Trauma Räterepublik

 

Die Bremer Kaufmannschaft war bis 1914 von der „Illusion einer vom Senat geleiteten einheitlichen stadtbürgerlichen Gesellschaft“221 ausgegangen. „Es ist fraglich, ob die politischen Debatten, die Wahlkämpfe und die von Klassenkampf und revolutionären Parolen gesättigte Agitation den Senat um die bürgerliche Oberschicht der Stadt überhaupt erreichten oder gar beunruhigten. Glänzende Geschäfte in Industrie und Handel, ein Senat, der von Männern bestimmt wurde, die sich nach Herkunft, Tradition und Ausbildung als selbstverständlich zuständig für die Regierungsgeschäfte der Stadt erachteten und die weder auf das politische Tagesgeschäft noch auf Meinungen oder Mehrheiten allzu viel Rücksicht nahmen, schufen in Klima der Sicherheit und Zuverlässigkeit, das in seltsamem Kontrast zu den oft drängenden sozialen Problemen stand.“222
Was Konrad Elmshäuser hier in seiner Geschichte Bremens zusammenfasst, deckt sich mit der Stimmung, die unter den Eiswettgenossen herrschte und mit der Art und Weise, wie sie die Eiswetten gestaltet hatten. Umso größer war der Schock über den verlorenen Krieg und vor allem über die Novemberrevolution, die alles ihnen „Heilige“ in Frage stellte. Die Räterepublik in Bremen hinterließ in der Kaufmannschaft eine Spur der Angst vor einem sozialistischen Umsturz, die sich in den Jahren der wirtschaftlichen Erholung Bremens von 1924 bis 1929 etwas legte, aber mit der Wirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre wieder virulent wurde. Eiswettgenosse Rudolph Feuß hatte in seiner
1929 verfassten Festschrift zum 100jährigen Jubiläum noch in guter Erinnerung, warum man erst vier Jahre nach Ende des Krieges wieder zusammengekommen war: Es wäre
„kein Raum für die Eiswette“ gewesen, … weil die fürchterlichen Jahre der ersten Nachkriegszeit, 1918 bis 1923, uns mit ihren Ereignissen wenig erfreulicher Natur fast noch mehr als die Kriegsjahre selbst seelisch belasteten.“223 Drei wichtige Eiswettgenossen – Bömers, Gebert, Borttscheller 224 die aktiv oder passiv in die Ereignisse von
1919 involviert waren, seien hier zum besseren Verständnis der weiteren Entwicklung mit ihren persönlichen Erlebnissen, bzw. Eindrücken von der Novemberrevolution kurz vorgestellt.
Von Beginn der Revolution an bis zu ihrer militärischen Niederschlagung am 4. Februar
1919 war Heinrich Bömers aktiv auf der „konterrevolutionären“ Seite tätig. Seit der
Absetzung von Senat und Bürgerschaft am 14. November 1918 hatte er an Verhandlungen mit Vertretern des „Aktionsausschusses des Arbeiterrats“ teilgenommen.225 So auch
an der Sitzung mit Bankdirektoren am 20. Januar, in der die Revolutionäre sich in einer Vereinbarung „völlig unter die Kuratel der Banken stellen lassen“ mussten, wie er selbst später berichtete. Trotzdem unternahm er gleichzeitig auf eigene Faust den Versuch, ein militärisches Eingreifen zur Niederschlagung der Revolution in die Wege zu leiten. Zusammen mit Oberst Caspari besuchte er den ihm persönlich bekannten kommandierenden General des X. Armeekorps in Hannover, v. Knobelsdorff, um ihn davon zu

 

221 Elmshäuser, a.a.O., S.85.
222 Elmshäuser, a.a.O., S.87/88.
223 Feuß, a.a.O., S. 36.
224 Bömers war seit 1898 Mitglied der Eiswettgenossenschaft, Hugo Gebert war es seit 1924. Er wird
1933 bis 1939 ihr Präsident werden. Georg Borttscheller war seit 1929 ständiger Gast. Er wurde
1936 Genosse und wird von 1951 bis 1967 das Amt des Präsidenten ausüben.
225 Das war am 11. November. Von Senatsseite nahmen auch Spitta und Apelt an den Verhandlungen teil. Vgl. Peter Kuckuk, Bremen in der Deutschen Revolution 1918 – 1919. Revolution, Räterepublik, Restauration. Bremen 1986, S. 64.

 


 

überzeugen, „dass für Bremen bald etwas geschehen müsse“.226 Die Initiative blieb zwar ohne Erfolg, in der Summe aber, schreibt sein Biograph, kam Reichskanzler Ebert
„nicht ohne dringende Vorstellungen von Seiten bremischer Kaufleute und Senatoren zu dem ihm nicht leicht fallenden Entschluss, militärische Machtmittel anzuwenden.“227
Caspari, der in den zwanziger und dreißiger Jahren regelmäßiger Gast der Eiswette wurde, war wiederum Teil einer Delegation unter Führung des Eiswettgenossen und Generaldirektors des Norddeutschen Lloyd, Philipp Cornelius Heineken,228 die zur Obersten Heeresleitung nach Kassel fuhr. Ergebnis dieser Verhandlungen war, dass
„eine außerhalb der Stadt aufzustellende Bremer Freiabteilung die Zugführung von Waffen und Munition nach Verden zugesichert wurde.“229 In Verden wurde bekanntlich eine Reichswehrtruppe unter dem Befehl von Oberst Gerstenberg versammelt, verstärkt durch ein aus Bremern gebildeten Freikorps unter dem Kommando von Oberst Caspari, das hauptsächlich aus jungen Offizieren bestand. Mit seinen 55 Jahren schloss sich Heinrich Bömers, der Bremen “in Räuberzivil“ heimlich verlassen hatte, in Offiziersuniform dem Freikorps in Verden an. Er wurde allerdings nicht aktiv eingesetzt, sondern „einer Abteilung beim Stabe des Obersten Gerstenberg, welcher die Verbindung mit Berlin und Hamburg aufrechterhielt“230 zugeteilt. Von Verden aus wurde Bremen nach kurzen Gefechten „erobert.“
Hugo Gebert kehrte als Oberleutnant der Reserve aus dem 1. Weltkrieg zurück. Als Mitbegründer einer „Aktionsgemeinschaft“, die durch Flugblattaktionen die Jugend Bremens gegen die Revolution zu mobilisieren versuchte,231 war er von Beginn der Ereignisse an politisch aktiv. Er trat als Redner auf öffentlichen Versammlungen des
„Bürgerausschusses“ in Erscheinung, der sich schon im November gebildet hatte, um gegen die Ziele der Unabhängigen Sozialdemokraten und Kommunisten zu kämpfen. Er forderte die Wiedereinsetzung des Senats und der Bürgerschaft und wandte sich gegen die Bewaffnung der Arbeiter.232 Der Einzug von 700 aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten am10. Dezember 1918 hatte beim revolutionären Soldatenrat die Befürchtung eines „gegenrevolutionären Putsches des Bürgertums“ ausgelöst. Zwei Tage später wurde Gebert mit 21 anderen jungen Leuten bei der Vorbereitung von Flugblattaktionen festgenommen. Ihm wurde vorgeworfen, „heimliche Propaganda“ zu machen, „die den Umsturz der jetzigen Regierung bezwecke.“233 Nach juristischer Beratung durch einen amtierenden Richter ließen die Mitglieder des Soldatenrats die Festgenommenen am nächsten Tag wieder frei.234 Über sein weiteres Eingreifen in die Niederschlagung der Räterepublik ist nichts bekannt.
Georg Borttscheller erlebte den 11. November 1918 als Berufsoffizier in Brüssel, das noch von deutschen Truppen besetzt war. Er erinnerte sich: „Bei der Einfahrt in die belgische Hauptstadt fiel uns die Unruhe auf und die Masse der Feldgrauen auf den Straßen. Kurz vor dem Palast-Hotel, wo das Oberkommando Quartier genommen hatte, wurden wir angehalten. … Die Reifen des Autos brauchten nicht erst zerschnitten zu werden, denn es war schon stahlgerädert … Aber die Achselstücke verloren wir im Nu. Ich versuchte, dem roten Mob gegenüber mich verständlich zu machen … Seelisch fertig, äußerlich gefasst, bar unserer Rangabzeichen meldeten wir uns im Hotel“. In der Nacht musste er per Telefon den folgenden Befehl weitergeben: „Ab sofort sind bis hinunter zu den Kompanien Soldatenräte zu bilden. … Trauriger Tiefpunkt bis dato in

 

226 Kuckuk, a.a.O., S.221.
227 Bessell, a.a.O., S. 44.
228 Er war Eiswettgenosse seit 1896.
229 Bessell, a.a.O., S.45.
230 A.a.O.
231 Vgl. Hartmut Müller, Gebert – Stichwort in der Bremischen Bibliographie, a.a.O., S.161.
232 Vgl. Kuckuk, a.a.O., S.103.
233 Kuckuk, a.a.O., S.107.
234 Vgl. Kuckuk, a.a.O., S. 108.

 


 

meiner militärischen Laufbahn. Die Niederlage war da, der Zusammenbruch vollkommen.“235
Die Räterepublik wurde für die Bremer Kaufmannschaft das Menetekel an der Wand.

 

 

Die Feiern von 1924 bis 1928

 

Für den Neuanfang ergab sich ein Problem aus der Tatsache, dass die Genossenschaft bis zum Ersten Weltkrieg eine Versammlung älterer Männer gewesen war. Vietsch spricht in seiner Festschrift von den „in der Mehrzahl älteren Herren“ für die spätere Zeit des Präsidenten Runge (1838 bis 1858).236 Bis 1861 waren noch Gründungsmitglieder der Wette von 1828 aus dem Geburtsjahrgang 1791 des Wilhelm Fritze (der schon
1842 verstorben war) anwesend.237 Auf der 50-Jahr-Feier von 1879 waren unter den von Vietsch erwähnten Rednern C.W. Debbe, der 25 Jahre später auch an der 75-Jahr-Feier teilnahm und noch 1912 mit 75 Jahren Eiswettgenosse war; Heinrich Müller, der 1890 noch als Einundsiebzigjähriger dabei war und H. W. Bömers, auf der Eiswette von 1887 auch schon 70 Jahre alt.238 In Anbetracht des relativ hohen Altersdurchschnitts der Vorkriegs-Eiswetten239, ist es nicht erstaunlich, dass von den Mitgliedern der 75-Jahr-Feier
1904 im Jahr 1924 nur noch zehn dabei waren 240 und dass 27 von den Mitgliedern des Jahrgangs 1913 nicht mehr am Leben weilten.241 Die Teilnehmerzahl hatte 1913 bei 92 gelegen.242 Wenn wir davon ausgehen, dass davon etwa 70 Eiswettgenossen waren (1904: 66), ist ein herber Mitgliederverlust festzustellen. Die wichtigste Aufgabe für einen Neuanfang würde es sein, genügend Teilnehmer zu finden. Man entschloss sich dazu, die „Eiswette von 1829“ und die „Lustige Eiswette“ von 1874, die dem Zeitgeist nicht mehr angemessen schien, zu vereinigen und suchte „die Mitglieder der alten und neuen Eiswette zusammen.“243 Dass man sich 1924 schon wieder in einem erstaunlich großen Kreis von 92 Mitgliedern und Gästen traf,244 ist einerseits diesem Zusammenschluss zu verdanken, andererseits der Umtriebigkeit des Neu-Mitglieds Jo(Hannes) Wagenführ, des späteren Präsidenten. Er soll unermüdlich für die neu entstehende Eiswette geworben haben.245 Im Herbst 1923 traf sich ein Kreis von drei ehemaligen Genossen beider Eiswetten:246 Hans Wagenführ, Franz Funck, der erste Nachkriegspräsident, der schon nach drei Jahren „nachdrücklich auf seine Ablösung drängte“247 und damit die Tradition der langen „Amtszeiten“ beendete und Heinz Tietjen, ein großer Freund der Eiswette und ihr regelmäßiger Gast. Tietjen war die gute See-

 

235 Georg Borttscheller, Bremen, mein Kompaß. Schön war’s. Bremen 1973, S.37.
236 Vietsch-Festschrift, a.a.O., S.6.
237 Vgl. Löbe, a.a.O., S.80.
238 Vgl. Vietsch, a.a.O., S. 14.
239 Dabei blieb es auch später. Als Georg Borttscheller 1928 zum ersten Mal Eiswettgenossen begegnete, nahm er sie wahr als „eine Schar von Herren mittleren und älteren Kalibers.“ Georg Borttscheller, Bemen, Mein Kompaß. Schön war’s. Bremen 1973, S. 166.
240 Es waren die folgenden Herren (in Klammern ihre Eintrittsdaten in die Eiswettgenossenschaft): Eberhard Größer (1893), Philipp Cornelius Heineken (1896), Gustav Peter und Heinrich Bömers (1898), Georg Taaks (1899), P.E. Barckhan (1900), Carl W. A. Hinrichs (1901), H. Schütte (1902), Wilhelm Blanke und Adolph Hellmering (1903). Vgl. Vietsch-Festschrift, S. 17.
241 Löbe, a.a.O., S.114. Nähere Angaben finden sich bei ihm nicht.
242 Vgl. Löbe, a.a.O., S. 115.
243 Löbe, a.a.O., S.114.
244 Vgl. Löbe, a.a.O., S.115/116. Über das Zahlenverhältnis von Genossen und Gästen findet sich keine Angabe.
245 Vgl. das Kapitel „Hans Wagenführ“.
246 Dass Hans Wagenführ Mitglied der „Lustigen Eiswette“ gewesen war, lässt sich nur vermuten
247 Löbe, a.a.O., S.116.

 


 

le der Eiswette, so wie Löbe seine Tätigkeit beschreibt: „Er hat sich im Laufe der Jahre nahezu um alles gekümmert, führte Protokolle, dichtete, trug vor, erstattete den Kassenbericht, kurzum er war Mädchen für alles und wollte es auch sein.“248 Allerdings wurde er erst 1936 in die Genossenschaft aufgenommen.249 Die Aufgabe des vorbereitenden
„Comités“ war es, „eine ganz neue Eiswette“ zu gründen, weil „die Zäsur zur Vergangenheit sehr hart“ war.250
Am 21. Januar 1924 traf man sich zur ersten Feier nach elf Jahren wieder im Festsaal von Hillmanns Hotel. Als die Teilnehmer eintraten – ohne übrigens die Wette erneuert zu haben erklangen die Töne einer Kapelle. Das war in der Vergangenheit nur aus besonderem Anlässen der Fall gewesen. Sie spielte den Einzugsmarsch aus Tannhäuser, der nun für immer die Feiern einleiten würde. Löbe berichtet, dass es eine „festliche, aber doch ernste Runde“ war. „Das Protokoll über den Verlauf beginnt mit nachdenklichen Ausführungen. Es sei bisher keine Zeit gewesen, frohe Feste zu feiern.“251 Das vorbereitende „Comité“ hatte der Eiswette ein Programm-Korsett angepasst, das war neu. Seine Hauptstützen waren drei vorbereitete Reden. Die wichtigste war eine sogenannte Deutschland-Rede, zu der sich eine „Bremen“-Rede und eine „Gäste“Rede gesellte. Der Raum für jene Reden, die, traditionell spontan gehalten, ihrer Natur nach der Unterhaltung einer vertrauten Zuhörerschaft gedient hatten und die ein wesentliches Merkmal der Lustigkeit auf den Feiern waren, wurde erheblich verkleinert. Diese drei Reden wurden in den ersten Jahren nur von Bremern gehalten. Eine politisch „aufgeladene“ Stimmung spiegelt sich in den Ausführungen des Protokollanten wider, der notierte, dass „die Lage des Vaterlandes ernst, ja politisch und wirtschaftlich trostlos“ wäre.252 Es hätte „einer humorvollen Rede“ des immer gut aufgelegten Hans Wagenführ bedurft, um „den Bann zu brechen.“253 Die beliebten gesanglichen AmateurDarbietungen machten gewaltigen Wagner-Arien Platz, die nun von Berufsmusikern des Stadttheaters vorgetragen wurden. 1924 war es Opernsänger Philipp Kraus, der – warum auch immer die Gralserzählung aus Lohengrin vorzutragen hatte.254 Zum Programm gehörten auch klassische Soli am Klavier und auf dem Cello.255 Die ehemals zahlreichen spontanen Aktivitäten der Genossen wurden durch das neue Veranstaltungsmuster stark eingeschränkt. Der tiefste Einschnitt in diese Tradition war die Abschaffung des beliebten Kartenspiels, bis dato Höhepunkt jeder Feier, unabdingbar für den fröhlichen Ausklang. Auch das Verlesen des Protokolls, das oft zur Erheiterung beigetragen hatte, besonders wenn es in Reimen abgefasst war, wurde gestrichen.
Für die allgemeine Belustigung waren – neben den humorvollen Redebeiträgen von Wagenführ – vor allem drei Eiswettgenossen zuständig: die des Plattdeutschen und der laienhaften Verskunst mächtigen Rudolph Feuß, Hugo Gebert und Otto Heins. Rechtsanwalt Gebert, ein begnadeter Unterhaltungskünstler, der in Versform fortsetzen konnte, was er in Prosa begonnen hatte und als dichtender Störtebeker auch mal ein „Eiswettspiel“ auf Platt verfasst hatte, gehörte zu den unterhaltsamsten Eiswettgenossen der zwanziger Jahre.256 Otto Heins, ein Studienrat mit Hang zum Theater, begann seine Laufbahn als „poeta laureata“ im Jahr 1927 mit der Rezitation aus Werken von Fritz

 

248 Löbe, a.a.O., S. 152/153.
249 Warum er so spät Genosse wurde, war nicht festzustellen. Über seine Person sind bei Löbe keine Angaben zu finden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ist er einer der „Unermüdlichen“. Vgl. Löbe, a.a.O., S. 123.
250 Löbe a.a.O., S.115.
251 Löbe, a.a.O., S.115.
252 Löbe, a.a.O., S.117.
253 Löbe, a.a.O., S.115/116.
254 Löbe fragt sich, „ob das nötig und passend war“. Löbe, a.a.O., S.119.
255 Vgl. Feuß, a.a.O., S.39.
256 Vgl. die Berichte über die Eiswette in den Bremer Nachrichten von 1929 bis 1933. Vgl. Löbe, a.a.O., S.120.

 


 

Reuter.257 Später verfasste er die sogenannten Eiswettspiele, die zur festen Größe jeder Veranstaltung wurden.258
Geschlemmt wurde trotz der „wirtschaftlich trostlosen Lage“ wie zu Kaisers Zeiten. Präsident Wagenführ machte sich 1928 noch einmal tüchtig lustig über das Braunkohlund Pinkelessen der Eiswette-Väter, in dem er den Text des alten „Bundeslieds“ aus den neunziger Jahren als Spottgedicht vortrug, das sich über deren die Braunkohlund Pinkelmahlzeiten lustig gemacht hatte.259 In wenigen Jahren würde die Eiswettgenossenschaft wieder zu einer volksnahen Speise übergehen, dann Eintopfgericht genannt.
Über die Feiern der Jahre 1925 bis 1928 gibt es nur wenige Informationen in den Festschriften. Da sie hinter verschlossenen Türen stattfanden, gab es nach wie vor keine Berichterstattung in der lokalen Presse und keine Hinweise in der Bremen-Chronik jener Jahre.260 Bei den Bremer Kaufleuten hatte sich das Eiswettfest hingegen herumgesprochen. 1928 waren die „Anmeldungen so zahlreich“, dass man sie „erst einmal sorgsorgfältig prüfen“ wollte.261 Aus dieser Bemerkung Löbes geht hervor, dass man sich in jenen Jahren offensichtlich selbst um eine Mitgliedschaft bewerben konnte. Die durchorgansierte und unbefangene Schlemmerei unter Männern, die vordringlich lokalpolitischen Reden und eine ebensolche Teilnehmerschar von Gleichgesinnten, die Mischung aus Heiterkeit und Ernst boten den Kaufleuten eine Entspannung, die in der wirtschaftlich schwierigen Lage wahrscheinlich hochwillkommen war. Bis 1928 war die Zahl der Genossen auf 116 gestiegen; 1929 gab es noch eine weitere Steigerung auf 135.262 Es gibt einen kompetenten Zeitzeugen für die feucht-fröhliche Stimmung, die zu jener Zeit von den Feiern auszugehen schien: „Im Januar 1928 tanzte ich auf dem Presseball in der Jacobi-Halle.263 Das Fest war im vollen Zuge, da trat eine Schar von Herren auf, mittleren und älteren Kalibers, geführt von Christian Specht, einem Schiffsmakler, recht beschwingt. Sie brachten noch mehr Rotation in den Betrieb. Auf die Frage, woher die Kavaliere kämen, wo sie ihre Stimmung so aufgeladen hätten? Wer von der „Eiswette“ käme, hätte immer aufgetankt. Eiswette?! Nie gehört!“264 Nach ihrer Vertreibung aus den Clubräumen des „Museum“, hatten einige Eiswettgenossen die Gewohnheit entwickelt, sich im Anschluss an das Fest noch in einem anderen Etablissement zu treffen, wo auch getanzt wurde. Der hier so fröhlich berichtete, war Georg Borttscheller, aus Hamburg zugezogen, seit einem dreiviertel Jahr Redakteur der „Weser-Zeitung“. Schon im nächsten Winter nahm er als Gast der Eiswette teil, 1936 wurde er Eiswettgenosse und 1951 ihr Präsident mit der längsten aller Amtszeiten der Neuzeit (bis 1967).

 

257 Vgl. Löbe, a.a.O.
258 Er führte diese Tradition bis zu seinem Tod im Jahr 1957 fort.
259 Vgl Löbe a.a.O., S.92. Der Text steht im Kapitel “Rituale” unter dem Abschnitt “Schlemmen und Trinken”.
260 Vergleiche die Bremer Chronik ab 780 von Achelis / Focke, H.Wania und Fritz Peters, z.T. herausgegeben von der Historischen Gesellschaft Bremen; vgl. die digitale Chronik der Stadt Bremen von 1851 bis 2009 im Staatsarchiv Bremen.
261 Löbe, a.a.O., S.142.
262 Vgl. Bremer Nachrichten vom 15.1.1929.
263 Die „Jacobi-Halle“, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, nannte sich “ historisches Weinund Bierrestaurant“. Es verfügte über „vornehme“ Räumen für Hochzeiten und Festlichkeiten, in den Resten einer Klosterkirche von 1190. Es lag an der Ecke Pieperalte Langenstraße an der Stelle, wo
1960 der Durchbruch für die Martinistraße erfolgte.
264 Georg Borttscheller, Bremen, mein Kompass. „Schön war’s“. Bremen (1973), S.166.

 


 

Der Eiswette-Mythos entsteht (1929)

 

Mit dem ersten öffentlichen Auftritt 1929 schaffte sich die Eiswette ihren eigenen Mythos. Schon vor der Veranstaltung war ein langer Artikel zu ihrer hundertjährigen Geschichte in den Bremer Nachrichten erschienen, der den Grundstein dafür legte.265

 

 

Legende 1: Das „Stiftungsfest“

 

Im Artikel vom 12.1.1929 wird die Eiswette als eine hundert Jahre alte soziale Veranstaltung dargestellt: „Am Schluss der Tafel fand eine Sammlung für arme Familien statt, deren Ergebnis alljährlich manche stille Träne trocknen konnte.“266 Die zu Herzen gehende Geschichte zielte auf eine ahnungslose Bremer Leserschaft. Die Teilnehmer der Jubiläums-Eiswette fanden sie aus gutem Grund nicht in ihrer Festschrift, denn sie wussten, dass sie erfunden war. Mit Blick auf hundert spendenfreie Jahre hätte es 1929 keine weniger zutreffende Bezeichnung als die eines Stiftungsfestes geben können.267
Trotzdem zählt das Präsidium bis heute so, als ob die Eiswette seit 1829 ein Stiftungsfest gewesen wäre.268

 

 

Legende 2: Eiswettproben seit 1829

 

Im Artikel der Bremer Nachrichten hieß es: „Am 6. Januar jeden Jahres begab sich ein Feststellungsausschuss zum Osterdeich, um die Eisverhältnisse der Weser in Augenschein zu nehmen.“269 In der Jubiläums-Festschrift schmückte Feuß das noch aus: Die Herren des Ausschusses hätten die Aufgabe gehabt, „sich vor Sonnenaufgang zu einem Spaziergang von der Tiefer am Osterdeich entlang bis zum Punkendeich zu bequemen…“270 Im „Urtext“ von 1829 war als Wette aber nur die Frage festgeschrieben, ob die Weser „im Laufe“ des Winters „bis spätestens zum 4. Januar“ zugefroren wäre. Der
4. Januar war lediglich der letzte Tag dieser Winter-Wette und zugleich der Stichtag für den Verzehr des Wetteinsatzes. So hatte man sich dann anfangs auch am 4. Januar bei Schünemann zum Verzehr der Wette und zum Kegeln getroffen. Zu Eiswettproben heutiger Art hätte man sich, nach dem Wortlaut, möglicherweise sogar mehrfach zur Begutachtung „vor Sonnenaufgang“ am Punkendeich treffen müssen.271 Das mochte man sich nicht antun. So blieb es hundert Jahre die Sache des Präsidenten, kraft seines Amtes lediglich das Ergebnis der Wette auf den Feiern zu verkünden.272 Die Geschichte von der „jahrhundertealten“ Eiswettprobe wurde inzwischen aus den Annalen der Eiswette getilgt,273 ohne dass dieser Umstand etwas daran geändert hätte, dass die Legende lebt und gepflegt wird. Ganz selbstverständlich kündigte Eiswett-Präsident Patrick Wendisch 2017 dem Bremer Publikum am Punkendeich die 188. Eiswettprobe an.

 

265 Hundert Jahre Bremer Eiswette. Das heutige Jubelfest. Bremer Nachrichten vom 12.1.1929. Der Artikel war eine gekürzte und in Teilen geänderte Fassung der Jubiläums-Festschrift von Rudoph Feuß. Vgl. Eiswette von 1829 Bremen. 1829-1929. Rückblick, Umblick und Ausblick. Der Gesellschaft „Eiswette von 1829“ zu ihrem 100jährigen Jubelfeste gewidmet von Senator Feuß.
266 Hundert Jahre Bremer Eiswette, a.a.O. 12.1.1929.
267 Eine Ausnahme waren die 200 Mark, die sie 1887 für die Angehörigen des vor der südamerikanischen Küste havarierten Bremer Schiffs Elisabeth gespendet hatte. Vgl. das Kapitel „Symbiose mit der DGzRS“, Abschnitt Spenden“.
268 So berichtete der Weser-Kurier am 22. Januar 2017 vom 188. Stiftungsfest der Eiswette. Im Geleitwort des offiziellen „Eiswettbuchs“ von Herman Gutmann wird diese Tradition fortgeführt, vgl. Gutmann, a.a.O., S.7. Allerdings wird der Begriff im jährlichen Programmheft, das die Namen aller Teilnehmer erhält, vermieden. Dort ist nur von der (188.) „Eiswette Bremen“ die Rede.
269 Hundert Jahre Bremer Eiswette, a.a.O.
270 Eiswette von 1829 Bremen, a.a.O., S.13/14.
271 Vgl. Löbe, a.a.O., S.43.
272 Vgl. Löbe, a.a.O., S.43.
273 Vgl. das Kapitel „Die Eiswettprobe“. Vgl. Löbe, a.a.O., S. 47, S.63/64 und S.68.

 


 

Bild 17 Der erste öffentliche Auftritt der Eiswette: die Eiswettprobe am 6. Januar 1929 an der Weser. In der Mitte Hans Wagenführ.

 

 

Legende 3: Sorge um die Vereisung der Weser

 

2010 erschien ein neues Gründungsmitglied der Eiswette auf der Bildfläche: Der Bruder von Wilhelm Fritze, W. A. Fritze, berühmter Sohn der Stadt, neben Bürgermeister Johann Smidt, dessen Freund er war, einer der Gründungsväter Bremerhavens, soll auch dabei gewesen sein. Im offiziellen „Eiswettbuch“ von Hermann Gutmann wird er überraschend als angebliches weiteres Gründungsmitglied vorgestellt.274 Warum ausgerechnet W. A. Fritze als fiktives 19. Mitglied Eingang in die Gründungsversammlung finden sollte, erschließt sich möglicherweise im Zusammenhang mit der dritten Legende.
„Man schrieb den 12. Januar 1829. Ein strenger Winter war ins Land gekommen, die Schiffe lagen auf der Weser fest oder kamen nicht herauf, sorgenvoll berechneten die Bremer Kaufleute und Reeder den Schaden. Wird das Eis wieder, wie so oft, den ganzen Winter hindurch den Verkehr sperren?

 

274 In dem Absatz, der dem Kapitel „Die Gründer“ vorausgeht, nennt Gutmann die korrekte Zahl von 18 Wettgenossen. (Sie wird auch auf der aktuellen offiziellen Webseite der Eiswette genannt. Vgl. dort das Kapitel „Historie“) Gutmann hatte sein Manuskript schon Mitte 2008 dem Präsidium vorgelegt, so dass bis zur Veröffentlichung 2010 ausreichend Zeit gewesen wäre, um diesen Fehler zu korrigieren. An anderer Stelle hatte das Präsidium durchaus direkt in die Gestaltung des Manuskripts eingegriffen. So hatte Gutmann Quellenangaben gemacht, die zu seinem großen Bedauern nicht in die Veröffentlichung übernommen wurden. Ein Auszug der Donnersmarck-Rede von 1993 war ohne sein Wissen aufgenommen worden. Das teilte Gutmann dem Verfasser in einem elektronischen Brief vom 17. Februar 2011 mit. Vgl. Hermann Gutmann, Jochen Mönch, Die Eiswette von 1829. Ein Bremer Fest – Geschichte und Geschichten. Bremen, 2010, S.19 – 23 und S.134. In der neuesten Ausgabe der offiziellen Website (Datum vom 23.06.2017) wird Gutmann nicht mehr – wie noch 2016 – unter der Rubrik „Lizenzpartner“ als „Das Eiswettbuch“ zum direkten Internet-Kauf bei der Firma Grashoff Nachf. GmbH (www.grashoff.de/shop) angeboten. Diese Rubrik ist inzwischen ganz gestrichen. Das Präsidium „erlaubt“ sich nur noch einen „Hinweis“ auf das Buch von Gutmann. Vgl. www.eiswette.de

 


 

Das war die Frage, die alle Gemüter bewegte. … Das war die Geburt der „Eiswette von 1829.“ Das ist wohl die phantasievollste Vision von der Entstehung der Eiswettgenossenschaft. Sie findet sich in der „Bremer (nationalsozialistischen) Zeitung“.275 Die Bremer Nachrichten berichteten vom Stil her etwas nüchterner, von der Sache her ähnlich, zum Beispiel 1938: „Damals saßen ein paar Bremer Kaufleute, Reeder und Schiffer … zusammen, da die zugefrorene Weser ihnen die Ausübung ihres Berufes nicht gestattete.“276 Auch für diese Legende war der Autor der beiden ersten Legenden der Stichwortgeber. Er hatte zur Hundertjahrfeier geschrieben: „Namentlich in den Wintermonaten, wenn die Landstraßen für den Frachtverkehr unzugänglich waren, stiegen heiße Wünsche, dass milde Witterung die Weser möglichst lange eisfrei halten oder möglichst bald ihr die den Schiffsverkehr hemmende Eisdecke nehmen möge, zum Himmel empor. … So kam in der „Eiswette“ ursprünglich das Sehnen und Wünschen der Bremer Kaufmannschaft nach freiem Fahrwasser der Weser zum Ausdruck.“277 Das passte hervorragend zu den angeblich in Sorge zum Punkendeich pilgernden Eiswettgenossen. Diese Legende lebt noch heute und nicht nur in Außendarstellungen, wie zum Beispiel in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1992: „In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lehnten sich die Griechen gegen die türkische Herrschaft auf, und Engländer, Franzosen und Russen mischten sich in diesen Krieg ein. Das war für den Bremer Handel äußerst abträglich. Nun wurde gewettet, wann sich der Zustand ändern würde. Als das dann der Fall war und man am großen Geschäft mit dem Nachholbedarf bei Kriegsende teilhaben wollte, war es das Eis auf der Weser, das die Schiffe blockierte und ein Auslaufen unmöglich machte. Im November 1929 (Irrtum im Original – d. Verf.) wettete ein Kreis bremischer Kaufleute bei einer Kohlfahrt um die Frage, wie lange die Weser offen oder zu sein würde. So wurde die erste Eiswette abgeschlossen …“278 Auch im „offiziellen“ Eiswettbuch von Hermann Gutmann finden wir eine ähnliche Fassung: „Am Anfang stand die Sorge der Bremer um die Weser, um die natürliche Verkehrsstraße der Stadt. Denn in manchen harten Wintern war die alte Hansestadt von der übrigen Welt abgeschlossen. Die Weser war zu.“279
Eiswett-Chronist Löbe fragte sich, wieso die Eiswettgenossen eigentlich den Punkendeich als Ort der Wette ausgesucht hatten, „obwohl er an seinem Ufer kaum Seeschiffe gesehen haben dürfte? Der alte, um die Gründungszeit bis in die siebziger Jahre benutzte Hafen für Seeschiffe war die Schlachte!“ Zur Gründungszeit der Eiswette hatte die Brücke vor dem Punkendeich „noch schwimmende Schiffsmühlen vor den Pfeilern auf der stromabwärts liegenden Seite. … Warum also sollte ein Seeschiff oder ein Seeleichter an den Punkendeich gehen, wo im Übrigen die Oberländer lagen, die Binnenschiffe der Weser? Und warum wurde als Teststelle nicht ein Platz an der Schlachte gewählt, wo die Prüfung der Schiffbarkeit viel mehr interessierte?“ Wir sind ja in der Zeit der Überseekaufleute und der Kaufmannsreedereien, zu denen die Firma „W.A. und W. Fritze“ gehörte, die sich u.a. im Baumwollhandel betätigte. Sie besaß 1827 vier Schiffe, die nach Westindien und Nordamerika fuhren.280 Ein Blick auf den Bau des neuen Hafens an der Außenweser – das spätere Bremerhaven – gibt den Blick frei auf die große Sorge, die damals wirklich die Bremer Kaufleute umtrieb: Es war die rasch zunehmende Versandung der Außenweser, die es Seeschiffen nicht mehr gestattete, vom Meer bis zu den bremischen Häfen zu gelangen. Schon im Juni 1825 hatte Bürgermeister Johann Smidt den kühnen Plan zum Erwerb eines (hannoverschen) Landstrichs zum Bau des neuen Bremer Hafens. Wilhelm August Fritze

 

275 „Zum 108. Mal Bremer Eiswette. Bremer Zeitung vom 1.1.1937.
276 Bremer Nachrichten. 9.1.1938.
277 Bremer Nachrichten 12.1.1929.
278 Eckehard und Barbara Brettschneider, Skizzen und Portraits. Bremen. Bd.1 Bremen 1992, S.242.
279 Gutmann, a.a.O., S.24.
280 Vgl. 200 Jahre W. A. Fritze &Co., a.a.O., S. 5/6 und Schulz, a.a.O., S. 471.

 


 

war einer der ersten, den er darüber informierte und der einer der großen Stützen bei der praktischen Umsetzung seines Plans wurde.281 Der Eiswette-Mitbegründer Wilhelm Fritze war durch die familiären und geschäftlichen Verbindung als Teilhaber zweifellos auf dem Laufenden, was seinen Bruder Wilhelm August umtrieb, zumal der als sein Bremer Geschäftspartner „in Sachen Hafen“ oft außerhalb Bremens unterwegs war.282
Am 12. Juli 1828 war unter Kanonenschüssen die Grundsteinlegung des neuen Bremer Hafens an der Geestemündung im Hannoverschen vor vielen Zuschauern und geladenen Gästen gefeiert worden.283 Die im November 1928 abgeschlossene Wette über die Frage, ob die Weser im Winter vereist wäre, fand, wenn man so will, im Windschatten des wichtigsten und schwierigsten Wirtschafts-Projekts Bremens statt.284 Löbe ging in seinen Überlegungen noch einen Schritt weiter: „Die Gewohnheit, die Seefahrt wegen schweren Wetters, wegen Eises … im Winter einzustellen, lag 1829 bereits zwei bis drei Jahrhunderte zurück.“ Insofern konnte „die Antwort auf die Frage, ob Weser zu oder offen …demnach nur die Wettenden selbst interessieren. „Weser offen“ konnte niemals bedeuten, dass die Schifffahrt aufrechterhalten werden konnte, und „Weser zu“ nicht, dass sie in dem betreffenden Winter nicht möglich gewesen wäre. So haben es die Eiswettgenossen auch nicht gemeint.“285 Mit Bangen sahen die Bremer Kaufleute damals nur der einen Frage entgegen: ob die riesige Investitionssumme für den neuen Bremer Hafen Früchte tragen würde. Es dauerte bekanntlich Jahre, ehe es soweit war. Wilhelm Fritze ist der einzige aus der FamilienDynastie, der an Eiswetten teilgenommen hat. Der „große“ W. A. Fritze in der Runde der Eiswettgründer würde diese historisch enorm aufwerten. Allein, als Kronzeuge für die angebliche Sorge der Bremer Kaufleute um die Vereisung der Weser hätte auch er nicht getaugt.
Die Eiswette stand nicht nur bei ihrer Gründung im Windschatten der großen Bremer Politik. Das lässt sich – erweitert auf den nationalen Rahmen im Grunde für ihr ganzes erstes Jahrhundert sagen, als sie sich weder von der von der 48er Revolution, noch vom deutsch-französischen Krieg oder der Reichsgründung in ihrer privaten Behaglichkeit stören ließ.

 

 

Drei Legenden ein Autor

 

Verfasser der zitierten Texte ist Rudolph Feuß (1862 – 1945), einer der eifrigsten Eiswettgenossen in den Nachkriegsjahren. 1924 hatte er die Bremen-Rede gehalten, 1925 ein Tafellied gedichtet, das in Vergessenheit geraten ist, 1927 eine Rede und eigene Gedichte auf plattdeutsch vorgetragen.286 Der Höhepunkt seiner Tätigkeit im Rahmen der Eiswetten war die Festschrift zur Hundertjahrfeier. Sein Vater, ein Zigarrenmacher aus Diepholz, hatte erst 1861 die bremische Staatsangehörigkeit erworben. Seit 1882 war sein Sohn, nach einer Ausbildung in Bremen, als Lehrer tätig und wurde 1905
Schulvorsteher. Im gleichen Jahr erfolgte seine Wahl in die Bürgerschaft. 1910 wurde er zum Senator gewählt 287, seit langen Jahren mal wieder als ein Vertreter der 4. Klasse.

 

281 Schulz nennt ihn – zusammen mit Smidt und Eltermann J. F. A. Rodewald – einen der drei Gründungsväter Bremerhavens. Vgl. a.a.O., S.471, Anm. 46. J.F.A.Rodewald (1782 – 1835) hatte sich mit einer Denkschrift im Kollegium der Älterleute für den Hafenbau eingesetzt. Vgl. Schulz, a.a.O., S.471.
282 Er hatte an den Verhandlungen mit Hannover teilgenommen, und er war es, der in Holland denWasserbau-Ingenieur Ronzelen für den Hafenbau gewann. Vgl. Schwarzwälder, a.a.O., Bd. II, S.
123 – 131. Vgl. auch „200 Jahre W.A. Fritze & Co“., a.a.O., S.8.
283 Vgl. Schwarzwälder, Bd. II, a.a.O., S.129ff.
284 Schulz spricht von der „wichtigsten Investitionsentscheidung des Bremer Bürgertums in der Geschichte der Stadt“ Schulz, a.a.O., S. 470.
285 Alle Zitate aus Löbe, a.a.O., S.48-50.
286 Vgl. Löbe, a.a.O., S.115-117.
287 Vgl. Bremische Biographie, a.a.O., S.148/149. Vgl. Herbert Schwarzwälder, Bd. II, a.a.O., S.521.

 


 

288 Feuß war der „klassische“ Fall des sozialen Aufsteigers – nicht nur im Kreis der Eiswettgenossen. Sein Vermögen betrug im Jahr 1912 immerhin 1,2 Millionen Goldmark.289 Während die Aufsteiger der 50er und 60er Jahre, z.B. der Architekt Alexander Müller und der Lehrer Christian Debbe wichtige Verbündete der Kaufmannschaft bei der Durchsetzung liberaler Wirtschaftsgrundsätze wurden 290, lag Feuß politisch ganz auf der deutschnationalen Linie der Kaufleute. Seine Festschrift, die sich für die Zeit bis
1904 im Wesentlichen auf die Arbeit von Vietsch stützt, ging in ihrem politischen Impuls weit über die unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen der Bremer Kaufmannschaft hinaus. Sie endet mit den Worten: „Die letzten Großtaten unseres Volkes, deren die Welt mit Staunen Zeuge gewesen ist, dürfen als untrügliches Zeichen einer besseren Zukunft gedeutet werden. Verbringen aber, umrungen von Gefahr, im neuen Deutschland Kindheit, Mann und Greis ihr tüchtig Jahr, so erwerben wir uns auch das Anrecht auf Stunden der ausspannenden Freude. Die Eiswette von 1829 darf mit ihrem Frohsinn den Ernst der Tage unterbrechen … Die Eiswette soll uns auch in Zukunft eine Quelle werden, aus der wir schöpfen frische Kraft zu neuer Arbeit, wie es bei unsern Vorfahren war. … zur Ehre eines in sich gefestigten, von den Völkern des Erdballs anerkannten und in seiner Tüchtigkeit bewunderten, den Willen nach Selbstbehauptung und Weltgeltung bekennenden, freien und glücklichen Deutschlands.“291

 

 

Die Hundertjahrfeier in der „Glocke“ 1929

Die Eiswette wird öffentlich und deutschnational

 

Der Januar 1929 war ein idealer Zeitpunkt, um den Kaufmann in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken. Die Bremer Wirtschaft hatte sich in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre erholt und ging unter sehr guten Vorzeichen in das Jahr 1929. Der Schiffbau verzeichnete einen großen Aufschwung, eine Flugbau-Industrie war im Entstehen, der Flughafen war ausgebaut worden.

 

288 Das Bremer Wahlrecht von 1854 bis zum Ende des Kaiserreichs kannte 8 Klassen. 1. Klasse: Akademiker, 2. Klasse: Kaufleute mit Handelskammerwahlrecht, 3. Klasse: Gewerbetreibende mit Gewerbekammerwahlrecht, 4. Klasse: Übrige Wähler, gestaffelt nach Einkommen. Die Klassen 5, 6 und 8 waren Wählern in Vegesack, in Bremerhaven, bzw. im übrigen Landgebiet, die 7. Klasse Wählern mit Landwirtschaftskammerwahlrecht vorbehalten. Die 4. Klasse war in ihrem Wahlrecht so drastisch eingeschränkt, dass die Herrschaft der Kaufleute gesichert blieb. Noch 1911 war nicht einmal ein Drittel der Reichstagswähler bei den Bürgerschaftswahlen stimmberechtigt. Die Stimmen von 17 Wählern der 1. bis 3. Klasse hatten gemessen am Bevölkerungsanteil dieselbe Bedeutung, wie die Stimmen von 297 Wählern der 4. Klasse. Vgl. wikipedia Stichwort „Geschichte der Stadt Bremen“ am 3.10.2016.
289 Vgl. Jahrbuch der Millionäre von 1912, a.a.O., S.116.
290 Heinrich Müller gehörte zu den eifrigsten öffentlichen Unterstützern für das neue Gewerberecht, das die alten Zunftrechte aufhob und die uneingeschränkte Freigabe der gewerblichen Produktion brachte. Es wurde 1861 in der Bürgerschaft verabschiedet. Vgl. Schulz, a.a.O., S. 579/580.
291 Feuß-Festschrift, a.a.O., S. 41/42.

 


 

Bild 18 Im großen Festsaal der „Glocke.“ Aufnahme aus dem Jahr 1955.

 

Vier Tage vor der Veranstaltung im Festsaal der „Glocke“ hatte Präsident Wagenführ die erste Eiswettprobe in der Geschichte der Eiswette arrangiert. Ein Foto in den Bremer Nachrichten zeigt fünf behütete ältere Herren im Ulster am Osterdeich – in der Mitte der Präsident mit Zylinder die dabei sind, den Eisstand der Weser zu überprüfen. Zwei von ihnen deuten auf die beiden Herren, die zu diesem Zweck mit „Messstab“ und „Lageplan“ ausgerüstet sind. Der Text darunter setzte die Bremer davon in Kenntnis, dass dies in Vorbereitung auf das hundertste Stiftungsfest der Eiswette von 1829 geschähe. Es war eine Aktion, die für den Pressefotografen arrangiert war, noch ohne Publikum. Aber es war der erste öffentliche Auftritt der Eiswette überhaupt.
Zum ersten Mal lud der Präsident eine erheblich größere Zahl von Gästen ein als es Eiswettgenossen gab. Den 135 Eiswettgenossen saßen 180 Gäste gegenüber. Ob der Wunsch nach einer großen Zahl von Teilnehmern ausschlaggebend war bei der Auswahl des Veranstaltungsortes oder ob umgekehrt – die Tatsache, dass sich diese dafür anbot, weil sie gerade im Herbst 1928 von Senator und Eiswettgenosse Bömers eingeweiht worden war, mag dahingestellt bleiben. Bömers Wunsch, den großen Festsaal des Konzerthauses, für dessen Wiederaufbau er als Bauherr der Domgemeinde und Vorsitzender der Baukommission entscheidenden Anteil hatte, einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, traf sich mit dem Willen von Eiswette-Präsident Hans Wagenführ, die Hundertjahrfeier der Eiswette im ganz großen Stil zu veranstalten.292 Seitdem ist die Anzahl der Gäste – mit zwei Ausnahmen – wesentlich höher als die der Eiswettgenossen.293 Die „Glocke“ blieb – mit wenigen Ausnahmen – bis 1995 der Ort für die Eiswettfeiern.294
Auch die Zusammensetzung der Versammlung war neu. 180 Gäste konnten und sollten nicht mehr nur privat von den Genossen eingeladen werden. Für einen Senator war es ja

 

292 Das Gebäude war im Januar 1915 einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Bömers schaffte es, dieFinanzierung des Wiederaufbaus aus privaten Mitteln zu organisieren. Vgl. Bessell, a.a.O., S.74.
293 1949 wurden gar keine Gäste geladen. Die Zusammenkunft von 1948 zählt „offiziell“ nicht als Eiswettfeier. Vgl. Löbe, a.a.O., S. 126.
294 Die Feier von 1949 fand im Festssaal des Neuen Rathauses statt, die Feiern von 1950 und 1951 in der Oberen Rathaushalle. Vgl. Löbe, a.a.O., S.126. Erst 1996 zog man mit 705 Teilnehmern in das Congress Centrum in der Holleralle um, wo die Eiswette noch heute stattfindet.

 


 

in der neuen Bremer Gesellschaft kein Problem mehr, als Gast auf dem Gaudi der Eiswette in Erscheinung zu treten. Heinrich Bömers hatte es vorgemacht, als er weiter an den Eiswetten teilnahm, nachdem er 1909 zum Senator gewählt worden war.295 Es kamen „Vertreter des Senats, der Handelskammer, Landwirtschaftskammer, der drei Reichswehrteile (! der Verf.), der vaterländischen Verbände (! der Verf.), der Presse und Polizei.“ Darüber hinaus kamen „der Weser Nahestehende … die Strombauverwaltung, der Wetterdienst, die Seeschifffahrt, der Handel und die Industrie.“296 Mit einem Schlag war die Eiswette aus ihrer Privatheit gerissen. Die Einladung von Vertretern des öffentlichen Lebens, vor allem aber die Zulassung von Pressevertretern, die von nun an alle Eiswettfeiern begleiteten, machte sie zu einer öffentlichen Veranstaltung. Die ausführliche Berichterstattung in den „Bremer Nachrichten“ gab einen ersten Vorgeschmack auf diesen neuen Status.297 Von nun an – und bis 2013 298 werden Reporter in der lokalen Bremer Presse und nicht nur dort fast ausnahmslos 299 über die Feiern berichten. Die gezielte Einladung von hohen Offizieren der drei Reichswehrteile nahm ihr den zivilen Charakter. Die Einladung von Vertretern „vaterländischer Verbände“ machte sie zu einer „halbpolitischen“ Veranstaltung.
Wie im großen Theater hatte sich zu Beginn der Veranstaltung um 16.00 Uhr 300 der Vorhang der Glocken-Bühne für den Auftritt eines Opernsänger geöffnet, der als Minnesänger „in bekannter Meisterschaft“ die Gralserzählung vortrug.301 Zum ersten Mal flammten Kerzen auf, wurde der Saal verdunkelt, erhoben sich 315 Männer in Frack und mit weißem Binder zu Ehren von zwanzig neuen Mitgliedern („Aspiranten“, „Novizen“),302 die „bei Kerzenschimmer und „Fackelzug“ feierlich auf die Bühne traten, wo ein als „Poseidon“ verkleideter Schauspieler auf sie wartete und sie nach dem „Schwur“

 

295 Für erzkonservative Mitglieder des Senats, wie Bürgermeister Martin Donandt, der seit 1920 im Amt war, kam die Anwesenheit auf der Eiswette auch nicht in Frage, als sie schon eine öffentliche Veranstaltung geworden war. In den Akten findet sich für 1930 eine Einladung, die er umgehend mit einer simplen Kartenmitteilung ablehnte. StAB, Senatsregistratur, Akte betr. die Stiftungsfeste der „Eiswette von 1829“ (Einladung) vom 4.1.1930. 3 – V.2.No.2225.)
296 Löbe, a.a.O., S.119.
297 Reportage in den „Bremer Nachrichten“ vom 15.1.1929.
298 Unter dem neuen Präsidenten Wendisch wurde ab 2014 zunächst kein Zeitungsreporter mehr zugelassen. Das änderte sich wieder auf der Feier von 2017.
299 Über die Eiswettfeier von 1932 gibt es keine Zeitungs-Berichterstattung. Auf der Feier von 1949 waren keine Journalisten zugelassen.
300 Vgl. die Darstellung bei Löbe, a.a.O., S.119 und die Reportage in den „Bremer Nachrichten“ vom
15.1.1929.
301 Es war der Berufssänger Philipp Kraus, der zum regelmäßigen Gast wurde. Löbe schrieb: „Überhaupt wurde für die Darbietungen viel Personal des Theaters, später auch des Astoria hinzugezogen. Eine rühmliche Ausnahme machte viele Jahre hindurch Dr. Heins, der wiederholt auch seine Schüler als Akteure auf die Bühne brachte und manchmal sogar mitspielte.“ Löbe, a.a.O., S.119.
302 Im Laufe der Jahrzehnte hatte sich der Brauch ergeben, „dass die Anwärter vor die Mitglieder treten und Versprechungen abgeben mussten.“ Der Inhalt beschäftigte sich „immer mit der Wette und mit ihrer einwandfreien Durchführung. Die Verpflichtung zur Treue der Gemeinschaft gehörte auch dazu. Nur aus dem Jahr 1871 ist bekannt, dass man aus der Aufnahme neuer Mitglieder eine feierliche Handlung machte.“ Im Protokoll von Präsident Krummacher über die Feier von Sonntag, dem 8. 1.
1871 hieß es, dass die vier Aspiranten, unter ihnen Carl Johann Wuppesahl, „in die Vorhalle des
Festsaales geführt und dem Präsidenten vorgestellt (wurden). Nach dreimaliger Verneigung vor
demselben gegen Norden, Süden, Osten und Westen stellte der Präsident die üblichen Fragen an die
Aspiranten, welche dieselben befriedigend beantworteten. … Der Präsident begrüßte die Neuaufgenommenen mit herzlichen Worten, indem er dieselben gleichzeitig in den Pflichten und den Rechten eines Wettgenossen unterrichtete und wurden dieselben dann unter Vorantragung des Vereinsbanners von den älteren Wettgenossen in den Festsaal geleitet …“ Löbe, a.a.O., S.141. Es scheint nicht nur dieses eine Mal gewesen zu sein. In der Darstellung von Klaus Berthold ist irrtümlich Montag, der 7. Januar 1891 als Tag der Eiswette angegeben. (Das war ein Mittwoch). Vgl. Klaus Berthold, Stiftungsfeste der Eiswette von 1829. Eine folgenreiche Wette um vaterländischen braunen Kohl und Zubehör. In: derselbe, Bremer Kaufmannsfest. Rituale, Gebräuche und Tischsitten der bremischen Kaufmannschaft. Bremen. 2008, S.106 – 121, hier S.114. Vgl. auch Karl Löbe, a.a.O., 2. Auflage 1998, S. 151.

 


 

auf ein Bügeleisen durch Handschlag “verpflichtete“.303 Auch die Jubilare wurden zum ersten Mal geehrt, auch sie auf der Bühne, wo der Präsident ihnen für eine mindestens
25jährige Mitgliedschaft eine „Silberne Medaille“ verlieh „mit dem bekannten Wappen der Eiswette.“ Man verfolgte das „Festspiel“ für vier Personen von Studienrat Otto Heins und sang gemeinsam das von Rudolf Feuß gedichtete Lied „Dat schöne Bremen“. Hugo Gebert trat sogar zweimal auf: als dichtender Störtebeker und mit einer lustigen
„Betriebsratsversammlung der Denkmäler Bremens“, deren Wortlaut leider nicht überliefert ist. Der neue Ton kam in den drei vorbereiteten Reden zum Ausdruck, vor allem in der „Deutschland-Rede“, und obwohl von diesen Reden nur Bruchstücke in der Reportage der „Bremer Nachrichten“ zu finden sind, zeigen sie doch die politische Richtung an, in die sich die Eiswette bewegte. Philipp Heineken, ehemals Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd, seit 1921 Aufsichtsratsvorsitzender, beklagte in seiner Deutschland-Rede „die schwere Last“ der „fortschreitenden Zersetzung des Wirtschaftslebens durch den Marxismus.“ Es war, als regierte in Bremen nicht seit 1928 eine Große Koalition mit drei sozialdemokratischen Senatoren (unter ihnen Wilhelm Kaisen) und dem Stellvertretenden Bürgermeister Deichmann.304 Er fuhr fort: „Gerade Bremen müsse immer bedenken, dass es ein Glied des großen Deutschlands ist, unter dessen Schutz es groß und stark wurde. Gerade in bösen Zeiten gelte es, Treue zu halten – nur in der Einheit liegt unsere Stärke! Sein Hoch galt dem Vaterland. Gemeinsam sang die Festversammlung das Deutschland-Lied.“305 Rudolf Feuß „sprach gegen Neuerungssucht und für Bodenständigkeit.“306 Mit den Gesangsvorträgen der Opernsänger Kraus und Jonssen schloss die Veranstaltung auf die gleiche Weise wie sie begonnen hatte.
Zu den herausragenden Gästen aus der Wirtschaft gehörte Franz Stickan, seit 1925 alleiniges Vorstandsmitglied der Dampfschifffahrtsgesellschaft „Neptun“, der im gleichen Jahr in die Eiswettgenossenschaft aufgenommen wurde. Er brachte wichtige Utensilien der „Lustigen Eiswette“ mit aus dem Nachlass von Heinrich Nolze, dem Leiter der ehemaligen „Lustigen Eiswette, seinem Vorgänger bei der DG „Neptun“: die Wetturne, die Spardose und vor allem die Signalglocke, die eine wichtige Rolle bei den Spenden auf den zukünftigen Veranstaltungen spielen sollte.307
Am ausführlichsten würdigten die Bremer Nachrichten die Rede von Hafensenator Hermann Apelt, der seit 1924 als glänzender Redner ein gern gesehener Gast war.308 Seine Rede spiegelte den Optimismus der Bremer Kaufleute wider, zu dem der wirtschaftliche Aufschwung in den Jahren 1924 bis 1928 Anlass bot: „Die Hundertjahrfeier falle in eine bedeutungsvolle Zeit, denn noch niemals seien die Schifffahrtsverhältnisse auf der Weser so gut gewesen wie jetzt. Im Übergang von 1928 auf 29 sei die Vertiefung auf 8 Meter auf der Unterweser in vollem Umfange und die der Außenweser auf 10 Meter, ja nahezu 11 Meter durchgeführt. Wenn durch diese erfreuliche Entwicklung

 

303 Bremer Nachrichten vom 15.1.1929.
304 Wie politisch verdächtig selbst die koalitionswilligen Bremer Sozialdemokraten mit Wilhelm Kaisen an der Spitze noch Ende der zwanziger Jahre dem Bürgertum waren, geht aus einer Bemerkung Theodor Spittas hervor, die er in seinem Buch über Martin Donandt machte. Spitta begrüßte es, dass bis 1928 die Sozialdemokraten „fast acht Jahre aus der Regierung ferngehalten werden konnten.“ Spitta, seit 1911 Senator, lange Jahre der Weimarer Republik auch (Zweiter) Bürgermeister, wurde nach dem 2. Weltkrieg der wichtigste Mann in den ersten Senaten von Bürgermeister Kaisen. Dieser Halbsatz steht in der ersten Ausgabe seines Buches von 1938: Theodor Spitta, Dr. Martin Donandt. Bürgermeister in Bremen. Ein Lebensund Zeitbild. Als Handschrift gedruckt. 1938. S.130. In einer Neuausgabe von 1948 ist er gestrichen, wie viele andere politisch „unkorrekte“ Aussagen aus der ersten Auflage von 1938. Vgl. das Vorwort Spittas zur zweiten Ausgabe im Johs. Storm Verlag, Bremen 1948, S.7.
305 BN 15.1.1929.
306 Ebda.
307 Vgl. Löbe, a.a.O., S.114.
308 Er war seit 1909 Mitglied der Bürgerschaft, 1917 und von 1919 bis 1933, sowie von 1945 bis 1955Senator für Häfen. Bürgermeister Theodor Spitta gab seine Reden postum heraus: Hermann Apelt, Reden und Schriften. Bremen, 1962. Die in Auszügen hier zitierte Rede ist dort nicht abgedruckt.

 


 

das Faktum der Eiswette seine ursprüngliche Bedeutung auch verloren habe, so habe ihre sinnbildliche Bedeutung nicht an Wichtigkeit eingebüßt.“ Auch Bömers hatte in seinem Redebeitrag die Meinung vertreten, dass man der wirtschaftlichen Entwicklung Bremens zuversichtlich entgegensehen könne.

 

 

Präsident Hans Wagenführ

 

Hans Wagenführ, der wichtigste und populärste aller Eiswett-Präsidenten schuf mit der Hundertjahrfeier die Rituale der „modernen“ Eiswette, wie sie heute aus den lokalen Zeitungsreportagen einem breiten Publikum bekannt sind. Er brachte ein altes Stück auf die Bühne, aber er hatte es umgeschrieben. Es reichte ihm nicht, dass die Kaufmannschaft sich unbeschwert beim fröhlichen Beisammensein selbst – und durchaus selbstironisch – feierte, er machte Ernst damit. Die Eiswettgenossen waren sich bewusst, dass mit ihm ein neues Zeitalter begonnen hatte und dass der gewaltig umgestalteten Feier ein entsprechende organisatorische Arbeit vorausgegangen war, denn als Friedrich Carl, Präsident des Landesfinanzamtes (in den dreißiger Jahren Oberfinanzpräsident und häufiger Gast der Eiswette), in einer Rede auf den Präsidenten vorschlug, Wagenführ schon im zweiten Jahr seiner Präsidentschaft „wegen seiner großen Verdienste die neu gestiftete silberne Medaille zu verleihen“, fand er den „einhelligem Beifall der Mitglieder und der Gäste.“ „Die Dekoration“ wurde sogleich „vollzogen.“309
Einer Erklärung bedarf, dass sich Wagenführ für seine „Inthronisierung“ einer geheimen Wahl unterziehen musste.310 Eigentlich war es üblich, dass der scheidende Präsident einen Nachfolger vorschlug, der durch Akklamation in sein Amt gebracht wurde. Man war froh, wenn man jemanden gefunden hatte, der die lästige Einladungsarbeit und andere organisatorische Dinge erledigte.311 Er blieb tatsächlich der einzige Präsident in der Geschichte der modernen Eiswette, der diesem Procedere unterzogen wurde. Da wir das genaue Ergebnis der Abstimmung nicht kennen, lässt sich auch nicht sagen, wie viele Vorbehalte ihm begegnet sind – und für diese gab es mehrere Gründe.
Wagenführ war weder der „klassische“ Kaufmann, noch übte er eine traditionelle selbstständige Tätigkeit aus. Er war als Oberingenieur „nur“ Angestellter eines Industrieunternehmens 312 und er war – vor allem kein gebürtiger Bremer, wie alle Präsidenten vor ihm. Schließlich – und das war möglicherweise der entscheidende Vorbehalt – führte er ein Leben, das überhaupt nicht dem Bild eines soliden Bremer Bürgers mit eigenem Hausstand und Familie und mit eigenem Vermögen entsprach. Er lebte „unbürgerlich“ in einer Mietwohnung heute würden wir „unkonventionell“ sagen „immer zu Außergewöhnlichem aufgelegt“, wie Chronist Löbe schrieb, der noch 1979 den Annalen der Eiswette die Beschreibung seiner „Junggesellenwohnung“ entnehmen konnte:

 

309 Bremer Nachrichten vom 15.1.1929.
310 1927 stimmte die Eiswette-Genossenschaft auf der Feier darüber ab. Vgl. Löbe, a.a.O., S.116.
311 Borttscheller erinnerte sich daran, dass ihn Carl Wuppesahl und Hans Degener-Grischow im Herbst
1950 einfach angerufen hätten und Wuppesahl ihn sozusagen am Telefon zum Präsidenten ernannt hätte. Vgl. Borttscheller, a.a.O., S.169.
312 Erst 1970 beschloss das Präsidium der Eiswette unter der Leitung von Karl Löbe, „nicht nur erste Leute ihres Gebietes zu nehmen, sondern auch einmal einen Angestellten, wenn er treu zur Sache stehe und ein guter Bremer sei.“ Löbe, a.a.O., S. 131/132.

 


 

Bild 19 Im Flur der Wagenführ’schen Wohnung.

 

Bild 20 Der originale Eingang zur „Wall-Bar“.

 

„Die Wände des Eingangs und der Flur waren mit bemalter Leinwand bespannt. Man glaubte, durch ein altertümliches Gässchen zu gehen. Rechts und links waren alte Häuserfronten zu sehen mit Türen und kleinen Fenstern. „Über die Straße“ waren Wäscheleinen gespannt, an denen Babywäsche zum Trocknen hing. Durch eine als große Wohnungstür dargestellte Tür kam man ins Klosett, wo beim Abrollen des Papiers lustige Weisen erklangen. Ein Zimmer war im maurischen Stil gehalten, das eigentliche Wohnzimmer war eine Kajüte. Überall hingen Plakate mit kuriosen Ordnungsvorschriften, aber auch kostbare Bilder.“313 Was Löbe nicht wusste war, dass der Eingangsbereich eine wirklichkeitsgetreue Kopie des Eingangs der „Wall-Bar“ war, einer Gaststätte, die Wagenführ offensichtlich frequentierte. Es war eine Wohnung, die nach Zeitzeugenberichten, entsprechend dem geselligen Charakter ihres Mieters, häufig von Gästen besucht wurde.

 

Bild 21 Der 1. Vorsitzende des Kaiserlichen Yacht-Clubs Kiel, Abteilung Weser-Mitglieder.

 

Nach Wagenführs Tod am 7. Dezember 1932 erschienen in den „Bremer Nachrichten“ und in der „Weser-Zeitung“ vier identische Todesanzeigen.314 Außer der FamilienAnzeige kamen drei aus dem beruflichen Bereich. Eine war von kaufmännischen Direktor der AEG-Niederlassung Bremen, eine von der AEG-Direktion in Berlin und die dritte von den Angestellten und Arbeitern der Bremer Niederlassung, denen er „als Chef wie als Mensch ein stets hilfsbereiter und wohlwollender Vorgesetzter“ gewesen wäre. Eine fünfte Todesanzeige fand sich nur in den Bremer Nachrichten. Sie war vom „Kai-

 

313 Löbe, a.a.O., S.116/117.
314 Bremer Nachrichten und Weser-Zeitung vom 9.12.1932.

 


 

serlichen Yacht-Club“ Kiel,315 dessen Bremer Abteilung Wagenführ gegründet hatte und dessen 1. Vorsitzender er von Anfang an gewesen war. Darin wird ihm attestiert, dass er
„mit großer Energie, Liebe zum Segelsport und Vaterland das Ruder geführt“ und sich um den „seglerischen Nachwuchs außerordentlich verdient gemacht.“
Wagenführ wurde 1871 in Finsterwalde geboren, einem kleinen Ort in der Niederlausitz zwischen Berlin und Dresden mit damals etwa 7000 Einwohnern. Er hatte in Berlin, Darmstadt und Stuttgart studiert und war 1895 in die Dienste der AEG getreten, zunächst in Hamburg, erst ab 1904 in der Bremer Filiale, die zunächst der Hamburger angeschlossen war, die von ihm aber allmählich zu einer selbstständigen Niederlassung ausgebaut wurde. In einem redaktionellen Nachruf der Bremer Nachrichten wird Wagenführs „ungemein rührige, vielseitige Persönlichkeit“ hervorgehoben. Sein Wirken für die Stadt sei „schon mehrfach gewürdigt worden.“ „In vielen Kreisen und Vereinen Bremens“, hieß es, hätte er Anerkennung und Wertschätzung erfahren und sei „ein guter Bremer Bürger“ geworden. … Trauernd steht ein großer Freundeskreis an seiner Bahre und seine Verdienste, die er sich um Bremen erworben hat, werden sein Andenken stets in Ehren halten.“316
Wagenführ hatte keine Verwandten in Bremen. Außerhalb der Eiswettfeiern gibt es keine Spuren von ihm in der Stadt. In der Bremer Chronik ist sein Tod nicht verzeichnet und selbst in Bremer Seglerkreisen kennt man seinen Namen heute nicht mehr. Die Familien-Todesanzeige war von Bruder und Schwester in Stockholm und Berlin aufgegeben worden. Die Beerdigung fand zwar in Bremen statt, seine Grabstätte ist aber nicht mehr aufzufinden.
Es bleibt die Frage, wie dieser unkonventionelle Mann, der sich aus Jux und Dollerei gerne öffentlich in Verkleidungen zeigte, als alleinlebender Junggeselle in einer nach seiner Phantasie ausgestalteten Wohnung, fernab der konventionellen und elitären Welt der Kaufleute lebte mit ihren Familien, die den firmeneigenen Nachwuchs sozusagen von selbst rekrutierten, trotzdem die Herzen der Eiswettgenossen erobern konnte. So muss es aber gewesen sein. Im Nachruf auf seinen Tod heißt es in den „Bremer Nachrichten“: „Einer alten bremischen Einrichtung, der „Eiswette“, hat der Heimgegangene wieder zu neuem Leben und Ansehen verholfen.“317 Seit seinem ersten Erscheinen auf der Eiswette 1924 hatte er als einer ihrer besten und humorvollsten Redner gegolten. Aber das erklärt nicht alles, denn von diesem Kaliber gab es auf der Eiswette noch andere, z.B. Hugo Gebert, Rudolph Feuß oder Otto Heins. Es muss darüber hinaus noch etwas in seiner Person angelegt gewesen sein, dass ihn zum Schöpfer der modernen Eiswette werden ließ.

 

315 Seit 1891 war Kaiser Wilhelm II. „Kommodore“ des Clubs. Das war ein weiterer Grund für ihn, so oft wie möglich nach Kiel zu fahren (und in Bremen Station zu machen.). Er blieb es bis zu seinem Tod 1941. Vgl. das Internet-Stichwort „Kaiserlicher Yacht-Club“ vom 13.11.2016.
316 Bremer Nachrichten vom 8.12.1932.
317 Ebda.

 


 

Bild 22 Scherz-Postkarte zum 57. Geburtstag 1928.

 

Bild 23 ScherzPostkarte zum 60. Geburtstag 1931.

 

Bild 24 Einladung zum 61. Geburtstag im Ratskeller.

 

Bild 25 Auf in den Ratskeller! Undatiert.

 

Der „Wagenführ U-Boot-Tisch“ von 1915

 

Das Verhältnis von Hans Wagenführ zur deutschen U-Boot-Flotte war ein besonderes. Die AEG hatte ihre Elektrik ausgerüstet, und Wagenführ dürfte als technischer Direktor der AEG-Niederlassung Bremen regelmäßig nach Wilhelmshaven gefahren sein. Bei diesen beruflichen Kontakten blieb es jedoch nicht. Aus einer Würdigung in den Bremer Nachrichten erfahren wir, dass er sich während des Weltkriegs „in hingebungsvoller Weise zuerst als Helfer der Fliegertruppen, dann als solcher der U-Bootswaffe“ betätigt hatte und dass ihn seitdem „enge Freundschaftsbande mit vielen Heeresund Marineangehörigen verknüpften.“318 Worin diese Tätigkeit bestanden hat, lässt sich nicht mehr genau nachweisen. Für die Besatzungen der U-Boote in Wilhelmshaven sollen es vor allem Weihnachtspakete und Geschenke gewesen sein. Wahrscheinlich hat ihn die AEG dabei durch Transporte unterstützt. Sicher ist nur, dass er die Geschenke persönlich überbracht hat. Das geht aus einem Redebeitrag seines Nachfolgers Hugo Gebert auf der Eiswette von 1934 hervor.319 Seine Hilfstätigkeit muss umfangreich und langfristig gewesen sein, denn er wurde dafür, obwohl „Zivilist“, mit dem Eisernen Kreuz am schwarz-weißen Band ausgezeichnet.320
Nun ergab es sich, dass während des Krieges immer wieder junge U-BootKommandanten im Ratskeller ohne rechten gesellschaftlichen Anschluss beim Wein
„herumsaßen“. Ihre Boote lagen während der Bauund Ausrüstungszeit in Bremen. Die künftigen Kommandanten waren zur sogenannten Baubelehrung vor Ort, meistens zusammen mit dem künftigen Ersten Wachoffizier (I WO) und dem Leitenden Ingenieur (LI), beide im Rang eines Leutnants zur See oder eines Oberleutnants zur See.321 Da Wagenführ seit seiner Ankunft in Bremen 1904 regelmäßiger Gast im Ratskeller war, dessen Räumlichkeiten ihm schließlich zum zweiten Zuhause wurden, wie es die oben abgebildeten, von ihm inszenierten Fotos nahelegen, ergab es sich sozusagen von selbst, dass er zu den U-Boot-Fahrern Kontakt aufnahm. Aus diesen Begegnungen entwickelte sich 1915 der „Wagenführ-U-Boot-Tisch“ (auch einfach nur „U-Boot-Tisch“ genannt), der 100 Jahre alle vierzehn Tage in der Regel im „Kaisersaal“ des Bremer Ratskeller stattfand.322 Es war ein Männerstammtisch, gegründet aus Dank an die U-Boot-Fahrer, zu ihrer Unterhaltung und zur Stärkung des „vaterländischen Gedankens.“ 323 Mitglieder des Stammtischs waren spendable Kaufleute und Offiziere der Handelsund Kriegsmarine. Als Gäste waren wahrscheinlich auch Mitglieder der Mannschaften geladen. Man unterhielt einen Flaschen-Vorrat an gestifteten Ratskeller-Weinen, aus denen reichlich für die Gäste eingeschenkt wurde. Man saß in lustiger Runde um einen großen Tisch und sprach kräftig dem Wein zu. Es gibt ein Foto, wo die Herren hinter einem gewalti-

 

318 Bremer Nachrichten vom 8.12.1932.
319 Vgl. Bremer Nachrichten vom 22. Januar 1934.
320 Bremer Nachrichten vom 8.12.1932.
321 Die meisten Ausführungen zum „Wagenführ U-Boots-Tisch“ beruhen auf Informationen, die mir freundlicherweise Dr. Jörg P. Hardegen und Dr. Helge Strasser zur Verfügung gestellt haben, beide Söhne von U-Boot-Kommandanten, die Mitglieder des Stammtischs waren. Walther Strasser, geboren am 28.12. 1889, wurde Anfang 1918 im Rang eines Oberleutnants (UC59) Kommandant eines U-Bootes, Heimathafen Kiel. 1938 wurde er im Rang eines Kapitäns zur See Kommandant des Bremer Wehrbezirksbereich II. Vgl. Helge Strasser, Kapitän zur See Walther Strasser (1889 – 1976). Ein Lüneburger in der Zeit der Extreme, in: Heimatkalender 2008 für Stadt und Kreis Melzen, S.79 – 92. Reinhard Hardegen, geboren am 18. März 1913, „ist ein deutscher Marineoffizier, Kaufmann und Politiker. Im Zweiten Weltkrieg war er einer der erfolgreichsten und bekanntesten deutschen U-Boot-Kommandanten. Danach gehörte er zu den Gründern der Bremer CDU.“ Wikipedia vom 20.04.2017.
322 In den letzten Jahren vor seiner „offiziellen“ Auflösung im Dezember 2015 reichte ein Tisch im Ratskeller, um die kleine Teilnehmerzahl aufzunehmen. Aber wie das in Bremen so ist: Eine solche generationsübergreifende Tradition kennt immer noch eine Fortsetzung und sei es im überschaubaren „Freundeskreis“ in einer Priölke.
323 Frauen wurden erst in jüngster Zeit eingeladen.

 


 

gen Bestand an vollen und leeren Flaschen um den Tisch versammelt sind. Der Stammtisch wurde schließlich fester Bestandteil der Bremer Gesellschaft und blieb es auch nach Wagenführs Tod. Das geht schon daraus hervor, dass von senatorischer Seite ein Kartenkontingent für den „U-Boot-Tisch“ reserviert worden war, als alle Vorbereitungen für den Auftritt des „Führers“ in der „Weser-Kampfbahn“ (heute Weser-Stadion) am 2. Juli 1939 getroffen worden waren.324

 

 

Auf dem versilberten Telleroval seht: „UNSERM LIEBEN WALTER STRASSER. DER U-BOOT-TISCH. 28. DEZ. 1953.325 Eingraviert sind 27 Namen. In dieser Größenordnung dürfte sich die Anzahl der Teilnehmer wohl über den gesamten Zeitraum bewegt haben. Es sind darauf zehn Eiswettgenossen verzeichnet, darunter die beiden Vorstandsmitglieder G. A. Fürst und Willy Bartmann.326

 


324 Der Besuch wurde ganz kurzfristig abgesagt. Für den „U-Boot-Tisch“ waren 30 Karten der begehrtesten Kategorie (TTribüne) vorgesehen, für die „Eiswette“ dagegen nur zehn einer einfachen Kategorie (weiße Karten). Zu den Gruppen und Vereinen, für die Kartenkontingente reserviert worden waren, gehörten u.a. die „Skagerrakgesellschaft“ (60 Karten), die“ Tsingtau-Kameradschaft“ (100 Karten), der Club zu Bremen, der „Verein Haus Seefahrt“, der Weser-Yacht-Club und die DGzRS. Vgl. StAB Senats-Registratur M.2.g. No. 190 vom 22. April 1939.
325 Walther (so die richtige Schreibweise) Strasser nahm, nachdem er zum Kommandanten in Bremen ernannt worden war, regelmäßig am Stammtisch teil, unterbrochen durch den 2. Weltkrieg und die ersten Jahre des Wiederaufbaus. Es gibt ein „Logbuch“ mit den Protokollen der Sitzungen und mit witzigen Zeichnungen von ihm. Daraus geht hervor, dass man in den fünfziger Jahren zur Spargelzeit jährlich sogar eine „Schiffsreise“ zu den Badener Bergen veranstaltete.
326 Eiswettgenossen waren auch Alexander Albrecht, Willi Braune, Carl, W. Christian, W. Engehausen, Heinrich Jess (Kapitän zur See und U-Boot-Fahrer im 1.Weltkrieg, der es beim Aufbau der Marine eines südamerikanischen Staates zum Admiral gebracht haben soll), Ernst Rodenberg und Paul Schwerdt.( Vgl. Mitgliederliste von 1954 in der Festschrift zum 125. Jubiläum der Eiswette, a.a.O). Die anderen siebzehn Namen (zum Teil unleserlich) sind: Lui Brauner, Droß, Gese, Hamann (?)

 


 

Der Ratskeller war vor dem Zweiten Weltkrieg das, was in seinem Namen heute noch zum Ausdruck kommt: „Wenn am Abend die Feder aus der Hand gelegt wurde, dann begaben sich die beiden Wuppesahls, Vater (Henrich) und Sohn (Carl), hinüber in den Ratskeller, wo sie ihren Stammtisch hatten. Da saßen Senatoren und Kaufleute der Stadt, und bei einem Gläschen Wein wurden die Geschicke Bremens diskutiert und besprochen. … Vor 9 Uhr am Abend trafen die beiden Wuppesahls selten zu Hause ein.“ So steht es in der Firmen-Chronik der Familie Wuppesahl.327 Auch in den zwanziger Jahren stand der tägliche Ratskellerbesuch „noch auf dem Programm bremischer Kaufleute.“328 Ob es nun der „Wagenführ-U-Boot-Tisch“ war oder ob es die Spätund Frühschoppen waren, auf jeden Fall werden es die Begegnungen im Ratskeller gewesen sein
– und zwar schon lange vor der ersten Eiswette von 1924 – die manchen Kaufmann aus der Eiswettgenossenschaft in Kontakt zu Wagenführ gebracht hatten. Dort dürften auch die beiden Wuppesahls seine Bekanntschaft gemacht haben. Als umtriebiger, fantasievoller, deutsch-
national gesinnter Bürger mit großem organisatorischen Talent war er für die Kaufleute der Richtige, um die Eiswette nach ihrem Geschmack wieder in die Spur zu bringen.

 

 

Reichswehr, Freikorps und Stahlhelm. Die Feiern von 1929 – 1933

 

Es bleibt noch eine sechste Todesanzeige, und die deutet noch eine andere Seite des lustigen Hans Wagenführ an. Obwohl er, der nie eine Uniform getragen hatte, aus Sicht der militärisch geprägten kaiserlich-bürgerlichen Gesellschaft also ein „Zivilist“ war eine Charakterisierung, die in Offizierskreisen einen verächtlichen Klang hatte dankte ihm der „Nationale Deutsche Offizier-Verband Weser e.V.“ „für seine überragende, treue und sich betätigende Kameradschaft.“329 Aus der Anzeige geht hervor, dass er sogar ihr „außerordentliches Mitglied“ war. „Standesgemäß“ sah man ihn „zur großen Armee“ abgerufen. Nun ging aber Wagenführs starke Neigung zum Militär im Allgemeinen und zu „seiner“ U-Boot-Flotte im Besonderen darüber hinaus und umfasste auch die Freikorps und den „Stahlhelm“. Das war seine andere Seite.

Hehrhahn, G.Kier oder Kies, Lauenburg, Fritz Pesler oder Resler, Riemeyer, Röhmer, Rosemeyer, Friedrich Stuttmann, Otto Tinschert, Walter ???, Wolfen, Wuthmann(?) und Opmann(?).

 

327 C.Wuppesahl. Assekkuranz-Makler seit 1858. 125 Jahre Geschichte und Geschichten aufgeschrieben von Hermann Gutmann, Bremen 1983, S.74.
328 A.a.O., S. 87.
329 Bremer Nachrichten vom 8.12.1932.

 


 

Bild 27 Angriffslustig: In der Uniform eines Portepeeunteroffiziers (Feldwebel) aus dem 1. Weltkrieg.

 

Es waren Aktive aus dieser republikfeindlichen Szene, die zu Wagenführs Zeiten auf der Eiswette eine Bühne fanden und die mit nationalistischen Tönen das Flair der Veranstaltungen merklich veränderten. Die Herren Caspari, Escherich und Lettow-Vorbeck wurden regelmäßige ihre Gäste und Redner.330 Forstrat Georg Escherich, der im Zuge der Münchener Räterepublik die rechtsradikale „Orgesch“ gegründet hatte, „den wichtigsten paramilitärischen Verband der Nachkriegszeit“331 mit zeitweilig bis zu einer Million bewaffneter Mitglieder, war in Bremen schon 1925 in Erscheinung getreten, als er am 16. Januar auf einer der Reichsgründungsfeiern des Stahlhelm einen Vortrag gehalten hatte.332 Er war 1930 und 1931 Gastredner der Eiswette. Die „Weser-Zeitung“ mit ihrem Chefredakteur, dem späteren Eiswett-Präsidenten Georg Borttscheller, war der Überzeugung, dass der hochverdiente Organisator der Einwohnerwehren „die Eiswette

 

330 Caspari war 1930, 1931 und 1939 Gast; wahrscheinlich auch 1929, 1932 und 1933. Escherich hielt
1930 die Deutschland-Rede und 1931 die Gäste-Rede. Lettow-Vorbeck war 1931 Gast. Er hielt
1933 und 1935 die Deutschland-Rede, 1937 die Bremen-Rede und war 1938 wieder zur Deutschland-Rede eingeladen, musste aber wegen Krankheit absagen. Vgl. die Berichterstattung der Bremer Presse in den entsprechenden Jahren.
331 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. 4. Band Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949, 2.Auflage 2003, S.386/387. Vgl. auch Herbert Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen. Bd.3 Bremen in der Weimarer Republik (19191933), Bremen 1995, S.211.
332 Vgl. Fritz Peters, Zwölf Jahre Bremen. 1921-1932. Eine Chronik. Bremen 1938, hrsg. von der Historischen Gesellschaft, S.63.

 


 

von 1930 aus dem traditionellen Rahmen“ herausgehoben hatte 333 und der spätere EiswettePräsident Hugo Gebert dankte Escherich 1931 für die Verdienste, die er sich
„durch die Wiederherstellung der Ordnung in Bayern und Deutschland erworben“ hätte.334 Es sei angemerkt, dass Heinrich Bömers auf eben dieser Eiswette Wagenführ ausdrücklich beglückwünscht hatte: Er hätte „aus der Eiswette in den letzten Jahren das gemacht hat, was sie heute ist.“335 Polizeioffizier Walter Caspari, Chef der Schutzpolizei Bremen, der entscheidend zur militärischen Niederschlagung der Bremer Räterepublik beigetragen hatte, blieb bis 1939 regelmäßiger Gast, auch nachdem er sich am 6. März
1933 geweigert hatte, die Anweisung von Bürgermeister Martin Donandt auszuführen, den Marktplatz von SA und aufgeputschten Nazi-Demonstranten zu räumen. Der Dritte in dieser Reihe war Paul von Lettow-Vorbeck, Befehlshaber der deutschen „Schutztruppen“ in Deutsch-Ostafrika, 1920 Teilnehmer am Kapp-Putsch. Er bewegte sich auf der politischen Grenzlinie vieler Eiswettgenossen, die einerseits republikfeindlich eingestellt waren, andererseits aber auch Vorbehalte gegen die NSDAP hatten. Er wurde Dauergast der Eiswette. Schon 1919 war er Mitglied der Bremer Ortsgruppe des Stahlhelm geworden,336 der „aus seiner Fundamentalopposition gegen Weimar“337 kein Hehl machte. 1928 ließ der Stahlhelm verlauten: „Wir hassen mit ganzer Seele den augenblicklichen Staatsaufbau, seine Form und seinen Inhalt.“ Er versperrt den Weg „unser geknechtetes Vaterland zu befreien …den notwendigen Lebensraum im Osten zu gewinnen, das deutsche Volk wieder wehrhaft zu machen.“338
Wagenführ sorgte dafür, dass die Kommandanten der Marineleitstelle in Bremen regelmäßig Gäste der Eiswette wurden. Als der Marine-Militärverein am Vorabend der Eiswette von 1930 die Mannschaft einer „Torpedoboots-Flotille“ „in ihrer schmucken Paradeuniform“ mit klingendem Spiel vom Bremer Freihafen zum Festlokal begleitet hatte,339 ließ er es sich nicht nehmen, ihre Schiffsoffiziere am nächsten Tag als Gäste einzuladen. Zahlreiche Uniformträger aller Waffengattungen gehörten inzwischen zum normalen Erscheinungsbild. In der lokalen Presse wurden sie mit Namen, Funktion und Titel jeweils besonders hervorgehoben. Woran Wagenführ gelegen haben dürfte, lässt sich in den Worten eines Generals von Roques aus Hannover wiederfinden, der sich, nach einem Bericht in den „Bremer Nachrichten“, „in zu Herzen gehenden Worten für eine enge Verbindung von Heer, Marine und Bevölkerung und für die soldatische Ertüchtigung unserer Jugend“ aussprach.340
Auch der musikalische Rahmen wurde militärisch. Es spielte die Reichswehrkapelle des Bremer Bataillons. Das Totengedenken an die verstorbenen Eiswettgenossen, das vor dem Weltkrieg mit einer schlichten Namensnennung einen rein zivilen Charakter hatte, wurde im abgedunkelten Saal ein feierliches Ritual zum Gedenken an die Toten des Weltkriegs.
Über die Eiswette von 1932 gab es ausnahmsweise keine Berichterstattung in der Presse. In einem nicht namentlich gezeichneten Artikel der „Bremer Nachrichten“ vom 7. Januar 1932 war die Frage aufgeworfen worden, ob „angesichts der allgemeinen Notlage unseres Volkes Veranstaltungen von Festlichkeiten überhaupt noch angebracht“ wä-

 

333 Weser-Zeitung 14.1.1930.
334 Weser-Zeitung 14.1.1931.
335 Weser-Zeitung, 13.1.1931.
336 Vgl. Schwarzwälder a.a.O. Bd. 3, S. 211. Vgl. Hartmut Müller, Die Bremer Jahre des Generals Paul von Lettow-Vorbeck. In: Soziale Demokratie und sozialistische Theorie. Festschrift für Hans-Josef Steinberg zum 60. Geburtstag, hrsg. von Inge Marßolek und Till Schelz-Brandenburg. Bremen
1995, S. 89-96.
337 Hans-Ulrich Wehler a.a.O., S.391.
338 Aus der „Fürstenwalder Hassbotschaft“ vom 2.September 1928, zitiert bei Hans-Ulrich Wehler, a.a.O., S. 391/92.
339 Vgl. BN 14.1.1930.
340 Auf der Eiswette von 1933. BN 10.1.1933.

 


 

ren. Es ginge nicht darum, generell „traditionell gewordene Festlichkeiten“ abzusagen, sondern darum, sie „in einem der Zeit entsprechenden Rahmen“ stattfinden zu lassen. Angesichts des Datums der Veröffentlichung ist eine gezielte Argumentation in Richtung auf die Eiswette, speziell auf ihre traditionelle Schlemmerei und Ausgelassenheit durchaus vorstellbar.341
Am 7. Dezember 1932 starb überraschend Hans Wagenführ. Die Präsidentschaft übernahm Hugo Gebert. Form und Inhalt der Feier ging 1933 unter seiner Regie noch mehr in die deutschnationale Richtung.

 

 

Exkurs: „Staats-Streich“ Eiswettgenossen enthüllen vorzeitig das Deutsche Kolonialdenkmal (1932)

 

Seit die Shakespeare-Company 2016 die szenische Lesung „Bremen – Stadt der Kolonien?“ auf die Bühne gebracht hat, wissen die Bremer, dass ihr „AntiKolonialdenkmal“, der rote Klinker-Elefant an der Gustav-Deetjen-Alle, zweimal eingeweiht wurde. Nach Hegel ereignet sich alles große geschichtliche Geschehen zwei Mal. Und Marx fügte hinzu: beim ersten Mal als Tragödie und beim zweiten Mal als Farce. In diesem Fall war es umgekehrt: Eine Gruppe von unbeschwerten deutschen Nationalisten, vor allem aus dem Eiswette-Milieu, nahm dem Elefanten, der schon seit Anfang 1931 fertiggestellt war, im November einfach die verhüllende Plane ab, lange bevor er sich die Reden über die glorreiche koloniale Vergangenheit und Zukunft des Deutschen Reichs anhören musste, die zur Feier seiner Einweihung gehalten würden. Diese war zunächst auf unabsehbare Zeit einem Verbot von Versammlungen unter freiem Himmel zum Opfer gefallen, die der Polizeipräsident über die Stadt verhängt hatte. In jenen Tagen war der Wunsch in der Bremer Kaufmannschaft groß, das Denkmal bremischen Drangs nach Buten der deutschen Öffentlichkeit nicht länger vorzuenthalten. Die Initiative zum Bau durch die Bremer Abteilung der „Deutschen Kolonialgesellschaft“ war ja von einem breiten rechtsnationalen Bündnis, unter Einschluss von Banken und bremischen Überseefirmen, auch durch Geldspenden aus der Kaufmannschaft, unterstützt worden. Es begab sich, dass just dem Denkmal gegenüber, in der Blumenthalstraße, der Straße mit der größten Millionärsdichte in der Stadt 342 und eine ihrer schönsten Villen-Straßen, nicht nur Eiswettgenosse Carl A. Wuppesahl wohnte, der sich jeden Tag „darüber ärgerte“, dass er „diese Baustelle … immer vor Augen hatte,“343 sondern sechs weitere Kaufleute, die seinen Ärger geteilt haben und ihn in seinem Vorhaben gestärkt haben dürften.344

 

341 „Festlichkeiten in dieser Zeit?“ BN vom 7.1.1932. Darin wurde zwar einerseits betont, dass „die Abhaltung von Festlichkeiten in einem der Zeit entsprechenden Rahmen für viele Gewerbezweige … von nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Bedeutung“ wäre. Aber im Weiteren hieß es: „Es soll hier nicht rauschenden und überschwänglichen Festlichkeiten, die mit der allgemeinen Not weiter Volkskreise nicht in Einklang zu bringen sind ,,das Wort geredet werden.“ Vom Datum her käme eine Argumentation in Richtung Eiswette in Frage. Die Schaffermahlzeit wurde im gleichen Jahr wegen der „Notzeiten des Vaterlandes“ abgesagt. Vgl. Rüdiger Hoffmann, Die Schaffermahlzeit und das Haus Seefahrt in Bremen, hrsg. Von der Bremer Landesbank Kreditanstalt Oldenburg, Bremen 2007, S.84. Die erste Mahlzeit nach dem Ersten Weltkrieg hatte das Haus Seefahrt aus ähnlichen Gründen erst 1927 veranstaltet.
342 Vgl. Günther Rohdenburg, Straßen der Millionäre. Zur Vermögensverteilung in Bremen im Jahr 1918. In: Bremisches Jahrbuch, a.a.O., Bd. 78, 1999, S. 201-214, hier S.214.
343 Löbe, a.a.O., S.121.
344 Neben seiner Villa mit der Hausnummer 10 wohnten links und rechts in den Häusern 7 bis 9 und 11 bis 16 lückenlos weitere voll Vermögenssteuerpflichtige mit einem Privatvermögen von durchschnittlich 1,6 Millionen RM. (Das höchste lag bei 4,3 Millionen). Vgl. Liste des Generalsteueramtes „Vermögen über 100.000“ von 1918, a.a.O.

 


 

Bild 28 Die Blumenthalstraße im November 2016 – im Hintergrund das Hermann-Böse Gymnasium.

 

Bild 29 Das Emblem der Schule.

 

Wie die sozialdemokratische „Bremer Volkszeitung“ herausfand, war „unter dem Kommando“ von Rechtsanwalt Hugo Gebert, „der von jeher zu Husarenritten Neigung und Talent hatte“, in einer Truppe von fünf „alten Knaben“ ein Plan zur sofortigen Enthüllung ausgeheckt worden,345 zu der – außer Wuppesahl noch ein dritter Eiswettgenosse der ersten Stunde gehörte:346 Rechtsanwalt und Notar Hans Degener-Grischow.347
Gebert und Wuppesahl waren nicht nur Eiswettgenossen, sondern auch politische Weggefährten als Mitglieder der Deutschen Volkspartei, deren Bürgerschaftsfraktion sie viele Jahre angehörten.348

 

Bild 30 Blumenthalstraße 10 im November 2016 – Die alte Wuppesahl-Villa.

 

Am Freitag, dem 13. November 1931 hatte Georg Borttscheller, der dritte im Bunde aus der DVP als Chefredakteur der „Weser-Zeitung“ inzwischen regelmäßiger Gast auf

 

345 Bremer Volkszeitung vom 17.11.1931, „Die enthüllten Enthüller. Zur Elefanten-Köpenickiade.“
346 Mit von der Partie waren außerdem Brauereidirektor Richard Müller und ein Herr Presuhn, Vorstandsmitglied des Vereins Weserstadion, den Wuppesahl mitbegründet hatte zum Weiterbau der Kampfbahn, die 1929 eingeweiht wurde. Vgl. Gutmann, C. Wuppesahl, a.a.O., S.91.
347 Hans Degener-Grischow (1879 – 1960) hatte seit 1907 eine Kanzlei im Schüsselkorb (die, in Nachfolge, heute als Kanzlei Dr. Castendiek, Helwig & Partner Am Wall besteht). Er war ein wichiges Mitglied der Eiswettgenossenschaft, führte u.a. die Protokolle der Eisproben und trug sie auf den Feiern vor.
348 Gebert war politisch in mehreren Deputationen der Bürgerschaft aktiv, der er seit 1921 als Abgeordneter angehörte. Wuppesahl war es seit 1927. Beide blieben es bis 1933.

 


 

den Eiswetten einen Anruf von Carl Wuppesahl erhalten, dass am nächsten Morgen um 4.00 Uhr die Enthüllung des Elefanten erfolgen sollte. Borttscheller sollte einen Reporter und einen Fotografen schicken.349 Die waren wohl zur angegebenen Zeit an Ort und Stelle, mussten aber unverrichteter Dinge wieder gehen, denn die Plane über dem
11 Meter hohen Elefanten ließ sich nur unzureichend entfernen.350 Zu einem zweiten Anlauf traf man sich am nächsten Tag im Hause Wuppesahl und schritt, ohne dass die Polizei auf den Plan getreten wäre, mit Hilfe von zwei namenlosen Werktätigen und deren Leitern erfolgreich zur Tat. Nach getaner Arbeit legte man am Fuße des Denkmals einen Lorbeerkranz mit schwarz-weiß-roter Schleife nieder und hinterließ ein Holzschild mit der Aufschrift „Verein zur Förderung der Einweihung des Kolonialehrenmales.“351 An den Polizeipräsidenten richteten die Herren ein anonymes Schreiben, in dem sie erklärten, dass sie sich zu dieser „Notmaßnahme“ mittags „um Punkt 1
Uhr“352 – will sagen: in aller Öffentlichkeit entschlossen hätten. Die sozialdemokratische Bremer Volkszeitung amüsierte sich über die „schwarz-weiß-roten Köpenicker“ der „nationalen Front“.353

 

Bild 31 November 2016: Blick von der Blumenthalstraße auf den (zwischenzeitlich) verhüllten KolonialElefanten. Im Hintergrund links das ehemalige Lloyd-Gebäude.

 

Es war in der Tat eine kecke rechte Tat, die großes Aufsehen in der Stadt erregte. Tausende von Schaulustigen pilgerten am darauffolgenden Sonntag zum Elefanten.354 Die Bremer Nachrichten erklärten in ihrer Berichterstattung am 15.11., dass man diese Aktion „nicht billigen“ könnte, versicherten aber den „Enthüllern“ im nächsten Satz ihr volles Verständnis, weil sie „zweifellos aus der Entrüstung darüber“ gehandelt hätten,

 

349 Vgl. Borttscheller, a.a.O., S.169. Vgl. auch Löbe, a.a.O., S.120/121.
350 Aus diesem Grund erschien am nächsten Morgen auch kein Bericht in der Weser-Zeitung. Löbe irrt, wenn er annimmt, dass die Aktion an diesem Tag erfolgreich verlaufen wäre und am nächsten Morgen in der Presse gestanden hätte. Vgl. Löbe, a.a.O., S.120/121.
351 Löbe, a.a.O., S.121. Löbe konnte sich noch an das Schild erinnern.
352 Bremer Nachrichten vom 16.11.1931.
353 Bremer Volkszeitung vom 17.11.1931.
354 Bericht in der Bremer Volkszeitung vom 16.11.1931.

 


 

„dass in Deutschland selbst einer Kriegerehrung heute Hindernisse im Weg liegen.“ Das Denkmal wurde in der Tat von der Deutschen Kolonialgesellschaft nicht nur als Kolonialdenkmal begriffen, sondern auch als „Toten-Ehrenmal für unsere Kolonialhelden.“355 In der Krypta lag auf einem steinernen Tisch ein Buch mit den 1490 Namen der im 1.Weltkrieg in den Kolonien gefallenen Deutschen (Für die im Krieg auf deutscher Seite gefallenen Askaris war allerdings nicht genügend Platz.). In den Sockel waren Portrait-Medaillons der „Kolonialhelden“ Lüderitz und von Lettow-Vorbeck eingelassen. Die Deutsche Kolonialgesellschaft verbat sich erwartungsgemäß diese Art der Einweihung in einem Schreiben an die Bremer Nachrichten.356 Die Zeitung veröffentlichte den anonymen Brief eines Lesers, der nun gerade „eine schlichte Feier im würdigen Rahmen“ verlangte, die von „so feierlich-schöner Art sein müsste, dass sie alles Unwürdige und Peinliche, das mit diesem Denkmal verknüpft ist, vergessen mache.“357
Die offizielle Einweihungsfeier fand am 6. Juli 1932 zwar auf einem polizeilich abgeriegelten Festplatz statt, aber die Live-Übertragung im Deutschlandsender und über alle norddeutschen Rundfunkanstalten 358 machte sie zu einer der tragischen Veranstaltungen, die mit ihrem Aufruf zu Opferbereitschaft (Bürgermeister Theodor Spitta !) und mit ihren schrillen nationalistischen Tönen (Lettow-Vorbeck) die große Tragödie vorbereiten halfen. In unseliger Eintracht legten Senat, Bürgerschaft, Handelskammer, Reichswehr, Reichsmarine, der Norddeutsche Lloyd und andere anschließend Gedenk-Kränze in der Krypta nieder.
Es wundert nicht, dass sich auf den Fragebögen der Eiswettgenossen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen mussten, die Mitgliedschaft im Deutschen Kolonialverein häufig zu finden war.

 

355 Bremer Nachrichten vom 18.11.1931.
356 Ebda.
357 Ebda.
358 Vgl. Wikipedia-Stichwort „Antikolonialdenkmal“ vom 20.10.2016.

 


 

Bild 32 Bericht in den Bremer Nachrichten über die vorzeitige Denkmals-Enthüllung vom 15. 11. 1931.

 

Bild 33 Der Zahn der Zeit hat dem Deutschen Kolonial-Denkmal – inzwischen zum Antikolonialdenkmal mutiert – schwer zugesetzt.

 

Der Bremer Kaufmann einst und jetzt –Eine öffentliche Kontroverse im Januar 1932

 

„Wie eine Bombe eingeschlagen.“ Dieses martialische Bild benutzte ein Journalist der
„Bremer Nationalsozialistischen Zeitung (BNZ)359 im Januar 1932, um die Wirkung zu beschreiben, die ein Artikel des Blattes vom Dezember 360 „bei den beteiligten Kreisen“,361 ausgelöst hätte. In beiden Artikeln war es der BNZ um die Frage gegangen, ob der Gläubigerausschuss der seit Juli 1931 im Konkursverfahren stehenden „Nordwolle“
„die Erhaltung resp. Neugründung der Nordwolle“ verzögerte und damit absichtlich oder fahrlässig ihrer Übernahme durch ausländische Banken zuarbeitete. Im Visier hatte die Zeitung besonders einen „Amsterdamer-Wiener Juden“ aus dem Vorstand einer holländischen Bank, der dieses Ziel „mit eiserner, kalter Konsequenz“ verfolgen würde. Nur wäre das den Ausschuss-Mitgliedern leider „noch gar nicht klargeworden“. Diese Anekdote aus der Vorzeit des Nationalsozialismus in Bremen wäre nicht bemerkenswert, wenn nicht zwei Tage später in der gleichen Zeitung ein Artikel erschienen wäre mit dem Titel „Der Bremer Kaufmann einst und jetzt“362, anonym verfasst von einem angeblichen „Kenner der Verhältnisse“, auf den wiederum sieben Tage später in den „Bremer Nachrichten“ die Replik „eines älteren Bremer Kaufmanns“ unter dem gleichen Titel erschien, auch sie anonym 363.
„Die Verluste bei der Nordwolle“, begann der anonyme „Kenner der Verhältnisse“ seine Ausführungen in der BNZ, „geben Veranlassung, einmal hineinzuleuchten in die Entwicklung, die der bremische Kaufmannsstand in den letzten Jahrzehnten genommen hat. Bremens Kaufleute nannte man ehemals „Königliche Kaufleute“. Und mit Recht.
… Spekulationen jeder Art waren ihnen fremd. … Die alten Bremer Kaufleute zogen hinaus als Pioniere ihres Standes … ohne indessen für ihre Ideen andere als ihre eigenen Mittel in Anspruch genommen zu haben. … Wo sind die alten Bremer Firmen geblieben? … Mit den alten ehrenwerten Inhabern dieser alten ehrenwerten Firmen sind sie dahingegangen. … Sie wurden abgelöst von neuen Inhabern oder von ganz neuen Firmen, die anderen Geistes waren, die nicht mehr ihren Ehrgeiz im langsamen aber soliden Aufstieg zum Wohle des Ganzen sahen … Sie wollten rascher zum Erfolge kommen und damit verfielen sie der Spekulationslust. … So etwas wie Großmannssucht lag in der neueren Zeit in einem großen Teil des Bremer Kaufmannes, und daraus entstand die Sucht zur Spekulation.“ Die Lichtgestalt war für den Verfasser H. H. Meier, der Gründer des Norddeutschen Lloyd und der Bremer Bank. „Wo“, fragte er, „ist heute der selbstlose Führer, der mit klarem Blick das für die Gesamtheit des Bremer Handels Notwendige erkennt …?“ Die Replik in den Bremer Nachrichten begann mit der Feststellung, dass die Redaktion
„auf Ersuchen hin“ der folgenden Entgegnung auf den Artikel in der BNZ Raum gäbe. Eine nähere Angabe fehlt. Der Autor, „ein älterer Bremer Kaufmann“ stellte die veränderten äußeren Bedingungen im Welthandel in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Die Rückgänge und Verluste in Handel und Wandel in Bremen, schrieb er, wären „zum größten Teil eine Folge der Kriegsund Nachkriegsauswirkungen…“ gewesen. Durch Wegnahme von Niederlassungen, Außenständen und fast aller Schiffe, sowie durch den Wegfall von Exportmärkten hätte die Kaufmannschaft „unendliche Opfer und Verluste“ erlitten. Dem stünden „all die großen Nachkriegsleistungen.“ entgegen, die trotz der „Vielheit höchster Steuern und Zölle, sowie einer die Konkurrenzfähigkeit unterbinden-

 

359 Sie erschien seit dem 1.8. 1931 werktäglich. Sie übernahm die Bremer Volkszeitung nach deren Verbot 1933; seit dem 1.11.1933 hieß sie „Bremer Zeitung“.
360 „Was geht bei der Nordwolle vor?“, BNZ 12.12.1931.
361 „Nordwoll-Gläubigerausschuss in den letzten Zuckungen“, BNZ 19.1.1932.
362 BNZ 21.1.1932.
363 Bremer Nachrichten 28.1.1932.

 


 

de Tariflohnpolitik“ erzielt worden wären. „Mit all dem hatten unsere Voreltern vor 80 und 60 Jahren, wie weiterhin bis zum Kriege bei der ständig und stetig wachsenden Kraftund Machtfülle Deutschlands … nicht oder nicht in dem heutigen Maße zu rechnen.“
Es ist erstaunlich, wie unbedenklich sich ein offensichtlich aus bürgerlichen Kreisen stammender Bremer Kaufmann im Januar 1932 der nationalsozialistischen Zeitung 364 als Sprachrohr bediente und wie selbstverständlich die Redaktion der „Bremer Nachrichten“ das Thema aus der Hand dieser Zeitung entgegennahm. Die politischen Maßstäbe hatten sich in Bremen schon gewaltig verschoben.

 

 

Heinrich Bömers

 

* 2.11.1864 Bremen + 1.4.1932 Bremen
Mit 22 Jahren Alleininhaber der Weinhandelsfirma Reidemeister & Ulrichs; 1898 Mitglied der Eiswette; 1904 Kaufmännischer Schaffer, 1932 Vorsteher von Haus Seefahrt; 1905 Mitglied der Handelskammer; Aufsichtsratsmitglied des Norddeutschen Lloyd und der Danat-Bank; Erster Vorsitzer im Verwaltungsrat der Sparkasse Bremen; Aufsichtsratsmitglied in der Rolandmühle AG und in der Hansamühle AG; seit 1897 Mitglied der Bürgerschaft; 1909 und seit 1919 Senator; Bauherr in der St. Petri-DomGemeinde.

 

 

Der königliche Kaufmann

 

In den sechziger Jahren wurden Person und Wirken Heinrich Bömers‘ in zwei zeitlich eng bei einander liegenden Veröffentlichungen gewürdigt. Die eine findet sich in den Lebenserinnerungen von Bürgermeister Wilhelm Kaisen, die andere ist ein Beitrag zur Bremischen Biographie aus der Feder von Karl Heinz Schwebel, dem einstigen Direktor des Staatsarchivs Bremen.365 Die Autoren waren sich in ihrem Urteil nicht einig. Schwebel stellte in den Mittelpunkt seiner Betrachtung Bömers‘ „klaren Verstand mit überragenden kaufmännischen Fähigkeiten und Weitblick für die wirtschaftlichen Möglichkeiten seiner Zeit.“366 „Verluste, die der Bremer Staat erlitt“, schrieb Kaisen hingegen, kämen „nicht nur auf das Konto der Krise, sondern auch auf das Konto „einer kleinen Gruppe um den Senator Bömers … die eigenmächtig … die kranke Wirtschaft durch die Herausgabe von Millionen, die dem Staat gehörten, kurieren wollte.“367
Heinrichs Vater Heinrich Wilhelm war, frisch verheiratet mit Mathilde Nölting, 1857 in die Frühlingsstraße in der neuen Bahnhofsvorstadt gezogen, wo die vier Kinder des Ehepaares geboren wurden.368 Es war eine beliebte Wohnstraße begüterter Bremer. Noch 1918 wohnten in der recht kurzen Straße sechs Vermögenssteuerpflichtige mit Bargeldvermögen von 167.000 bis 325.000 RM: drei Kaufleute, ein Prokurist, ein Kon-

 

364 An der volksverhetzenden Tendenz dieser Zeitung konnte kein Zweifel bestehen. Am 17.12.1931 hetzte sie in einem Artikel gegen den „Juden Bamberger“, diesen „Parasit am Volkstum“. In einer gezeichneten Bildergeschichte schlugen Juden Jesus ans Kreuz und Menschen strömten ins Bamberger Kaufhaus zur „jüdischen Weihnachtsmesse.“ (12.12.1931).
365 1957 – 1975.
366 Bremische Biographie, a.a.O., Stichwort Bömers, Heinrich, S.60 – 62, hier S. 60.
367 Kaisen, Meine Arbeit, mein Leben. München 1967, S.122.
368 Die verwitwete Ehefrau hatte eine Tochter mit in die Ehe gebracht. Auf zwei gemeinsame Töchter folgte der erste Sohn, der schon wenige Monate nach der Geburt starb. Vgl. Georg Bessell, Heinrich Bömers. Senator in Bremen. Chef der Firma Reidemeister & Ulrichs. Ein Lebensbild. In Zusammenarbeit mit der Familie Bömers. 2. Nov. 1864 – 1. April 1932, S. 19/20.

 


 

sul und ein Kaffeehausbesitzer.369 Es muss ein sehr angenehmes Wohnen gewesen sein, denn die Familie Bömers blieb dreizehn Jahre, kaum vorstellbar, wenn man heute durch die Frühlingsstraße geht, die auf dramatische Weise vorführt, welche städtebaulichen Umwälzungen die Stadt – nicht zuletzt durch Kriegseinwirkungen im letzten Jahrhundert erlebt hat.

 

Bild 34 Frühlingsstraße in der Bahnhofsvorstadt im November 2016.

 

Der Lebenslauf von Heinrich Bömers begann als klassischer Kaufmann. Es war von Beginn an klar, dass er in die väterliche Weinhandlung eintreten würde, aber er machte, bremischer Tradition folgend, seine kaufmännische Lehre außerhalb, wo er, nach eigener Aussage, „alles gelernt hatte“.370 „Das schönste und sorgloseste Jahr seines Lebens“371 war seine Militärzeit beim 17. Husarenregiment in Braunschweig, wo er seine Begeisterung für das Reiten ausleben konnte. Der Reitsport blieb ein Leben lang seine große Leidenschaft. Neben all seinen kaufmännischen, politischen und ehrenamtlichen Tätigkeiten war er auch im Vorstand des „Bremer Reitclubs“, wo es seinem Einsatz zu verdanken war, dass der Galopp-Rennplatz an der Vahr – ohne staatliche Mittel – entstand. Im „Bremer Schleppjagdclub“372 frönte er einem wahrhaft aristokratischen Freizeitvergnügen, das man aus heutiger Sicht nicht unbedingt in der Hansestadt vermutet hätte: „Bremens Hubertusjagden mit herrlichen Natursprüngen im Gelände – wie sie sonst nur noch in Trakehnen anzutreffen waren – in den umliegenden Gemeinden Arbergen, Mahndorf, Uphusen und Bollen erfreuten sich bald des guten Rufes, abwechslungsreich und schwierig, aber immer fair zu sein.“373 Auch nach einem schweren Sturz

 

369 Vgl. Liste des Generalsteueramtes Bremen: „Vermögen über 100.000 RM“ von 1918. Sie ist alphabetisch nach Straßennamen geordnet. StAB 4,26-372.
370 Vgl. Georg Bessell, a.a.O., S.21.
371 Bessell, a.a.O., S.21.
372 „Schleppjagden sind ein Sport ohne Wettkampf. Im Mittelpunkt steht der gemeinsame Ausritt mit den Hunden und anderen Reitern.“ Die „Schleppe“ ist eine künstliche Duftspur, der eine Hundemeute verfolgt. „Eine Besonderheit ist es, im Pulk querfeldein lange Strecken zu galoppieren und dabei springen zu können“. Wikipedia Stichwort Jagdreiten vom 7.11.2016.
373 Bessell, a.a.O., S.33.

 


 

im Jahr 1908, der ihn zwang, das Jagdreiten aufzugeben, ließ er es sich nicht nehmen, jeden Morgen auszureiten, in den zwanziger Jahren sonntags oft von seinem Sohn Heinz begleitet. In Schwachhausen kannte man sein „markante Reitergestalt auf seinem herrlichen schwarzbrauen Wallach „Othello“.374 Dieses Ritual dürfte dazu beigetragen haben, dass er in Bremen den Beinamen „König Heinrich“ erhielt.375
Die Firma Reidemeister & Ulrichs entwickelte sich unter seiner Leitung zu einem der führenden deutschen Weinimporthäuser. Aber Bömers beschränkte sich nicht auf „sein blühendes Geschäft“, sondern setzte auch sein Kapital „zu klugen Investitionen ein.“ Weil er in vielen Fachverbänden und Aufsichtsräten mitwirkte, errang er „in der Großwirtschaft“ eine führende Stellung.376 1897 wählte ihn der Kaufmannskonvent 377 als Vertreter der 2. Klasse in die Bürgerschaft. Am 30.1.1909 wurde er mit großer Mehrheit auf Lebenszeit in den Senat gewählt:378 Häfen, Handel und Schifffahrt waren seine Schwerpunkte. In der St. Petri-Dom-Gemeinde hatte er 1893 das Diakonat übernommen und war dort seit 1912 als Bauherr tätig. Wirtschaftlicher Erfolg, Übernahme politischer und wirtschaftlicher Verantwortung und soziale Aktivitäten gingen bei ihm Hand in Hand. Wir erkennen in dieser knappen Zusammenfassung den Typ des hanseatischen Kaufmanns. Er war es aus eigener Überzeugung.
Am 29. April 1919 war er als frisch gewählter Senator 379 mit einer aufsehenerregenden politischen Initiative in Erscheinung getreten, als er einen offenen Brief an den Präsidenten des Reichsbank-Direktoriums und an den Reichswirtschaftsminister schrieb, in dem er auf das Energischste die sofortige Beendigung der kriegsbedingten Zwangswirtschaft im Reich forderte, die völlige Freigabe des privaten Handels und vor allem die
„Einspannung der wirtschaftlichen Beziehungen des deutschen Kaufmannes zum Ausland.“ Er ergänzte: „Der Regulator der eigenen geschäftlichen Beurteilung wird besser ausgleichend wirken als jeder obrigkeitliche Zwang vermag.“ Sein Plädoyer für den unbegrenzten Freihandel – durchaus in eigener Sache – umfasste eine längere Polemik gegen die Zwangsbewirtschaftung in den Kriegsjahren allgemein. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht, wie seine letzten Zeilen zeigen: „Ich richte daher an die verantwortlichen Stellen des Reiches die dringende ernste Mahnung eines Hanseaten: gebt den Handel im Innern und nach außen frei, befolgt meine Ratschläge, bevor es zu spät ist. Mit vorzüglicher Hochachtung H. Bömers.“380
Obwohl nicht Finanzsenator, stand er in den zwanziger Jahren „im Mittelpunkt allen finanziellen Geschehens in Bremen“381 und übernahm „mehr und mehr die Zügel in der Finanzdeputation.“382 „Ein Mann, ohne dessen Mitwirkung viele Jahre lang in Bremen in Wirtschaft und Staat, in nationalen und gemeinnützigen Dingen nichts Wesentliches geschehen war…“383 Auf der Hundertjahrfeier der Eiswette 1929 ergriff er das Wort und

 

374 Bessell, a.a.O., S.33/34.
375 Vgl. Schwebel, a.a.O., S. 62. Schwebel nennt noch einen anderen populären Beinamen für Bömers: „Landesfürst.“
376 Schwebel, a.a.O.
377 Seit 1849 bestand der Kaufmannskonvent aus allen selbstständigen Kaufleuten, die Mitglieder der Börse waren und das große Bürgerrecht besaßen. Der wählte die 24 Mitglieder der Handelskammer.1879 hatte er 605 Mitglieder. Vgl. Schwarzwälder, a.a.O., Bd. II, S.230 und S.333.
378 An der Abstimmung nahmen die 30 sozialdemokratischen Bürgerschaftsmitglieder nicht teil. Von den übrigen 120 Abgeordneten erhielt Bömers 101 Stimmen. Vgl. Bessell, a.a.O., S. 14. Mehr als die Hälfte der Sitze war nach Klassen vergeben an: 42 Kaufleute, 20 Gewerbetreibende,14 Akademiker und 8 Landwirte. Vgl. Bessell, a.a.O., S. 13 ff.
379 Am 10. April war er in den vorläufigen Senat gewählt worden.
380 „Offener Brief“, Weser-Zeitung vom 29. 4. 1919 (Nr. 278).
381 Bessell, a.a.O., S.86.
382 Schwebel, a.a.O., S.61.
383 So Theodor Spitta in seinem Buch über Martin Donandt: Dr. Martin Donandt, Bürgermeister in Bremen. Ein bremisches Lebensund Zeitbild. Für die Familie Donandt aufgezeichnet. Als Hand schrift gedruckt. Bremen 1938, S.179. Spitta (1873 bis 1969) war einer der bedeutendsten Bremer Politiker im 20. Jahrhundert. Von 1911 bis 1955 gehörte er dem Bremer Senat an – mit Ausnahme der Jahre 1933 bis 1945.

 


 

würdigte die Veranstaltung als „ein Zeichen, wie in Wirklichkeit alle Kreise Bremens zusammenstehen und zusammenhalten. Ein solches Fest mache uns keine Stadt in Deutschland nach. Wenn man weiter so zusammenstehe, dürfe man zuversichtlich der Entwicklung Bremens entgegensehen.“384
Der Konkurs der „Nordwolle“ brachte an den Tag, dass sich Bömers als Präsidiumsvorsitzender der Danat-Bank, dem Hauptkreditgeber der Nordwolle, für Kredite an den hoch verschuldeten Konzern eingesetzt hatte. Er hatte sogar über die staatliche „Hansabank“, deren Aufsichtsratsvorsitzender er war, für 10 Millionen Mark Vorzugsaktien von der „Nordwolle“ gekauft.385 Seine Kredit -Entscheidungen für den Erhalt des maroden Konzerns waren nicht zu trennen von seinem Amt als Senator, als der er im Präsidium der Danat-Bank saß und im Aufsichtsrat der Hansabank. Aufsichtsratsmitglied der Danat-Bank war auch einer der beiden Lahusen-Brüder, den Hauptaktionären und wichtigsten Funktionsträgern der „Nordwolle“, mit denen Bömers durch die Ehe seines Sohnes Heinz mit einer Schwester der Lahusens verschwägert war. In der Pariser Tageszeitung „Le Matin“ war ihm sogar, wie er es selbst vor der Bürgerschaft erklärte,
„in gehässiger Form vorgeworfen worden,“ dass er „die großen Geschäfte mit der Schröderbank und der Danatbank nur getätigt hätte, um selber Kredit durch diese beiden Banken zu erhalten.“386 Am 12. August 1931 trat er als Senator zurück.

 

384 BN 15.1.1929.
385 Vgl. Schwarzwälder, a.a.O., S.530.
386 Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft No.14. Sitzung vom 9. Oktober 1931. S.574 – 578, hier S. 577.

 


 

Bild 35 Heinrich Bömers, der „königliche Kaufmann“, in den zwanziger Jahren.

 

Der Zusammenbruch des „Nordwolle“-Konzerns hatte katastrophale Auswirkungen. Die Bremer Banken-Krise in seinem Gefolge war der Beginn der deutschen Bankenkrise, die „den Höhepunkt der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Deutschland“ einleitete.387 Dafür trugen Bremer Politiker und Kaufleute mit die Verantwortung Heinrich Bömers an ihrer Spitze. Kaisen lobte ihn zwar aus seiner Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit als Senatoren (1928 bis 1931) wegen seiner „Dispositionsfähigkeit und Klugheit“ und nannte ihn „den letzten großen Kaufmann … an führender Stelle im Bereich der Finanzen,“388 bezeichnete ihn aber gleichzeitig als ein Mitglied der „guten“ Bremer Gesellschaft, die sich für etwas Besseres hielt, wie „ihr letzter Vertreter Senator Bömers“, der „verlangte“, als „königlicher“ Kaufmann „angesehen und gewertet zu werden“.389 Schwebel schildert die Rolle Bömers mit folgenden Worten: Gegen Ende

 

387 Heinrich Bömers. Stichwort bei Wikipedia. 4. 8. 2016.
388 Kaisen, a.a.O., S.123.
389 Nach der Darstellung von Bessell kam Bömers seinerseits zu einem sehr positiven Urteil über die Koalition mit den Sozialdemokraten und auch über Kaisen: „Bömers hat von den neuen Kollegen –

 


 

der 20er Jahre hätte sich „die in Bremen traditionelle Überschneidung der staatsund privatwirtschaftlichen Sphäre zu dem „System Bömers“ (gesteigert) … einer nur von wenigen Eingeweihten übersehbaren expansiven Wirtschaftsund Finanzpolitik, welche mit … beträchtlichen Vermögenswerten über die Staatshauptkasse Bankgeschäfte großen Stils betrieb, um wichtige Unternehmen … eng mit dem bremischen Staatsinteresse zu verflechten…“390
Wilhelm Kaisen, damals Sozialsenator und Mitglied des Bürgerschafts-Ausschusses, der den Auftrag hatte, die finanziellen Hintergründe der Nordwolleund Banken-Pleite zu klären, erinnerte sich fast vierzig Jahre später an das Auftreten von Bömers. Der hätte „eines Tages vor den Bremern“ gestanden, „nicht in Frack und Zylinder, sondern in demütiger Pose um Gnade bettelnd. Sie wurde ihm nicht gewährt.“391 Tatsächlich hatte Bömers in der Bürgerschaftsdebatte vom 9. Oktober 1931 über den Bericht des Ausschusses das Wort ergriffen.392 Allerdings hatte er es ausdrücklich abgelehnt, sich zu rechtfertigen. Er erklärte: „Der Lloyd-Kapitän, der ein Schiff verloren hat, bekommt keins wieder. Und ebenso musste ich die Folgen dieses Verlaufs der Dinge auf mich nehmen. Ich habe das getan in der Absicht und in dem Wunsche, die Schuld auf mich zu ziehen und eine Belastung des Gesamtsenats zu vermeiden.“393 Aus seiner Sicht fasste er die Ereignisse so zusammen: „Wenn einmal die Geschichte der letzten Zeit geschrieben werden wird, so wird ein gerecht denkender Geschichtsschreiber die Frage, wer die moralisch Schuldigen waren, nur dahin beantworten können, dass die Banken, die sechs Jahre lang die Kredite in die aufnahmefähigen Länder hineingepumpt hatten, dann aber während weniger Monate zur rücksichtslosen Rückziehung schritten, in Wirklichkeit die wahren Schuldigen sind an unserer Lage.“394 Die betrügerische Krediterschleichung durch die Lahusen-Brüder, die unmittelbarer Auslöser der Bremer Krise war, blendete er aus. Dieser Aspekt wurde im SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ in einem Artikel behandelt, der wahrscheinlich von Alfred Faust verfasst worden war. Nach einer ausführlichen Darstellung der Ereignisse hieß es dort zum Schluss: „So sah die Wirtschaftsführung der allmächtigen Gebrüder Lahusen aus, die Jacob Goldschmidt kürzlich auf der Generalversammlung der Darmstädter und Nationalbank als ein „System betrügerischer Manipulation“ anprangerte. Dieses System verbrecherischer Wirtschaftsführung ist schuld daran, dass die Krise in Deutschland so unheimliche Ausmaße angenommen hat, dass die ausländischen Geldgeber panikartig ihre Milliardenkredite zurückriefen und dass Deutschlands wirtschaftliches Ansehen in der Welt so schwer erschüttert wurde. Dieses System von Selbstbereicherung, Bilanzfälschung, Korruption und Kapitalverschiebung hat das Massenelend in Deutschland bis zur Untragbarkeit verschärft …“395
Ungebrochen war Bömers aus der Bürgerschafts-Debatte herausgegangen. Theodor
Spitta hat die Gestalt des Staatsmannes Böhmers in einer späteren Betrachtung plastisch

unter ihnen Wilhelm Kaisen, der das Wohlfahrtswesen, damals eines der schwierigsten Ressorts, leitete – von ihrem uneigennützigen Einsatz zum Wohle Bremens stets mit hoher Anerkennung gesprochen. Besonders für Bürgermeister Deichmann hat er – bei allem Unterschied der Denkungsart

– Hochachtung und Sympathie empfunden.“ Bessell, a.a.O., S. 75. Karl Deichmann war 1919 als Gegner der Räterepublik politisch aktiv geworden. Mit vier anderen „Mehrheitssozialisten“ war er nach deren Niederschlagung Mitglied in einer provisorischen Bremer Regierung geworden, die ihre Geschäfte im Auftrag der Reichsregierung führte. Vgl. Bremische Biographie, Deichmann, Karl, a.a.O., S. 104 – 105, hier S.105. Vom April 1928 bis zu seinem Rücktritt im April 1931 war er Polizeisenator und (stellvertretender) Bürgermeister. Vgl. Wikipedia Stichwort Karl Deichmann vom 11.11.2016.

 

390 Schwebel, a.a.O., S.61/62. Vgl. auch die Darstellung der Nordwolle-Krise bei Schwarzwälder, a.a.O., Bd. III, S.534 – 538.
391 Wilhelm Kaisen, a.a.O., S.122/123.
392 Den Bericht erstattete Theodor Spitta, der Vorsitzende des Ausschusses.
393 Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft, a.a.O., S. 577.
394 Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft, a.a.O., S. 575.
395 Bremer Volkszeitung vom 6.4.1932.

 


 

dargestellt: „… unermüdlich tätig, körperlich und geistig gleich beweglich, immer rasch zu jeder dienstlich erwünschten Fahrt oder Reise bereit, für die er die Kosten nie dem Staate in Rechnung gestellt hat, oft mehrmals in derselben Woche zwischen Bremen und Berlin hinund herfahrend, vielfach in Nachtfahrten, sprachund redegewandt, ein Freund der Geselligkeit, sicher und frei im Auftreten, mit einer Vorliebe, amtliche Fragen, besonders mit auswärtigen Persönlichkeiten, in zwanglos geselliger Form „am weißen Tisch“ zu fördern – so hatte Bömers eine Fülle von Erfahrung, wirtschaftlicher Sachkunde, Personenkenntnis, Beziehungen und Verbindungen in die Arbeit des Senats gebracht…“396
Das war die andere Seite des „System Bömers“. Er hätte es sich wahrscheinlich zur Ehre angerechnet, was Kaisen ihm aus der Erinnerung vorwarf: dass er „nicht den Unterschied zwischen sich und dem Staat (kannte).“397 Die Rede vor der Bürgerschaft war der Abgesang auf seine politische Karriere, auch wenn er sein Mandat behielt. Seinem Ansehen in der Bremer Kaufmannschaft schadete das nicht. Im Februar 1932 wurde er zum Vorsteher des Hauses Seefahrt gewählt.398
In der Literatur hat man seinen Rücktritt ein „tragisches Ereignis“ genannt.399 Auf politischer Ebene war es „nur“ ein Akt demokratischer Kultur. Und für Bömers war es auch gar keine Frage, dass er die Verantwortung für das Scheitern seiner Finanzpolitik übernehmen und er als Senator zurücktreten würde. Er hatte sich vor der Bürgerschaft lediglich mit genauen Zahlenangaben gegen den Vorwurf gewehrt, die Danat-Bank und die Schröder-Bank aus eigenem materiellen Interesse unterstützt zu haben. Das nahm man ihm in der Bürgerschaft auch ab. Dem Vorwurf des Ausschusses, dass er nicht nur „in der Kreditbewilligung für die Schröderbank zu weit gegangen sei“, sondern „hierüber nicht genügend Aufklärung an die Finanzdeputation gegeben“ habe, begegnete er mit folgenden Ausführungen: „Nicht meines Amtes war es, die Frage zu entscheiden, ob Senat oder Finanzdeputation oder gar die Bürgerschaft im Einzelnen unterrichtet werden mussten. Ich betone aber, dass ich bereitwilligst stets jede Aufklärung gegeben habe. Jeden Morgen um 9 Uhr war ich auf der Staatshauptkasse und war bereit, jeden, der an der Konferenz teilnehmen wollte, zu empfangen und ihn über die Kassenlage zu unterrichten. Auf meinem Platz … lag öffentlich der Tagesbericht der genauen Ausgaben und die Höhe der Summen, die wir bei den einzelnen Banken hatten. … Mir ist nie ein Monitum (Beanstandung d.Verf.) bekannt geworden.“ Als ihm daraufhin der SPDAbgeordnete Alfred Faust zurief: „Warum haben Sie nie mündlich berichtet?“ antwortete Bömers: „Wozu sollte ich? Es war die Ermächtigung da.“ Da war er, der stolze Patriarch einer vergangenen Epoche, der als Verantwortlicher „einsame“ Entscheidungen meinte fällen zu müssen. Tragisch könnte man den Umstand nennen, dass dieser kluge Mann mit den besten Absichten, zum Wohle seiner Stadt zu wirken, die Zeichen des republikanisch-demokratischen Zeitalters nicht erkannt hatte. Für ihn war immer noch der Kaufmann die zentrale Gestalt, prädestiniert dafür, die Geschicke der Stadt zu lenken. Er war ja 1909 noch auf Lebenszeit zum Senator gewählt worden. Aber die Klassenverhältnisse hatten sich längst verschoben. Es war eine soziale und politische
„Fraktionierung der städtischen Gesellschaft“400 entstanden. Die zunehmende Industrialisierung der Stadt hatte schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem gewaltigen Erstar-

 

396 Theodor Spitta, Dr. Martin Donandt, a.a.O., S.179/180. An anderer Stelle schreibt Spitta von „seinen raschen, wohl auch wechselnden Entschlüssen.“ (S. 180) Bömers‘ Biograph Bessell lässt die „wechselnden Entschlüsse“ in seinem sonst identischen Zitat des Textes aus. (S53)
397 Kaisen, a.a.O., S.124.
398 Vgl. Schwebel, a.a.O., S.62.
399 Schwarzwälder, a.a.O., Bd. III, S.534. Schwebels Urteil über Bömers Wirtschaftspolitik geht in die gleiche Richtung, aber er argumentiert differenzierter, wenn er sagt, dass es „ein Schicksalsschlag voll tiefer menschlicher Tragik (war), dass eben diese Politik wegen der über Deutschland hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise 1931 mit einer Katastrophe endete und der tief verschuldete Bremer Staat …hineingerissen … wurde. (S.62)
400 Elmshäuser, a.a.O., S.85.

 


 

ken der Sozialdemokratie geführt und das allgemeine Wahlrecht, das vor allem ihr zugutekam, tat ein Übriges, um die politische Bedeutung der Bremer Kaufmannschaft zurückzudrängen. Sein Rücktritt selbst war Ausdruck dieses Wandels.
Dass der Tod von Heinrich Bömers große Bestürzung hervorrief, lag nicht nur daran, dass er so unerwartet kam, sondern auch und vor allem daran, dass er am Anfang eines geplanten neuen Lebensabschnitts eintrat. Am Ende seiner Rede hatte er gesagt: „Meine Damen und Herren! Ich habe 22 Jahre meines Lebens, meine Zeit und meine Arbeitskraft ohne jede Rücksicht auf Familie, Geschäft und Gesundheit geopfert, um nach bestem Wissen und Gewissen dem bremischen Staat zu dienen. … Ich habe die Absicht, mich ganz aus dem öffentlichen Leben Bremens zurückzuziehen. Der Entschluss ist mir nicht leicht geworden, aber ich muss endlich auch einmal an meine eigene Gesundheit und an meine eigenen Interessen denken.“ Die Bürgerschaft nahm diese Ausführungen ohne Zurufe zur Kenntnis. Nur wenige Sätze folgten noch, die getragen waren von Optimismus über die zukünftige Entwicklung Bremens. Dann verzeichnet das Protokoll
„lebhaften Beifall in der Mitte.“401

 

 

Fürstliches Begräbnis im Dom

 

Der Tod Heinrich Bömers am 1. April 1932 hatte mit den dramatischen Ereignissen in Bremen nichts zu tun. Er war die unglücksselige Folge einer scheinbar harmlosen Blutvergiftung.402 Bömers wurde buchstäblich aus dem Leben gerissen. Der Schock über seinen plötzlichen Tod breitete sich über die ganze Stadt aus. Am Mittwoch, dem 6. April fand die Trauerfeier im Dom statt. In aller Ausführlichkeit würdigten zwei ganzseitige Berichte in der bürgerlichen Lokalpresse 403 das Ereignis. Hier soll – nicht nur wegen der prägnanten Kürze einer Reportage der Bremer Volkszeitung, dem Organ der SPD der Vorzug gegeben werden. Der Text ist ungekürzt:404
„Vom Rathaus, von den Türmen des Domes, vom Gebäude der Bremer Sparkasse am Brill wehten heute die Flaggen auf halbmast als letzten Gruß für Senator Heinrich Bömers, der heute bestattet worden ist.
Um 10.30 Uhr begann im Dom die kirchliche Trauerfeier. Im Dom versammelte sich eine überaus zahlreiche Trauergemeinde aus allen Bevölkerungskreisen zu Ehren des Verstorben, dessen Sarg im Mittelschiff der Kirche unter der Kanzel auf einem Katafalk ruhte. Sanftes Kerzenlicht strahlte zu beiden Seiten des Sarges, der von kostbaren Kränzen bedeckt war. Auch in allen Seitgengängen des Domes war eine Fülle von Kränzen untergebracht.
Als zu Beginn der Feier Orgelspiel einsetzte, war in dem weiten Raum des Domes kein Platz mehr frei. In unmittelbarer Nähe des Sarges hatten die Familienangehörigen, die Vertreter des Senats, die Domprediger, Bauherren usw. Platz genommen. Nachdem das

 

401 Alle Zitate in diesem Abschnitt, soweit nicht anders angemerkt, sind entnommen: Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft. Sitzung vom 9. Oktober 1931 No.14.
402 Ein Furunkel an der Oberlippe hatte zur tödlichen Blutvergiftung geführt. Vgl. Georg Bessell, Heinrich Bömers. Ein Lebensbild. 2. November 1864 – 1. April 1932, Bremen 1964, S.95., Bessel, a.a.O., S.95/96.
403 Bremer Nachrichten am 7. April; Weser-Zeitung am 6.4. (Abendausgabe).
404 Bremer Volkszeitung vom 6.4.1932 (Abendausgabe): „Trauerfeier für Heinrich Bömers im Dom.“

 


 

feierliche Orgelspiel verklungen war, sang der Domchor den Choral „Jesus meine Zuversicht.“
In seiner Trauerrede hob Domprediger Dr. Weidemann die menschlichen Eigenschaften des Verstorbenen und seine Verdienste um das Allgemeinwohl hervor. Er schilderte Bömers als eine starke Kämpfernatur, die in dem Glauben an den Sieg seiner Sache Ungewöhnliches vollbracht habe. Er war vor allen Dingen davon überzeugt, dass Bremen ohne Schifffahrt kein Bremen mehr ist, und dass Bremen steht und fällt mit dem Schicksal des Norddeutschen Lloyd. Besonders der Aufschwung des Lloyd nach dem Kriege und der Bau seiner Großschiffe, die von aller Welt bewundert werden, sei mit das Verdienst des Verstorbenen. Auch der Sparkasse in Bremen habe er sich in jahrzehntelanger Arbeit mit großer Liebe angenommen. Er sei stets ein ehrlicher Kämpfer gewesen, und besonders als die Wogen des Schicksals im vergangenen Jahr über die von ihm geschaffenen Werke hinweggingen, habe er den Mut gehabt, zu sagen, er nehme alles auf sein Schuldkonto. Seine Liebe zu seiner Vaterund Heimatstadt Bremen sei es gewesen, die ihn stets zu den größten Taten begeisterte und er selbst habe am besten gewusst, dass dem „Hosianna“ oft das „Kreuziget ihn!“ folgt. Bremen habe Heinrich Bömers viel zu danken.
Im Anschluss an diese Trauerrede folgte der letzte Gruß der Domprediger Mauritz, Hartwich, Pfalzgraf und Schäfer. Der Domchor sang den Choral „Wenn ich einmal muss scheiden.“ Gebet und Segen sowie Orgelspiel schlossen die Trauerfeier ab. Unter den Klängen aller Domglocken wurde der Sarg des Entschlafenen aus dem Hauptportal des Domes herausgetragen.“405

405 Es folgte nur noch ein Hinweis darauf, dass die Beisetzung im engeren Kreise auf dem Riensberger Friedhof stattfand.

 


 

Bild 36 Die Begräbnisfeier im Bremer Dom am 6. April 1932.

 

„Nach der ergreifenden Trauerfeier im Dom führte der lange Trauerzug vorbei an Bömers Haus Hollerallee 13 bis hin zum Riensberger Friedhof. Die Anteilnahme der Bremer Bevölkerung war überwältigend …“406 So schilderte es sein Biograph Bessell. Die Bremer Nachrichten setzten ihre Berichterstattung bis zum Friedhof fort: „Auf dem Riensberg erwarteten das Offizierskorps unseres Reichswehrbataillons mit dem Musikkorps den Trauerzug. Unter dessen Weisen und durch ein Spalier der Marinejugend Bremen wurde der Sarg von der Kapelle aus mit Tannenreis bestreutem Wege zur Familiengruft getragen. … Hornisten der Reichswehr bliesen aus der Ferne das Halali, während unter strömendem Regen die Gruft den Verblichenen zur letzten Ruhe aufnahm. Darüber türmten sich dann die vielen letzten Liebes und Verehrungszeichen, die

 

406 Bessell, a.a.O., S.96.

 


 

Kranzspenden.“407 Etwa dreißig Spender hoher wirtschaftlicher, politischer und militärischer Provenienz benannte die Zeitung namentlich, ohne die Kränze „sämtlicher bremischer Wirtschaftsunternehmungen“ aufzuzählen.
Es dürfte das größte Begräbnis gewesen sein, das jemals einem Bremer Kaufmann zuteilwurde.408 Die Reportage der Bremer Volkszeitung ließ erkennen, dass die Bremer Sozialdemokraten die hohe Meinung, die man in bürgerlichen Kreisen von Bömers hatte, zumindest im Wesentlichen, teilten und erwähnte ausdrücklich die Anteilnahme „aller Bevölkerungskreise“. Der kompakte Bericht, für den vermutlich Chefredakteur Alfred Faust verantwortlich zeichnete, ließ die Verstrickung Bömers‘ in die NordwolleKrise unerwähnt, obwohl in der Beilage der Zeitung vom gleichen Tag eine umfangreiche Reportage über die „Ursachen des Nordwolle-Zusammenbruches“ erschien.409 Es könnte damals durchaus der Eindruck entstanden sein, dass Bömers‘ Begräbnis dem eines Fürsten würdig gewesen wäre, wie es sein Biograph formulierte.410 Auffällig war eine Kranzspende mit weiß-blauen Schleifen. Sie trug die Aufschrift:
„Der Führer der bayrischen Heimwehr, Forstrat Escherich.“ Bömers war seit der Niederschlagung der Bremer Räterepublik 1919 den Freikorps verbunden geblieben. Aber
offensichtlich hatte sich für ihn, den Konservativen, den Mann der Ordnung, damit der Kreis geschlossen, denn als die Nationalsozialisten an die „Führerfigur“ der Kaufmannschaft, den „König Heinrich“, den „Landesfürsten“ – offensichtlich mehrmals seit 1929 – heranraten, war ihre Mühe vergeblich. Man hat ihm anscheinend sogar den Parteivorsitz angeboten, wie sein Biograph berichtet.411 Ein führender Parteigenosse Bömers wäre für die Nationalsozialisten in der Tat ein großer Schritt gewesen, um Zugang nicht nur zur kaufmännischen Elite der Stadt zu finden. Sogar Göring persönlich soll ihm Avancen gemacht haben. Es war wohl seine charakterliche und politische Standfestigkeit, die ihn ungeeignet machten für eine opportunistische politische Karriere.

 

 

Prediger Heinz Weidemann

Beide bürgerlichen Zeitungen druckten die Trauerrede wortgleich ab. Je weiter man als unbefangener Leser in der Lektüre dieser Predigt fortschreitet, umso stärker hebt sich hinter dem Gedenken an die Verdienste des Verstorbenen eine Gestalt ab, die eher den Vorstellungen des Redners geschuldet zu sein scheint. Da ist die Rede von Bömers‘ „Mannentum“, von seiner Selbstaufopferung vor allem von seiner Kämpfernatur. Der zentrale Begriff in der ganzen Predigt ist das Wort „Kampf“: Kämpfen „bis zum letzten
Atemzug“, Kampfesmut, Lebenskampf, Glaubenskampf, kurz: „Menschsein heißt Kämpfer sein.“ Allein 18 Mal kommt das Wort in Variationen vor. Und als der Sturm „mit einer Gewalt ohnegleichen“ über der Nordwolle „losbricht“, da kämpft Bömers‘ „Siegerseele mit zäher Energie … mit Wind und Wellen.““ „Er bleibt ein Sieger, auch wenn alles wankt,“ weil er „beständig an den Sieg denkt.“ So läuten alle Domglocken dann auch nicht als Sterbeglocken, sondern als „Siegerglocken, da ein Kämpfer starb.“ „Mit seltener Einmütigkeit in den Senat und dann in die Domgemeinde als Domherr gewählt“, heißt es, wirkte er „als Führer und als stolzer und aufrechter Kämpfer.“412 Hier übte sich jemand schon in der Sprache des „Dritten Reiches.“ Der Name des Red-

407 Bremer Nachrichten am 7.4.1932.
408 Die Weser-Zeitung beendete ihren Bericht mit dem Satz: „Die Beisetzung von Senator Bömers war für Bremen eine Trauerfeier, wie sie in ihrer Größe seit Gedenken nicht erlebt wurde und wie sie eindrucksvoller und würdiger nicht verlaufen konnte.“ 6.4.1932.
409 Er stützte sich auf den 4. Bericht des Konkursverwalters, der die betrügerischen Bilanzen und Kreditgeschäfte der Brüder Lahusen mit Zahlen belegte. Bömers wird nur in dem folgenden Satz erwähnt: „Aus dem Bericht erhält man auch die Gewissheit … dass die im Juni v(origen) J(ahres) durch Senator Bömers versuchte Rettung der Nordwolle mit 30 Millionen Mark neuem Kapital, zu der allerdings der bremische Staat 15 Millionen aufbringen sollte, zum Scheitern verurteilt war.“
410 Vgl. Bessell, a.a.O., S.96 97. In den Bremer Nachrichten erscheinen 20 Traueranzeigen.
411 Bessell, a.a.O., S. 76.
412 Weser-Zeitung, 6.4.1932; Bremer Nachrichten, 7.4.1932.

 


 

ners ist Heinz Weidemann, jüngster von fünf Dompredigern, 1926 unter anderem wegen seiner rhetorischen Brillanz vom Dom-Konvent gewählt.413 Gut ein Jahr später wird er als fanatischer Nationalsozialist und Kreisleiter der Bremer „Deutschen Christen“ Landesbischof der evangelischen Kirche.414 Er propagiert „eine Verschmelzung von christlichen Glaubensinhalten und nationalsozialistischer Ideologie,“415 frei von „jüdischen Elementen“, erfüllt „von heldischem Geist.“416 Die „Deutschen Christen“ boten sich
„dem NS-Staat als Bündnispartner zur Eroberung der Kirchenleitungen“ an.417 Weidemann wird Führer des „braunen Stoßtrupps innerhalb der Kirche“418 und wird mit der Einführung des Führerprinzips die traditionelle Gemeindeautonomie in der evangelischen Bremer Kirche aufheben.419

 

 

Zusammenfassung von Kapitel II

 

Fast alle Riten der Eiswette von heute haben in der Hundertjahrfeier von 1929 ihren Ursprung, angefangen vom feierlichen „Schwimmen“ der Novizen auf der Weser im abgedunkelten Festsaal durch ein Spalier von Kerzen, über den Schwur auf das Bügeleisen, die Ehrung der Jubilare auf der Bühne bis zum Spenden für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Sehr öffentlichkeitswirksam war 1929 die Einführung einer realen Eiswettprobe am Weserdeich. Mit ihr schuf sich die Eiswette eine Legende, der im Zuge der Zeitungs-Berichterstattung noch weitere folgten, die bis heute ihre Wirkung tun.
Aber das ist nur die eine Seite ihrer Geschichte jener Jahre. Die andere wurde geschrieben von den Verhältnissen der Zeit. Der Erste Weltkrieg, „das entscheidende Epochenereignis des 20. Jahrhunderts“, schreiben die Historikerinnen Gerda Hauser und Andrea Engelbracht in der opulent bebilderten Geschichte des Clubs zu Bremen, markierte „das Ende des alten Bremen (und) erschütterte die Stadtgesellschaft bis ins Mark“. „Seine unbewältigten Folgen sollten ursächlich für die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches werden. Vor allem markierte er den Untergang der in der Tat gesellschaftlich lange überlebten Bremer Eliten.“420
„Für einen Mann wie Heinrich Bömers brach eine Welt zusammen, die Welt, in der er gelebt hatte. Die Niederlage Deutschlands, Zusammenbruch, der Sturz des Kaisertums – das alles erschütterte ihn bis in die tiefen Wurzeln seines Wesens.“421 Als „königlicher Kaufmann“ wurde er trotzdem zur herausragende kaufmännischen und politischen Persönlichkeit in Bremen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. In seiner letzten Rede vor der Bürgerschaft hat er seine gescheiterte Finanzpolitik eingestanden und mit dem Rücktritt ohne Wenn und Aber seinen Teil der Verantwortung für die Finanzkrise der Stadt übernommen. In Anbetracht seines persönlich untadeligen Verhaltens und seines

 

413 Weidemann war Jahrgang 1895. 68 von 90 Stimmen hatte er am 24.1.1926 im Konvent der Domgemeinde erhalten. Vgl. Vgl. Heinz Weidemann, in: Herbert Schwarzwälder, Berühmte Bremer,
245München 1972, S.245 – 294, hier S.249.
414 Am 30. Juni 1934 (!) wird er im Dom feierlich von Reichsbischof Müller in das Amt des Landesbischofs eingeführt. Vgl. Schwarzwälder, Berühmte Bremer, a.a.O., S.263.
415 Almuth Meyer-Zollitsch, Nationalsozialismus und Evangelische Kirche in Bremen. Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen, hrsg. von Wilhelm Lührs. Band 51, Bremen, 1985, S. 9 und S.351.
416 Schwarzwälder, Berühmte Bremer, a.a.O., S. 266.
417 Meyer-Zollitsch, a.a.O., S.9.
418 Schwarzwälder in: Großes Bremen-Lexikon, a.a.O., S. 960.
419 Vgl. Schwarzwälder, Berühmte Bremer, a.a.O.
420 Der Club zu Bremen. 1783 – 2008. 225 Jahre in vier Jahrhunderten, hrsg. vom Club zu Bremen. Kapitel 1783 – 1945 von G.Engelbracht und A.Hauser, hier S. 211.
421 Georg Bessell, a.a.O., S. 43.

 


 

unglücklichen frühen Todes hat man sein Schicksal tragisch genannt. Eher könnte man geneigt sein, seinen frühen Tod als Gnade anzusehen. Wenn man sich vor Augen führt, dass er den Verlockungen der zukünftigen Machthaber entschiedenen Widerstand entgegengesetzt hatte, ist ihm möglicherweise ein tragisches Schicksal erspart geblieben.422
Ohne dass die kaufmännische Elite es recht gewahr worden war, hatten sich die Klassenverhältnisse im Reich und in Bremen radikal verschoben. Das allgemeine Wahlrecht und die zunehmende Industrialisierung der Stadt hatten schon vor dem Krieg zum gewaltigen Erstarken der Sozialdemokratie geführt und die politische Bedeutung der Kaufmannschaft zurückgedrängt. Der Rücktritt von Senator Bömers, bei seinem ersten Amtsantritt 1909 noch auf Lebenszeit in sein Amt gewählt, war ein Symbol dieses Wandels. Nun, da die vormals als selbstverständlich angesehene Einheit von kaufmännischer und politischer Elite nicht mehr bestand, war die Kaufmannschaft gezwungen, ihre Zurückhaltung bei der Darstellung ihrer Interessen aufzugeben und sich politisch zu positionieren. Für die Eiswette bedeutete es das Ende ihrer hundert Jahre geübten Praxis der Privatheit.
Die Hundertjahrfeier war der „Urknall“ ihrer öffentlichen Auftritte, die sie nun nicht mehr aufgegeben würde. Die Türen wurden für auswärtige Gäste weit geöffnet. Dafür bot der gerade wiederaufgebaute Konzertsaal der „Glocke“ den passenden Rahmen. 135
Eiswettgenossen saßen 180 Gästen gegenüber. Initiator und Ideengeber in diesem Prozess war Hans Wagenführ, ein Mann, der weder aus dem kaufmännischen Milieu der Stadt kam, noch Bremer war. Als Mitglied eines Reform-„Comités“1923 und vor allem als Präsident der Jahre 1928 bis 1932 schuf er die Grundlagen einer neuen Eiswette. Die einschneidendste Veränderung war die Abschaffung des Kartenspiels, bis 1913 Höhepunkt jeder Feier. Es hatte den Eiswetten jene Stammtisch-Atmosphäre beschert, die nun verloren ging. Die zahlreichen, meistens lustigen, traditionell spontanen Reden hatten in dem nun durchorganisierten Programmablauf keinen Raum mehr. Die Männergesänge, einzeln, im Duett oder im Chor, wichen Opernarien professioneller Sänger. Die Beiträge selbsternannter Amateur-Dichter mit ihrer manchmal unfreiwilligen Komik wurden aufgegeben. Was zur Erheiterung der Versammlung dienen sollte, wurde Teil eines festgelegten Programms. „Dichterfürsten“ der Amateur-Klasse wie Rudolph Feuß und Otto Heins unterhielten nun ihr Publikum mit vorbereiteten Beiträgen. Der spontanen Feier hatte man das Korsett eines festen Programmablaufs angelegt. Unangetastet blieben nur die Rituale des opulenten Schlemmens und des ausgiebigen Trinkens.
„Man fing gleich an mit drei festen Reden, einer auf Bremen, einer auf Deutschland und einer Gästerede…“423 Unter den Gästen waren nicht nur Honoratioren der Stadt und Mitglieder des Senats, sondern auch Vertreter der Reichswehr und der „vaterländischen“ Verbände. Die ständige Anwesenheit von hohen Offizieren aller drei Reichswehrteile nahm ihr den rein zivilen Charakter. Die Einladung von Vertretern
„vaterländischer“ Verbände machte sie zu einer „halbpolitischen“ Veranstaltung. Dazu trug bei, dass ab 1929 auswärtige Redner zu Worte kamen und die Presse eingeladen wurde, so dass nun eine ausführliche Berichterstattung in der lokalen Presse begann. Regelmäßige Einladungen von republikfeindlichen Führern oder Anhängern der Freikorps, wie Escherich, Caspari und Lettow-Vorbeck, die auch als Redner auftraten, drängten die Eiswette politisch zunehmend in die deutschnationale Richtung.

 

422 Rechtsanwalt Diedrich Lahusen, von den Amerikanern im Juni 1945 als Präsident des Bremer Landesgerichts eingesetzt (ein Amt, das er bis Februar 1951 ausübte), berichtete in einer schriftlichen Zeugenaussage zum Entnazifizierungsverfahren seines Schwagers Heinz Bömers, dem Sohn von Senator Bömers, dass die Nationalsozialisten an Heinrich Bömers „Rache genommen“ hätten, indem sie versuchten, seinen Nachlass zu beschlagnahmen. Aus dem gleichen Grund hätten sie das „in der Sparkasse Bremen angebrachte Bronzerelief von Senator Bömers entfernt.“ Erklärung vom 8.4.1948. StAB 466-I-1025.
423 Löbe, a.a.O., S.117.