren sei, „<em>geblieben sei aber der Mensch, der deutsche Mensch</em>; der müsse gerettet und seelisch wiederaufgerichtet werden“ (Schrägdruck im Original – d. Verf.) (26. Juni 1945); „Uns ist nichts geblieben, als der deutsche Mensch und die deutsche Erde.“ (10. Juli1945). Zitiert bei Theodor Spitta, Neuanfang auf Trümmern, a.a.O. (vgl. Anmerkung 102), S.170 und S.182. <br><em>[3]</em> Bericht über die Eiswette in den <em>Bremer Nachrichten</em> vom 19. 1.1953.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 20</p>



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<p>In der Deutschland-Rede des Bremer Senators Ludwig Helmken<em>[1]</em> von 1959 ging es um die Aufgaben der neuen nationalen Politik. Der <em>Weser-Kurier</em> fasst sie so zusammen: „Es wäre gut, wenn man in der Bundesrepublik das Technische und Materialistische heutzutage nicht überbewertete. Die Menschen sollten sich der geistigen Werte bewusst bleiben und sich nicht in Lethargie und Stumpfheit verlieren. Gerade die geistigen Kräfte müssten wach bleiben und sich entwickeln können, damit das Volk gegen eine äußere Gefährdung gefeit bleibe. Die Welt dürfe nicht um den Beitrag betrogen werden, der nur von den Deutschen und sonst von niemandem geleistet werden könne.“<em>[2]</em> Die <em>Bremer Nachrichten </em>zitierten den Redner mit den Sätzen<em>: </em>„Jedes Volk ist ein Glied in der Kette, die ein Gemeinschaft darstellt, und jedes Volk hat sein eigene Aufgabe in dieser Gemeinschaft. Wenn (…) ein Volk nur sich selbst lebt, dann ist es schlecht darum bestellt. Die Geschichte lehrt, dass Deutschland seine guten Zeiten hatte, wenn es vom Geist des Abendlandes erfüllt war, und dass die schlechten kamen, wenn es sich zurückgezogen hatte.“<em>[3]&nbsp;</em>   &nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="125-jubilaum-1954-das-kaiserreich-feiert-frohliche-urstand">125. Jubiläum 1954 / Das Kaiserreich feiert fröhliche Urständ</h2>



<p>„Jubilate!“ rief Borttscheller den 600 Teilnehmern zu Beginn der Feier zu.<em>[4]</em> Es war das größte Fest in der Geschichte der Eiswette. 274 Genossen saßen 326 Gästen gegenüber.<em>[5]</em><strong> </strong>Wie zur 75- und zur 100-Jahrfeier hatte man eine Festschrift herausgegeben, in der neben Namen, Adressen und Eintrittsjahren der Eiswettgenossen zum ersten Mal auch die Namen der Gäste aufgelistet waren (ein Brauch, der bis heute gepflegt wird). Unter den 29 neu aufgenommenen Genossen waren 12 ehemalige NSDAP-Mitglieder (41%), eine Quote, die höher war als die in der Gesamt-Genossenschaft, deren Quote aber dadurch noch einmal kräftig angehoben wurde. Es ergab sich das Paradoxon, dass der Anteil von NSDAP-Mitgliedern auf der Eiswette 1954 höher war als 1939.<em>[6]</em><strong> </strong>Die Zeit von 1933 bis 1939  war in der Festschrift einfach übersprungen worden.</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Ludwig Helmken, FDP, ehemaliges Mitglied der NSDAP, 1953 bis 1959 Bremer Senator für Außenhandel.<br><em>[2]</em> <em>Bremer Nachrichten</em> 19.1.1959.<br><em>[3]</em> <em>Weser-Kurier</em> 19.1.1959.<br><em>[4]</em> <em>Weser-Kurier</em>, 18.1.1954.<br><em>[5]</em> Bereits 1953 war die Zahl der Gäste (321) höher als die der Eiswettgenossen (249).<br><em>[6] </em>Dieses Phänomen hat der Historiker Ulrich Herbert für manche Ministerien der Bonner Republik für 1954 festgestellt (hier im Vergleich mit dem Jahr 1940). Vgl. Ulrich Herbert, Elitenkontinuität in Politik und Verwaltung? Zur NS-Belastung hoher Funktionsträger in der jungen Bundesrepublik. In: Die NS-Vergangenheit früherer Mitglieder der Bremischen Bürgerschaft. Projektstudium und wissenschaftliches Colloquium, hrsg. von der Bremischen Bürgerschaft, Abteilung Informationsdienste. (Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen – Heft 50), Bremen 2014, S.124-139, hier S. 131. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 21</p>



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<p>Man druckte den Text von 1929 einfach nach und ergänzte: &nbsp;Hugo Gebert „präsidierte der Wette zum ersten Male 1933 und verstand es, den hohen Ruf, den Hans Wagenführ dem Fest gegeben hatte, auf gleicher Ebene zu halten. (…) Während des Krieges und der ersten Jahre danach musste die Wette ruhen (…) und dann musste nach den furchtbaren Jahren an diese schöne Zeit wieder angeknüpft werden.“<em>[1]</em> Auch zu dem großen Problem, einen neuen, politisch unbelasteten Präsidenten zu finden, fand sich kein Wort, geschweige denn zu den politischen Problemen, die führende Eiswettgenossen wegen ihrer&nbsp; Mitgliedschaft in der NSDAP gehabt hatten. Die Tür zur jüngsten Vergangenheit hielt man fest verschlossen. Daran hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert. <br><br>Auch wenn Borttscheller als Chefredakteur der <em>Weser-Zeitung</em> dem Kult um den „Führer“ erlegen war, gingen seine politischen Wurzeln doch tiefer &#8211; bis in die kaiserliche Gesellschaft. So ist es wohl zu verstehen, dass er zur Jubiläumsfeier zwei leibhaftige Thronfolger eingeladen hatte: Seine königliche Hoheit <em>[2]</em> Prinz Louis Ferdinand von Preußen, Enkel des Kaisers, Thronprätendent für den preußischen Königs- und den deutschen Kaiserthron und Prinz Ernst-August von Hannover und Herzog von Braunschweig, Oberhaupt und Thronerbe des ehemaligen Königs von Hannover aus der Welfenfamilie. Unter den Gästen befand sich ferner General von Lettow-Vorbeck, Heldenfigur aus der Kaiserzeit, unbesiegter Afrikakämpfer im Ersten Weltkrieg, unverbesserlicher Militarist und Kolonialist der zwanziger und dreißiger Jahre, erklärter Gegner der Weimarer Republik, seit 1919 Mitglied des „Stahlhelm“ und regelmäßiger Gast und Redner auf den Eiswetten jener Zeit. Die Anwesenheit der drei Herren schien einen Abend lang „des Reiches kaiserliche Herrlichkeit“, von der Borttscheller in seinen Erinnerungen geschwärmt hatte,  wieder auferstehen zulassen.</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Eiswette von 1829. Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest am 16. Januar 1954, S.11. StAB 16.N.10.006.&nbsp; <br><em>[2]</em> Mit dem Titel-Kürzel SKH wird er im Eiswettbuch von Gutmann aufgelistet. Vgl. Gutmann, a.a.O., S. 54. 1984 wird SKH die Gelegenheit erhalten, die „Deutschland-Rede“ auf der Eiswette zu halten.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 22</p>



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<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="263" height="368" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/lettow-vorbeck.jpg" alt="" class="wp-image-1135" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/lettow-vorbeck.jpg 263w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/lettow-vorbeck-214x300.jpg 214w" sizes="(max-width: 263px) 100vw, 263px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Lettow-Vorbeck beim Herbstmanöver in Celle 1935¸ Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H27605 </figcaption></figure>



<p>Kaisen hatte seinen Pressesprecher Alfred Faust mitgebracht, der seit 1919 zunächst allein und dann in den zwanziger Jahren mit ihm gemeinsam die sozialdemokratische „Bremer Volkszeitung (Bremer Bürgerzeitung)“ herausgegeben hatte. So ergab sich die Konstellation, dass Kaisen sich in der „Deutschland-Rede“ an politisch gegensätzlich verortete Gäste richten musste, was allerdings für ihn kein Problem war, wenn man seine vorangegangenen Eiswette-Reden betrachtet. Kaisen gedachte „zunächst der Brüder im Osten,“<em>[1]</em> um dann fortzufahren:<em>[2]</em> „Das deutsche Volk an sich ist noch da, aber sein Gebiet ist getrennt und sein Staat nicht vollendet. Deutschland ist immer noch entmündigt und von den Siegermächten besetzt.“ Er nahm dann die Topoi aus der Rede Apelts von 1951 auf von den „alten Gegensätzen zwischen dem Abend- und dem Morgenland, die nun schon über eineinhalb &nbsp;Jahrtausend der Geschichte Europas ihren Stempel aufdrücken“, von der „abendländischen Kulturgemeinschaft, zu der wir gehören“ und von den geistigen und sittlichen Werten des freien Menschentums und der Herrschaft des Rechts, denen wir uns verbunden fühlen.“  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 18.1.1954.<br><em>[2] </em>Die folgenden Passagen sind seinem Redemanuskript „Eiswette am 16.1.1954“ entnommen. Kaisen-Nachlass, StAB 7,97/05.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 23</p>



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<p>Er schloss seine Rede mit den Worten: „Wir müssen warten und durchhalten und können im Glauben und Vertrauen auf unsere westliche Idee die Überzeugung haben, dass wir siegen werden.“ Unmittelbar nach seinem Appell „Einigkeit und Recht und Freiheit“ erhoben sich die Festteilnehmer wie üblich und sangen die dritte Strophe des Deutschlandlieds. In der Reportage wurde Kaisens Rede als „ein ehrliches Bekenntnis zu den ewigen Werten des Abendlandes“ zusammengefasst.<em>[1] </em>Die politisch brisante Mischung der Gäste wurde in der lokalen Berichterstattung nicht erwähnt. Ob es Alfred Faust gewagt hatte, wie Kaisen im Straßenanzug zu erscheinen, ist nicht überliefert. <br><br>Die Festschrift trug den Titel: „ Pro patria, dum ludere videmur“.<em>[2] </em>Man hatte das Motto von der 100Jahr-Feier übernommen.<em>[3] </em>Es lässt sich so übersetzen: „Was Spiel nur scheint, ist Dienst am Vaterland.“ Was damit gemeint war, kam in den Kopfzeilen der Zeitungs-Reportage von 1954 zum Ausdruck: „Dieses schöne Fest echter bremischer Wirtschaftstradition ist längst aus der spielerisch-spekulativen Sphäre seines Ursprungs herausgewachsen und zu einer bedeutsamen Kundgebung für die Eigenständigkeit unseres Stadtstaates und seine Aufgaben im Rahmen des größeren Gemeinwesens geworden.“<em>[4]</em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Zitate aus <em>Weser-Kurier</em> vom 18.1.1954.&nbsp;&nbsp; <br><em>[2]</em> „Eiswette von 1829. Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest“, a.a.O. Der Spruch ist als Motto heute noch zu lesen am 1914 eingeweihten Bootshaus der ehemaligen Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen bei Kassel, die 1898 gegründet worden war. <br><em>[3]</em><strong> </strong>So steht es in einem Beiblatt zur Eiswette 1929 in der <em>Weser-Zeitung</em>, zitiert im Artikel „Nachschlag“, einem zweiten Artikel zur Eiswette 1936 in den <em>Bremer Nachrichten</em> vom 14.1.1936. <br><em>[4]</em> <em>Bremer Nachrichten</em> vom 18.1.1954.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 24</p>



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<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="629" height="885" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/jubilaeum_festschrift.png" alt="" class="wp-image-1136" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/jubilaeum_festschrift.png 629w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/jubilaeum_festschrift-213x300.png 213w" sizes="(max-width: 629px) 100vw, 629px" /><figcaption class="wp-element-caption">Festschrift (Originalgröße) zum 125. Jubiläum 1954 mit 274 Genossen und 326 Gästen  </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="586" height="264" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vorstand-1954.png" alt="" class="wp-image-1137" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vorstand-1954.png 586w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vorstand-1954-300x135.png 300w" sizes="(max-width: 586px) 100vw, 586px" /><figcaption class="wp-element-caption">Der Vorstand (das Präsidium) auf der Jubiläumsfeier 1954 </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="653" height="258" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/spendenverzeichnis.png" alt="" class="wp-image-1139" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/spendenverzeichnis.png 653w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/spendenverzeichnis-300x119.png 300w" sizes="(max-width: 653px) 100vw, 653px" /><figcaption class="wp-element-caption">Man beachte die Spenden in den Jahren 1940 und 1941! </figcaption></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 25</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="masshalten-ludwig-erhard-auf-der-eiswette-1956-die-zweite-bremer-originalitat">„Maßhalten!“ / Ludwig Erhard auf der Eiswette 1956 / Die „zweite Bremer Originalität“</h2>



<figure class="wp-block-image is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ludwig-erhard.png" alt="" class="wp-image-1140" width="605" height="884" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ludwig-erhard.png 605w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ludwig-erhard-205x300.png 205w" sizes="(max-width: 605px) 100vw, 605px" /><figcaption class="wp-element-caption">Am Mikrophon ganz locker Ludwig Erhard; neben ihm in stolzer Haltung Borttscheller; im Vordergrund der tiefenentspannte Kaisen in seinem traditionellen Anzug mit Weste und Uhrenkette. Weser-Kurier 16.1.1956 </figcaption></figure>



<p>Erhard war mit starkem Beifall begrüßt worden. Auch wenn er „nur“ die Bremen-Rede halten durfte, standen seine Ausführungen doch im Mittelpunkt der Veranstaltung. Er richtete einen seiner berühmten Maßhalte-Appelle an die Versammlung: „Vieles spräche dafür, dass die Hochkonjunktur stabilisiert wird. Allerdings bedarf es dazu einer entscheidenden Voraussetzung: dass Unternehmer und Arbeiter maßhalten und sich in ihren Preis- und Lohnvorstellungen umsichtig verhalten. Geschähe das nicht, dann werde sehr bald ein äußerster Gefahrenpunkt für das Sozial- und Wirtschaftsgefüge und die Währung erreicht.“ Bremen hätte in der wirtschaftlichen Entwicklung eine herausragende Bedeutung: „Noch nie hätte der Außenhandel für Deutschland eine so überragende Bedeutung gehabt wie gerade jetzt. (…) „Wenn es Bremen gut geht, geht es auch Deutschland gut und umgekehrt.“ <em>[1]</em>&nbsp; „Er unterstrich dabei die Notwendigkeit, dass der Bremer Ein- und Ausfuhrhandel, der jahrzehntelang Lagerhalter für Deutschland und die Nachbarländer gewesen sei, seine frühere Stellung wiedererlange. (…) „Wenn der Geist, der in dieser Stadt lebendig ist, in ganz Deutschland herrschen würde, brauchte uns um die Zukunft nicht bang zu sein.“ <em>[2]</em> Die Reportage in den „Bremer Nachrichten“ trug den Titel: „Bremens Flagge weht: Necesse navigare“. Borttscheller hatte neben der Prominenz (u.a. der Generaldirektor der Klöckner-Hütte Duisburg und ein Ministerialdirektor aus dem Verkehrsministerium, Abteilung Seewege) auch Gäste seiner eigenen politischen Couleur eingeladen. Diesmal waren es der Erbherzog Nikolaus von Oldenburg und „Seeteufel“ Graf Luckner. Die „Deutschland-Rede“ hielt Finanzsenator Nolting-Hauff:<em>[3]</em>: Dem Ziel der Wiedervereinigung müsse alles andere untergeordnet werden. „Neben dem staatlichen und dem diplomatischen gibt es noch ein geheimes Deutschland, das sich mehrmals in der Geschichte ganz überraschend meldete:1813, in den Augusttagen 1914 (sic!) und im Juni 1953 in der sowjetischen Zone.“ <br><br>„Die Weine waren vorzüglich gewählt“, schrieb der Weser-Kurier, „die Küche der „Glocke“ machte ihrem Ruf alle Ehre, und die Stimmung war demgemäß ausgezeichnet. ( …) Dieses Fest dürfte in jeder Beziehung als ein Höhepunkt in die Eiswettgeschichte eingehen.“ Borttscheller, der „zahlreiche Freunde aus dem Bundesgebiet und aus Österreich begrüßen konnte, ist es im Laufe seiner Amtsführung gelungen, der Eiswette auch draußen wachsendes Ansehen zu verschaffen und damit der Schaffermahlzeit eine zweite Bremer Originalität an die Seite zu stellen.“ <em>[4]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em><strong> </strong>Beide Zitate <em>Weser-Kurier</em> vom 16.1.1956.<br><em>[2]</em> <em>Bremer Nachrichten</em> vom 16.1.1956.<br><em>[3] </em>Er übte das Amt von 1945 bis 1962 ehrenamtlich aus.<br><em>[4] Weser-Kurier</em> a.a.O.</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-eiswette-wird-nationales-spektakel-kranzniederlegung-am-bismarck-denkmal">Die Eiswette wird nationales Spektakel, Kranzniederlegung am Bismarck-Denkmal</h2>



<p>Ende September 1952 ließ Borttscheller im Namen der Eiswette einen Eichenlaubkranz am gerade wieder auf dem 6,5 Meter hohen Sockel<em>[1]</em> aufgestellten Bismarck-Reiterstandbild niederlegen. Das Denkmal war in der Stadt höchst umstritten. 1942 hatte man es zum Schutz vor Luftangriffen vom Sockel genommen und an der Nordseite des Doms eingemauert. Dort stand es nun, den Blicken der Bürger entzogen, seit zehn Jahren. Es war Bürgermeister Kaisen, der sie wieder in der alten Größe aufstellen wollte. Allerdings stieß er auf entschiedenen Widerstand seiner Partei. Zuerst lehnte die Deputation für Wissenschaft und Kunst es ab, den „Antidemokraten“ und Verkünder des Sozialistengesetzes wieder auf den Sockel zu heben. Dann debattierte die Bürgerschaft lange darüber mit dem Ergebnis, dass die SPD-Fraktion sich fast einstimmig dem Beschluss der Deputation anschloss. Kaisen ignorierte sowohl das Votum der Deputation als auch das seiner Parteifraktion, die immerhin knapp 40% der Wählerstimmen repräsentierte, und setzte am 12.9.1952 im Senat die Aufstellung durch. Sie erfolgte bereits zehn Tage später.<em>[2]</em><strong> </strong>Für Borttscheller war das ein willkommener Anlass, seinen politischen Neigungen zu frönen. Als er den Versammelten auf der Eiswette 1953 von der Kranzniederlegung berichtete, tat er das mit den Worten, dass die Eiswette Bismarck „auch in Bremen in den Sattel setzen würde.“<em>[3]</em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1954-eiswettprobe-mit-schneider">1954 Eiswettprobe mit Schneider  </h2>



<p>Einen erheblichen Beitrag zur landesweiten Kenntnisnahme der Eiswette leistete seit 1954/1956 die Zeremonie der Eiswettproben am 6. Januar jedes Jahres. Es hatte zwar seit 1929 eine reale Probe an der Weser gegeben, aber die geschah jeweils ohne Publikum und wurde lediglich durch einige Steinwürfe in die Weser von befrackten Herren des Präsidiums vorgenommen.<em>[4]</em> 1934 war es zu einem Spektakel mit Schneider, Dromedar und sogar drei &#8222;Heiligen Königen&#8220; gekommen. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Die bei der Planung des Denkmals vorgesehene Höhe betrug 8,5 Meter. Dass sie um zwei Meter abgesenkt wurde, ging auf den Einwand des Künstlers Adolf von Hildebrand zurück, der argumentierte, dass dies schlicht „der Sichtbarkeit der Figur zugutekäme“. Vgl. Beate Mielsch, Denkmäler, Freiplastiken, Brunnen in Bremen 1800-1945. Bremen 1980 (Bremer Bände zur Kulturpolitik, hrsg. im Auftrag des Senators für Wissenschaft und Kunst von Volker Plagemann. Band 3), S. 29. Bismarck sitzt auf dem &#8222;nur&#8220; 6,5 m hohen Denkmal doch so hoch zu Pferde, dass die Bremer Bürgermeister, wenn sie aus ihrem Amtszimmer schauen, zu ihm aufsehen müssen. <br><em>[2] </em>Vgl. Mielsch, a.a.O., S. 28/29.<br><em>[3]</em> Weser-Kurier vom 19.1.1953.<br><em>[4] </em>Vgl. Vgl. das Unterkapitel „Legende 2: Eiswettproben seit 1829“ im Kapitel 2. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 27</p>



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<p>Der Mummenschanz war als Jux für die Eiswettfeier zwei Wochen später gedacht. Ein Amateur-Filmer war vom Präsidium beauftragt worden, einen Film darüber zu drehen. Er wurde auf der Eiswette am 20.01.1934 den Versammelten, unter ihnen damals schon Georg Borttscheller, unter großem Beifall vorgeführt.<em>[1]</em>. Es blieb bei diesem einen Akt. Im nächsten Jahr war man wieder zum alten Verfahren mit dem Komitee übergegangen. Dabei war es bis 1953 geblieben. Borttscheller, nutzte die Gelegenheit der 125-Jahr-Feier, um die dröge Zeremonie mit den zylinderbewehrten Herren nach dem Vorbild von 1934 „aufzupeppen“. Allerdings machte ihm das Dromedar zweimal einen Strich durch die Rechnung, und so verzichtete er schließlich für immer auf diesen Teil. Die anderen Figuren gibt es bis heute. Am 6. Januar 1954 stand, Glockenschlag 12 Uhr, „ein spitzbärtiger Schneider im Biedermeierkostüm am vereisten Ufer der Weser am Punkendeich vor dem versammelten Präsidium“. <em>[2] </em>1956 übernahm er -, nach einem Interregnum 1955<em>[3]</em>&#8211; endgültig das Szepter.  Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Schneider, ein Laiendarsteller, mit seinen frechen plattdeutschen Sprüchen zur Attraktion der Zeremonie.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Der Film ist im Kapitel 12 dieser Website &#8222;Das Beste im Norden sind unsere Eiswetten&#8220; anzuschauen.<br><em>[2]</em><strong> </strong><em>Weser-Kurier</em> vom 7.Januar 1954. <br><em>[3] </em>1955 fand noch einmal das alte Zeremoniell nur mit der Kommission statt. Es dauerte keine drei Minuten. Vgl. <em>Weser-Kurier</em> vom 7.1.1955.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 28</p>



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<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="254" height="368" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/erster-auftritt-schneiders.jpg" alt="" class="wp-image-1146" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/erster-auftritt-schneiders.jpg 254w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/erster-auftritt-schneiders-207x300.jpg 207w" sizes="(max-width: 254px) 100vw, 254px" /><figcaption class="wp-element-caption">Der erste Auftritt des Schneiders am 6. Januar 1954. <em>Bremer Nachrichten</em> 7.1.1954  </figcaption></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 29</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="herausposaunen-der-spendenrekorde">Herausposaunen der Spendenrekorde </h2>



<p>Auch wenn die Eiswettgenossenschaft als Institution in ihren ersten hundert Jahren nie gespendet hat, können wir doch davon ausgehen, dass einzelne Mitglieder die rege Spendentätigkeit, die jahrzehntelang besonders für Projekte der Stadtentwicklung üblich war, mit eigenen Beiträgen unterstützten oder gar auf den Weg brachten. Aber während sich das Mäzenatentum wohlbetuchter Bremer Kaufleute eher hanseatisch diskret abspielte, <em>[1]</em> nahm das Spenden auf den Eiswettfeiern eine andere Richtung. Es war einer Laune von Präsident Hans Wagenführ entsprungen. In seinem ersten Präsidentenjahr 1928 hatte ihm Franz Stickan, Vorstandsvorsitzender der Dampfschifffahrtsgesellschaft „Neptun“, drei Utensilien aus dem Nachlass von Heinrich Nolze<em>[2]</em> überlassen, dem letzten Präsidenten der „Lustigen Eiswette“, die 40 Jahre lang bis 1914 parallel zur ursprünglichen Eiswette stattgefunden hatte: die Wetturne, die Spardose und eine Schiffs-Signalglocke. <em>[3]</em>  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Vgl. in Kapitel 1 das Unterkapitel „Rituale“, Stichwort „Spenden“.<br><em>[2] </em>Vgl. das Stichwort „Heinrich Nolze“ in Kapitel 1, Unterkapitel „Fünf biographische Skizzen“. <br><em>[3]</em> Vgl. Kapitel 2, Unterkapitel „Die Hundertjahrfeier in der „Glocke“ 1929“ – „Die Eiswette wird öffentlich und deutschnational.“ Vgl. auch Karl Löbe, a.a.O., S.114 und 118.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 30</p>



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<p>Wagenführ erklärte der Versammlung, „dass die Glocke auf seinem Tisch nicht nur dem Präsidenten vorbehalten wäre. Aber wenn ein anderer sie anschlagen wolle, müsse er 10 Mark auf den Tisch legen, für mehrere Schläge entsprechend mehr. Die Anwesenden verstanden. Nach kurzer Zeit lagen 500 Mark neben der Glocke.“ <em>[1] </em>Bei Wagenführs Liebe zur Marine hatte es nahe gelegen, dass er einen Adressaten aus dem Bereich der deutschen Seefahrt auswählte. Es wurde die erste Spende für die <em>Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger </em>(DGzRS). Bis ins letzte Jahr von Wagenführs Präsidentschaft blieb es bei Summen in dieser Größenordnung: 1932 wurden 1200 Mark gespendet, die bei 15 Teilnehmern die bescheidene Summe von 4 Mark pro Kopf ergaben. Auf den Eiswetten, die ab 1934 nach nationalsozialistischen Riten veranstaltetet wurden, änderte sich das grundlegend. Eine der Bedingungen der NS-Prominenz für ihr Erscheinen war gewesen, dass die Versammelten 3,50 Mark pro Teilnehmer für das <em>Winterhilfswerk</em> spendeten. So geschah es bis 1939. Dazu kam jeweils noch eine etwa gleiche Summe an Spenden für die DGzRS.<em>[2] </em><br><br>Unter Borttscheller wurde das Spenden zu einer großen Nummer. 1951 wurde zum ersten Mal erwähnt, dass man das Vorjahresergebnis übertroffen hätte. Seitdem gehört die Spannung, ob es gelingt, das Vorjahresergebnis zu übertreffen, zu den bejubelten Höhepunkten jeder Feier. Wenn sich beim Auszählen auf der Feier herausstellte, dass man das Vorjahresergebnis nicht übertreffen würde, nahm sich ein großzügiger Spender des Problems an. Die Spendensumme stieg in der Borttscheller-Ära um das Zehnfache von 3000 DM 1951 auf 30.000 DM 1967. Es war eine regelrechte Rekordjagd. Die Summen belasteten die 615 Teilnehmern aber nur bescheiden mit durchschnittlich 50 DM pro Kopf. Die Festschrift zur 125-Jahr-Feier 1954 enthielt zum ersten Mal eine Liste aller erbrachten Spenden. Von nun an konnte das Publikum den Umfang der Spendentätigkeit in regelmäßig veröffentlichten Zwischenbilanzen <em>[3]</em> verfolgen: 1955: 33.000 DM (WK 16.1.1956; 1960: 95.700 DM (WK 23.1.1961); 1965: 195.200 DM (BN 17.1.1966).  Die Spenden für das <em>Winterhilfswerk</em> aus den Jahren 1934 bis 1939, die mit 10.000 RM fast die die Höhe der Spenden jener Jahre für die DGzRS erreichten, wurden nie mehr erwähnt. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Löbe, a.a.O., S.118.<br><em>[2]</em> Vgl.Kapitel 3 „Mir den Wölfen geheult“. <br><em>[3]</em> WK = <em>Weser-Kurier</em>; BN = <em>Bremer Nachrichten</em>.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 31</p>



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<p>1946 hatte die Eiswette noch zwei Bankguthaben in Höhe von insgesamt etwa 2500 RM, aus der die ersten Spenden von je 100 RM an die DGzRS und an die von Bürgermeister Kaisen gegründete „Bremer Volkshilfe“ gingen. <em>[1]</em> Dies war die letzte Spende für eine soziale Einrichtung der Stadt. 1966 verkündeten die <em>Bremer Nachrichten</em> einen „absoluten Rekord in den 137 Jahren der Eiswette“, obwohl man erst seit 29 Jahren spendete.<em>[2]</em>). Der Mythos Eiswette war längst stärker als die Wahrheit. </p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="432" height="187" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bericht-spendenhoehe.jpg" alt="" class="wp-image-1152" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bericht-spendenhoehe.jpg 432w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bericht-spendenhoehe-300x130.jpg 300w" sizes="(max-width: 432px) 100vw, 432px" /><figcaption class="wp-element-caption">BN 23.1.1961: Bericht über die Spendenhöhe an exponierter Stelle </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="370" height="322" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest.jpg" alt="" class="wp-image-1153" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest.jpg 370w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest-300x261.jpg 300w" sizes="(max-width: 370px) 100vw, 370px" /><figcaption class="wp-element-caption"><em>Weser-Kurier</em> 18.1.1965 Spektakel à la Borttscheller: Geldzählen unter Aufsicht eines Polizeibeamten in Dienstuniform.&nbsp;  </figcaption></figure>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Vgl. Löbe, a.a.O., S.124.<br><em>[2] </em>1928 bis 1939 und 1949 bis 1966</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 32</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="strip-tease-der-brema">Strip-tease der „Brema“ </h2>



<p>Auf der klassischen Eiswette hatte man nie Frauen aus Fleisch und Blut gesehen. Aber anwesend waren sie von Anfang: in Trinksprüchen „auf die Frauen und Jungfrauen“. „Wahrscheinlich galten sie bei der Heimkehr im mühsam erstatteten Tätigkeitsbericht als mildernde Umstände“, schreibt der Chronist<em>[1]</em> und meint die schwankenden Gestalten, die möglicherweise von ungehaltenen Ehefrauen in Empfang genommen wurden. Seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden &#8211; vermutlich unter dem Einfluss der im Kaiserreich erblühten Burschenschaften &#8211; sogenannte Damenreden gehalten, ein Brauch, der bis in die 90er Jahre gepflegt wurde, wie die Protokolle verzeichnen. Die moderne Eiswette schlug ein neues Damen-Kapitel auf. Von 1931 an bereicherten jedes Jahr Damen vom Ballett aus dem Staatstheater, später auch aus dem <em>Astoria,</em> das Unterhaltungsprogramm „in bewährter Künstlerschaft“, mal zu zweit, mal in größerer Formation „mit entzückenden Tanzeinlagen“ (BN 7.1.1935). Diese Tradition wurde 1950 in etwas abgewandelter Form wieder aufgenommen, als „zwei reizende Läuferinnen auf Rollschuhen zwischen den Tischen tanzten.“ (BN 30.1.) 1951 ließ „anmutige Parterreakrobatik und das Eiswette-Ballett die Zuschauer heiß und kalt werden.“ (WK 5.2.). Auch 1952 wurde das Festspiel „durch hübsche Tanzeinlagen wirkungsvoll belebt“, zumal „das Eiswettballett auf Rollschuhen Mühe hatte, sich durch den dicht gedrängten Saal zu winden.“ (WK 21.1.) </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Löbe, a.a.O., S.137.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 33</p>



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<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="258" height="269" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/eiswettbarrette.jpg" alt="" class="wp-image-1155"/><figcaption class="wp-element-caption"><em>Weser-Kurier</em> 16.1.1956; im Hintergrund rechts der Schneider </figcaption></figure>



<p>Dabei blieb es bis 1956 mit einem vorläufigen Höhepunkt 1953, als &#8222;Najada, die Schlange vom Centaurenbrunnen und ein viel beklatschtes Pinguin-Ballett“ auf der Bühne tanzten. (WK 12.1.). In den folgenden Jahren scheint man auf diese Art der Unterhaltung verzichtet zu haben, bis es 1965 zu einem Höhepunkt der etwas anderen Art kam. Auftrat „Susanne E.“ als „Dame Brema“, die den Schwund der territorialen Hülle Bremens im Laufe der Jahrhunderte vorführte.“ (BN 18.1.) „Es war nur natürlich, dass ein tausendjähriges Strip-tease der Dame „Brema“ den besonderen Beifall der Festversammlung fand, die traditionell unter Ausschluss des schwachen Geschlechts stattfindet. Bevor das Strip-tease allzu delikat wurde, legte Bürgermeister Smidt seinen schützenden Mantel um die schlanke, schon recht entblößte „Brema“. (WK 18.1.) Die Lokalpresse <br>scheute sich 1965 noch, das Ereignis fotografisch abzubilden. (Beim zweiten Strip-Tease im Jahr 1974 war das anders.) <br><br>Ganz so selbstverständlich war der Ausschluss des „schwachen Geschlechts“ jedoch nicht, denn es gab, wie der Chronist berichtet, im Jahr 1952 eine kurze Debatte darum, ob man die „Eiswettwitwen“, „wenn sie sonst auch von allem ausgeschlossen werden müssten, wenigstens Gelegenheit bekommen (sollten), das Eiswettspiel von der Galerie aus mit anzusehen“, wobei sie sich „selbstverständlich aller Äußerungen der Zustimmung und es Missfallens zu enthalten (hätten).“ Die Anregung kam aus der Mitte der Eiswettgenossenschaft. Sie wurde offensichtlich nach den Grundsätzen der von Borttscheller so geschätzten &#8222;Demokratur&#8220; entschieden: „Den Wettgenossen, soweit  deren Meinung eingeholt wurde, gefiel das ganz und gar nicht, weil sie sich unter Kontrolle gebracht sahen.“<em>[1]</em> Nur eine Frau war zugelassen – und auch nur kurz zu einem besonderen Anlass: „Frau Weser“, die damals das Bügeleisen hielt &#8211; was heute der Schneider macht &#8211; auf das die Novizen ihren Eid ablegten. Sie zu umarmen war zu Borttschellers Zeiten „allein Vorrecht des Präsidenten. (BN 23.1.1967) 1961 war sie erstmalig auf einem Foto abgebildet. Selbst weibliches Bedienungspersonal durfte nicht den Festsaal betreten. (Dieses Tabu wurde erst 1992 gebrochen, als Präsident Kloess in einer besonderen Erklärung zu Beginn der Feier den ungeheuren Tatbestand mitteilte, dass sich unter dem Bedienungspersonal auch 75 Frauen befänden. (WK 19.1.)</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Löbe, a.a.O., S. 128/129.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 34</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="hochkaratige-ehrengaste-bundesweites-echo">Hochkarätige Ehrengäste / Bundesweites Echo &#8211; </h2>



<p>Die ursprüngliche Eiswette kannte in ihren 84 Jahren nur Bremer. Es waren private Feiern, auf denen keine Senatoren oder andere Honoratioren der Stadt eingeladen waren. Einzige Uniform war der Schniepel (Frack). Es gibt nicht eine Zeitungsnotiz über sie. Dementsprechend findet sich auch nichts in der Bremischen Chronik. Das gilt auch für die Eiswetten von 1924 bis 1928. Die damals eingeführten drei Reden auf die Gäste, auf Bremen und auf Deutschland wurden vorher vergeben und von Bremern gehalten. Der&nbsp; Zustrom von Gästen ergab sich ausschließlich durch private Kontakte, wie es Borttscheller anschaulich beschrieben hat. Das änderte sich erst mit der Präsidentschaft von Hans Wagenführ. Er machte 1929 die Eiswette zu einer halb-öffentlichen Veranstaltung, als er wesentlich mehr Gäste einlud als sie „Genossen“ hatte. Mit 500 Teilnehmern im Festsaal der <em>Glocke</em> wurden es Feiern im großen Stil. Unter den Gastrednern waren nun Repräsentanten aus Handel, Industrie und Seeschifffahrt, Freikorpsler und hohe Offiziere der drei Reichswehrteile. Die Eiswette wurde quasi zu einer nationalen, „halb-politischen“ Veranstaltung. Die fand Eingang in die Berichterstattung der lokalen Presse. Als Präsident Gebert Vertreter des nationalsozialistischen Senats einlud und die Feiern entsprechend umgestaltet wurden, veröffentlichte auch die Parteipresse regelmäßig wohlwollende Reportagen.<em>[1]</em><strong> </strong><br><br>Borttscheller knüpfte zunächst ganz an die lokale Tradition der Eiswette an. Im „Eiswettspiel“ von Otto Heins von 1951 ging es zum Beispiel um ein Binnenschiff namens „Knurrhahn“, das mit einer „abenteuerlichen Reise“ von der Weser zur Bundeshauptstadt am Rhein“ die naheliegenden Pointen“ lieferte. Gott Merkur, die Loreley, ihr Sohn Bacchus, Rheinjungfrauen und der Bootsmann von der Waterkant gaben sich „ein fröhliches Stelldichein an Bord.“ </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Vgl. die Kapitel 2 und 3.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 35</p>



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<p>Für die <em>Deutschland-Reden &#8211;</em> Höhepunkte jeder Eiswette –lud er in den ersten neun Jahren seiner Präsidentschaft fast ausschließlich Bremer ein.<em>[1]</em><strong> </strong><br>Die Reportagen in den Lokalzeitungen waren noch recht bescheiden. In den Bremer Nachrichten vom 5.2.1951 ist die Reportage („Die Bremer Eiswetter wieder optimistisch“, Seite 6) noch eingeklemmt zwischen „Bremer Bühnenball“, „Frau Luna-Premiere“, Wetterbericht und Protest gegen die Süßwarensteuer:  Etwas hochgegriffen begrüßte Borttscheller die Gäste auf der Eiswette von 1955 als „Vertreter des Adels der deutschen Industrie“. </p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="568" height="753" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zeitungsausschnitt-1.jpg" alt="" class="wp-image-1159" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zeitungsausschnitt-1.jpg 568w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/zeitungsausschnitt-1-226x300.jpg 226w" sizes="(max-width: 568px) 100vw, 568px" /></figure>



<p></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Die sieben Bremer unter den neun Deutschland-Rednern von 1951 bis 1959 waren Senator Apelt (1952), Bürgermeister Kaisen (1952 und 1954), der Kaufmann Gerhard Freysoldt (1953), Senator Nolting-Hauff, (1956), Senator Noltenius (1957)und Senator Helmken (1959). </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 36</p>



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<p>Aber damit zeigte er die Richtung an, in die sich die Eiswette entwickeln sollte. Ab 1960 hielten nur noch hochkarätige auswärtige Gäste die <em>Deutschland-Reden</em>, u.a. Bundesbankpräsident Karl Blessing (1960), der amerikanische Generalkonsul Harrison Lewis (1962), Bundesminister Walter Scheel (1963), der Präsident des Verbandes deutscher Banken und des deutschen Industrie- und Handelstages Alwin Münchmeyer (1964), Staatssekretär Karl Carstens (1965) und der Präsident der Handelskammer Hamburg Walter Stödter &nbsp;(1967).<em>[1]</em> Erst 1981 wird mit Koschnick wieder ein Bremer Bürgermeister &nbsp;die Deutschland-Rede halten.<em>[2]</em> Die Zusammenlegung der Bremen-Rede und der Deutschlandrede 1961 gab dieser noch mehr Gewicht, was eine höhere Konzentration der Berichterstattung auf den auswärtigen Gast bewirkte. Mit jedem renommierten <em>Deutschland-Redner</em> verbreitete sich der Ruf der Eiswette über Bremen hinaus. Die Zahl der auswärtigen Gäste stieg: 1954 hatten sie noch einen Anteil von 17% an der Gesamtzahl der Teilnehmer (56 von326), 1967 kam schon jeder vierte Gast von auswärts (89 von 353). <em>[3]</em> Selbst die Eiswettgenossen kamen zunehmend aus anderen Gegenden der Republik. Waren es 1954 noch 5% (12 von 46), hatte sich die Quote 1967 mit 11% mehr als verdoppelt. (28 von 244).<em>[4]</em> Da Borttscheller in zunehmender Zahl – zunächst nur lokale – Journalisten auf die Feiern einlud, wurden die Zeitungsberichte zahlreicher und umfangreicher. Ab 1956 waren sie in der Regel ganzseitig, bestückt mit zwei, drei oder auch vier Fotos.</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Die anderen waren Theodor Eschenburg, ein renommierte konservative Politikwissenschaftler (1961)und Wilhelm Röpke, ein international renommierte Schweizer Wirtschaftswissenschaftler (1966). <br><em>[2]</em><strong> </strong>Koschnick hatte schon 1973 die Gäste-Rede gehalten. Sie war der Grund dafür, dass Präsident Gätjen ihm die Mitgliedschaft in der Eiswette angeboten hatte. Vgl. das Kapitel: „Die Ära Koschnick-Gätjen“.<br><em>[3]</em><strong> </strong>In heutiger Zeit (2019) liegt er bei 34% (263 von 767; wenn man die Eiswettgenossen von auswärts dazu zählt, sogar 39%). Vgl. die Teilnehmerlisten in den Programmheften.<br><em>[4] </em>2013 lag die Quote auswärtiger Eiswettgenossen bei 14%. (36 von 254). Vgl. die Teilnehmerlisten in den Programmheften. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 37</p>



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<p>Bald finden sich schon auf den Titelseiten der lokalen Presse  Hinweise auf die Reportagen; zunächst vor allem in den Lokalzeitungen <em>Weser-Kurier,</em> <em>Bremer Nachrichten, Bremer Bürgerzeitung</em>, <em>Norddeutsche Volkszeitung, Nordsee-Zeitung, Weser, Weserlotse </em>und <em>Bremer Schlüssel, dann auch in der</em>  <em>überregionalen Presse. </em>Nach fünf Jahren Präsidentschaft würdigten die <em>Bremer Nachrichten </em>Borttschellers Leistung in einem speziell den Präsidenten gewidmeten Artikel („Heute hat der Eiswett-Präsident das Wort“). Darin heißt es über die Eiswette: „Ihr Ansehen und ihr Gewicht als festlicher Ausdruck der bremischen Seegeltung und des bremischen Überseehandels ist im Laufe von fünf Vierteljahrhunderten (sic! &#8211; d.Verf.) stetig gewachsen.“ Dafür sei aktuell vor allem Borttscheller verantwortlich, „der diese alte bremische Institution seit 1951mit großer Tatkraft immer mehr ausweitete, so dass sie heute an Zahl der Teilnehmer wie auch an Ansehen einen zuvor kaum erreichten Grad gewann.“ <em>[1]</em><br><br>In den Programmen von 1964 und 1965 waren die zehn eingeladenen Pressevertreter in einer besonderen Liste mit Namen aufgeführt. </p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="184" height="135" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/teilnehmerliste-1964.jpg" alt="" class="wp-image-1167"/><figcaption class="wp-element-caption">Die 10 Pressevertreter aus der Teilnehmerliste von 1964. </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="260" height="234" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ehrengaeste-1965-1.jpg" alt="" class="wp-image-1166"/><figcaption class="wp-element-caption">Liste der Ehrengäste 1965; Bürgermeister Dehnkamp an letzter Stelle. </figcaption></figure>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Bremer Nachrichten</em> vom 14. Januar 1956. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 38</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="508" height="645" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bericht-vier-tugenden.jpg" alt="" class="wp-image-1169" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bericht-vier-tugenden.jpg 508w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bericht-vier-tugenden-236x300.jpg 236w" sizes="(max-width: 508px) 100vw, 508px" /><figcaption class="wp-element-caption"><em>Weser-Kurier</em> 18. Januar 1965 ganzseitiger Bericht auf Seite 1 des Lokalteils Ehrengast Carl Carstens, Staatsekretär im Auswärtigen Amt:  Die vier bremischen Tugenden: „Bedächtigkeit, Beharrlichkeit, Verlässlichkeit und Opferbereitschaft Bremen wes gedächtig, laß nicht mehr ein, du seiest ihrer mächtig. Spruch am Herdentor“ </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="732" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bremer_nachrichten-732x1024.png" alt="" class="wp-image-1171" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bremer_nachrichten-732x1024.png 732w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bremer_nachrichten-215x300.png 215w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bremer_nachrichten-768x1074.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bremer_nachrichten.png 919w" sizes="(max-width: 732px) 100vw, 732px" /><figcaption class="wp-element-caption"><em>Bremer Nachrichten</em> 18. Januar 1965 </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="710" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/festfolge-710x1024.png" alt="" class="wp-image-1173" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/festfolge-710x1024.png 710w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/festfolge-208x300.png 208w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/festfolge.png 741w" sizes="(max-width: 710px) 100vw, 710px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Programm 1967 </figcaption></figure>



<p></p>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1968-gala-zur-verabschiedung-borttschellers-mit-16-zeitungs-und-rundfunkreportern">1968 Gala zur Verabschiedung Borttschellers mit 16 Zeitungs- und Rundfunkreportern </h2>



<p class="has-text-align-right">Seite 39</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="712" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vorbericht_eiswette-712x1024.png" alt="" class="wp-image-1180" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vorbericht_eiswette-712x1024.png 712w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vorbericht_eiswette-208x300.png 208w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vorbericht_eiswette-768x1105.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/vorbericht_eiswette.png 852w" sizes="(max-width: 712px) 100vw, 712px" /></figure>



<p>Ganzseitiger Vorbericht „Wie es zur Eiswette von 1829 kam“ von Hermann Gutmann (dem Verfasser des „offiziellen“ Eiswettbuchs von 2010) in den <em>Bremer Nachrichten</em> vom 22. Januar 1968. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 40</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="543" height="367" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest_68.png" alt="" class="wp-image-1181" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest_68.png 543w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest_68-300x203.png 300w" sizes="(max-width: 543px) 100vw, 543px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="966" height="660" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest_einladung.png" alt="" class="wp-image-1182" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest_einladung.png 966w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest_einladung-300x205.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/stiftungsfest_einladung-768x525.png 768w" sizes="(max-width: 966px) 100vw, 966px" /></figure>



<p>Zu Borttschellers Verabschiedung kamen 16 Reporter von drei Rundfunkanstalten<em> (Radio Bremen, Norddeutscher Rundfunk, Deutsche Welle), </em>zwölf Zeitungen, <em>darunter z</em>wei überregionalen <em>(Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt) </em>und zwei Nachrichtenagenturen<em> (dpa </em>und <em>Vereinigte Wirtschaftsdienste).[1]</em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Die regionalen Zeitungen waren: <em>Bremer Nachrichten, Weser-Kurier, Nordsee-Zeitung, Norddeutsche Volkszeitung, Bremer Bürgerzeitung, Weser-Lotse, die Weser und &nbsp;Bremer Schlüssel</em>. Ab 1966 gab es keine Listen mehr für die Pressevertreter. Sie wurden&nbsp; mit einem „P“ vor dem Namen kenntlich gemacht, später einfach in die alphabetische Gästeliste eingefügt unter Angabe des Presseorgans, das sie vertraten. Vgl. die Programme und Einladungslisten jener Jahre.&nbsp; Die Programme der Jahre 1955 bis 1963 standen dem Verfasser nicht zur Verfügung. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 41</p>



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<p>Höchstes Lob erfuhr Bortscheller auf dieser Feier aus dem Mund seines Nachfolgers Karl Löbe (1968 -1970) „im Namen ganzer Eiswett-Generationen: Sie haben der Eiswette ihren Stempel aufgedrückt, so dass sie zu einer Marke geworden ist.“ <em>[1]</em> In seiner Chronik von 1979 würdigte Löbe „die Verdienste Borttschellers um die Entwicklung der Eiswette, die unter seiner Leitung eine früher nie gekannte Aufmerksamkeit in der bremischen Öffentlichkeit und durch die ausführlicher werdende Behandlung in der Presse eine Resonanz in den großen deutschen Zeitungen gefunden hat.“<em>[2] </em><br><br>Die Reportage der <em>Bremer Nachrichten</em> vom 22.1. ging über zwei Seiten. Auf Seite 7 waren Auszüge der Rede von Hans Joachim Schoeps abgedruckt. Auf Seite 3 stand der Verlauf der Feier im Mittelpunkt („Verdienstorden: Bügeleisen“). Der Text unter dem Foto rechts/Mitte (siehe unten) : „Die Novizen schwimmen durch die Weser auf die Bühne, um hier von Madame Weser höchstpersönlich auf das Bügeleisen vereidigt zu werden.“ Text unter dem Foto mit Borttscheller rechts/unten: „Das silberne Bügeleisen am Bremer Band – diesen noch nie verliehenen Orden darf auch ein Bremer Senator annehmen. Ex-Eiswettpräsident Senator Dr. Borttscheller tat’s mit sichtlicher Freude.“ Auf dem Foto links daneben der neue Präsident Dr. Karl Löbe (links).</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;<em>Weser-Kurier</em> vom 22.1.1968. Die Zeitung titelte: „Ein Bügeleisen für Borttscheller. Eiswette-Freunde ehrten Altpräsidenten.“<br><em>[2] </em>Karl Löbe, a.a.O., S.130. In der zweiten, postumen Auflage des Buches, die vom Präsidium herausgegeben und geändert wurde, ist dieser Passus aus unerfindlichen Gründen gestrichen worden. Vgl. Karl Löbe, a.a.O., 2. Auflage postum, S.139.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="730" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/verdienstorden-zeitung-730x1024.png" alt="" class="wp-image-1184" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/verdienstorden-zeitung-730x1024.png 730w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/verdienstorden-zeitung-214x300.png 214w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/verdienstorden-zeitung-768x1078.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/verdienstorden-zeitung.png 945w" sizes="(max-width: 730px) 100vw, 730px" /></figure>



<p class="has-text-align-right">Seite 42</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="945" height="687" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bismarck-die-reichsidee.png" alt="" class="wp-image-1185" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bismarck-die-reichsidee.png 945w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bismarck-die-reichsidee-300x218.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/bismarck-die-reichsidee-768x558.png 768w" sizes="(max-width: 945px) 100vw, 945px" /></figure>



<p>Besondere Höhepunkte in der öffentlichen Wahrnehmung waren die Rundfunkübertragungen der Deutschland-Reden. Radio Bremen übertrug direkt die Reden von Bundestagspräsident Eugen Gerstenmeier (am 11.1.1958), Walter Scheel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit (19.1.1963) und Wilhelm Röpke, dem international bekannten Ökonomen und Sozialphilosophen. (15.1.1966). Am 20.1. 2001 wurde noch die Deutschland-Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder in voller Länge (47 Minuten) übertragen. Seit Beginn der Präsidentschaft von Patrick Wendisch im Jahr 2013 werden keine Journalisten mehr eingeladen. Die Öffentlichkeit wird nur noch durch die eigene Website (www.dieeiswette.de) über die Feier informiert. Die Eiswette im Jahr 2022 ist auf dem Weg, wieder zu ihrem ursprünglichen privaten Status zurückzukehren.<em>[1] </em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="epilogwilhelm-kaisen-kaiser-wilhelm-borttscheller-und-kaisen">Epilog<br>Wilhelm Kaisen – Kaiser Wilhelm: Borttscheller und Kaisen </h2>



<p>Ohne die Hilfe von Bürgermeister Kaisen wäre der schnelle Start der Eiswette nach dem Krieg nicht möglich gewesen. Präsident Borttscheller hatte ihm das ohne Wenn und Aber schriftlich gegeben: „Sie haben im Jahre 1949 die Wette durch ihr tätiges Mitwirken wieder zum neuen Leben erweckt.“<em>[2]</em>Es verstand sich von selbst, dass Kaisen in den ersten Jahren eingeladen wurde, zunächst als Gastgeber im Rathaus, dann als Gast und Redner in die <em>Glocke</em>. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em> Die weiterhin ausführlichen Reportagen im &#8222;Weser-Kurier&#8220; wurden von Frauen geschrieben, die nicht auf der Feier anwesend waren. (2013 Christine Schmidt, 2014 Sandra Sundermann, 2015 Sabine Doll, 2016 Frauke Fischer, 2018 Nina Willborn und Frauke Fischer, 2019 Sigrid Schuer). Informationen aus der Veranstaltung selbst kamen &#8211; über Telefon &#8211; einmal vom Wirtschaftsredakteur des Weser-Kurier und einmal sogar von seinem Chefredakteur, die beide nur als Gäste eingeladen waren . 2020 berichtete der &#8222;Weser-Kurier&#8220; aus Protest gegen die Nicht-Einladung von Journalisten zum ersten Mal in seiner Geschichte überhaupt nicht von der Eiswettfeier.  <br><em>[2]</em>&nbsp;Zitiert im Brief von Borttscheller an Kaisen am 28.11.1951, a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 43</p>



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<p>Bis 1963 geschah das regelmäßig, und Kaisen sagte auch nur dreimal aus privaten Gründen ab. Genauso oft hat er die <em>Deutschland-Rede</em> gehalten (1949, 1952 und 1954), einmal (1960) die <em>Gästerede</em>. Seine letzte Einladung für die Feier 1963 konnte er wegen einer Erkrankung nicht wahrnehmen. In den 16 Jahren von 1964 bis zu seinem Tod 1979 ist er dann nie wieder Gast der Eiswette gewesen,<em>[1]</em> auch nicht im Jahr nach seinem Rücktritt als Bürgermeister 1965. Selbst auf der Eiswette von 1980, die auf den Tag genau einen Monat nach Kaisens Tod stattfand, gab es keine Ehrung für den Geburtshelfer der Nachkriegseiswette, die doch immer sehr viel Wert auf die Totenehrung gelegt hatte, wie 1961, als&nbsp; Borttscheller „besonders“ des am 11. November 1960 verstorbenen „Patriarchen der Weser“, Hermann Apelt, gedacht hatte. Der sang- und klanglose Abschied Kaisens von der Eiswette hatte einen Beigeschmack im Sinne von „Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan …“ Vielleicht hing das damit zusammen, dass die beiden Männer sich persönlich nie wirklich nahegekommen waren.  Es gibt eine vom Direktor des Bremer Staatsarchivs Hartmut Müller im Auftrag des Senats der Stadt herausgegebene Dokumentation mit 49 Zeugnissen einzelner Persönlichkeiten über ihre Begegnungen mit Wilhelm Kaisen. Nur zwei sind darunter, die von ernsthaften Auseinandersetzungen berichten. Das eine ist von Annemarie Mevissen, das andere von Georg Borttscheller.<em>[2]</em> Borttscheller hatte Kaisen um Schützenhilfe bei den Amerikanern für die Errichtung eines Erzhafens gebeten, für den er militärisch genutztes Gelände in Anspruch nehmen wollte. Er fiel aus allen Wolken, als ihn der Bürgermeister anblaffte, dass dies ja wohl seine Sache wäre und er das gefälligst selbst auf die Reihe zu bringen hätte. Die Sache eskalierte, und man ging im Streit auseinander.<em>[3]</em> Borttscheller erinnerte sich: „Lange Jahre mochte mich Kaisen überhaupt nicht. Er hielt nichts von mir.“ Borttscheller nannte selbst den Grund: „An mir schätzte Kaisen das Preußische ganz und gar nicht.“ Wir können davon ausgehen, dass Kaisen einen völlig anderen Begriff vom „Preußischen“ hatte als Borttscheller. Kaisen, bürgerlicher Zivilist durch und durch, dürfte das Militärisch-Schneidige, das der Hafensenator wohl nie ablegen konnte, nicht gemocht haben. Borttscheller wiederum, der an Kaisen vor allem seine Wahlerfolge bewunderte, machte sich aus seiner „preußischen“ Perspektive heraus im Stillen lustig über ihn: „Es darf gelacht werden: Er hatte für mich etwas von der Königlich Preußischen Sozialdemokratie.“  Für ihn war er „Papa Kaisen oder Kaiser Wilhelm.“<em>[4]</em></p>



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<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Vgl. die Teilnehmerlisten jener Jahre.<br><em>[2]</em> Vgl. Begegnungen mit Wilhelm Kaisen, hrsg. von Hartmut Müller im Auftrag des Senats der Freien Hansestadt Bremen. Bremen 1980, S.60/61 und S.41/42. <br><em>[3]</em> Borttscheller, a.a.O., S.134.<br><em>[4] </em>Alle Zitate aus Borttscheller, a.a.O., S.133.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 44</p>



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<p>Dass beide &#8211; mit ihrem antiquierten Frauenbild, ihrem hartnäckigen Verdrängen der eigenen, bzw. der Bremer nationalsozialistischen Vergangenheit und ihrem – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise – letztlich irgendwie dem Kaiserreich verhafteten Politikverständnis &#8211; etwa zur gleichen Zeit ihre Präsidenten-Ämter aufgaben, passt in gewisser Weise zusammen. Das Amt des Senatspräsidenten würde bald der junge Hans Koschnick auf eine Weise ausfüllen, wie sie der Zeit gerecht war &#8211; entschlossen, sich der deutschen Vergangenheit zu stellen. Die Eiswette wird politisch und gesellschaftlich da stehen bleiben, wo sie war. Mit dieser Tatsache hatte zu tun, dass aus ihrer Rippe eine neue Veranstaltung geboren wurde. </p>



<h2 class="wp-block-heading" id="exkurs-die-weisswette-1968-2002">Exkurs <br>Die „Weißwette von 1968&#8243; (1968 -2002)</h2>



<p>Es gab zur Kaiserzeit vierzig Jahre lang eine Konkurrenz zur Eiswette, die „Lustige Eiswette“, die ihre Feiern parallel zur ursprünglichen veranstaltet hatte. Aber sie blühte, ebenso wie die erste, im Verborgenen. Und so kam man sich nicht in die Quere, zumal sie ihre Gründung wahrscheinlich dem Umstand verdankt, dass die alte Eiswette 1874 ihre Mitgliederzahl begrenzt hatte.<em>[1]</em> Eine Herausforderung war sie für die alten Eiswettgenossen nie gewesen. Eine echte Konkurrenzveranstaltung war aus Bremer Sicht eigentlich undenkbar. So können wir in der Reportage des Weser-Kurier über die Eiswette von 1950 lesen: „Es wird berichtet, dass man auch andernorts schon geplant hat, eine Eiswette nach Bremer Vorbild ins Leben zu rufen – doch bleibt es bei den Wünschen, denn die Nachahmung traditioneller Vorgänge ist noch lange nicht die Tradition selbst, und kurz: Die Eiswette is eines der wenigen Dinge, die Bremen&nbsp; &nbsp;n i c h t&nbsp; exportiert.“ <em>[2]</em> Nun geschah es doch, und das mitten in der Stadt. <br><br>Am Sonnabend, dem 23. Januar 1969 saßen in Bremen zahlreiche feierlich gekleidete Herren an festlich gedeckten Tischen und speisten üppig. Sie hatten Reden angehört, sich bei einem bunten Unterhaltungsprogramm amüsiert und für einen wohltätigen Zweck gespendet, dem tieferen Sinn des Abends. Es galt, eine Wette zu gewinnen, bei der es um die Kristallisierung von Wasser ging. Die Verlierer musste zahlen, aber auch die Gewinner ließen sich nicht lumpen und am Ende kam eine Spendensumme heraus, die weit über der erwarteten lag und noch am gleichen Abend verkündet wurde. Das Geld wurde sofort weitergeleitet an den glücklichen Empfänger, eine gemeinnützige Einrichtung, so dass die Veranstaltung mit plus minus null endete. Die lokale Presse berichtete darüber, da „Vertreter aus Wirtschaft und Politik anwesend waren, die für einen guten Zweck tief in die Tasche griffen.“<em>[3]</em><strong> </strong>Bei der Wette ging es allerdings nicht, wie man erwarten könnte, um das Eis auf der Weser, sondern darum, ob Bremen am 24. Dezember des Jahres mit Schnee bedeckt wäre oder nicht. Die verpflichtende Spende für den Verlierer betrug den Wert einer Flasche Doppelkorn, aber nicht mehr als 10 DM.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Vgl. Kapitel 1, Unterkapitel „Die Entstehung der „Lustigen Eiswette“ 1874.<br><em>[2]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 30.1.1950.<br><em>[3]&nbsp;Weser-Kurier vom</em> 29.1.1969</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 45</p>



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<p>Spätestens dann, wenn wir erfahren, dass der Höhepunkt dieser Feier der Augenblick war, in dem sich die Herren erhoben und die an ihren Tischen sitzenden Damen zum Tanz aufforderten, wissen wir, dass wir unmöglich auf einer Eiswette gewesen sein können. Der war überraschend eine Konkurrenz erwachsen, die sich die <em>Weißwette von 1968</em> nannte. Einer der Initiatoren, unter denen auch zwei abtrünnige Eiswettgenossen gewesen sein sollen, sagte beim ersten Verzehr der Wette im Januar 1969 vor der Presse: „Wir meinen, dass man heutzutage solche Feste mit Damen feiern sollte&#8230;“ Das war des Pudels Kern. Und er fügte hinzu: Es ist sicherlich für das Bremer Wirtschaftsleben nicht von Nachteil, wenn sich ein Teil ihrer jungen Vertreter bei dieser Gelegenheit trifft und besser kennen lernt.“ <em>[1] </em><br><br>Die Veranstaltung war aus der Mitte der jungen Bremer Kaufmannschaft entstanden (es sollen vor allem Spediteure gewesen sein). Auf den Grundideen der Eiswette – die Wette und die wohltätige Spende &#8211; aber in bewusster Abkehr der alten Burschenherrlichkeit, erprobte man gleichsam eine moderne Variante. Man feierte zwar zeitlich parallel mit der Eiswette, zog sich in den ersten Jahren jedoch noch diskret auf ein Landgut vor den Toren der Stadt zurück,<em>[2]</em> wohl um der traditionellen Veranstaltung nicht zu sehr ins Gehege zu kommen. Nach zehn Jahren tagte man dann in einem Hotel der Stadt.<em>[3] </em>Die zeitliche Parallelität mit den Eiswetten gab man auf, wahrscheinlich, um die Teilnahme an beiden Veranstaltungen zu ermöglichen.<em>[4]</em> Tatsächlich fand sich auf den <em>Weißwetten</em> zunehmend Prominenz ein. Das galt auch – und gerade – von politischer Seite. Der erste hochkarätige Gast war Bürgerschaftspräsident Klink, der ab 1982 häufig anwesend war; es folgte Bürgermeister Wedemeier, der gleich im ersten Amtsjahr 1986 beide Feiern besuchte und der es auch in den drei folgenden Jahren so hielt. Verständlicherweise brachte man von sozialdemokratischer Seite der <em>Weißwette von 1968</em> große Sympathie entgegen. Dabei ging es nicht nur um die selbstverständliche Anwesenheit von Frauen, sondern auch um die Teilnahme wesentlich breiterer Bevölkerungskreise, die auf der <em>Weißwette</em> damit ermöglicht wurde, dass mit der Spendensumme von 50.- DM auch die Kosten für das Essen abgedeckt waren. Nach drei Jahrzehnten war die <em>Weißwette von 1968</em> in der Stadt so angekommen, dass sie „die dritte große Veranstaltung nach dem Schaffermahl und der Eiswette“ genannt wurde.<em>[5]</em> Die Zahl der Teilnehmer war von 120 auf 400 gestiegen, und die Spendensumme zog nach. Hatte man 1969 mit 2000 DM angefangen, zählte man 1997 45.000 DM, obwohl der  steigende Mindest-Wetteinsatz pro Teilnehmer nicht über 50 DM hinausging. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;Weser-Kurier</em> vom 20.1.1969.<br><em>[2]</em>&nbsp;Auf Gut Hasport bei Delmenhorst.&nbsp;&nbsp; <br><em>[3]</em> Zunächst im „Queens-Hotel“, dann im „Marriot“.<br><em>[4] </em>Ab 1978 fand sie eine Woche vor oder nach der Eiswette statt.<br><em>[5]</em>&nbsp;Bremische Chronik, digitale Fassung 25.1.1997.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="718" height="932" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-kurier-wette.png" alt="" class="wp-image-1189" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-kurier-wette.png 718w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weser-kurier-wette-231x300.png 231w" sizes="(max-width: 718px) 100vw, 718px" /><figcaption class="wp-element-caption"><em>Weser-Kurier</em> vom 30. Januar 1989  </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="945" height="630" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weißwette-89.png" alt="" class="wp-image-1190" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weißwette-89.png 945w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weißwette-89-300x200.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weißwette-89-768x512.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/weißwette-89-750x500.png 750w" sizes="(max-width: 945px) 100vw, 945px" /><figcaption class="wp-element-caption"> Auf der <em>Weißwette</em> vom 30. Januar 1989. Von links nach rechts: Gerhard Iglhaut Geschäftsführer, Horst Schubert Vorsitzender der <em>Lebenshilfe für geistig Behinderte Bremen e.V</em>.; Günter Hartlage und Eckhard Bergmann Präsidiums-Mitglieder der <em>Weißwette&nbsp; </em><br>Foto: Rosemarie Rospek </figcaption></figure>



<p>Mit einer Spendensumme von insgesamt über einer Million Mark in 35 Jahren wurde sie eine überaus erfolgreiche Wohltätigkeitsveranstaltung. In den ersten acht Jahren waren die Spenden an die Stiftung „St. Petri Waisenhaus“ in Bremen gegangen, ab 1977 traditionell an die „Lebenshilfe für geistig Behinderte Bremen e.V.“, für die das unerwartete Ende finanziell ein schwerer Schlag war. Entscheidend dafür war, dass die Spenden letztlich nicht ohne großzügige Sponsoren-Unterstützung auskamen. Auch wenn der eine oder andere Hundertmarkschein in den Spendentopf geworfen wurde, reichte es nicht für Summen, die bis zu 61.300 Mark (1992) betrugen. Auch die Finanzierungslücken für Essen, Getränke, Kapelle und Saalmiete waren von wohlwollenden „außerhäusigen“ Geldgebern geschlossen werden. Als diese sich zurückzogen, war die „Weißwette von 1968“ mit ihrem Anspruch auf Gemeinnützigkeit nicht mehr zu halten. Nach 35 Jahren fand 2002 die letzte Veranstaltung statt.&nbsp;&nbsp;  Hier waren junge Kaufleute am Werk, die sich unbeschwert an ein sozial breit gestreutes Publikum wandten und mit ihren Spenden für einen gemeinnützigen Zweck innerhalb der Stadtgemeinde an die Bremer Öffentlichkeit wandten. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, wenn wir vermeinen, ein leises Echo auf die lauten Töne der „68er“ zu hören, zumal die neue Veranstaltung diese Zahl in ihrem Namen trug.</p>



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<p>Ihre Entstehung und ihre Rituale sendeten Signale aus, die von den Eiswettgenossen nicht übersehen werden konnten, zumal die Feiern in den ersten zehn Jahren am gleichen Tag und zur gleichen Stunde stattfanden. Möglicherweise hatte man sich von Seiten der Innovatoren eine direkte Wirkung erhofft, um sich dann eines Tages wieder vereinen zu können. Dazu kam es bekanntlich nicht. Immerhin bewirkten sie eine Diskussion innerhalb der Eiswettgenossenschaft, deren Umfang und Inhalt &#8211; wie üblich &#8211; nicht öffentlich gemacht wurden. Eiswett-Präsident Karl Löbe berichtete darüber auf der Feier von 1970: „Man habe sich Gedanken darüber gemacht, wie man sicher in die 150er Jahre gehen könne, ob der Eiswett-Genosse auch der Zukunft entspreche. (…) So, wie wir sind, wollen wir auch bleiben. Wir wissen, was wir wert sind …“ Auch der Notarius publicus Klaus Gätjen „ging auf die verschiedenen Reformvorschläge zur Modernisierung der Eiswette ein, meinte aber schließlich, dass sich das Ritual nicht ändern lasse.“<em>[1]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Weser-Kurier</em> vom 19.1.1970. Die diskutieren Reformen sind nicht überliefert. Möglicherweise befinden sie sich im Archiv der Eiswette.</p>



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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 7 &#8211; Unter den Fittichen von Bürgermeister Kaisen (1949 – 1951)</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-7/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Nov 2019 09:44:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 07]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/?p=1083</guid>

					<description><![CDATA[1949 Im Neuen Rathaus / Ausschluss der Öffentlichkeit 

Nach Abschluss der Entnazifizierungsverfahren gegen die Vorstandsmitglieder im Laufe des Jahres 1948 [1] konnte man die Eiswette für Januar 1949 ins Auge fassen. Das Eiswette-Jahr fing mit einer Zeitungsreportage über die Eiswettprobe am 6. Januar an, in der angekündigt wurde, dass die Genossen am 19. März wieder  ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading" id="1949-im-neuen-rathaus-ausschluss-der-offentlichkeit">1949 Im Neuen Rathaus / Ausschluss der Öffentlichkeit </h2>



<p>Nach Abschluss der Entnazifizierungsverfahren gegen die Vorstandsmitglieder im Laufe des Jahres 1948 <em>[1]</em> konnte man die Eiswette für Januar 1949 ins Auge fassen. Das Eiswette-Jahr fing mit einer Zeitungsreportage über die Eiswettprobe am 6. Januar an, in der angekündigt wurde, dass die Genossen am 19. März wieder  zusammenkämen, aber „unter sich“ bleiben wollten, denn „die Mittel der Mitglieder erlauben auch kaum einen größeren Rahmen.“<em>[2]</em> Wie sollte man die Feier gestalten und in welchem Rahmen? Der traditionelle Veranstaltungsort, <em>Die Glocke</em>, war 1945 zum kulturellen Hauptquartier der amerikanischen Militärregierung geworden, wo US-amerikanische Spielfilme gezeigt und Theatervorführungen veranstaltet wurden, sowie Swing-, Jazz- und Blueskonzerte.<em>[3]</em> Aber schon 1947 war sie wieder für deutsche Besucher geöffnet und damit „das erste von Deutschen und Amerikanern gemeinsam genutzte Kulturzentrum in der US-besetzten Zone.“<em>[4]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Degener-Grischow am 12. Juli 1948 ((Verfahren eingestellt); Carl A. Wuppesahl am 31. Mai 1948 („Nicht betroffen“); Heinz Bömers am 9. April 1948 („Entlastet“); Bollmeyer am 20. September 1948 („Mitläufer“); nur das Verfahren von Heins zog sich noch bis zum 18. Februar 1949 hin („Entlastet“).  <br><em>[2]</em> „Eiswette – Fortsetzung eines alten Brauches“, <em>Weser-Kurier</em> vom 8. Januar 1949: <br><em>[3] </em>Vgl. K.M.Barfuß, H.Müller, D.Tilgner (Hrsg.), Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, a.a.O., S. 219.  <br><em>[4]</em> K.M.Barfuß, a.a.O. Vgl. auch Nils Aschenbeck, Die Glocke. Domstift-Künstlerhaus-Konzerthaus. Bremen 1997, S. 70 und S. 72. </p>



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<p>Im November des Jahres hatte die Militärregierung dann den Großen Glockensaal der Bremer Opern GmbH zur Nutzung überlassen, so dass er wieder seiner Bestimmung als Konzertsaal entsprach. Er wäre also durchaus als Veranstaltungsort in Frage gekommen. Auch wenn es terminlich gepasst hätte, scheute man wahrscheinlich doch noch die Öffentlichkeit. Es erwies sich als Glücksfall, dass Präsident Ahlers zu den CDU-Politikern gehörte, die „eine Fortsetzung der bereits nach dem 1. Weltkrieg erprobten Koalition zwischen dem liberalen Bürgertum und der Sozialdemokratie“ für geboten hielten.<em>[1]</em> Mit dieser Einstellung war er der ideale Partner, um mit Bürgermeister Kaisen in Verhandlung über das Rathaus als Veranstaltungsort zu treten, denn der Hausherr hatte sich das<em> </em>„Bündnis von Kaufmannsleuten und Arbeiterschaft“ auf die Fahne geschrieben, ein Schlagwort „aus seinem persönlichen Politikverständnis“.<em>[2]</em> Es bestand letztlich darin, die Politik der sozial-liberalen Koalition aus den Jahren 1928 bis 1933 fortzusetzen, in der Kaisen fünf Jahre lang Sozialsenator an der Seite der Senatoren Spitta und Apelt gewesen war. Nun waren sie wieder Berufskollegen – mit umgekehrtem Vorzeichen: Kaisen war als Senatspräsident die bestimmende Kraft in der wieder aufgelegten Koalition. Apelt dürfte als Freund der Eiswette seit den zwanziger Jahren seinen Teil dazu beigetragen haben, dass die Gespräche mit Ahlers erfolgreich verlaufen waren. Neben Kaisen war er auf der Eiswette von 1949 der einzige Gast.<em>[3]</em> Über die Verhandlungen von Ahlers mit Kaisen findet sich keine Spur in den Senatsakten.  Vermutlich haben sie unter vier Augen stattgefunden, und Kaisen hat, seinem politischen Verständnis als Präsident des Senats folgend, die Einladung der Eiswette persönlich verantwortet und entschieden. Es gibt keinen Senatsbeschluss, der den Eiswettgenossen die Nutzung des Neuen Rathauses erlaubt hätte. Das gilt auch für 1950, als die Eiswette in den Räumen der alten oberen Rathaushalle tagte. Das erste Dokument in der Senatsregistratur „betr. die Eiswette von 1829“ ist ein Schreiben von Ahlers vom 31. Dezember 1949, in dem er Bürgermeister Kaisen zur Teilnahme an der Eiswette am 28. Januar 1950 in der oberen Rathaushalle einlädt. Für 1951 findet sich in der Akte zum ersten Mal ein formaler Antrag zur Nutzung der oberen  Rathaushalle. <br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Artikel „Richard Ahlers“ in der Bremischen Biographie, a.a.O.<br><em>[2]</em> Karl-Ludwig Sommer, Politik im Zeichen des „Bündnisses von Kaufleuten und Arbeiterschaft“ in: Karl-Ludwig Sommer (Hg.), Bremen in den fünfziger Jahren. Politik – Wirtschaft – Kultur. (Reihe: Bremen im 20. Jahrhundert, hrsg. von Karl-Ludwig Sommer, S. 8 -76, hier S.70.<br><em>[3]</em> Gutmann vermerkt ihn in seiner Gästeliste auch als Redner. Vgl. Hermann Gutmann, Jochen Mönch, Die Eiswette von 1829. Ein Bremer Fest – Geschichte und Geschichten, Bremen 2010 S.52.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 2</p>



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<p>Der geht dann tatsächlich an den Senat, wo er gebilligt wird. Für die Feiern von 1949 und 1950 werden den Eiswettgenossen die Rathaus-Räumlichkeiten kostenlos überlassen, einschließlich des alten Senatsgestühls.<em>[1]</em> Später griff man auch direkt in das Stadtsäckel, als den Eiswettgenossen, auf Antrag von Finanzsenator Nolting-Hauff, die Getränke- und Vergnügungssteuer erlassen wurde.<em>[2]</em></p>



<p>Man lud – gegen alle Gepflogenheiten &#8211; keine Pressevertreter ein. Das Ganze war, da man in den späten zwanziger und den dreißiger Jahren in gegnerischen politischen Lagern gestanden hatte, nicht unproblematisch. Die Feier fand jedenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, gewissermaßen als Probelauf. Kaisen, der aus naheliegenden Gründen nie Gast auf einer Eiswette gewesen war, oblag es, die <em>Deutschland-Rede</em> zu halten. <br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em>Bis sich nach der dritten Feier 1951 die Rathausverwaltung einschaltete wegen der „erheblichen Kosten für Beheizung und Beleuchtung“ und einen Unkostenbeitrag einforderte. StAB Senatsregistratur. Auszug aus dem Senatsprotokoll a.a.O., Aktenvermerk Bischoff vom 19.2.1951. Auch das Senatsgestühl wurde nur „ausnahmsweise“ noch dieses eine Mal zur Verfügung gestellt. StAB, a.a.O., Aktenvermerk Bischoff vom 23.1.1951.<br><em>[2]</em>&nbsp;Senatsprotokoll vom 24.2.1953, a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 3</p>



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<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="746" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/praesident_der_eiswette_brief-746x1024.png" alt="" class="wp-image-1089" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/praesident_der_eiswette_brief-746x1024.png 746w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/praesident_der_eiswette_brief-218x300.png 218w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/praesident_der_eiswette_brief-768x1055.png 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/praesident_der_eiswette_brief.png 919w" sizes="(max-width: 746px) 100vw, 746px" /></figure>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="811" height="466" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/erstes_senatsdokument.png" alt="" class="wp-image-1090" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/erstes_senatsdokument.png 811w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/erstes_senatsdokument-300x172.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/erstes_senatsdokument-768x441.png 768w" sizes="(max-width: 811px) 100vw, 811px" /><figcaption>Das erste Senatsdokument zur Eiswette nach dem Krieg: Einladung von Präsident Ahlers an Kaisen zur Eiswette von 1950 in der oberen Rathaushalle. StAB V.2.Nr.2225 </figcaption></figure>



<p>Dass die Feier, entgegen der Tradition, nicht am
zweiten Sonnabend nach der Eiswettprobe stattfand, hatte vermutlich
organisatorische Gründe, die in der Verwaltung und Auslastung des Rathauses
gelegen haben mögen. Die Präsenz der im Rathaus versammelten „200 Bremer
Kaufleute, Juristen, Seefahrer, Akademiker und Ingenieure“ (W<em>eser-Kurier </em>am 8.Januar) hatte einen
großen symbolischen Wert für Kaisens „Bündnis von Kaufleuten und
Arbeiterschaft“, wenn auch mit dem Schönheitsfehler, dass er als einziger
Arbeiter an dieser Versammlung teilnahm. Als aufmerksamem Zeitungsleser dürfte
ihm die politische Ausrichtung der Eiswette in den dreißiger Jahren nicht
entgangen sein. Ein Blick in die Senatsregistratur hätte ihm die Einladung von
Präsident Gebert vom November 1939 an den Regierenden Bürgermeister Heinrich
Böhmcker gezeigt.</p>



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<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="845" height="560" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/senats-registratur.png" alt="" class="wp-image-1092" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/senats-registratur.png 845w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/senats-registratur-300x199.png 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/senats-registratur-768x509.png 768w" sizes="(max-width: 845px) 100vw, 845px" /><figcaption> Letztes Dokument in der Senats-Registratur vor dem Zweiten Weltkrieg: Einladung an &#8222;Dr.&#8220; (! &#8211; d.Verf.) Böhmcker, Zusage und kurzfristige Absage wegen eines Gauleitertreffens. Senatsregistratur StaB V.2.Nr. 2225: </figcaption></figure>



<p>Die Einladung der Eiswettgenossen an den nationalsozialistischen Bürgermeister liegt in den Akten der Senatsregistratur unmittelbar vor der Einladung des Sozialdemokraten Kaisen. Bekanntlich hielt Kaisen nichts von den Entnazifizierungen, wie sie die Amerikaner in die Wege geleitet hatten. So darf man davon ausgehen, dass ihn die nationalsozialistisch geprägten Veranstaltungen der Eiswette in den dreißiger Jahren nicht interessierten. Aus dem gleichen Grund wird es ihm auch nicht der Mühe wert gewesen sein, einen Blick in die Gästeliste zu werfen, wo der Kaufmann Fedor Deiters neben seinem Vater Friedrich aufgeführt war.<em>[1] </em>Gegen Fedor Deiters, Träger des SS-Totenkopfrings, hatte Kaisen, ganz entgegen seiner Gewohnheit, im Entnazifizierungsverfahren schwere Vorwürfe erhoben. <em>[2]</em> Kaisen sah sich als Hüter einer „Tradition“, die er selbst nie erlebt hatte.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Vgl. Mitgliederliste in der Festschrift zur 125-Jahr-Feier 1954: „Eiswette von 1829. Gedenkschrift zur 125. Stiftungsfest am 16. Januar 1954, S.16. StAB 16.N.10.006<br><em>[2] </em>Irrtümlich hatte er seine Beurteilung zunächst dem Vater Friedrich zugeschrieben, der angeblich seinen Sohn wegen dessen nationalsozialistischer Weltanschauung als Teilhaber seiner Firma ausgeschlossen hatte. Fedor Deiters hatte sich in den Jahren der Entnazifizierung nicht in Bremen aufgehalten. Vgl. Entnazifizierungsakte Friedrich Deiters, StAB 4,66-I.-2075.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 5</p>



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<p>In diesem Sinn hatte er sich Präsident Ahlers gegenüber geäußert, der Kaisens Worte in seinem Brief vom 31. Dezember 1949 wiedergab: Sie haben letztes Jahr ihr „besonderes Verständnis“ zum Ausdruck gebracht „für die Aufrechterhaltung und Fortführung solcher, in langer Tradition bewährter Institution (…), die, unabhängig von allen politischen Einrichtungen dazu dient, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der gemeinsamen Verpflichtung für unseren alten Stadtstaat wach und lebendig zu erhalten.“<em>[1]</em> Mit dieser Formel wies Kaisen der Eiswette nicht nur einen festen Platz im gesellschaftlichen Leben Bremens zu, sondern erklärte sie auch zu einer unpolitischen Veranstaltung, was sie spätestens seit 1929 nicht mehr war. Den Eiswettgenossen stand am 19. März 1949 kein klassenkämpferischer Arbeiterführer gegenüber, sondern ein Bürgerlicher im schwarzen Anzug, wie er ihn immer getragen hatte: mit Weste, Krawatte und Uhrenkette. Es ist nicht überliefert, ob die Eiswettgenossen 1949 – der Tradition gemäß &#8211; wieder ihre Smokings und Fräcke aus den Schränken geholt haben, soweit sie Krieg und Motten überstanden hatten. Sicher ist, dass Kaisen nicht nur 1949, sondern auf allen Eiswettfeiern, als Smoking und Frack längst wieder üblich waren, immer seinen Anzug trug – als einziger übrigens auch auf den Schaffermahlzeiten. Für den Bürgermeister ein symbolischer Akt, war der Frack in seinen Erinnerungen doch ausgesprochen negativ besetzt. <em>[2]</em> Der Arbeitersohn aus Hamburg, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, nun als Präsident des Senats der Freien und Hansestadt Bremen Gastgeber der bremischen Kaufleute, eingeladen, die <em>Deutschland-Rede</em> zu halten, stand hier selbstbewusst, politisch und sozial auf Augenhöhe mit den Versammelten. Wir gehen wohl nicht zu weit in der Annahme, dass in diesem Augenblick ein politisches und ein persönliches Lebensziel in glücklicher Fügung gleichzeitig in Erfüllung gegangen waren. Noch ein besonderer Umstand zeichnete diese Eiswette aus. Apelt wurde nicht nur eingeladen, die <em>Bremen-Rede</em> zu halten, sondern auch zum ersten (und bis heute einzigen) Ehrenmitglied der Eiswettgenossenschaft ernannt.<em>[3]</em> Das war eine Art Wiedergutmachung dafür, dass man ihn nach 1933 nicht mehr eingeladen hatte, nachdem er bei der nationalsozialistischen Regierung in Misskredit geraten war,  weil er ihr Angebot, das Amt des Hafensenators weiter auszuüben, ausgeschlagen hatte.<em>[4]</em><strong> </strong><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]&nbsp;</em>Ahlers zitiert Kaisen in einem Dankschreiben vom 21. Januar 1950. Darin lädt er ihn wieder als Redner und Ehrengast für die Eiswette am 28. Januar 1950 ein. StAB Senats-Registratur „Eiswette von 1829“, a.a.O.<br><em>[2]&nbsp;</em>Kaisen schrieb in seiner Biographie von 1967 mit Blick auf Senator Heinrich Bömers und die „Nordwolle“-Pleite: „Ich bin nur Arbeiter und kein Mitglied der „guten“ Bremer Gesellschaft mit ihren bequemen, prinzipienlosen Vorstellungen, die für mich so schwer verständlich sind. Schade ist nur, dass ihre ersten Vertreter nicht so harmlos sind, wenn sie auf die Politik losgelassen werden. Hier fallen sie leicht zurück in das Urgewerbe des Bürgertums, in die Piraterie. Wenn sie dabei im Frack erscheinen, um eine besonders gute Figur zu machen, dann nur deshalb, weil sie glauben, dass der Staat ihnen allein gehört.“ Wilhelm Kaisen, Meine Arbeit. Mein Leben. München 1967, S. 123/124.<br><em>[3] </em>Vgl. Löbe, a.a.O., S. 123 und S.155. Koschnick hatte man diese Ehre 1974 verweigert. Dagegen gibt es mehrere Ehrenpräsidenten.<br><em>[4]</em> Vgl. Herbert Schwarzwälder, a.a.O., Bd. IV, S.55.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 6</p>



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<p>Ohne Presse gibt es nur spärliche Informationen über diese erste Eiswette &#8211; paradox angesichts ihrer ersten quasi offiziellen Feier. Welche Lieder sang man? Hat man überhaupt wieder gesungen? Es gab noch keine Nationalhymne, ja noch nicht einmal einen deutschen Staat. War eine Kapelle dabei? Hat man sich Trinksprüche zugeworfen? Wurde wieder ein lustiges Eiswettspiel aufgeführt? Wahrscheinlich hat man ein „abgespecktes“ Programm gefahren, ohne Kapelle, Gesang, Trinksprüche und Eiswettspiel. Sicher ist, dass man „vaterländischen braunen Kohl mit Zubehör“ aß.<em>[1] </em>Aus späteren Aufzeichnungen geht hervor, dass wieder gespendet wurde. Diesmal waren es 1500 DM.<em>[2]</em> Das Fest war anscheinend von einem unüblich durchgehenden Ernst getragen. Von Kaisens <em>Deutschland-Rede </em>soll „noch lange gesprochen“ worden sein. Sie soll einen „Überblick über die deutsche Entwicklung“ gegeben haben.<em>[3] </em>Wir können davon ausgehen, dass sie sich im Rahmen dessen bewegte, was Kaisen 1952 auf der Eiswette vorgetragen würde.<em>[4]</em> Ein Manuskript seiner Rede gibt es nicht. Kaisen hatte frei gesprochen. Drei Jahre später brachte Präsident Borttscheller die Verdienste Kaisens um die Eiswette auf den Punkt: „Sie haben im Jahre 1949 die Wette durch ihr tätiges Mitwirken wieder zum neuen Leben erweckt.“<em>[5]</em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1950-im-alten-rathaus-paradigmenwechsel-von-der-deutschen-volksgemeinschaft-zum-christlichen-abendland">1950 Im Alten Rathaus / Paradigmenwechsel: von der „deutschen Volksgemeinschaft“ zum „christlichen Abendland“ </h2>



<p>Der Eiswette hätte keine größere politische und gesellschaftliche  Anerkennung widerfahren können als in der oberen Halle des alten Rathauses zu feiern, „dem schönsten Saal Deutschlands“, wie die <em>Bremer Nachrichten</em> schrieben,<em>[6]</em>, zumal die Schaffermahlzeit noch nicht wieder in die Spur gefunden hatte.<em>[7] </em>Bald wurde sie als „zweite  Bremer Originalität“ oder als „jüngere Schwester“ der Schaffermahlzeit gefeiert.<em>[8]</em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em>&nbsp;Vgl. Gutmann, a.a.O., S.101.<br><em>[2]</em> Vgl. Festschrift zum 125. Stiftungsfest, a.a.O., S.13.<br><em>[3]</em> Löbe, a.a.O., S.126.<br><em>[4]</em> Vgl. das Kapitel: „1952 Wieder in der Glocke…“<br><em>[5]</em>&nbsp;Aus dem Brief von Borttscheller am 28.11.1951, a.a.O.<br><em>[6] Bremer Nachrichten</em> vom 5. Februar 1951.<br><em>[7]</em> Die Schaffermahlzeit findet 1952 zum ersten Mal – und dann bis heute &#8211; in der oberen Rathaushalle statt. Die Eiswette hatte ihr gewissermaßen den Boden bereitet.&nbsp; Das „Haus Seefahrt“ in der Lützower Straße, Sitz der Stiftung, war im Krieg zerstört worden.<br><em>[8] </em>Als Finanzsenator Nolting-Hauff in der Senatssitzung vom 24. Februar 1953 den formellen Antrag stellte, Schaffermahlzeit und Eiswette die Vergnügungs- und Getränkesteuer zu erlassen – sprich: den Teilnehmern auf Staatskosten zu billigerem Wein- und Biergenuss zu verhelfen – hatte er sie schlicht gleichgesetzt. So auch Kaisen. Er unterstützte den Antrag mit dem Argument, „dass solche Veranstaltungen eine außerordentliche Werbungskraft für Bremen hätten; deshalb sollten sie in großzügiger Weise unterstützt werden.“ So geschah es. Vgl. Senatsprotokoll vom 24.2.1953, StAB Senats-Registratur a.a.O.</p>



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<p>1950 war die Presse wieder dabei. Ihre Berichterstattung übersprang die nationalsozialistische Zeit und knüpfte unmittelbar an die Hundertjahrfeier an. Die <em>Bremer Nachrichten</em> zitierten einfach aus der Festschrift von 1929: „Was sich hundert Jahre trotz allen Zweifelns erhalten hat, beweist damit allein schon sein Recht auf Weiterbestand (…) Diese Worte zum 100jährigen Jubiläum könnten auch heute, und erst recht  h e u t e  (Sperrung im Original, d. Verf.), als Motto dem Bericht über die alljährliche Veranstaltung der Eiswette vorangesetzt werden“, denn sprach man damals vom Ernst der Zeit, „so hätten wir heute noch mehr Grund, davon zu sprechen. Gerade deshalb aber braucht dem Argument von 1929 heute nichts hinzugefügt werden: niemals erweist sich der Wert ernsthaften Beharrens in krisenfesten Überlieferungen stärker, als in Zeiten, die so ernst sind, dass sie zugleich Ernsthaftigkeit und Humor verlangen.“<em>[1]</em>  Wie in alten Zeiten betraten die 224 Eiswettgenossen pünktlich um 16.10 Uhr den Festsaal unter den Klängen des Einzugsmarschs aus Tannhäuser. Die Einladung von Gästen war nur sehr eingeschränkt möglich, weil die alte Deckenkonstruktion des Rathauses nicht mehr als 300 Besucher tragen konnte. Warum Kaisen der Einladung von Präsident Ahlers diesmal nicht gefolgt war, wieder als Redner und Ehrengast teilzunehmen, erschließt sich aus den Quellen nicht. <em>[2]</em> Die Kapelle war stilgerecht in der <em>Güldenkammer</em> untergebracht. Für „die richtige Stimmung“ sorgte der für den erkrankten Ahlers in die Bresche springende George A. Fürst, Eiswettgenosse seit 1932, mit seiner „launigen“ Begrüßungsansprache. Glanzpunkt der Fidelitas war, wie in alten Zeiten, das Eiswettspiel von Otto Heins. Sein „Eiswett-Kabarett 1950“ war „der Höhepunkt“ des Festes. Es glossierte Bremen, die Bremer (und ihre Zeit) und sprühte geradezu von Einfällen und köstlichen Witzen.“<em>[3]</em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Bremer Nachrichten</em> vom 30.1. 1950<br><em>[2]</em> Kaisen wurde noch viermal als Redner eingeladen: 1952. 1954.1960 und 1963;1963 sagte er wegen einer Erkrankung ab. Als „Ehrengast“ war er 1956, 1958, 1959 und 1961 anwesend. Wie wichtig er die Auftritte nahm, geht aus einer Begebenheit jenseits der Politik hervor. Kurz vor Weihnachten 1953 war seine Mutter gestorben. Am 30. Dezember hatte er der Eiswette abgesagt, dann aber doch auf am 16. Januar die Deutschland-Rede gehalten. Vgl. StAB Senatsregistratur. Akte betr. Die Stiftungsfeste der „Eiswette von 1829“. V.2. No. 2225. Koschnick brachte es immerhin noch auf drei Reden.<br><em>[3]</em> Alle Zitate aus <em>Weser-Kurier</em> vom 30.1.1950.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 8</p>



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<p>Man übernahm die Rituale, wie sie Präsident Hans Wagenführ zur Hundertjahrfeier 1929 eingeführt hatte: Das „Schwimmen“ der Neu-Mitglieder (Novizen) durch die Spalier bildenden Genossen auf der Weser; ihre Aufnahme in den Kreis der Genossen mit dem Vortreten, „die Hand auf das Bügeleisen des Schneiders legen und ein feierliches Gelöbnis ablegen, den Lauf der Weser nie zu beeinflussen und auch keinen Eisbrecher zu bestellen, auf dass die Weser am Stichtag „offen“ sei.“<em>[1] </em>Auch die Spende (von knapp 2000.- DM) ging wieder an die DGzRS.  Wer sollte die Deutschland-Rede halten? 1949 hatte der Bürgermeister diese Frage gelöst. Für 1950 lud man den bis dato einer allgemeinen Öffentlichkeit in Deutschland eher unbekannten Journalisten und Staatsrechtler Prinz Hubertus zu Löwenstein ein, der, 1933 emigriert, seit 1935 in den USA gelebt hatte und 1946 nach Deutschland zurückgekehrt war.<em>[2]</em> Theodor Spitta hätte ihn gerne als Pressesprecher des Senats nach Bremen geholt. <em>[3]</em> Seit 1947 war er Dozent an der Universität Heidelberg. Seine Rede wurde in der Reportage des „Weser-Kurier“ in zwei Worte komprimiert: Er hätte Gedanken zu einem „christlichen Europa“ vorgetragen. Löwenstein konnte nicht ahnen, dass er mit seiner Rede einen Paradigmenwechsel auf der Eiswette vorgenommen hatte. Es galt, sich vom Geist der “deutschen Volksgemeinschaft“ zu lösen und eine neue politische Grundlage für die Eiswette zu finden. Einem Bericht des <em>Weser-Kurier </em>vom gleichen Tag ist zu entnehmen, welche Gedanken der Redner den Eiswettgenossen vorgetragen haben dürfte. In einem Vortrag vor den Mitgliedern der Kunsthalle hatte er gesagt: „Wenn es gelänge, mit Einschluss Deutschlands ein starkes Europa aufzubauen, (würde) die Sowjetunion möglicherweise ihre Pflöcke in Mitteleuropa zurückstecken. … Dem deutschen Volke erwachse eine wichtige Aufgabe, weil viele Völker Europas heute erkannt hätten, dass ihr eigenes Schicksal von dem deutschen abhänge.“ Neue „Möglichkeiten  <br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 30.1.1950. <br><em>[2] </em>Dr. Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg (1906 bis 1984), Jurist, Schriftsteller und Politiker; war bis 1933 als Journalist tätig. 1952 wurde er Korrespondent der <em>Zeit</em>. 1953 bis 1957 war er für die FDP Mitglied des Bundestages. 1958 trat er der CDU bei. Er war zunächst in Österreich, dann in England, bevor er in die USA emigrierte, wo er bis 1946 als Professor für Staatsrecht und Geschichte tätig war. Wikipedia Stichwort „Prinz Hubertus zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg“ vom 29.11.2016.<br><em>[3]</em> Vgl. eine Tagebuch-Notiz Theodor Spittas vom 31.12.1946 in: Neuanfang auf Trümmern, Die Tagebücher des Bremer Bürgermeisters Theodor Spitta 1945 -1947, hrsg. von Ursula Büttner und Angelika Voß-Louis, München 1992 (Biographische Quellen zur deutschen Geschichte nach 1945, hrsg. im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte in Verbindung mit dem Bundesarchiv von Wolfgang Benz, Band 13), Anmerkung 76, S. 430. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 9</p>



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<p>in der deutschen Außenpolitik“ täten sich auf. <em>[1]</em>  Über dieser Rede lag schon der Schatten des Kalten Krieges, dessen Grundgedanken sich die Eiswette nun zuwenden würde, dem „ewigen Konflikt“ zwischen dem „östlichen „Morgenland“ und dem „christlichen Abendland“. Die „Bremer Nachrichten“ fassten die Feier so zusammen: „Es gab viel Applaus, viel Heiterkeit und manches ernste Wort. Die Eiswette 1829 lebt.“<em>[2]</em> Was allerdings für immer wegfiel, waren die anschließenden Besuche im <em>Astoria</em>, wie sie in den zwanziger und dreißiger Jahren üblich gewesen waren – obwohl es zum Freimarkt 1950 wieder seine Pforten geöffnet hatte.<em>[3]</em><strong> </strong> Nur der alte und neue Direktor Emil Fritz nahm noch bis zu seinem Tod 1954 an den Feiern teil.   </p>



<h2 class="wp-block-heading" id="ein-mythos-zur-richtigen-zeit-wiederbelebt">Ein Mythos zur richtigen Zeit wiederbelebt </h2>



<p>Nach den ersten Auftritten der Eiswettgenossen hieß es im Weser-Kurier: „Eine 121 Jahre alte bremische Sitte, durch zwei Kriege unterbrochen, ist immer noch lebendig.“ (21.1.1950) Es war die Zeit, als sich Politik und Privatwirtschaft im Lande ganz auf die Zukunft fokussierten. Die Eiswette mit ihrer über hundert Jahre alten Geschichte kam da gerade recht, sofern man ihre Zeit im Nationalsozialismus ausblendete,<em>[4]</em> Jetzt ging es nur um den Glauben an eine gute wirtschaftliche Zukunft Bremens, für den die Gründungsgeschichte paradigmatisch aufbereitet wurde. Es begann schon nach der ersten Eiswettprobe am 6. Januar 1949: „Das Sehnen und Wünschen nach freiem Fahrwasser der Weser ist zu Anfang des 19. Jahrhunderts für die bremische Kaufmannschaft Anlass zur Wette gewesen.“ (Weser-Kurier am 8.1.1949) Mit viel Phantasie widmete sich die lokale Presse &#8211; zum Teil auf Sonderseiten – einem Gründungsmythos: „Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als es noch keine Eisbrecher gab, hing Wohl und Wehe manches Kaufmanns davon ab, ob der Strom vereist oder nicht. So saßen die Kaufleute in den Priölken des Rathauses und besprachen die vermutliche Wetterentwicklung; aus dem „Beraten“ der Eislage wurde ein „Raten“, aus dem „Raten“ das „Wetten“. 1829 taten sich die „Interessenten zur „Bremer Eiswette“ zusammen.“ (<em>Weser-Kurier</em> vom 30.1.1950) Man ging sogar soweit, sich auf historische Quellen zu berufen, die niemand gelesen hatte: „Auf den ersten Blick hin möchte man annehmen, dass diese Männer einen „Spleen“ hatten und vielleicht aus irgendeiner Langeweile heraus dieses komische Spiel trieben. <br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] Weser-Kurier</em> 30.1.1950. Zur Bremen-Rede hatte man einen gewissen Herbert von Düring eingeladen, über dessen Person und Wirken sich nichts in der Berichterstattung findet, auch kein Wort zu seiner Rede. Eine Spurensuche in den Bremer Geschichtsbüchern und im Internet war ergebnislos.<br><em>[2]</em> „Eiswette von 1829 – im Jahre 1950“. Bericht vom 30.1.1950.<br><em>[3]</em> Neuer Gastgeber der Abendveranstaltung mit den Frauen wurde das <em>Park-Hotel</em>. <br><em>[4]</em> Vgl. Kapitel 3: „Mit den Wölfen geheult.“</p>



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<p>Um das zu widerlegen müssen wir schon einmal die sorgsam eingetragenen Protokolle der Jahressitzungen bis in das Jahr 1829, dem Jahr der Gründung der „Eiswette“ zurückverfolgen.&#8220; (8.1.1949) Genau das hatte der Kaufmann und Eiswettpräsident Hermann Vietsch zur Vorbereitung der 75-Jahr-Feier 1904 getan. Von ihm wissen wir, dass die 18 Eiswettgenossen von 1929 nicht in den Priölken die Wette ausbaldowert hatten.<em>[1] </em>Sie hatten sich auch nicht erst 1829, sondern &#8211; in ihrem harten Kern – schon seit 1817 zum Kartenspiel getroffen, später in Bremer Ausflugslokalen zum Kegeln, dann, als die Teilnehmerzahl stieg, in den besten Clubs Bremens.  Das Wetten über verschiedene Themen war in den ersten Jahren ein Teil ihres Amüsements. Man hatte es der englischen <em>upper class</em> abgeschaut, die es zu jener Zeit in ihren Clubs leidenschaftlich betrieb. Die Eis-Wette war nur eine von vielen. Sie war die letzte in einer Reihe. Vermutlich ist das auf den Umstand zurückzuführen, dass die Herren, seit ihre ersten Zusammenkunft zehn Jahre älter, es etwas ruhiger angehen lassen wollten. <em>[2]</em> Noch weiter holte ein Reporter in den Bremer Nachrichten aus: „Bremen sehnte sich (1829) danach, dass Handel und Wandel – durch den griechischen Freiheitskrieg gegen die Türkei 1821 bis 1829 (…) weitgehend gelähmt – möglichst bald wieder aufleben sollten. Die Weser musste dazu „offen“ sein.“ (30.1.1950) Den Lesern dürfte nicht eingeleuchtet haben, warum ausgerechnet der Aggregatzustand der Weser für das Aufleben von Handel und Wandel nach Beendigung des Krieges zwischen Griechenland und der Türkei eine so wichtige Rolle spielen sollte. Die Geschichten entstammten ja auch nur der Phantasie ihrer Autoren. So auch die Mär von der Eiswette als einer Veranstaltung für das Gemeinwohl: „Jeder Wetter musste einen Taler für die Wohlfahrt stiften. Der Taler ist inzwischen nicht unerheblich aufgewertet worden“ (Weser-Kurier vom 30.1.1950). Die Eiswettgenossen haben bekanntlich bis 1928 nie für gemeinnützige Zwecke gesammelt. Der eingesetzte Taler floss in die Clubkasse und wurde gemeinsam bei Schmaus und Trank verzehrt. Auch die Geschichte, dass bis 1912, „als das traditionelle Bügeleisen aus wer weiß was für einem Grunde plötzlich verloren ging“, ein Schneider im Rahmen der Eiswette jedes Jahr mit einem Bügeleisen geprüft hätte, ob er die Weser überqueren konnte, war frei erfunden (Weser-Kurier vom 8.1.1949). Am Anfang der meisten Legenden standen die Ausführungen von Rudolf Feuß in der Presse und in der Eiswette- Festschrift von 1929 zur Hundertjahrfeier. Sie sind die Grundlage für den Mythos Eiswette, der bis heute ungebrochen weiterlebt, auch wenn Kaufmann und Eiswettpräsident Karl Löbe, der noch einmal die alten Protokolle studierte, sie in seiner Chronik zur 150-Jahr-Feier 1979 in den Bereich der Phantasie verwiesen hat.<em>[3]</em><br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Vgl. dazu und zu dem Folgenden Kapitel 1: „Geschlossene Gesellschaft.“<br><em>[2] </em>Vgl. die Darstellung in Kapitel 2, Unterkapitel „Der Eiswette-Mythos entsteht&#8220; (1929).<br><em>[3] </em>Karl Löbe, 150 Jahre Eiswette von 1929 in Bremen. Bremen 1979. 1998 erschien die Chronik postum noch in einer zweiten, vom Präsidium überarbeiteten Auflage. Ihren Platz nimmt heute das auf der offiziellen Website „eiswette.de“ empfohlene Buch von Hermann Gutmann ein. Es entstand 2010 im Auftrag des Präsidiums. Gutmann lässt die alten Mythen wiederaufleben, erweitert sie sogar mit der neuen Variante, dass angeblich der berühmte W.A.Fritze Mitglied der Gründungsversammlung 1829 gewesen wäre, was nachweislich nicht stimmt. Hermann Gutmann, Jochen Mönch, Die Eiswette von 1829. Ein Bremer Fest – Geschichte und Geschichten. Bremen 2010. Das Privatarchiv der Eiswette mit den alten Protokollen befindet sich in Bremen auf dem Teerhof. Es ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. </p>



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<p>Mit ihrem ersten Auftritt nach dem Krieg war die Eiswette – nicht zuletzt durch ihre Legenden &#8211; zu einem Glaubensträger des wirtschaftlichen Aufschwung Bremens geworden und würde es bald auch für die ganze Republik werden. Noch bevor die Schaffermahlzeit 1952 für immer ihren Platz im Rathaus einnahm, <em>[1]</em> hatte sie hier dreimal getagt. Sie hatte gewissermaßen drei Jahre „Vorsprung“. Dieser Umstand spielt sicher auch eine Rolle dabei, dass sie von Beginn an hohes Ansehen in der  Öffentlichkeit genoss. Sie galt nun schlicht als „eine Vereinigung freier Bürger, die sich zum Ziel gesetzt hat, den festen Glauben an eine glückliche Zukunft zu pflegen.“ (Weser-Kurier am 21.1.1951)<br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Schaffer Martin H. Wilkens von der gleichnamigen Silberwarenfabrik hatte am 8. Februar 1949 den Grund dafür angegeben: „Solange eigene Schiffe noch nicht wieder auf den Meeren der Welt fahren, fehlt der Schaffermahlzeit der notwendige innere Gehalt, das rechte Gewürz, ohne die jede Mahlzeit einen schlechten Nachgeschmack hinterlässt.“ Zitiert bei Rüdiger Hoffmann, Frank Pusch, Die Schaffermahlzeit und das Haus Seefahrt in Bremen, hrsg. von der Bremer Landesbank Kreditanstalt Oldenburg – Girozentrale- Bremen, Konzept und Redaktion Rüdiger Hoffmann, Autoren: Gerald Sammet, Sigrid Schuer und Rüdiger Hoffmann, Bremen, 2007, S. 84. Der Seefahrtshof in der Lützower Straße war 1944 einem Luftangriff zum Opfer gefallen. Seit 1952 war der Bremer Bürgermeister ihr Gastgeber in der Oberen Rathaushalle. Er hat das Recht, an jedem Schaffermahl teilzunehmen. Vgl. Rüdiger Hoffmann, a.a.O., S. 98/99. </p>



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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 6 &#8211; „Die ungewisse Zukunft der Eiswette nach dem Zweiten Weltkrieg“</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-6-die-ungewisse-zukunft-der-eiswette-nach-dem-zweiten-weltkrieg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Oct 2019 07:54:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 06]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
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					<description><![CDATA[Erste Wette 1946

Wie sollte es weitergehen? Wir erinnern uns an die Skrupel der  Eiswettgenossen nach dem 1. Weltkrieg. Damals ging man zunächst davon aus, dass es „keinen Raum“ für die Eiswette gäbe, “weil die fürchterlichen Jahre der ersten Nachkriegszeit uns … seelisch belasteten.“[1] Schwer hatten sich die die Eiswettgenossen mit den Fragen getan, ob man das feucht-fröhliche Herrenessen überhaupt fortsetzen sollte und in welcher]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading" id="erste-wette-1946">Erste Wette 1946</h2>



<p>Wie sollte es weitergehen? Wir erinnern uns an die Skrupel der  Eiswettgenossen nach dem 1. Weltkrieg. Damals ging man zunächst davon aus, dass es „keinen Raum“ für die Eiswette gäbe, “weil die fürchterlichen Jahre der ersten Nachkriegszeit uns … seelisch belasteten.“<em>[1] </em>Schwer hatten sich die die Eiswettgenossen mit den Fragen getan, ob man das feucht-fröhliche Herrenessen überhaupt fortsetzen sollte und in welcher Form das gegebenenfalls zu geschehen hätte. Erst 1923 hatte ein Kreis von Ehemaligen ein „Comité“ aus drei Herren gebildet &#8211; unter ihnen der spätere Präsident Hans Wagenführ – die zu dem Ergebnis kamen, dass es „eine ganz neue Eiswette“ geben müsste, „denn die Zäsur zur Vergangenheit sei sehr hart.“<em>[2]</em> Zu den Anfängen der Eiswette nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es eine detaillierte Darstellung in der Chronik des Alt-Präsidenten Karl Löbe, die zur 150-Jahr-Feier 1979 erschien.<em>[3] </em>Er berichtet, dass sich schon acht Monate nach Kriegsende ein Kreis von 12 Eiswettgenossen traf, der entschlossen war, die Feier wiederzubeleben. Möglicherweise hat ein Umstand zu diesem schnellen Entschluss beigetragen, der erstaunt: Man hat sich anscheinend – zumindest privatissime – noch in den ersten Kriegsjahren getroffen. Noch 1940 und 1941 wurde für die &#8222;Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger&#8220; in einer Höhe gespendet, die der auf den großen Feiern der dreißiger Jahre entsprach. <em>[4]</em>  Für 1942 ist sogar die Aufnahme eines neuen Mitglieds dokumentiert. Jedenfalls lud Präsidiumsmitglied Hans Degener-Grischow schon am 18. Januar 1946 den Kern der Eiswettgenossenschaft in seine Wohnung in der Parkstraße ein.  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Rudolph Feuß in der Festschrift zur Hundertjahrfeier „Eiswette von 1829 Bremen“, 1929, a.a.O., S.36. Vgl. Kapitel 2 der Website: „Kriegsschock und Revolutionstrauma&#8220;. <br><em>[2]</em> a.a.O. Zitat aus: Karl Löbe, 150 Jahre Eiswette von 1829 in Bremen. Bremen 1979, S. 115. Löbe war von 1968 bis 1970 Präsident der Eiswette. Unsere Ausführungen zur Nachkriegszeit stützen sich auf seine Chronik.<br><em>[3]</em> Karl Löbe, a.a.O., S.123 – 128. <br><em>[4]</em> 1940 wurden 1100 RM, 1941 2000 RM an die DGzRS gespendet. Aufgenommen wurde 1942 ein gewisser Gustavus Haac. Diese Angaben finden sich in der Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest vom 16. Januar 1954, a.a.O., StAB Ak-9999-25.</p>



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<p>Es kam (bis auf einen gewissen Dr. Gerlach, der vermutlich verstorben war) das komplette Präsidium der dreißiger Jahre <em>[1]</em>: neben „Notarius Publicus“ (Protokollführer) Degener-Grischow (1924) <em>[2]</em> waren es der „Staats-Hämorrhoidarius“ (Kassenwart) Kapitän Eduard Bartels (1935), „Poeta laureatus“ Otto Heins (1927), der langjährige „Revisor“ Direktor Paul Schwerdt (1924), Heinrich Tietjen (1936; er war schon 1923 Mitglied des vorbereitenden „Comités“) und C. A. Wuppesahl (1924). Auch die übrigen Teilnehmer waren – mit Ausnahme von Oberfinanzpräsident Friedrich Carl, der aber häufiger Gast in den zwanziger und dreißiger Jahren gewesen war – langjährige Eiswettgenossen: Karl Bollmeyer (1938), von 1933 bis 1945 Präses der Industrie- und Handelskammer, bzw. der Gauwirtschaftskammer, Direktor R. Claessens von der Straßenbahn (1927), Bankdirektor Hermann Krause (1935), Direktor Werner Mathias (1931) und Direktor August Schneider (1927). „Trotz der Ungunst der Zeit, in der es an allem fehlte, nur nicht an Hunger und Sorgen,“ schreibt Löbe, verzagte „nicht einer (…), die Eiswette wieder erstehen zu lassen.“ <em>[3]</em> Kassenwart Bartels legte bereits eine Abrechnung im fiskalischen Sinn des Wortes vor, und man beschloss, der DGzRS und der „Bremer Volkshilfe“ im Spendensplitting sofort je 100 RM zukommen zu lassen. <em>[4]</em> Dazu musste man nicht einmal in die eigene Tasche greifen, weil zwei Bankkonten Guthaben in Höhe von 2275 RM, bzw. 283,99 RM aufwiesen. An diesem Tag wurde tatsächlich schon die erste Wette für das nächste Jahr abgeschlossen. Neuer Protokollführer wurde C. A. Wuppesahl. Es bedurfte nur noch des „unverwüstlichen“ Humors von Otto Heins, um aus diesem Treffen eine Eiswette en miniature zu machen: „Um zu zeigen, dass man sich nicht unterkriegen lassen wollte, trug Heins ein plattdeutsches Gedicht vor und schaffte es, die kleine Gesellschaft zum Lachen zu bringen.“ „Wir sind noch einmal davongekommen“, das Theaterstück von Thornton Wilder aus dem Amerika des Zweiten Weltkriegs, wurde in den Nachkriegsjahren an zahlreichen westdeutschen Bühnen gespielt.&nbsp; Sein Titel könnte die Stimmung widerspiegeln, die am 18. Januar 1946 unter den versammelten Eiswettgenossen herrschte. Wie in alten Zeiten wettete man wieder. Ob die Eiswettprobe am 6. Januar 1947 stattfand, gibt die Chronik nicht her. Jedenfalls hatte man sich für den 5. Februar 1947 verabredet, um die Wette zu „verzehren“. <em>[5]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Über die Zusammensetzung des Präsidiums berichtete ein Artikel in den Bremer Nachrichten vom 14.1.1936 mit dem Titel: „Nachklang zur Eiswette.“&nbsp; <br><em>[2]</em><strong> </strong>In Klammern steht das Eintrittsdatum in die Eiswettgenossenschaft<br><em>[3]</em>&nbsp;&nbsp; Löbe, a.a.O., S. 124.<br><em>[4]</em> Die „Volkshilfe“ wurde am 4. August 1945 als Dachverband privater wohltätiger Einrichtungen gegründet. Vgl. Karl Marten Barfuß, Hartmut Müller, Daniel Tilgner (Hrsg.), Die Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von 1945 bis 2005. Bd. 1: von 1945 bis 1969, Bremen 2008, S.180. Sie organisierte Haussammlungen durch ehrenamtliche Helfer und setze damit die Tradition des „Winterhilfswerks“ fort. <br><em>[5]</em> Darstellung und Zitate aus Löbe, a.a.O., S.124.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 2</p>



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<p>An einen öffentlichen Auftritt im traditionellen Rahmen war nicht zu denken, solange die Entnazifizierungsverfahren der Vorstandsmitglieder und zahlreicher anderer Eiswettgenossen nicht abgeschlossen waren. C.A. Wuppesahl lud daher noch einmal in die Wohnung von Degener-Grischow ein. Die 17 Teilnehmer<em>[1]</em> hatten mitgebracht, „was sich auftreiben ließ.“ Es war „eine für damalige Zeit festliche Tafel“. Man schlemmte wie in früheren Zeiten. Was da zusammenkam, war „überwältigend“: „Wein, Cognac, Heringe, Gries, Butter, Speck, Kartoffeln, Brot, Früchte, Apfelkuchen, … Kaffee, Zigarren und Zigaretten“. Auch hier waren die humoristischen Beiträge von Heins gefragt. „Aber den meisten Raum nahmen ernste Gespräche über die Lage Bremens ein.“ <em>[2]</em> Nun galt es, eine geeignete Persönlichkeit zu finden, die bereit war, die Präsidentschaft zu übernehmen. Das war ein schwieriges Unterfangen, aber auf dem nächsten privaten Treffen, am 29. November im schwer beschädigten Essighaus, war es soweit.<em>[3] </em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="der-neue-prasident">Der neue Präsident&nbsp;</h2>



<p>Hugo Gebert, Eiswette-Präsident von 1933 bis 1939, war am 30. August 1944 in seinem Haus beim 133. Luftangriff auf Bremen ums Leben gekommen. Am 4. September 1944 erschien in den <em>Bremer Nachrichten</em> ein Nachruf: „Den letzten Terrorangriffen auf unsere Stadt ist auch Dr. Hugo Gebert zum Opfer gefallen. Mit ihm ist eine in weiten Kreisen bekannte und beliebte Persönlichkeit dahingeschieden. Hugo Gebert war als Rechtsanwalt und Notar sowie in Wirtschaftsorganisationen, zuletzt als juristischer Beirat der Bezirksgruppe der Spediteure, tätig und hat daneben stets lebhaft am öffentlichen Leben teilgenommen. Unvergessen bleibt seine mannhafte Haltung in den Spartakuswirren des Jahres 1919. Wir erwähnen ferner seine rege Anteilnahme am sportlichen und kulturellen Leben und seine langjährige Präsidentschaft der traditionellen bremischen Institution der „Eiswette“. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der sich stets nachdrücklich für seine Vaterstadt Bremen eingesetzt hat.“<em>[4]</em> Dass er nicht mehr unter den Lebenden  weilte, enthob die Eiswette eines Problems, da er als NSDAP-Mitglied nicht wieder für das Amt des Präsidenten in Frage gekommen wäre.</p>



<p class="has-small-font-size"><strong>[</strong><em>1]</em> Anwesend waren die (zum Teil später aufgenommenen) Eiswettgenossen Hermann Apelt (Ehrenmitglied 1949), Walter Bartels, Karl Bollmeyer, Heinrich Bömers , Friedrich Carl, R. Claessens, Georg Albrecht Fürst, Helms, Hermann Krause, Werner Mathias, Franz Stapelfeldt, Heinz Tietjen, Hermann Wenhold, Carl August Wuppesahl und als Gäste die Kaufleute Bredenkamp, Ernst Glässel und Scipio. (Die letzten drei erscheinen nicht auf der Mitgliederliste von 1954.) <br><em>[2]</em> Darstellung und Zitate aus &nbsp;Löbe, a.a.O., S. 124/125.<br><em>[3] </em>A.a.O., S.125.<br><em>[4]</em> Hugo Gebert (9.11. 1888 bis 30.8.1944) war Rechtsanwalt und Notar. Seit 1937 war er Mitglied der NSDAP. Vgl. zu Gebert Kapitel 2, Unterkapitel „Trauma und Kapitel und Kapitel 3 „Mit den Wölfen geheult“. Vgl. den Artikel über Hugo Gebert von Hartmut Müller in der „Bremischen Biographie von 1912 bis 1962“ hrsg. von der Historischen Gesellschaft zu Bremen und dem Staatsarchiv Bremen. Bremen 1969, S. 173/174. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 3</p>



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<p>Nun galt es, jemanden zu finden, der politisch unbelastet war, und das erwies sich als ausgesprochen schwierig. Auf dem ersten Treffen am 18. Januar 1946 hatte man Friedrich Carl die „kommissarische“ Präsidentschaft angeboten,<em>[1]</em> aber der hatte aus gutem Grund abgelehnt, denn auch er war NSDAP-Mitglied gewesen. Wegen ihrer laufenden Entnazifizierungsverfahren kam das Amt weder für die alten Präsidiumsmitglieder Degener-Grischow, Otto Heins oder Carl A. Wuppesahl infrage, noch für die Genossen „der ersten Stunde“ Bollmeyer und Bömers.  Es kam den Eiswettgenossen der Umstand zugute, dass der <em>Club zu Bremen</em> das gleiche Problem hatte.<em>[2]</em> Kaufmann Alfred Meyer, einer der drei Männer, die ihn  wiederbelebten, berichtete zwanzig Jahre später: „Alle Versuche, den Club wieder zum Leben zu erwecken, scheiterten an der Unmöglichkeit, einen neuen, unbelasteten Vorsitzenden zu finden, der der Besatzungsmacht genehm war. Die wenigen Herren, die diese Voraussetzung mitbrachten und außerdem das Format hatten…, waren mit anderen Ämtern so überlastet, dass sie es ablehnten, sich mit dieser undankbaren Aufgabe zu befassen.“<em>[3] </em>Der Rechtsanwalt und Notar Richard Ahlers war einer dieser „selten gewordenen, vielseitig bewährten und unbelasteten Köpfen von Führungsqualität.“<em>[4]</em> Meyer konnte ihn dafür gewinnen, den Vorsitz des Clubs zu übernehmen, was dieser „schweren Herzens“ tat, weil er „durch zahlreiche Ehrenämter und durch seine Praxis überbeschäftigt war.“<em>[5] </em>Am 14. November 1947 wurde er auf der Hauptversammlung des Clubs in das Amt des Vorsitzenden gewählt. Ahlers übernahm auf Bitte von C. A. Wuppesahl auch das Amt des Eiswettpräsidenten, allerdings auch hier mit der Maßgabe, „dass er nur seinen Namen hergeben wolle, die übrigen Mitglieder des Vorstandes aber alle Arbeit leisten sollten.“ <em>[6]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Vgl. Löbe, a.a.O., S. 124. <br><em>[2]</em> Vgl. Der Club zu Bremen 1783 – 2008, 225 Jahre in vier Jahrhunderten, hrsg. vom Club zu Bremen, Bremen 2009, S.274 – 276. In dem prachtvollen, reich bebilderten Werk findet sich auch die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Clubs. Vgl. die Seiten 248 bis 273: „Der Club zu Bremen im Nationalsozialismus. Zwischen Rückzug und Teilhabe“ von Gerda Engelbracht und Andrea Hauser, S. 248 bis 273. <br><em>[3]</em> Alfred Meyer, 20 Jahre später, in: Jahrbuch des Clubs zu Bremen, 1953, S. 5 &#8211; 17, hier S.14. <br><em>[4] </em>Walter Bornemann: Richard Ahlers, Bremische Biographie 1912 – 1962, hrsg. von der Historischen Gesellschaft zu Bremen und dem Staatsarchiv Bremen, bearbeitet von Wilhelm Lührs, S. 8 &#8211; 10, hier S.9. <br><em>[5] </em>Dr.jur. Richard Ahlers (21.12.1864 &#8211; 24.12.1950), Rechtsanwalt und Notar, Rechtsberater großer Reedereien, Banken und Wirtschaftsunternehmen. Mitbegründer der CDU in Bremen, 1947 bis 1949 Bürgerschaftsabgeordneter der CDU, deren Mitbegründer in Bremen er war; Präses der<em> Philharmonischen Gesellschaft, </em>zeitweilig ehrenamtlicher Präses des Kirchenausschusses der Bremischen Evangelischen Kirche. Vgl. Artikel in der Bremischen Biographie, a.a.O.<br><em>[6]</em> Alfred Meyer, a.a.O., S.14.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 4</p>



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<p>Auf dem Treffen am 29. November 1947 im Essighaus erklärte ihn Wuppesahl zum neuen Präsidenten.<em>[1]</em> Der Kreis der Teilnehmer hatte sich noch einmal erweitert. Zu den Hinzugekommenen gehörten &#8211; außer Ahlers &#8211; Generalkonsul Kaufmann August Dubbers (Eiswettgenosse seit 1933) – Mitglied zahlreicher Aufsichtsräte, u.a. in der DG „Hansa“ und in der AG „Weser“, Kaufmann Wilhelm Holsing (1924) und Willy Bartmann (1936), kaufmännischer Leiter der AEG Bremen. Bömers wurde ins Präsidium gewählt, „wobei Wuppesahl bemerkte, dahin gehöre er, denn sein Urgroßvater Lahusen habe zu den Gründern der Eiswette gehört.“<em>[2]</em> Das Präsidium bestand, neben Ahlers, aus Heinrich Tietjen (Vizepräsident), Eduard Bartels („Kassierer) und Carl A. Wuppesahl (Schriftführer); „Beisitzer“ wurden Bömers, Dubbers, Schwerdt, Degener-Grischow und Heins. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="157" height="197" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/richard_ahlers.jpg" alt="" class="wp-image-1325"/><figcaption>Richard Ahlers / Foto (undatiert): Club zu Bremen </figcaption></figure>



<p>Nun hatte man zwar einen politisch unbelasteten Präsidenten, aber solange die Entnazifizierungsverfahren gegen Bömers, Degener-Grischow, Heins und Carl A. Wuppesahl nicht abgeschlossen waren, wagte man immer noch nicht, öffentlich aufzutreten. Man verabredete sich noch zweimal im privaten Rahmen, erst zur Eiswettprobe am 6. Januar 1948, dann zum „Verzehr“ des Wetteinsatzes&nbsp; zu einer „einfachen Zusammenkunft der Mitglieder“, denn „ein großes Fest sollte noch nicht stattfinden“. Wie viele Eiswettgenossen daran teilnahmen, wann und wo das Treffen stattfand, ist nicht überliefert. Es wurde jedenfalls wieder gespendet. Diesmal gingen 500 RM an die DGzRS. Das Splitting-Prinzip zugunsten einer wohltätigen Einrichtung der Stadt hatte man für immer aufgegeben.<em>[3]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Vgl. Löbe, a.a.O., S.125.<br><em>[2]</em> Löbe, a.a.O.<br><em>[3] </em>Löbe, a.a.O., S.126.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 5</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 5 &#8211; Die Entnazifizierung der Eiswettgenossen</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-4-die-entnazifizierung-der-privatwirtschaft-in-bremen-1945-1948-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Oct 2019 10:39:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 05]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/?p=1042</guid>

					<description><![CDATA[Die Verfahren im Überblick

Im Folgenden werden die Verfahren in Kurzform vorgestellt.[1] Der Kreis bestand aus 64 Kaufleuten (77%), sechs Rechtsanwälten, neun Ärzten, einem Apotheker, zwei Beamten und einem Journalisten.[2] Von der Gesamtzahl der 274 Genossen im Jahr 1954 [3] hatten sich 83 einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen müssen (30%). Jeder vierte Eiswettgenosse (68) war Mitglied der NSDAP. Die meisten von ihnen waren ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading" id="die-verfahren-im-uberblick">Die
Verfahren im Überblick</h2>



<p>Im Folgenden werden die Verfahren in Kurzform vorgestellt.<em>[1] </em>Der Kreis bestand aus 64 Kaufleuten (77%), sechs Rechtsanwälten, neun Ärzten, einem Apotheker, zwei Beamten und einem Journalisten.<em>[2]</em> Von der Gesamtzahl der 274 Genossen im Jahr 1954<strong> </strong><em>[3] </em>hatten sich 83 einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen müssen (30%). Jeder vierte Eiswettgenosse (68) war Mitglied der NSDAP. Die meisten von ihnen waren 1937 eingetreten, als die Aufnahmesperre vorübergehend aufgehoben worden war und die Partei sich denen öffnete, die sich in einer der anderen nationalsozialistischen Organisationen bewährt hatten. Nur zwei waren vor 1933 eingetreten. Acht waren sogenannte Märzgefallene, also jene, die unmittelbar nach den Reichstagwahlen vom 5. März 1933 Parteimitglieder wurden, als die NSDAP im Reich 43,9 % der Stimmen gewonnen hatte. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em><sup></sup> Grundlage der Daten ist die Festschrift zum 125. Jubiläum der Eiswette, in der die 274 Mitglieder des Jahres 1954 mit ihren Eintrittsdaten erfasst sind. (Es fehlen die zwischen 1940 und 1953 Verstorbenen, bzw. im Krieg Gefallenen.) Das Staatsarchiv Bremen hat über mehrere Jahre – bis Ende 2016 &#8211; alle ca. 30.000 Bremer Entnazifizierungsakten nach Namen und Geburtsdaten in alphabetischer Reihenfolge in eine Datenbank aufgenommen. Damit war es möglich, die 274 Eiswettgenossen Zug um Zug darauf zu überprüfen, ob sie einem Entnazifizierungsverfahren unterworfen waren. Verwechslungen bei gleichlautenden Namen konnten dadurch ausgeschlossen werden, dass in der Festschrift von 1954 auch die Privatadressen vermerkt sind, die mit den Daten in den Entnazifizierungsakten abgeglichen werden konnten. Vgl. Eiswette von 1829. Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest am 16. Januar 1954. Broschüre, 20 Seiten. StAB 16  N.10.006.  <br><em>[2]<sup></sup></em> Die beiden Beamten waren Oberfinanzpräsident Friedrich Carl und Studienrat Otto Heins. Carl wurde zwar formell erst 1949 Eiswettgenosse, war aber schon in den zwanziger Jahren regelmäßiger Gast und Redner auf den Eiswetten. Heins war Mitglied seit 1924, „poeta laureatus“ und Mitglied des Vorstandes seit den dreißiger Jahren. Der Journalist war Georg Borttscheller, spätere langjähriger Präsident der Eiswette.  <br><em>[3]<sup></sup></em> Neu aufgenommen wurden 1949:51, 1950:24, 1951: niemand, 1952:29, 1953:13 und 1954: 28. Die Eiswette bestand 1954 in etwa je zur Hälfte aus Alt- (129) und Neumitgliedern (145 = 53%).   </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 1</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>35 erhielten den Status des „Mitläufers“. Sie mussten eine „Sühnezahlung“ leisten, in der Regel 2000 RM. 39 wurden „entlastet“ oder galten als „nicht betroffen“, weil sie nur „nominelle“ Parteimitglieder waren. Zwei Betroffene wurden in der britischen Zone entlastet.<em>[1] </em>Sieben Akten sind unvollständig; dort fehlt das endgültige Ergebnis.<em>[2]</em> Die Verfahren waren im Wesentlichen im Frühjahr 1948 abgeschlossen.  Dass sie sich teilweise bis in das Jahr 1949 hinzogen, lag einerseits daran, dass in Bremen das „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ erst am 9. Mai 1947 in Kraft trat, war andererseits dem Umstand geschuldet, dass viele Betroffene solange Widerspruch gegen ihre „Klassifizierung“ einlegten, bis sie den angestrebten Status des „Entlasteten“ oder des „Nicht Betroffenen“ erhielten.<em>[3]</em><br>Die beiden Listen enthalten – neben den Eintrittsdaten in die Eiswettgenossenschaft &#8211; Geburtsdaten, bzw. soweit verfügbar  Lebensdaten, berufliche Tätigkeiten, Mitgliedschaften in politisch relevanten, bzw. militärischen Organisationen &#8211; Stahlhelm, Freikorps, Stadtwehren, Reichskolonialbund, Burschenschaften, Offiziersverbände, Veteranenverbände &#8211; vor 1933, die zur besseren Übersicht farblich markiert sind (Stahlhelm: rot, die anderen Organisationen: blau), Mitgliedschaften in der NSDAP oder / und in anderen NS-Organisationen, Ergebnisse der Vorstellungsverfahren und schließlich die rechtskräftigen Sprüche der Entnazifizierungs-Ausschüsse, bzw. der Spruchkammern, soweit sie in den Akten dokumentiert sind.  </p>



<p>Verwendete Abkürzungen<br>NSV Nationalsozialistische Volkswohlfahrt  <br>NSDStB Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund<br>NSRL Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibeserziehung<br>NSKK Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps<br>NSRDB Nationalsozialistischer Beamtenbund<br>NSFK Nationalsozialistisches Fliegerkorps<br>VDA Volksbund für das Deutschtum im Ausland  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]<sup></sup></em> Georg Borttscheller und Diedrich Putscher.<br><em>[2]</em><sup></sup> Es sind die Entnazifizierungsakten von Fedor Deiters, Hermann Krause, Gert Ohlrogge, Irwin Schellhass, Franz Schlunck, Hermann Wenhold und Carl Raimund Wulff.<br><em>[3]</em><strong><sup></sup></strong> Bis einschließlich Juni 1948 waren 45 Verfahren abgeschlossen; weitere 16 bis Ende des Jahres; die Verfahren gegen Heins, Schünemann und Stapelfeldt wurden im Februar 1949 beendet; im März, bzw. April die gegen Daseking und Fischer. Vgl. das folgende Kapitel.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 2</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-52-verfahren-von-eiswettgenossen-die-schon-1939-mitglieder-waren">Die
52 Verfahren von Eiswettgenossen, die schon 1939 Mitglieder waren</h2>



<p>Unter den 129 „Alt-Genossen“ gab es 37 NSDAP-Mitglieder (29%).<em>[1]</em> 52 (40%) hatten in einem Entnazifizierungsverfahren gestanden, darunter die Hälfte des Präsidiums aus den dreißiger Jahren: Hans Degener-Grischow, Otto Heins und Carl A. Wuppesahl.<em>[2]</em> Außerdem gehörten vier „Stammmitglieder“ der ersten Nachkriegsjahre<em>[3]</em> dazu: Heinz Bömers, Karl Bollmeyer, Franz Stapelfeldt  und Friedrich Carl.  </p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-1 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>1.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Bartmann, Willy,</strong> Kaufmännischer Leiter der AEG Bremen; *3.9.1899; Eiswette 1936; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span>; NSDAP 1937; entlassen; Vorstellungsverfahren 26.4.1946: „Appeal approved“- Entlassung rückgängig gemacht. StAB – 407.<em>[4]</em></p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-2 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>2.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Blaum, Rudolf,</strong> Vorstandsmitglied der Atlas-Werke; 20.4.1879 – 30.9.1955; Eiswette 1930; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span>; NS-Altherrenbund 1930; NSDStB; NSFK; NSV; NS-Bund Altherrenbund 1930; NSDStB; NSFK; NSV; NS-Bund Deutscher Technik; NSRL; NSDAP 1937;Wehrwirtschaftsführer 1938; entlassen;Vorstellungsverfahren am 27.November 1946 abgelehnt; zweites Vorstellungsverfahren am 11. Februar 1947 abgelehnt; Sonderausschuss entscheidet am 6. Mai 1947: Blaum ist „mehr als nomineller Nationalsozialist“: Sühnebescheid fehlt in der Akte; Verfahren wahrscheinlich im Juli 1948 aus gesundheitlichen Gründen eingestellt. StAB – 879 </p>
</div>
</div>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="220" height="130" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b4.png" alt="" class="wp-image-1035"/><figcaption>Flagge des Reichskolonialbundes</figcaption></figure>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em><strong><sup></sup></strong> Der Anteil von NSDAP-Mitgliedern an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches liegt nach heutigen Schätzungen bei 15%, so zum Beispiel der Historiker Herbert Ulrich in einem Vortrag im Haus der Bremer Bürgerschaft am 24.4.2014. Vgl. Elitenkontinuität in Politik und Verwaltung? Zur NS-Belastung hoher Funktionsträger in der jungen Bundesrepublik. In: Die NS-Vergangenheit früherer Mitglieder der Bremischen Bürgerschaft. Projektstudie und wissenschaftliches Colloquium. Hrsg. von der Bremischen Bürgerschaft. Bremen 2014.<br><em>[2]</em><strong><sup></sup></strong> Die unbelasteten Vorstandsmitglieder waren Kapitän zur See a.D. Eduard Bartels, Kassenwart Heinrich Tietjen, Mitglied des Gründungs-Comités nach dem Ersten Weltkrieg und Paul Schwerdt – der „Revisor“, kaufmännischer Vorstand der AEG-Niederlassung Bremen, Mitglied der Eiswette seit 1924. Vgl. den Artikel in den <em>Bremer Nachrichten</em> „Nachklang zur Eiswette“ vom 14. 1.1936. Verstorben war Eiswette-Präsident Hugo Gebert, der im August 1944 bei einem Bombenangriff auf Bremen ums Leben gekommen war und offensichtlich ein Dr. Gerlach, dessen Name bei Löbe, a.a.O., nicht mehr genannt wird.   <br><em>[3]<sup></sup></em> Siehe Kapitel 5 „Auf leisen Sohlen in die zweite Republik“.<br><em>[4]</em><sup> </sup>Die Entnazifizierungsakten im Staatsarchiv Bremen sind unter der Bestands-Signatur 4,66-I- abgelegt. Dann folgt die Ziffer der jeweiligen Einzelakte. Hier werden nur diese Ziffern angegeben. Die vollständige Bezeichnung der Akte von Willy Bartmann ist also 4,66-I-407.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 3</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="220" height="326" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b5.jpg" alt="" class="wp-image-1036" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b5.jpg 220w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b5-202x300.jpg 202w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /><figcaption>Plakat der NSV(olkswohlfahrt)</figcaption></figure>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-3 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>3.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Bömers, Heinz,</strong> Kaufmann, Weinhandel Reidemeister &amp; Ulrichs; * 13.9.1893 &#8211; 1978; Eiswette 1933; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm &#8211; Landesführer Bremen 1933-1935<span style="color: #000000;">;</span></span></p>
</div>
</div>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="220" height="129" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b5.png" alt="" class="wp-image-1037"/></figure>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-4 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p> </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p>NSDAP 1937; von August 1940 bis August 1944 Weinbeauftragter der NS-Regierung in Südfrankreich; von der Militärregierung entlassen; Antrag im Vorstellungsverfahren am 20. 11. 1945 stattgegeben; 23.3.1946 erneut von der Militär-Regierung entlassen nach Mitteilung aus dem Document Center Berlin as „ardent follower of the party“; im Spruchkammer-Verfahren vom 9.4.1948 als „Entlastet“ eingestuft. StAB – 1025.</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-5 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>4.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Bollmeyer, Karl,</strong> Kaufmann, 1933 Präses der Handelskammer, ab 1943 der „Gauwirtschaftskammer“; 25.6.1887 – 1.7.1962; Eiswette 1938; NSDAP seit 1.1.1932 (Mitgliedsnummer 885 503); ab Juni 1936 Hauptkreisstellenleiter der NSDAP; Wehrwirtschaftsführer; entlassen; Vorstellungsverfahren am 14.1.1947: Entlassung bestätigt; Spruchkammerverfahren am 16.2.1948: der öffentliche Kläger: „minderbelastet“ mit Sühnemaßnahme und Einziehung von 25% des Vermögens; Urteil der Spruchkammer: Entlastet; 21.4.1948: Der Senator für Befreiung Lifschütz kassiert das Urteil; 13.9.1948 Berufungs-Spruchkammer: „Minderbelastet“; 20.9.48 im Nachverfahren Einstufung in die Gruppe der „Mitläufer“. StAB – 1136. </p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-6 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>5.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Borttscheller, Georg, </strong>Dr. rer. pol., Journalist; 5.7.1896 – 27.8.1973; Eiswette 1936; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>;</p>
</div>
</div>



<figure class="wp-block-image is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b6.png" alt="" class="wp-image-1040" width="88" height="119"/><figcaption>Flagge des Reichskriegerbundes    </figcaption></figure>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p> </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><span style="color: #00ccff;">Reichskriegerbund</span>; SA-Reserve 1934 bis 1939; SA-Rottenführer 1937; NSDAP 1937; Entnazifizierung in der britischen Zone durch den Entnazifizierungsausschuss in Bielefeld: nur „nominelles“ Parteimitglied; 2.3.1948 Mitteilung: keine Beschäftigungsbeschränkung. StAB – 1214. Vgl. die Darstellung seiner Entnazifizierung in Kapitel 8, &#8222;Die Ära Borttscheller&#8220;, Unterkapitel &#8222;Der neue Präsident&#8220;</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 4</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-8 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>6.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Brabant, Carl-Julius,</strong> Vorstand Jutespinnerei und Weberei Bremen; *19.7.1892; Eiswette 1938; Freimaurer (Katholische Loge); Förderndes Mitglied Allgemeine SS 1935; NSDAP 1937; entlassen; Einspruch am 25.4.1946 stattgegeben; 7.4.1948 Spruchkammer: Mitläufer und 2000 RM Sühnezahlung; 6.8.1948: „Entlastet“. StAB – 1253</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-9 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>7.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Braune, Willi,</strong> selbstständiger Kaufmann (Ausstattung und Einrichtung von Meldeämtern, Krankenkassen, Gas- und Wasserwerken mit Möbeln, Karteien und Maschinen für Buchungszwecke &#8211; 40 Beschäftigte); *2.12.1884; Eiswette 1935; NSDAP 23.5.1933; entlassen; Vorstellungsverfahren: Einspruch am 4.10.1946 stattgegeben; 17.4.1948 Sühnebescheid im schriftlichen Verfahren: „Mitläufer“ &#8211; Sühnezahlung 2000.- RM; am 17.4.1948 reduziert (Summe nicht genannt). StAB &#8211; 1325</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-10 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>8.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Daseking, Georg,</strong> Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar; *21.1.1892; Eiswette 1933; Freimaurer (Loge „Zum Ölzweig“); <span style="color: #00ccff;">1920 Verein ehemaliger Offiziere im Feld – Art. Regiment 51</span>; 15. Mai 1933 SA- Standarte 266 &#8211; Truppenführer; 1933 Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP wegen Mitgliedschaft in der Loge  (Meister des 3. Grades) abgelehnt; deswegen auch „ehrenvoll“  aus der SA entlassen; NS- Rechtswahrerbund; 1946 keine Zulassung beim Hanseatischen Landesgericht; Entlassung als Geschäftsführer der Handelskammer; 7. Oktober 1946 Feststellungsergebnis des Berufungsausschusses zur Nachprüfung von Beamtenentlassungen: Gesuch abgelehnt; 22. Februar 1947 Vorstellungsverfahren: mehr als nomineller Nationalsozialist; 30. Oktober 1948 Sühnebescheid: 600.- DM Sühnezahlung; 30. März 1949 Schriftliches Spruchkammer-Verfahren: „Vom Gesetz nicht betroffen“. StAB – 2037.</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-11 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>9.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Degener-Grischow, Hans,</strong> Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar; 6.3.1879 – 14.1.1960; Eiswette 1924; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft Franconia / Freiburg im Breisgau &#8211; Narbe auf der linken Wange; Reichskolonialbund</span>; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1933; NSDAP 1933; NSKK; NSFK 1938; NS-Rechtswahrerbund 1934; NS-Reichskriegerbund; 8. November 1945: „Non-Employment“ – Beschluss der Militärregierung; 22.1. 1947 Vorstellungsverfahren: Mehr als nomineller Nationalsozialist – Militarist; 22. August 1947 nur Beschäftigung als gewöhnlicher Arbeiter erlaubt; Öffentlicher Kläger fordert Einstufung in die Gruppe 2 der „Belasteten“; 12.11.47 Beschluss der Spruchkammer: „Minderbelastet“ – 1 Jahr Bewährung, Sühne-Sonderbeitrag in Höhe von 30% des Vermögens; Revisionsverfahren am 11. Juni 1948. Die Spruchkammer unter Richter Dr. Brassel hebt den Spruch auf; 12. Juli 1948 „Verfahren eingestellt“; der Geschäftsführende Vorsitzende der Spruchkammern Bremen, Schmidt, beantragt beim Senator für Befreiung, Lifschütz, eine Nachprüfung dieses Beschlusses. Ob sie stattgefunden hat, lässt sich der Akte nicht entnehmen. StAB &#8211; 2057</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 5</p>



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<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="140" height="181" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ns-flieger.jpg" alt="" class="wp-image-1055"/></figure>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="219" height="131" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ns-kk-1.jpg" alt="" class="wp-image-1057"/></figure>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-12 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>10.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Deiters, Friedrich,</strong> Kaufmann, Norddeutsche Spinn- und Webstoff-Handelsgesellschaft Deiters &amp; Co., 5.4.1877 -14.5.1965; Vater von Fedor (s.u.); Eiswette 1934; Freimaurer 3. Grad / Loge „Friedrich Wilhelm zur Eintracht“ 1920 bis 1933; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm 1923</span>; NSDAP 1937; entlassen; 27.11.1946 Vorstellungsgesuch abgelehnt; 27.2.1947 „Appeal not approved“; 17.11. 1947 „Mitläufer“; 19.2. 1948 Antrag auf „Einreihung“ (Erlaubnis zur Tätigkeit als Inhaber der Firma) am gleichen Tag positiv beschieden. StAB &#8211; 2075</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-13 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>11.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Dröge, Fritz,</strong> Kaufmann, Drogengroßhandel, *12.09.1907; Eiswette1933; NSDAP-Eintritt am 1.8.1932; <strong>NSDAP-Austritt am 1.4.1933</strong>; 22. Juni 1948 „Mitläufer“ – Sühnezahlung 360 DM; 22.1.1949 „Nicht vom Gesetz betroffen“. StAB &#8211; 2377</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-14 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>12.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Fischer, Heinrich,</strong> Kaufmann, Teilhaber der Firma Otto H. Henk &amp; Co Wollgroßhandel; *10.03.1884; Eiswette 1937; NSDAP 1931; SA 1932; 1936 SA-Ob.Truppführer“; NSV 1934; 12. August 1948 Öffentlicher Kläger: „Belastet“; 31. August Spruchkammer „Minderbelastet“; 23. November  1948 Berufungskammer: „Mitläufer“ und 500,- DM Sühnezahlung; 4. Dezember 1948 Kassation des Spruchs durch Senator Lifschütz; 5. Januar 1949  der öffentliche Kläger vertritt „voll und ganz“ die von Lifschütz vorgebrachten Argumente: der Betroffene kann „niemals als Mitläufer eingestuft werden“. 22. Februar 1949 unter Nichtbeachtung der Kassation des Senators Wiederholung des Spruchs vom 23.  November 1948 durch die Berufungskammer; am 19. März 1949 wird der Spruch zum zweiten Mal von Senator Lifschütz kassiert; 21. April: die Berufungskammer beachtet zum zweiten Mal nicht die Kassation des Senators und geht in der Entlastung über die ersten Sprüche hinaus: „Mitläufer“ – aber keine Sühnezahlung. StAB &#8211; 2953</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-15 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>13.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Frese, Roland,</strong> Kaufmann, Vorstandsmitglied des Bremer Tabakhändlervereins; *7.3.1877; Eiswette 1933; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1936; NSV 1936; Vorstellungsverfahren am 28.5.1947: „Appeal approved“, Entlassung rückgängig gemacht. StAB &#8211; 3114</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-16 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>14.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Fritz, Emil,</strong> Gastronom; Eigentümer des Variétés „Astoria“ und des Tanzcafés „Atlantic“; 25.3.1877 – 25.7.1954; Eiswette 1933; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1934;  NSDAP 1937; Reichstheaterkammer 1937; Reichsfilmkammer 1937; Reichskulturkammer 1938; von der amerikanischen Militärregierung als Direktor entlassen; 19. August 1946 im Vorstellungsverfahren: „Appeal not approved &#8211; „beschäftigungsunwürdig“; Bestätigung durch die amerikanische Militärregierung am 17. September. Fritz beantragt daraufhin sein Entnazifizierungsverfahren in der britischen Zone; er gibt seine Jagdhütte in Rotenburg an der Wümme als seinen Wohnsitz an; 24. April 1947 Bescheinigung der britischen Militärregierung: Fritz „entlastet“; die Spruchkammer im Landkreis Rotenburg entscheidet am 24.Juni 1947 ebenso; inzwischen – am 9. Mai &#8211; ist in Bremen das Entnazifizierungsgesetz verabschiedet worden; auf der Grundlage seiner Angaben auf dem Fragebogen wird ein Entnazifizierungsverfahren gegen ihn in Bremen angestrengt. Die Spruchkammer in Bremen entscheidet am 5. Juli 1947 die Einstellung des Verfahrens, da für ein Entnazifizierungsverfahren aufgrund des Urteils in der englischen Zone „kein Raum mehr“ sei; Aufhebung dieses Spruchs durch Senator Lifschütz; 5. September 1947: die Berufungskammer entscheidet gegen den Aufhebungsbeschluss des Senators wiederum auf Einstellung des Verfahrens; Lifschütz hebt ein zweites Mal den Spruch auf; die Berufungskammer entscheidet am 17.2.1948 zum dritten Mal  gegen die Aufhebungsbeschluss des Senators die Einstellung des Verfahrens:  Fritz „entlastet“;  23.4.1948 Eingriff der Militärregierung; dritte Aufhebung des Urteils als „Entlasteter“ &#8211; Vermögenssperre; 8. Juli 1948: der öffentliche Kläger Frese entscheidet: „Entlastet“ – Verfahren eingestellt; StAB &#8211; 3189</p>
</div>
</div>



<p> </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 6</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-17 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>15.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Heins, Otto,</strong> Dr. phil.; 23.5.1887 – 20.5.1959; Studienrat; Leiter des Sprechchors der „Horst-Wessel-Schule“; Eiswette 1927; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft (keine näheren Angaben)<em>[1]</em>; Reichskolonialbund</span>; NS-Lehrerbund 1933; NSV; VDA; NSDAP 1937; verschweigt im Meldebogen seine NSDAP-Mitgliedschaft;  26.4.1948 „Mitläufer“ – 390 RM Sühnezahlung; 2.12.1948 Berufung durch III. Spruchkammer abgelehnt; 18.2.1949 im schriftlichen Verfahren „Entlastet“.<em>[2]</em> StAB &#8211; 4290; am 29. November 1949 lehnt die Lehrerkonferenz des Gymnasiums am Waller Ring (ehemals &#8222;Horst-Wessel-Schule) den Verbleib von Heins an der Schule ab, weil er „nicht das persönliche Vertrauen der Kollegiumsmehrheit besitzt.“ (Konferenzprotokolle&nbsp;des Gymnasiums am Waller Ring, Bd.2, 1937- 1956; StAB 4,39/13<strong>&#8211;</strong>31)</p>



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<p></p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-18 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>16.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Hinrichs, Carl,</strong> Kaufmann &#8211; Textilhandlung Hinrichs und Bollweg, Wachtstraße 27/29; *19.11.1878; Eiswette 1924; Freimaurer (Loge zum Ölzweig); <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm – Ortsgruppenführer 1934</span>; Antrag auf NSDAP-Mitgliedschaft 1934; NSV 1935; NSFK 1935; NS-Reichskriegerbund 1940; 27.4.1948 „Mitläufer“ &#8211; Sühnezahlung 2000 RM; 2. Juni 1948 Aufhebung des Sühnebescheids; Verfahren eingestellt.StAB &#8211; 4605</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-19 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>17.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Jess, Heinrich,</strong> Leiter der Bremer Niederlassung der Continental Caoutchouc-Compagnie GmbH Hannover (36 Beschäftigte); *2.5.1884; Eiswette 1935; Wagenführ U-Boot-Tisch; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span> 1927; Förderndes Mitglied Allgemeine SS 1933; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichskriegerbund 1935</span>; NS-Reichsbund für Leibeserziehung 1935; NSDAP 1937; 1939 bis 1943 Korvettenkapitän – Wehrmachtskommandant Wilhelmshaven; 1943 – 1945 Hafenkommandant Rotterdam; entlassen;  23.10.1945 Vorstellungsverfahren abgelehnt; 10.1.1946 Feststellungsbescheid: „beschäftigungsunwürdig“ im Sinne des Gesetzes Nr. 8 – 1 Jahr Bewährung; 28.4.1948 Sühnebescheid: „Mitläufer“ – 1030 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 5124</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-20 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>18.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Kahler, Georg,</strong> Direktor (Prokurist) der Norddeutschen Steingut GmbH Bremen-Grohn; *17.2.1892; Eiswette 1936; NSDAP 1937; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichskriegerbund 1937</span>; NSFK 1937; Reichsbund für Leibeserziehung 1937; NSV 1938; wahrscheinlich entlassen; 19.4.1948 „Mitläufer“- 2000 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 5242</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-21 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>19.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Kasten, Franz,</strong> Teilhaber der Versicherungsgesellschaft F. Reck &amp; Co / Börsenhof; *5.2.1902; Eiswette1935; SA 1933 -1935; Deutsche Christen 1933 – 1935; NSDAP 1938; entlassen; 10.12.1946 Vorstellungsgesuch angenommen; 10.2.1947 Spruch  „nicht stichhaltig“; Antrag abgelehnt; 10.5.1948 Entnazifizierungsverfahren: „Mitläufer“ und 1410 RM Sühnezahlung; StAB &#8211; 5318</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-22 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>20.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Kliemchen, Franz,</strong> Technischer Direktor und Prokurist der Dampfschifffahrtsgesellschaft „Neptun“ (D.G. „Neptun“); *31.8.1883; Eiswette 1937; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1934; NSDAP 1937; vom 3.8.1945 bis 28. Februar 1947 interniert; vermutlich, weil er verantwortlich war für den Umbau von 26 Handelsschiffen zu Kriegsschiffen; 18. August 1948 „Mitläufer &#8211; keine Sühnezahlung wegen seiner Internierung. StAB &#8211; 5577</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-23 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>21.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Krause, Hermann,</strong> Beiratsmitglied der Bremer Landesbank; Vorstandsmitglied der Sparkasse; Direktor der Girozentrale Hannover / Bremen; Vorstand der Norddeutschen Kreditbank; 14 Aufsichtsratsmandate in zahlreichen Banken und Unternehmen – die meisten nach 1939 übernommen; *18.8.1886; Eiswette 1935; das Verfahren der Militärregierung wegen Verdachts der Nutznießerschaft an Arisierungen jüdischer Firmen zieht sich bis Juli 1948 hin; die Akte ist unvollständig; es fehlt das Ergebnis des Entnazifizierungsverfahrens. Offensichtlich aufgrund der Tatsache, dass er nicht Mitglied der NSDAP war, ist er im Februar 1946 Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses für Vorstellungsverfahren (am 21. Und 25. Februar im Verfahren gegen Emil Fritz.) StAB &#8211; 5983</p>
</div>
</div>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Vgl. seinen Meldebogen vom 9. Juli 1949.<br><em>[2] </em>Nur drei Verfahren zogen sich noch länger hin; die gegen Daseking und Fischer bis März, bzw. April 1949 und das gegen Röhrscheidt bis Juni 1950.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 7</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-24 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>22.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Kröncke, Wilhelm,</strong> Geschäftsführer der Menck, Schultze &amp; Co Rohrfabrik (150 – 170 Beschäftigte); *10.6.1903; Eiswette 1937; SA Reserve 1933; SA-Rottenführer 1934; NSDAP 1937; entlassen; 17.11.1945 Vorstellungsverfahren abgelehnt; dito am 9.1.1946: „Appeal not approved“; 17.1.1947 „Review board“: wieder „Appeal disapproved“; 5.6.1947–„ Appeal approved“ -„beschäftigungswürdig“; 20.4.1948 Sühnebescheid des Senators für politische Befreiung: 2000 RM Sühnezahlung (entspricht dem „Mitläufer“- Status der im Text nicht erwähnt wird). StAB &#8211; 6053</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-25 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>23.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Lindemann, Karl,</strong> Teilhaber der Firma Melchers &amp; Co., 1933 Aufsichtsratsvorsitzender des Norddeutschen Lloyd; von 1933 bis 1945 wird er Aufsichtsratsmitglied von 17 weiteren Bank- und Industrieunternehmen, u.a. der Dresdner Bank, der Atlas-Werke und des Rüstungskonzerns VIAG; letzter Präsident der Reichwirtschaftskammer; 17.4.1881 &#8211; 4.7.1965; Eiswette 1934; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span>; seit 1932 Mitglied im „Freundeskreis Reichsführer SS“ (Heinrich Himmler); Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1937; NSDAP 1938; vom 9.5.1945 bis 12. Januar 1948 in verschiedenen amerikanischen Lagern interniert, unter anderem vom 7.2.1947 bis zum 10.1.1948 in Nürnberg; 25.11.1948 Spruchkammer: „Mitläufer“ – keine Sühnezahlung; StAB – 6620 und 6621</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-26 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>24.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Meyer, Alfred,</strong> Kaufmann – Inhaber der Firma Carl Ed. Meyer (Import von Kork); *26.1.1890; Eiswette 1938; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>; Deutsche Christen 1933 – später wieder ausgetreten; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichskriegerbund</span>; NSV; NS-Reichsbund für Leibesübung; NSDAP 1937; entlassen; 10.12.1945 Vorstellungsgesuch stattgegeben (Vorsitz Hermann Krause); 25.4.1946 Militärregierung: „Appeal approved“; 26.5.1948 Spruchkammer: „Mitläufer“ – 2000 RM Sühnezahlung. StAB – 7256</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-27 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>25.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Meyer, Gustav,</strong> Kaufmann &#8211; Teilhaber der Firma August Strube und Ueltzen (Kaffee-Rösterei Import); Einkäufer des spanischen Tabakmonopols; *19.5.1878; Eiswette 1929; Freimaurer (Loge zum Ölzweig); Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1935; NSFK; 20.4.1948 Spruchkammer: „Mitläufer“ – Sühnezahlung 1250 RM; 2.6.1948 Bestätigung im erneuten Verfahren; 26.11.1948 Berufungskammer (Vorsitzender Dr. Brassel): vom Gesetz nicht betroffen. StAB &#8211; 7318</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-28 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>26.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Meyer, Otto,</strong> Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar; *21.6.1887; Eiswette 1934; NSDAP 1.5.1933; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1933; Deutsche Christen 1935; VDA; NS-Rechtswahrerbund; NS-Altherrenbund; NSV; 9. Oktober 1945 Beschlagnahme des Vermögens und Verbot der Berufsausübung durch die Militärregierung; 6.11.1945 „Appeal not approved“; 8.12.1945 Vorstellungsverfahren: keine Bedenken gegen Beschäftigung als Rechtsanwalt und Notar; 16.4.1946 und 24.6.1946 jeweils im Vorstellungsverfahren „Appeal approved“; 24.6.1948 Spruchkammer: „Mitläufer“ – 2000 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 7396</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 8</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-29 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>27.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Michael, Hermann,</strong> Prokurist der Firma Johs. Surmann &amp; Co. (Großhandel Kaffee-Import); *11.4.1891; Eiswette1927; <span style="color: #00ccff;">Verein ehemaliger Artilleristen; ab 1935 jedes Jahr 4 bis 6 Wochen Teilnahme an Militärübungen; 1935 als Leutnant der Reserve</span>, 1936 als Hauptmann der Reserve; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS; 25.2.1947 Vorstellungsverfahren: keine Einwendungen gegen Beschäftigung. StAB &#8211; 7447</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-30 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>28.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Otten, Ludwig,</strong> Kaufmann an der Bremer Baumwollbörse; *10.11.1886; Eiswette 1937; Freimaurer; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span>; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1933; NSV; 22.7.1946 Militärregierung im Vorstellungsverfahren: „nicht geeignet“; 19.6.1947 „Appeal approved“; 21.4.1948 Spruchkammer: vom Gesetz nicht betroffen. StAB &#8211; 8175</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-31 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>29.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Panhorst, Gustav,</strong> Kaufmann – Eigentümer der Möbelfabrik Gustav Panhorst in Bremen-Hemelingen, ein von der Wehrmacht „betreuter“ Betrieb (78 Beschäftigte); *24.7.1884; Eiswette1935; Freimaurer (Loge Hansa); <span style="color: #00ccff;">Vereinigung der alten Burschenschaften V.D.A. 1930; Reichskolonialbund 1930</span>; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1934; NSV; 26.3.1946 entlassen; 9.4.1946 nach Intervention von Bürgermeister Kaisen „temporary reinstatement“; 1.6.1947 „Appeal approved“ – „employable“; 30.4.1948 Spruchkammer: „Entlastet“ – nicht vom Gesetz betroffen. StAB – 8217</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-32 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>30.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Peine, Hans,</strong> Dr. med., Frauenarzt; Schiffsarzt des Norddeutschen Lloyd; *21.7.1885; Eiswette 1930; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft Teutonia seit 1905 &#8211; Gesichtsnarben</span>; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>; NS-Ärztebund; NSV; NS-Altherrenbund 1935; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichkriegerbund 1936</span>; NSDAP 1937; NSFK 1938; 15.1.1946 Vorstellungsverfahren – Antrag gebilligt- nur nominell Nationalsozialist; 6.8.1946 „Appeal approved“; 10.12.1947 „Mitläufer“ 2000 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahrens:15.500 RM. StAB &#8211; 8288</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-33 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>31.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Pellens, Hans,</strong> Dr. jur., selbstständiger Geld- und Häusermakler; Titulardirektor (Prokurist); stellvertretender Leiter des Reichsverbandes Deutscher Makler; *8.12.1895; Eiswette 1930; NSV; NSFK 1937; NSDAP 1937; 23.4.1948 „Mitläufer“, 2000 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahrens; 20. Mai Spruchkammer bestätigt das Urteil; 8. September Bürgermeister Kaisen ermäßigt die Sühnezahlung und die Kosten für das Verfahren auf je 150.- RM. StAB &#8211; 8293</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 9</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-34 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>32.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Pukalla, Wilhelm,</strong> Grundstücks- und Hypothekenmakler, *13.3.1892; Eiswette 1933; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>; <span style="color: #00ccff;">Offiziersbund</span>; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1934 – Austritt 1934; NSDAP 1937; Erstes Vorstellungsverfahren (ohne Datum) abgelehnt; vorläufige Berufserlaubnis durch den Senator für politische Befreiung; 13.2.1947 Zweites Vorstellungsverfahren: abgelehnt; 6.4.1948 „Mitläufer“ 1170 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 8604</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-35 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>33.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Putscher, Dietrich,</strong> Unternehmer, Eigentümer der „Weser-Druckerei“; *4.7.1886; Eiswette 1926; NSDAP Mai 1933; Vermerk auf seinem Meldebogen vom 25.6.1947 : in der britischen Zone entnazifiziert – Gruppe N (wahrscheinlich „Nichtbetroffen“) – keine Bedenken gegen Belassung im Dienst; 22.4.1948 in Bremen „Mitläufer“, 1600 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahrens; 4.Juni 1948 Rücknahme des Sühnebescheids durch die IV. Spruchkammer in Bremen: Der öffentliche Kläger anerkennt die Entnazifizierung in der britischen Zone. StAB &#8211; 8618</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-36 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>34.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Puvogel, Heinz,</strong> Aufsichtsrat der Ernst Grote AG; Direktor (Geschäftsführer) der Seehandels AG; *17.4.1891; Eiswette 1926; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1936; NSDAP 1937; NSKK 1937; NSV; NS-Reichsbund für Leibesübungen 1937; Reichsschrifttumskammer 1939; Reichskulturkammer 1943; in der britischen Zone am 18.7.1947 eingestuft als „N2“ – bedingt tragbar – Kategorie IV, Zahlung einer Buße; 23.4.1948 in Bremen „Mitläufer“, 2000 RM Sühnezahlung und 242 RM Kosten des Verfahren.; StAB – 86</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-37 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>35.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Rasch, Gustav H.,</strong> Konsul, Tabakgroßhändler (15 Angestellte); seit 1915 führend in der Einfuhr von Kentucky- und Virginia-Rohtabak und von Tabak aus Ungarn; *6.4.1875; Eiswette 1913 (!); NSDAP 1937; 8.8.1946 und 21.1.1947 Vorstellungsgesuche „approved“; 18.12.1948 „Mitläufer“ 2000 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 8702</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 10</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-38 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>36.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Röhrscheidt, H.,</strong> Dr. med., *10.6.1895; Eiswette 1926; NSV; NSDAP 1938; Vorstellungsverfahren 12. Juli 1946 „Appeal approved“; 26.11.1947 „Mitläufer“ und 1620 RM Sühnezahlung; Kosten des Verfahrens 1000 RM; rechtskräftig am 10. Januar 1948; ( am 10.6.1950 „Gemäß dem Gesetz zum Abschluss der politischen Befreiung vom 4 April 1950 gilt der Benannte seit dem 18. März 1950 als vom Gesetz nicht betroffen (Kategorie V). Er unterliegt keinen tatsächlichen oder rechtlichen Beschränkungen.“ – Der öffentliche Kläger.) StAB &#8211; 9093</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-39 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>37.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Rusche, Waldemar,</strong> Dr. med., Augenarzt; *10.6.1882; Eiswette 1938; <span style="color: #ff0000;">1919-1923 Stadtwehr Bremen; Stahlhelm 1931</span>; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichskriegerbund 1938</span>; NS-Altherrenbund 1942; NS-Ärztebund 1942; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1933; 17.6.1946 Military Government – Special branch stimmt Vorstellungsausschuss zu: Keine Maßnahmen notwendig. StAB &#8211; 9320</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-40 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>38.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Schier, Emil,</strong> Geschäftsführender Direktor der Bremer Baumwollbörse; seit 13.11.1941 Aufsichtsratsvorsitzender der Baumwoll AG; 7.12.1886 &#8211; 3.8.1956; Eiswette 1934; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm 1927</span>; NSDAP 1933; NS-Rechtswahrerbund; NSV; 19.9.1945 Amtsenthebung durch die Militärregierung; 5. November 1945 „Non-Employment Mandatory“ durch Special branch; 11.3. 1946 Ärztliches Attest: nicht einsatzfähig für Beschäftigung als „gewöhnlicher Arbeiter“; 5.9.1946 Vorstellungsverfahren: „beschäftigungsunwürdig“;  9.10. 1946 „Appeal not approved“; 19.12.1946 Military Government: „removed“ &#8211; Bestätigung der Entlassung; 22.5.1948 „Mitläufer“ 2000 RM Sühnezahlung, 1862 RM Kosten des Verfahrens. StAB &#8211; 9548</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-41 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>39.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Schlunck, Franz,</strong> Dr. med., praktischer Arzt; Beamter; *28.8.1897; Eiswette 1933; SA 1933-1934; NSV; aus dem Amt entlassen; 29.5.1946 „Appeal approved“; 14.9.1946 Berufungsausschuss zur Nachprüfung von Beamtenentlassungen: Berufungsverfahren abgelehnt; 10.2.1947 Vorstellungsgesuch abgelehnt; 14.6.1947 „Appeal not approved“; 9.7.1947 „Appeal approved: employable“. StAB 9689</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 11</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-42 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>40.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Schünemann, Walther,</strong> 6.4.1896 – 1974; Eiswette 1935; Zeitungs- und Buchverleger; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>; Reichskulturkammer, Reichspressekammer (1936 ausgeschlossen), Reichsschrifttumskammer; Öffentlicher Kläger: NS-Propaganda als Zeitungsverleger der „Bremer Nachrichten“; im November 1948 „minderbelastet“;15.2.1949 „nicht betroffen“. StAB – 10073 bis -10076 (4  umfangreiche Aktenordner für die Brüder Walther und Carl, der Mitglied der NSDAP war)</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-43 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>41.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Smidt, Hans,</strong> Dr. med., Professor, Direktor der Chirurgie in der Klinik der Krankenanstalt Bremen; *9.10.1886; Eiswette 1934; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span>; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm 1933</span>; <span style="color: #00ccff;">Verband der alten Burschenschaften V.D.A.; NS-Reichskriegerbund</span>; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1933; NS-Ärztebund 1938; NSV; NSDAP 1937; am 9.1.1946 durch die Militärregierung überprüft und im Amt gelassen; 23.3.1948 Spruchkammer: „Mitläufer“, 2000 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahrens; 20. August 1948 Widerspruch; 27.August 1948 Berufungskammer (Vorsitz Dr. Brassel) im schriftlichen Verfahren: „Entlastet“. StAB &#8211; 10573</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-44 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>42.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Stapelfeldt, Franz,</strong> Direktor der „AG Weser“; 18.1.1877 – 4.6.1954; Eiswette 1933; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span>; NSV; NSDAP 1937; Wehrwirtschaftsführer 1940; Mai 1945 bis Februar 1946 interniert; von der Militärregierung entlassen; 2.8.1946 Vorstellungsgesuch stattgegeben; am 8.2.1947 im „Weser-Kurier“, am 12.2. im Rundfunk Aufruf: Zeugen in seinem Verfahren gesucht; 18.2.1947 Sonderausschuss Stapelfeldt: nur „nomineller“ Nationalsozialist (4:1 Entscheidung gegen Hermann Prüser &#8211; KPD, Mitglied im Hauptausschuss zur Entnazifizierung;  Prüser legt daraufhin sein Mandat in der Spruchkammer zur Entnazifizierung nieder); am 2.3.1948 Öffentlicher Aufruf des Klägers zur Zeugenfindung; 10.3.48 „entlastet“; 15.2.1949 „Nicht betroffen“; StAB 4 Ordner über 755 Seiten; -10733 bis -10736</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 12</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-45 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>43.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Stein, Fritz,</strong> Dr. med., Praxis als Frauenarzt; *2.9.1889; Eiswette 1933; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft Transrhenania München &#8211; Narbe an linker Wange und Schläfe</span>; SA-Marine1934 – 1936; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1936; NSV; NS-Ärztebund 1940; 8.9.1945 – 16.7.1946 interniert im Interment Camp 74 Ludwigsburg/Württemberg; 13.9.1946 „removed“ – „will be allowed private and Kassen practice with restricted income“; 19.5.1947 Vorstellungsverfahren „Appeal approved“; 5.2.1948 „Mitläufer“ 2000 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahrens 1500 RM. StAB -10797</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-46 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>44.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Stuck, Robert,</strong> Direktor der Bremer Bank, Filiale Dresdner Bank; *19.10.1889; Eiswette 1924; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1933; Bankenausschuss der Deutschen Arbeitsfront (DAF) 1935; NSV; NSKK 1939; NSDAP 1939; im Juni 1945 einen Monat lang interniert, bis 19. September unter Hausarrest; 14.11.1945 Employement Discretionary – ins Belieben der deutschen Behörden gestellt; 10.12.1945 „Non-employment“; 8.5.1946 Vorstellungsausschuss: „beschäftigungsunwürdig“; 12.9.1946 Military Government „Appeal disapproved“; jahrelanger Kampf des Betriebsrates gegen seine Wiedereinstellung; 11.5.1948 „Mitläufer“ 2000 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahrens; StAB &#8211; 11039</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-47 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>45.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Stickan, Franz,</strong> Reedereidirektor; 5.7.1887 – 3.12.1953; Eiswette 1929; NSDAP 30.4.1933; 18.12.1945 Notiz auf dem Fragebogen: „No objection to retentation. Employee Retained“ – keine Entlassung; Sühnebescheid 27.4.1948 „Mitläufer“ – Sühnezahlung 2000 RM; 28.5.1948 Spruchkammer: Sühnebescheid aufgehoben, „überhaupt nicht belastet“ – „nicht betroffen; StAB &#8211; 10885</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-48 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>46.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Stüsser, Theodor,</strong> Apotheker, Inhaber der „Einhorn“-Apotheke; *13.2.1883; Eiswette 1930; Freimaurer; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft Germania Marburg &#8211; 4 „Schmisse“; Deutscher Offiziersbund Bremen -Kameradschaftliche Vereinigung der Reserve-Offiziere seit 1.10.1913</span>; NSDAP 30.4.1933; 19.2.1946 „Removed“; 30.10.1946 „Employement discretionary“ – ins Belieben der deutschen Behörden gestellt; 13.9. 1946 Headquarters Office of Military Government für Bremen: „Will be allowed to continue in profession with restricted income.“ 22.4.1948 Spruchkammer: „Nicht betroffen“. StAB &#8211; 11064</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 13</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-49 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>47.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Tellmann, Arend,</strong> Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar; *27.7.1894; Eiswette 1935; Mitglied in zwei Freimauer-Logen („Zum Ölzweig“ vom 1.4.1927 – 1.11.1937 und „Andreas-Loge“ vom 8.10.1931 – 11.1.1937); <span style="color: #ff0000;">Freikorps Marburg / Zugführer 1920</span>; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft „Germania“ Marburg 1919 – 1921 – „1. Chargierter“; Altherrenbund der Burschenschaft „Germania“ Marburg 1921; Vereinigung der alten Burschenschaften (V.D.A.) Bremen 1921; Deutscher Gardeverein e.V. 1922; Offiziersverein R.I.R. 262 -1925; Deutscher Offiziersverband – zwanziger Jahre; Kameradschaftliche Offiziersvereinigung Bremen – zwanziger Jahre</span>; <span style="color: #ff0000;">Freicorps Caspari seit 1925</span>; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm 1931</span>; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span>; SA 1934; NS-Rechtswahrerbund; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichskriegerbund</span>; Reichsluftschutzbund; NSDAP 1935; <span style="color: #ff0000;">Zugführer beim Volkssturm (bei der Sicherheitspolizei) in den lelzten vier Wochen vor der Einnahme Bremens</span>; 4.11.1946 Military Government: „Non-employment“; 12.4.1947 „Headquarters – Action Sheet“, auf Veranlassung des „Chief Legal Officer“ „removed“; 24.8.1948 Spruchkammer: „Belastet“ – Kategorie II – „als Führer des Volkssturms Errichtung von Straßensperren beim Einmarsch der Alliierten“; 23.12.1948 Spruchkammer: „Vom Gesetz nicht betroffen“; 12. Januar 1949 Arbeitserlaubnis erteilt vom Senator für Befreiung. StAB – 11181</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-50 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>48.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Theye, Fritz,</strong> selbstständiger Handelsvertreter; *5.12.1907; Eiswette 1935; SA-Marine 1934; NSDAP 1937; 26.4.1948 „wegen geringen Einkommens und Vermögens nicht betroffen“. StAB &#8211; 11227</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-51 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>49.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Weidemann, Alexander,</strong> Direktor und Aufsichtsrat der Lloyd Dynamo Werke AG; Mitglied der Handelskammer; *21.5.1881; Eiswette 1930; Freimaurer (Loge Herder); <span style="color: #ff0000;">Bremer Stadtwehr von 1919 bis zur Auflösung</span>; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span>; NSV; NS-Bund Deutscher Technik; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1934; Wehrwirtschaftsführer; Abwehrbeauftragter in der Firma 1938; 26. September 1945 entlassen; 25.10.1945 von der Miliärregierung „removed“; bestätigt am 23. Januar 1946; 24.9.1946 Feststellungsbescheid des Hauptausschusses für die Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus: „beschäftigungsunwürdig“ (Vorsitz Prüser); bestätigt am 23.1.1947; 5.4.1948 „Mitläufer“ – 2000 RM Sühnezahlung; 4.11. 1948 Spruchkammer: „Entlastet“. StAB &#8211; 11984</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 14</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-52 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>50.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Wragge, Wilhelm,</strong> Inhaber der Firma Brennmaterialien-Vertrieb Wilhelm Wragge (Kohlenhändler); *12.12.1885; Eiswette 1934; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm 1933</span>; NSDAP 1937; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichskriegerbund 1939</span>; entlassen; 21.11.1945 Vorstellungsgesuch offensichtlich abgelehnt; 27.9.1946 Militärregierung: „Appeal approved“; 29.3.1946 Vorstellungsgesuch abgelehnt: „beschäftigungsunwürdig“ – Militarist; 26.4.1948 „Mitläufer“ &#8211; 510 RM Sühnezahlung. StAB – 12595</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-53 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>51.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Wuppesahl, Carl A.,</strong> Assekuranzsmakler, Teilhaber der Firma C. Wuppesahl – Schwerpunkt Seeschifffahrt und Welthandel (9 Angestellte); 5.7.1873 – 1.12.1954; Eiswette 1924; Freimaurer;  Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1933; Patenschaft der SA; NSFK; NSV; auf dem Fragebogen vom 2. Oktober 1945 verschweigt er  die Mitgliedschaft in der Allgemeinen SS und im NSFK; 19. April, 22. Mai und 29. August 1947 jeweils: „appeal approved“ –„employable“; 19.4.1948 „Mitläufer“ 2000 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahrens; 31.5.1948 Spruchkammer (schriftliches Verfahren): Sühnebescheid aufgehoben, „Nicht betroffen, Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last. StAB – 12643</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-54 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>52.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Wuppesahl, Henrich,</strong> Assekuranzmakler, Teilhaber der Firma C.Wuppesahl, Schwerpunkt Seeschifffahrt und Welthandel (9 Angestellte); Sohn von Carl A. Wuppesahl; *31.10.1903 (75 -80 % schwerbeschädigt infolge einer spinalen Kinderlähmung); Eiswette 1935; NSDAP 1933; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1933; Patenschaft SA 1938; 12.2.1946 Vorstellungsgesuch: vorläufige Erlaubnis zur Beibehaltung seiner Stellung, bis das Vorstellungsverfahren abgeschlossen ist; 24.9.1946 Vorstellungsverfahren: „beschäftigungsunwürdig“ 11.1.1947 Ausschuss: „beschäftigungsunwürdig“; 19. März 1948 Spruchkammer: „Nicht betroffen“, Verfahren eingestellt aufgrund von Invalidität von mindestens 50 %; StAB &#8211; 12644</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 15</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-31-verfahren-von-eiswettgenossen-die-zwischen-1949-und-1954-mitglieder-wurden">Die 31 Verfahren von Eiswettgenossen, die zwischen 1949 und 1954 Mitglieder wurden</h2>



<p>Von den 145 neu aufgenommenen Genossen waren 25 Mitglieder der NSDAP gewesen (17%). 31 mussten sich einem Entnazifizierungsverfahren stellen (21%). </p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-55 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>1.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Adler, Richard,</strong> Reeder; Gesellschafter der ARGO-Reederei; im Vorstand der Atlas-Levante-Linie; *15.5.1881; Eiswette 1950; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1935; Entlassung (dissmissal) im Vorstellungsverfahren am 15.11.1945: am 10.12. 1945 von der Militärregierung rückgängig gemacht („rescinded“); 7. 1.1948 Sicherheitsüberprüfung durch Security Office for Bremen; Ergebnis aus Berlin Document Center negativ am 8.4.1948. StAB – 29.</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-56 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>2.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Borgward, Carl Friedrich Wilhelm,</strong> Automobilfabrikant, *1.10.1890 – 28.7.1963; Eiswette 1950; Obersturmführer im NSKK; NSDAP 1938; Wehrwirtschaftsführer 1938 &#8211; Rüstungsinspektion Hamburg; Rüstungsobmann Hamburg 1943; entlassen; Klage dagegen &#8211; 6.12.1947: „Belastet“; Spruchkammer 24.12.1947: „minderbelastet“ – Sühnezahlung: 50.000 RM; 7.7.1948: „minderbelastet“ – Sühnezahlung: 5000 DM; im „Nachverfahren“ am 15.7.48 aufgehoben zugunsten des „Mitläufer“-Status – Sühnezahlung: 2000 DM. StAB -1188 bis 1190.</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-57 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>3.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Carl, Friedrich,</strong> Oberfinanzpräsident; *1.7.1876; Eiswette 1949; <span style="color: #00ccff;">seit 1904 Offiziersverband ehemaliger 126er Stuttgart</span>; NS –Reichs-Beamtenbund (RDB) 1934; NS-Rechtswahrerbund 1935; NSV; NSDAP 1939; Entlassung; 13.09.46 „Appeal approved“ &#8211; Entlassung rückgängig gemacht; 10.04.1948 „Mitläufer – Sühnezahlung 2000 RM; 16.10.1948 „Entlastet“ StAB – 2821.</p>
</div>
</div>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="165" height="124" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ns-rechtswahrerbund-1.jpg" alt="" class="wp-image-1072"/></figure>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-58 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>4.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Carstens, Karl,</strong> Dr. jur., Rechtsanwalt; 14.12.1914 – 30.5.1992; Eiswette 1953; 1933 – 1935 Dienst im SA-Hochschulamt München; NS-Rechtswahrerbund 1937; NSDAP 1940; 24.4.1948 Sühnebescheid: „Mitläufer“ – 1170 RM Sühnezahlung; 5.Juni 1948 Verfahren eingestellt; 3. August 1948: „Entlastet“. StAB &#8211; 1830  </p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-59 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>5.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Deiters, Fedor,</strong> Kaufmann, * 5.06.1906; Sohn von Friedrich Deiters (s.o.); Technischer Kaufmann-Prokurist im Betrieb seines Vaters Norddeutsche Spinn- und Webstoff-Handelsgesellschaft Deiters &amp; Co; Eiswette 1949; Mitglied der SS seit 2.9.1931 (Mitglieds-Nummer 19 244) – Obersturmführer;   </p>
</div>
</div>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="344" height="370" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ss-totenkopfring.png" alt="" class="wp-image-1074" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ss-totenkopfring.png 344w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/11/ss-totenkopfring-279x300.png 279w" sizes="(max-width: 344px) 100vw, 344px" /></figure>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-60 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p> </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p>Träger des SS- Totenkopfrings; Mitglied der NSDAP seit 1. Dezember 1931 (Mitglieds-Nummer 764 903); bis 1.4.1938 im Rassen- und Siedlungshauptamtes tätig; danach beim Stab XIV (?); 17. August1939 bis November Militärdienst; dann bis Ende des Krieges unabkömmlich (u. k.) gestellt, weil er „von der Firma bei der kriegsbedingten Umstellung der Produktion dringend benötigt wurde“; später wegen der Folgen eines Betriebsunfalls „ausgemustert“; seit 1941 in Holland Betriebsleiter der Firma N.V. Textielmaatschappij v.h. M. &amp;S. Serphos in Enschede; zunächst als „Treuhänder“; ab Ende 1942 als „Betriebsführer“; 21.6.1944 Beförderung zum Obersturmführer; nach dem Krieg Aufenthalt unbekannt; am 9.7.1946 Internierung durch die britische Militärregierung im Lager 2.C.I.C. Sandbostel; am 23.11.1947 Spruch des Spruchgerichts der Spruchkammer Stade: 2500 RM Geldstrafe, durch die Internierung abgegolten. Entlassung am 2. Dezember 1947<em>[1]</em>; Entnazifizierungsverfahren in Bremen im April 1948; in der Akte befindet sich der politisch belastende Bericht des „Investigators“ mit zahlreichen Zeugenaussagen; das Spruchkammer-Verfahren und sein Ergebnis fehlen. StAB &#8211; 2075</p>
</div>
</div>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Bundesarchiv Koblenz Bestand Z 2 Spruchgerichte in der Britischen Besatzungszone &#8211; Signatur Z 42 VII/2480</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 16</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-61 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>6.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Grobien, Tom,</strong> Kaufmännischer Direktor der Haacke-Beck-Brauerei; *5.09.1904; Eiswette 1954; Allgemeine SS 1933 &#8211; Rottenführer 1935 – 1937; NSDAP 1937; wahrscheinlich entlassen; 3.7.1948 „Mitläufer“ – 2000 DM Sühnezahlung; 22.12.1948 Berufung: „entlastet“.  StAB &#8211; 3725</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-62 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>7.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Hartung, Bernhard,</strong> Prokurist des Bankhauses Martens &amp; Weyhausen (bis 31. 1.1934 Bankhaus Schröder); *26.10.1905; Eiswette 1954; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>; SA September 1933 – Rottenführer SA Reserve 1936 bis 1939; NSDAP 1937; NSV; 11.1. 1946 entlassen („removed“);  9.2.1946 Vorstellungsverfahren: Wiedereinstellung abgelehnt; Einspruch bei der Militärregierung ebenfalls abgelehnt; 27.2.1946 Vorstellungsgesuch: noch einmal „removed“ – Anmerkung von der Militärregierung: „His employment in other than ordinary labor is prohibited“; Beschäftigung nur als einfacher Arbeiter erlaubt; 1.4.1946 Vorstellungsverfahren: „beschäftigungsunwürdig“; 19.8.1946 Widerspruch erneut abgelehnt; 27.2.1947 erneut „Removed“ -„Appeal disapproved“. 16.6.1947 Vermerk auf dem Meldebogen: „Vermögen gesperrt!“; 20.4.1948 „Mitläufer“ – Sühnezahlung 2000.- RM. StAB – 4135</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-63 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>8.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Hehnn, Robert,</strong> Teilhaber und Prokurist der Firma Friedrich Hehnn &amp; Co – Textilgroßhandel und Berufskleidungsfabrik (30 Angestellte); *10.4.1907; Eiswette 1954; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft Teutonia Reutlingen seit 1927</span>; NSKK 1934 / Rottenführer; NSDAP 1937; 7.3.1946 entlassen; 6 Monate im Arbeitseinsatz bei Aufräumungs- und Aufbauarbeiten (Trümmerarbeiten); anschließend als kaufmännischer Angestellter im Arbeitsamt tätig; 10.7.1946 Vorstellungsverfahren; „beschäftigungswürdig“; 20.9.1946 dito: „retained“; 26.4.1948 „Mitläufer“ – 200 RM Sühnezahlung. StAB – 4222.</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-64 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>9.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Hesse, Gustav,</strong> kaufmännischer Direktor im Vorstand des Überlandwerks Nordenham – Bremen; *12.12.1887; Eiswette 1954; NSKK 1933; NSV; NSDAP 1940; entlassen; 17.5.1946 „Appeal not approved“; 11.2.1947 Vorstellungsverfahren: „Appeal approved“; 22.4.1948 „Mitläufer“ – 870 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 4501</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-65 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>10.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Kellner, Hernry,</strong> *26.12.1904; Teilhaber und Prokurist der Deutschen Cement Industrie H.Kellner &amp; Co; Eiswette 1954; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1934; NSKK 1934; NSV; NSDAP 1937; entlassen; 4. Oktober 1945 „Non-employment“- „removed“; 11. Juni1946 erneut „removed“; 11. Juni 1946 Vorstellungsverfahren: dem Antrag wird stattgegeben; 26.11.1947 „Mitläufer“ – 2000 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 5393</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-66 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>11.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Lenderoth, Axel,</strong> Prokurist der Firma Wachsmuth -Fliesenhandel; *20.6.1896; Eiswette 1954; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm 1930 – Kreisführer 1934</span>; NSDAP 1937; entlassen; 12.6.1946 „Appeal not approved“ dito 17.9. und 17.11.1947; 26.4.1948 „Mitläufer“ – 810 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 6531</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 17</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-67 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>12.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Leverenz, Hermann,</strong> Persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Franz Neelmeyer &amp; Co.; *12.3.1888; Eiswette 1949; SA- Reitersturm 1933-1934; NSDAP 1937; entlassen; 30. November 1945 Entscheidung der Militärregierung: „Employment discretionary“ – ins Belieben der deutschen Behörden gestellt; 26.4.1948 „Mitläufer“ – 2000 RM Sühnezahlung. StAB &#8211; 6560</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-68 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>13.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Lützow, Friedrich,</strong> Textilwarenhandel in der Sögestraße; *9.6.1887; Eiswette 1954; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm</span>; NS-Reichskriegerbund; NSV; NSDAP 1937; 15.3.1947 „Appeal approved“ &#8211; employable; 9.4.1948 „Mitläufer“ – 1410 Sühnezahlung. StAB &#8211; 6863</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-69 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>14.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Ohlrogge, Gert,</strong> Spediteur und Reeder – Teilhaber und Bevollmächtigter der Firma Karl Gross Brake in Bremen, Oldenburg und Hamburg; *8.4.1904; Eiswette 1954; NSDAP 1930; SA-Reserve 1932 &#8211; zeitweise Obertruppenführer; Abwehrbeauftragter der Gestapo für seine Reederei; NSV; 22.9.1945 Militärregierung: „Non-employment; 28.2.1946 und 26. 8.1946 übereinstimmende Berichte der „Investigatoren“ Roschen und Göbel: Um seiner Entlassung zu entgehen, ist Ohlrogge (mit seinem Vater, der auch Mitglied der NSDAP war) zum Schein aus der Firma ausgeschieden; neuer Gesellschafter ist der Schwiegervater; O. gibt zu, dass er auch in der Leitung der neuen Firma tätig ist: die Akte wird der Staatsanwaltschaft wegen Verstoßes gegen das Gesetz Nr. 8 übergeben; 14.11.1946 Von einer Anklage wird abgesehen, weil das Gesetz Nr. 8 „nicht mehr voll in Kraft ist“. (Inzwischen war – am 5. März 1946 – das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus in den drei amerikanisch besetzten Ländern – aber noch nicht in Bremen – in Kraft getreten.) Der „Investigator“ Buchenau hält einen Untersuchungsbericht für dringend erforderlich, um Ohlrogge „zur Rechenschaft zu ziehen und ihm eine entsprechende Arbeit zuzuweisen.“ Die Akte geht offensichtlich anschließend in die britische Zone, in die O. seinen Wohnsitz inzwischen verlegt hat. Die Bremer Akte endet hier. Sie enthält keinen Meldebogen, wie er nach dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus Militarismus, das in Bremen am 9. Mai 1947 verabschiedet worden war, erforderlich gewesen wäre. Sie enthält nur den Fragebogen vom 8.7.1945. StAB &#8211; 8075</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 18</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-70 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>15.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Otten, Albert,</strong> Dr. med.; Zahnarzt; *1.1.1911; Eiswette 1954; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft Germania (Narbe auf der rechten Wange)</span>; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1934; NS-Ärztebund 1938; NSDAP vom 1.11.1930 bis 1.11.1931 und ab 1.11.1938; Führungsoffizier vom 1.4.1944 bis 6.4.1945; Vorstellungsverfahren am 24.5.1946: „Appeal approved“; 1.7.1946: „Non employment“; 7.6.1947 „Appeal approved“; 7.4.1948 „Mitläufer“ – Sühnezahlung 570 RM. StAB &#8211; 8166 </p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-71 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>16.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Pape, Helmut Martin,</strong> Kaufmann, im Wollhandel tätig bei W.A. Fritze und G.F. Overbeck Ltd.; *10.4.1912; Eiswette 1952; NSDAP 1933; 10.3.1947 „Appeal approved“; 16.4.1948 nicht betroffen wegen zu geringen Einkommens; StAB &#8211; 8229 </p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-72 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>17.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Rockmann, Ludwig,</strong> Dr. med., Röntgenologe; 1943 Röntgenarzt im Diako; *16.5.1913; Eiswette1954; <span style="color: #00ccff;">Jenaer Burschenschaft „Turnerschaft Salia“ &#8211; Narben im Gesicht</span>; NSDAP 1.7.1932; NSV; SA Juli 1933 – 1937; NS-Altherrenbund 1938; 13.12.1946 Untersuchungsausschuss: nur nomineller Nationalsozialist; 15.4.1947 „Apeal not approved“; 20. November 1947 „removed“; 4.4.1948 „Mitläufer“ 720 RM Sühnezahlung; der öffentliche Kläger hebt den Sühnebescheid auf (ohne Datum); StAB &#8211; 9059 </p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-73 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>18.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Rolfs, Wolfram,</strong> seit 1951 Prokurist (ohne nähere Angaben); <sup>* </sup>9.7.1911; Eiswette 1950; NSDAP Juli 1933; NSV; 9.7.1948 wegen geringen Einkommens „nicht betroffen“. StAB &#8211; 9184</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 19</p>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>19.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Schäfer, Johann-Heinrich,</strong> Möbelfabrikant; Direktor und Mitinhaber der Firma Schäfer &amp; Co., ein von der Wehrmacht „betreuter“ Betrieb in Bremen-Steintor; *12.11.1893; Eiswette 1950; Freimaurer; <span style="color: #00ccff;">1919 Verein der Feld.-Art. Reg. 60</span>; <span style="color: #ff0000;">1919-1921 Stadtwehr Bremen</span>; <span style="color: #00ccff;">1920 Deutscher Offiziersbund; 1920 Verein ehemaliger Artilleristen; Reichskolonialbund</span>; 1942 – 1945 Abwehrbeauftragter in seiner Fabrik; 29.5.1946 Vorstellungsverfahren: „beschäftigungsunwürdig“; 7. Juni 1948 Spruchkammer: Vom Gesetz nicht betroffen, Verfahren eingestellt. StAB -9436 und -9437</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>20.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Schellhass, Irwin,</strong> Kaufmann, Teilhaber der Firma Großhandel-Versand C.I. Schellhass &amp; Co.; *9.4.1902; Eiswette 1954; NSDAP Mai 1933; NSV; 10.9.1946 Vorstellungsgesuch angenommen; 11.2.1947 Military Government: Appeal approved; 27.4.1948 „Mitläufer“ 960 RM Sühnezahlung; öffentlicher Kläger beantragt Aufhebung des Sühnbescheids (ohne Datum); Entscheidung fehlt in der Akte. StAB &#8211; 9520 </p>
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</div>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>21.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Schilling, Eduard,</strong> Kaufmann, 3 Kommanditgesellschaften: Schilling &amp; Co., Kaffee Schilling &amp; Sohn, Ad. Hagens &amp; Co. (mehrere hundert Angestellte); *19.9.1899; Eiswette 1950; NSKK 1936 – 1938; NSDAP 1937; 14.12.1945 freiwilliger Verzicht auf Ausübung seiner Tätigkeit; 24. Juli 1946 vorläufige Arbeitserlaubnis; 21.1.1947 Military Government: „Appeal approved“; 7.4.1948 „Mitläufer“, 2000 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahren: ca. 50.000 RM (Vermögen ca. 4,5 Millionen RM); 15.6.1948 Verminderung der Kosten auf 15.000 RM. StAB -9588</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 20</p>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>22.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Schlender, Ernst,</strong> Prokurist der Rolandmühle Erling Co. und der Gercke Deppen Hansamühle G.m.b.H; *15.2.1888; Eiswette 1949; NSV; NSFK 1942; NSDAP 1937; Vorstellungsgesuch am 16.11.1945 stattgegeben; 11.2.1946 Military Government keine Einwände gegen Beschäftigung; 7.4.1948 „Mitläufer“, 2000 RM Sühnezahlung und Kosten des Verfahrens, 19.6.1948 festgelegt auf 2200 RM. StAB &#8211; 9629</p>
</div>
</div>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>23.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Schultz, Karl,</strong> Dr. Ing., Diplom-Ingenieur, leitender technischer Angestellter (Bauleiter); seit Oktober 1946 Geschäftsführer der Firma Carl Brandt; *28.6.1911; <span style="color: #00ccff;">Burschenschaft Neofranconia Breslau- Narben auf der linken Gesichtshälfte</span>; Eiswette 1949; NSDAP 1933; 23. August 1946 Vorstellungsgesuch stattgegeben; 12.Dezember 1946 „Appeal approved“; 31.12.1946 „Non-employment“ durch die Militärregierung; 20. Januar 1947 „Temporary authorisation“; 13.4.1948 „Nicht betroffen“ wegen geringen Einkommens und Vermögens StAB &#8211; 10138</p>
</div>
</div>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>24.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Specht, Walter,</strong> Schiffsmakler, Gebrüder Specht, Kohleimporteur; *20.4.1901; Eiswette 1954; <span style="color: #00ccff;">Reichskolonialbund</span> 1938; NSDAP 1933; Sachverständiger für das Seeschifffahrtsamt in Bordeaux von 1940 bis 1945; 2.12.1946 Vorstellungsgesuch angenommen; 11.6.47 Vorstellungsverfahren „Appeal approved“ 20.4.1948 „Mitläufer“, 2000 RM Sühnezahlung und 2237 RM Kosten des Verfahrens; Einspruch am 21.Juni 1948 abgelehnt; StAB &#8211; 10633</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-80 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>25.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Vilmar, A.,</strong> Dr. med., Arzt; *10.12.1896; Eiswette 1950; NSV 1934; Förderndes Mitglied der allgemeinen SS 1936; NSDAP 1937; 28.5.1948 „Mitläufer“, 2000 RM Sühnezahlung. StAB – 11664</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 21</p>



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<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-81 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>26.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Volkmann, Walter,</strong> Prokurist der Firma Steup &amp; Fasche Bremen; *21.10.1882; Eiswette 1952; <span style="color: #00ccff;">Deutscher Offiziersbund; Verein ehemaliger 47. Feldartillerie (seit 1920); Verein ehemaliger Artilleristen (seit 1932); Verein ehemaliger Reitschüler</span>; <span style="color: #ff0000;">Stahlhelm &#8211; Landesführer Niederlassung Nordsee</span>; VDA; Reichsluftschutzbund; NSDAP 1936; 11. August 1948 „Vom Gesetz nicht betroffen“; Einstellung des Verfahrens. StAB – 11726  </p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-82 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>27.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Wendt, Rudolf,</strong> Kaufmann, seit 1913 Geschäftsführer der Deutschen Heringshandels-Gesellschaft G.m.b.H.; *9.4.1882; Eiswette 1949; VDA; Freimaurer; Förderndes Mitglied der Allgemeinen SS 1934; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichskriegerbund</span>; 8.11.1945 Schreiben des Headquarter Office of Military Government: die Firma wird aufgefordert, W. zu entlassen, da er ein „bekannter Nazi“ sei; 30. Januar 1946 Vorstellungsverfahren (Vorsitz Willi Ewert): Antrag stattgegeben – Weiterbeschäftigung; 22.4.1948 „Mitläufer“ Sühnezahlung 2000 RM; 27.5.1948 Entscheidung aufgehoben durch die Spruchkammer: „nicht betroffen“. StAB – 12091</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-83 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>28.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Wenhold, Hermann,</strong> Teilhaber der Firma C.F. Corssen &amp; Co., die Handelsbeziehungen zu Belgisch-Kongo hatte – Einfuhr von Palmkernen, Palmöl, Kakao, Holz, Baumwolle, Faserstoffe, Sisal; 14.3.1891 – 15.3.1976; Eiswette 1950; <span style="color: #00ccff;">NS-Reichskriegerbund</span>; Wehrwirtschaftsführer 1942; 13.6.1945 zum Senator ernannt; trat am 30.3.1946 wegen seiner Tätigkeit als Wehrwirtschaftsführer zurück; er kam der Absicht der Militärregierung zuvor, ihn aus Senat und Bürgerschaft zu entfernen; 1. April 1946 der vollständige Bremer Senat mit Kaisen an der Spitze (10 Unterschriften, u.a. Adolf Ehlers und Alfred Faust) verlangt von der Militärregierung seine Rehabilitation und erklärt ihn für „unentbehrlich“ für Bremen; 8.4.1946 Vorstellungsverfahren – der Feststellungsausschuss unter Vorsitz des späteren (ersten) „Befreiungssenators“ Aevermann kann bei Wenhold „keine politische Belastung erblicken, die dem Aufbau des neuen demokratischen Deutschlands irgendwie abträglich wäre“; 25. Juni 1946 „Investigator“ Roschen: Wenhold kann nicht als Nazi-Gegner angesehen werden, weil er nicht zum Wehrwirtschaftsführer ernannt worden wäre, wenn er politisch unzuverlässig gewesen wäre; auch hat er der Ernennung nicht widersprochen. Er hat keinen Widerstand geleistet. Vermögen blockiert; 24.8.1946 Vorstellungsgesuch stattgegeben; der (neue) „Befreiungssenator“ Lifschütz fordert den öffentlichen Kläger Frese auf, ein Entnazifizierungsverfahren gegen Wenhold anzustrengen; 21.1.1948 Hauptkläger Hollmann verdächtigt ihn, „Nutznießer des Systems gewesen zu sein“, will ihn als „Hauptschuldigen“ anklagen; Januar 1949 Versuch einer Wiederaufnahme des Verfahren, unklar von wem; wird abgelehnt wegen Chancenlosigkeit: die Unterlagen fehlen in der Akte. StAB &#8211; 12094  </p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 22</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-84 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>29.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Wentzien, Hermann,</strong> Rechtsanwalt und Notar; *25.1.1907; Eiswette 1952; NS-Rechtswahrerbund 1936 &#8211; Gaulehrwart; NS-Altherrenbund 1938; „Investigation“ weil er auf dem Fragebogen den Gaulehrwart für den NS-Rechtswahrerbund verschwiegen hatte; keine Entscheidung in den Akten; sehr wahrscheinlich „nicht betroffen“. StAB &#8211; 12103</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-85 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>30.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Wohltmann, Heinrich,</strong> Vizekonsul von Honduras, Kaufmann, Inhaber der Firma Heinrich Wohltmann, Korkgroßhandlung, Einfuhr von spanischen und portugiesischen Landesprodukten; *6.9.1889; Eiswette 1949; NSDAP 1937; entlassen; Vorstellungsgesuch am 11.1.1946 offensichtlich angenommen; 27.4.1948 „Mitläufer“, 2000 RM Sühnezahlung; am 2.9.1948 aufgehoben; „entlastet“.  StAB – 1251</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-layout-86 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:4%">
<p>31.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:96%">
<p><strong>Wulff, Carl Raimund,</strong> Prokurist in der Firma C. Wuppesahl – Assekuranz-Makler; *4.5.1905; Eiswette 1952; SA-Rottenführer 5.11.1933; NSDAP 1.5.1937; am 6.September 1946 nach zwei Jahren aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt; hat als Holzarbeiter mit Wiedergutmachungs-Brigaden im Bezirk Iwanowo zur Wiederherstellung von Fabriken und Gebäuden  gearbeitet; Trombose in den Beinen – arbeitsunfähig; 20. Oktober 1946 Vorstellungsgesuch  stattgegeben;  seine Entnazifizierungsakte nach dem Befreiungsgesetz vom 14. Mai 1947 fehlt in der Akte; möglicherweise ist gegen ihn kein Verfahren angestrengt worden. StAB &#8211; 12635</p>
</div>
</div>



<p class="has-text-align-right">Seite 23</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="widerstandslos-stilbluten-der-unschuld">Widerstandslos / „Stilblüten“ der Unschuld</h2>



<p>In den überwiegenden Fällen wurden wirtschaftliche Gründe für den Eintritt in NS-Organisationen angeführt. Die Frage der Parteimitgliedschaft stellte sich in den verschiedenen Wirtschaftszweigen ganz unterschiedlich. Eine Seeassekuranz stand naturgemäß nicht im Focus des Parteiinteresses; eine Schiffswerft oder eine Fahrzeugbau-Firma, besonders wenn sie auch für die Rüstung produzierten, dagegen sehr; auch Verlage, besonders Zeitungsverlage. Ein Möbelhersteller, ein (Fahnen)Tuchproduzent, ein Kohle- oder Fliesengroßhändler dagegen konnte – umgekehrt &#8211; sehr wohl Interesse an engem Parteikontakt haben, um bei staatlichen oder Partei- Aufträgen Berücksichtigung zu finden. Die Entnazifizierungsverfahren hatten letztlich keine Auswirkungen auf die persönlichen und wirtschaftlichen Karrieren, die sich höchstens zeitlich etwas verzögerten. Mit politischer Überzeugung hatte die Mitgliedschaft in einer NS-Organisation angeblich nie etwas zu tun, nicht einmal mit Politik. In fast allen Verfahren ging es um die Einordnung in die Kategorien „Nicht vom Gesetz betroffen“ oder „Mitläufer“. Im Mittelpunkt stand dann nur noch der Privatmann, der seine Untadeligkeit mit Leumundszeugnissen von Pastoren, Gemeindemitgliedern, Nachbarn, ganz selten von (halb) jüdischen Ärzten oder Angestellten zu beweisen sich bemühte. Findige Rechtsanwälte hatten sich auf die Auslegung des „Befreiungsgesetzes“ spezialisiert, und mancher hat sich damit eine gute berufliche Startposition verschafft. Neben den Rechtsanwälten waren es zunehmend die Spruchkammervorsitzenden, die in ihrem Bestreben, die Verfahren im Frühjahr 1948 zu einem Ende zu bringen, manches großzügig übersahen oder übergingen, was einer näheren Prüfung nach dem Gesetz bedurft hätte. Es bietet sich insgesamt ein Bild, das Hans Hesse im Titel seiner großen Untersuchung über die Entnazifizierung im Bremer Raum benutzt hat: „Konstruktionen der Unschuld“.<em>[1]</em>Eine Definition von „Entnazifizierung“ in diesem Sinne finden wir bereits 1959 in einem historischen Standardwerk: „Als Methode versteht man hierunter ein (…) Verfahren, das (…) jeden Deutschen veranlasste, zum Zwecke seines bürgerlichen Fortkommens andere und schließlich sich selbst glauben zu machen,  dass er eigentlich nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt habe.“<em>[2]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Hermann Hesse, Konstruktionen der Unschuld, a.a.O. (Vgl. Anmerkung Nr.2)<br><em>[2] </em>Karl Dietrich Erdmann, Die Zeit der Weltkriege. Stuttgart 1959. Verbesserter Nachdruck 1960 (Bruno Gebhard, Handbuch der deutschen Geschichte, 8. Aufl., Bd. 4, hrsg. von Herbert Grundmann), S. 335. Erdmann, einer der renommierten Historiker zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert war politisch wegen eines NS-freundlichen Schulbuchs umstritten. Im „Historikerstreit“ nahm er eine scharfe Gegenposition zu Fritz Fischers These vom Griff des deutschen Kaiserreichs nach der Weltmacht ein.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 24</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>Im Folgenden seien einige „Stilblüten“ aus dem Repertoire der Unschuldsbeteuerungen zitiert.  Da die formalen Mitgliedschaften im Mittelpunkt der Verfahren standen, wurde deren politische Dimension mit einfachen Argumenten heruntergespielt. Das galt besonders für die fördernde Mitgliedschaft in der SS. Zwei Eiswettgenossen wussten noch nicht einmal, dass sie Mitglieder waren. Erst nach dem Krieg erfuhren sie es angeblich von ihren Frauen, die, ohne ihr Wissen, die Mitgliedsbeiträge bezahlt hatten. („Als seinerzeit der Abschnitt Schwachhausen der SS in unsere Nachbarschaft übersiedelte, hat meine Frau in meinem Namen monatliche Zahlungen“ geleistet.“) Einer wurde „gelegentlich eines Bierabends in den Clubräumen der Böttcherstraße dazu überredet, einzutreten“; einem anderen widerfuhr das gleiche Schicksal bei einem nicht näher beschriebenen „Ausflug“. Ein Kaufmann hatte 1936 „nach weiterer Unterdrucksetzung durch Behörden und Parteidienststellen seinen Beitritt zur Partei anmelden müssen.“ Von da an habe er aber „von der Partei nichts mehr gehört.“  Das Mitglied einer Freimaurer-Loge trat in die allgemeine SS ein, „um den fortgesetzten Anfeindungen als Freimaurer, welche gerade von der SS betrieben wurden, Einhalt zu gebieten.“ Ein Zahnarzt „wagte nicht, sich zu widersetzten“, als ihm „der strikte Befehl“ gegeben wurde, in die NSDAP einzutreten. Im Widerstand sah man sich schon, wenn man sein Kind weiterhin zu seinem „halbjüdischen“ Arzt schickte. Der Kinderarzt Professor Rudolf Hess wurde so oft bedrängt, dass er eine Erklärung verfasst hatte, in die er nur noch den Namen des Betroffenen einfügen musste. Darin bescheinigte er, dass der Betroffene<em> „</em>damit aktiven Widerstand gegen den Terror geleistet hätte“. Vier Eiswettgenossen legten diese Erklärung vor. Im Entnazifizierungsverfahren gegen Borgward trat Heß sogar persönlich als Zeuge in dieser Sache vor der Spruchkammer auf. (Der führt dann noch die Beschäftigung einer jüdischen Privatlehrerin als Widerstandshandlung an.) Ein Betroffener hatte sich nur „äußerlich in sein Schicksal ergeben und die Beiträge für die NSDAP bezahlt.“ Ein anderer hatte sich „nicht gewehrt, als ein Nachbar im Sommer 1933 mich fragte, ob ich nicht in die Partei eintreten solle.“ Es ist erstaunlich, wie klein sich mancher gestandene Kaufmann politisch machte. Einer wurde sogar Mitglied der NSDAP, „um dauernden Anfeindungen der Partei aus dem Wege zu gehen.“   </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 25</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>Ein anderer hatte angeblich fest damit gerechnet, dass seinem Antrag auf Mitgliedschaft nicht stattgegeben würde, weil er körperbehindert war. Dabei waren viele durchaus politisch engagiert: im Stahlhelm, im Reichskolonialbund, in den Stadtwehren nach dem 1. Weltkrieg und in schlagenden Verbindungen. Eine Metamorphose der besonderen Art erlebte der republikfeindliche „Stahlhelm“, dessen Mitgliedschaft in mehreren Verfahren als Akt des politischen Widerstandes in Anspruch genommen wurde: „Als nun im Jahr 1933 nach der Machtübernahme durch die NSDAP die Diktatur einsetzte, wollte ich mich dieser selbstverständlich nicht beugen. Die einzige Möglichkeit sah ich in meinem Eintritt in den Stahlhelm, der als einzige Organisation noch Widerstand leistete.“ Demselben Betroffenen hielt die Spruchkammer übrigens zugute, dass er gar nicht anders konnte als Parteimitglied zu werden: „Er hat sich seiner Wesensart nach alles aufdrängen lassen.“ Einer vertat sich zeitlich in seiner Widerstandshaltung: „Ich habe mich dann innerlich ganz von NSKK und der Partei gelöst, der ich … erst nach dem 1. Mai 1937 beigetreten war, als im Jahre 1938 (sic!) die Nürnberger Gesetze proklamiert wurden und damit die Judenverfolgungen einsetzten.“ Die Lektüre der 83 Akten war da besonders mühselig, wo es galt, die langen Schriftsätzen der Rechtsanwälte zu studieren, in denen sich die Argumente wiederholten und wurde dort unerfreulich, wo die Laien in den Spruchkammerverfahren</p>



<p></p>



<p>den juristischen Argumentationen der Anwälte nicht gewachsen waren. </p>



<p>Die Akten bergen aber – weit über die in den Kurzfassungen der Verfahren zusammengestellten Daten hinaus – reiches Material über Lebensläufe, Lebensbedingungen und Zeitumstände, das Aufschluss gibt über die Epoche des Nationalsozialismus und seine Nachwirkungen in Bremen. Das lässt sich nur in Einzeldarstellungen herausarbeiten, die vom Verfasser zum Teil schon fertiggestellt sind. Die aufsehenerregenden Verfahren gegen den Fahrzeughersteller Carl W. Borgward, die Verleger Walther<em>[1]</em> und Carl Schünemann, sowie gegen den Direktor der „A.G.Weser“ Franz Stapelfeldt mit hunderten von Akten und Zeugen sind in der Literatur analysiert und in der Öffentlichkeit ausgiebig diskutiert worden. Sie werden nicht Gegenstand dieser Darstellung sein.  Den erschütterten, tief verunsicherten Eiswettgenossen der Nachkriegsjahre von 1918/19 suchen wir nach 1945 vergebens. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Walther Schünemann war Eiswettgenosse. Seine Akte umfasst vier dicke Ordner. Vgl. Hesse, a.a.O., S.421-423, Vgl. Akte Walther Schünermann StAB 466-I.-10073-10076.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 26</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>Wenn wir im Verlauf dieser Arbeit feststellen müssen, dass sich die Eiswette  als Institution bis heute keine Reflexion über ihre Vergangenheit gönnt und dass alle  Treffen der Eiswettgenossen in den ersten Stunden nach dem Krieg &#8211; über die im Folgenden zu berichten sein wird &#8211; unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden haben, also Zeit und Raum dafür zur Verfügung standen, kommen wir nicht um die Feststellung herum, dass hier ein großes Versäumnis stillschweigend in Kauf genommen wird. </p>



<p>Was den politischen Widerstand der Bremer Kaufmannschaft angeht, sei das vorläufig letzte Wort beim verstorbenen Bremer Bürgermeister Hans Koschnick: „Es ist zwar richtig, dass gestandene bremische Bürger selten ein positives Verhältnis zu den Anführern der sogenannten nationalen Revolution hatten und zu gerne deren unbegreifliche Handlungen gar nicht zur Kenntnis nehmen wollten. Sachgerecht konnte man dieses Verhalten nicht nennen, aber milieubedingt auch nicht tolerabel. Widerstand gegen politische Entscheidungen vermeintlicher politischer Eliten war nicht das Kennzeichen dieser gesellschaftlichen Schichten.“<em>[1]  </em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Brief an den Verfasser vom 3.12.2014. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 27</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 4 &#8211; Die Entnazifizierung der Privatwirtschaft in Bremen (1945 – 1948)</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-4-die-entnazifizierung-der-privatwirtschaft-in-bremen-1945-1948/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Oct 2019 09:27:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 04]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/?p=1021</guid>

					<description><![CDATA[Entlassungen

Schon vor der Etablierung des „Office of Military Government for Bremen Enklave (US)“ (OMGUS) im April 1946 und lange bevor die britische und amerikanische „Doppelherrschaft“ über das Land Bremen durch die Proklamation Nr. 3 vom 21. Januar 1947 endgültig zugunsten der Amerikaner entschieden wurde, war der „Special branch“ der amerikanischen Militärregierung in Bremen als oberste Instanz in Sachen ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading" id="entlassungen">Entlassungen</h2>



<p>Schon vor der Etablierung des „Office of Military Government for Bremen Enklave (US)“ (OMGUS) im April 1946 und lange bevor die britische und amerikanische „Doppelherrschaft“ über das Land Bremen durch die Proklamation Nr. 3 vom 21. Januar 1947 endgültig zugunsten der Amerikaner entschieden wurde, war der „Special branch“ der amerikanischen Militärregierung in Bremen als oberste Instanz in Sachen Entnazifizierung tätig.<em>[1]</em> Ab Mitte August 1945 begann die amerikanische Militärregierung, die am 7. Juli 1945 herausgegebene Direktive des Hauptquartiers der amerikanischen Streitkräfte umzusetzen. Alle Personen, die eine leitende Stellung in der Wirtschaft innehatten, mussten einen Fragebogen bei der „Special branch“ abgeben. In einer „Schnellaktion“ wurden 24 von 29 Großbetrieben in Bremen überprüft und zahleiche Entlassungen von leitenden Mitarbeitern wegen ihrer politischen Belastung angeordnet.<em>[2]</em>&nbsp; </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Vgl. Die Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von 1945 bis 2005, Band 1: 1945-1959, hrsg. von Karl Marten Barfuß, Hartmut Müller und Daniel Tilgner, Bremen 2008, S. 15-18 und S.32-35 <br><em>[2] </em>Vgl. Rainer Schulze, Unternehmerische Selbstverwaltung und Politik. Die Rolle der Industrie- und Handelskammern in Niedersachsen und Bremen als Vertretungen der Unternehmerinteressen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. (Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens nach 1945. Band 3 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen), Hildesheim 1988, S.429 – 432. Vgl. die grundlegende Arbeit zur Entnazifizierung im Land Bremen von Hans Hesse,   Konstruktionen der Unschuld. Die Entnazifizierung am Beispiel  von Bremen und Bremerhaven 1945-1953 (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen, hrsg. von Adolf Hofmeister, Band 67), Bremen  2005, S. 30 – 56. Vgl. Hans G. Jansen, Renate   Meyer-Braun, Bremen in der Nachkriegszeit 1945 – 1949. Politik –Wirtschaft–Gesellschaft (Bremen  im 20. Jahrhundert, hrsg. von Peter Kuckuk und Karl Ludwig Sommer),  Bremen 1990, S.134/135.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 1</p>



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<p>In Anbetracht der regimekonform ausgerichteten Eiswetten in den Jahren 1934 bis 1939, als ihr von der nationalsozialistischen Administration der Status einer „halbpolitischen Veranstaltung hohen Ranges“ zuerkannt wurde,<em>[1]</em> nimmt es nicht wunder, dass es auch unter den Eiswettgenossen Mitglieder der NSDAP oder ihr angeschlossener Organisationen gab. Im Zuge erster Entnazifizierungs-Maßnahmen, deren Grundlage die Mitgliederkartei der NSDAP war, wurden Karl Lindemann, (Norddeutscher Lloyd / Melchers), Walther Schünemann (Verleger / „Bremer Nachrichten“), Franz Stapelfeldt (AG Weser), Robert Stuck (Bremer Bank, Franz Kliemchen (Technischer Direktor und Prokurist der Dampfschifffahrtsgesellschaft „Neptun“ (D.G. „Neptun“)und Dr. med. Fritz Stein (Frauenarzt) vorübergehend interniert. Sofort entlassen aus ihren leitenden Positionen in der Privatwirtschaft wurden 35 der 129 Eiswettmitglieder des Jahres 1939 (27%),<em>[2]</em> darunter zwei aus dem alten Vorstand.<em>[3] </em>Die Entlassung eines dritten Vorstandsmitglieds  schien unmittelbar bevorzustehen.<em>[4]</em> Auch zwei „Stammmitglieder“ der ersten Nachkriegsjahre, die formell erst auf den ersten Eiswetten nach dem Krieg aufgenommen wurden, waren entlassen worden.<em>[5]</em>  In der Privatwirtschaft Bremens begann eine fast zweijährige Phase der politischen „Reinigung“, wie es damals in den Zeitungsberichten hieß. Auf der Grundlage des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945 hatten sich die Amerikaner mit großem Elan darangemacht, „alle  <br></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> So Dr. Alfred Loerner, Leiter der Außenhandelsstelle für das Weser-Ems-Gebiet (Vorstandsmitglied im „Club zu Bremen“), in einem Brief an Außenminister Konstantin von Neurath in Berlin vom 16. Dezember 1936, in dem er „Herren des Auswärtigen Amtes“ zur Eiswette einlud. Vgl. Kapitel „Mit den Wölfen geheult“ / 1936 („Nachlese“). <br><em>[2]</em> Vgl. zu den statistischen Grundlagen der Eiswette-Mitglieder das Kapitel „Die Entnazifizierungsverfahren im Überblick“, Anmerkung 35.<br><em>[3]</em> Hans Degener-Grischow und Carl August Wuppesahl. <br><em>[4]</em> Otto Heins war auf Antrag der Bildungsbehörde zwar am 15. 1. 1946 von der Militärregierung vorläufig als Studienrat an der Oberschule für Jungen im Westen (später Gymnasium am Waller Ring) zugelassen worden, hatte aber dem Bildungssenator seine NSDAP-Mitgliedschaft  verschwiegen. <br><em>[5]</em> Friedrich Carl, Eiswettgenosse seit 1949 und Hermann Wenhold, Eiswettgenosse seit 1950. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 2</p>



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<p>Mitglieder der nazistischen Partei, welche mehr als nominell an ihrer Tätigkeit teilgenommen haben, und alle anderen Personen, die den alliierten Zielen feindlich gegenüberstehen, (…) von den verantwortlichen Posten in wichtigen Privatunternehmungen zu entfernen.“ Sie sollten „durch Personen ersetzt werden, welche nach ihren politischen und moralischen Eigenschaften fähig erscheinen, an der Entwicklung wahrhaft demokratischer Einrichtungen in Deutschland mitzuwirken.“<em>[1]</em> Schon am 26. September 1945 hatte die amerikanische Militärregierung in ihrer Zone, das heißt in Bayern, Großhessen, Württemberg-Baden, im amerikanischen Sektor von Berlin und in der „Bremer Enklave“ das Gesetz Nr. 8 erlassen, in dem es lapidar in §1 hieß: „Die Beschäftigung eines Mitglieds der NSDAP, oder einer der ihr angeschlossenen Organisationen in Geschäftsunternehmungen aller Art in irgendeiner beaufsichtigenden oder leitenden Stellung (…) mit Ausnahme der des gewöhnlichen Arbeiters ist gesetzwidrig.“ In den umfangreichen Richtlinien, die in Bremen schon vor Bekanntgabe des Gesetzestextes in der Presse veröffentlicht wurden, war festgelegt, dass als „angeschlossene Organisationen“ die folgenden zu gelten hatten: SS (Schutzstaffel), SA (Sturmabteilung), NSKK (NS-Kraftfahrerkorps), NSDSTB (NS- Studentenbund) und NSF (NS-Frauenschaft). Entlassungen würden „ohne Ausnahme und ohne Rücksicht darauf durchgeführt, dass die Tätigkeit der Industrie, bzw. des Geschäftslebens vorübergehend durch diese Maßnahme beeinträchtigt werden könnte.“ Alle Unternehmen hatten bei den Arbeitsämtern Listen einzureichen mit allen Arbeitnehmern, „die „anders als in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt sind.“ Veröffentlicht wurden diese Richtlinien am 10. Oktober im <em>Weser-Kurier,</em> der an die Stelle der beschlagnahmten „Bremer Nachrichten“ getreten war. Die amerikanische Militärregierung hatte dem Sozialdemokraten Hans Hackmack die Lizenz zur Herausgabe der neuen Bremer Lokalzeitung erteilt.<em>[2]</em> Drei Tage später berichtete die Zeitung: „Tagesgespräch in weiten Kreisen  </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em> Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin [&#8222;Potsdamer Abkommen&#8220;] (02.08.1945), Abschnitt III. Deutschland – A. Politische Grundsätze, Punkt 6. In: documentArchiv.de [Hrsg.], URL: http://www.documentArchiv.de/in/1945/potsdamer-abkommen.html, Stand: 25.12.2017.)<br><em>[2]</em> Der <em>Weser-Kurier</em> erschien am 19. September 1945 zum ersten Mal, zunächst zweimal wöchentlich. </p>



<p class="has-text-align-right">Seite 3</p>



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<p>des gewerblichen Lebens Bremens, der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber, in Großunternehmen und Ladenbetrieben, in Industrie, Handel und Handwerk bleibt das durch das Gesetz verhängte Beschäftigungsverbot.“<em>[1]</em></p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="718" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b1-1024x718.jpg" alt="" class="wp-image-1030" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b1-1024x718.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b1-300x210.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b1-768x538.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b1.jpg 1979w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Titelseite des Weser-Kurier. Die erste offizielle Erklärung der amerikanischen Militärregierung in Sachen Entnazifizierung in Bremen am 10. Oktober 1945. </figcaption></figure>



<p> Mit den Richtlinien hatten die Bremer auch erfahren, dass in der amerikanischen Zone insgesamt bereits 6583 Personen aus einflussreichen Stellungen entlassen worden waren und dass man in den USA den Eindruck gewonnen hätte, „dass die Entnazifizierungsaktion in der amerikanischen Zone Deutschlands  sehr schnell vor sich gehe.“<em>[2]</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Artikel von Jürgen Tern „In Erwartung“ im <em>Weser-Kurier</em> vom 13. Oktober 1945. <br><em>[2]</em> <em>Weser-Kurier</em> vom 10. Oktober 1945.</p>



<p class="has-text-align-right"> Seite 4 </p>



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<p> Nicht nur Entlassungen von Geschäftsführern, Bankdirektoren und Firmeninhabern, sondern auch die von Rechtsanwälten und niedergelassenen Ärzten, wie sie jetzt vorgenommen wurden, waren das schärfste Schwert der Alliierten im „Denacification“-Arsenal zur „Reinigung“ der Privatwirtschaft. Bald stapelten sich Anträge auf dem Schreibtisch des Schütting, dem Sitz der wiedererstandenen Industrie- und Handelskammer, in denen Firmen um die Freistellung angeblich unersetzlicher Mitarbeiter ersuchten.<em>[1]</em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="exkurs-brief-von-carl-katz-an-den-schutting">Exkurs:
Brief von Carl Katz an den Schütting</h2>



<p>In den Akten der Handelskammer Bremen befindet sich ein bemerkenswertes Dokument. Es ist ein Schreiben des Vorstehers der Israelitischen Gemeinde Bremen, Carl Katz, an den Präses der Handelskammer Bremen, Am Markt (Haus Schütting) vom 24. Oktober 1945:  </p>



<p><em>Sehr geehrter Herr Präses Wilkens!</em><br><em>Ich erlaube mir, Ihnen meine Mitarbeit anzubieten. Wie Ihnen bereits vor einigen Wochen persönlich mitgeteilt, bin ich bereit und glaube auch jetzt in der Lage zu sein, eine volle Tätigkeit auszuüben. Sollten Sie Personen gebrauchen, die einem größeren Betrieb leitend vorstehen müssen, so glaube ich, auch evtl. diesen Posten ausfüllen zu können, oder stehe Ihnen auch vorübergehend, bis Ersatz gefunden ist, für derartige Positionen zur Verfügung. </em> <br><em>In unseren Kreisen gibt es noch einige fähige Herren, welche</em> <em>auch evtl. einspringen könnten. Falls Sie uns gebrauchen, stehen wir jederzeit zur Verfügung. </em> <br><em>Hochachtungsvoll Carl Katz</em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1] </em>Vgl. die „Akte betr. Entlassungen früherer Nationalsozialisten aus der Wirtschaft (Handel – Industrie) – Gesetz Nr. 8 der amerikanischen Militärregierung 1945“ in der Senatsregistratur des Staatsarchivs Bremen. StAB Senatsregistratur 3-B.10.b.Nr.19. Darin ein Schreiben des Vizepräsidenten der Handelskammer G. A. Fürst an Senatspräsident Kaisen vom 14.9.1945 (in Ergänzung zu einer Eingabe vom 13.9.), in dem die Rücknahme der Entlassung für einige „leitende Personen“ gefordert wird, da sie „zur Weiterführung des Betriebes dringend erforderlich“ sind. </p>



<p class="has-text-align-right"> Seite 5 </p>



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<p>Wilkens
antwortet am 26. Oktober: 
</p>



<p><em>Sehr geehrter Herr Katz,</em><br><em>Ich (…) danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit</em><br><em>insbesondere in solchen Betrieben, deren bisherige Leiter jetzt auf Grund des Gesetzes Nr. 8 ausscheiden müssen. Bisher vollzieht sich der Ersatz dieser leitenden Kräfte durch politisch unbelastete Personen ohne dass die Kammer um Vorschläge hierfür angegangen wird. Ich kann mir aber denken, dass wir in nächster Zeit doch in manchen Fällen Gelegenheit haben werden, hierbei mitzuwirken und werde dann auf Ihr Angebot gern zurückkommen.</em><br><em>Hochachtungsvoll M. Wilkens[1]</em></p>



<p>Das Angebot ist allem Anschein nach in Bremen nie diskutiert, geschweige denn jemals praktiziert worden. <br><br>Ausgerechnet ein Rechtsanwalt, dessen Berufsstand am meisten von Nationalsozialisten durchsetzt war<em>[2]</em>,  verstieg sich schon am 28. August 1945 zu einer geharnischten Kritik an  der amerikanischen Entnazifizierungspolitik in Bremen, die  „unvermeidlich“ dazu führen würde „dass die Bevölkerung Parallelen zieht  zwischen den von der Gestapo unseligen Angedenkens angewandten  Verfahren und den jetzt drohenden Methoden der Denazifikation.“ In einem  dreieinhalb Seiten langen Brief erhob der von den Amerikanern  kommissarisch als Landesgerichtspräsident eingesetzte Diedrich Lahusen<em>[3]</em> schwerste Vorwürfe.<em>[4]</em> Die Amerikaner, schrieb er, hätten „durch ihr Kommen (! d. Verf.) die  Verantwortung für den Wiederaufbau übernommen (! d. Verf.) …“ „Durch die  Maßnahmen der Denazifikation“ würde aber „das schwindende Vertrauen der Bevölkerung (…) geradezu erschüttert werden.“ Mit Recht beschreibt er „die Entfernung von Personen aus ihren Stellungen“ als Entscheidungen, „die den Einzelnen viel schwerer treffen als manche Verurteilung in einem Strafverfahren. Bei der Ausschließung von Personen im Zuge der Reinigung des öffentlichen und privaten Lebens geht es in der Regel um die wirtschaftliche, gesellschaftliche und moralische Existenz des Betroffenen …“ </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]<sup></sup> </em>Archiv der Handelskammer Bremen, Signatur 440 01 Bd.1.<br><em>[2]<sup></sup></em> Auf einer Sitzung der Deputation für politische Befreiung am 26.  Januar  1948 wurde beklagt, dass es in Bremen nur zwölf Anwälte gäbe,  die nicht  Mitglieder der NSDAP waren. Vgl. Renate Meyer-Braun in: Hans  Jansen,  Renate Meyer-Braun, a.a.O. (Anmerkung Nr. 2), S. 145.  <br><em>[3]</em><sup></sup> Diedrich Lahusen (1881-1951) Rechtsanwalt und Notar, war am 15. Juni in sein Amt eingesetzt worden, das er bis 1951 ausübte.  <br><em>[4]</em><sup></sup> Der Brief befindet sich in einer Kopie im Archiv der Handelskammer Bremen unter der Signatur 440 01 Band 1. Vgl. dazu auch Hans Hesse, a.a.O. (Anmerkung Nr. 2), S. 39/40.</p>



<p class="has-text-align-right"> Seite 6 </p>



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<p>Wenn es je so etwas wie einen Entnazifizierungs-Schock gegeben haben sollte, dann erreichte er die Eiswettgenossen in diesen ersten Monaten der rigorosen amerikanischen Entlassungs-Politik.  Ein ganz anderes Bild der politischen Stimmung zeichneten die Reportagen  und Berichte des „Weser-Kurier“. Im Leitartikel vom 10. Oktober 1945  hieß es: Die „von der Besatzungsmacht eingeleitete Reinigungsaktion   (ist) von  a u ß e r o r d e n t l i c h  e i n s c h n e i d e n d e r   B e d e u t u n g“ und erfasst „einen über Erwarten  g r o ß e n  P e r  s o n e n k r e i s (…)„Für irgendwelche Illusionen lassen die  Bestimmungen keinen Raum mehr (…)“<em>[1]</em>  (Sperrungen im Original – d. Verf.) Die „Lebhaftigkeit des Interesses“  an den Richtlinien bestünde durchaus zu Recht, hieß es, „denn eine  umfassende soziale und wirtschaftliche Umschichtung bahnt sich hier an,  die ebenso in die Breite wie in die Tiefe geht …“<em>[2]</em><br>In den folgenden Wochen erschien im <em>Weser-Kurier</em> eine Serie von sieben Artikeln, in denen kein Zweifel daran gelassen wurde, dass diese Entwicklung unvermeidlich wäre.<em>[3] </em>Verfasser war Jürgen Tern, ein bürgerlicher Journalist der ersten  Stunde, später politischer Redakteur und Herausgeber der Frankfurter  Allgemeinen Zeitung.<em>[4]</em> Am 29. Mai 1946 schrieb ein Professor A. Kirchhoff, Abgeordneter der ersten, noch von der Militärregierung ernannten Bremischen Bürgerschaft, Fraktionsmitglied der Bremer Demokratischen Volkspartei, die 1945 als bürgerlich-liberale Partei gegründet worden war: „Es wird niemand vergönnt sein, an der Frage der politischen Säuberung oder Befreiung vorbeizukommen. S i e  i s t  d a s  P r o b l e m  d e s  d e u t s c h e n  V o l k e s   s c h l e c h t h i n. (Sperrungen im Original – d. Verf.)</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]<sup></sup></em>  <em>Weser-Kurier </em>vom 10. Oktober 1945.<br><em>[2]</em><sup></sup>  <em>Weser-Kurier</em> vom 13. Oktober 1945.<br><em>[3]</em><sup></sup>  Sie erschienen am 10., 13., 17., 24., 31. Oktober und am 3. und 7. November. Im letzten Artikel wurde darauf hingewiesen, dass auch Aufsichtsratsmandate vom Beschäftigungsverbot betroffen wären und dass Geschäftsinhaber und leitende Angestellte nicht im eigenen Betrieb, in welcher Funktion auch immer, weiterbeschäftigt werden dürfen.<br><em>[4]<sup></sup></em> Jürgen Tern wurde 1956 Leiter der politischen Redaktion der FAZ und 1960 ihr Herausgeber. Im September 1970 wurde ihm gekündigt, weil er die Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel befürwortete. Vgl. Hans Günther Thiele, Eine Zeitung für alle. Artikel zum 70jährigen Jubiläum des <em>Weser-Kurier</em> am 19.September 1945. In: <em>Weser-Kurier</em> vom 18.9.2015. Vgl. auch Jürgen Tern, Stichwort wikipedia vom 15.12.2017. </p>



<p class="has-text-align-right">  Seite  7</p>



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<p>Die Entnazifizierung ist unerlässliche Vorbedingung für den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wiederaufbau.“<em>[1]  </em>„Man kann davon ausgehen,“ resümiert Meyer-Braun in ihrer kompakten Darstellung der Entnazifizierung, „dass 1945/46 in Bremen starke politische Kräfte vorhanden waren, die ihre Verantwortung erkannten und sich ehrlich bemüht an die Arbeit der Entnazifizierung machten.“<em>[2] </em></p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="558" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b2-1024x558.jpg" alt="" class="wp-image-1033" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b2-1024x558.jpg 1024w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b2-300x163.jpg 300w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b2-768x418.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b2.jpg 1384w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Die Veröffentlichung des Gesetzes Nr.8 vom 26. September 1945 im Weser-Kurier vom 17. Oktober 1945</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading" id="vorstellungsverfahren">Vorstellungsverfahren</h2>



<p> In der Ausführungsverordnung zum Gesetz Nr.8 war nicht nur das Beschäftigungsverbot geregelt, sondern auch ein Prüfungsverfahren für diejenigen, die sich zu Unrecht entlassen wähnten, das sogenannte Vorstellungsverfahren. Dem Antrag musste ein Fragebogen beigefügt werden. Die Ausschüsse waren paritätisch mit je zwei Vertretern der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber besetzt.</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]<sup></sup></em> Über A. Kirchhoff ist über sein Abgeordnetenmandat in der Bürgerschaft hinaus, das vom 6. August 1945 bis zum Zusammentritt der ersten gewählten Bürgerschaft am 28. November Gültigkeit hatte, nichts bekannt. Zu den Mitgliedern der BDV gehörten Hermann Apelt, Bernhard Noltenius und Theodor Spitta. Von der BDV spaltete sich im Sommer 1946 eine zum Teil linksbürgerliche Gruppe als FDP ab. Erst 1951 kam es zur Vereinigung der beiden Parteien zur FDP.   <br><em>[2]<sup></sup></em> Meyer-Braun in Hans Jansen, a.a.O., Kapitel VIII Die Entnazifizierung in Bremen, S.134 &#8211; 151, hier S.137.</p>



<p class="has-text-align-right">  Seite  8</p>



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<p>Ihre Entscheidungen standen unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch die Militärregierung. Die Einschaltung der Arbeitsämter und „öffentlich anerkannter Arbeitnehmerorganisationen“ bei der politischen Überprüfung, sowie die Besetzung der Prüfungsausschüsse durch Deutsche zeigten, so der <em>Weser-Kurier,</em> dass die Besatzungsbehörde „besonderen Wert“ darauf legt, „dass  v o n  u n s  D e u t s c h e n      s e l b s t  die Reinigung der gewerblichen Wirtschaft in die Hand genommen wird (…).“<em>[1]</em> „Man muss sich immer wieder den  S i n n  der Aktion vor Augen führen:“, schrieb Jürgen Tern am 24. Oktober: „Säuberung der leitenden und beaufsichtigenden Wirtschaftspositionen von den Nazi-Elementen und den Nutznießern des Hitler-Regimes, und zwar  r a s c h  und  g r ü n d l i c h.“ Am 3. November lagen 1250 Anträge auf Vorstellungsverfahren vor, etwa 600 pro Monat sollten von den acht Einzelausschüssen bearbeitet werden. Da man mit einer Zahl von bis zu 4000 Anträgen rechnete, sollten die Verfahren „o h n e   p e r s ö n l i c h e   A n h ö r u n g“ entschieden werden.<em>[2]</em> Tern war sicher, dass die Ausschüsse „sich keineswegs als „Nazi-Rettungsstationen“ ansehen würden. Sie hätten, schrieb er, „eine   e c h t   d e m o k r a t i s c h e   A u f g a b e, deren befriedigende Lösung zur Weckung eines gesunden demokratischen Lebens und einer wahrhaft sozialen Gesinnung viel beitragen kann. Die Ausschüsse können zu einer Pflanzstätte der Wirtschaftsdemokratie werden, wenn die hier liegenden Chancen richtig genutzt werden.“<em>[3]</em><br>Am 29. Dezember veröffentlichte der <em>Weser-Kurier</em> die erste  Liste von Personen, die ein Vorstellungsverfahren beantragt hatten und  deren Verfahren in der nächsten Zeit anstehen würden. Fünf Tage später  berichtete die Zeitung in einem redaktionellen Artikel, dass dieser  Vorgang allgemein begrüßt worden wäre, denn die Ausschüsse bräuchten  hieb- und stichfeste Unterlagen für eine gerechte Entscheidung. „Was, d e n  hat man wieder in sein Amt eingesetzt, bei solcher Nazivergangenheit?“ So musste man bisher häufig hören. (…) Jetzt hat die Bevölkerung die Möglichkeit der Mitwirkung bei der Reinigung. (…) Anonyme Briefe werden nicht berücksichtigt. (…) </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]<sup></sup></em> <em>Weser-Kurier</em> vom 10. Oktober 1945. Alle Sperrungen in diesem Kapitel im Original.  <br><em>[2]</em><sup></sup> Jürgen Tern im <em>Weser-Kurier</em> vom 3. November 1945.<br><em>[3]</em><sup></sup> <em>Weser-Kurier</em> am 3. November 1945.  </p>



<p class="has-text-align-right">  Seite  9</p>



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<p>Wir alle sind aufgerufen zur Mitwirkung bei der Reinigung – erweisen wir uns als reif, von dem neuen Recht den richtigen Gebrauch zu machen!“<em>[1]</em> </p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="744" height="1024" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b3-744x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1034" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b3-744x1024.jpg 744w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b3-218x300.jpg 218w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b3-768x1056.jpg 768w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2019/10/b3.jpg 1385w" sizes="(max-width: 744px) 100vw, 744px" /><figcaption>Liste von Personen, die ein Vorstellungsverfahren beantragt hatten. Weser-Kurier vom 29.12.1945</figcaption></figure>



<p class="has-small-font-size"> <em>[1]</em><sup></sup> Redaktioneller Artikel ohne Autor; <em>Weser-Kurier</em> vom 3. Januar 1946.</p>



<p class="has-text-align-right">  Seite  10</p>



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<p>Am 20. Februar 1946 waren 1480 Anträge bearbeitet worden, davon waren 1140 (77%) positiv und 340 negativ entschieden worden.  22 Mal kam es zu Einsprüchen beim Bürgermeister. Von den 1322 Einsendungen nach Veröffentlichung der Namenslisten hatten 938 (71%) entlastenden Charakter. Man könnte sich des Eindrucks nicht erwehren, schrieb Tern in einem Fazit, „dass es sich hier öfters um  „bestellte Arbeit“ oder um Gefälligkeiten handelt.“ Andererseits wäre es  erfreulich, dass es nur in 18 Fällen anonyme Anzeigen gab.<em>[1]</em><strong> </strong>Am 23. Mai 1946 wurde in der Bürgerschaft ein Ausschuss zur praktischen  Gestaltung der Entnazifizierung gewählt. In der Debatte ging es auch um  die Frage, ob und in welchem Maße Juristen in diesen Prozess eingebunden  werden sollten.<em>[2] </em><br>Am 6. Juni fand die große Debatte über Entnazifizierung in der Bürgerschaft statt. Sie dauerte über drei Stunden.<em>[3]</em> Einer ihrer Hauptredner war der Sozialdemokrat Willi Ewert,  Vorsitzender eines Prüfungsausschusses, der 700 Fälle bearbeitet hatte.<em>[4]</em> Am Vortag der Debatte hatte er in einem langen Artikel im  „Weser-Kurier“ eine vorläufige kritische Bilanz der Entnazifizierung  vorgelegt. Ewert, ein konsequenter Verfechter der politischen  Entnazifizierung, schrieb:„Das Gesetz Nr. 8 wurde zunächst  allseitig begrüßt. Dann aber machte sich ein Stimmungsumschwung  bemerkbar, weil man glaubte feststellen zu müssen, dass es eine zu  geringe Wirkung habe. Dafür machte man die Ausschüsse verantwortlich.“  Diese Behauptung sei aber nicht richtig, denn ihre Arbeit sei nur eine  „vorbereitende“. Jetzt komme es darauf an festzulegen, „was mit den  (Nazi-) Aktivisten geschehen solle.“ Außerdem bedürften viele Fragen  noch einer Klärung, zum Beispiel der Einsatz von „Treuhändern“ für  entlassene Betriebsangehörige. In kleineren Betrieben würden Verwandte  eingesetzt, in größeren Betriebsleiter nicht im Sinne des Gesetzes Nr. 8  eingestellt. Offen sei auch die Frage, wie „Nazigewinne“ verwendet  werden sollten. „Wirtschaftsführer“ würden behaupten, dass die Ernährung  der Bevölkerung in Gefahr wäre, wenn sie entlassen würden. Niemand  hätte den Krieg gewollt, aber viele hätten im Krieg „schwer verdient“. </p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]</em><sup></sup> <em>Weser-Kurier</em> vom 20. Februar 1946.<br><em>[2]</em><sup></sup> Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft vom 23. Mai 1946, S.36/37<br><em>[3]</em><sup></sup> Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft vom 6. Juni 1946, S.39-56.<br><em>[4]</em><sup></sup> Willi Ewert (1894 – 1970); von 1946 bis 1951 Bremer Bürgerschaftsabgeordneter; von November 1946 bis April 1948 Senator für Wohnungsbau.  </p>



<p class="has-text-align-right">  Seite  11</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>Von Konzentrationslagern hätte man nichts gehört, hätte alle Juden „geradezu geliebt.“ Trotzdem hätte man jüdische Geschäfte übernommen. „Wehrwirtschaftsführer“ und „Abwehrbeauftragten“ hätten diese Posten angeblich nur „gezwungenermaßen“ angetreten. Innerlich wären sie immer Gegner des Regimes gewesen.<em>[1]</em><br>Mit der Überschrift „Die Militärregierung greift ein“ erschien am 7.  September 1946 im „Weser-Kurier“ eine kritische Stellungnahme der  Amerikaner zur Bremer Entnazifizierungspraxis. In den  Prüfungsausschüssen würden Akten oft spurlos verschwinden oder sie  enthielten nur vorteilhafte Informationen auch bei „im höchsten Grade  unerwünschten Nationalsozialisten.“ Es wären sogar Ausschussmitglieder  mit Geschenken bestochen worden.<em>[2]</em> Die Militärregierung bezog sich „auf Vorfälle, zu denen es in dem  Prüfungsausschuss gekommen war, der in den Räumen des Schütting, dem  Sitz der Handelskammer, tagte und der sich mit Einsprüchen aus Kreisen  der bremischen Wirtschaft zu beschäftigen hatte.“<em>[3]</em></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="das-gesetz-zur-befreiung-von-nationalsozialismus-und-militarismus-vom-9-mai-1947">Das
Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 9.
Mai 1947</h2>



<p>Schon am 29. Mai 1946 hatte A. Kirchhoff im „Weser-Kurier“ die Vorzüge eines Gesetzes erläutert, das seit dem 5. März 1946 in der übrigen amerikanischen Zone galt und von dem er zu Recht annahm, dass es bald auch in Bremen Gültigkeit haben würde. Er nannte es „wohldurchdacht“. Es würde „mit Recht eine politische Großtat“ genannt. „Es erstrebt strenge Gerechtigkeit gegen den Böswilligen und Milde gegenüber menschlicher Schwäche und tätiger Reue.“ Es bestimmte, dass jeder Deutsche über 18 Jahre einen Fragebogen auszufüllen hatte, der Aufschluss geben sollte über seinen politischen Werdegang in der NS-Zeit. Es legte die Schaffung von Spruchkammern fest, die aus einem öffentlichen Ankläger, einem Vorsitzenden mit der Befähigung zum Richteramt und mindestens zwei Beisitzern bestehen sollten. Die „genügend Verdächtigen“ wurden in fünf Kategorien eingeteilt: 1. Hauptschuldige, 2. Belastete (Aktivisten), 3. Minderbelastete (Bewährungsgruppe), 4. Mitläufer, 5. Entlastete. Die Zahl der im Hauptverfahren behandelten Fälle würde  in die Millionen gehen. „Eine solche riesengroße, richterliche Arbeit hat die Weltgeschichte noch nicht erlebt.“<em>[4] </em></p>



<p class="has-small-font-size"><em>[1]<sup></sup> </em>Willi Ewert, Entnazifizierungs-Erfahrungen. Lehrreiche Praxis der Prüfungsausschüsse. <em>Weser-Kurier</em> vom 5. Juni 1946.<br><em>[2]<sup></sup> Weser-Kurier</em> vom 7. September 1946.  <br><em>[3]</em><sup></sup> Meyer-Braun, a.a.O., S. 139.<br><em>[4]</em><sup></sup>  Alle Zitate aus A.Kirchoff, „Entnazifizierung in Bremen“; im <em>Weser-Kurier</em> vom 29. Mai 1946.</p>



<p class="has-text-align-right">  Seite  12</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kapitel 3- Mit den Wölfen geheult – Die Rituale von 1934 bis 1939</title>
		<link>https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/kapitel-3-iii-mit-den-woelfen-geheult-die-rituale-von-1934-bis-1939/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arndt Frommann]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Nov 2017 11:13:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel 03]]></category>
		<category><![CDATA[Titel im Überblick]]></category>
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					<description><![CDATA[Prolog

Als sich der nationalsozialistische Senat Bremens im Oktober 1933 mit der Frage beschäftigte, ob er an der Eiswette 1934 teilnehmen sollte, hatte sich die Stadt völlig verwandelt. Der aus freien Wahlen hervorgegangene Bremer Senat war abgesetzt und durch einen kommissarischen ersetzt worden, dessen Präsident, der Nationalsozialist Richard Markert, zum Bürgermeister erklärt worden war. Am 28. April hatte die einzige Sitzung ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading" id="prolog">Prolog</h2>



<p>Als sich der nationalsozialistische Senat Bremens im Oktober 1933 mit der Frage beschäftigte, ob er an der Eiswette 1934 teilnehmen sollte, hatte sich die Stadt völlig verwandelt. Der aus freien Wahlen hervorgegangene Bremer Senat war abgesetzt und durch einen kommissarischen ersetzt worden, dessen Präsident, der Nationalsozialist Richard Markert, zum Bürgermeister erklärt worden war. Am 28. April hatte die einzige Sitzung der neugebildeten Bürgerschaft stattgefunden. Die Grundrechte waren außer Kraft gesetzt. Schon im März hatten Verhaftungen begonnen. Auch sozialdemokratische Politiker waren betroffen. Die Senatoren Kaisen, Klemann und Sommer waren wochen-, bzw. monatelang eingekerkert. Am 1.April erlebte die Stadt den ersten Boykott jüdischer Geschäfte. Das gewerkschaftseigene „Volkshaus“ in Utbremen war am 16. April von Polizei besetzt und am 2. Mai in die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) überführt worden. Es gab in der Stadt wie im Reich keine freien Gewerkschaften mehr, keine Parteien außer der NSDAP, keine demokratischen Strukturen. Am 10. Mai hatte die SA eine Bücherverbrennung „wider den undeutschen Geist“ auf dem Spielplatz Nordstraße, in der Nähe des Volkshauses veranstaltet. Die Jagd auf Mitglieder und Funktionäre der KPD war in vollem Gange. Der von Markert mit der Wahrnehmung der Aufgabe eines Polizeipräsidenten beauftragte SA-Sturmbannführer Theodor Laue hatte eine Hilfspolizei aus Angehörigen von SA, SS und Stahlhelm aufgestellt, die als Einsatztruppe bei Razzien in Arbeitervierteln und als Wachmannschaften für die von ihm eingerichteten Konzentrationslager Mißler, Langlütjen und Ochtumsand eingesetzt wurde. Politische Häftlinge waren in die ehemaligen Mißler-Auswanderungshallen in Findorff eingeliefert und zum Teil schwer misshandelt worden. Der Chefredakteur der„Bremer Volkszeitung“ Alfred Faust war hier schikaniert und gequält worden. Hier hatte auch Emil Theil, ehemals Fraktionsvorsitzender der SPD, seine jahrelange Haftzeit begonnen. In dem dicht bebauten Wohngebiet hatte man die Schreie der Gefangenen gehört. Frauen hatten blutige Kleidungsstücke ihrer Ehemänner, die sie zur Reinigung erhalten hatten, sichtbar durch die Straßen getragen. Im September war das KZ Mißler aufgegeben und verlagert worden. Am 18. Juli war der Hitler-Gruß im öffentlichen Dienst verpflichtend eingeführt worden. Nun galt es, schrieb Löbe in seiner Chronik zur 150-Jahr-Feier im Jahr 1979, „die Eiswette so erscheinen zu lassen, dass man sie von der allgegenwärtigen politischen Seite in Ruhe ließ. Gebert ist das gelungen.“<span class="s1"><em>[424] </em></span>In Wirklichkeit war es umgekehrt: Es war Präsident Gebert, der die Initiative ergriff und die neuen Machthaber zur Eiswette einlud. Politisch war er – wie Bömers und Apelt &#8211;  am rechten Flügel der DVP verortet, die er von 1921 bis 1933 in der Bürgerschaft vertrat. Burschenschaftler bei den erzkonservativen „Bubenreuthern“, politisch aktiv im Kampf gegen die Bremer Räterepublik, war er ein erklärter Gegner der Sozialdemokratie. In der Bürgerschaft und als Geschäftsführer der „Bremer Industrie-Gesellschaft“ war er „ein eifriger Verfechter Bremer Industriebelange.“<span class="s1"><em>[425] </em></span>Am 13. Oktober 1933 ging es in einer Senatsbesprechung um die Bedingungen, unter denen der nationalsozialistische Senat zur Teilnahme an der Eiswette bereit sein würde.</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[424]</em> Löbe, a.a.O., S. 121.<br><em>[425]</em> Hartmut Müller: Hugo Gebert. In: Bremische Biographie 1912 – 1962, hrsg. Von der Historischen Gesellschaft zu Bremen und dem Staatsarchiv Bremen, bearbeitet von Wilhelm Lührs. Bremen 1969, S. 174.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 1</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<h2 class="wp-block-heading" id="ubergabeverhandlungen">Übergabeverhandlungen</h2>



<p>Am 1. Oktober&nbsp; 1933 wird&nbsp;Richard Markert zum &#8222;Regierenden Bürgermeister&#8220; ernannt. Anfang Oktober<br>fühlt Hugo Gebert beim nationalsozialistischen Senat vor, ob man bereit sei, an der Eiswette teilzunehmen. Am 13. Oktober 1933 findet eine Senatsbesprechung statt. TOP 10 EISWETTE. Aus dem Protokoll: „Der Senat ist bereit, an der Feier der alten traditionellen Eiswette, (…) teilzunehmen, wenn die Durchführung der Feier den Zeiten und den Auffassungen der Nationalsozialistischen Regierung entsprechend gestaltet wird. Herr Senator Laue wird beauftragt, die entsprechenden Verhandlungen zu führen.“<span class="s1"><em>[426]</em> Am&nbsp;</span>20. Dezember 1933 schreibt Präsident Gebert an Präsidialrat Hochmuth, Rathaus: „Bezugnehmend auf die gestrige Besprechung mit Herrn Senator Laue überreiche ich Ihnen 19 Einladungen. 1 -8 für die Herren des Senats und 9-19 für Gäste, welche der Senat nach freiem Ermessen einlädt, die auf der Einladung den Zusatz erhalten: „übermittelt durch das Staatsamt für Reichs- und auswärtige Angelegenheiten. (…) Mit Heil Hitler! Ihr sehr ergebener Hugo Gebert“<span class="s1"><em>[427]</em></span></p>



<p class="s3">Anmerkung:<span class="p"> Nie vorher und nie nachher in ihrer Geschichte hat sich die Eiswette ihre Einladungen aus der Hand nehmen lassen. Den Grundsatz der persönlichen Einladungen von Mann zu Mann gab das Präsidium damit ein Stück aus der Hand.</span></p>



<p>22. Dezember 1933<br>Präsidialrat Hochmuth sagt in einem Schreiben an Hugo Gebert die Anwesenheit Bürgermeister Markert zu.</p>



<h1 class="wp-block-heading" id="die-feiern-von-1934-bis-1938-aus-den-reportagen-der-bremer-nachrichten">Die Feiern von 1934 bis 1938 – Aus den Reportagen der<br>„Bremer Nachrichten“</h1>



<h2 class="wp-block-heading" id="1934-bremer-nachrichten-vom-22-1">1934: Bremer Nachrichten vom 22.1.</h2>



<p>Gast: Bürgermeister Markert sagt sein Erscheinen kurzfristig ab.<span class="s1"><em>[428]</em></span></p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[426] </em>Auszug aus der Niederschrift über die Senatsbesprechung. Senatsregistratur. Akte betr. die Stiftungsfeste der „Eiswette von 1829“, TOP 10 Eiswette vom 13.Oktober 1933. StAB 3-V.2.No.2225. Im Folgenden zitiert als „StAB Senatsregistratur Eiswette“. Eine ähnliche Formulierung benutzte der von der NSDAP in den Club zu Bremen als Präsident eingesetzte „Staatskommissar“ Kurt Thiele in einem Rundschreiben an die Mitglieder. Darin erteilt er die Erlaubnis „zur Pflege eines eigenen inneren Gemeinschaftslebens unter der selbstverständlichen Voraussetzung …, dass dieses Klubleben in seinem gesamten Umfange den Anschauungen und Bestrebungen des nationalsozialistischen Staates nicht zuwiderläuft.“ Vgl. Der Club zu Bremen, a.a.O., S. 258 – 261, hier S. 260/261.<br><em>[427]</em> StAB a.a.O., Notiz vom 20.12.1933.<br><em>[428]</em> StAB a.a.O., Notizen vom 23. und 27. Dezember 1933.&nbsp;</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 2</p>



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<p>Unter den Klängen eines Fanfarenmarsches, gespielt vom Musikkorps des 1. Bataillons des Infanterie-Regiments Nr. 65, betreten die 450 Teilnehmer am 20. Januar den großen Festsaal der Glocke.</p>



<p>Eintopfgericht statt Festmahl</p>



<p class="s3">Anmerkung:<span class="p"> Im Sommer 1933 hatte Goebbels mit enormem propagandistischen Auf</span>wand das „Winterhilfswerk des Deutschen Volkes“ ins Leben gerufen – Motto: „Ein Volk hilft sich selbst“ -, dessen Bestandteil nicht nur der Verzicht auf den Sonntagsbraten war, sondern auch das Spenden eben jener Summe, die man dafür nicht ausgegeben hatte. Gebert hatte mit Laue vereinbart, dass die Eiswette entsprechend verfuhr. Jeder Teilnehmer führte einen Betrag von 3,50 RM&nbsp;an das „Winterhilfswerk“ ab, unbeschadet der Spende für die DGzRS.<span class="s1"><em>[429]</em> </span>Löbe hat sich in seiner Chronik über die nationalsozialistischen Teilnehmer lustig gemacht, die mit einem Eintopfessen vorlieb nehmen mussten.<span class="s1"><em>[430]</em> </span>Dies wäre zwar, schrieb er, „an sich für die Eiswette ein heilsamer Gegensatz zur üppigen Zeit (gewesen), aber eben auch eine Verbeugung vor dem Neuen, obwohl jene Uniformierten ganz bestimmt lieber etwas anderes gegessen hätten.“<span class="s1"><em>[431] </em></span>Auch Gutmann spottet im „Eiswettbuch“ über die „uniformierten Parteisoldaten“, die „Besseres gewohnt“ waren.<span class="s1"><em>[432]</em> </span>Allerdings spricht viel dafür, dass es die verwöhnten Eiswettgenossen selbst waren, die beim Verzehr des Eintopfs die längsten Gesichter gemacht haben dürften.</p>



<p class="s3">Der Saal wird verdunkelt. Die Teilnehmer erheben sich. Die Militärkapelle spielt leise das „Lied vom Guten Kameraden“. Präsident Hugo Gebert gedenkt mit „ergreifenden Worten“ zunächst der Toten des Weltkrieges, dann der Toten „der (nationalsozialistischen – d. Verf.) Freiheitsbewegung“, schließlich der verstorbenen Mitglieder der Eiswettgenossenschaft. Sein letztes Gedenken gilt Hans Wagenführ, seinem Vorgänger im Amt, der im Weltkrieg „so oft die U-Boots-Kameraden zu großer und letzter Fahrt ausklariert hat“. Bei den Worten „So soll ihm auch heute das letzte „Fahrwohl erklingen“, ertönen gedämpft die Takte des Liedes „Fahr wohl, fahr wohl, mein teures Lieb&#8217;“, während auf der Bühne die Lichtbilder eines U-Bootes, der Garnisonskirche von Wilhelmshaven und ein Foto von Hans Wagenführ erscheinen.</p>



<p class="s3">Anmerkung<span class="p">:</span> <span class="p">Das Lied „Fahr wohl, fahr wohl du teures Lieb“ erklang mancherorts bei der Verabschiedung der Truppen auf Bahnhöfen. Der Refrain lautete: „Weh, dass wir scheiden müssen! Lass uns noch einmal küssen!“</span></p>



<p>Der Saal wird erhellt und die Militärkapelle spielt „Freut euch des Lebens!“ Es<u> </u>folgt eine „erlesene musikalische Darbietung“ von zwei Sängern des Staatstheaters. Sie singen Wagners Gralserzählungen und „Blick ich umher in diesem edlen Kreise“ aus „Tannhäuser“. Es folgt das „Eiswettspiel“. Anmerkung:<span class="p"> Es findet regelmäßig in der Mitte der Feiern statt, ab 1928 fast immer von </span>Studienrat Otto Heins verfasst und arrangiert, bei denen auch mal die lokale Bremer Politik in harmlosen Versen auf den Arm genommen wird. </p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[429] </em>Vgl. den Bericht der Bremer Nachrichten über die Eiswette am 22. Januar 1934.<br> <em>[430]</em> Im Gegensatz zur Eiswette, die in der üblichen Üppigkeit stattgefunden hatte, waren die Schaffermahlzeiten 1932 und 1933 wegen der wirtschaftlichen Notzeiten abgesagt worden. (Sie fanden erst 1936 wieder statt). Die Teilnehmer der jährlichen Generalversammlung der Stiftung „Haus Seefahrt“ wurden in jenen Jahren nur mit einer Portion Labskaus bewirtet.<br><em>[431]</em> Löbe, a.a.O., S.93.<br><em>[432] </em>Gutmann a.a.O., S.101.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 3</p>



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<p>Bis zu 11 Personen wirkten an diesem Gaudi mit, auch Schüler von Heins aus der „Jungenschule im Bremer Westen“, ab 1938 „Horst-Wessel-Schule“ mit einem Organisationsgrad von über 90% in der Hitlerjugend.<span class="s1"><em>[433]</em></span><br>Zu Beginn seines Eiswettspiels deklamiert Otto Heins, als Roland verkleidet, folgende<br>Verse (Auszug):<br>Führt auch zum Meer manch bequemere Gasse:<br>Die Weser ist ein Kind germanischer Rasse!<br>…<br>Als Franzius, der blonde Hüne<br>sinnend stand auf der Weserdüne,<br>da ging es an ein faustisch Schaffen,<br>ein kraftvoll‘ Sichzusammenraffen,<br>um immer neue Feindgewalten<br>den Heimatufern fernzuhalten,<br>Um das Meer im harten Ringen<br>Dem Herzen Deutschlands nahzubringen.<br>Und wenn wir eiswettend bangen und hoffen,<br>Ob unser Weltentor zu oder offen,<br>Dann gilt es nicht nur dem Weserstrand:<br>Es gilt unserm deutschen Vaterland!<br>Sein glückhaft‘ Schiff zieht stolz die Bahn<br>Auf freiem Strome zum Ozean.<br>Schlag, deutsches Herz, an sicherem Bord<br>Treu deine Heimatpulse fort!<br>Bring Kaufmann, deutschen Fleißes Frucht<br>Mutig wagend zur fernen Bucht!<br>Ans Werk, Mann der Arbeit, dass mit Hirn und Faust<br> du uns das glückhafte Schiff erbaust&#8216;!“ <span class="s1"><em>[434]</em></span><br></p>



<p><u>Anmerkung</u>: Das Idiom vom „Arbeiter der Stirn und der Faust“ war zentral für die nationalsozialistische Propaganda der Volksgemeinschaft: „Die Arbeiter der Stirn und der Faust … gehören zusammen, und aus diesen“ beiden muss sich ein neuer Mensch herauskristallisieren – der Mensch des kommenden Deutschen Reiches.“<span class="s1"><em>[435]</em></span>. Der Slogan fand sich auch auf einem Wahlplakat von 1932, auf dem ein Arbeiter mit geschultertem Vorschlaghammer Seite an Seite mit einem bürgerlichen Anzugträger marschiert.</p>



<p>Es folgt eine zweite musikalische Darbietung der beiden Opernsänger.<br>DANK DER GÄSTE mit herzlichen Worten: NSDAP-Senator Otto Flohr. DEUTSCHLAND-REDE: Philipp Heineken (1909 bis 1920 Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd, danach bis 1933 Vorsitzender des Aufsichtsrates). Auszug: „Bremens Kaufmannschaft hat niemals die Wirtschaft über die Politik gestellt, denn sie hat nie über eigene Interessen das Ganze vergessen.“<br>Das sich anschließende „Sieg Heil auf Reichspräsident, Führer und Vaterland findet brausenden Widerhall.“<br>Vortrag von alten Soldatenliedern durch das „Bremer Sängerquartett.“</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[433] </em>Vgl. Aufsatz des Verfassers, Die Eiswette von 1829 in Bremen zwischen den Weltkriegen. Vom Biedermeier zur Haupt und Staatsaktion. In: Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte. Zeitschrift für die Regionalgeschichte Bremens im 19. Und 20. Jahrhundert, Heft 26, September 2012, S.79 &#8211; 114, hier S. 105 und S. 113.<br><em>[434]</em> Die letzten zwei Zeilen sind in der Chronik von Löbe, der ansonsten den Text in voller Länge abdruckt, ausgelassen. Vgl. Löbe, a.a.O. 1. Auflage S. 122/123, 2. Auflage S. 130/131.<br><em>[435]</em> Hitler schon am 24. April 1923 in einer öffentlichen Rede. Zitiert bei Rüdiger Hachmann, Vom „Geist der Volksgemeinschaft durchpulst.“ In: Zeitgeschichteonline.de am 19.12.2016.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 4</p>



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<p>Gemeinsamer Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Lieds unter den Klängen der Militärkapelle.</p>



<p class="s3">Anmerkung:<span class="p"> Die Festteilnehmer erheben sich und singen mit zum Hitler-Gruß erhobe</span>nen Armen.<br>SCHLUSWORT KONTERADMIRAL Schultze, der „den Wunsch des Führers ausspricht … dass alle Deutschen zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt werden.“<br>SPENDE für das WINTERHILFSWERK: 1575 RM (450 Teilnehmer); „Sondersammlung“ für die DGzRS: eine „stattliche Summe“</p>



<p class="s4">Nachlese 22. Januar 1934: Brief von Präsident Gebert an den 2. Bürgermeister Flohr. Auszug: „Heute Vormittag hatte ich die Absicht, Ihnen meinen Dankbesuch zu machen. Leider war es mir nicht mehr möglich, länger zu warten, und so darf ich den Dank für Ihr Erscheinen und Ihre eindrucksvollen Worte auf diesem Weg zum Ausdruck bringen … Mit deutschem Gruß. Ihr sehr ergebener Hugo Gebert.“<span class="s1"><em>[436]</em></span><br>Aus dem Protokoll der Senatsbesprechung vom 7. Dezember 1934 geht hervor, dass auch NSDAP-Gauleiter Röver sein Erscheinen zugesagt hatte und dass der Senat vollzählig teilnehmen wollte.<span class="s1"><em>[437]</em></span></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1935-bremer-nachrichten-vom-7-1">1935: Bremer Nachrichten vom 7.1.</h2>



<p>Präsident Gebert gedenkt „der Gefallenen des Weltkriegs und der Freiheitsbewegung, denen wir im Leben immer Kameraden sein wollen.“<br>DEUTSCHLAND-REDE: General von Lettow-Vorbeck. „Die Deutschland-Rede hielt in markigen, zu Herzen gehenden Worten und soldatischen Gedanken General von Lettow-Vorbeck, dabei besonders die Verdienste unserer Wehrmacht um die Festigung des neuen Reichs unter Adolf Hitlers Führung hervorhebend.“<br>Gemeinsames Singen des Deutschland- und Horst-Wessel-Lieds.</p>



<p class="s3">Anmerkung:<span class="p"> von Lettow-Vorbeck war vor Ausbruch des 1. Weltkriegs Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Aus dieser Zeit speiste sich sein Ruf als legendärer Truppenführer. Er lehnte den Parlamentarismus der Weimarer Republik ab, trat 1919 der Freikorps-Organisation „Stahlhelm“ bei und beteiligte sich im März&nbsp;</span>1920 am Kapp-Putsch. Obwohl ursprünglich Monarchist, der sich weigerte, der NSDAP beizutreten, sah er in der Person Hitlers die Chance zur Rückkehr der alten Ordnung und der alten Eliten.</p>



<p class="s3">Es folgt „eine eindrucksvolle SAAR-KUNDGEBUNG – ausgezeichneter Sprechchor auf der Bühne unter der Leitung von Dr. Otto Heins – und der gemeinsame Gesang der ersten Strophe des Saarliedes.“</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[436]</em> StAB Senatsregistratur Eiswette, a.a.O.<br><em>[437] </em>StAB a.a.O., Notiz vom 7.12.1934.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 5</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><strong>Das Saarlied</strong></p>



<p>Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar,<br>Und deutsch ist unseres Flusses Strand<br>Und ewig deutsch mein Heimatland<br>Mein Heimatland, mein Heimatland!</p>



<p><u>Anmerkung:</u> Die Eiswette fand gut eine Woche vor der Saarabstimmung am 13. Januar statt. Das Saarlied spielte in der Propaganda-Schlacht der nationalsozialistischen Deutschen Front des Saarlandes eine große Rolle. In populären Liederbüchern von 1934 wie „Deutsch ist die Saar“ standen Saarlied und Horst-Wessel-Lied zusammen an erster Stelle.</p>



<p class="s3">BREMEN-REDE: Karl Lindemann (Norddeutscher Lloyd/Melchers). Lindemann „gedachte der schweren Opfer, die Bremen in der letzten Zeit im Interesse des Ganzen gebrachte hat, … (es) müsse auch in den Gesamtbeziehungen Hamburg-Bremen der Geist echter Arbeits-, echter Volksgemeinschaft herrschen.“ „Sein hoffnungsvoller großpolitischer Ausblick in die Zukunft fanden lebhafte Zustimmung…“</p>



<p class="s3">Anmerkung:<span class="p"> Die Sorge, die zunächst die Bremer Kaufleute umtrieb, war in der geplanten Autarkie-Politik&nbsp; begründet, die das traditionelle Aus- und Einfuhrgeschäft bedrohte.</span></p>



<p>Gemeinsamer Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Lieds.<br>SCHLUSSWORT GENERAL Keitel. Er sagte „besonderen Dank für die Wehrmacht, die sich bewusst sei, dass ohne eine starke Wirtschaft niemals eine Wehrmacht auf die Dauer gesund und stark bleiben kann, wie auch keine Wirtschaft ohne eine brauchbare, die Verteidigung des Staates sichernde Wehrmacht bestehen kann. Also besteht zwischen beiden eine Schicksalsgemeinschaft, die ihre Früchte tragen muss. (Lebhafter Beifall).</p>



<p>Anmerkung:<span class="p"> Keitel war von 1938 bis 1945 Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Er war Hitler völlig ergeben und prägte für ihn später den Titel „Größter Feldherr aller Zeiten“.</span></p>



<p>SPENDE für das WINTERHILFSWERK: 1750 RM (500 Teilnehmer); Spende für die DGzRS: 1200 RM.<span class="s1"><em>[438]</em></span></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1936-bremer-nachrichten-vom-12-1">1936: „Bremer Nachrichten“ vom 12.1.</h2>



<p>Gäste: Regierender Bürgermeister Heider; NSDAP-Kreisleiter Blanke<br>Präsident Gebert gedenkt „der Toten des Weltkriegs und der deutschen Freiheitsbewegung.“<br>BREMEN-REDE: Syndicus der Handelskammer Arthur Ulrichs. Auszug: „Über tausend Jahre … hätte Bremen einen besonders hohen Grad von W i d e r s t a n d s f ä h i g k e i t gezeigt. Im z ä h e n D u r c h h a l t e n sei Bremen von keiner anderen Stadt übertroffen worden. Daran habe aber die H e i m a t l i e b e der Bremer, die vor keinem Opfer zurückschrecke, einen nicht geringen Anteil gehabt. Das Aufgehen in die Gemeinschaft und das Zurückstellen des eigenen Nutzens seien für die ganze Geschichte unserer Stadt kennzeichnend. Auch das neue D e u t s c h l a n d könne die Arbeit des hanseatischen Kaufmanns nicht entbehren.“ (Sperrungen im Original, d. Verf.)</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[438] </em>Die Spendensummen für die DGzRS von 1935 bis 1939 finden sich in der Festschrift zum 125. Jubiläum 1954, a.a.O.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 6</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>DEUTSCHLAND-REDE: Friedrich Grimm. Auszug: „Als ein Wunder wird das, was sich heute in Deutschland vollzieht, später von der Geschichte bezeichnet werden. Das große deutsche Ziel muss aus der tiefen Kraft des Glaubens an Deutschland unerschütterlich weiterverfolgt werden. Einmütig müssen alle zusammenhalten und sich hinter den Führer stellen.“ In das anschließende „dreifache Sieg Heil auf Vaterland, Volk und Führer wird begeistert eingestimmt.“ Gemeinsamer Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Lieds.</p>



<p>Anmerkung:<span class="p"> Friedrich Grimm, Reichstagsabgeordneter, Propaganda-Redner der NSDAP. Bedingungsloser Verehrer Hitlers und einer seiner außenpolitischen Berater. Bekannt wurde er durch seine These, dass politischer Mord in „außergewöhnlichen Zeiten“ entschuldbar sei, da das Ausmerzen politischer Schädlinge nun einmal Sache des Staates sei.</span></p>



<p>„Ein wuchtiges Bekenntnis zu Deutschland gestaltete anschließend ein Sprechchor unter der Leitung von Dr. Heins; junge Arbeitsmänner riefen zu Einsatz und Tat.“<br>SCHLUSSWORT KONTERADMIRAL Schultze. Er sprach „für die Wehrmacht und besonders für die Kriegsmarine und deren Verbundenheit mit den Hansestädten. Er betonte die engen Beziehungen der Kriegsmarine zum Handel und zur Handelsschifffahrt und unterstrich den Wunsch des Führers, dass alle Deutschen zu einer unzertrennlichen Gemeinschaft zusammengeschmiedet würden.“ Präsident Gebert verabschiedete die Gäste „unter lebhaftem Beifall mit herzlichen Wünschen für Führer und Vaterland und Deutschlands Zukunft.“<br>SPENDE für das WINTERHILFSWERK: 1750 RM (500 Teilnehmer); Spende für die DGzRS: 2000 RM.</p>



<p class="s4">Nachlese (BN&nbsp; vom 14.1.1936)<br>„Nachklang zur Eiswette“: „Besonders eindrucksvoll in diesem Jahr war die Wahl der Redner: Die Deutschland-Rede lag bei Professor Grimm aus Essen in allerbesten Händen … er verstand es nicht nur zu den Herzen der Zuhörer zu sprechen, sondern sich mit dieser Rede auch dem Rahmen der ganzen Veranstaltung außerordentlich glücklich anzupassen. Und das gleiche können wir von der Bremen-Rede des Herrn Syndikus Arthur Ulrich sagen, die nach Form und Inhalt ein Meisterwerk war…“</p>



<p class="s4">16. Januar 1936<br>Heider schreibt unter dem Eindruck des Eiswette-Besuchs an Präsident Gebert. Er gibt seiner Überzeugung darüber Ausdruck, dass die Eiswette „in großem Maße dazu beitragen wird, das notwendige gegenseitige Verständnis zwischen den staatlichen Stellen und den Führern der bremischen Wirtschaft zu fördern und zu weiterer Aufbauarbeit anzuspornen“<span class="s1"><em>[439]</em></span></p>



<p class="s4">16. Dezember 1936<br>Schreiben des Leiters der Außenhandelsstelle für das Weser-Ems-Gebiet, Dr. Alfred Loerner, an Außenminister Konstantin von Neurath. Auszug: „Der nächste Termin für eine größere gesellschaftliche Veranstaltung ist der 9. Januar 1937, die sogenannte Eiswette … Es ist ein Herrenessen mit verschiedenen Reden, eine halbpolitische Veranstaltung, bei der auch der Gauleiter, bzw. Reichsstatthalter (Carl Röver; der Verf.) und die Bremische Regierung vertreten sein werden. …</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[439]</em> StAB a.a.O., Notiz vom 16.1.1936.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 7</p>



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<p>Immerhin wäre dies eine Gelegenheit, die Vertreter der bremischen Wirtschaft in größerem Umfange zusammen zu haben. Es wäre sehr begrüßenswert, Herren des Auswärtigen Amtes in diesem Kreise zu sehen. … Die Schaffermahlzeit findet erst im Februar statt und hat für das, was wir wollen, nämlich eine Aussprache und ein persönliches Kennenlernen zwischen bremischer Staatsführung und dem Auswärtigen Amt, nicht ganz den richtigen Charakter. … Sie ist zweifellos eine interessante Veranstaltung hohen Ranges, was übrigens die Eiswette nicht minder ist, aber ich befürchte, dass bei dieser Gelegenheit doch zu viele fremde Herren anwesend sein würden und zu wenig Bremer Herren, um mit den einzelnen in nähere Berührung zu kommen. … Heil Hitler! Ihr sehr ergebener Alfred Loerner“<br><u><br>Anmerkung:</u><br>Alfred Loerner war seit 1929 Leiter der “Außenhandelsstelle für Bremen und Emden“, einer Behörde, die dem Auswärtigen Amt unterstellt war<i>.</i><span class="s1"><em>[440]</em> </span>Nach einer Umstrukturierung im November 1931 wurde daraus die „Außenhandelsstelle für das Weser-Ems-Gebiet“. Durch die Angliederung des oldenburgischen Staatsgebiets sollte eine bessere Interessenwahrnehmung der Küstenregion von Ostfriesland bis Oldenburg ermöglicht werden<i>.</i><span class="s1"><em>[441]</em> </span>Loerner war am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten.<span class="s1"><em>[442]</em> </span>Im Oktober war er Mitglied im neuen Vorstand des „Club zu Bremen“ (noch unter Friedrich Roselius) geworden und wirkte aktiv an dessen Umgestaltung im nationalsozialistischen Sinne mit.<span class="s1"><em>[443]</em></span><br>21.12.1936:<br>Der Regierende Bürgermeister Heider lädt Dr. von Raumer, den Leiter der Geschäftsstelle des außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafters des Deutschen Reichs, Joachim von Ribbentrop, Wilhelmstraße und Reichsbankdirektor Karl Blessing zur Eiswette ein. Er schreibt an Raumer, „dass eine persönliche aber zwanglose Fühlungnahme mit den Spitzen der Behörde wie auch der Kaufmannschaft Bremens Ihnen für Ihre verantwortungsvolle Tätigkeit nicht unwillkommen sein wird&#8230;“ Die Einladung wird angenommen, aber am Tag der Veranstaltung mit einem Telegramm „aus wichtigen politischen Gründen“ abgesagt. Das Schreiben an Blessing geht auf einen von diesem in Bremen gehaltenen Vortrag ein, in dem er gesagt hatte, dass in Bremen „die Voraussetzungen vorhanden sind, um die Aufgabe zu erfüllen, die &#8230; der Vierjahresplan an uns stellt.“ Die Eiswette, schreibt Heider, der aus dieser Rede zitierte, sei doch ein guter Anlass zu kommen, „weil neben den Spitzen der Behörde, der Partei und der Wehrmacht die Kaufmannschaft in allen ihren Sparten vertreten sein wird.“<span class="s1"><em>[444]</em> </span>Blessing sagt in einem längeren Brief bedauernd ab, weil „gerade die Eiswette Gelegenheit zu einer Aussprache mit den maßgebenden Bremer Wirtschaftskreisen“ böte.<span class="s1"><em>[445]</em></span></p>



<p>Anmerkung:<span class="p"> Die „Dienststelle Ribbentrop“ agierte in Konkurrenz zum Auswärtigen Amt. Ribbentrop war zunächst, im Hintergrund wirkend, außenpolitischer Berater Hitlers. Am 4. Februar 1938 wurde er Außenminister.</span></p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[440] </em>Vgl. Bremer Zeitung 23.2.1938.<br><em>[441] </em>Vgl. Kölnische Zeitung, 3. und 4.11. 1931. In: StAB C.VIII.2.e.Zeitungsausschnitte zur Außenhandelsstelle für das Weser-Ems-Gebiet.<br><em>[442] </em>Personalakte Alfred Loerner; StAB 4,66-I.-6682<br><em>[443]</em> Er war Mitglied des von der Partei ernannten „Führerbeirats“, „Verantwortlicher“ im „Kaufmännischen Ausschuss“ und Mitglied im „Vertrauens-Ausschuss“, die zu den Unterzeichnern des „Umwandlungs-Protokolls“ der Mitgliederversammlung vom 28.2.19 gehörten. Vgl. Der Club zu Bremen a.a.O., S. 257.<br><em>[444]</em> StAB a.a.O., Notiz vom 21.12.36.<br><em>[445] </em>StAB a.a.O., Notizen vom 28.12. und 30.12.1933.</p>



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<h3 class="wp-block-heading" id="die-eiswette-in-der-nationalsozialistischen-presse">Die Eiswette in der nationalsozialistischen Presse</h3>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-301 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="560" height="205" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/Image_009.jpg" alt="" class="wp-image-301" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/Image_009.jpg 560w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/Image_009-300x110.jpg 300w" sizes="(max-width: 560px) 100vw, 560px" /><figcaption>Bild 37 Kopfzeile der nationalsozialistischen Bremer Zeitung.</figcaption></figure>



<p>Am 14.2.1936, einen Tag vor dem Schaffermahl, hatte Wirtschafssenator Bernhard die Überzeugung geäußert, dass „der Geist des neuen Deutschland &#8230; in alle Bremer Wirtschaftskreise eingezogen“ sei.<span class="s1"><em>[446] </em></span>Zur Eiswette hatte die nationalsozialistische Regierung inzwischen ein völlig entspanntes Verhältnis, da sie sich in die allgemeine politische Propaganda hatte einspannen lassen. Die „Bremer Nachrichten“ stellten am 12. Januar 1936 in ihrer Reportage fest, dass die Eiswette eine Feier wäre, „in deren Mittelpunkt sich stets in Reden und Aufführungen hansischer Geist zum großen, deutschen Ziel bekennt.“<span class="s1"><em>[447]</em> </span>Ab 1936 berichtete auch die nationalsozialistische Lokalpresse regelmäßig und ausführlich über die Rituale.<span class="s1"><em>[448]</em></span></p>



<p>Am 7. Januar 1936 erschien in der „Bremer Zeitung“ unter dem Titel „107 Jahre Eiswette“ das einzige Fotodokument einer Protokoll-Unterzeichnung der Eiswettproben aus den Jahren von 1929 bis 1939. Es zeigt vier Herren, unter ihnen Hugo Gebert, die hinter dem finnischen Konsul stehen. Der unterzeichnet gerade das Protokoll, in dem er bestätigt, dass die vier Herren des Präsidiums durch Steinwürfe die Eisfreiheit der Weser festgestellt haben.<span class="s1"><em>[449]</em></span><br>Im ersten redaktionellen Artikel präsentierte die „Bremer Zeitung“ ihren Lesern am Vorabend des Festes von 1936 einen „Gang durch die Geschichte der Gesellschaft Eiswette.“ Da vielen „der Ursprung“ dieser „zum Bremer Brauchtum gewordenen“ Feier unbekannt wäre, hieß es da, dürfte „es wohl von Interesse sein, einmal in der Bremer Chronik zu lesen vom frohen Treiben unserer Väter und Großväter“: Am Anfang war eine Kegelpartie von guten Freunden und Bekannten, die sich „draußen vor den Toren der Stadt ihrem Sport mit Ruhe und Behaglichkeit hingaben.“ Eines Tages hätte man bei einem Kartenspiel „schon sehr fröhlich“ die bekannte Wette abgeschlossen „und wie der Mensch überhaupt gern eine jede Gelegenheit ergreift, im Freundeskreis fröhlich zu sein, wurde beschlossen, die Wette zu wiederholen.“ Die Darstellung kam – bis auf die Behauptung, dass die Eiswettprobe so alt wäre wie die Wette &#8211; ohne die Legenden eines Rudoph Feuß aus und damit der Wirklichkeit sehr nahe.</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[446]</em> Zitiert bei Dieter Pfliegensdörfer, Vom Handelszentrum zur Rüstungsschmiede. Wirtschaft, Staat und Arbeiterklasse in Bremen von 1929 bis 1945. Bremen 1986, S. 279.<br><em>[447]</em> BN 12.1.1936.<br><em>[448]</em> Die Berichte der &#8222;Bremer Zeitung&#8220; erschienen am 10. Januar 1937, am 9. Januar 1938 und am 8.Januar 1939.<br><em>[449]</em> Das Konsulat befand sich im Schnoor, Hinter der Holzpforte 10.</p>



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<p>Sie hob ganz ab auf die „fröhliche Wettkumpanei“, die nichts weiter sein wollte, „als eine Gemeinschaft froher Arbeitskameraden, die alle im Laufe eines Jahres zum Wohl der alten und Freien Hansestadt Bremen wirkten.“<span class="s1"><em>[450] </em></span>Das Thema hatte anscheinend auf höhere Parteiebene Interesse erregt, denn die Reportage der „Bremer Zeitung“ von 1937 wurde auf den norddeutschen Küstenraum ausgedehnt: Der Artikel erschien auch in den nationalsozialistischen Publikationen „Nordwestdeutschen Zeitung“ und „Hamburger Fremdenblatt.“<span class="s1"><em>[451] </em></span>Die Eiswette war auf dem besten Weg, eine heimatkundliche Größe nationalsozialistischen Deutschtums zu werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1937-bremer-nachrichten-vom-10-1">1937: Bremer Nachrichten vom 10.1.</h2>



<p>Gäste: Gauleiter Carl Röver, NSDAP-Kreisleiter Blanke, Bürgermeister Heider und der gesamte Bremer Senat.<br>Einzug der Gäste unter den „schmetternden Klängen“ eines Fanfarenmarsches der Bataillonskapelle des Inf.-Rgt. Nr.65.<br>Präsident Gebert gedenkt „der Toten des Weltkrieges und des deutschen Freiheitskampfes.“ Der Saal verdunkelt sich. Leise erklingt das Lied vom Guten Kameraden, bei dem sich die Anwesenden von den Plätzen erheben. Auf der Leinwand erscheinen Bilder, die sich mit Hans Wagenführ verbinden.<br>Opernsänger Uhde singt „markig“ die Ansprache von König Heinrich I. aus Richard Wagners „Lohengrin“.</p>



<p class="s6">Lo h e n g r i n – 1. A uf z ug</p>



<p class="s6">Kö n i g H e i n r i c h</p>



<p class="s7">(erhebt sich)</p>



<p class="s6">Gott grüß&#8216; euch, liebe Männer von Brabant!<br>Nicht müßig tat zu euch ich diese Fahrt!<br>Der Not des Reiches seid von mir gemahnt!<br>Soll ich euch erst der Drangsal Kunde sagen,<br>die deutsches Land so oft aus Osten traf?<br>In fernster Mark hießt Weib und Kind ihr beten:<br>»Herr Gott, bewahr uns vor der Ungarn Wut!«<br>Doch mir, des Reiches Haupt, mußt&#8216; es geziemen,<br>solch wilder Schmach ein Ende zu ersinnen;<br>als Kampfes Preis gewann ich Frieden<br>auf neun Jahr ihn nützt&#8216; ich zu des Reiches Wehr;<br>beschirmte Städt&#8216; und Burgen ließ ich baun,<br>den Heerbann übte ich zum Widerstand.<br>Zu End&#8216; ist nun die Frist, der Zins versagt<br>mit wildem Drohen rüstet sich der Feind.<br>Nun ist es Zeit, des Reiches Ehr&#8216; zu wahren;<br>ob Ost, ob West, das gelte allen gleich!<br>Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen,<br>dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich!</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[450] </em>Bremer Zeitung 11.1.1936.<br><em>[451]</em> Vgl. Bremer Zeitung vom 10.1.1937, „Nordwestdeutsche Zeitung“ und „Hamburger Fremdenblatt“ vom 11.1.1937; in: Pressearchiv des Focke-Museums Bremen. Bremer Eiswette 72 vom 12.1.1929 – 5.1.2004.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 10</p>



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<p><u>Anmerkung:</u> Mit dieser Darbietung in Anwesenheit der gesamten NSDAP-Prominenz und des Senats lag die Eiswette voll im politischen Trend. Heinrich Himmler hatte ein halbes Jahr zuvor, am 2. Juli 1936, einen Kult um Heinrich I. ins Leben gerufen, als er bei den Feierlichkeiten zum 1000. Todestag des Königs in Quedlinburg eine im Rundfunk deutschlandweit übertragenen Rede gehalten hatte: Heinrich I., einer „der größten Schöpfer des Deutschen Reiches,“<span class="s1"><em>[452]</em> </span>war „ein Führer, der seine Gefolgsleute an Kraft, Größe und Weisheit überragte. … Er sah das Ganze und baute das Reich – Er war eine der größten Führerpersönlichkeiten der deutschen Geschichte.“ Himmler sah in Heinrich I. den Stifter des deutschen Volkes. Er stilisierte ihn in seiner Rede „zu einer spätgermanischen Führerfigur, zu einem „edlen Bauern seines Volkes“, zum „Führer vor tausend Jahren.“ „Durch die von Heinrich I. betriebene Errichtung zahlreicher Wehranlagen an der damaligen deutschen „Ungarngrenze“ erschien Heinrich in Himmlers Sicht als der früheste Protagonist einer deutschen Ostorientierung.“<span class="s1"><em>[453] </em></span>Der Kult um Heinrich I. wurde Teil nationalsozialistischer Schulung, wofür das hier im Titelblatt abgebildete Themenheft der „Jungmädelschaft“ Berlin vom November 1938 ein Beispiel ist.</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[452] </em>Vgl. Karl-Heinz Janssen, Himmlers Heinrich. Wie ein König des frühen Mittelalters zum Patron der deutschen Vernichtungspolitik im Osten wurde.&nbsp;In: „Zeit. Online“ vom 19. Oktober 2000 (Nr.43/2000)<br><em>[453]</em> Wikipedia Stichwort: Heinrich I. (Ostfrankenreich) am 2.05.2017.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 11</p>



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<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-303 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="452" height="683" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/2.jpg" alt="" class="wp-image-303" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/2.jpg 452w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/2-199x300.jpg 199w" sizes="(max-width: 452px) 100vw, 452px" /><figcaption>Bild 38 Schulungsheft Blätter für Heimabendgestaltung der Jungmädel, Berlin November 1938</figcaption></figure>



<p>Aus dem Vorwort mit dem Titel „Jungmädelführerin!“: „Wir sehen in ihm die große germanische Führerpersönlichkeit, die zutiefst in ihrem Innern dem Deutschtum verbunden war und die nur ein Ziel und eine Lebensaufgabe kannte: das Zusammenschmieden eines Deutschen Reiches und die Zukunft des Deutschen Volkes. … Er wurde in Wahrheit der Gründer des Deutschen Reiches.“</p>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-305 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="515" height="755" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/1.jpg" alt="" class="wp-image-305" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/1.jpg 515w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/1-205x300.jpg 205w" sizes="(max-width: 515px) 100vw, 515px" /><figcaption>Bild 39 Seite 1 des Schulungsheftes mit Himmler-Zitat</figcaption></figure>



<p>BREMEN-REDE von Lettow-Vorbeck. „Lettow-Vorbeck kennzeichnete dann den deutschen Geist des s o l d a t i s c h e n&nbsp; G e h o r s a m s (Sperrungen im Original, d. Verf.), der nicht unbedingt nach dem Wortlaut eines Befehls frage, sondern vornehmlich Entschlussfreudigkeit fordere.“<br>DEUTSCHLAND-REDE: Finanzsenator Otto Flohr. Auszug: „Nach dem Weltkrieg ist Deutschland dem Abgrund des Bolschewismus entgegengetrieben, doch der Nationalsozialismus hat die Gefahr in voller Größe erkannt und dagegen das Bollwerk der Volksgemeinschaft aufgerichtet. Der Führer hat uns wieder zu einem wehrhaften Volk gemacht; mit Stolz können wir uns heute wieder Deutsche nennen. Nur durch den restlosen Einsatz aller uns gegebenen Kräfte können wir unserem Führer danken.“<br>Es folgt „das Sieg Heil auf Volk und Führer, in das kräftig eingestimmt wird.“ Gemeinsamer Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Lieds.<br>Festspiel von Otto Heins. Bewährte Schauspielkräfte der bremischen Theater führen das Stück zu voller Wirkung. „Auch einige „Mohrenkinder“ und das Ballett des Staatstheaters haben Anteil am Erfolg des Stückes.<br>Ansprache von Bürgermeister Heider.<br>SCHLUSSWORT KOMMANDIERENDER GENERAL DES X. ARMEEKORPS Knochenhauer, „der den Dank der Vertreter der Wehrmacht in kernigen Worten zum Ausdruck brachte. Im Besonderen betonte er die Notwendigkeit des gegenseitigen Vertrauens, das zwischen der Wehrmacht und den Angehörigen der Wirtschaft herrschen müsse. Alles für Deutschland und alles für den Führer, das sei das eine große Ziel.“</p>



<p>A<u>nmerkung:</u> Knochenhauer starb am 28. Juni 1939 und erhielt auf Befehl Hitlers ein Staatsbegräbnis in Hamburg am 2. Juli, an dem dieser selbst teilnahm, obwohl er kurzfristig einen lange geplanten Staatsbesuch in Bremen für den 1. Juli wegen angeblich wichtiger politischer Geschäfte abgesagt hatte.<br>SPENDE für das WINTERHILFSWERK: 1750 RM (500 Teilnehmer); Spende für die DGzRS: 2000 RM.</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="1938-bremer-nachrichten-vom-9-1">1938: Bremer Nachrichten vom 9.1.</h2>



<p>Von Lettow-Vorbeck, als Deutschland-Redner eingeladen, muss krankheitsbedingt kurzfristig absagen.<br>Im verdunkelten Saal widmet Präsident Gebert „den Toten des Weltkrieges und des Kampfes um Deutschlands Erneuerung ergreifende Worte.“ Lied vom Guten Kameraden. Gedenken an Wagenführ.<br>Mitreißender Gesangsvortrag „Odins Meeresritt“ von Löwe. Basssänger Willy Schöneweiß vom Staatstheater, begleitet von Kapellmeister Theodor Holterdorf</p>



<p>Odins Meeresritt</p>



<p>Meister Oluf, der Schmied auf Helgoland,<br>Verlässt den Amboss um Mitternacht.<br>Es heulet der Wind am Meeresstrand,<br>Da pocht es an seiner Türe mit Macht.<br>&#8222;Heraus, heraus, beschlag mir mein Ross,<br>Ich muss noch weit, und der Tag ist nah!&#8220;<br>Meister Oluf öffnet der Türe Schloss,<br>Und ein stattlicher Reiter steht vor ihm da.<br>Schwarz ist sein Panzer, sein Helm und Schild;&nbsp;<br>An der Hüfte hängt ihm ein breites Schwert.&nbsp;<br>Sein Rappe schüttelt die Mähne gar wild<br>Und stampft mit Ungeduld die Erd!<br>&#8222;Woher so spät? Wohin so schnell?&#8220;<br>In Norderney kehrt ich gestern ein.<br>Mein Pferd ist rasch, die Nacht ist hell,<br>Vor der Sonne muss ich in Norwegen sein!&#8220;<br>&#8222;Hättet Ihr Flügel, so glaubt ich‘s gern!&#8220;<br>&nbsp; Mein Rappe, der läuft wohl mit dem Wind.&nbsp;<br>&nbsp; Doch bleichet schon da und dort ein Stern.<br>Drum her mit dem Eisen und mach geschwind!&#8220;<br>Meister Oluf nimmt das Eisen zur Hand,<br>Es ist zu klein, da dehnt es sich aus.<br>Und es wächst um des Hufes Rand,<br>Da ergreifen den Meister Bang und Gras.<br>Der Reiter sitzt auf, es klirrt sein Schwert:<br>&#8222;Nun, Meister Oluf, gute Nacht!<br>Wohl hast du beschlagen Odins Pferd;&nbsp;<br>Ich eile hinüber zur blutigen Schlacht.&#8220;<br>Der Rappe schießt fort über Land und Meer,&nbsp;<br>Um Odins Haupt erglänzet ein Licht.<br>Zwölf Adler fliegen hinter ihm her;<br>Sie fliegen schnell und erreichen ihn nicht.</p>



<p>DEUTSCHLAND-REDE: An der Stelle von Lettow-Vorbeck tritt Staatsschauspieler Heinz Lorscheidt auf, der im Gewand von Roland dem Riesen einen Vortrag hält aus der Feder von Otto Heins, in dem er „in schwungvollen Versen von seiner Wacht für Freiheit und Recht“ spricht. Seine Worte klingen aus mit einer</p>



<p>„Anrede an den Lenker des deutschen Geschicks“:<br>„Weih&#8216; Du mein deutsches Schwert,<br>dass es Dir, Führer, wert!&nbsp;<br>Führ&#8216; deutsches Mannestum<br>wieder zu Glanz und Ruhm,<br>Führ&#8216; Du den deutschen Sinn<br>zur alten Treue hin!<br>Schirme mit starker Hand<br>das deutsche Vaterland, <br>Bleib&#8216; unser Freiheit Hort!<br>Freiheit, dies stolze Wort<br>Pflanz&#8216; deutschen Herzen ein.<br>Frei woll&#8217;n wir sein!“</p>



<p>Präsident Gebert „bringt das Sieg Heil“ auf Adolf Hitler aus.<br>Gemeinsamer Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Lieds. „500 Kehlen stimmen kraftvoll ein.“<br>SCHLUSSWORT GENERAL DER FLIEGER Zander, „der darauf hinwies, dass alle drei Waffen zahlreich als Gäste der Eiswette vertreten seien. Damit komme die enge Zusammenarbeit der Wirtschaft mit der Wehrmacht zum Ausdruck, die die Aufgabe habe, durch ihre Stärke den friedlichen Handel zu stützen.“<br>In seiner Verabschiedung der Gäste gibt Präsident Gebert die Versicherung ab, „dass jeder, der ihr (der Eiswette, d. Verf.) angehöre, auf seinem Platz für das Wohl des Vaterlandes unter Einsatz aller seiner Kräfte mehr denn je auch in Zukunft arbeiten werde.“</p>



<p>SPENDE für das WINTERHILFSWERK: 1750 RM (500 Teilnehmer); Spende für die DGzRS: 1500 RM.</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="selten-so-gelacht-die-eiswette-am-7-januar-1939">„Selten so gelacht“ Die Eiswette am 7. Januar 1939</h2>



<h2 class="wp-block-heading" id="prolog">Prolog</h2>



<p>In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen SA-Männer in Bremen auf „Judensuche“. Auf der Grundlage einer von der Reichspropaganda-Abteilung erstellten Adressenliste wurden in Bremen ungefähr 160 Männer zu einer Sammelstelle auf dem Schulhof des Alten Gymnasiums in der Dechanatstraße gebracht, von wo man sie am nächsten Tag unter den Augen der Bremer Öffentlichkeit zu Fuß zum Gefängnis nach Oslebshausen trieb. Dort verbrachten sie die Nacht. Am nächsten Morgen ging es ohne Wiedersehen mit der Familie mit der Straßenbahn zum Bremer Hauptbahnhof und von dort aus mit dem Sonderzug ins KZ Sachsenhausen.<span class="s1"><em>[454]</em></span></p>



<p>11. November 1938, Bremer Nachrichten<br>Titelzeile: Bremens Vergeltung für den jüdischen Mord. 1. Untertitel: Synagoge brannte nieder. 2. Untertitel: Demonstration vor den Judengeschäften. „In allen Stadtteilen Bremens, vor allem jedoch in der Innenstadt, wurden die Schaufensterscheiben der jüdischen Geschäfte zertrümmert und in den (! d. Verf.) Auslagen Plakate gestellt, die von der Vergeltung für das scheußliche Verbrechen jüdischer Mörderhände sprachen. Außerdem ging in den Morgenstunden des Donnerstag der Judentempel in der Gartenstraße (heute Kolpingstraße &#8211; d. Verf.) in Flammen auf, ebenso die Kapelle auf dem Hastedter Judenfriedhof. Schließlich wurde auch noch das dem Judentempel (…) benachbarte Gebäude der jüdischen Verwaltung, das „Rosenakhaus“, ausgeräumt. Die Juden Bremens wurden in Schutzhaft genommen.“ „Die Tempel der Juden haben in Deutschland keinen Raum mehr. In dieser einzigen Nacht entschied sich ihr (…) Schicksal. Wenige Stunden dieser Nacht genügten, um sie nach einem letzten Aufflackern für immer von der deutschen Erde verschwinden zu lassen.“</p>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-307 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="502" height="375" src="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/Image_017.jpg" alt="" class="wp-image-307" srcset="https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/Image_017.jpg 502w, https://www.diegeschichtederbremereiswette.de/wp-content/uploads/2017/11/Image_017-300x224.jpg 300w" sizes="(max-width: 502px) 100vw, 502px" /><figcaption>Bild 40 Defilee der anderen Art: Zug von 160 jüdischen Bremer Männern nach Oslebshausen am 10. November 1938; hier in der Waller Heerstraße.</figcaption></figure>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[454]</em> Vgl. den buten-un-binnen-Beitrag am 31. Januar 2002 von Radio Bremen.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 12</p>



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<p>„Es war kurz nach 2 Uhr. Die Flammen prasselten im Erdgeschoss bereits, während von SA-Männern wichtig Scheinendes noch geborgen (&#8230;) wurde. Die Straße wurde abgesperrt. Die Feuerlöschpolizei war (…) zur Stelle, um (…) alle Maßnahmen zur Begrenzung dieses Brandes auf seinen einzigen Zweck zu treffen. (…) Das benachbarte Kolping-Haus wurde (…) sorgfältig bewacht. In der fünften Morgenstunde ist das Innere der Synagoge bis auf den Dachstuhl völlig ein Raub der Flammen geworden (…) Was einst ein Judentempel war, erlischt, um niemals wieder aufzuerstehen. (…) Ein Blick in das „Rosenakhaus“ ist ungewöhnlich interessant: Bilder großer und kleiner Juden hängen an den Wänden. (…) Gegen vier Uhr dringt dann Lärm aus Richtung Brill über die Hutfilter- bis zur Obernstraße. Der zweite Teil der Vergeltungsmaßnahmen beginnt. (…) Disziplinierte Gruppen durchzogen hier wie auch in den anderen Stadtteilen die Straßen (…) Ein Schlag mit dem Hammer gegen die Schaufensterscheiben: Klirren dröhnt durch die Straßen. (…) am Donnerstagmorgen war ganze Arbeit geleistet. Die Scheiben aller jüdischen Geschäfte waren zertrümmert und die (…) männlichen Juden in Schutzhaft genommen, in der sie sich auch heute noch befinden. In der Innenstadt wie auch auf den Hauptstraßen der Vorstädte stauten sich den ganzen Tag über die Menschenmassen. (…) Bremens Bevölkerung und mit ihr das ganze deutsche Volk hat gezeigt, dass es nicht geduldig zuschaut, wie deutsche Männer von Juden hingemordet werden!“</p>



<p>12. November 1938, Bremer Nachrichten Wiedergabe der Rede des Regierenden Bürgermeisters, SA-Gruppenführer Heinrich Böhmcker im „CASINO“ vor SA-Männern. Titel: „Mitmarschieren – das ist die Parole unserer Tage!“ (Auszug)<br>„Im Verlaufe seiner mitreißenden, fast zweistündigen Rede führte er u.a. folgendes aus:“ … In der SA stehen die Männer, die ohne Gesetze hinter sich zu haben – auf Grund ihrer politischen und weltanschaulichen Schulung stets wissen, was sie zu tun und wie weit sie zu gehen haben. Mir ist das Reden in einer Versammlung wohl nur selten so leicht geworden wie heute. Denn die SA hat in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt, (…) den klarsten Beweis ihrer Existenznotwendigkeit zu geben. (Starker Beifall). (…) Wir sind heute ein Volk, dass in der Welt gehasst wird, denn der Liberalismus sieht, wie er (…) immer mehr zerbröckelt. (…) Der Gruppenführer klärte dann in außerordentlich überzeugender, oft von sprühendem Humor getragener Art Einzelfragen (…) und kam dann auf die spontane Vergeltungsaktion gegen die Juden in Bremen und im ganzen Reich zu sprechen: „Hier und da, in den Salons, bei Tanztees oder am Biertisch sind gestern und heute vielleicht die Köpfe zusammengesteckt worden, und irgendwelche Jammertanten haben gemeint, wir wären zu rau gewesen. Ich sage nur, es hätte noch viel schlimmer kommen können und kann noch viel schlimmer kommen (…)“ (…) Das, was wir gemacht haben, ist immer noch recht harmlos. (…) Aber jetzt hört der Spaß auf. Und wo gehobelt wird, da fallen Späne. (…) Wenn wir den Marschtritt der braunen Bataillone in den Straßen hören, dann wissen wir, dass sie nicht für sich und ihre Familien, sondern zuerst für den Führer und das deutsche Volk kämpfen, das niemals untergehen wird! Langanhaltende Beifallskundgebungen für die mitreißenden Worte (&#8230;)“</p>



<p>9. Dezember 1938 Eiswettpräsident Gebert trifft sich mit SA-Sturmbannführer Staatsrat Lüth und lädt<br>Böhmcker zur Eiswette ein. 10. Dezember 1938 Brief von Gebert an Lüth, in dem er sich auf eine Übereinkunft aus dem Treffen des Vortags beruft und um die Weiterleitung von Einladungen zur Eiswette für folgende Herren aus der Berliner Regierung bittet: SS-Obergruppenführer Hans-Heinrich Lammers, Chef der Reichskanzlei (in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt); SS-Oberführer Rudolf Brinkmann, Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium; Leitender Staatssekretär im Reichsinnenministerium Hans Pfundtner; SS-Obergruppenführer (Mitverfasser der Nürnberger Gesetze); Wilhelm Stuckart, Staatssekretär im Reichsministerium des Inneren (Verfasser eines Kommentars zu den Nürnberger Gesetzen).</p>



<p>13. Dezember Lüth sagt die Teilnahme von Böhmcker schriftlich zu und bestätigt die Weitergabe der anderen Einladungen.<span class="s1"><em>[455]</em></span></p>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-feier-1939-bremer-nachrichten-vom-8-1">Die Feier 1939: Bremer Nachrichten vom 8.1.</h2>



<p>Gäste: Böhmcker sagt in letzter Stunde wegen einer Besprechung der Gauleiter in Innsbruck ab. Die vier eingeladenen Staatssekretäre erscheinen nicht<b>.</b><br>Das Fest beginnt bei verdunkeltem Saal mit dem feierlichen Gedenken an die Toten des Weltkrieges und der &#8222;Bewegung&#8220; durch den Präsidenten. Ehrung von Wagenführ (auf der Leinwand) mit dem Lied „Fahr wohl, mein teures Lieb‘, dasselbe Lied, mit dem er im großen Krieg so manches U-Boot zur letzten Fahrt ausklarierte. Der Saal wird erhellt und die Kapelle spielt „Freut euch des Lebens!“<br>Opernsänger Hölzlin singt unter Begleitung von Rudi Rottensteiner, beide vom Staatstheater, Hugo Wolfs „Heimweh“.</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="heimweh">Heimweh</h2>



<p>von Joseph von Eichendorff (1841)<br>vertont von Hugo Wolf<br>Wer in die Fremde will wandern,<br>Der muss mit der Liebsten gehen,</p>



<p class="has-small-font-size"><em>[455]</em> Alle Angaben aus StAB Senatsregistratur, Akte betr. die Stiftungsfeste der „Eiswette von 1829“ / 3V.2.No.2225.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 13</p>



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<p>Es jubeln und lassen die andern<br>Den Fremden alleine stehn.<br>Was wisset ihr, dunkele Wipfel,<br>Von der alten, schönen Zeit?<br>Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,<br>Wie liegt sie von hier so weit!<br>Am liebsten betracht ich die Sterne,&nbsp;<br>Die schienen, wie ich ging zu ihr,<br>Die Nachtigall hör ich so gerne,<br>Sie sang vor der Liebsten Tür.<br>Der Morgen, das ist meine Freude!<br>Da steig ich in stiller Stund<br>Auf den höchsten Berg in der Weite,<br>Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!</p>



<p>Der Sänger kann herzlichen Beifall verbuchen.</p>



<p>Unmittelbar danach schließt sich an “das Treuebekenntnis zu Führer, Volk und Vaterland.“<br>Gemeinsamer Gesang des DEUTSCHLANDLIEDS. Es wird nur in der ersten Strophe gesungen:</p>



<p>Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt,<br>wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält. <br>Von der Maas bis an die Memel. Von der Etsch bis an den Belt.<br>Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.</p>



<p>Gemeinsamer Gesang des HORST-WESSEL-LIEDS.<span class="s1"><em>[456]</em> D</span>ie Verse drei und vier jeder Strophe werden als Refrain wiederholt. Die erste Strophe wird am Schluss ein zweites Mal gesungen.</p>



<p>Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen.<br>SA marschiert mit ruhig festem Schritt.<br>Kameraden, die Rot Front und Reaktion erschossen,&nbsp;<br>marschier&#8217;n im Geist in unser&#8217;n Reihen mit.</p>



<p>Die Straße frei den braunen Bataillonen.<br>Die Straße frei dem Sturmabteilungsmann.<br>Es schau&#8217;n auf&#8217;s Hakenkreuz schon hoffnungsvoll Millionen.<br>Der Tag für Freiheit und für Brot bricht an.</p>



<p>Zum letzten Mal wird Sturmalarm geblasen!<br>Zum Kampfe steh&#8217;n wir alle schon bereit!<br>Schon flattern Hitler-Fahnen über allen Straßen.<br>Die Knechtschaft dauert nur noch kurze Zeit!</p>



<p>Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen.<br>SA marschiert mit ruhig festem Schritt.</p>



<p class="s1 has-small-font-size"><em>[456] </em><span class="s2">Das Lied wird in verschiedenen Originalversionen hunderttausendfach im Internet auf youtube angewählt.</span></p>



<p class="has-text-align-right">Seite 14</p>



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<p>Kameraden, die Rot Front und Reaktion erschossen,<br>marschier&#8217;n im Geist in unser&#8217;n Reihen mit.</p>



<p>Begrüßung von sechs ranghohen Militärs durch Präsident Gebert: Kommand. Admiral der Marinestation der Nordsee, Admiral Saalwächter als Repräsentant der zahlreich erschienenen Angehörigen der Wehrmacht, Kommand. General des XII. Armeekorps General der Inf. Schroth, Admiral Wolf, Leiter der Kriegsmarinestelle Hamburg, Generalleutnant Schreiber, Führer der Landesgruppe Niedersachsen des Reichsluftschutzbundes, Exzellenz Admiral Souchon, Polizeigeneral a.D. Caspari.<br>Aus der Gebert-Rede: „Die Eiswette ist kein Verein und kein Klub, sondern eine Gemeinschaft von Männern, die mit der unabdingbaren bremischen Tradition auf Gedeih und Verderb verbunden sind.“</p>



<p>Vorlesen des „lustigen“ Protokolls der Eiswettprobe vom 6. Januar durch Notarius Publicus Hans Degener-Grischow, Mitglied des Präsidiums.<br>Am 6. Jänner ist gescheh‘n<br>Und von mir mit eigenen Augen gesehen,<br>Dass der Punkendeich zwar weiß<br>Und ziemlich steif von Schnee und Eis:<br>Dass ich aber trotzdem gar nicht fand,<br>Was drauf schließen ließ, dass die Weser stand.<br>Es trieben zwar ein paar klägliche Schollen, <br>Die sich nicht zu einer Decke fügen wollen.<br>Ich sah auch wuchtig geschleuderte Ballen<br>Weißen Schnees in die Weser fallen.<br>So ist enttäuscht wieder manches Hoffen.&nbsp;<br>Es ist festgestellt: Die Weser war offen.<br>Der Eiswettschneider war nicht zur Stelle.<br>Die Gewerbepolizei hatte auf alle Fälle<br> Seine Teilnahme untersagt und verboten<br>Wegen des Risikos und der hohen Versicherungsquoten.</p>



<p>DEUTSCHLAND-REDE: Professor Wätjen, Universität Münster gibt einen historischen Rückblick über die Entwicklung der Hansestädte. (Auszug) „Wohin der Bremer bei der wirtschaftlichen Eroberung fremder Länder kam, hat er Boden gewonnen und sich behauptet, obgleich noch kein einiges und starkes Vaterland hinter ihm stand.“ (BN 8.1.) „Der Drang“ der Hansestädte „nach Übersee“; „ihre unerschütterliche Pionierarbeit für die Wirtschaft unseres Vaterlandes…“ (BZ 8.1.)</p>



<p>Daran schließt sich das Festspiel von Otto Heins an: „Eiswett-Elixiere des Teufels“ mit 13 Teilnehmern (u.a. die Präsidiums-Mitglieder Otto Heins und Hans Gerlach und der Sänger Heinz Lorscheidt) und „entzückenden Tanzeinlagen“ von Hilda und Erik aus dem „Astoria“. Schauplatz des Stücks ist der Bremer Ratskeller, wo Roland der Riese erscheint und der Seeräuber Klaus Störtebeker, der Rolands Schicksal insofern teilt, als auch er enthauptet wurde. „Während aber Störtebeker seinen Kopf für immer verlor, wird unser Roland auf festem Grund neu errichtet und sich für alle Zukunft neu „behaupten.“</p>



<p>Den Gästespruch bringt Fritz Henschen recht launig zum Vortrag.<br>Ernste und „humordurchwürzte“ Worte von Oberfinanzpräsident Carl, der auf die zukünftigen Aufgaben der bremischen Wirtschaft hinweist.</p>



<p>ERSTES SCHLUSSWORT von ADMIRAL Saalwächter, der „nicht weniger humorvoll die offene Hand und den offenen Sinn“ lobt, „den Bremen immer für die Wehrmacht bewiesen habe.“ Er gedenkt Bremens als alter U-Boots-Heimat und besonders der Fürsorge von Hans Wagenführ für die U-Boots-Besatzungen während des Weltkrieges.<br>ZWEITES SCHLUSSWORT von GENERAL DER INF. Schroth, der ein „von Herzen kommendes und zu Herzen gehendes Bekenntnis für seine alte Garnisonsstadt“ ablegt.<br>SPENDE für das WINTERHILFSWERK: 1750 RM (500 Teilnehmer); Spende für die DGzRS: 1500 RM.</p>



<h2 class="wp-block-heading" id="nachlese-in-der-bremer-zeitung-und-in-den-bremer-nachrichten-am-8-1">Nachlese in der Bremer Zeitung und in den Bremer Nachrichten am 8.1.</h2>



<p>Im Eiswettspiel hat „Dr. Otto Heins auch dieses Mal wieder seinen unverwüstlichen Humor eingesetzt. Da wurde wieder ohne Zimperlichkeit so manches befreiende Wort gesagt.“ (BZ) Diesmal hatte sich der bewährte Festspieldichter der Eiswette selbst übertroffen, denn selten ist wohl bei der Eiswette so gelacht worden, wie in diesem Jahr. Humor und Witz feierten Triumphe.“ (BN)</p>



<h1 class="wp-block-heading" id="zusammenfassung-von-kapitel-iii">Zusammenfassung von Kapitel III</h1>



<p>Nach dem plötzlichen Tod von Präsident Wagenführ am 7. Dezember 1932 übernahm Hugo Gebert die Präsidentschaft. Schon drei Monate vor der ersten Eiswette in nationalsozialistischer Zeit klopfte er an die Tür der neuen Machthaber. Seine Einladung wurde Thema einer Senatsbesprechung, auf der die Teilnahme unter der Bedingung angenommen wurde, dass die Feiern „den Zeiten und Auffassungen der Nationalsozialistischen Regierung“ entsprächen. Der am 13. Oktober mit den „Verhandlungen“ betraute Innensenator Theodor Laue kam mit dem Präsidium der Eiswette zügig und offensichtlich problemlos zu einer Einigung. Am 20. Dezember überreichte Gebert dem nationalsozialistischen Senat 19 Einladungen „zur freien Verfügung“. Für die Nationalsozialisten war das politische Einschwenken der Kaufleute auf ihre Linie nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen erfreulich. Gab doch die Eiswette darüber hinaus ein Beispiel dafür, wie sich deutschnationale Gesinnung auf nationalsozialistische Politik ausrichten ließ. Und eine weitere Tatsache dürfte den Parteigenossen die Entscheidung leicht gemacht haben: Die Eiswette war „judenfrei“. Spätestens seit der antijüdischen Politik von Bürgermeister Johann Smidt in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts war die Anzahl der Juden in Bremen eine zu vernachlässigende Größe.<span class="s1"><em>[457]</em> </span>In den führenden Kaufmannskreisen der Stadt dürfte sie gegen Null gegangen sein. Ein Julius Bamberger war nicht auf der Mitgliederliste der Eiswettgenossen.<br>Das Ritual war ab 1934 von einer der üblichen nationalsozialistischen Veranstaltungen praktisch nicht zu unterscheiden. Kein Fest fand statt ohne Präsident Geberts Variationen des dreifachen „Heil-Rufes“, sei es auf Führer, Volk und Vaterland, sei es auf die (nationalsozialistische) „Freiheitsbewegung“ oder schlicht auf Adolf Hitler. Deutschlanlied und Horst-Wessel-Lied als Nationalhymne &#8211; stehend und mit erhobenem Arm gesungen &#8211; begleiteten jedes Fest.</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[457]</em> Vgl. Andreas Lennert, Johann Smidt und die Vertreibung der Juden aus Bremen. Bremisches Jahrbuch, Bd. 87, 2008, S. 160 – 200.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 15</p>



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<p>Die Reden waren der alltäglichen Propaganda angepasst, nicht selten mühselig aus erzkonservativem oder reaktionärem Gedankengut herausgewunden, wie bei Paul von Lettow-Vorbeck, der bis 1938 Gast, bzw. Redner auf den Eiswetten war. Auch fanatische Anhänger des Nationalsozialismus kamen zu Wort. Die lokale Presseberichterstattung lässt keinen Zweifel daran, dass die Redebeiträge mit großer Begeisterung aufgenommen wurden, wenn sie die Einheit von Wirtschaft und Wehrmacht, von Führer und Volk propagierten. Die Zahl der Generale erhöhte sich noch im Laufe der Jahre. Je aggressiver die Außenpolitik des Reiches wurde, umso mehr von ihnen traten auf. Da ihnen die Ehre zuteil wurde, jedes Mal, bevor der Präsident die Veranstaltung aufhob, das Schlusswort zu sprechen, waren die Feiern, die immer mit der Totenehrung für die Gefallenen des Weltkrieges begannen, buchstäblich militärisch eingerahmt. Sechs Jahre lang ließ die politische Euphorie nicht nach. Die Zahl der Eiswettgenossen<span class="s1"><em>[458] </em></span>wie auch die der Gäste<span class="s1"><em>[459]</em> </span>nahm in den dreißiger Jahren sogar noch einmal zu.<br>Die letzte Feier in der „Glocke“ am 7.1. 1939 war zweifellos der Tiefpunkt in dieser Reihe, kaum zwei Monate nach dem Judenpogrom in der Stadt und in unmittelbarer Nähe der gebrandschatzten Synagoge in der Gartenstraße (heute Kolpingstraße<span class="s9">)</span>.</p>



<p class="s2 has-small-font-size"><em>[458]</em> Sie erhöhte sich zwischen 1934 und 1939 um 62 (12 im Jahr 1934 und 40 seit 1935). Das geht aus der Mitgliederliste in der Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest 1954 hervor. Dort sind die Eintrittsdaten verzeichnet. Vgl. Eiswette von 1829. Gedenkschrift zum 125 Stiftungsfest. Sonnabend, den 16. Januar 1954. Ohne Verfasser-Angabe. Broschüre von 19 Seiten mit den Namen der 275 Mitglieder und einer Teilnehmerliste der 326 Gäste. Dagegen verlor der „Club zu Bremen“ nach seiner Umbenennung in „Haus der Hanse zu Bremen“ und dem Austausch des Vorsitzenden Friedrich Roselius durch den nationalsozialistischen Staatsrat Kurt Thiele am 23.2.1934 im Laufe eines Jahres&nbsp;270 seiner 1250 Mitglieder durch Protest-Austritte. Die Umbenennung wurde nach einem Jahr in einem Rundbrief von Thiele vom 18.2.1935 wieder rückgängig gemacht. (Vgl. Club zu Bremen, a.a.O., S.260/261). Das änderte allerdings wenig an der nationalsozialistischen Ausrichtung des Clublebens. Zwölf Mitglieder verließen den Club unfreiwillig, weil sie „laut Klassifizierung nach den Nürnberger Rassegesetzen vom 15. September 1935 als Juden, Halb- oder Vierteljuden bezeichnet wurden.“ Sie „verschwanden“ aus der Mitgliedsliste des Clubs. Es liegt nahe, schreiben Engelbracht / Hauser, dass sie „den Ausschluss aus der Clubgemeinschaft als Teil ihrer fortschreitenden Entrechtung, Verfolgung, Bedrohung und Demütigung über sich ergehen lassen mussten.“ Der Club zu Bremen, a.a.O., S. 261,<br><em>[459] </em>Sie stieg bis 1935 um 50 auf 500. Vgl. Löbe, a.a.O., S. 148 und Bremer Nachrichten vom 10.1.1933.</p>



<p class="has-text-align-right">Seite 16</p>
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