1988 Der Senat boykottiert die Eiswette                                         

Der Boykott hatte eine Vorgeschichte. Am Ende seiner Rede zur Entspannungspolitik im Jahr 1981 hatte sich Koschnick einem Thema gewidmet, das ihn „schmerzlich berührte“. Zunächst sprach er von den finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, unter denen Bremen und andere Bundesländer zu leiden hätten, eine Situation, die man „besser, wenn auch nicht ohne spürbare Belastungen durchstehen werde“ als die „bitteren Jahre nach 1930, nach der Pleite der Nordwolle“. „Besorgter“ als das, sagte er, „stimmen mich die Störungen in unseren inneren Beziehungen.“ Es wäre „stets eine bremische Tugend gewesen, (…) über die lebenswichtigen Belange dieser Stadt und dieses Landes immer und überall offen miteinander sprechen“ zu können. Dies gelte heute leider „nur noch mit Einschränkungen.“ Bremen sei „nicht in einer hoffnungslosen Lage“, aber notwendig sei „die Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln.“ Koschnick sprach die Versammelten direkt an auf „Ihre Vorgänger als Eiswett-Genossen (die) ihre Pflicht taten.“  Er fragte: „Wem soll es nützen, wenn Bremer auswärts über Bremer herfallen?“ Er appellierte an die Eiswettgenossen, sich „selbstkritisch“ zu „prüfen, ob die heutigen Formen des Umgangs miteinander, etwa über die Medien, nicht vor allem Bremen schaden.“[1]  Es verwundert nicht, dass sich die Zustimmung der Eiswettgenossen über die Rede insgesamt sehr in Grenzen hielt.[2] Das „Bündnis von Kaufmannschaft und Arbeiterschaft“, jahrelang auf der Eiswette von Koschnick und Gätjen in Personalunion repräsentiert, zeigte am Ende der Amtszeiten von Bürgermeister und Eiswettpräsident deutliche Erosionserscheinungen. Die Folgen waren einige Jahre später zu beobachten.[3] Eines der inoffiziellen Eiswett-Prinzipien ist eigentlich, „Parteipolitik“ auszuklammern.[4] Genau das war der strittige Punkt in der Auseinandersetzung Wedemeiers mit der Eiswette in den Jahren 1987/88. Wie Koschnick sah er „den Sinn der Eiswette (darin), „Bremen überregional positiv zu „vermarkten“. Er warf den Eiswettgenossen vor, sie auf dem Fest von 1987 „unter dem Motto „Bremen kaputt“ den vielen auswärtigen Gästen eine verlogene Anti-Bremen-Schau“ präsentiert hätte. Es ging um die Darbietungen des traditionellen Eiswette-Kabaretts, dass nach Wedemeiers Überzeugung schon vor 1987 dem Sinn der Eiswette „mit aller Kraft entgegengewirkt“ hatte.[5] 1988 veröffentlichte der Weser-Kurier nur kurze Auszüge aus dem Manuskript des Eiswette-Kabaretts vom Vorjahr: „Da tönte es von der Bühne unter anderem: „In Bremen ist auch hoch die Steuer, und wer im Kopf hat auch Verstand, verlässt zwecks Existenz das Land.“

[1] Alle Zitate aus dem Redemanuskript vom 17.1.1981. Senatsarchiv, a.a.O.
[2] Vgl. Die Berichte in den Bremer Nachrichten und im Weser-Kurier vom 19.01.1981.
[3] Koschnick blieb auch nach seinem Rücktritt als Bürgermeister seiner persönlichen Linie treu. Zur senatorisch boykottierten Eiswette von 1988 erschien er demonstrativ an der Seite des Gastredners Franz Josef Strauß.
[4] Vgl. Löbe, 1. Auflage, a.a.O., S.134.
[5] Zitate aus einer E-Mail von Klaus Wedemeier an den Verfasser vom 8.07.2011.

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Und im Refrain: „Macht man Wirtschaft auch kaputt – wie heißt es noch? Wat mutt, dat mutt.“[1] Die Reden auf den Eiswetten seit 1949 lassen sich zwar im Allgemeinen dem konservativen Denkkreis der Eiswettgenossen zuordnen, aber eine direkte Konfrontation mit der senatorischen Politik wie 1987 werden wir in ihnen nicht finden. Das Ventil für Unmut war seit jeher das Eiswettspiel gewesen, das nach dem Tod des „Hofpoeten“ Otto Heins im Jahr 1959 von verschiedenen Autoren verfasst wurde. Dort war auch die lokale Politik Gegenstand des Spotts. Koschnick hatte sich gerne selbst auf die Schippe genommen.[2] Traditionell arbeitete sich die Kritik eher an harmlosen Eigenheiten der politisch verantwortlichen Personen ab.[3] Der oben zitierte Text gehörte nicht in diese Kategorie. Im Gegenteil konterkarierte er eines der Hauptanliegen der Senate Koschnick und Wedemeier, die Wirtschafts- und Werftenkrise durch Ansiedlung neuer Unternehmen in der Stadt abzumildern, wie das schon 1979 mit großen finanziellen und strukturellen Vorleistungen für Daimler-Benz geschehen war. Wie zur Bestätigung der Befürchtungen von Wedemeier, stellte ausgerechnet Ministerpräsident Franz Josef Strauß, Hauptredner der Eiswette am 16. Januar1988 auf der Landespressekonferenz des gleichen Tages die Behauptung auf, dass „Mercedes seine Investitionen in der Hansestadt längst bereut hat.“[4] Auf Nachfragen der überraschten Journalisten „wollte er allerdings nicht preisgeben, auf welche Informationen er sich dabei stützt.“[5] Am 8. Januar 1988 hatte der Bürgermeister auf einer Pressekonferenz die Teilnahme der Landesregierung an der Eiswette abgesagt.[6]

[1] Weser-Kurier vom 9.1.1988.
[2] “Er weidete sich regelrecht in Selbstironie“ hieß es in einem Zeitungsbericht über die Koschnick-Rede. Weser-Kurier vom 19.1.1981.
[3] Koschnick schrieb in einem Brief an den Präsidenten der Eiswette Helmut Schläfereit am 22.12.1978: „Ich habe mich in der geselligen Runde der Eiswette stets wohl gefühlt und mich gerade über Anspielungen über meine Person und meine Arbeit amüsiert. Solange Sie mich für würdig befinden, mir kräftige Seitenhiebe zu verpassen, solange weiß ich, dass ich eigentlich wohl nichts Gravierendes falsch mache.“  Senatsregistratur, a.a.O., 1. Ordner.
[4] Achimer Kreisblatt. Kreiszeitung für die Landkreise Diepholz und Verden vom 18.1.1988. Bemerkenswert ist, dass der Weser-Kurier in seinem ausführlichen Bericht über die Pressekonferenz am 17.1. diese Äußerung von Strauß verschwieg. Vgl. Weser-Kurier vom 17.1.1988. Erst nach der Veröffentlichung im Achimer Kreisblatt, das über Strauß’ Behauptung in großer Aufmachung berichtet hatte, wurde sie auch den Lesern des Weser-Kurier zur Kenntnis gebracht, wenn auch nur in einer ironischen Glosse mit dem Titel „Franz Josef und die Reue.“ Weser-Kurier vom 19.1.1988.
[5] Achimer Kreisblatt, a.a.O. Möglicherweise wollte er seine Gastgeber nicht desavouieren. Wedemeier sah sich durch die Behauptung von Strauß veranlasst, den Vorstand der Daimler-Benz AG um eine Stellungnahme zu bitten, die er noch im Laufe des Januar erhielt. Darin hieß es, dass sich Daimlers Engagement in Bremen „jederzeit bewährt“ hätte. Vgl. Karl Marten Barfuß, Hartmut Müller und Daniel Tilgner (Hg), Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von 1945 bis 2005. Band 2: 19ö70 -1989, Kapitel „Politik/Justiz 1945-1951/55 von Karl-Ludwig Sommer und Hans Wrobel, S. S.90.
[6] In der Darstellung Bremer Geschichte von Barfuß und anderen wird sogar behauptet, dass Wedemeier eine Regierungserklärung zu diesem Thema vor der Bürgerschaft abgegeben habe: „Bürgermeister Wedemeier sah sich genötigt, die Entscheidung in einer vor der Bürgerschaft abgegebenen Regierungserklärung (!) zu rechtfertigen…“ (Das Ausrufungszeichen steht bei Sommer/Wrobel – der Verf.). Aus den Protokollen der Bürgerschaftssitzungen ergibt sich, dass es diese nicht gegeben hat. Hier irren Sommer/Wrobel. Vgl. Barfuß u.a., a.a.O. (Vgl. Anmerkung 60), S.89.

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Er begründete dies damit, dass im letzten Jahr das Eiswette-Kabarett Bremen „in den Dreck gezogen“ hätte. Es wäre in Ordnung, „wenn einzelne Senatoren aufs Korn genommen würden.“ Aber eine „pauschale Verunglimpfung Bremens“, wie sie hier erfolgt wäre, könnte er nicht akzeptieren. Wedemeier, schrieb der Weser-Kurier, wolle dem Präsidium der Eiswette „zeigen, was ‚ne Harke ist“[1] und lag damit wohl richtig.  Es war das erste – und ist bis heute das einzige – Mal, dass ein Bremer Senat die Veranstaltung boykottiert.Die lokalpolitischen Turbulenzen waren gewaltig und schafften sogar den Eintrag in die Geschichtsbücher der Stadt.[2] Es war die große Stunde der Opposition. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Klaus Jäger beklagte „die politische Instinktlosigkeit“ der SPD. Der CDU-Vorsitzende Bernd Neumann hatte, so der Weser-Kurier, „gleich einen bunten Strauß von „Nettigkeiten“ über Wedemeier parat: „Tollpatschig, einfältig, kleinkariert, provinziell, vordergründig eitel.“ Neumanns Fazit: „Die Absage ist ein Affront gegen die versammelte Wirtschaft und ihre Gäste.“ Im Kommentar des Weser-Kurier schrieb Heinz Holtgrefe, Redakteur und Gast der Eiswette: „Dem Regierungschef wird das Lachen über die vermeintlich so kernige Haltung allerdings noch vergehen.“ Sein Verzicht auf die Teilnahme an der „für das Bremen-Image unglaublich wichtigen Eiswette (…) fügt (…) der Stadt einen unermesslichen Schaden zu…“[3] Einen nachvollziehbaren Grund für Wedemeiers Absage konnte er nicht ausmachen. Wedemeier hätte „offensichtlich aus dem Bauch heraus und nicht mit dem Verstand“ gehandelt. Dagegen sprach nicht nur, dass der Senat ein Jahr Zeit gehabt hatte, um sich die Sache zu überlegen, sondern auch, dass nicht Wedemeier, sondern Parlamentspräsident Dieter Klink die Initiative für den Boykott ergriffen hatte.[4]. Wedemeier hatte an der Eiswette 1987 gar nicht teilgenommen. Es waren Klink und Finanzsenator Grobecker gewesen, die sich seinerzeit als Teilnehmer über das Kabarett empört hatten.[5] Die Absage Wedemeiers fand Eingang in die überregionale Presse. Selbst BILD und taz berichteten. In der bürgerlichen Presse kam Wedemeier schlecht weg.

[1] Weser-Kurier vom 9.1.1988.
[2] Barfuß, a.a.O. S.89/90.
[3] Alle Zitate aus Weser-Kurier vom 9.1.1988.
[4] Wedemeier an den Verfasser, a.a.O.
[5] Beide hatten sich im Anschluss an die Feier bei Eiswette-Präsident Kloess beschwert. Der berichtete dem Reporter des Weser-Kurier, dass er Wedemeier schriftlich ein Gesprächsangebot geschickt hätte, das unbeantwortet geblieben wäre. Der Entschluss zur Absage war also schon relativ früh gefasst worden.

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Ein Reporter der Stuttgarter Zeitung kritisierte den Boykott deswegen, weil das „hervorragende, hochrangige Eiswett-Fest …einflussreiche Wirtschaftsbosse aus der halben Welt in Bremen versammelt.“ Der Artikel legte noch eine andere Spur in dieser Affäre. Darin hieß es: In Bremen gibt es Leute, die „schwören, die Absage des hanseatischen Senats habe – Dementis hin, Dementis her – doch etwas mit dem bayrischen Ministerpräsidenten zu tun.“ [1] Die Einladung von Strauß zur Eiswette hatte in der Tat heftige Reaktionen in der Bremer Öffentlichkeit ausgelöst. Ein Aktionsausschuss „Wir begrüßen Strauß“, dem u.a. die Grünen und Vertreter verschiedener SPD-Gliederungen angehörten[2], bereitete eine Demonstration vor, der Mummenschanz genannt wurde – in Anspielung auf den von Strauß angestrebten neuen Straftatbestand von „Vermummungen“ auf Demonstrationen. Der SPD-Landesvorsitzende Herbert Brückner nannte weitere Gründe, warum er die Demonstration gegen Strauß „für richtig und nötig“ hielt: „seine guten Kontakte zum chilenischen Diktator Pinochet und zum Apartheid-Regime in Südafrika“ und die Politik einer Aushöhlung des Asylrechts.[3] Im Bericht über die Demonstration der 3000 Bremer hieß es in der lokalen Zeitung, dass sie im Zeichen des Hanauer Atommüllskandals gestanden hätte. Strauß stünde, sagte ein Redner auf der Veranstaltung, „seit 40 Jahren für den Staat, der jetzt zum Atomstaat geworden sei.“[4] Auf der Demonstration, die mit einer Satire auf Strauß endete, wurde auch die Eiswette nicht geschont: „Fressen und Saufen und des Volkes Fell verkaufen“ stand auf einem der Schilder.[5] Die Vermutung, Wedemeier hätte der Eiswette wegen der Anwesenheit von Strauß eine Absage erteilt, war schon deswegen falsch, weil die Entscheidung zum Boykott innerhalb des Senats bereits gefallen war, bevor Strauß als Redner vorgestellt wurde. Außerdem hatte der Senat am Tag der Eiswette ein Mittagessen zu Ehren von Strauß im Kaminsaal des Rathauses gegeben.[6] Der politische Wirbel, den der Strauß-Besuch verursachte, drängte die eigentliche Ursache des Konflikts in den Hintergrund. So konnte Präsident Kloess auf der Eiswette die „Höchststrafe“ über Wedemeier verhängen[7]: Er erwähnte den abwesenden Bürgermeister mit keinem Wort[8] und ging in seinen Redebeiträgen über den Konflikt mit dem Bremer Senat hinweg.

[1] Stuttgarter Zeitung 15.1.1988.
[2] Vgl. Weser-Kurier vom 17.1.1988. Vgl. Barfuß u..a., a.a.O., S. 89.
[3] Zitiert im Weser-Kurier vom 16.1.1988.
[4] Weser-Kurier vom 17.1.1988.
[5] A.a.O.
[6] Wedemeier an den Verfasser, a.a.O.  
[7] Vgl. dazu Koschnick in einem Brief an Eiswette-Präsident Schläfereit vom 22.12.1978: „Viel schlimmer wäre es, wenn man mich schweigend übergehen würde. Also hacken Sie auch im Jahre 1979 kräftig auf mich ein.“ Senatsregistratur a.a.O., 1. Ordner
[8] Vgl. den Bericht im Weser-Kurier vom 18.1.1988. Koschnick war der Einladung gefolgt. „Viele Gäste amüsierten sich köstlich darüber“, dass er zur Rechten von Strauß platziert wurde und zusammen mit Eiswette-Präsident Kloess den Ministerpräsidenten einrahmte.  Weser-Kurier vom 18.1.1988.

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Bernd Neumanns Aussage „Seine Majestät Durchlaucht Klaus von Wedemeier fühlen sich beleidigt“[1] hatte die Dinge auf den Kopf gestellt. Es war eher Seine Majestät der Bremer Kaufmann, der beleidigt war.

1989 Die Eiswettgenossen außer Rand und Band: Der Skandal um den Scheibner-Auftritt und mehr  

Ein Jahr später engagierte das Präsidium zum ersten Mal ein „semi-professionelles“ Kabarett, wie es Präsident Kloess nannte, um den Ärger des letzten Jahres zu vermeiden. Es waren „Die Müllfischer“ aus Bremerhaven, ein Amateur-Kabarett, das seit 1981 öffentlich auftrat. Mitglied des Ensembles war der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Landesverbandes der FDP, Manfred Richter, den Kloess namentlich hervorhob, als er einen Monat vor der Eiswette auf einer eigens dafür einberaumten Pressekonferenz das neue Kabarett vorstellte. [2] Richter sagte allerdings seine Teilnahme wegen Terminschwierigkeiten ab. Vielleicht ahnte er schon, was auf sein Ensemble zukommen würde.  Inzwischen hatte Kloess das Ende der Eiszeit zwischen Eiswette und Landesregierung verkündet: „Die Atmosphäre ist bereinigt.“[3] So wurden die Mitglieder des Bremer Senats mit Wedemeier an der Spitze Zeugen einer denkwürdigen Veranstaltung. Kloess war die Sache mit dem Humor konsequent angegangen und hatte außerdem noch Hans Scheibner, einen echten Kabarett-Profi („Das macht doch nichts, das merkt doch keiner.“) engagiert, der seit den siebziger Jahren durch seine Fernsehauftritte einem großen Publikum bekannt war. Kloess ahnte nicht, dass er damit seine Genossen völlig überfordern würde. Scheibner erntete schon nach zwanzig Sekunden (!) seines ersten Sketchs wütende Buhs, „Abtreten!“- und „Aufhören!“-Rufe, [4] als er Klaus Töpfer als „Lügen-Klaus“ aufs Korn nahm, der als frischgebackener CDU-Umweltminister in einer spektakulären Aktion den Rhein durchschwommen hatte, wofür das Badeverbot eigens für zwei Stunden aufgehoben werden musste.

[1] Weser-Kurier vom 9.1.1988.
[2] Mehr Glück hatte man in späteren Jahren mit dem „fraktionsübergreifenden“ Bonner Abgeordneten-Kabarett „Die Wasserwerker“ und mit dem Bremer Juristen-Kabarett „Libretto“. 1998 hatten die „Müllfischer“ noch einmal einen Auftritt auf der Eiswette, der ungestört verlief. Diesmal nahm Richter, inzwischen Oberbürgermeister von Bremerhaven, an der Veranstaltung teil. Vgl. Weser-Kurier 19.1.1998.
[3] Weser-Kurier vom 22.12.1988.
[4] Nordsee-Zeitung vom  23.1.1989, vgl.  Sendung von Radio Bremen am 23.1.1989: „Hans Scheibner verursacht Protest auf dem Stiftungsfest der Eiswette.“

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Es war ein PR-Gag, der auf die angeblich gute Qualität des Rheinwassers hinweisen sollte. Weder in der Presse, noch bei seiner eigenen Partei kam er damit gut an („Taten statt baden“).[1] Ein weiterer Beitrag war die kabarettistische Version des Prologs im „Faust“, in dem Gott dem Teufel erklärte, wie stolz er auf seine Christen wäre, dass sie die Atomwaffen abrüsten wollten. Leider, sagte der Kabarettist, irrte sich der Herr hier teilweise, weil ausgerechnet christliche Politiker sich gegen den Abzug atomarer Waffen aus der Bundesrepublik sträubten. Es ging dabei um die Frage, ob die mit atomaren Sprengköpfen ausgerüsteten Pershing 1 A-Raketen der Bundeswehr in den INF-Abrüstungsvertrag[2] aufgenommen werden sollten. Bundesverteidigungsminister Wörner hatte sich dagegen ausgesprochen. Die Folge war, dass der Saal tobte. „Der Rest von Scheibners Auftritt ging im Tumult unter.“ [3] Geballter Zorn machte sich in minutenlangen Pfiffen Luft und zwang den Künstler zum Abgang von der Bühne. In der Geschichte des Festes hatte es so etwas, auch nicht ansatzweise, gegeben, und auch für den Kabarettisten war das Neuland. Heinz Holtgrefe berichtete im Weser-Kurier: „Etliche der so förmlich gekleideten Herren vergaßen ihre gute Kinderstube: Sie buhten und pfiffen den Kabarettisten Hans Scheibner gnadenlos aus. „Aufhören, aufhören“, schallte es durch den Saal und manche der Beschimpfungen hätte man eher im Weserstadion als bei einer solch piekfeinen Veranstaltung erwartet. Was war passiert? Scheibner ist seit Jahren im Geschäft und für seine spitze Zunge landauf, landab bekannt. Dass er Ansichten vertritt, die links von der CDU angesiedelt sind, dürfte auch dem Eiswett-Präsidium nicht entgangen sein. Doch als Scheibner sich „erdreistete“, Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) als „Lügen-Klaus“ zu titulieren, da sahen die ersten Eiswett-Genossen und ihre Gäste rot. Und als der Kabarettist behauptete, Kommunisten seien für atomare Abrüstung, während christliche Demokraten dies verhindern wollten, tobte der Saal. Der Rest von Scheibners Auftritt ging im Tumult unter.“ [4]

Vorsichtshalber hatte das Präsidium die von den „Müllfischern“ anschließend auf die Bühne gebrachten Sketche im Vorfeld selbst ausgewählt. Aber auch das half nichts. Die Versammlung nahm zwar noch die ersten beiden Szenen, bei denen es um das Personenkarussell bei der SPD im Lande Bremen und um eine „Abgeordnetenauktion“ ging, „noch fast schweigend hin.“  Aber dann mussten auch die „Müllfischer“ „wütende Buhrufe“ hinnehmen.

[1] Vgl. DER SPIEGEL 38/1988 vom 19.9.1988.
[2] Es ging um die mit atomaren Sprengköpfen ausgestatteten Pershing 1 A-Raketen, die in den späteren INF-Abrüstungs-Vertrag vom Juni 1988 aufgenommen wurden. Vgl. Wikipedia Stichwort INF-Vertrag.
[3] Weser-Kurier vom 23.1.1989.
[4] Weser-Kurier a.a.O.

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„Die Freizeit-Kleinkünstler aus Bremerhaven brachten viele Zuhörer mit einem Sketch über die militärische „Feindbildverlustneurose“ gegen sich auf, die durch Gorbatschows Abrüstungsvorschläge ausgelöst werde. Bei den Reizworten „Industriekapital“ und „Jäger 90“ steigerten sich die Proteste zu erregten Diskussionen.“[1] Was dann kam, war so unglaublich und dem Ruf der Eiswette abträglich, dass nur die BILD-Zeitung es wagte, darüber zu berichten: Die Eiswettgenossen bewarfen die Künstler mit Klopapierrollen. Das war der BILD sogar ein Titelzeile wert.[2] Die Texterin der „Müllfischer“ Helene Daiminger amüsierte sich nach der Veranstaltung in einem Gespräch mit der Nordsee-Zeitung: „Man stelle sich nur mal vor, wenn der FDP-Landesvorsitzende von den nichts ahnenden Anhängern seiner eigenen Partei ausgepfiffen worden wäre.“ Die Nordsee-Zeitung fasste ihren Eindruck  zutreffend zusammen: „Dem größten Teil des Publikums war nicht unbedingt nach linksliberalen Pointen zumute, sondern nach den aus den Vorjahren gewohnten satirischen Schüssen  gegen den Senat, die Landes-SPD und die Finanzmisere im Zweistädtestaat.“ [3] Hilde Adolf, die spätere SPD-„Frauen-Senatorin“ und heimliche Favoritin für das Amt der Bürgermeisterin, jahrelanges Mitglied des Kabaretts,  nannte die Eiswette damals schlicht eine „intolerante Herrengesellschaft“.[4] Und Heinz Holtgrefe, der Eiswette-Intimus, warf den Herren in einem Kommentar jene Dünnhäutigkeit vor, die sie Wedemeier angekreidet hatten, als sie ihn „mit rechten Sprüchen“ ärgerten. „Ein, zwei spitz formulierte Pointen und schon flippen einige Herren der feinsten Bremer Gesellschaft regelrecht aus“, schrieb er. „Mit ein bisschen kritischem Kabarett sind hanseatische, weltoffene Kaufleute also schon aus der Fassung zu bringen.“ Was auf der Eiswette geschah, wäre „der Beweis für Provinzialität.“[5] Die meinte man ja eigentlich schon in den fünfziger und sechziger Jahren überwunden zu haben. Aber der Eifer und Aufwand, mit dem einige Herren die eindrucksvolle „Munition“ zur Beendigung des „Müllfischer“-Auftritts außerhalb des Saales organisiert hatten, spricht für eine gewisse lokale Kampfbereitschaft zur Abwehr schädlicher politischer Einflüsse. 

[1] Alle Zitate aus der Nordsee-Zeitung vom 23.1.1989.
[2] Bremer Eiswette mit Buhrufen und Klopapier auf der Bühne.“ BILD- Zeitung vom 23.1.1989.
[3] Bericht und alle Zitate aus der Nordsee-Zeitung a.a.O.
[4] Nordsee-Zeitung vom 23.1.1989. Hilde Adolf gehörte den „Müllfischern“ 17 Jahre lang an (von 1981 bis 1998). Sie war stellvertretende Bremer Landesfrauenbeauftragte und von 1988 bis 1995 Leiterin der Außenstelle Bremerhaven für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau. 1999 wurde sie Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales. Am 20.1.2002 berichtete der Weser-Kurier, dass Präsident Uwe Hollweg der einige Tage vorher bei einem Verkehrsunfall tödlich Verunglückten auf der Eiswette „die Ehre erwies, ihrer mit warmherzigen Worten zu gedenken.“
[5] Weser-Kurier vom 23.1.1989.

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„Ich vertrete das Haus Brinkmann!“Die Eiswettgenossen werden zur Kabarettnummer     

Worüber die Zeitungen im gedämpften Tonfall berichteten, erlebte der Künstler auf der Bühne in voller Lautstärke. Scheibner schildert es ohne Sordino in seinen Lebensgeschichten, die er 2016 veröffentlichte.[1]

„Das Publikum „reagierte sofort wie elektrisiert, als ich die harmlosen kleinen Zeilen sprach: „Graf Lambsdorff kommt wieder ganz groß raus: Steuerhinterziehung zahlt sich aus“! Es wurde unruhig im Saal. Einer rief: „He, was soll das?“ Es begann ein Grummeln.“ Nun „kam eine ungeheure Majestätsbeleidigung“ (Das Finanzamt München hatte dem Sohn Max, der in finanziellen Schwierigkeiten war, mit der Pfändung der Familiengrabstätte gedroht, auf der Strauß lag. – d. Verf.): „Strauß wird verlegt – nach München rauf. Hoffentlich wacht er nicht wieder auf.“  „Oha! Da legten sie sich aber ins Zeug. Schrille Pfiffe, immer wieder auf den Fingern zu pfeifen, das beherrschten einige der feinen Herren ausgezeichnet (…) Es erhob sich ein Geschrei mit üblen Beschimpfungen: „Aufhören, du linke Sau!“ „Werft ihn raus!“ „Mikro aus!“ (…) Es war ein Schmerzensaufschrei. Und nicht nur ein Aufschrei, es flogen jetzt auch Gegenstände. Von oben sah ich, wie vornehm gekleidete Herren nach den Aschenbechern griffen und damit nach mir warfen. Allerdings: Nur einer erreichte die Bühne. Es war einfach ein Chaos, ein Tumult, ein Brüllen und Pfeifen, übelste Schimpfworte flogen mir mitsamt Biergläsern um den Kopf, Ich hatte die Meute gereizt, jetzt ging sie auf mich los. Als mildernder Umstand muss ihr aber angerechnet werden: Sie waren ja fast alle besoffen oder ziemlich stark angetrunken. Was aber alle nicht wussten, mein tobendes Publikum ebenso wenig wie ich selbst: Radio Bremen hat alles mitgeschnitten.“ (…) Aber ich hatte jetzt Gefallen an dem Theater gefunden. Ich stand auf der Bühne und sah mir den brüllenden Mob aus lauter Smokingträgern mitleidig an. Als der Lärm etwas nachließ, griff ich wieder zum Mikrofon. (…) „endlich habe ich einmal die Leute vor mir die ich wirklich meine!“ Und wieder ein Aufschrei. „Halt die Schnauze! Endlich abtreten!“ (Scheibner trug dann die Geschichte vom „Lügen-Klaus“ Töpfer vor). „Und wieder wurde der Protest zum Tumult. “Zumutung! Fresse halten! Runter von der Bühne!“ (Als er die Verse weiter vortrug, konnte ihn niemand mehr im Saal verstehen. d. Verf.) „Inzwischen waren die Smoking-Hooligans und ich dazu übergegangen, uns gegenseitig anzuschreien.

[1] Hans Scheibner, In den Himmel will ich nicht! Mein Leben in Geschichten. Berlin 2016.

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Ich hörte kaum noch auf ihre Pfiffe und Beschimpfungen. (…) Ich schrie ihnen mikrophonverstärkt in die Ohren: „Hören Sie Johann Wolfgang von Goethe. Aus dem Faust. Von unten: „Nein! Abtreten! Hör endlich auf! Hau ab! Mach, dass du wegkommst!“ Von unten immer weiter Rufe. „Aufhören!“ Große Unruhe. Ich verspreche Ihnen, dass ich danach abtrete. Von unten wieder höhnischer Beifall. „Bravo! Bravo! Abtreten! Noch ein Gegenstand fliegt auf die Bühne. Ich – immer wieder von Pfiffen unterbrochen – spreche meinen „Prolog im Himmel“. (Die Nummer endete mit den folgenden vier Zeilen – d.Verf.):
„Die Christen sträuben sich, die Schreckenswaffen für einen langen Frieden abzuschaffen. Millionen Menschen kann mit ihnen man vernichten. kein guter Christ will darauf gern verzichten.“ „Es brach ein solcher Tumult aus, einige der wütenden Herren drängten nach vorn zur Bühne, dass mir wirklich nichts anderes übrig blieb, als sie so schnell wie möglich zu verlassen. (…) Ich holte meine Tasche und meinen Mantel aus der Künstlergarderobe und wollte über das Foyer zum Ausgang gelangen. Da standen sie aber schon, meine Smoking-Freunde. Ich vermied es, Blickkontakt mit einem aufzunehmen und wollte mich wortlos hinausbegeben. Drei von den schwarz gekleideten Herren versperrten mir aber den Weg. Ich dachte schon: Jetzt gehen sie auf mich los, jetzt verhauen sie mich. Aber als bedeutende Bosse wussten sie etwas Besseres. Einer von ihnen, ein großer Blonder, trat mit dem Sektglas in der Hand auf mich zu und sagte: „Ich vertrete das Haus ‚Brinkmann.“ Er muss davon überzeugt gewesen sein, dass mich das ungeheuer beeindrucken würde. Ich sah ihn freundlich an: „Ja, und?“ Da trat er bedrohlich nahe an mich heran, und da er zwei Köpfe größer war als ich, sagte er von oben herab: „Das wird Ihnen noch einmal leidtun!“ [1]

[1] Alle Zitate aus Scheibner, a.a.O., S. 296 306.

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Wandmosaik der Zigarettenfabrik Brinkmann AG von 1957. Mittelteil des Triptychons in der Halle des Bremer Hauptbahnhofs. Foto: Verfasser

Hans Scheibner hat dieses in jahrzehntelanger Bühnenpraxis einmalige Erlebnis inzwischen zu einer Nummer in seinem Kabarettprogramm gemacht. Auf der Eiswette von 1990 – „im Jahr I nach der Pleite“ (Holtgrefe) – schlug das Pendel zur anderen Seite aus. Koschnick, der kurzfristig als Gastredner eingesprungen war, konnte sich die folgende Feststellung nicht verkneifen: „Vom übervorsichtigen Eiswettpräsidium (seien) offensichtlich auch die kleinsten Spitzen weggestrichen worden. Die Brüder und Schwestern in der DDR kämpfen gegen Zensur, da gibt es auch bei der Eiswette noch was zu tun.“[1] Man hatte sich auf dieser Veranstaltung – gewissermaßen von der anderen Seite her – genauso weit von Weltläufigkeit, Gelassenheit und Selbstironie entfernt wie im Jahr zuvor.

[1] Weser-Kurier vom 22.1.1990.

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1991 Die Golfkrieg-Eiswette                   

Am Morgen des 17. Januar 1991, einige Stunden nach dem Beginn des nächtlichen Luftangriffs der Nato auf den Irak, sagte Bürgermeister Wedemeier „angesichts des Krieges am Persischen Golf“ seine Teilnahme an der Eiswette zum zweiten Mal in seiner Amtszeit ab. Er übermittelte dem Präsidium darüber hinaus „seinen dringenden Rat“, das ganze Fest abzusagen.[1] Das war zwei Tage vor der geplanten Veranstaltung. Auf europäischer Ebene war die Absage des Wiener Opernballs am schnellsten erfolgt. Die langjährige Organisatorin Lotte Tobisch hatte schon in der Woche zuvor in einer öffentlichen Erklärung die Absage ins Auge gefasst mit der Begründung, dass es „moralisch nicht zu vertreten (wäre), in Wien zu tanzen und zu feiern, wenn die halbe Welt in Flammen steht.“[2] Die Eiswettprobe an der Weser war am 7. Januar wie immer fröhlich verlaufen und endete mit der Erwartung, am 19. Januar in der Glocke zu feiern und „zumindest von außen“ trocken zu bleiben.[3] Was sprach dagegen, die Eiswette unter den gegebenen Umständen stattfinden zu lassen? Am 17. Januar gab Eiswette-Präsident Peter Kloess[4] nach der Stellungnahme Wedemeiers eine Presseerklärung heraus, deren erster Teil folgenden Wortlaut hatte: „Für die Eiswette ist die Durchsetzung der einhellig gefassten Resolution der Völkergemeinschaft gegen den Irak, der den Krieg durch den Überfall auf ein Nachbarland am 2. August begonnen hat, kein Grund, ihr Stiftungsfest abzusagen.“[5] Das war starker Tobak, entbehrte aber nicht einer gewissen Logik. Die politisch Verantwortlichen hatten in den drei Jahren des Korea-Krieges auch keine Einwände gegen die Eiswettfeier erhoben. Auch jener Krieg wurde ja unter der Flagge der UN und auf der Basis von Resolutionen der Vereinten Nationen geführt. Auch in den acht Jahren des Vietnam-Kriegs fanden alle Eiswetten ungestört statt. So mochte Präsident Kloes die Einmischung der Politik in die Angelegenheiten der Eiswette als Zumutung verstanden haben. Aber die politische Weltlage hatte sich geändert und mit ihr die in der Stadt vertretene Politik. Darüber hinaus ging die politische Einstellung der Eiswette zum Golfkrieg völlig an der Stimmung in der Bremer Bevölkerung vorbei. Unmittelbar nach Kriegsbeginn hatte es zahlreiche „Friedensaktionen“ auf den Straßen und in den Betrieben gegeben. In einer „Denkpause“ standen eine viertel Stunde lang die öffentlichen Nahverkehrsmittel still. Das Ensemble des Schauspielhauses bat das Premieren-Publikum um eine Zeit des Schweigens statt des Schluss-Applauses. An vielen Schulen fiel der Unterricht aus.

[1] Weser-Kurier vom 18.1.1991.
[2] Weser-Kurier, a.a.O.
[3] Weser-Kurier vom 7.1.1991.
[4] Kloess war Präsident der Unternehmerverbände im Lande Bremen und zeitweilig Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes der Metallindustrie im Unterwesergebiet.
[5] Weser-Kurier vom 18.1.1991.

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Bei Klöckner standen die Walzstraßen 15 Minuten still, und bei Krupp-Atlas Elektronik, „auf dem Kriegsschauplatz gut vertreten“, wie der Weser-Kurier schrieb, „verließen etwa 250 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz, um vor dem Tor laut über den Sinn ihrer Tätigkeit nachzudenken.“[1] Am 19. Januar, dem Tag, an dem die Eiswette stattgefunden hätte, demonstrierten 7000 Bremer auf dem Marktplatz gegen den Krieg.[2] Es war – nach dem Strauß-Besuch – das zweite Mal in der Geschichte der Eiswette, dass sie öffentlichen Protest erfuhr, diesmal sogar bis in Leserbriefe hinein.[3] Das Präsidium ließ sich auch davon nicht beeindrucken. In der Erklärung vom 17. Januar hieß es: „Auch nicht die Ankündigung massiver Demonstrationen und Aktionen zur Blockade der Eiswette kann daran etwas ändern.“ Dass man sich letztlich doch zur Absage durchrang, begründete Kloess so: „Lediglich aus Sorge, dass die Sicherheit der Gäste offenbar nicht gewährleistet werden kann, hat sich das Präsidium mit großem Bedauern entschlossen, die Feier abzusagen.“[4] Damit war US-Botschafter Vernon Walters gemeint, der als Hauptredner eingeladen war. Nun schaltete sich noch einmal die Landesregierung ein. In einer Presseerklärung von Innensenator Peter Sakuth hieß es: „Während überall im Lande Feierlichkeiten abgesagt werden (…) weil die Menschen die Tragik begreifen, die sich mit Kriegsausbruch verbindet, hält der Eiswettverein eisern an seinem Recht fest, unbeeindruckt Feste zu feiern. Statt mit „großem Bedauern“ in allerletzter Minute das Fest mit der unzutreffenden Begründung, die Sicherheit der Gäste sei nicht gewährleistet, abzusagen, hätte es auch dem Eiswettverein gut angestanden, großes Bedauern über das schmerzliche Scheitern der Politik im Nahen Osten zu äußern. Wenn Menschen im Krieg sterben, der uns alle betrifft, so ist dies sicherlich ein verständlicher Grund, auch ein traditionelles Festessen abzusagen. Dafür hätte es nicht des Vorschiebens anderer Gründe bedurft. Bürgermeister und eingeladene Senatoren haben eben aus diesen Gründen ihre Teilnahme an dem Fest abgesagt.“[5] Auf den Punkt brachte das einige Tage später der ehemalige SPD-Senator Günther Czichon in einem Brief an Präsident Kloess: „Haben Sie sich wirklich vorstellen können, dass unsere auswärtigen Gäste für die schlichten Späße des Eiswettspieles und für das alkoholisierte „hepp, hepp, hurra“ zu fortgeschrittener Stunde in der jetzigen weltpolitischen Situation Verständnis gehabt hätten?“[6] Damit war eine wunde Stelle der Eiswette berührt.

[1] Zitate und Darstellung folgen dem Bericht im Weser-Kurier vom 19.1.1991.
[2] Vgl. Weser-Kurier vom 20.1.1991. Zahlreiche Karnevalssitzungen waren umgehend abgesagt worden. In den nächsten Tagen folgten die Absagen der Rosenmontagszüge von Köln, Mainz, Düsseldorf und Bonn. Auch die Weißwette fand nicht statt.
[3] Vgl. Weser-Kurier vom 24.1.1991.
[4] Der Besuch eines amerikanischen Botschafters wurde 1999 nachgeholt, als John C. Kornblum die Deutschland-Rede hielt.
[5] Informationen. Freie Hansestadt Bremen. Der Senat. 7. Ausgabe, 18. Januar 1991. In: Senats-Registratur, „Eiswette“. Nr.56, 107, I. Vgl. auch den Teilabdruck im Weser-Kurier vom 19.1.1991.
[6] Brief vom 22.1.1991. Senatsregistratur, Ordner „Eiswette“ Nr.56, 107, I.

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Sie, die sich zusammen mit dem Schaffermahl in der erstem Reihe Bremer Traditionsveranstaltungen sieht, musste sozusagen ins Glied zurücktreten, denn das Schaffermahl fand statt. Seine Veranstalter beschlossen, die Feier in einem schlichteren Rahmen als sonst zu veranstalten und verzichteten auf die übliche Musikbegleitung und den sonst anschließenden Tanz für die Jugend. Auch der Frackzwang wurde aufgehoben.[1] Damit wollte man der “rein sozialen Aufgabe der 1545 gegründeten Stiftung … gerade in der heutigen Zeit … Rechnung tragen.“[2] Präsident Kloes hatte bei seiner ursprünglichen Entscheidung nicht genügend berücksichtigt, dass die Eiswette seit eh und je eine Veranstaltung des Frohsinns ist. Es gibt für sie keinen Grund, in Sachen Seriosität mit dem Schaffermahl Schritt halten zu wollen. Im Gegenteil: das Unbeschwerte ist im Grunde ihr Markenzeichen.[3] So hinterließ die unwillige Absage bei allen Beteiligten einen bitteren Nachgeschmack.

Wedemeier bekam von den Eiswettgenossen bei seiner letzten Teilnahme 1995 noch einmal „ordentlich eingeschenkt“, wie der Weser-Kurier seinen Bericht über das Fest betitelte: „Ob Müll, Verkehrspolitik, Schulden oder öffentlicher Dienst – immer feste druff. Doch der arg Gescholtene bewies Humor und lachte manchmal herzhaft mit.“[4]

[1] Vgl. Weser-Kurier vom 30.1.1991, 2.2.1991 und 9.2.1991.
[2] Weser-Kurier vom 30.1.1991.
[3] „Viele Bremer halten die Eiswette für eine sehr ernste Veranstaltung. Das ist sie nicht,“ heißt es lapidar in einem Bericht des Weser-Kurier über die Rede von Präsident Braun auf der Eiswette von 2010.
[4] „Wedemeier bekam ordentlich eingeschenkt.“ Bericht von Heinz Holtgrefe im Weser-Kurier vom 23.1.1995.

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