Der neue Präsident [1]

Der Albtraum des 11. November 1918                                                              

Das Ende des Kaiserreichs hatte Borttscheller als politische Katastrophe empfunden. In seinen Erinnerungen beschreibt er, wie er den 11. November 1918 erlebte. Er war als Nachrichtenoffizier im dienstlichen Auftrag mit dem Automobil vom Oberkommando der 6. Armee in Tournai/Belgien nach Brüssel gefahren, wo sich das Oberkommando des Deutschen Heeres befand. „Bei der Einfahrt in die belgische Hauptstadt fiel uns die Unruhe auf und die Masse der Feldgrauen auf den Straßen. Kurz vor dem Palast-Hotel, wo das Oberkommando Quartier genommen hatte, wurden wir angehalten. (…)

[1] Dr.jur. Georg Borttscheller (5. 6.1896 bis 27. 8.1973) kam 1927 aus Hamburg nach Bremen, wo er zunächst Handelsredakteur und ab 1929 Chefredakteur der„Weser-Zeitung war, bis sie am 30. September 1935 ihr Erscheinen einstellte. Von 1935 bis 1939 war er in der Geschäftsführung des Bremer Verkehrsvereins, dann Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung. Ab 1934 SA-Reserve; 1937 SA-Rottenführer; 1937 Mitglied der NSDAP; Mitglied im Stahlhelm und im Reichskriegerbund; ab 1951 Mitglied der Bremer Bürgerschaft, 1952 bis 1968 Landesvorsitzender der FDP, 1954 bis 1959 Vorsitzender der FDP-Bürgerschaftsfraktion. 1959 bis 1971 Senator für Häfen. Seinen Spitznamen „Container-Schorse“ erhielt er wegen seines erheblichen Anteils am Ausbau des Container-Terminals im Neustädter Hafens. Vgl. Hafensenator https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Borttscheller am 17.04.2019

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Die Reifen des Autos brauchten nicht erst zerschnitten zu werden, denn es war schon stahlgerädert und gefedert. Aber die Achselstücke verloren wir im Nu. Ich suchte, dem roten Mob gegenüber mich verständlich zu machen (…) Seelisch fertig, äußerlich gefasst, bar unserer Rangabzeichen, meldeten wir uns im Hotel.“ In der Nacht musste Borttscheller den folgenden Befehl des großen Hauptquartiers an die Divisionen im Fernsprecher weitergeben: „Ab sofort sind bis hinunter zu den Kompanien Soldatenräte zu bilden.  (…) Trauriger Tiefpunkt bis dato in meiner militärischen Laufbahn. Die Niederlage war da, der Zusammenbruch vollkommen. (…) Aus. Des Reiches kaiserliche Herrlichkeit, gegliedert in bundesfürstliche Länder, war in der Heimat ohne Zuckungen fast vom Tisch gewischt. Ich hätte mehr Widerstandskraft erwartet. Eben deshalb stellte ich mich noch lange nicht auf den Boden der Tatsache und wurde Republikaner, aber ich war erschüttert (…).“[1] Es nimmt nicht wunder, dass sich Borttscheller in einer Reihe mit seinen Vorgängern Hans Wagenführ und Hugo Gebert sah,[2] die ihm nicht nur Vorbild für seine spektakulären Eiswettfeiern waren, sondern – wie er – den Untergang des Kaiserreichs, die Novemberrevolution und den Versailler Vertrag als politische Katastrophen erlebt hatten.[3]

Chefredakteur der Weser-Zeitung (1929 bis 1934)

1927 aus Hamburg zugereist, war Borttscheller Handelsredakteur und ab 1929 Chefredakteur der Weser-Zeitung geworden. In seinem Entnazifizierungsverfahren, dem er sich wie alle NSDAP-Mitglieder hatte unterziehen müssen, machte er folgende Aussage zu ihrer politischen Ausrichtung:  „Die Weser-Zeitung trat in ihrer ganzen Haltung als liberales Organ aktiv gegen die Nationalsozialisten auf und wurde deshalb nach dem 30. Januar 1933 derart unter politischen und geschäftlichen Druck gesetzt, dass sie am 30.9.1934 ihr Erscheinen einstellen musste.“[4] Diese Aussage soll an drei politischen Ereignissen überprüft werden.  

[1] Georg Borttscheller, Bremen, mein Kompass. Schön war’s. Bremen (1973), S. 36 – 38.
[2] Viele Jahre gehörte es zum zeremoniellen Beginn der Eiswetten, dass sich die Teilnehmer zu Ehren von Wagenführ und Gebert erhoben. Vgl. die Berichte im Weser-Kurier vom 21.1.1952, 18.1.1954 und 14.1.1956, wo Gebert  noch „als guter Griff“ vorgestellt wurde. Noch am 6. März 1959 gab der Weser-Kurier“ in einem Artikel zum 80. Geburtstag von Präsidiums-Mitglied Degener-Grischow die Meinung der Eiswette wieder, dass der Jubilar die Veranstaltung „mit Hans Wagenführ, Hugo Gebert und Heinrich Tietjen gemeinsam zu neuer Blüte gebracht“ hätte.
[3] Vgl. Kapitel 2 „Kriegsschock und Revolutionstrauma. Die Jahre 1919 bis 1933“ und Exkurs: „Die Gästebücher des Hans Wagenführ“. Erster Band (Das Jahr 1918).
[4] Die Entnazifizierungsakte Borttschellers liegt im Duisburger Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, wo er 1946 entnazifiziert wurde. NW 1058-541 In seinen Erinnerungen heißt es dazu ähnlich: „Zwischen Redaktion und Partei war an ein Auskommen nicht zu denken.“ Borttscheller, a.a.O., S.88/89.

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Die Reichstagswahlen am
5. März 1933

Aus dem Leitartikel Borttschellers in der Weser-Zeitung vom 6. März: „Die Beteiligung an der Regierung, an der politischen Macht und Verantwortung unter der Kanzlerschaft Adolf Hitlers hat die Massen der NSDAP mit einem Feuer beseelt, das schlechthin beispiellos ist. (…) Das Kabinett wird den Reichstag versammeln, die notwendigen Formalien erledigen und sich das Ermächtigungsgesetz zur Durchführung der politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen im Rahmen des von Adolf Hitler angekündigten 4-Jahresplanes geben lassen.“
Im Bremen-Teil der Zeitung wird der Landesregierung ihre Existenzberechtigung bestritten: „Wir haben deshalb schon am Sonnabend und auch schon vorher auf die zwingende Notwendigkeit hingewiesen, nunmehr schnellstens zu einer Umbildung des Senats zu kommen, die nach dem Ausfall der gestrigen Wahlen – auch dem Wahlausfall in Bremen- nicht einen Tag länger mehr verzögert werden darf. (…) Sie hat also vom politisch-praktischen wie vom arithmetischen Standpunkt aus ihre Daseinsberechtigung völlig verloren.“

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Die Bücherverbrennung in Bremen am 10. Mai 1933

Weser-Zeitung vom 13. April 1933
Weser-Zeitung vom 11. Mai 1933

Auszüge: „In ganz Deutschland, in Stadt und Land, loderten am gestrigen Abend Scheiterhaufen auf. Undeutsche Bücher und Schriften, die von unsittlichem, marxistischem und pazifistischem Geist durchsetzt sind, wurden den Flammen übergeben. Die in Asche zerfallenden Produkte einer jämmerlichen Kulturepoche symbolisierten den Anbruch einer neuen deutschen Geistesrichtung.

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Dem sittlichen Verfall des deutschen Volkes, der in den 14 Jahren marxistischer Herrschaft immer stärker voranschreiten konnte, ist durch die starke Hand des neuen Deutschland jäh Einhalt geboten worden. (…) Der auf dem Spielplatz an der Nordstraße errichtete Scheiterhaufen zeigte, dass auch Bremen kräftig mitarbeitet an der Wiedergeburt deutschen Geistes. Auch einige Wahltransparente der SPD waren noch zum Vorschein gekommen und „zierten“ den Haufen. (…) Zwei große Lautsprecher wurden aufgebaut, um die Reden allen zugänglich zu machen. In der Mitte des Platzes war der große Scheiterhaufen errichtet worden. Tausende von Menschen umsäumten am Abend das von der SA freigehaltene Rund. Unter klingendem Spiel marschierte die Gefolgschaft Erhardt auf und nahm auf dem Platz Aufstellung, der schon manche andere Kundgebung, auf denen Hass und Gift verspritzt wurde, gesehen hat und jetzt wieder deutsche Menschen vereint. Dann erschien eine Abordnung des Nationalsozialistischen Deutschen Studenten-Bundes von vollem Wichs mit ihren Fahnen. In großer Stärke nahm die Hitler-Jugend an dieser Kundgebung teil. (…) Jungvolkführer Garduhn führte u.a. aus: „Die vergangene Zeit war keine Zeit der Kultur, sondern eine Zeit der Unkultur. Wir wollen das Blatt dieser Zeitepoche aus dem Buch der 1000jährigen Geschichte Deutschlands herausreißen. Übrigbleiben soll der Kampfruf: Wider den undeutschen Geist.“ (…) Dann züngelten die Flammen aus dem Scheiterhaufen hervor und loderten immer höher und höher und vernichteten jahrelangen Schmutz und Hass. (…) Das Horst-Wessel-Lied brauste dann über den Platz, und ein dreifaches mächtiges Sieg Heil auf den Volkskanzler und Führer beendete diese Kundgebung.“

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Der „Röhm-Putsch“ am 30.Juni 1934

Artikel von Borttscheller am 3. Juli 1934: „Das Volk atmet auf“

Borttscheller zitiert in seinem Artikel zunächst aus einer Rede „des Stellvertreters des Führers Heß“, in der „mit Händen zu greifen“ gewesen wäre, „dass sie vor allem an jene Gruppe gerichtet war, die Adolf Hitler am 30. Juni als Volksverderber entlarvt und vernichtet hat.“ Er fährt fort: „In einer Verblendung ohnegleichen, die größenwahnsinnig und krankhaft war, haben die Verräter alle Warnungen in den Wind geschlagen. (…) In einem Nachbarstaat (Frankreich – d. Verf.) wurde mit größter Hartnäckigkeit immer wieder das Gerücht verbreitet, die Regierung Hitler halte sich nicht mehr lange. (…) Wir im Reich konnten über dieses Gefasel nur den Kopf schütteln, wussten wir doch, dass die Nation geschlossen hinter dem Führer steht und zu keinem Augenblick in dieser Haltung schwankte. (…) Bezeichnend ist auch, dass man Röhm hat erschießen müssen (sic!), weil er offensichtlich nicht den Mut besessen hat, selber die Waffe gegen sich zu richten. (…) Ein Mensch, der Vertrauen mit Rebellion belohnt, muss ausgelöscht werden, mit ihm alles, was sich ihm verschworen hatte (sic!). (…) Die zwölf Punkte der Proklamation des Führers an den neuen Chef des Stabes der SA, Lutze, decken in der Tat den Krankheitsherd rücksichtlos auf und sind zugleich Programm, wie der Führer künftig seine SA erzogen und geführt wissen will. Die Nation atmet auf (…) Nun hat der Führer gehandelt, und die Nation jubelt ihm zu. (…) Die Nation war mit jedem Nerv beim Führer (…) Der Schlag gegen die Saboteure war eine W o h l t a t f ü r s V o l k. Adolf Hitler hat als Führer des deutschen Volkes gehandelt. E s l e b e d e r F ü h r e r! (Sperrungen im Original)“

Für Bremen zeichnet die Weser-Zeitung am gleichen Tag unter dem Titel „Der Sieg der Staatsautorität. Verhaftungen in Bremen“ folgendes Bild (Auszug): „Als am Sonnabendnachmittag in Bremen das unerhört schneidige und scharfe Vorgehen des Führers gegen eine verräterische Gruppe bekannt wurde, erregten die ersten Meldungen hierüber überall stärkstes Interesse. (…) Die Weser-Zeitung brachte nacheinander vier verschiedene Ausgaben heraus, die rasend schnell verkauft wurden: Überall, wo man hinkam und hinhörte, nur das eine Gesprächsthema: Hitlers Tat! Überall aber auch nur begeisterte Zustimmung, dass der Führer mit ebenso raschem wie kühnem Entschluss diese Eiterbeule ausgestochen und diese große, außerordentlich harte, aber notwendige Säuberungsaktion zur Durchführung gebracht hat, die sich natürlich nicht auf München und Berlin beschränkte, sondern über das ganze Reich (sic!). ging In Bremen wurde (…) am Sonnabend der Gruppenführer Ernst verhaftet und im Flugzeug nach Berlin gebracht, wo ihn die verdiente Strafe ereilte (sic!)[1]. Sonst blieb in Bremen alles ruhig; Bremen steht treu hinter dem Führer.“

Am 4. Juli verfasste Borttscheller den Leitartikel zum „Röhm-Putsch“ unter dem Titel „Führertum“.

[1] SA-Gruppenführer Karl Ernst wurde in Berlin sofort erschossen. Da er sich für das Opfer eines unglücklichen Irrtums hielt, starb er mit dem Hitlergruß auf den Lippen. Vgl. Ernst, Karl (Politiker) wikipedia vom 14.08.2019.

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Auszug:                                                                                                        
„Mit blitzartiger Geschwindigkeit wurde vom Führer das in München während der Nachtstunden zum Sonnabend aufgeflackert Feuer der Revolte ausgetreten, so nachhaltig und unerbittlich, dass die Ereignisse fast wie ein schwerer Traum anmuten könnten, wären sie nicht durch die Härte der Tatsache belegt. (…) Der Führer hat einen unendlichen Langmut bewiesen, hat den Verschwörern viel Zeit gelassen, Einkehr zu halten und sich eines Besseren zu besinnen. Sie wollten sich nicht beugen und haben schließlich den Grundgedanken des nationalsozialistischen Prinzips vom Befehlen und Gehorchen, von absoluter Disziplin, den Grundsatz der Führung und Gefolgschaft mit Füßen getreten. Deshalb musste sie auch die volle Wucht des Gesetzes, der Bewegung, wie des Staates treffen.“ In den folgenden Passagen zitiert er aus der „Nationalsozialistischen Parteikorrespondenz“: „Die NSDAP hat die absolute Autorität des Führertums in die Tat umgesetzt und Wirklichkeit werden lassen. Der Führer hat in diesen Tagen erneut vor aller Welt gezeigt, dass diese

Autorität des Führertums allein begründet ist in den Pflichten, die die Führer gegenüber Bewegung und Volk erfüllen. Wer von diesem Weg abgeht, verfällt ohne Ansehen der Person der schärfsten Strafe. Die Erschießungen, die im Verlauf der 24 Stunden (sic!) … stattfanden, haben der harten Auffassung, die die nationalsozialistische Bewegung vom wahren Führertum hat, entsprochen. (…) Die Begeisterung, mit der das deutsche Volk die unerbittliche Tatkraft des Führers in diesen Tagen begrüßt hat, hat gezeigt, dass die deutschen Menschen den tiefen Sinn des nationalsozialistischen Staatsgedankens verstanden und ihn zu ihrem Denken gemacht haben. (…) Die Männer, die hier mit diesem Wohl und dem Schicksal der Nation zu spielen versuchten, sind mit harter Hand ausgemerzt worden. Männer sind vergänglich, das Volk ist ewig. Dieses ewige deutsche Volk marschiert unter dem Banner des Hakenkreuzes den Weg in eine friedliche und glückliche Zukunft.“        

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Das Ende der Weser-Zeitung   

Am 30. September 1935 erschien die letzte Ausgabe der Weser-Zeitung. Auf der Titelseite stand u.a. ein Artikel von Chefredakteur Borttscheller:

Auszug:
„Niemand bedauert mehr als der Redaktionsstab, dass ihm der Enderfolg, d.h. die Erhaltung des Organs als freie und unabhängige, nur dem neuen Staat Adolf Hitlers verpflichtete Zeitung versagt geblieben ist. (…) Der Name der „Weser-Zeitung“ soll weiterleben, in kleinerem Rahmen freilich, aber ein Verlöschen wäre ein noch größeres Ugnlück, denn so schrieben wir am 1. Oktober 1933: „Die Weser-Zeitung ist ein Stück bremischer Geschichte und wahrlich nicht das schlechteste. Selten ist der Geist einer Zeitung den natürlichen Anlagen der Landschaft und des Standort, für die sie im engeren Bezirk, im Reich und im Ausland eintritt, so tief verpflichtet wie hier. Selten mündet Traditon so unmittelbar in eine lebendige, zeitnahe Wirklichkeit.Die „Weser-Zeitung wahrt im Sinne Adolf Hitlers Tradtion und schafft täglich neue.“ (…) So stolz und weitgespannt betrachteten wir die Aufgaben der Weser-Zeitun“ noch vor einem Jahre. Es war uns nicht vergönnt, sie fortzuführen. Die Zeiten sind hart und unerbittlich, sie fordern Opfer. Die Pflicht aber, die nationalpolitischen, volkswirtschaftlichen und kulturellen Güter Deutschlands zu pflegen, bleibt.“

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Die Fortführung der Weser-Zeitung im kleineren Rahmen blieb ein Traum. 37 Jahre später erinnerte sich Borttscheller: „Der Schlag war für uns alle überaus hart. Er blieb nicht viel hinter der Bedrückung zurück, die mich heimsuchte, als ich das 100 000-Mann-Heer hatte verlassen müssen, zumal ich beide Beruf als Berufung aufgefasst und wahrgenommen hatte.“[1] In seinem Entnazifizierungsverfahren von 1946 hatte das noch ganz anders geklungen: „Es war wie eine Erlösung, dass uns die Feder, die stumpf zu werden drohte, ja schon stumpf geworden war, von den Nazis aus der Hand geschlagen wurde.“[2] „Der Verlust meiner Stellung war „ein materielles Opfer, das ich den Nazis bringen musste.“[3] Es war die Zeit der politischen Amnesie. Das Ende der Weser-Zeitung ist seit der Untersuchung von Hartwig Gebhardt über „Zeitungen und Journalismus in Bremen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ wissenschaftlich dokumentiert. [4] Wir zitieren den Abschnitt, der sich auf die Weser-Zeitung bezieht:[5] „In einer Darstellung des Schünemann-Verlags aus dem Jahre 1960 wird der Eindruck erweckt, die Zeitung sei aus politischen Gründen eingestellt worden. (…) Die historischen Dokumente bestätigen diese Darstellung nicht. Die Einstellung der Weser-Zeitung hatte ausschließlich wirtschaftliche Gründe. Das Blatt, ohnehin immer defizitär gewesen, geriet während der Wirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre in eine zunehmend prekäre finanzielle Lage. Die Auflage, die bei der Rückkehr der Zeitung in den Schünemann-Verlag 1929 noch 15 000 Exemplare betragen hatte, verringerte sich fortwährend und betrug 1933/34 nur noch 5000 Exemplare täglich. Zu jener Zeit belief sich der dem Verlag durch die Weser-Zeitung verursachte Verlust auf 25 000 bis 30 000 Mark monatlich. In dieser Situation fasst der Verlag den Entschluss, die Zeitung einzustellen, „zumal er sich bewusst ist, dass selbst bei allem guten Willen des Senats (sic!) und anderer Stellen es nicht möglich sein wird, die notwendigen Mittel aufzubringen, die für eine Fortführung der Weser-Zeitung erforderlich wären.“[6] Dass die Weser-Zeitung im Herbst 1934 sogar „direkte Subventionen des nationalsozialistischen Bremer Senats“[7] erhalten hatte, verwundert nicht angesichts des Kults, den Borttscheller mit Hitler getrieben hatte. 

[1] Borttscheller, a.a.O., S.91.
[2] Aus dem Begleitschreiben zum Fragebogen.
[3] Im Begleitschreiben zum Entnazifizierungs-Fragebogen vom 10.12.1946. NW 1058-541.
[4] „Zeitung und Journalismus in Bremen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.“ In: Bremisches Jahrbuch, hrsg. vom Staatsarchiv Bremen, Bd. 57, 1979, S. 183 – 246.
[5] A.a.O. Anmerkung 80, S.215/216
[6] Gebhardt zitiert aus: Carl-Schünemann-Verlag an den Senat Bremen, 14.7.1934, StAB 3 – P. 5. No.  242
[7] Hartwig Gebhardt, a.a.O., S. 215.

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Entnazifizierung

Borttscheller, Mitglied im Stahlhelm und im Reichskriegerbund, seit 1937 Mitglied der NSDAP, Rottenführer der SA-Reserve, , hatte sich einem Entnazifizierungsverfahren zu unterziehen. Unter normalen Umständen hätte das in Bremen stattfinden müssen, wo er seit 1927 wohnte und arbeitete, erst als Chefredakteur der Weser-Zeitung, dann in der Geschäftsführung des Bremer Verkehrsvereins und der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung. Da er aber Brackwede bei Bielefeld als Wohnsitz angab, wurde er in der englischen Zone entnazifiziert. Das hatte zwei große Vorteile: erstens kannte man dort seine berufliche Tätigkeit im nationalsozialistischen Bremen nicht und zweitens wurden die Verfahren in der britischen Zone laxer gehandhabt, was sich bei den Betroffenen herumgesprochen hatte. Wenn Borttscheller darauf spekuliert hatte, erfüllten sich seine Erwartungen ganz. Auf dem Fragebogen, den er am 10.12.1946 im Bielefelder Verfahren ausfüllen musste, erklärte er, dass er als (Chef)Redakteur der Weser-Zeitung  „Verfasser zahlreicher Artikel wirtschaftlicher und politischer Art (war), deren Titel und Daten der Fülle wegen (sic!) nicht mehr angegeben werden können.“ [1] Der Entnazifizierungs-Hauptausschusses in Bielefeld begnügte sich mit dieser Angabe, stellte auch keine eigenen Nachforschungen an und „reihte“ ihn ohne weiteres als nur „nominelles“ Parteimitglied „ohne Beschäftigungsbeschränkung“. „ein“. Als er am 8. Juli 1947 in Bremen, wo er seit März wieder offiziell seinen Wohnsitz hatte, seinen Meldebogen ausfüllen musste, verwies er auf diesen Spruch. Dem öffentlichen Kläger Schmidt legte er dann später den „Einreihungsbescheid der Militärregierung Deutschlands britisches Kontrollgebiet“ vom 2. März 1948 vor, der lediglich folgende  Mitteilung enthielt: „Die Entscheidung beruht auf folgenden Gründen: „NSDAP 1937-1945 – SA 1934 – 1945 Rottenführer; NSKB 1936-1945“. Ohne die Akte aus Bielefeld zur eigenen Überprüfung anzufordern, entschied der öffentlich Kläger am 28. April 1948, dass der Spruch „für die Enklave Bremen als rechtsverbindlich und endgültig anerkannt“ wird.[2] Die Entnazifizierungskommission in Bremen folgte diesem Urteil.[3] Einer Ernennung Borttschellers zum Präsidenten der Eiswette stand also politisch nichts im Wege.

[1] Am 10.12.1946 überreicht er mit einem zweieinhalbseitigen Schreiben dem „Prüfungsausschuss für Entnazifizierung, Brackwede“ den zwölfseitigen Fragebogen mit 5 Anlagen und 8 eidesstattlichen Erklärungen. Entnazifizierungsakte im Landesarchiv N-W, a.a.O.
[2] Bremer Entnazifizierungsakte Borttscheller StAB 4,66-I-1214.
[3] Auch andere Bremer ließen sich in der britischen Zone entnazifizieren, aber durchaus nicht immer mit Erfolg, wie im Fall von Emil Fritz, dem Direktor des Bremer Variété-Theaters „Astoria“, dessen Entnazifizierung im Kreis Rotenburg an der Wümme, also in der britischen Zone, von der amerikanischen Militärregierung in Bremen nicht akzeptiert wurde. Vgl. die Entnazifizierungsakte Emil Fritz StAB 4,66-I.-3189.

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Skrupel wegen seiner eigenen politischen Vergangenheit oder der seiner Eiswettgenossen sind in Borttschellers Amtsführung als Präsident nicht festzustellen. Im Gegenteil könnte man sagen. Viele Jahre gedachte er zu Beginn jeder Eiswette mit großem Pathos seiner Vorgänger Wagenführ und Gebert, wobei sich die Versammlung von ihren Plätzen erhob. Nun mochte die Ehrung für Wagenführ hingehen als dem Schöpfer der modernen Eiswette, auch wenn er die Eiswette auf die deutschnationale Spur gesetzt hatte, aber für Gebert, der sie den nationalsozialistischen Machthabern sozusagen auf dem Silbertablett serviert hatte und dafür verantwortlich war, dass sie nationalsozialistisch durchwirkt wurde[1], zeugte das von politischer Dickfelligkeit. 1953 sprach Borttscheller sogar von Geberts „Vermächtnisschrein“, den die Eiswettgenossen bewahren würden.[2] Die Lokalzeitungen nahmen diese Sprachregelung ohne Abstriche auf: Gebert sei „ein guter Griff“ gewesen (BN 14.1.1956). Noch 1959 schrieb der Weser-Kurier, dass Gebert die Eiswette zusammen mit Wagenführ „zu neuer Blüte gebracht“ hätte. (6.3. 1959). 

Die Eiswette: -Liebe auf den ersten Blick  

Noch 45 Jahre später erinnerte sich Borttscheller genau an die erste Begegnung mit den Eiswettgenossen: „Im Januar 1928 tanzte ich auf dem Presseball in der Jacobi-Halle.[3] Das Fest war im vollen Zuge, da trat eine Schar von Herren auf, mittleren und älteren Kalibers, geführt von Christian Specht, einem Schiffsmakler, recht beschwingt. Sie brachten noch mehr Rotation in den Betrieb. Auf die Frage, woher die Kavaliere kämen, wo sie ihre Stimmung so aufgeladen hätten? Wer von der „Eiswette“ käme, hätte immer aufgetankt. Eiswette? Nie gehört! Wieso auch? Ich war erst ein dreiviertel Jahr in Bremen. (…) Auf der Jahrhundertfeier des Freundeskreises im Januar 1929 war ich dann selber Gast …“[4] Für Borttscheller war es Liebe auf den ersten Blick.

[1] Vgl. das Kapitel 3 Mit den Wölfen geheult.“
[2] Bremer Nachrichten vom 19.1.1953.
[3] Die „Jacobi-Halle“ in den Resten einer Klosterkirche von 1190 befand sich an der Ecke Pieper- / (alte) Langenstraße. Sie nannte sich „historisches Wein- und Bierrestaurant“. Es verfügte über „vornehme“ Räume für Hochzeiten und Festlichkeiten. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, mussten seine Reste 1960 dem Durchbruch für die Martinistraße weichen.
[4] Georg Borttscheller, a.a.O., S. 166.

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Mit seiner Ernennung zum Präsidenten schloss sich ein Lebenskreis. Sie erfolgte auf eiswetttypische Art: „Im Herbst 1950 ein Anruf; im Befehlston teilt mir Carl Wuppesahl mit, ich müsste Präsident der Eiswette werden. (…) Ich war total überrascht, stotterte, ich sei doch kein Bremer, viel zu jung, das ginge doch einfach nicht. „Nichts da“, dröhnte Degener-Grischow dazwischen, „Sie haben eine

Röhre und sind seit 1929 dabei.“ Drücken dürfe ich mich nicht. Es gäbe schließlich noch andere, sperrte ich mich. Dann Wuppesahl: „Wollen Sie oder wollen Sie nicht!“ Eine entwaffnend demokratische Art, zum Präsidenten ernannt zu werden, eine ehrenvolle Vergewaltigung von sage und schreibe zwei Mitgliedern des Vorstandes, ohne die anderen, geschweige denn die Eiswettgenossen auch nur zu fragen – eine gesunde Demokratur – wenn es gut geht.“[1] 

Borttscheller, 1896 in Frankenthal/Pfalz geboren, war nach Wagenführ der zweite butenbremer Präsident.[2] Seine siebzehnjährige Amtszeit von 1951 bis 1967 wurde die längste in der Geschichte der modernen Eiswette.

Der Mann an der Kesselpauke

Borttscheller hatte wie sein Vater die militärische Laufbahn eingeschlagen. Mit dreizehn Jahren kam er auf die Kadettenschule in München, wo er 1914 das Notabitur machte, bevor er eingezogen wurde. In seinen Erinnerungen beschreibt er die fünf Jahre als eine „im Ganzen glänzende Erziehung (…) Das Internat, das Kadettenkorps als System (…) bekam mir vortrefflich“.[3] Den Krieg machte er, unterbrochen von einer schweren Verwundung, in seiner ganzen Länge mit und erhielt mehrere Kriegsauszeichnungen, darunter 1915 das EK II und 1917 das EK I.[4] 1921 stand er als Leutnant „an der Spitze des Jahrgangs der Qualifikation nach“ und hatte deshalb keinen Zweifel daran, dass er in das nach Versailles auf 100 000-Mann reduzierte Heer übernommen würde. Er hätte es sich nie träumen lassen, „auch nicht in Albträumen“, dass er aus dem Heer würde ausscheiden müssen, was aber 1921 geschah, da er nicht verheiratet war. „Meine Stimmung war so, dass ich am liebsten alles hätte in die Luft sprengen wollen. (…) Ich war so tief verletzt, dass ich mein ganzes Selbstgefühl zusammennehmen musste, um aufrecht zu bleiben.“[5] Nach dem Ende der „Weser-Zeitung“ im September 1934 bot sich mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935 die Möglichkeit, seine Karriere als Berufsoffizier fortzusetzen[6].

[1] A.a.O., S.169/170.
[2] Im Wikipedia-Artikel zu Georg Borttscheller hält sich unverdrossen die Legende, dass er der erste butenbremer Eiswett-Präsident gewesen wäre. Stand vom 12. August 2019.
[3] Georg Borttscheller, a.a.O., S.14 und S.16.
[4] Aus seiner Entnazifizierungsakte im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Duisburg. NW 1058-541.
[5] A.a.O., S.39 und S.40.
[6] An anderer Stelle spricht er davon, dass „die Versuchung oft groß war, dass die soldatische Passion mit mir durchging.“ Borttscheller, a.a.O., S. 106.

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In seinen Erinnerungen schreibt er: „Für die Reaktivierung hatte ich 1935 wohl Meinung, weil ich der braunen Masse hätte entgehen können, aber im letzten Augenblick passte ich doch.“[1] Aber das Militär ließ ihn trotzdem nicht los. Von August 1935 bis Januar 1939 nahm er jährlich als Reserveoffizier und Batterieführer an mehrwöchigen Übungen teil. 1936 wurde er nach einer sechswöchigen Übung Hauptmann der Reserve.[2] Am 26. August 1939 erhielt er den Mobilmachungsbefehl für das neu aufgestellte schwere Artillerie-Regiment 158 in Verden, wo er, zum Major befördert, Abteilungskommandeur wurde. Die meisten Militär-Übungen hatten wohl in Verden stattgefunden. „Höhepunkt meiner Verdener Zeit“, schreibt er in seinen Erinnerungen, „waren die Herbstjagden vom September bis zum Hubertustag im November. Zweimal in der Woche stand ich vom Schreibtisch auf, stieg in den Wagen und fuhr nach Verden.“ Auch im Krieg fand er Gelegenheiten zu Reitjagden: „Zwischen den Gefechten und Feldzügen gab es immer einmal Zeit und Muße, Herbst- und Winterjagden zu reiten.“[3] Es waren militärische Tugenden, die seiner Meinung nach „beim Anreiten auf ein Hindernis“ gefordert waren: „Schneid ist alles und Mumm erst recht.“[4] Auf diesen Jagden gaben sich vor allem hohe Offiziere ein Stelldichein.[5] Besonders angetan hatte es ihm „der Kesselpauker auf dem Paukenpferd ohne Zügel, nur mit Kreuz und Schenkeln geritten, dröhnend und schmetternd durch ganz Verden; bog als erster auf den Kasernenhof ein hin zum Kasino. Schön! Schön!“[6] Diese Beschreibung – ihres equestrischen Gehalts entkleidet – passt in das Bild, das er selbst 17 Jahre lang als Präsident mit der „Röhre“ (Degener-Grischow) auf den Eiswetten bot.

[1] A.a.O., S. 40.
[2] Im August/September 1935 machte er eine dreiwöchige Übung als Batterieoffizier; im August 1936 sechs Wochen als Hauptmann der Reserve; im März/April 1937 vier Wochen an der Artillerie-Schießschule in Jüterbog; im Januar 1939 eine zweiwöchige Übung (ohne nähere Angaben). Am 20. April 1945 geriet er im Harz in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er am 17. September entlassen wurde.  Vgl. Fragebogen in der Entnazifizierungsakte im Landesarchiv NW a.a.O.
[3] Borttscheller, a.a.O., S.102/103
[4] A.a.O., S.102
[5] A.a.O., S. 100 – 103.
[6] A.a.O., S. 103.

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1951 Wiederbewaffnung / Die Rede von Hermann Apelt / Deutschlandlied

Die Atmosphäre auf dieser Feier war eine ganz besondere, schreibt Chronist Karl Löbe: „Die Stimmung, die von diesem einzigartigen Raum ausgeht, ließ das Fest schnell Höhen erreichen.“[1] Borttscheller präsidierte zum ersten Mal – nach dem Interregnum von George A. Fürst im Jahr 1950, der für den erkrankten Ahlers eingesprungen war (Ahlers starb am 24.12.1950).[2] Es war die Zeit des Korea-Krieges, der im Juni 1950 begonnen hatte. Jeden Tag waren Meldungen über den Stand der militärischen Auseinandersetzung in den Zeitungen zu lesen. Im Herbst hatten die US-Truppen nach Überschreitung des 38. Breitengrades eine große Niederlage gegen die chinesische Volksbefreiungsarmee erlitten und US-Präsident Truman hatte am 16. Dezember 1950 den nationalen Notstand ausgerufen. Am 8. Januar 1951 gab er eine Erklärung ab, die von der Presse beurteilt wurde als „die schärfste Stellungnahme gegen „sowjetische Weltbeherrschungspläne“, die jemals von einem verantwortlichen Staatsmann der Vereinigten Staaten der Öffentlichkeit zugeleitet worden ist.“ Darin hieß es unter anderem: „Eine Weltherrschaftsdrohung der Sowjetunion gefährdet unsere Freiheit und bringt das Bestehen einer freien Welt in Gefahr.“[3] Die Außen- und Verteidigungsminister des Nordatlantik-Paktes hatten am 19. Dezember 1950 die Schaffung einer europäischen Armee unter Einschluss deutscher Kontingente beschlossen, wobei offen blieb, ob mit eigenem oder unter europäischem Kommando. Genau diese Frage stellte Senator Hermann Apelt[4], in den Mittelpunkt seiner „Deutschland-Rede“.[5]

[1] Löbe, a.a.O., S.128.
[2] Wenn man den Zeitungsberichten folgt, war Kaisen nicht anwesend.
[3] Weser-Kurier 9.1. 1951.
[4] Hermann Apelt, seit 1945 Hafensenator, ein Amt, das er auch von 1917 bis 1933 innegehabt hatte, war in der Weimarer Republik am rechten Rand der Deutschen Volkspartei angesiedelt. Er hatte in den Bremer Verfassungs-Debatten kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg noch für die Einschränkung des allgemeinen Wahlrechts in Bremen plädiert, weil es „zu zahlenmäßig schematisch ist.“ Die Bürgerschaft sollte weitgehend nach Berufsständen gegliedert bleiben. Das korporative Element in seinen politischen Vorstellungen mag den Nationalsozialisten, die mit ihrer Politik der Volksgemeinschaft die Klassen gewissermaßen auf dem Stand von 1933 „einzufrieren“ versuchten, nicht ganz fremd gewesen sein. Das gilt auch für Apelts Definition des „Staatskörpers“ als eines „Leibes mit Organen und Gliedern“, der „in der bloßen Zahl der zugehörigen Individuen keinen entsprechenden Ausdruck findet. Vgl. Verhandlungen der Bürgerschaft vom Jahre 1914. Stenographisch aufgezeichnet. Bremen 1914.  Sitzung vom 20. Mai 1914, S. 469. Der nationalsozialistische Senat hatte ihm im März 1933 sein Verbleiben im Amt angeboten, nicht zuletzt deswegen, weil Apelt ein ausgewiesener Hafen- und Wirtschaftsfachmann war, derer die neue Regierung mangels geeigneter eigener Leute dringend bedurfte. Voraussetzung dafür wäre allerdings gewesen, dass er in die NSDAP eingetreten wäre, was Apelt ablehnte. Vgl. Herbert Schwarzwälder, Berühmte Bremer. München 1972. S.322. Ein Beispiel für die politische Ambivalenz und den besonderen Stil von Apelt finden wir in seiner Ansprache beim 200jährigen Bestehen der Stiftung für das Post-Studium in Bremen am 19. Juni 1942. In 146 Versen unternahm er einen Gang durch die deutsche Geschichte bis in die Zeit der Weimarer Republik: „Im Innern regte sich die alte Kraft, die, aller Not zum Trotz, das Gute schafft, jedoch das Volk bleibt uneins und zerspalten, die Feinde konnten’s leicht zum Besten halten. Die Augen schauen sehnsuchtsvoll nach Rettung aus innerer und äußerer Verkettung. Indes von äußeren und inn’ren Wirren die Stiftung lässt sich nicht beirren. Der Acker war zu neuer Saat bereit. Und sieh: Es drehte sich das Rad der Zeit. Das Alte stürzt, ein Neues tritt hervor, es steigt zu neuer Macht das Reich empor. Doch neue Macht, sie wecket alten Neid. Die Gegner ringsum lauern sprungbereit. Der Funke zündet, springt von Land zu Land. Und wieder steht die ganze Welt in Brand.“ Zitiert aus Hermann Apelt, a.a.O., S.24. 
[5] Die Auszüge sind entnommen aus: Hermann Apelt, Reden und Schriften, hrsg. Von Theodor Spitta. Bremen 1962, S.58 -60. Die Rede findet sich überraschend auch – als einzige von ca. 60 Deutschland-Reden zwischen 1951 und 2010 – in voller Länge im offiziellen Eiswett-Buch. Vgl. Hermann Gutmann, Jochen Mönch, Die Eiswette von 1829. Ein Bremer Fest – Geschichte und Geschichten. Bremen, 2010, S. 107-111.

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Er begann mit den Sätzen: „Es geziemt sich nun des Vaterlandes zu gedenken. (…) Die Geschichte unseres Volkes ist vom Anfang her von Tragik umwittert, wie die keines der anderen Völker Europas. Das Schicksal hat uns zur Heimat die Mitte Europas gegeben … ohne natürliche Grenzen, – mit allen Gefahren einer solchen Lage. Diese Lage war es, durch die unser Volk sich wieder und wieder vor europäische Aufgaben gestellt sah, wie sie in dieser Art den anderen Völkern erspart blieben. … Als erste Aufgabe fiel den deutschen Stämmen zu, die Grundlagen des christlichen Abendlandes, d.h. Europa zu schaffen. (…) Eine dritte europäische Aufgabe Deutschlands und der Deutschen war die Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen die wieder und wieder anrollenden feindlichen Wellen aus dem Osten (…) stets waren  die Deutschen der Deich gegen die östliche Flut, der Wall gegen die östliche Gefahr. Die Entwicklung hat dahin geführt, dass zuletzt Russland zum Träger der östlich-asiatischen Gefahr wurde. Der Machthaber des Dritten Reiches hat dies erkannt, klarer erkannt als die anderen Mächte, – und indem er es unternahm, der Gefahr zu begegnen, konnte er meinen, im Sinne der uns Deutschen angestammten europäischen Aufgabe zu handeln.  Aber  w i e  (Sperrung im Original; der Verf.) er es unternahm, – in blinder Überheblichkeit und Maßlosigkeit, in Missachtung der Lehren der Geschichte, wie der Gebote des Rechts und der Menschlichkeit, – musste sein Unterfangen mit Notwendigkeit zum Verderben führen. (…) Das, was wir trotz allem in 6 Jahren aus den Trümmern wieder aufgebaut haben, ist wohl Anerkennung wert. Aber noch liegen unerhörte Aufgaben vor uns und wir stehen, „umrungen von Gefahr“ (die Anführungszeichen im Original, d. Verf.), in dauernder Bedrohung. Denn mit unserer Niederlage ist auch der schützende Damm Europas gegen den Osten zerbrochen und die anderen Mächte haben ihn, in bedauerlicher Verkennung, noch bis zum Grunde abgetragen, so dass wir zur Zeit ganz auf den Schutz der anderen angewiesen sind. Nun stellen sie an uns die Forderung, dass wir – eben unfreiwillig entwaffnet – uns freiwillig wiederbewaffnen sollen. (…) Will man unsere Jugend für den Gedanken der Bewaffnung gewinnen, so müssen ganz andere psychologische Voraussetzungen geschaffen werden, wobei es selbstverständlich ist, dass nur bei voller Gleichberechtigung an eine Beteiligung Deutschlands zu denken wäre. (…)

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Die entscheidende Frage für die anderen wie für uns sollte sein: Würde Deutschlands Bewaffnung der Erhaltung des Friedens förderlich sein oder abträglich? (…) Ob, wenn wir uns mit gleichen Rechten einreihen wollen in die Gemeinschaft der westlichen Völker – ob wir uns dann den gleichen Pflichten werden versagen können? Und so auch, ob wirklich unsere Wehrlosigkeit unser bester Schutz sein könne? Hier liegt die schwere und verantwortungsvollste Entscheidung, die uns auferlegt worden ist. Ich habe das Vertrauen, dass Deutschland nicht versagen wird und dass, wenn die Lage es von uns fordert, auch heute das Wort gelten wird, das Tacitus von den Chauken, die hier an der Unterweser saßen,[1] gesagt hat: „Si res poscat, exercitus.“ („Sie halten ihre Waffen bereit und wenn es die Lage erfordert, ein Heer“). Der Redner verzichtete auf eine Übersetzung, obwohl seine Zuhörer in ihrer überwiegenden Mehrheit des Lateinischen nicht mächtig gewesen sein dürften. Er wusste, dass sie ihn auch so verstanden hatten. Unmittelbar nach der Rede erhoben sich die Eiswettgenossen spontan und sangen die dritte Strophe des Deutschlandlieds.[2] Der Reporter des Weser-Kurier kommentierte: „Die von jugendlichem Feuer und einem unzerstörbarem Glauben an Deutschlands Zukunft getragene Rede des Senators Apelt[3] war der Glanzpunkt des offiziellen Teils.“[4]

[1] Die Chauken, bei Tacitus als das vornehmste Volk unter den Germanen beschrieben, ohne Habgier, ohne Herrschsucht, ruhig und abgeschieden lebend, hatten es Präsident Borttscheller offensichtlich angetan. Auf der Eiswette von 1965 kam er noch einmal auf sie zurück, ohne dass ein Bezug zur Feier erkennbar war6: „Auf der hohen Düne, wo heute Dom und Glocke stehen, versammelten sich möglicherweise unsere Vorfahren zum Thing, Chauken, hochgewachsene Kerle in zottigen Bärenfellen, mit Stierhörnern an den Helmen zur Abschreckung, als Kopfschmuck und um Met daraus zu trinken. Er belegte, dass diese Chauken schon eng mit der Schiffahrt verbunden waren, da sie Drusus‘ Flotte wieder flottmachten, nachdem sie in der Wesermündung bei Ebbe trockengefallen war.“ Bericht über die Eiswette im Weser-Kurier 18.01.1965
[2] Vgl. Karl Löbe, a.a.O., S.128.
[3] Hermann Apelt, seit 1945 Hafensenator, ein Amt, das er auch von 1917 bis 1933 innegehabt hatte, war in der Weimarer Repblik am rechten Rand der Deutschen Volkspartei angesiedelt. Er hatte in den Bremer Verfassungs-Debatten kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg noch für die Einschränkung des allgemeinen Wahlrechts in Bremen plädiert, weil es „zu zahlenmäßig schematisch ist.“ Die Bürgerschaft sollte weitgehend nach Berufsständen gegliedert bleiben. Das korporative Element in seinen politischen Vorstellungen mag den Nationalsozialisten, die mit ihrer Polittik der Volksgemeinschaft die Klassen gewissermaßen auf dem Stand von 1933 „einzufrieren“ versuchten, nicht ganz fremd gewesen sein. Das gilt auch für Apelts Definition des „Staatskörpers“ als eines „Leibes mit Organen und Gliedern“, der „in der bloßen Zahl der zugehörigen Individuen keinen entsprechenden Ausdruck findet. Vgl. Verhandlungen der Bürgerschaft vom Jahre 1914. Stenographisch aufgezeichnet. Bremen 1914.  Sitzung vom 20. Mai 1914, S. 469. Der nationalsozialistische Senat hatte ihm im März 1933 sein Verbleiben im Amt angeboten, nicht zuletzt deswegen, weil Apelt ein ausgewiesener Hafen- und Wirtschaftsfachmann war, derer die neue Regierung mangels geeigneter eigener Leute dringend bedurfte. Voraussetzung dafür wäre allerdings gewesen, dass er in die NSDAP eingetreten wäre, was Apelt ablehnte. Vgl. Herbert Schwarzwälder, Berühmte Bremer. München 1972. S.322. Ein Beispiel für die politische Ambivalenz und den besonderen Stil von Apelt finden wir in seiner Ansprache beim 200jährigen Bestehen der Stiftung für das Post-Studium in Bremen am 19. Juni 1942. In 146 Versen unternimmt er einen Gang durch die deutsche Geschichte und gelangt in die Zeit nach der Überwindung der Inflation in der Weimarer Republik: „Im Innern regte sich die alte Kraft, die, aller Not zum Trotz, das Gute schafft, jedoch das Volk bleibt uneins und zerspalten, die Feinde konnten’s leicht zum Besten halten. Die Augen schauen sehnsuchtsvoll nach Rettung aus innerer und äußerer Verkettung. Indes von äußeren und inn’ren Wirren die Stiftung lässt sich nicht beirren. Der Acker war zu neuer Saat bereit. Und sieh: Es drehte sich das Rad der Zeit. Das Alte stürzt, ein Neues tritt hervor, es steigt zu neuer Macht das Reich empor. Doch neue Macht, sie wecket alten Neid. Die Gegner ringsum lauern sprungbereit. Der Funke zündet, springt von Land zu Land. Und wieder steht die ganze Welt in Brand.“ Zitiert aus Hermann Apelt, a.a.O., S.24. 
[4] Weser-Kurier 5. Februar 1951.

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Nun hatte der Deutsche Bundestag in seiner ersten außenpolitischen Debatte am 24. und 25. November 1949 eine nationale Wiederbewaffnung abgelehnt. Die Eiswette war also in „nationaler“ Hinsicht ihrer Zeit gewissermaßen voraus. Der Kalte Krieg hatte Einzug gehalten. Mit dem Absingen der dritten Strophe des Deutschlandlieds waren die Eiswettgenossen voll im nationalen Trend, wie eine hübsche Anekdote aus der Kiste mit Adenauers listigen politischen Winkelzügen veranschaulichen mag.

Exkurs: Adenauer im Berliner Titaniapalast im April 1950

Bei seinem Besuch in Westberlin hielt Adenauer im April 1950 eine Rede im Berliner „Titania-Palast“, für die er einen politischen „Knaller“ vorbereitet hatte: Er forderte nach seiner Rede das Publikum auf, die dritte Strophe des Deutschlandlieds zu singen. Den Text hatte er vorsorglich auf die Sitze legen lassen, denn er ging aus gutem Grund davon, dass vielen Deutschen nur die erste Strophe geläufig war.[1] Die alliierten Stadtkommandanten blieben ostentativ sitzen, als sich das Auditorium zum Gesang von den Sitzen erhob, die anwesenden Vertreter des Regierenden Senats von Berlin verurteilten den „Handstreich“[2], die britische und die französische Regierung verurteilten Adenauers Vorgehen als Takt- und Geschmacklosigkeit, und der französische Regierungssender beklagte das Fortbestehen nationalistischer Gesinnung in Deutschland.[3] Der Skandal war beabsichtigt.[4] Das Deutschland-Lied war in der amerikanischen Zone ja zeitweilig sogar verboten, weil es zusammen mit dem Horst-Wessel-Lied die Nationalhymne des nationalsozialistischen Deutschlands gebildet hatte. Adenauers Coup war ein politisches Signal an die Alliierten in Richtung auf die volle staatliche Souveränität für die Bundesrepublik.

[1] Bei der Siegerehrung nach der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern sang das zahlreich vertretene deutsche Publikum vernehmlich die erste Strophe.
[2] West-Berlin hatte seit Dezember 1948 eine Allparteienregierung aus SPD, CDU und LDP, in der die SPD mit 76 von 119 Mandaten die absolute Mehrheit hatte.
[3] Vgl. Henning Köhler, Adenauer. Eine politische Biographie. Berlin 1994, S. 581/582.
[4] Vgl. Henning Köhler, a.a.O., S. 612 ff. Adenauer wurde einmal bei einem offiziellen Besuch in Chicago mit dem Lied “Heidewitzka, Herr Kapitän” empfangen. Vgl. Frankfurter Rundschau 15.5.2009.

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Auf der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestages hatten die Abgeordneten am 7. September 1949 das Lied gesungen: „Ich hab’ mich ergeben mit Herz und mit Hand, dir Land voll Lieb’ und Leben, mein deutsches Vaterland.“ [1]

Das Absingen der Nationalhymne nach der „Deutschland-Rede“ gehört seit 1951 zum festen Bestandteil jeder Eiswette. Wenn damals der Zeitungsreporter berichtete, dass diese Eiswette 1951 ein „Erlebnis der Harmonie der Gleichgesinnten“ gewesen wäre, vermeint man das Echo des gemeinsamen Gesangs aus 330 Männerkehlen zu hören.[2] Die Genossen dankten es Hermann Apelt. Auf der nächsten Eiswette wurde er als erstes und bis heute einziges „Ehrenmitglied“ in die Eiswettgenossenschaft aufgenommen[3], eine Ehre, die man Bürgermeister Koschnick später nicht erweisen würde, als er selbst diese Idee ins Spiel brachte, nachdem er die ihm angebotenen Mitgliedschaft in der Eiswette ausgeschlagen hatte.[4]  

Im folgenden Jahr war es Bürgermeister Kaisen, der das Signal zum Absingen des Deutschlandlieds gab, als er seine Rede mit den Worten „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ ausklingen ließ, obwohl es (noch) nicht Nationalhymne war.[5] 

1952 Wieder in der Glocke / Freigabe des deutschen Schiffbaus / Das „ewige Deutschland“

Nach Einschätzung des lokalen Berichterstatters war die Eiswette von1952 „ein Markstein in ihrer ehrwürdigen Geschichte.“[6] Sie fand zum ersten Mal wieder in der Glocke statt. Die Regierungskanzlei hatte dem Präsidium mitgeteilt, dass die Nutzung des Rathauses zukünftig kostenpflichtig sein würde und dass man das Senatsgestühl nicht mehr zur Verfügung stellen würde, auch nicht in Verbindung mit der Benutzung von Tischen. Vielleicht hat das den Auszug beschleunigt. Entscheidend dürfte aber gewesen sein, dass man sich nach dem hervorragenden Start zutraute, wieder eine große Gästeschar einzuladen, wie es nur in der Glocke möglich war. Zu den 249 Eiswettgenossen (darunter 25 neue), lud man 221 Gäste. [7]

[1] A.a.O. 
[2] Weser-Kurier vom 5. Februar 1951.
[3] Festschrift zum 125. Stiftungsfest der Eiswette, a.a.O., S.13.
[4] Vgl. Kapitel 9 „Die Ära Koschnick- Gätjen“.
[5] Erst am 6. Mai wurde – nach einem Briefwechsel zwischen Bundeskanzler Adenauer und Bundespräsident Heuß am 29.4. und am 2.5. – die dritte Strophe des Deutschland-Lieds durch Veröffentlichung im Bulletin der Bundesregierung offiziell Nationalhymne. Vgl. Wikipedia Nationalhymne a.a.O.
[6] Weser-Kurier, 21.1.1952.
[7] 1951 waren keine weiteren Mitglieder aufgenommen worden. Vgl. „Eiswette von 1829. Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest am 16. Januar 1954.“ StAB 16 N.10.006. Festschrift zum 125. Jubiläum, a.a.O.

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Neu war die Tischanordnung.[1] Während es früher in der Glocke nur einen großen Rundtisch gleich links am Eingang des großen Festsaales gegeben hatte, an dem Präsidiumsmitglied und Eiswette-Urgestein Degener-Grischow „regierte“[2], saßen nun die meisten Teilnehmer an runden Tischen, den „Eisschollen“,[3] die bis heute das äußere Bild der Feiern bestimmen.

1952 zum ersten Mal Rundtische, „Eisschollen“ genannt, im großen Festsaal der Glocke. Aufnahme aus dem Jahr 1955. Bremer Nachrichten vom 17.1.1955.

Das militärische Eingangsritual aus den zwanziger und dreißiger Jahren mit dem Gedenken an die Kriegsgefallenen hatte man, aus gegebenem Anlass, nicht wieder aufgegriffen. „Helden des Abends“ waren „die vier Männer, denen die deutsche und bremische Schifffahrt die Wiedereröffnung unserer Seewege vor allem zu danken hat: Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, Bürgermeister Kaisen, der amerikanische Admiral Charles R. Jeffs[4] und Hafensenator Hermann Apelt.“[5] Hans-Christoph Seebohm „sicherte den Hansestädten, die für den Bund eine ganz besondere Bedeutung haben, die Förderung des Bundesverkehrsministeriums für die Zukunft zu.

[1] Vgl. Löbe, a.a.O., S.128.
[2] Borttscheller a.a.O., S.166.
[3] Vgl. Löbe, a.a.O., S. 128.
[4] Charles R. Jeffs hatte sich als Kommandant der amerikanischen Flottenbasis in Bremen für die Wiederherstellung der bremischen Häfen als amerikanischer „Port of Embarkation“ eingesetzt. Er war bis 1949 Mitglied der US-Militärregierung in Bremen und von 1949 bis 1952 Landeskommissar. Er heiratete 1953 eine Bremerin und lebte bis zu seinem Tod 1959 in Bremen.
[5] Weser-Kurier am 21.1.1952. Am 3. April 1951 war die Schiffbaubeschränkung der westlichen Alliierten für die Bundesrepublik in ganzer Breite aufgehoben worden. Am 4. April 1951 war in Bremen aus Anlass der Freigabe des Schiffbaues durch die alliierten Behörden geflaggt worden. Am gleichen Tag statteten Direktor Franz Stickan als Vertreter der Reedereien und Direktor Robert Kabelac als Vertreter der Werften Bürgermeister Kaisen einen Besuch ab, um ihm dem Dank für seine Bemühungen um die Freigabe der Schifffahrt und des Schiffsbaus auszusprechen. Fritz Peters, Zwölf Jahre Bremen 1945 – 1956, Bremen 1976, S.223.

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Die deutschen Nordseehäfen müssten wir halten, da sie nicht nur für Deutschland der Schlüssel zur Welt, sondern auch für die Länder hinter dem Eisernen Vorhang von Bedeutung seien.“ Seebohm stand als politischer „Rechtsaußen“ der Adenauer-Regierung an der Schnittstelle von Wirtschafts-Aufschwungs-Euphorie und Revanche- Politik, was die an Polen abgetretenen Ostgebiete betraf. Nationales Pathos hielt nun wieder Einzug in die Eiswettfeiern. Der Bürgermeister selbst ließ es daran in seiner „Deutschland-Rede“ nicht fehlen: „Die gefallenen Soldaten des Krieges seien reinen Herzens und ohne Schuld für Deutschland als Opfer maßloser Machthaber in den Tod gegangen.“[1] „Nur wer erfüllt ist von dem Glauben an das ewige Deutschland, das unter wechselnden Formen seiner staatlichen Gestalt ein und dasselbe bleibt, nur der kann die Kraft finden und unverzagt am Wiederaufbau Deutschlands mitwirken.“[2] 1953 appellierte der Bundesminister für Angelegenheiten des Marshallplanes und Vizekanzler Franz Blücher (FDP) in seiner Bremen-Rede „an die Jugend, an Staat und Leben zu glauben. Das ewige Klagen sei die größte Seuche, unter der das deutsche Volk und seine Jugend leiden. Heute lohne es sich wieder, für Heimat und Volk zu arbeiten, die Freude und Liebe zur gewachsenen Entwicklung der eigenen Heimat zu pflegen.“[3] Der Tabakkaufmann Gerhard Freysoldt gedachte auf der gleichen Feier in seiner „Rede auf das  g a n z e  Vaterland“ der Brüder im Osten, der Opfer des Krieges und der Nachkriegszeit (sic!) und der noch nicht zurückgekehrten Kriegsgefangenen. Recht haben und Recht bekommen ist noch immer zweierlei.“

[1] Beide Zitate aus den Bremer Nachrichten vom 21. Januar 1952.
[2] Aus den handschriftlichen Notizen Kaisens zu dieser Rede, die Alfred Faust entworfen hatte. Das Manuskript trägt den Titel „Eiswette“. Es befindet sich in der Senatsregistratur unter dem Titel „Eiswette von 1829“. StAB V.2.Nr.2225.4. Der Weser-Kurier vom 21.1.1952 fasste die Rede so zusammen: „Er sprach über jenes Deutschland, das unvergänglich und ewig ist: das Deutschland jenseits aller patriotischen Schlagworte, das uns im Herzen lebt und uns befähigt, uns aus den dunkelsten Stunden unserer Geschichte wieder aufzuraffen zu neuem Aufbau.“ Ähnlich äußerte sich Kaisen in Gesprächen mit Theodor Spitta: Wenn auch alles verloren sei, „geblieben sei aber der Mensch, der deutsche Mensch; der müsse gerettet und seelisch wiederaufgerichtet werden“ (Schrägdruck im Original – d. Verf.) (26. Juni 1945); „Uns ist nichts geblieben, als der deutsche Mensch und die deutsche Erde.“ (10. Juli1945). Zitiert bei Theodor Spitta, Neuanfang auf Trümmern, a.a.O. (vgl. Anmerkung 102), S.170 und S.182.
[3] Bericht über die Eiswette in den Bremer Nachrichten vom 19. 1.1953.

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In der Deutschland-Rede des Bremer Senators Ludwig Helmken[1] von 1959 ging es um die Aufgaben der neuen nationalen Politik. Der Weser-Kurier fasst sie so zusammen: „Es wäre gut, wenn man in der Bundesrepublik das Technische und Materialistische heutzutage nicht überbewertete. Die Menschen sollten sich der geistigen Werte bewusst bleiben und sich nicht in Lethargie und Stumpfheit verlieren. Gerade die geistigen Kräfte müssten wach bleiben und sich entwickeln können, damit das Volk gegen eine äußere Gefährdung gefeit bleibe. Die Welt dürfe nicht um den Beitrag betrogen werden, der nur von den Deutschen und sonst von niemandem geleistet werden könne.“[2] Die Bremer Nachrichten zitierten den Redner mit den Sätzen: „Jedes Volk ist ein Glied in der Kette, die ein Gemeinschaft darstellt, und jedes Volk hat sein eigene Aufgabe in dieser Gemeinschaft. Wenn (…) ein Volk nur sich selbst lebt, dann ist es schlecht darum bestellt. Die Geschichte lehrt, dass Deutschland seine guten Zeiten hatte, wenn es vom Geist des Abendlandes erfüllt war, und dass die schlechten kamen, wenn es sich zurückgezogen hatte.“[3]   

125. Jubiläum 1954 / Das Kaiserreich feiert fröhliche Urständ

„Jubilate!“ rief Borttscheller den 600 Teilnehmern zu Beginn der Feier zu.[4] Es war das größte Fest in der Geschichte der Eiswette. 274 Genossen saßen 326 Gästen gegenüber.[5] Wie zur 75- und zur 100-Jahrfeier hatte man eine Festschrift herausgegeben, in der neben Namen, Adressen und Eintrittsjahren der Eiswettgenossen zum ersten Mal auch die Namen der Gäste aufgelistet waren (ein Brauch, der bis heute gepflegt wird). Unter den 29 neu aufgenommenen Genossen waren 12 ehemalige NSDAP-Mitglieder (41%), eine Quote, die höher war als die in der Gesamt-Genossenschaft, deren Quote aber dadurch noch einmal kräftig angehoben wurde. Es ergab sich das Paradoxon, dass der Anteil von NSDAP-Mitgliedern 1954 höher war als auf der Eiswette von 1939.[6] Das spielte insofern keine Rolle, als das Präsidium die Zeit von 1933 bis 1939 in der Festschrift übersprungen hatte.

[1] Ludwig Helmken, FDP, ehemaliges Mitglied der NSDAP, 1953 bis 1959 Bremer Senator für Außenhandel.
[2] Bremer Nachrichten 19.1.1959.
[3] Weser-Kurier 19.1.1959.
[4] Weser-Kurier, 18.1.1954.
[5] Bereits 1953 war die Zahl der Gäste (321) höher als die der Eiswettgenossen (249).
[6] Dieses Phänomen hat der Historiker Ulrich Herbert für manche Ministerien der Bonner Republik für 1954 festgestellt (hier im Vergleich mit dem Jahr 1940). Vgl. Ulrich Herbert, Elitenkontinuität in Politik und Verwaltung? Zur NS-Belastung hoher Funktionsträger in der jungen Bundesrepublik. In: Die NS-Vergangenheit früherer Mitglieder der Bremischen Bürgerschaft. Projektstudium und wissenschaftliches Colloquium, hrsg. von der Bremischen Bürgerschaft, Abteilung Informationsdienste. (Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen – Heft 50), Bremen 2014, S.124-139, hier S. 131.

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Man druckte den Text von 1929 einfach nach und ergänzte:  Hugo Gebert „präsidierte der Wette zum ersten Male 1933 und verstand es, den hohen Ruf, den Hans Wagenführ dem Fest gegeben hatte, auf gleicher Ebene zu halten. (…) Während des Krieges und der ersten Jahre danach musste die Wette ruhen (…) und dann musste nach den furchtbaren Jahren an diese schöne Zeit wieder angeknüpft werden.“[1] Zu der Schwierigkeit, die man mit der Ernennung eines neuen Präsidenten gehabt hatte, fand sich kein Wort, geschweige denn zu den politischen Problemen, die führende Eiswettgenossen wegen ihrer  Mitgliedschaft in der NSDAP gehabt hatten. Die Tür zur jüngsten Vergangenheit hielt man fest verschlossen.

Auch wenn Borttscheller als Chefredakteur der Weser-Zeitung dem Kult um den „Führer“ erlegen war, gingen seine politischen Wurzeln doch tiefer – bis in die kaiserliche Gesellschaft. So ist es wohl zu verstehen, dass er zur Jubiläumsfeier zwei leibhaftige Thronfolger eingeladen hatte: Seine königliche Hoheit [2] Prinz Louis Ferdinand von Preußen, Enkel des Kaisers, Thronprätendent für den preußischen Königs- und den deutschen Kaiserthron und Prinz Ernst-August von Hannover und Herzog von Braunschweig, Oberhaupt und Thronerbe des ehemaligen Königs von Hannover aus der Welfenfamilie. Unter den Gästen befand sich ferner General von Lettow-Vorbeck, Heldenfigur aus der Kaiserzeit, unbesiegter Afrikakämpfer im Ersten Weltkrieg, unverbesserlicher Militarist und Kolonialist der zwanziger und dreißiger Jahre, erklärter Gegner der Weimarer Republik, seit 1919 Mitglied des „Stahlhelm“ und regelmäßiger Gast und Redner auf den Eiswetten jener Zeit. Die Anwesenheit der drei Herren schien einen Abend lang „des Reiches kaiserliche Herrlichkeit“ wieder auferstehen zulassen.

[1] Eiswette von 1829. Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest am 16. Januar 1954, S.11. StAB 16.N.10.006. 
[2] Mit dem Titel-Kürzel SKH wird er im Eiswettbuch von Gutmann aufgelistet. Vgl. Gutmann, a.a.O., S. 54. 1984 wird SKH die Gelegenheit erhalten, die „Deutschland-Rede“ auf der Eiswette zu halten.

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Lettow-Vorbeck beim Herbstmanöver in Celle 1935¸ Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H27605

Kaisen hatte seinen Pressesprecher Alfred Faust mitgebracht, der seit 1919 zunächst allein und dann in den zwanziger Jahren mit ihm gemeinsam die sozialdemokratische „Bremer Volkszeitung (Bremer Bürgerzeitung)“ herausgegeben hatte. So ergab sich die Konstellation, dass Kaisen sich in der „Deutschland-Rede“ an politisch gegensätzlich verortete Gäste richten musste, was allerdings für ihn kein Problem war, wenn man seine vorangegangenen Eiswette-Reden betrachtet. Kaisen gedachte „zunächst der Brüder im Osten,“[1] um dann fortzufahren:[2] „Das deutsche Volk an sich ist noch da, aber sein Gebiet ist getrennt und sein Staat nicht vollendet. Deutschland ist immer noch entmündigt und von den Siegermächten besetzt.“ Er nahm dann die Topoi aus der Rede Apelts von 1951 auf von den „alten Gegensätzen zwischen dem Abend- und dem Morgenland, die nun schon über eineinhalb  Jahrtausend der Geschichte Europas ihren Stempel aufdrücken“, von der „abendländischen Kulturgemeinschaft, zu der wir gehören“ und von den geistigen und sittlichen Werten des freien Menschentums und der Herrschaft des Rechts, denen wir uns verbunden fühlen.“

[1] Weser-Kurier vom 18.1.1954.
[2] Die folgenden Passagen sind seinem Redemanuskript „Eiswette am 16.1.1954“ entnommen. Kaisen-Nachlass, StAB 7,97/05.

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Er schloss seine Rede mit den Worten: „Wir müssen warten und durchhalten und können im Glauben und Vertrauen auf unsere westliche Idee die Überzeugung haben, dass wir siegen werden.“ Unmittelbar nach seinem Appell „Einigkeit und Recht und Freiheit“ erhoben sich die Festteilnehmer wie üblich und sangen die dritte Strophe des Deutschlandlieds. In der Reportage wurde Kaisens Rede als „ein ehrliches Bekenntnis zu den ewigen Werten des Abendlandes“ zusammengefasst.[1] Die politisch brisante Mischung der Gäste wurde in der lokalen Berichterstattung nicht erwähnt. Ob es Alfred Faust gewagt hatte, wie Kaisen im Straßenanzug zu erscheinen, ist nicht überliefert.

Die Festschrift trug den Titel: „ Pro patria, dum ludere videmur“.[2] Man hatte das Motto von der 100Jahr-Feier übernommen.[3] Es lässt sich so übersetzen: „Was Spiel nur scheint, ist Dienst am Vaterland.“ Was damit gemeint war, kam in den Kopfzeilen der Zeitungs-Reportage von 1954 zum Ausdruck: „Dieses schöne Fest echter bremischer Wirtschaftstradition ist längst aus der spielerisch-spekulativen Sphäre seines Ursprungs herausgewachsen und zu einer bedeutsamen Kundgebung für die Eigenständigkeit unseres Stadtstaates und seine Aufgaben im Rahmen des größeren Gemeinwesens geworden.“[4]

[1] Zitate aus Weser-Kurier vom 18.1.1954.  
[2] „Eiswette von 1829. Gedenkschrift zum 125. Stiftungsfest“, a.a.O. Der Spruch ist als Motto heute noch zu lesen am 1914 eingeweihten Bootshaus der ehemaligen Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen bei Kassel, die 1898 gegründet worden war.
[3] So steht es in einem Beiblatt zur Eiswette 1929 in der Weser-Zeitung, zitiert im Artikel „Nachschlag“, einem zweiten Artikel zur Eiswette 1936 in den Bremer Nachrichten vom 14.1.1936.
[4] Bremer Nachrichten vom 18.1.1954.

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Festschrift (Originalgröße) zum 125. Jubiläum 1954 mit 274 Genossen und 326 Gästen
Der Vorstand (das Präsidium) auf der Jubiläumsfeier 1954
Man beachte die Spenden in den Jahren 1940 und 1941!

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„Maßhalten!“ / Ludwig Erhard auf der Eiswette 1956 / Die „zweite Bremer Originalität“

Am Mikrophon Erhard; neben ihm Borttscheller; im Vordergrund Kaisen.
Weser-Kurier 16.1.1956

Erhard war mit starkem Beifall begrüßt worden. Auch wenn er „nur“ die Bremen-Rede halten durfte, standen seine Ausführungen doch im

Mittelpunkt der Veranstaltung. Er richtete einen seiner berühmten Maßhalte-Appelle an die Versammlung: „Vieles spräche dafür, dass die Hochkonjunktur stabilisiert wird. Allerdings bedarf es dazu einer entscheidenden Voraussetzung: dass Unternehmer und Arbeiter maßhalten und sich in ihren Preis- und Lohnvorstellungen umsichtig verhalten. Geschähe das nicht, dann werde sehr bald ein äußerster Gefahrenpunkt für das Sozial- und Wirtschaftsgefüge und die Währung erreicht.“ Bremen hätte in der wirtschaftlichen Entwicklung eine herausragende Bedeutung: „Noch nie hätte der Außenhandel für Deutschland eine so überragende Bedeutung gehabt wie gerade jetzt. (…) „Wenn es Bremen gut geht, geht es auch Deutschland gut und umgekehrt.“ [1]  „Er unterstrich dabei die Notwendigkeit, dass der Bremer Ein- und Ausfuhrhandel, der jahrzehntelang Lagerhalter für Deutschland und die Nachbarländer gewesen sei, seine frühere Stellung wiedererlange. (…) „Wenn der Geist, der in dieser Stadt lebendig ist, in ganz Deutschland herrschen würde, brauchte uns um die Zukunft nicht bang zu sein.“ [2] Die Reportage in den „Bremer Nachrichten“ trug den Titel: „Bremens Flagge weht: Necesse navigare“. Borttscheller hatte neben der Prominenz (u.a. der Generaldirektor der Klöckner-Hütte Duisburg und ein Ministerialdirektor aus dem Verkehrsministerium, Abteilung Seewege) auch Gäste seiner ganz eigenen politischen Couleur eingeladen. Diesmal waren es der Erbherzog Nikolaus von Oldenburg und „Seeteufel“ Graf Luckner. Die „Deutschland-Rede“ hielt Finanzsenator Nolting-Hauff:[3]: Dem Ziel der Wiedervereinigung müsse alles andere untergeordnet werden. „Neben dem staatlichen und dem diplomatischen gibt es noch ein geheimes Deutschland, das sich mehrmals in der Geschichte ganz überraschend meldete:1813, in den Augusttagen 1914 (sic!) und im Juni 1953 in der sowjetischen Zone.“

„Die Weine waren vorzüglich gewählt“, schrieb der Weser-Kurier, „die Küche der „Glocke“ machte ihrem Ruf alle Ehre, und die Stimmung war demgemäß ausgezeichnet. ( …) Dieses Fest dürfte in jeder Beziehung als ein Höhepunkt in die Eiswettgeschichte eingehen.“ Borttscheller, der „zahlreiche Freunde aus dem Bundesgebiet und aus Österreich begrüßen konnte, ist es im Laufe seiner Amtsführung gelungen, der Eiswette auch draußen wachsendes Ansehen zu verschaffen und damit der Schaffermahlzeit eine zweite Bremer Originalität an die Seite zu stellen.“ [4]

[1] Beide Zitate Weser-Kurier vom 16.1.1956.
[2] Bremer Nachrichten vom 16.1.1956.
[3] Er übte das Amt von 1945 bis 1962 ehrenamtlich aus.
[4] Weser-Kurier a.a.O.

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Die Eiswette wird nationales Spektakel

Kranzniederlegung am Bismarck-Denkmal

Ende September 1952 ließ Borttscheller im Namen der Eiswette einen Eichenlaubkranz am gerade wieder auf dem 6,5 Meter hohen Sockel[1] aufgestellten Bismarck-Reiterstandbild niederlegen. Das Denkmal war in der Stadt höchst umstritten. 1942 hatte man es zum Schutz vor Luftangriffen vom Sockel genommen und an der Nordseite des Doms eingemauert. Dort stand es nun, den Blicken der Bürger entzogen, seit zehn Jahren. Es war Bürgermeister Kaisen, der sie wieder in der alten Größe aufstellen wollte. Allerdings stieß er auf entschiedenen Widerstand seiner Partei. Zuerst lehnte die Deputation für Wissenschaft und Kunst es ab, den „Antidemokraten“ und Verkünder des Sozialistengesetzes wieder auf den Sockel zu heben. Dann debattierte die Bürgerschaft lange darüber mit dem Ergebnis, dass die SPD-Fraktion sich fast einstimmig dem Beschluss der Deputation anschloss. Kaisen ignorierte sowohl das Votum der Deputation als auch das seiner Parteifraktion, die immerhin knapp 40% der Wählerstimmen repräsentierte, und setzte am 12.9.1952 im Senat die Aufstellung durch. Sie erfolgte bereits zehn Tage später.[2] Für Borttscheller war das ein willkommener Anlass, seinen politischen Neigungen zu frönen. Als er den Versammelten auf der Eiswette 1953 von der Kranzniederlegung berichtete, tat er das mit den Worten, dass die Eiswette Bismarck „auch in Bremen in den Sattel setzen würde.“[3]

1954 Eiswettprobe mit Schneider

Einen erheblichen Beitrag zur landesweiten Kenntnisnahme der Eiswette leistete seit 1954/1956 die Zeremonie der Eiswettproben am 6. Januar jedes Jahres. Es hatte zwar seit 1929 eine reale Probe an der Weser gegeben, aber die geschah ohne Publikum und wurde lediglich durch einige Steinwürfe von sehr festlich gekleideten Herren des Präsidiums vorgenommen.[4] Nur 1934 war es zu dem berühmten Spektakel mit Dromedar und drei „Heiligen Königen“ gekommen.

[1] Die bei der Planung des Denkmals vorgesehene Höhe betrug 8,5 Meter. Dass sie um zwei Meter abgesenkt wurde, ging auf den Einwand des Künstlers Adolf von Hildebrand zurück, der argumentierte, dass dies schlicht „der Sichtbarkeit der Figur zugutekäme“. Vgl. Beate Mielsch, Denkmäler, Freiplastiken, Brunnen in Bremen 1800-1945. Bremen 1980 (Bremer Bände zur Kulturpolitik, hrsg. im Auftrag des Senators für Wissenschaft und Kunst von Volker Plagemann. Band 3), S. 29. Bismarck sitzt immer noch so hoch im Sattel, dass der Bremer Bürgermeister, wenn er aus seinem Amtszimmer auf ihn schaut, zu ihm aufsehen muss.
[2] Vgl. Mielsch, a.a.O., S. 28/29.
[3] Weser-Kurier vom 19.1.1953.
[4] Vgl. Vgl. das Unterkapitel „Legende 2: Eiswettproben seit 1829“ im Kapitel 2.

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Der Mummenschanz war als Jux für die Eiswettfeier des gleichen Jahres gedacht, wo den Versammelten, unter ihnen Georg Borttscheller, unter großem Beifall ein Amateur-Film über das Ereignis vorgeführt wurde[1]. Es blieb bei diesem einen Akt. Im nächsten Jahr war man wieder zum alten Verfahren mit dem Komitee übergegangen. Dabei war es bis 1953 geblieben. Borttscheller, nutzte die Gelegenheit der 125-Jahr-Feier, um die dröge Zeremonie mit den zylinderbewehrten Herren nach dem Vorbild von 1934 „aufzupeppen“. Allerdings machte ihm das Dromedar zweimal einen Strich durch die Rechnung, und so verzichtete er schließlich für immer auf diesen Teil. Die anderen Figuren gibt es bis heute. Am 6. Januar 1954 stand, Glockenschlag 12 Uhr, „ein spitzbärtiger Schneider im Biedermeierkostüm am vereisten Ufer der Weser am Punkendeich vor dem versammelten Präsidium“. [2] 1956 übernahm er -, nach einem Interregnum 1955[3]– endgültig das Szepter. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Schneider, ein Laiendarsteller, mit seinen frechen plattdeutschen Sprüchen zur Attraktion der Zeremonie.

[1] Der Film ist im Kapitel 12 dieser Website „Das Beste im Norden sind unsere Eiswetten“ anzuschauen.
[2] Weser-Kurier vom 7.Januar 1954.
[3] 1955 fand noch einmal das alte Zeremoniell nur mit der Kommission statt. Es dauerte keine drei Minuten. Vgl. Weser-Kurier vom 7.1.1955.

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Der erste Auftritt des Schneiders am 6. Januar 1954. Bremer Nachrichten 7.1.1954

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Herausposaunen der Spendenrekorde

Auch wenn die Eiswettgenossenschaft als Institution in ihren ersten hundert Jahren nie gespendet hat, können wir doch davon ausgehen, dass einzelne Mitglieder die rege Spendentätigkeit, die jahrzehntelang besonders für Projekte der Stadtentwicklung üblich war, mit eigenen Beiträgen unterstützten oder gar auf den Weg brachten. Aber während sich das Mäzenatentum wohlbetuchter Bremer Kaufleute eher hanseatisch diskret abspielte, [1] nahm das Spenden auf den Eiswettfeiern eine andere Richtung. Es war einer Laune von Präsident Hans Wagenführ entsprungen. In seinem ersten Präsidentenjahr 1928 hatte ihm Franz Stickan, Vorstandsvorsitzender der Dampfschifffahrtsgesellschaft „Neptun“, drei Utensilien aus dem Nachlass von Heinrich Nolze[2] überlassen, dem letzten Präsidenten der „Lustigen Eiswette“, die 40 Jahre lang bis 1914 parallel zur ursprünglichen Eiswette stattgefunden hatte: die Wetturne, die Spardose und eine Schiffs-Signalglocke. [3]

[1] Vgl. in Kapitel 1 das Unterkapitel „Rituale“, Stichwort „Spenden“.
[2] Vgl. das Stichwort „Heinrich Nolze“ in Kapitel 1, Unterkapitel „Fünf biographische Skizzen“.
[3] Vgl. Kapitel 2, Unterkapitel „Die Hundertjahrfeier in der „Glocke“ 1929“ – „Die Eiswette wird öffentlich und deutschnational.“ Vgl. auch Karl Löbe, a.a.O., S.114 und 118.

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Wagenführ erklärte der Versammlung, „dass die Glocke auf seinem Tisch nicht nur dem Präsidenten vorbehalten wäre. Aber wenn ein anderer sie anschlagen wolle, müsse er 10 Mark auf den Tisch legen, für mehrere Schläge entsprechend mehr. Die Anwesenden verstanden. Nach kurzer Zeit lagen 500 Mark neben der Glocke.“ [1] Bei Wagenführs Liebe zur Marine hatte es nahe gelegen, dass er einen Adressaten aus dem Bereich der deutschen Seefahrt auswählte. Es wurde die erste Spende für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Bis ins letzte Jahr von Wagenführs Präsidentschaft blieb es bei Summen in dieser Größenordnung: 1932 wurden 1200 Mark gespendet, die bei 15 Teilnehmern die bescheidene Summe von 4 Mark pro Kopf ergaben. Auf den Eiswetten, die ab 1934 nach nationalsozialistischen Riten veranstaltetet wurden, änderte sich das grundlegend. Eine der Bedingungen der NS-Prominenz für ihr Erscheinen war gewesen, dass die Versammelten 3,50 Mark pro Teilnehmer für das Winterhilfswerk spendeten. So geschah es bis 1939. Dazu kam jeweils noch eine etwa gleiche Summe an Spenden für die DGzRS.[2]

Unter Borttscheller wurde das Spenden zu einer großen Nummer. 1951 wurde zum ersten Mal erwähnt, dass man das Vorjahresergebnis übertroffen hätte. Seitdem gehört die Spannung, ob es gelingt, das Vorjahresergebnis zu übertreffen, zu den bejubelten Höhepunkten jeder Feier. Wenn sich beim Auszählen auf der Feier herausstellte, dass man das Vorjahresergebnis nicht übertreffen würde, nahm sich ein großzügiger Spender des Problems an. Die Spendensumme stieg in der Borttscheller-Ära um das Zehnfache von 3000 DM 1951 auf 30.000 DM 1967. Es war eine regelrechte Rekordjagd. Die Summen belasteten die 615 Teilnehmern aber nur bescheiden mit durchschnittlich 50 DM pro Kopf. Die Festschrift zur 125-Jahr-Feier 1954 enthielt zum ersten Mal eine Liste aller erbrachten Spenden. Von nun an konnte das Publikum den Umfang der Spendentätigkeit in regelmäßig veröffentlichten Zwischenbilanzen (jeweils seit 1949) verfolgen: 1955: 33.000 DM: (WK 16.1.1956); 1960: 95.700 DM (WK 23.1.1961); 1965: 195.200 DM (BN 17.1.1966)[3]. Die Spenden für das Winterhilfswerk aus den Jahren 1934 bis 1939, die mit 10.000 RM fast die die Höhe der Spenden jener Jahre für die DGzRS erreichten, wurden nie mehr erwähnt.

[1] Löbe, a.a.O., S.118.
[2] Vgl.Kapitel 3 „Mir den Wölfen geheult“.
[3] WK = Weser-Kurier; BN = Bremer Nachrichten.

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1946 hatte die Eiswette noch zwei Bankguthaben in Höhe von insgesamt etwa 2500 RM, aus der die ersten Spenden von je 100 RM an die DGzRS und an die von Bürgermeister Kaisen gegründete „Bremer Volkshilfe“ gingen. [1] Dies war die letzte Spende für eine soziale Einrichtung der Stadt. 1966 verkündeten die Bremer Nachrichten einen „absoluten Rekord in den 137 Jahren der Eiswette“, obwohl man erst seit 29 Jahren spendete.[2]). Der Mythos Eiswette war längst stärker als die Wahrheit.

BN 23.1.1961: Bericht über die Spendenhöhe an exponierter Stelle
Weser-Kurier 18.1.1965 Spektakel à la Borttscheller: Geldzählen unter Aufsicht eines Polizeibeamten in Dienstuniform. 

[1] Vgl. Löbe, a.a.O., S.124.
[2] 1928 bis 1939 und 1949 bis 1966

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Strip-tease der „Brema“

Auf der klassischen Eiswette hatte man nie Frauen aus Fleisch und Blut gesehen. Aber anwesend waren sie von Anfang: in Trinksprüchen „auf die Frauen und Jungfrauen“. „Wahrscheinlich galten sie bei der Heimkehr im mühsam erstatteten Tätigkeitsbericht als mildernde Umstände“, schreibt der Chronist[1] und meint die schwankenden Gestalten, die möglicherweise von ungehaltenen Ehefrauen in Empfang genommen wurden. Seit den 70er Jahren wurden – vermutlich unter dem Einfluss der im Kaiserreich erblühten Burschenschaften – sogenannte Damenreden gehalten, ein Brauch, der bis in die 90er Jahre gepflegt wurde, wie die Protokolle verzeichnen. Die moderne Eiswette schlug ein neues Damen-Kapitel auf. Von 1931 an bereicherten jedes Jahr Damen vom Ballett aus dem Staatstheater, später auch aus dem Astoria, das Unterhaltungsprogramm „in bewährter Künstlerschaft“, mal zu zweit, mal in größerer Formation „mit entzückenden Tanzeinlagen“ (BN 7.1.1935). Diese Tradition wurde 1950 in etwas abgewandelter Form wieder aufgenommen, als „zwei reizende Läuferinnen auf Rollschuhen zwischen den Tischen tanzten.“ (BN 30.1.) 1951 ließ „anmutige Parterreakrobatik und das Eiswette-Ballett die Zuschauer heiß und kalt werden.“ (WK 5.2.). Auch 1952 wurde das Festspiel „durch hübsche Tanzeinlagen wirkungsvoll belebt“, zumal „das Eiswettballett auf Rollschuhen Mühe hatte, sich durch den dicht gedrängten Saal zu winden.“ (WK 21.1.)

[1] Löbe, a.a.O., S.137.

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Weser-Kurier 16.1.1956; im Hintergrund rechts der Schneider

Dabei blieb es bis 1956 mit einem vorläufigen Höhepunkt 1953, als Najada, die Schlange vom Centaurenbrunnen und ein viel beklatschtes Pinguin-Ballett“ auf der Bühne tanzten. (WK 12.1.). In den folgenden Jahren scheint man auf diese Art der Unterhaltung verzichtet zu haben, bis es 1965 zu einem Höhepunkt der etwas anderen Art kam. Auftrat „Susanne E.“ als „Dame Brema“, die den Schwund der territorialen Hülle Bremens im Laufe der Jahrhunderte vorführte.“ (BN 18.1.) „Es war nur natürlich, dass ein tausendjähriges Strip-tease der Dame „Brema“ den besonderen Beifall der Festversammlung fand, die traditionell unter Ausschluss des schwachen Geschlechts stattfindet. Bevor das Strip-tease allzu delikat wurde, legte Bürgermeister Smidt seinen schützenden Mantel um die schlanke, schon recht entblößte „Brema“. (WK 18.1.) Die Lokalpresse
scheute sich 1965 noch, das Ereignis fotografisch abzubilden. (Beim zweiten Strip-Tease im Jahr 1974 war das anders.)

Ganz so selbstverständlich war der Ausschluss des „schwachen Geschlechts“ jedoch nicht, denn es gab, wie der Chronist berichtet, im Jahr 1952 eine kurze Debatte darum, ob man die „Eiswettwitwen“, „wenn sie sonst auch von allem ausgeschlossen werden müssten, wenigstens Gelegenheit bekommen (sollten), das Eiswettspiel von der Galerie aus mitanzusehen“, wobei sie sich „selbstverständlich aller Äußerungen der Zustimmung und es Missfallens zu enthalten (hätten).“ Die Anregung kam aus der Mitte der Eiswettgenossenschaft. Sie wurde offensichtlich nach den Grundsätzen der von Borttscheller so geschätzten Demokratur entschieden: „Den Wettgenossen, soweit

deren Meinung eingeholt wurde, gefiel das ganz und gar nicht, weil sie sich unter Kontrolle gebracht sahen.“[1] Nur eine Frau war zugelassen – und auch nur kurz zu einem besonderen Anlass: „Frau Weser“, die damals das Bügeleisen hielt – was heute der Schneider macht – auf das die Novizen ihren Eid ablegten. Sie zu umarmen war zu Borttschellers Zeiten „allein Vorrecht des Präsidenten. (BN 23.1.1967) 1961 war sie erstmalig auf einem Foto abgebildet. Selbst weibliches Bedienungspersonal durfte nicht den Festsaal betreten. (Dieses Tabu wurde erst 1992 gebrochen, als Präsident Kloess in einer besonderen Erklärung zu Beginn der Feier den ungeheuren Tatbestand mitteilte, dass sich unter dem Bedienungspersonal auch 75 Frauen befänden. (WK 19.1.)

[1] Löbe, a.a.O., S. 128/129.

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Hochkarätige Ehrengäste / Bundesweites Echo –

Die ursprüngliche Eiswette kannte in ihren 84 Jahren nur Bremer. Es waren private Feiern, auf denen keine Senatoren oder andere Honoratioren der Stadt eingeladen waren. Einzige Uniform war der Schniepel (Frack). Es gibt nicht eine Zeitungsnotiz über sie. Dementsprechend findet sich auch nichts in der Bremischen Chronik. Das gilt auch für die Eiswetten von 1924 bis 1928. Die damals eingeführten drei Reden auf die Gäste, auf Bremen und auf Deutschland wurden vorher vergeben und von Bremern gehalten. Der  Zustrom von Gästen ergab sich ausschließlich durch private Kontakte, wie es Borttscheller anschaulich beschrieben hat. Das änderte sich erst mit der Präsidentschaft von Hans Wagenführ. Er machte 1929 die Eiswette zu einer halb-öffentlichen Veranstaltung, als er wesentlich mehr Gäste einlud als sie „Genossen“ hatte. Mit 500 Teilnehmern im Festsaal der Glocke wurden es Feiern im großen Stil. Unter den Gastrednern waren nun Repräsentanten aus Handel, Industrie und Seeschifffahrt, Freikorpsler und hohe Offiziere der drei Reichswehrteile. Die Eiswette wurde quasi zu einer nationalen, „halb-politischen“ Veranstaltung. Die fand Eingang in die Berichterstattung der lokalen Presse. Als Präsident Gebert Vertreter des nationalsozialistischen Senats einlud und die Feiern entsprechend umgestaltet wurden, veröffentlichte auch die Parteipresse regelmäßig wohlwollende Reportagen.[1]

Borttscheller knüpfte zunächst ganz an die lokale Tradition der Eiswette an. Im „Eiswettspiel“ von Otto Heins von 1951 ging es zum Beispiel um ein Binnenschiff namens „Knurrhahn“, das mit einer „abenteuerlichen Reise“ von der Weser zur Bundeshauptstadt am Rhein“ die naheliegenden Pointen“ lieferte. Gott Merkur, die Loreley, ihr Sohn Bacchus, Rheinjungfrauen und der Bootsmann von der Waterkant gaben sich „ein fröhliches Stelldichein an Bord.“

[1] Vgl. die Kapitel 2 und 3.

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Für die Deutschland-Reden – Höhepunkte jeder Eiswette –lud er in den ersten neun Jahren seiner Präsidentschaft fast ausschließlich Bremer ein.[1]

Die Reportagen in den Lokalzeitungen waren noch recht bescheiden. In den Bremer Nachrichten vom 5.2.1951 ist die Reportage („Die Bremer Eiswetter wieder optimistisch“, Seite 6) noch eingeklemmt zwischen „Bremer Bühnenball“, „Frau Luna-Premiere“, Wetterbericht und Protest gegen die Süßwarensteuer: Etwas hochgegriffen begrüßte Borttscheller die Gäste auf der Eiswette von 1955 als „Vertreter des Adels der deutschen Industrie“.

[1] Die sieben Bremer unter den neun Deutschland-Rednern von 1951 bis 1959 waren Senator Apelt (1952), Bürgermeister Kaisen (1952 und 1954), der Bremer Kaufmann Gerhard Freysoldt (1953), Senator Nolting-Hauff, (1956), Senator Noltenius (1957), Senator Helmken (1959).

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Aber damit zeigte er die Richtung an, in die sich die Eiswette entwickeln sollte. Ab 1960 hielten nur noch hochkarätige auswärtige Gäste die Deutschland-Reden, u.a. Bundesbankpräsident Karl Blessing (1960), der amerikanische Generalkonsul Harrison Lewis (1962), Bundesminister Walter Scheel (1963), der Präsident des Verbandes deutscher Banken und des deutschen Industrie- und Handelstages Alwin Münchmeyer (1964), Staatssekretär Karl Carstens (1965) und der Präsident der Handelskammer Hamburg Walter Stödter  (1967).[1] Erst 1981 wird mit Koschnick wieder ein Bremer Bürgermeister  die Deutschland-Rede halten.[2] Die Zusammenlegung der Bremen-Rede und der Deutschlandrede 1961 gab dieser noch mehr Gewicht, was eine noch größere Konzentration der Berichterstattung auf den auswärtigen Gast bewirkte. Mit jedem renommierten Deutschland-Redner verbreitete sich der Ruf der Eiswette über Bremen hinaus. Die Zahl der auswärtigen Gäste stieg: 1954 hatten sie noch einen Anteil von 17% an der Gesamtzahl der Teilnehmer (56 von326), 1967 kam schon jeder vierte Gast von auswärts (89 von 353). [3] Selbst die Eiswettgenossen kamen zunehmend aus anderen Gegenden der Republik. Waren es 1954 noch 5% (12 von 46), hatte sich die Quote 1967 mit 11% mehr als verdoppelt. (28 von 244).[4] Da Borttscheller in zunehmender Zahl – zunächst nur lokale – Journalisten auf die Feiern einlud, wurden die Zeitungsberichte zahlreicher und umfangreicher. Ab 1956 waren sie in der Regel ganzseitig, bestückt mit zwei, drei oder auch vier Fotos.

[1] Die anderen waren Theodor Eschenburg, der renommierte konservative Politikwissenschaftler (1961), Wilhelm Röpke, der international renommierte Schweizer Wirtschaftswissenschaftler (1966).
[2] Koschnick hatte schon 1973 die Gäste-Rede gehalten. Sie war der Grund dafür, dass Präsident Gätjen ihm die Mitgliedschaft in der Eiswette angeboten hatte. Vgl. das Kapitel: „Die Ära Koschnick-Gätjen“.
[3] In heutiger Zeit liegt er bei 34% (2013: 263 von 767; wenn man die Eiswettgenossen von auswärts dazu zählt, sogar 39%). Vgl. die Teilnehmerlisten in den Programmheften.
[4] 2013 lag die Quote auswärtiger Eiswettgenossen bei 14%. (36 von 254). Vgl. die Teilnehmerlisten in den Programmheften.

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Bald finden sich schon auf den Titelseiten Hinweise auf die Reportagen; zunächst vor allem in den Lokalzeitungen Weser-Kurier, Bremer Nachrichten, Bremer Bürgerzeitung, Norddeutsche Volkszeitung, Nordsee-Zeitung, Weser, Weserlotse und Bremer Schlüssel, dann auch in der
überregionalen Presse. Nach fünf Jahren Präsidentschaft würdigten die Bremer Nachrichten Borttschellers Leistung in einem speziell den Präsidenten gewidmeten Artikel („Heute hat der Eiswett-Präsident das Wort“). Darin heißt es: es über die Eiswette: „Ihr Ansehen und ihr Gewicht als festlicher Ausdruck der bremischen Seegeltung und des bremischen Überseehandels ist im Laufe von fünf Vierteljahrhunderten (sic! d.Verf.) stetig gewachsen.“ Dafür sei aktuell vor allem Borttscheller verantwortlich, „der diese alte bremische Institution seit 1951mit großer Tatkraft immer mehr ausweitete, so dass sie heute an Zahl der Teilnehmer wie auch an Ansehen einen zuvor kaum erreichten Grad gewann.“ [1]

In den Programmen von 1964 und 1965 waren die zehn eingeladenen Pressevertreter in einer besonderen Liste mit Namen aufgeführt.

Die 10 Pressevertreter aus der Teilnehmerliste von 1964.
Liste der Ehrengäste 1965; Bürgermeister Dehnkamp an letzter Stelle.

[1] Bremer Nachrichten vom 14. Januar 1956.

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Weser-Kurier 18. Januar 1965 ganzseitiger Bericht auf Seite 1 des Lokalteils Ehrengast Carl Carstens, Staatsekretär im Auswärtigen Amt: Die vier bremischen Tugenden: „Bedächtigkeit, Beharrlichkeit, Verlässlichkeit und Opferbereitschaft Bremen wes gedächtig, laß nicht mehr ein, du seiest ihrer mächtig. Spruch am Herdentor“
Bremer Nachrichten 18. Januar 1965
Programm 1967

1968 Gala zur Verabschiedung Borttschellers mit 16 Zeitungs- und Rundfunkreportern

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Ganzseitiger Vorbericht „Wie es zur Eiswette von 1829 kam“ von Hermann Gutmann (dem Verfasser des „offiziellen“ Eiswettbuchs von 2010) in den Bremer Nachrichten vom 22. Januar 1968.

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Zu Borttschellers Verabschiedung kamen 16 Reporter von drei Rundfunksendern (Radio Bremen, Norddeutscher Rundfunk, Deutsche Welle), zwölf Zeitungen, darunter zwei überregionalen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt) undzwei Nachrichtenagenturen (dpa und Vereinigte Wirtschaftsdienste).[1]

[1] Die regionalen Zeitungen waren: Bremer Nachrichten, Weser-Kurier, Nordsee-Zeitung, Norddeutsche Volkszeitung, Bremer Bürgerzeitung, Weser-Lotse, die Weser und  Bremer Schlüssel. Ab 1966 gab es keine Listen mehr für die Pressevertreter. Sie wurden  mit einem „P“ vor dem Namen kenntlich gemacht, später einfach in die alphabetische Gästeliste eingefügt unter Angabe des Presseorgans, das sie vertraten. Vgl. die Programme und Einladungslisten jener Jahre.  Die Programme der Jahre 1955 bis 1963 standen dem Verfasser nicht zur Verfügung.

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Höchstes Lob erfuhr Bortscheller auf dieser Feier aus dem Mund seines Nachfolgers Karl Löbe (1968 -1970) „im Namen ganzer Eiswett-Generationen: Sie haben der Eiswette ihren Stempel aufgedrückt, so dass sie zu einer Marke geworden ist.“ [1] In seiner Chronik von 1979 würdigte Löbe „die Verdienste Borttschellers um die Entwicklung der Eiswette, die unter seiner Leitung eine früher nie gekannte Aufmerksamkeit in der bremischen Öffentlichkeit und durch die ausführlicher werdende Behandlung in der Presse eine Resonanz in den großen deutschen Zeitungen gefunden hat.“[2]

Die Reportage der Bremer Nachrichten vom 22.1. ging über zwei Seiten. Auf Seite 7 waren Auszüge der Rede von Hans Joachim Schoeps abgedruckt. Auf Seite 3 stand der Verlauf der Feier im Mittelpunkt („Verdienstorden: Bügeleisen“). Der Text unter dem Foto rechts/Mitte: „Die Novizen schwimmen durch die Weser auf die Bühne, um hier von Madame Weser höchstpersönlich auf das Bügeleisen vereidigt zu werden.“ Text unter dem Foto rechts/unten: „Das silberne Bügeleisen am Bremer Band – diesen noch nie verliehenen Orden darf auch ein Bremer Senator annehmen. Ex-Eiswettpräsident Senator Dr. Borttscheller tat’s mit sichtlicher Freude.“ Auf dem Foto daneben der neue Präsident Dr. Karl Löbe (links).

[1] Weser-Kurier vom 22.1.1968. Die Zeitung titelte: „Ein Bügeleisen für Borttscheller. Eiswette-Freunde ehrten Altpräsidenten.“
[2] Karl Löbe, a.a.O., S.130. In der zweiten, postumen Auflage des Buches, die vom Präsidium herausgegeben und geändert wurde, ist dieser Passus aus unerfindlichen Gründen gestrichen worden. Vgl. Karl Löbe, a.a.O., 2. Auflage postum, S.139.

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Besondere Höhepunkte in der öffentlichen Wahrnehmung waren die Rundfunkübertragungen der Deutschland-Reden. Radio Bremen übertrug direkt die Reden von Bundestagspräsident Eugen Gerstenmeier (1958), Walter Scheel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit (1963) und Wilhelm Röpke, dem international bekannten Ökonomen und Sozialphilosophen. (1966)[1]

Epilog
Wilhelm Kaisen – Kaiser Wilhelm: Borttscheller und Kaisen

Ohne die Hilfe von Bürgermeister Kaisen wäre der schnelle Start der Eiswette nach dem Krieg nicht möglich gewesen. Präsident Borttscheller hatte ihm das ohne Wenn und Aber schriftlich gegeben: „Sie haben im Jahre 1949 die Wette durch ihr tätiges Mitwirken wieder zum neuen Leben erweckt.“[2]Es verstand sich von selbst, dass Kaisen in den ersten Jahren eingeladen wurde, zunächst als Gastgeber im Rathaus, dann als Gast und Redner in die Glocke.

[1] 1958 Rede von Bundestagspräsident Gerstenmeier – Radio Bremen 11.1.1958; 1963 Rede von Minister Scheel – Radio Bremen am 19.1.1963; 1966 Rede von Wirtschaftsprofessor Wilhelm Röpke – Radio Bremen am 15.1.1966. Es könnten noch mehr gewesen sein. Im Archiv von Radio Bremen gibt es darüber keine systematischen, bzw. chronologischen Unterlagen. Soweit es die Zeitungsberichte hergeben, ist nur noch 2001 eine Direktübertragung erfolgt, als Bundeskanzler Schröder die Deutschland-Rede heilt. 
[2] Zitiert im Brief von Borttscheller an Kaisen am 28.11.1951, a.a.O.

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Bis 1963 geschah das regelmäßig, und Kaisen sagte auch nur dreimal aus privaten Gründen ab. Genauso oft hat er die Deutschland-Rede gehalten (1949, 1952 und 1954), einmal (1960) die Gästerede. Seine letzte Einladung für die Feier 1963 konnte er wegen einer Erkrankung nicht wahrnehmen. In den 16 Jahren von 1964 bis zu seinem Tod 1979 ist er dann nie wieder Gast der Eiswette gewesen,[1] auch nicht im Jahr nach seinem Rücktritt als Bürgermeister 1965. Selbst auf der Eiswette von 1980, die auf den Tag genau einen Monat nach Kaisens Tod stattfand, gab es keine Ehrung für den Geburtshelfer der Nachkriegseiswette, die doch immer sehr viel Wert auf die Totenehrung gelegt hatte, wie 1961, als  Borttscheller „besonders“ des am 11. November 1960 verstorbenen „Patriarchen der Weser“, Hermann Apelt, gedacht hatte. Der sang- und klanglose Abschied Kaisens von der Eiswette hatte einen Beigeschmack im Sinne von „Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan …“ Vielleicht hing das damit zusammen, dass die beiden Männer sich persönlich nie wirklich nahegekommen waren. Es gibt eine vom Direktor des Bremer Staatsarchivs Hartmut Müller im Auftrag des Senats der Stadt herausgegebene Dokumentation mit 49 Zeugnissen einzelner Persönlichkeiten über ihre Begegnungen mit Wilhelm Kaisen. Nur zwei sind darunter, die von ernsthaften Auseinandersetzungen berichten. Das eine ist von Annemarie Mevissen, das andere von Georg Borttscheller.[2] Borttscheller hatte Kaisen um Schützenhilfe bei den Amerikanern für die Errichtung eines Erzhafens gebeten, für den er militärisch genutztes Gelände in Anspruch nehmen wollte. Er fiel aus allen Wolken, als ihn der Bürgermeister anblaffte, dass dies ja wohl seine Sache wäre und er das gefälligst selbst auf die Reihe zu bringen hätte. Die Sache eskalierte, und man ging im Streit auseinander.[3] Borttscheller erinnerte sich: „Lange Jahre mochte mich Kaisen überhaupt nicht. Er hielt nichts von mir.“ Borttscheller nannte selbst den Grund: „An mir schätzte Kaisen das Preußische ganz und gar nicht.“ Wir können davon ausgehen, dass Kaisen einen völlig anderen Begriff vom „Preußischen“ hatte als Borttscheller. Kaisen, bürgerlicher Zivilist durch und durch, dürfte das Militärisch-Schneidige, das der Hafensenator wohl nie ablegen konnte, nicht gemocht haben. Borttscheller wiederum, der an Kaisen vor allem seine Wahlerfolge bewunderte, machte sich aus seiner „preußischen“ Perspektive heraus im Stillen lustig über ihn: „Es darf gelacht werden: Er hatte für mich etwas von der Königlich Preußischen Sozialdemokratie.“ Für ihn war er „Papa Kaisen oder Kaiser Wilhelm.“[4]


[1] Vgl. die Teilnehmerlisten jener Jahre.
[2] Vgl. Begegnungen mit Wilhelm Kaisen, hrsg. von Hartmut Müller im Auftrag des Senats der Freien Hansestadt Bremen. Bremen 1980, S.60/61 und S.41/42.
[3] Borttscheller, a.a.O., S.134.
[4] Alle Zitate aus Borttscheller, a.a.O., S.133.

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Dass beide – mit ihrem antiquierten Frauenbild, ihrem hartnäckigen Verdrängen der eigenen, bzw. der Bremer nationalsozialistischen Vergangenheit und ihrem – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise – letztlich irgendwie dem Kaiserreich verhafteten Politikverständnis – etwa zur gleichen Zeit ihre Präsidenten-Ämter aufgaben, passt in gewisser Weise zusammen. Das Amt des Senatspräsidenten würde bald der junge Hans Koschnick auf eine Weise ausfüllen, wie sie der Zeit gerecht war – entschlossen, sich der deutschen Vergangenheit zu stellen. Die Eiswette wird politisch und gesellschaftlich da stehen bleiben, wo sie war. Mit dieser Tatsache hatte zu tun, dass aus ihrer Rippe eine neue Veranstaltung geboren wurde.

Exkurs
Die „Weißwette“ (1968 -2002)

Es gab zur Kaiserzeit vierzig Jahre lang eine Konkurrenz zur Eiswette, die „Lustige Eiswette“, die ihre Feiern parallel zur ursprünglichen veranstaltet hatte. Aber sie blühte, ebenso wie die erste, im Verborgenen. Und so kam man sich nicht in die Quere, zumal sie ihre Gründung wahrscheinlich dem Umstand verdankt, dass die alte Eiswette 1874 ihre Mitgliederzahl begrenzt hatte.[1] Eine Herausforderung war sie für die alten Eiswettgenossen nie gewesen. Eine echte Konkurrenzveranstaltung war aus Bremer Sicht eigentlich undenkbar. So können wir in der Reportage des Weser-Kurier über die Eiswette von 1950 lesen: „Es wird berichtet, dass man auch andernorts schon geplant hat, eine Eiswette nach Bremer Vorbild ins Leben zu rufen – doch bleibt es bei den Wünschen, denn die Nachahmung traditioneller Vorgänge ist noch lange nicht die Tradition selbst, und kurz: Die Eiswette is eines der wenigen Dinge, die Bremen   n i c h t  exportiert.“ [2] Nun geschah es doch, und das mitten in der Stadt.

Am Sonnabend, dem 23. Januar 1969 saßen in Bremen zahlreiche feierlich gekleidete Herren an festlich gedeckten Tischen und speisten üppig. Sie hatten Reden angehört, sich bei einem bunten Unterhaltungsprogramm amüsiert und für einen wohltätigen Zweck gespendet, dem tieferen Sinn des Abends. Es galt, eine Wette zu gewinnen, bei der es um die Kristallisierung von Wasser ging. Die Verlierer musste zahlen, aber auch die Gewinner ließen sich nicht lumpen und am Ende kam eine Spendensumme heraus, die weit über der erwarteten lag und noch am gleichen Abend verkündet wurde. Das Geld wurde sofort weitergeleitet an den glücklichen Empfänger, eine gemeinnützige Einrichtung, so dass die Veranstaltung mit plus minus null endete. Die lokale Presse berichtete darüber, da „Vertreter aus Wirtschaft und Politik anwesend waren, die für einen guten Zweck tief in die Tasche griffen.“[3] Bei der Wette ging es allerdings nicht, wie man erwarten könnte, um das Eis auf der Weser, sondern darum, ob Bremen am 24. Dezember des Jahres mit Schnee bedeckt wäre oder nicht. Die verpflichtende Spende für den Verlierer betrug den Wert einer Flasche Doppelkorn, aber nicht mehr als 10 DM.

[1] Vgl. Kapitel 1, Unterkapitel „Die Entstehung der „Lustigen Eiswette“ 1874.
[2] Weser-Kurier vom 30.1.1950.
[3] Weser-Kurier vom 29.1.1969

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Spätestens dann, wenn wir erfahren, dass der Höhepunkt dieser Feier der Augenblick war, in dem sich die Herren erhoben und die an ihren Tischen sitzenden Damen zum Tanz aufforderten, wissen wir, dass wir unmöglich auf einer Eiswette gewesen sein können. Der war überraschend eine Konkurrenz erwachsen, die sich die Weißwette von 1968 nannte. Einer der Initiatoren, unter denen auch zwei abtrünnige Eiswettgenossen gewesen sein sollen, sagte beim ersten Verzehr der Wette im Januar 1969 vor der Presse: „Wir meinen, dass man heutzutage solche Feste mit Damen feiern sollte…“ Das war des Pudels Kern. Und er fügte hinzu: Es ist sicherlich für das Bremer Wirtschaftsleben nicht von Nachteil, wenn sich ein Teil ihrer jungen Vertreter bei dieser Gelegenheit trifft und besser kennen lernt.“ [1]

Die Veranstaltung war aus der Mitte der jungen Bremer Kaufmannschaft entstanden (es sollen vor allem Spediteure gewesen sein). Auf den Grundideen der Eiswette – die Wette und die wohltätige Spende – aber in bewusster Abkehr der alten Burschenherrlichkeit, erprobte man gleichsam eine moderne Variante. Man feierte zwar zeitlich parallel mit der Eiswette, zog sich in den ersten Jahren jedoch noch diskret auf ein Landgut vor den Toren der Stadt zurück,[2] wohl um der traditionellen Veranstaltung nicht zu sehr ins Gehege zu kommen. Nach zehn Jahren tagte man dann in einem Hotel der Stadt.[3] Die zeitliche Parallelität mit den Eiswetten gab man auf, wahrscheinlich, um die Teilnahme an beiden Veranstaltungen zu ermöglichen.[4] Tatsächlich fand sich auf den Weißwetten zunehmend Prominenz ein. Das galt auch – und gerade – von politischer Seite. Der erste hochkarätige Gast war Bürgerschaftspräsident Klink, der ab 1982 häufig anwesend war; es folgte Bürgermeister Wedemeier, der gleich im ersten Amtsjahr 1986 beide Feiern besuchte und der es auch in den drei folgenden Jahren so hielt. Verständlicherweise brachte man von sozialdemokratischer Seite der Weißwette von 1968 große Sympathie entgegen. Dabei ging es nicht nur um die selbstverständliche Anwesenheit von Frauen, sondern auch um die Teilnahme wesentlich breiterer Bevölkerungskreise, die auf der Weißwette damit ermöglicht wurde, dass mit der Spendensumme von 50.- DM auch die Kosten für das Essen abgedeckt waren. Nach drei Jahrzehnten war die Weißwette von 1968 in der Stadt so angekommen, dass sie „die dritte große Veranstaltung nach dem Schaffermahl und der Eiswette“ genannt wurde.[5] Die Zahl der Teilnehmer war von 120 auf 400 gestiegen, und die Spendensumme zog nach. Hatte man 1969 mit 2000 DM angefangen, zählte man 1997 45.000 DM, obwohl der steigende Mindest-Wetteinsatz pro Teilnehmer nicht über 50 DM hinausging.

[1] Weser-Kurier vom 20.1.1969.
[2] Auf Gut Hasport bei Delmenhorst.  
[3] Zunächst im „Queens-Hotel“, dann im „Marriot“.
[4] Ab 1978 fand sie eine Woche vor oder nach der Eiswette statt.
[5] Bremische Chronik, digitale Fassung 25.1.1997.

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Weser-Kurier vom 30. Januar 1989
Auf der Weißwette vom 30. Januar 1989. Von links nach rechts: Gerhard Iglhaut Geschäftsführer, Horst Schubert Vorsitzender der Lebenshilfe für geistig Behinderte Bremen e.V.; Günter Hartlage und Eckhard Bergmann Präsidiums-Mitglieder der Weißwette 
Foto: Rosemarie Rospek

Mit einer Spendensumme von insgesamt über einer Million Mark in 35 Jahren wurde sie eine überaus erfolgreiche Wohltätigkeitsveranstaltung. In den ersten acht Jahren waren die Spenden an die Stiftung „St. Petri Waisenhaus“ in Bremen gegangen, ab 1977 traditionell an die „Lebenshilfe für geistig Behinderte Bremen e.V.“, für die das unerwartete Ende finanziell ein schwerer Schlag war. Entscheidend dafür war, dass die Spenden letztlich nicht ohne großzügige Sponsoren-Unterstützung auskamen. Auch wenn der eine oder andere Hundertmarkschein in den Spendentopf geworfen wurde, reichte es nicht für Summen, die bis zu 61.300 Mark (1992) betrugen. Auch die Finanzierungslücken für Essen, Getränke, Kapelle und Saalmiete waren von wohlwollenden „außerhäusigen“ Geldgebern geschlossen werden. Als diese sich zurückzogen, war die „Weißwette von 1968“ mit ihrem Anspruch auf Gemeinnützigkeit nicht mehr zu halten. Nach 35 Jahren fand 2002 die letzte Veranstaltung statt.   Hier waren junge Kaufleute am Werk, die sich unbeschwert an ein sozial breit gestreutes Publikum wandten und mit ihren Spenden für einen gemeinnützigen Zweck innerhalb der Stadtgemeinde an die Bremer Öffentlichkeit wandten. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, wenn wir vermeinen, ein leises Echo auf die lauten Töne der „68er“ zu hören, zumal die neue Veranstaltung diese Zahl in ihrem Namen trug.

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Ihre Entstehung und ihre Rituale sendeten Signale aus, die von den Eiswettgenossen nicht übersehen werden konnten, zumal die Feiern in den ersten zehn Jahren am gleichen Tag und zur gleichen Stunde stattfanden. Möglicherweise hatte man sich von Seiten der Innovatoren eine direkte Wirkung erhofft, um sich dann eines Tages wieder vereinen zu können. Dazu kam es bekanntlich nicht. Immerhin bewirkten sie eine Diskussion innerhalb der Eiswettgenossenschaft, deren Umfang und Inhalt – wie üblich – nicht öffentlich gemacht wurden. Eiswett-Präsident Karl Löbe berichtete darüber auf der Feier von 1970: „Man habe sich Gedanken darüber gemacht, wie man sicher in die 150er Jahre gehen könne, ob der Eiswett-Genosse auch der Zukunft entspreche. (…) So, wie wir sind, wollen wir auch bleiben. Wir wissen, was wir wert sind …“ Auch der Notarius publicus Klaus Gätjen „ging auf die verschiedenen Reformvorschläge zur Modernisierung der Eiswette ein, meinte aber schließlich, dass sich das Ritual nicht ändern lasse.“[1]

[1] Weser-Kurier vom 19.1.1970. Die diskutieren Reformen sind nicht überliefert. Möglicherweise befinden sie sich im Archiv der Eiswette.

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