Auf der Novizen-Liste

Koschnicks erster Besuch auf der Eiswette 1968 war einen klassischer Fehlstart, denn er hatte bei Beginn der sogenannten Straßenbahn-Unruhen am 15. Januar die Stadt verlassen und „den Laden“ der Jugendsenatorin Mevissen überlassen, wie diese sich später salopp ausdrückte.[1] Der Spott auf den Jung-Bürgermeister blieb nicht aus.[2] Man hielt ihm vor, dass eine Frau ihm gezeigt hätte, was zu tun gewesen wäre.[3] Seit dieser Feier, der ersten nach seiner Amtsübernahme als Senatspräsident und Bürgermeister, war Koschnick regelmäßig ihr Gast.[4] Zweimal durfte er die Gästerede halten (1973 und 1990), einmal sogar die Deutschland-Rede (1981). 1969 wurde er Zeuge der Deutschland-Rede von Nikolas Benckiser, dem Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der mit seiner grundsätzlichen Kritik an der 68er Studentenbewegung nicht hinter dem Berge hielt: Der „bedauerte (…) dass an Stelle einer eingehenden Analyse der Tatsachen und einer darauf aufbauenden Kritik oft eine globale Kritik trete, die ohne weiteres das ganze System verwerfe, das den Hintergrund für die Tatsachen bilde.

[1] Zitiert bei Karla Müller-Tupath, Hans Koschnick. Trennendes überwinden. Biografie. Berlin 2009, S. 69.
[2] Die Geschichte ist oft erzählt worden, nicht zuletzt von Koschnick selbst. Vgl. a.a.O., S.67-72.
[3] Vgl. Bremer Nachrichten vom 22.1.1968.
[4] Er war Gast 1968, 1969, 1970, (1972 eventuell), 1973, 1974, 1976, 1979, 1981, 1982, 1983 und 1985. 

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Die Kritik richte sich dann kurzerhand gegen „die Gesellschaft“ in der Bundesrepublik, wobei vergessen werde, dass fruchtbare Kritik sich nur innerhalb der Gesellschaft ausüben lasse. Kritik sei aber etwas anderes als eine „anarchistische Angelegenheit“, bei der „gleich Fensterscheiben klirren müssen.“ [1] In das gleiche Horn stieß 1971 Karl-Günther von Hase, Botschafter der Bundesrepublik in London: „Es gibt eine kleine Minderheit in unserem Lande, die den Umsturz des Bestehenden nur um des Umsturzes willen betreibt. Der Erfolg revolutionärer oder anarchistischer Bestrebungen beruhe oft nicht auf der geistigen Kraft der Umstürzler, sondern hänge von der Schwäche und Unsicherheit der Angegriffenen ab. Nicht nur die politischen Führer, sondern alle Bürger seien daher zur Verteidigung unserer Werteordnung herausgefordert.“[2]

Ganz im Sinne der Eiswettgenossen folgte Koschnick der politischen Linie Kaisens, was die Einbindung der FDP in die Regierungsverantwortung betraf. Obwohl die drei FDP-Senatoren in seiner Regierung im Streit um die Universität zurückgetreten waren, bot er ihnen noch vor den Bürgerschaftswahlen im Oktober 1971 eine Fortsetzung der Koalition an. Es war nur eine Frage der Zeit, wann ihn das Präsidium der Eiswette auch als Redner einladen würde. 1973 war es soweit. Er hatte den Auftrag, die Gäste-Rede zu halten. Die Deutschland-Rede hielt Hermann Josef Abs, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank von 1938 bis 1945, Vorstandssprecher von 1957 bis 1967, der Hitlers Angriff auf die Sowjetunion begeistert begrüßt hatte und derdurch alle geschichtlichen Wechselfälle hindurch auf der Karriereleiter immer auf der obersten Sprosse gestanden hatte, zuletzt als Finanzberater von Bundeskanzler Adenauer. Die Spannung vor seiner Rede erklärte sich daraus, dass Bundeskanzler Brandt zwei Tage vor der Veranstaltung seine Regierungserklärung für die sozial-liberale Koalition abgegeben hatte, gut zwei Monate nach dem größten Wahlsieg der SPD in der deutschen Geschichte, als sie bei 91 % (sic!) Wahlbeteiligung zum ersten Mal stärkste Fraktion in einem deutschen Parlament geworden war. Außerdem war einen Monat vorher der Grundlagenvertrag mit der DDR abgeschlossen worden, vorläufiger Höhepunkt der neuen Ostpolitik dieser Bundesregierung.

[1] Weser-Kurier vom 20.1.1969.
[2] Weser-Kurier vom 18.1.1971.

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Ob die politische Entwicklung dem alten Herren die Sprache verschlagen, oder ob er einfach nur keine Lust zum Politisieren hatte, jedenfalls enttäuschte er, wenn man der Berichterstattung folgt, die Versammlung, mehr noch: er langweilte sie mit seinem „Rückblick auf sein verdienstvolles Wirken für die Bundesrepublik in den fünfziger und sechziger Jahren.“[1] Koschnick wusste wohl, dass er mit seiner Gästerede am Ende der Veranstaltung traditionell auf eine nach Schlemmereien und reichlichem Weingenuss  zwar aufgekratzte, aber auch schon ziemlich müde Zuhörerschaft treffen würde. Sein Manuskript ist durchgehend von harmlosem Scherzen und Ironie getragen.[2] Da geht es zum Beispiel um die „schädliche“ Verfüllung der Weser durch die 400 Steine, die Eiswettgenossen seit Gründung ihrer Gesellschaft in die Weser geworfen und mit der sie die Gangbarkeit des Flusses schwer gefährdet und die Kanäle verstopft hätten. Kurz ging er auf die Auseinandersetzungen um die Bremer Reformuniversität ein: Das neue deutsche Volksmärchen „Von einem der auszog, um in Bremen zu studieren“ stamme bei genauer Lektüre aus süddeutschen Redaktionsstuben. Ironisch fügte er hinzu, dass er zu seinem großen Entsetzen schon wieder „bei einem Thema gelandet“ wäre, „das Bremer wie Umlanddeutsche gleichermaßen in Angst und Schrecken versetzt: die Bremer Universität“  Er schloss zu diesem Thema: „Alle diese Angriffe auf unser Bundesland Bremen nehmen wir hin.“ Der Reporter der sozialdemokratischen (sic!) „Bremer Bürger Zeitung“ hatte nicht genau hingehört. Er gab in seinem Bericht Koschnicks Ausführungen so wieder, dass er die Universität „ein schreckliches Trauma“ genannt hätte.[3] Von Anfang an war die Reformuniversität schweren politischen Angriffen von konservativer Seite ausgesetzt. [4]

[1] Weser-Kurier vom 22.1.1973. In der Bremer Bürger Zeitung vom 26.1.1973 hieß es: „Abs schwelgte in Reminiszenzen. (…) Zum Loben hatte er keinen Grund, zur Kritik augenscheinlich auch nicht.“
[2] „Gästerede des Präsidenten des Senats aus Anlass der 144. Eiswette am 20.Januar 1973“, Manuskript in der Senatsregistratur a.a.O.,
[3] Bremer Bürger Zeitung vom 26. 1.1973. Die BBZ war Nachfolgerin der Bremer Volkszeitung. Da die Meldung vom Präsidialamt im Rathaus nicht korrigiert wurde, war sie auch für die Bremer Sektion des erzkonservativen „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ eine Steilvorlage, um gegen sie zu Felde zu ziehen. Auf der Senatssitzung vom 6.2.1973 schlug Justizsenator Wolfgang Kahrs vor, diese Kritik nicht hinzunehmen, sondern darauf mit einem Bericht des Bildungssenators über die Lage an der Universität zu antworten. Koschnick lehnte das ab. Vgl.  Auszug aus dem Senatsprotokoll, S.159. In: Senatsregistratur „Eiswette“, a.a.O., 1. Ordner. Als sich die Universitäts-Verwaltung einige Tage später schriftlich bei Koschnick über den Inhalt des FAZ-Artikels beschwerte, steuerte die Senatskanzlei in einem nicht-öffentlichen Antwortbrief vom 14.2.1973 dagegen, in dem aus dem schriftlichen Redemanuskript zitiert wird. Der Bund Freiheit der Wissenschaft, so hieß es in dem Brief habe „sich offenbar die Freiheit des ungenauen Zitats genommen.“ Damit war der Vorfall für Koschnick erledigt. Vgl. den Briefwechsel in: Senatsregistratur Nr. 56, 107, I „Eiswette“, Senatskanzlei, Eiswette“ 1. Ordner.
[4] Präsident Gätjen hielt beispielsweise am 12. 7.1973 vor dem CDU-Ortsverband Mitte einen Vortrag, in dem er sagte: „Die sogenannte Universität Bremen ist gar keine Universität.“ Die Studenten bekämen „viel rotgefärbten Kuchen, aber kein solides Brot.“ Bremer Nachrichten vom 14.7.1973. Die Universität war lange ein Reizthema auf der Eiswette. Noch 1990, als sie schon in die Deutsche Forschungsgemeinschaft aufgenommen war, meinte Präsident Kloess auf der Eiswette feststellen zu müssen: „Dort gibt es immer noch linke Vögel, denen selbst rechtsdrehende Milchsäuren suspekt sind.“ Weser-Kurier  vom 22.1.1990.

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Nun griff die Frankfurter Allgemeine Zeitung die vermeintliche Steilvorlage von Koschnick auf und schrieb am 6.2.1973 unter dem Titel „Scheitern der Reformuniversität“: „Es ehrt Bürgermeister Koschnick, dass er die Bremer Universität öffentlich ein „schreckliches Trauma“ genannt hat. Koschnick hatte sich in seiner Rede dann, den Text des Manuskripts verlassend, direkt an die Eiswettgenossen gewandt. Er forderte sie auf, „sich frei zu ihrem Unternehmertum zu bekennen.“[1] Die deutschen Unternehmer stünden „nicht in ausreichendem Maße zu ihrem unternehmerischen Tun.“ Sie sollte nicht nur den Politikern die Entscheidungen überlassen: „Wenn die Unternehmer angegriffen werden, dann nur weil sie zu feige sind, zu ihrem politischen Tun zu stehen.“ [2] Koschnick hatte, so hieß es in der lokalen Berichterstattung,klärende Worte zum Verhältnis von jugendlichen Revoluzzern und nüchternen Unternehmerngefunden. Bundeskanzler Brandts Regierungserklärung enthalte „ein deutliches Bekenntnis (…) notwendige Veränderungen in der Gesellschaft durch Leistungen zu bewirken. Dies sei eine Kampfansage an diejenigen, die glaubten, eine glückliche Gesellschaft nur durch theoretische Ansprüche erreichen zu können.“[3] Die Jugend, so hätte der Bürgermeister ausgeführt, wolle begreifen, „wo wir stehen. (Sie) will auch einmal unser Nein.“[4]  „Nicht von ungefähr“ schlug dem Redner „aus dem großen Glockensaal mehr Beifall entgegen als seinem Vorredner.“[5]Gätjen bestätigte Koschnick in einem Dankesschreiben, dass es diesem „grandios gelungen (sei), den gesamten Saal zu erreichen.[6] Die Bremer erfuhren in den nächsten Tagen aus den Zeitungen, dass Koschnick noch am gleichen Abend auf die Novizenliste der Eiswette gesetzt worden war. Die Eiswettgenossen werden Koschnick so wahrgenommen haben, wie ihn seine Biographin Müller-Tupath in den ersten Amtsjahren beschreibt: „jung, frech, durchsetzungsfähig.“[7] Da Koschnick nicht nur rhetorischen Witz hatte, sondern praktizierender – und vor allem hervorragender -Skatspieler war, mit legendärer Trinkfestigkeit gesegnet,[8] hatte er die richtige Statur für einen zünftigen Eiswettgenossen.

[1] Bremer Bürgerzeitung, a.a.O.
[2] Bremer Nachrichten 22.1.1973.
[3] Weser-Kurier 22.19.1973.
[4] Bremer Nachrichten 22.1.1973.
[5] Weser-Kurier 22.1.1973.
[6] In einem Brief an Koschnick vom 22.1.1973.Senatsregistratur, a.a.O., 1. Ordner.
[7] Karla Müller-Tupath, a.a.O., S.179.
[8] Das hat ihm in mindestens einem Fall den Respekt seiner politischen Gesprächspartner im Ausland eingebracht. Vgl. Karla Müller-Tupath, a.a.O., S.165.

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Auch die konservativen Elemente seiner Politik konnten sich sehen lassen: Er hatte den legendären Gewerkschafter „König“ Richard Boljahn in die Schranken gewiesen, war seit dem 27. Mai 1971 allgemein respektierter Präsident des Deutschen Städtetages und hatte als Bundesratspräsident und zweiter Mann im Staat eine sehr gute Figur bei zahlreichen Staatsbesuchen gemacht. Schließlich hatte er dafür gesorgt, dass Bremen am 1. Februar 1972 auch dem sogenannten Radikalenerlass beitrat – wenn auch in abgemilderter Form. Koschnick schien jedenfalls dem Präsidium dafür geeignet, Eiswettgenosse zu werden. Koschnick hatte sich immer als ein Mann der Gewerkschaften verstanden.[1] Wie sollte das vereinbar sein mit der Mitgliedschaft in einem der exklusivsten und reichsten Clubs Bremens? Eine Anekdote mag veranschaulichen, in welchem Dilemma sich der Bürgermeister befand. Als der CDU-Fraktionsvorsitzende Karl Krammig, der nicht mit Koschnicks persönlicher Geschichte vertraut war, diesen während einer Bürgerschaftsdebatte Anfang der sechziger Jahre flapsig gefragt hatte, ob er eigentlich Bremer sei, hatte Koschnick geantwortet: „Nein! Ich bin Gröpelinger.“ Das war zwar oberflächlich ein harmloses„Anpflaumen“, wie Koschnick selbst sagte[2], aber sein „Nein“ hatte einen harten Kern. Ein Rest vom Klassenbewusstsein seiner Eltern schwang in dieser Antwort mit, der Stolz auf die Lebensleistung der Eltern, die als Gröpelinger damals Teil einer proletarischen Kultur waren, unbeugsame Gegner der Nazis und härtesten Verfolgungen in einer Zeit ausgesetzt, als die Eiswettgenossen das Horst-Wessel-Lied sangen.[3] Ein gebürtiger und bekennender Gröpelinger als Eiswettgenosse? Vierzehn Tage vor der nächsten Eiswette erhielt Koschnick den erwarteten Brief von Klaus Gätjen, in dem dieser ihm mitteilte, dass das Präsidium über das Eiswettnoviziat 1974/75 beraten und ihn wegen seiner „vorzüglichen Gästerede“ im letzten Jahr in die Liste der “Eiswettnovizen“ aufgenommen hätte,[4] eine Ehre die keinem Bürgermeister vor oder nach ihm widerfuhr.

[1] Müller-Tupath zitiert ihn: „Ich konnte und wollte nie leugnen, dass ich ein Mann der Gewerkschaften war“, a.a.O., S. 86. Ähnlich auf Seite 146.
[2] In einem Brief an den Verfasser vom 4.5.2011. Die Anekdote hatte Koschnick am 6. April 2011 als Teilnehmer der Buchvorstellung von Luise Nordhold im Brodelpott/Walle dem Publikum erzählt. (Tim Jesgarzewski, Für Freundschaft, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Luise Nordhold – Biografie einer Sozialdemokratin 1917-2011.Bremen 2011). 
[3] Zu den beiden Kulturen des Bürgertums und der Arbeiterschaft in der Zeit bis 1933 in Bremen vergleiche den Film von Diethelm Knauf, Bremen 1871 bis 1945. Eine Filmchronik. Bremen 1988. Knauf stellt darin die Lebensgeschichte der Familie Koschnick der von Heinz Bömers gegenüber aus einer der ältesten Weinhändler- und Eiswette-Familien Bremens, der behaglich eine Kindheit im Überfluss schildert und unbefangen die Teilnahme seines Vaters im Freikorps Caspari bei der Niederschlagung der Bremer Räterepublik im Februar 1919. Koschnick hielt hingegen am 1.Februar 2009 die Festrede auf der Gedenkfeier zum 90. Jahrestag der Bremer Räterepublik am Denkmal für die Gefallenen der Bremer Räterepublik auf dem Waller Friedhof.
[4] Brief vom 6.1.1974.Senatsregistratur a.a.O.

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Auf dem Fest vom 19. Januar 1974 zog Gätjen alle Register, um den Bürgermeister zur Eiswettgenossenschaft zu bewegen. „Die verkrampfte Polarisation im politischen Bereich darf nicht in die Eiswette eindringen.“ Zu Koschnick gewandt, sagte er: Die Eiswette kann keine Institution der SPD sein, selbst in Bremen nicht.“ Dann wanderte sein Blick zum CDU-Landesvorsitzenden Dr. Ernst Müller -Hermann: „Auch nicht der CDU, Herr Müller-Hermann.“ Der FDP-Landesvorsitzende Dr. Urlich Graf wusste schon Bescheid, als Dr. Gätjen beschied: „Nicht einmal der FDP, Herr Senator Graf – trotz gewisser Erbanlagen.“ Und schließlich räumte Dr. Gätjen letzte Zweifel aus: „Und auch nicht der Handelskammer.“ Sein Schlusssatz: „Die Eiswette gehört Bremen“, ging dann fast im Beifall unter.“[1] Nie war ein Bürgermeister der Stadt näher an der Eiswette als Koschnick in diesem Moment. Er musste sich entscheiden, ob er bereit war, sich ein Jahr im „Noviziat“ der Eiswette zu bewähren. „Armut … Demut gegenüber dem hochmögenden Präsidium und Keuschheit… das sind die Forderungen, denen sich Eiswett-Novizen in ihrer einjährigen Vorbereitung … gegenübersehen. Vom Bestehen dieser Prüfung hängt es ab, ob sie aufgenommen werden oder nicht.“[2] Diese Prüfung wird, wie wir uns denken können, nicht ernstlich vorgenommen. Wie lustig sie auch gemeint sein mag, so konkret und praktisch sind ihre Folgen, denn der „Novize“ erwirbt wie der „Fuchs“ in einer Burschenschaft durch sie die lebenslange Mitgliedschaft in einem exklusiven, weitverzweigten und einflussreichen Netzwerk von Männern gleichen Standes. Auch das rituelle Trinken der Eiswette hat Anklänge an burschenschaftliche Bräuche. Zum gemeinsamen Trinken erheben sich die Herren im Laufe des Abends immer wieder tischweise  und „schmettern“ den traditionellen Trinkspruch „Hepp-hepp-hepp-Hurra“ „mit solcher Inbrunst“, dass schon mal „das Congress-Centrum an der Bürgerweide erbebt.“[3] “Gründe gibt  es immer genug.“[4] In der Regel wird damit geehrt, wer Geburtstag hat, Vater oder Großvater geworden ist oder wegen einer „noch höheren Leistung (auf die er ) stolz sein kann.

[1] Weser-Kurier vom 21.1.1974.
[2] Rüdiger Hoffmann, 175 Jahre Eiswette von 1829 in Bremen, hrsg. Von der Bremer Landesbank. Bremen 2004, S.85.
[3] Weser-Kurier vom 19.1.1997; vgl. Weser-Kurier vom 20.1.1969 und 23.1.1984.
[4] Hermann Gutmann, a.a.O., S.118. Das Trinken ist streng reguliert. Erst nach der einstündigen Pause ist das tischweise Aufstehen und Trinken erlaubt. Ein Verstoß gegen diese Regel wird vom Präsidenten mit Strafgeld für den entsprechenden Tisch belegt. Vgl. Löbe, 1.Auflage 1979, a.a.O., S.23.

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Dann stehen alle am Tisch auf, den Eiskorn in der Hand, und ihr frisches, schneidiges „Hepp – hepp – hepp- hurra!“ ist (…) die höchste Auszeichnung, die einem angetan werden kann.“ [1] Bei der Eiswette geht es auch darum,, „möglichst viel Eiskorn, das Pflicht- und Verführungsgetränk des Abends, zu „vernichten.“[2]Auch die Reden auf der Eiswette werden mit diesem Ruf „schneidig“ quittiert.[3] Es wäre „geradezu tollkühn“ von den Veranstaltern gewesen, schrieb ein  Journalist in den Bremer Nachrichten über die Feier von 1981, den Eiswettgenossen am Schluss der Veranstaltung „buchstäblich eine Predigt mit richtigem Amen dahinter!“ zu kredenzen, „statt der Kalauer, mit denen in zurückliegenden Jahren mancher Gästeredner die Versammlung nach rund tausend Flaschen Wein und nebst ungezählter „Körner“ noch mühsam zum Lauschen bewegte.“[4] Drei Wochen nach der Eiswette sagte Koschnick in einem Schreiben an Präsident Gätjen ab. Seine Begründung war lapidar: Er könne als Bürgermeister die „üblichen Novizenpflichten (…) nicht in der gebührenden Form übernehmen…“[5] Am guten Verhältnis der beiden Präsidenten änderte das nichts. Als Koschnick im Herbst des gleichen Jahres Gätjen bat, „die Eiswette in die Image-Werbung Bremens mit einzubinden,“ versicherte dieser, dass er sich „redliche Mühe“ gebe, „diesem Wunsch zu entsprechen.“ [6] Gätjen machte darüber hinaus den Vorschlag, die Anwesenheit von Senatsmitgliedern zu institutionalisieren: Bürgermeister und drei Senatoren, unter ihnen der Hafensenator, sollten auf jeder Eiswette anwesend sein.[7] Auch diese Vereinbarung hat es anscheinend weder damals noch in jüngster Zeit gegeben. Der Umgang der beiden Männer blieb freundschaftlich und locker. Davon zeugt ein Schreiben Gätjens vom Dezember 1974, in dem er  „den allerhöchsten Kriegsherren“ darum bat, das Polizei-Musikkorps „in seinen schmucken Polizeiuniformen“ auf den Eiswettfeiern  spielen zu  lassen, ein Wunsch, der ihm prompt erfüllt wurde.[8] Mit der gescheiterten freundlichen Übernahme Koschnicks in die Eiswettgenossenschaft brach allerdings auch eine tragende Säule des „Gätjen-Projekts“ weg. 

[1] Löbe, a.a.O., S.23.
[2] Löbe, a.a.O., Gutmann, a.a.O., S. 118.
[3] Hans Berthold, a.a.O.,S.117.
[4] Es war die Rede von Domprediger Rüdiger Abramzik am 17. 1.1981. Bremer Nachrichten vom 19.1.1981. Wie weit diese Form der Rituale noch heute unter Präsident Patrick Wendisch üblich sind, entzieht sich dem Wissen des Verfassers. Die lokalen Zeitungsberichte der letzten Jahre lassen vermuten, dass es heutzutage „gesitteter“ auf den Feiern zugeht.
[5] Schreiben Koschnicks an den Präsidenten der Eiswette Klaus Gätjen vom 12.2.1974.
[6] Zitate aus einem Brief Gätjens an Koschnick vom 22.10.1974,.Senatsregistratur, a.a.O.
[7] A.a.O.  
[8] Brief Gätjens vom 9.12.1974 und Einverständnis Koschnicks. Senatsregistratur, a.a.O. Das Polizei-Musikkorps spielte bis zu seiner Auflösung jedes Jahr auf der Eiswette. 1985 übernahm das Heeresmusikkorps II in Grohn die musikalische Untermalung der Veranstaltung. Vgl. Bremer Nachrichten vom 21.1.1985.

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Schon vor seinem „Amtsantritt“ hatte Gätjen 1970 in einer Presse-Erklärung seine Absicht bekundet, die Eiswette allmählich so zu verändern, „dass sie nicht nur eine Veranstaltung der Hafeninstanzen und hafengebundenen Wirtschaft  bleibt, sondern nach und nach auch die Künste und die Wissenschaften herangezogen werden, mehr noch: dass sie eine Angelegenheit von ganz Bremen wird.“ [1] Das „Gätjen-Projekt“ scheiterte.[2] Als Koschnick sieben Jahre später als erster und letzter Bürgermeister nach Kaisen die Deutschland-Rede hielt[3], hatte sich das politische Verhältnis des Bürgermeisters zu den Eiswettgenossen abgekühlt. Das hatte mit der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Bundesregierungen zu tun, die in der unverändert national-konservativ eingestellten Eiswette auf keine Gegenliebe stieß, die aber in Koschnick einen ihrer entschiedensten Vertreter hatte.[4]   

„Geduld trägt Rosen“: Koschnicks Rede zur Entspannungspolitik 1981

Koschnicks Rede[5] ist nicht zu trennen von der Deutschland-Rede, die ein General a.D. ein Jahr vorher gehalten hatte. Harald Wust, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr,[6] wurde den Bremer Zeitungslesern vorgestellt als „der erste Soldat in der ganzen Geschichte der Eiswette, dem diese Ehre zuteilwurde.“[7] Da war er wieder, der Mythos Eiswette mit einer ihrer Legenden. In den dreißiger Jahren waren auf allen Eiswetten ranghohe Generale mit Redebeiträgen aufgetreten. Die Feiern waren militärisch eingerahmt. Schon mit Hans Wagenführs Präsidentschaft waren Militärs aus den Feiern nicht wegzudenken, was vor allem für die Bremer Generale Caspari und Lettow-Vorbeck galt, der dann 1935 eine Deutschland-Rede hielt, 1937 eine Bremen-Rede und der für 1938 die Deutschland-Rede aus gesundheitlichen Gründen absagen musste.[8]

[1] Weser-Kurier vom 29.12.1970.
[2] Es kam lediglich 1971 zu einer Einladung an den Leiter der Bremer Kunsthalle Günter Busch. Die anderen Redner aus Gätjens zehnjährigen Amtszeit kamen, wie üblich, fast alle aus Politik und Wirtschaft.
[3] Seit 1960 und – mit Ausnahme von Koschnicks Deutschland-Rede 1981 -bis heute werden nur noch Auswärtige zur Deutschland-Rede eingeladen. Kaisen (1960), Koschnick (1973 und 1990 – als er kurzfristig für den verhinderten Arbeitsminister Norbert Blüm einsprang) und Scherf (2000) wurden jeweils nur zur „Gästerede“ am Schluss der Veranstaltung eingeladen.
[4] An ihrem grundsätzlich guten Verhältnis änderte das aber nichts. 1988 nahm er an der Eiswette teil, obwohl der Senat des Landes die Veranstaltung boykottiert hatte. (Vgl. das nächste Kapitel) und 1990 half er den Genossen aus einer Verlegenheit, als er für den kurzfristig absagenden Norbert Blüm die Gäste-Rede hielt.
[5] Manuskript vom 17.1.1981. Senatsregistratur, a.a.O.
[6] Eingeladen war ursprünglich Nato-Generalsekretär Josef Luns, der aber kurzfristig absagte. Vgl. BN 21.1.1980.
[7] BN 21.1.1980.  Die folgenden Zitate und Ausführungen sind den Berichten in den Bremer Nachrichten und im Weser- Kurier vom 21.1.1980 entnommen.
[8] Vgl. die Kapitel 2 und 3.

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Zwei Ereignisse bestimmten die Weltpolitik Ende der 70er Jahre: der „Nato-Doppelbeschluss“ vom 12. Dezember 1979 und die Intervention der Sowjetunion im afghanischen Bürgerkrieg am 25. des gleichen Monats. Langfristig bildete die neue Ostpolitik der sozial/liberalen Regierungen Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher den Hintergrund einer 1969 begonnenen Entspannung mit der Sowjetunion und den Mächten des Warschauer Paktes. Wust machte mit dieser Politik nicht viel Federlesens. Es seien in der Vergangenheit „einseitige Vorleistungen (…) für eine missverstandene Entspannung gebracht worden. Seit Jahren sei die Freiheit des Westens durch die „Machtansprüche“ der „Sowjets“, bzw. des „Sowjetblocks“ bedroht. Er verglich die Truppen der Sowjetunion mit Hitlers Kolonnen in der Tschechoslowakei 1938. „Genauso, wie es einmal tödlich gewesen sei, die erkennbaren Machtansprüche der Nationalsozialisten zu leugnen, könne es jetzt tödlich sein, die Machtansprüche der Sowjets zu ignorieren.“  Angesichts der breiten Protestbewegung in den Stationierungsländern gegen die neuen Raketen beklagte Wust das „schwindende Sicherheitsbewusstsein“ und die „mangelnde Wehrbereitschaft in der westlichen Welt“, „um den Bedrohungen durch den Osten begegnen zu können.“ Die Wahl des Redners, schrieb der Weser-Kurier, hätte sich als Glücksgriff erwiesen, obwohl er eigentlich nicht in die selbstgewählte Beschränkung der Eiswette passte, die sie sich nach ihren Erfahrungen in den zwanziger und dreißiger Jahren auferlegt hatte und die  „Wehrfragen, Weltanschauung und Parteipolitik“ ausschließt.[1] Die „Philippika“ genannte Rede  wurde mit großem Beifall aufgenommen.[2] Das politische Terrain zum Thema Entspannung schien damit auf der Eiswette abgesteckt.

Koschnick war zwar nicht Gast auf der Eiswette von 1980, aber die Berichte in den beiden lokalen Tageszeitungen waren so eindeutig und in der Sache übereinstimmend, dass ihr Inhalt dem überzeugten Entspannungspolitiker schwer im Magen gelegen haben dürfte. Der Bericht des in dieser Frage eng mit ihm verbundenen Bürgerschaftspräsidenten Klink dürfte ein Übriges dazu beigetragen haben. So lässt sich die Deutschland-Rede Koschnicks 1981 als eine zeitlich versetze Replik auf die Vorjahresrede verstehen. Zu jener Zeit stand Koschnick unangefochten an der Spitze des Bremer Senats. Die SPD hatte unter seiner Führung seit 1973 drei große Wahlsiege errungen. 1975 und 1979 erreichte die SPD jeweils die absolute Mehrheit der Bürgerschaftsmandate, und im Oktober 1980 hatte seine Partei bei der Bundestagswahl 53,4 % der Stimmen erzielt.

[1] Vgl. Löbe, a.a.O. S. 134. Er gibt nicht an, seit wann es diese Regelung gibt.
[2] „Die Philippika des Generals blieb auf dem Eiswett-Fest nicht ohne einen eindringlichen Nachhall.“ Weser-Kurier vom 21.1.1980.

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Wir können davon ausgehen, dass er auch aus anderen, den Eiswettgenossen sehr viel näher liegenden Gründen dort hohes Ansehen genoss, denn in den zurückliegenden Jahren hatte sich der Bürgermeister als „hervorragender Promoter“[1] mit „akquisitorischen Leistungen im Interesse der bremischen Wirtschaft“[2] hervorgetan. Der Niedergang des für Bremen so wichtigen Großschiffbaus zeichnete sich in jenen Jahren zwar schon ab – bei der Fusion des Norddeutschen Lloyd mit der Hamburger HAPAG, mit den roten Zahlen der AG Weser seit 1977 und mit dem Konkurs der Reederei DDG „Hansa“ 1980 – aber die Bremer Regierung hatte versucht,  mit dem Ausbau der Containeranlagen in Bremerhaven und vor allem mit der Ansiedlung von Daimler-Benz, an der Koschnick großen persönlichen Anteil hatte, dagegen zu halten. So trat Koschnick auf der Eiswette durchaus mit einem gewissen Optimismus an, was die wirtschaftliche Entwicklung Bremens betraf. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand aber etwas, das ihm offensichtlich noch mehr am Herzen lag: die Überwindung dessen, was er „die Schwarz-Weiß-Malerei“ in der Politik nannte. Überwunden seien Rollback- und Hallstein-Doktrin, sagte er; überwunden sei auch die schematische Einteilung in Ost und West. Die größte Sprengkraft habe langfristig „der Nord-Süd-Konflikt, bei dem es um Befriedigung elementarer Bedürfnisse geht“. Ohne die neue Ostpolitik von Bundeskanzler Brandt, mit dem Koschnick politisch und persönlich eng verbunden war, ausdrücklich zu erwähnen, stellte er der Versammlung die rhetorische Frage, wer die millionenfachen menschlichen Begegnungen im geteilten Deutschland zehn Jahre nach dem Bau der Mauer in Berlin und die deutsch-polnische Versöhnung – zu der er selbst entscheidend beigetragen hatte – für möglich gehalten hätte. Es gelte, die Bedingungen für das Zusammenleben der Völker und Staaten zu verbessern.  Die Zeit der Macht- und Härtedemonstrationen, der Kanonenbootpolitik sei vorbei. Es würden von den Supermächten immer noch Fehler gemacht, so von der Sowjetunion mit ihrer Intervention in Afghanistan, so von den USA mit ihrer „Ordnungspolitik“ in ihrem vermeintlichen „Vorhof“ Mittelamerika – gemeint war offensichtlich Nicaragua. Aber diese Fehler seien heute „der Verurteilung durch die Staatengemeinschaft der Welt sicher.

[1] So Sepp Hort, Stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung von MBB in: Helgard Köhne, Hans Koschnick, Der Bürgermeister. Bremen 1985, S.134/135.
[2] Horst Willner, damals Präses der Handelskammer Bremen. In: Helgard Köhne a.a.O., S.155. In dieser Veröffentlichung finden sich weitere Zeugnisse für die ausgiebige Reisetätigkeit Koschnicks, auch und besonders im Interesse der Raumfahrt. Vgl. Die Ausführungen von Hans E.W. Hoffmann von MBB-ERNO ebd., S.133/134. Vgl. auch den Artikel von Wolfgang Schumacher, Leiter des ZDF-Landesstudios Bremen, a.a.O.,S.147-149.

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Seit Helsinki 1975[1] gebe es trotz aller Rückschläge einen kontinuierlichen Dialog der Supermächte. Koschnick warnte davor, in der Politik mit der Faust auf den Tisch schlagen zu wollen. Die Prophezeiungen von Journalisten, eine Rückkehr des Kalten Kriegs sei zu erwarten, nannte er tollkühn. Was die „nationale Identität“ der Deutschen anginge, so käme es „nicht so sehr auf Deklamationen an, sondern darauf welche praktischen Schritte möglich sind und unternommen werden, um unser gemeinsames Erbe, unser kulturelles, geistiges Erbe zu wahren.“ Koschnick zitierte das Wort „Geduld trägt Rosen“, das er als Aufforderung zu einem Handeln interpretierte, wie ein Gärtner, der in mühseliger Arbeit seine Rosen züchtet. Es war die Stunde des leidenschaftlichen „Brückenbauers“. Und es schien so, als hätte Koschnick das Ende des Kalten Krieges auch den Eiswettgenossen vermitteln wollen. Kein Redner vor ihm hatte die politische Grundstimmung auf der Eiswette so gegen den Strich gebürstet. Dazu gehörte Mut, und dazu bedurfte es auch der großen Anerkennung, die Koschnick genoss, nicht zuletzt bei Präsident Gätjen. Man respektierte seinen Standpunkt. Und es schien an diesem Abend so etwas wie ein leichter Wind der Veränderung durch den großen Glockensaal zu wehen. Seine Wirkung war allerdings nicht nachhaltig, denn als der Chefredakteur der ZEIT, Theo Sommer, in seiner Deutschland-Rede vom Januar 1989 ähnlich wie Koschnick argumentierte, dass die Möglichkeit aller Deutschen zusammenzukommen „eine weitaus größere Bedeutung“ hätte als die Wiedervereinigung und schließlich die Meinung vertrat, dass „die deutsche Frage geschlossen werden (könnte), wenn das Brandenburger Tor geöffnet wird“, löste er im Saal ein „nicht zu überhörendes  Murren“ aus.[2] Im „Eiswettbuch“ von 2010 wird dieser Standpunkt ausdrücklich als historische Kuriosität vermerkt. Der brandenburgische Ministerpräsidenten Stolpe, der 1992 die Deutschland-Rede hielt, wird darin spöttisch zu jemandem gemacht, den es nach Sommer „so eigentlich gar nicht geben sollte.“[3] Die Eiswette „stets das Ohr am Puls der Zeit“?[4] Der These wird noch nachzugehen sein.

[1] Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) unter Beteiligung der Nato- und der Ostblockstaaten. Schlussakte vom 1. August 1975 in Helsinki, in der 35 Nationen Europas die Anerkennung der Menschenrechte, die Unverletzlichkeit der Grenzen, die Nichteinmischung und die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa vereinbarten. 
[2] Nordsee-Zeitung vom 23.1.1989.
[3] Gutmann, a.a.O., S.56.
[4] Gutmann, a.a.O., S.107

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